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Wieviel verdienen die Polen 2017?

Statistik gegen Wirklichkeit.

Ein Herr geht mit seinem Hund spazieren. Im Durchschnitt haben sie drei Beine. Diese Anekdote passt gut zum Thema „Der statistische Durchschnittslohn in Polen“.

Verglichen mit Deutschland, Groβbritannien, den Benelux- oder den skandinavischen Staaten ist Polen immer noch ein Niedriglohnland. Ein Pole verdient statistisch nur 23 Prozent dessen, was ein Luxemburger in der Lohntüte nach Hause bringt. Aus der Sicht eines Bulgaren jedoch ist ein Pole bereits ein Krösus, denn er verdient mehr als das Zweifache seines bulgarischen Kollegen. Wieviel verdienen also die Polen?

Durchschnittslohn ist Fiktion

Das polnische Statistische Hauptamt (Główny Urząd Statystyczny – GUS) ermittelt am Ende eines jeden Jahres den so genannten statistischen Durchschnittslohn im Unternehmenssektor (SDLiU). Er ist eine wichtige Gröβe. Berechnet werden nach ihm die pauschal zu zahlenden Mindestbeiträge für die Sozialversicherung , die Millionen von Gewerbetreibenden jeden Monat zu entrichten haben. Ende 2016 betrug der Durchschnittslohn, auf den diese Beiträge gezahlt werden müssen, laut dem Statistischen Hauptamt (GUS), 4.163 Zloty (etwa 980 Euro).

Die Sozialversicherungsbeiträge sind: Rente und Berufsunfähigkeit – 19,52 Prozent, der Beitrag zum Krankenfonds – 9 Prozent und der Arbeitslosenversicherungsbeitrag – 2,45 Prozent. Die Prozentsätze für Rente und Berufsunfähigkeit von insgesamt 19,52 Prozent sind seit 1999 unverändert geblieben. Der Beitrag zum Krankenfonds wurde zum letzten Mal 2007 auf die bis heute geltenden 9 Prozent angehoben.

Wer ein Gewerbe betreibt, frei jobbt, mit einem Werkvertrag, Zeitvertrag u. ä. arbeitet, muss sich bei der staatlichen Sozialversicherungsanstalt (Zakład Ubezpieczeń Społecznych – ZUS) registrieren lassen. Er zahlt, egal wieviel er tatsächlich verdient, pauschal die drei Beiträge auf den aktuellen statistischen Durchschnittslohn im Unternehmenssektor (SDLiU), d. h.: 19,52 %  + 9 % + 2,45 % auf, im Augenblick, 4.163 Zloty.

Derzeit zahlen also Gewerbetreibende, Freiberufler usw. von Januar bis Dezember 2017, pro Monat insgesamt 1.289 Zloty (ca. 305 Euro) an Sozialversicherungsbeiträgen. Das ist in Polen viel Geld, auch wenn dadurch der nicht arbeitende Ehepartner und die Kinder mit krankenversichert sind. Weil zahlen muss man immer, auch wenn die Geschäfte schlecht laufen.

Im Jahr 2007, in dem die Prozentsätze, bis jetzt zum letzten Mal, angehoben wurden, zahlten die Betroffenen noch 783 Zloty (ca. 185 Euro). Da aber der SDLiU von Jahr zu Jahr steigt, wuchs die zu zahlende Beitragssumme auf die inzwischen 1.289 Zloty an.

Festangestellte und Beamte zahlen ebenfalls die insgesamt 31 Prozent Sozial- und Krankenfondsbeiträge, bei ihnen wird dabei allerdings der tatsächliche Bruttolohn zugrunde gelegt.

Leider berücksichtigt die staatliche Statistik bei der Berechnung des SDLiU nicht die Löhne in Kleinstfirmen mit bis zu neun Angestellten. Hier findet man viele Arbeitnehmer, die in die Scheinselbständigkeit gedrängt wurden, damit Arbeitgeber keine Sozialabgaben, kein Kranken- und kein Urlaubsgeld für sie zahlen müssen. Auβer Acht gelassen werden auch, alle Arbeitnehmer mit Werk- und Zeitverträgen. Bei der Berechnung des statistischen Durchschnittlohnes im Unternehmenssektor (SDLiU) werden somit, sage und schreibe, Löhne von knapp fünf Millionen arbeitenden Polen nicht miteinbezogen.

Zudem wirft das Statistische Hauptamt GUS Löhne von Generaldirektoren, Managern, Vorständen in einen Topf mit Vergütungen von festangestellten Facharbeitern, Kassiererinnen und Putzfrauen. Ein Managergehalt von 20.000 Zloty (ca. 4.700 Euro) brutto, zehn Kleinangestelltenlöhne von 2.000 (ca. 470 Euro) brutto und zehn weitere Angestelltenlöhne von 2.300 Zloty (ca. 540 Euro) brutto, ergeben einen Durchschnitt von 3.000 Zloty (ca. 700 Euro) brutto. Von den einundzwanzig Personen verdienen also zwanzig auf dem Papier deutlich mehr als in Wirklichkeit, aber immer noch weit weniger als den SDLiU von 4.163 Zloty.

Median und Modus sind besser

Fachleute der Polnischen Statistischen Gesellschaft (Polskie Towarzystwo Satystyczne – PTS) weisen darauf hin, dass der sogenannte Median oder Zentralwert (entspricht der mittleren Zahl aller aufsteigend erfassten Werte – Anm. RdP) besser als der SDLiU die Lohnrealität im Lande wiedergibt. Im Jahr 2016 betrug der Median für alle Löhne in Polen 3.290 Zloty (der statistische Durchschnittslohn im Unternehmenssektor im Vergleich dazu –  4.163 Zloty). D.h. die Hälfte der Polen liegt, betrachtet man den Median, 2017 mit ihrem Lohn irgendwo über den 3.290 Zloty, die andere Hälfte irgendwo darunter.

Noch glaubwürdiger erscheint der PTS jedoch der Modus oder Modalwert. Er zeigt den am häufigsten gezahlten Lohn an. In Polen betrug der Lohnmodus im Jahre 2016 genau 2.470 Zloty brutto (etwa 580 Euro). Daraus ergibt sich für einen festangestellten Arbeitnehmer, nach Abzug von 31 Prozent Sozialabgaben, ein Nettoeinkommen vor Steuern von fast genau 1.700 Zloty (ca. 400 Euro).

Leider berechnet und veröffentlicht das Statistische Hauptamt GUS den Lohnmedian und den Lohnmodus nur alle zwei Jahre. Der SDLiU hingegen wird alle drei Monate neu berechnet, und er ist es, der am Jahresende als Berechnungsgrundlage der Sozialabgaben für Millionen von Selbständigen herangezogen wird. Anhand des SDLiU wird ebenfalls die alljährliche Rentenanpassung ermittelt.

Bei genauerem Hinschauen also bleibt der offizielle SDLiU von knapp 4.200 Zloty (nicht ganz 1.000 Euro) für etwa 70 Prozent aller arbeitenden Polen unerreichbar. Sehr viele Berufstätige, vor allem in der Provinz, erhalten gerademal den gesetzlichen Mindestlohn (GMiLo) von 2.000 Zloty (ca. 470 Euro) brutto, von dem netto vor Steuern, also nach Abzug der 31 Prozent Sozialabgaben, 1.380 Zloty (ca. 325 Euro) übrig bleiben. Das ist dramatisch wenig.

Immerhin hat die Regierung von Frau Szydło ab dem 1. Januar  2017 den gesetzlichen Mindestlohn von bis dato 1.850 Zloty (ca. 435 Euro) auf 2.000 Zloty (ca. 470 Euro) angehoben. Gleichzeitig hat sie zum ersten Mal den gesetzlichen Minimal-Stundenlohn von 13 Zloty (ca. 3,05 Euro) eingeführt. In Deutschland beträgt er mittlerweile 8,84 Euro.

Die Wirkung dieser beiden Maβnahmen wurde dadurch verstärkt, dass die Inflation in Polen aktuell zwischen – 0,2 und 0 Prozent pendelt. D. h. die staatlicherseits vorgenommenen Einkommenssteigerungen laufen  vorläufig nicht Gefahr gleich wieder durch eine hohe Inflationsrate zunichte gemacht zu werden.

Eine sehr  wichtige staatliche Maßnahme zur Erhöhung der Einkommen  war die Einführung des allgemeinen monatlichen Kindergeldes von 500 Zloty (ca. 115 Euro) ab dem zweiten Kind, gezahlt wird bis zum Alter von 18 Jahren. Dadurch hat sich die oftmals geradezu dramatisch schlechte materielle Situation der Familien mit zwei und mehr Kindern im unteren Einkommenssegment  deutlich verbessert.

Mehr dazu in “Frau Szydłos neues Kindergeld”

Das obere Einkommenssegment sieht in Polen folgendermaβen aus: lediglich sechzehntausend Polen verdienen 20.000 Zloty (ca. 4.700 Euro) brutto im Monat. Nur achtundvierzigtausend Polen kommen auf mehr als 13.000 Zloty (ca. 3.060 Euro) brutto. Etwa zweihundertachtzigtausend Arbeitnehmer erhalten in ihrer Lohntüte mehr als 7.000 Zloty (knapp 1.650 Euro) brutto. Zieht man davon jeweils 31 Prozent Sozialabgaben ab, so erhält man wiederum den Nettolohn vor Steuern.

Gini-Faktor und die Realität

Die Lohnunterschiede in Polen sind groβ. Zwischen 2014 und 2016 stieg der Durchschnittslohn eines Fachangestellten um 1.000 Zloty auf 8.500 Zloty brutto (ca. 2.000 Euro) an. Der gesetzliche Mindestlohn wurde in derselben Zeit um 320 Zloty (ca. 76 Euro) angehoben.

Die Zahl der GMiLo-Empfänger (2.000 Zloty brutto, 1.380 Zloty netto vor Steuern) steigt schnell und beträgt, laut GUS, etwa vierhunderttausend Personen. Bei dieser Anzahl bleiben wiederum die Angestellten von Kleinfirmen mit weniger als neun Beschäftigten unberücksichtigt. Rechnet man diese hinzu, dürfte die Zahl der 1380-Zloty-netto-vor-Steuern-MiLO-Empfänger in Polen bei einer Million liegen.

Im Gegensatz dazu sollen sich nach GUS-Angaben die Lohnunterschiede verkleinert haben. Zwischen 2006 und 2016 soll der so genannte Gini-Faktor, mit dem diese Unterschiede gemessen werden, von 33,3 Prozent auf 30,7 Prozent gefallen sein. In Deutschland betrug der Gini-Faktor 29 Prozent, dies bezogen auf Nettolöhne, die im Durchschnitt um 320 Prozent höher lagen als in Polen.

Unter den 34 OECD-Mitgliedsstaaten befindet sich Polen auf Rang 26 was die Höhe der Löhne angeht, auf Rang 23 bei den Lohnungleichheiten, auf Platz 25 in Bezug auf das Risiko von Arbeitslosigkeit.

Groβe Teile der polnischen Gesellschaft, die Arbeit haben, können gleichzeitig nicht ihre elementaren Bedürfnisse befriedigen. Sozialhilfe kommt für sie nicht infrage, denn die bekommt man in Polen nur, sobald das Familieneinkommen unter 510 Zloty (ca. 120 Euro) pro Kopf liegt.

Die Betroffenen, oft junge Menschen, können sich nur das billigste Essen leisten, Second-Hand-Kleidung (in Polen sehr verbreitet) kaufen, die Monatskarte für den Weg zur Arbeit erwerben. Zum Kauf einer neuen Waschmaschine müssen sie bereits einen Kredit aufnehmen.

Ungefähr drei Millionen Polen sind nach 1990 auf der Suche nach Arbeit dauerhaft ausgewandert. Aufgrund dieser Emigrationsbewegung, durch die seit 1990 ständig fallende Geburtenrate und die gute Konjunktur, die seit 2015 anhält, fehlen zunehmend Arbeitskräfte. Die Arbeitslosigkeit lag im Januar 2017 bei 8,2 Prozent. Das ist ein Rekordtief seit 1992.

Daraus ergibt sich ein steigender Druck auf die polnischen Arbeitgeber die Löhne zu erhöhen, um Arbeitskräfte halten zu können oder neue zu bekommen. Sie tun es sehr widerstrebend, daran gewöhnt, dass die Menschen in Polen in der Vergangenheit händeringend Arbeit suchten und nicht umgekehrt. Inzwischen sind nicht nur Fachkräfte (vor allem Fernfahrer, Fachleute im Bauwesen, Programmierer) sondern teilweise auch Aushilfskräfte knapp geworden.

Mehr dazu in  “Auf gutes Geld programmiert” 

2017 also findet ein Lohnanstieg statt, er hält sich aber in Grenzen. Der Grund: Ukrainer, die auf Arbeitssuche nach Polen kommen. Ihre Lohnerwartungen sind deutlich bescheidener. Geschätzt arbeiten bereits bis zu siebenhunderttausend Ukrainer in Polen. Tendenz steigend.

Mehr dazu in “Billigpole wird unterboten”

© RdP

 

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