Wieviel verdienen die Polen 2018?

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Statistik und Wirklichkeit.

Ein Herr geht mit seinem Hund spazieren. Im Durchschnitt haben sie drei Beine. Diese Anekdote passt gut zum Thema „Der statistische Durchschnittslohn in Polen“.

Verglichen mit Deutschland, Groβbritannien, den Benelux- oder den skandinavischen Staaten ist Polen immer noch ein Niedriglohnland. Ein Pole verdient statistisch nur 23 Prozent dessen, was ein Luxemburger in der Lohntüte nach Hause bringt. Aus der Sicht eines Bulgaren jedoch, ist ein Pole schon ein Krösus, denn er verdient mehr als das Zweifache seines bulgarischen Kollegen. Wieviel verdienen also die Polen?

Durchschnittslohn ist Fiktion

Das polnische Statistische Hauptamt (Główny Urząd Statystyczny – GUS) ermittelt am Ende eines jeden Jahres den sogenannten statistischen Durchschnittslohn im Unternehmenssektor (SDLiU). Er ist eine wichtige Gröβe. Anhand des SDLiU werden, die pauschalen Mindestbeiträge für die Sozialversicherung ermittelt (Rente und Berufsunfähigkeit – 19,52 Prozent, der Beitrag zum Krankenfonds – 9 Prozent sowie der Arbeitslosenversicherungsbeitrag – 2,45 Prozent), die Millionen von Gewerbetreibenden jeden Monat zu entrichten haben.

Wer ein Gewerbe betreibt, frei jobbt, mit Werkvertrag, Zeitvertrag u. ä. arbeitet, muss sich bei der staatlichen Sozialversicherungsanstalt (Zakład Ubezpieczeń Społecznych – ZUS) registrieren lassen und zahlt, egal wieviel er wirklich verdient hat, diese drei Beiträge, berechnet nach dem statistischen Durchschnittslohn im Unternehmenssektor (SDLiU). Anfang 2018 betrug dieser Durchschnittslohn, laut dem Statistischen Hauptamt (GUS), 4.272 Zloty (etwa 1.017 Euro).

Dementsprechend zahlen Gewerbetreibende, Freiberufler usw. von Januar bis Dezember 2018 monatlich 1.361 Zloty (ca. 324 Euro) an Sozialversicherungsbeiträgen. Sie müssen zahlen, egal wieviel und ob ihr Gewerbe überhaupt in dem jeweiligen Monat einen Gewinn erbracht hat oder nicht. Für Kleinstläden und kleine Dienstleistungsfirmen (Friseure, Schuster, Änderungsschneidereien u. ä.) ist das eine geradezu mörderische Regelung. Sie zwingt viele dieser Firmen zur Aufgabe oder in die Grauzone. Für sie sind 1.361 Zloty viel Geld, auch wenn dadurch der nicht arbeitende Ehepartner und die Kinder mit krankenversichert sind.

Eine diesbezügliche Reform, die Ministerpräsident Mateusz Morawiecki Mitte April 2018 angekündigt hat, verheiβt den Betroffenen endlich eine Entlastung. Bei monatlichen Einnahmen von bis zu 5.300 Zloty (ca. 1.260 Euro) sollen Kleinstfirmen zukünftig verminderte Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Die Details werden bis Juli 2018 verkündet.

Der Nachteil der geplanten Regelung: wer heute weniger in die Sozialversicherung (Rente und Berufsunfähigkeit) einzahlt, wird zukünftig im Alter und bei Berufsunfähigkeit geringere Versicherungsleistungen erhalten. Sie sind bereits heute, auch bei Vollzahlern nach mindestens 25 und mehr Jahren sozialversicherungspflichtigen Arbeitens, nicht gerade üppig.

Festangestellte und Beamte zahlen die insgesamt knapp 32 Prozent Sozial- und Krankenfondsbeiträge auf ihren tatsächlichen Bruttolohn. In Polen gibt es keine hälftige Teilung der Sozialversicherungsbeiträge zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, wie z. B. in Deutschland. Jeder zahlt voll für sich.

Leider berücksichtigt die staatliche Statistik bei der Berechnung des SDLiU nicht die Löhne in Kleinstfirmen mit bis zu neun Angestellten oder Arbeitern. Unter ihnen befinden sich viele Arbeitnehmer, die in die Scheinselbständigkeit gedrängt wurden, damit Arbeitgeber kein Kranken- und Urlaubsgeld für sie zu zahlen brauchen. Auβer Acht gelassen werden auch alle Arbeitnehmer mit Werk- und Zeitverträgen. Bei der Berechnung des statistischen Durchschnittlohnes im Unternehmenssektor (SDLiU) werden also, sage und schreibe, Löhne von knapp fünf Millionen arbeitenden Polen nicht miteinbezogen.

Zudem wirft das Statistische Hauptamt GUS Löhne von Generaldirektoren, Managern, Vorständen in einen Topf mit Vergütungen von festangestellten Facharbeitern, Kassiererinnen und Putzfrauen. Bei einem Managergehalt von 20.000 Zloty (ca. 4.760 Euro) brutto, zehn Kleinangestelltenlöhnen von 2.100 (ca. 500 Euro) brutto und zehn Kleinangestelltenlöhnen von 2.300 Zloty (ca. 550 Euro) brutto, ergäbe sich z. B.  ein Durchschnitt von 3.050 Zloty (ca. 725 Euro) brutto. Doch von den einundzwanzig Personen verdienen zwanzig deutlich weniger als den errechneten Durchschnitt, ganz zu schweigen vom SDLiU in Höhe von 4.272 Zloty.

Median…

Fachleute der Polnischen Statistischen Gesellschaft (Polskie Towarzystwo Satystyczne – PTS) weisen darauf hin, dass der sogenannte Median oder Zentralwert besser als der SDLiU die Lohnrealität im Lande wiedergibt. Im Jahr 2017 betrug der Median für alle Löhne in Polen 3.510 Zloty (der statistische Durchschnittslohn im Unternehmenssektor – 4.272 Zloty). D.h. die Hälfte der Polen liegt 2018 mit ihrem Lohn irgendwo über den 3.510 Zloty (ca. 835 Euro), die andere Hälfte irgendwo darunter.

… und Modus sind besser

Noch glaubwürdiger ist der Modus oder Modalwert. Er zeigt den am häufigsten gezahlten Lohn an. In Polen betrug der Lohnmodus Anfang 2018 genau 2.570 Zloty brutto (etwa 610 Euro). Das sind (die rund 32 Prozent Sozialversicherungsbeiträge abgezogen) fast genau 1.748 Zloty (ca. 416 Euro) auf die Hand, vor Steuern.

Leider berechnet und veröffentlicht das Statistische Hauptamt GUS den Lohnmedian und den Lohnmodus nur alle zwei Jahre. Der SDLiU dagegen wird alle drei Monate neu ermittelt, und er ist es, der zum Jahresende als Berechnungsgrundlage der Sozialabgaben von Millionen Selbständiger dient. Anhand des SDLiU wird auch die alljährliche Rentenanpassung ermittelt.

Bei genauerem Hinschauen bleibt der offizielle SDLiU von 4.272 Zloty (ungefähr 1.017 Euro) für etwa 70 Prozent aller arbeitenden Polen unerreichbar. Viele, vor allem in der Provinz, bekommen gerademal den gesetzlichen Mindestlohn (GMiLo) von 2.100 Zloty (500 Euro) brutto, von dem netto, also nach Abzug der 32 Prozent Sozialabgaben, 1.430 Zloty (ca. 340 Euro) auf die Hand, vor Steuern bleiben. Das ist dramatisch wenig.

Einkommensteuern und Freibeträge

Die Einkommenssteuersätze betragen in Polen 18 Prozent bei einem Jahreseinkommen bis zu 85.000 Zloty (20.240 Euro). Wer im Jahr mehr verdient hat zahlt 32 Prozent.

Die Steuerfreibeträge: Jahreseinkommen bis 6.600 Zloty (ca. 1.570 Euro) sind steuerfrei. Für Jahreseinkommen zwischen 6.600 Zloty und 85.000 Zloty beträgt der Steuerfreibetrag 3.091 Zloty (ca. 736 Euro). Für Jahreseinkommen über 85.000 Zloty gibt es keinen Steuerfreibetrag.

Eheleute können ihre Einkommensteuer gemeinsam abrechnen, was mit einem Ehepartner ohne oder einem nur geringen Einkommen den zu versteuernden Einkommensbetrag verkleinert oder sogar halbiert. Genauso verhält es sich bei alleinerziehenden Müttern oder Vätern, die ihr Einkommen  zusammen mit ihren Kindern im Alter von bis zu 18 Jahren versteuern können.

Kinderfreibeträge werden von der zu zahlenden Jahreseinkommenssteuer abgezogen. Für das erste und zweite Kind sind dies jeweils 1.122 Zloty (ca. 265 Euro). Für das dritte Kind 2.000 Zloty (ca. 475 Euro). Für das vierte und jedes weitere Kind bis zum 18. Lebensjahr werden 2.700 Zloty (ca. 640 Euro) in Abzug gebracht.

Der gesetzliche Mindestlohn und der gesetzliche Stundenlohn

Immerhin hat die Regierung von Mateusz Morawiecki ab dem 1. Januar 2018 den gesetzlichen Mindestlohn von 2.000 Zloty (ca. 475 Euro) auf 2.100 Zloty (500 Euro) angehoben. Vorher, 2016, hat die Regierung von Recht und Gerechtigkeit zum ersten Mal nach 1989 den gesetzlichen minimalen Stundenlohn von 13 Zloty (ca. 3,09 Euro) eingeführt. Für das Jahr 2018 wurde er auf 13,70 Zloty (ca. 3,26 Euro) angehoben. In Deutschland beträgt er 8,84 Euro.

Die Inflation betrug in Polen Anfang 2018 knapp 1,3 Prozent.

Eine sehr wichtige staatliche Einkommenserhöhungsmaβahme war die Einführung des allgemeinen monatlichen Kindergeldes von 500 Zloty (ca. 119 Euro) für jedes zweite und weitere Kind bis 18 Jahren. Dadurch hat sich die materielle Lage der Familien mit zwei und mehr Kindern im unteren Einkommenssegment, die oft geradezu dramatisch schlecht war, deutlich verbessert.

Mehr dazu in „Frau Szydłos neues Kindergeld“

Das obere Einkommenssegment sieht in Polen 2018 folgendermaβen aus: Nur 0,1 Prozent der Polen verdient 40.000 Zloty und mehr (ca. 9.525 Euro) brutto im Monat. Nur 0,23 Prozent erhalten 30.000 Zloty und mehr (ca. 7.140 Euro) brutto. Etwa 0,7 Prozent der Arbeitnehmer finden in ihrer Lohntüte mehr als 20.000 Zloty (ca. 4.760 Euro) brutto. Zieht man davon jeweils rund 32 Prozent Sozialabgaben ab, erhält man den jeweiligen Nettolohn, vor Steuern.

Gini-Faktor und die Realität

Die Lohnunterschiede in Polen sind groβ. Zwischen 2014 und 2017 stieg der Durchschnittslohn eines Fachangestellten um 1.100 Zloty auf 8.600 Zloty brutto (ca. 2.045 Euro) an. Der gesetzliche Mindestlohn wurde in derselben Zeit um 420 Zloty (ca. 100 Euro) angehoben.

Die Zahl der Empfänger des gesetzlichen Mindestlohns (2.100 Zloty brutto, 1.430 Zloty netto vor Steuern) steigt schnell und beläuft sich, laut dem Statistischen Hauptamt GUS, auf etwa 400.000 Personen, dies wiederum, ohne Berücksichtigung der Angestellten von Kleinfirmen mit weniger als neun Beschäftigten. Rechnet man diese hinzu, dürfte die Zahl der 1.430-Zloty-netto vor Steuern-GMiLO-Empfänger in Polen bei ungefähr einer Million liegen.

Aus den GUS-Daten geht hervor, dass sich die Lohnunterschiede verkleinern. Zwischen 2006 und 2016 soll der sogenannte Gini-Faktor, mit dem diese Unterschiede gemessen werden, von 33,3 Prozent auf 30,0 Prozent gefallen sein. In Deutschland betrug der Gini-Faktor 29 Prozent, bei Nettolöhnen, die im Durchschnitt um 320 Prozent höher lagen als in Polen.

Unter den 34 OECD-Mitgliedsstaaten befindet sich Polen auf Rang 26, was die Höhe der Löhne angeht, auf Rang 23 in Bezug auf Lohnungleichheiten, sowie auf Platz 25, was das Risiko der Arbeitslosigkeit betrifft.

Groβe Teile der polnischen Gesellschaft, die Arbeit haben, können gleichzeitig jedoch nicht oder nur sehr mühsam ihre elementaren Bedürfnisse befriedigen. Diese Gruppe von oft jungen Menschen, kann sich nur das billigste Essen leisten, Second-Hand-Kleidung (in Polen sehr verbreitet) kaufen, die Monatskarte, um zur Arbeit zu kommen, erwerben. Zum Kauf einer neuen Waschmaschine, müssen sie bereits einen Kredit aufnehmen. Sozialhilfe steht ihnen nicht zu, denn die bekommt in Polen nur, wenn das Pro-Kopf-Einkommen in einer Familie unter 510 Zloty (ca. 120 Euro) liegt.

Ungefähr 3 Millionen Polen sind seit 1990 auf der Suche nach Arbeit dauerhaft ausgewandert. Durch die Emigration, durch die seit 1990 ständig fallende Geburtenrate und die gute Konjunktur, die seit 2015 anhält, fehlen zunehmend Arbeitskräfte. Die Arbeitslosigkeit lag im Januar 2018 bei knapp 7 Prozent. Das ist ein Rekordtief seit 1992.

Daraus ergibt sich ein steigender Druck auf die polnischen Arbeitgeber die Löhne zu erhöhen, um Arbeitskräfte halten zu können oder neue zu werben. Sie tun es sehr widerstrebend, daran gewöhnt, dass die Menschen in Polen händeringend Arbeit suchten und nicht umgekehrt. Inzwischen sind nicht nur Fachkräfte (vor allem Fernfahrer, Fachleute im Bauwesen, Programmierer), sondern teilweise auch Aushilfskräfte knapp geworden.

Mehr dazu in  „Auf gutes Geld programmiert“ 

2018 findet also ein Lohnanstieg statt, der sich aber in Grenzen hält. Der Grund: Ukrainer, die auf Arbeitssuche nach Polen kommen. Ihre Lohnerwartungen sind deutlich bescheidener. Geschätzt arbeiten bereits bis zu einer Million Ukrainer in Polen. Tendenz steigend.

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