Leistungsstark, sicher, umstritten. Abrams-Panzer für Polen

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Werden die US-Riesen die Sicherheit des Landes ausreichend stärken?

 In der Wüste hat er sich bewährt. Wird er sich in Ostpolen bewähren? Der Abrams übertrifft, zumindest auf dem Papier, die russischen Panzer um Längen.

Die erste Lieferung von 28 Geräten soll noch in diesem Jahr in Polen eintreffen. Es werden Schulungspanzer sein. Anschließend sollen nach und nach 220 vollwertige Kampfpanzer geliefert werden. Der Auftrag im Wert von über 23 Milliarden Zloty (gut 5 Milliarden Euro) soll bis 2026 abgeschlossen sein. Danach wird die polnische Armee mit einem der modernsten Panzer ausgestattet sein, die es heute gibt. Das heißt aber nicht, dass der Abrams nur Vorzüge hat.

Der Name des Panzers erinnert an General Creighton Abrams, der im Zweiten Weltkrieg ein Panzerbataillon und gut zwanzig Jahre später das gesamte amerikanische Truppenkontingent in Vietnam befehligte. Das Fahrzeug wurde von der Firma Chrysler Defense entwickelt, die später von General Dynamics übernommen und in General Dynamics Land Systems umbenannt wurde. Die Konstruktion entstand bereits in den 1970er-Jahren, die Serienproduktion begann 1980. Anfangs war die Leistung des Panzers seinen europäischen Konkurrenten unterlegen, doch später wurde das Kampffahrzeug wiederholt verbessert. Insgesamt gibt es inzwischen mehr als ein Dutzend Abrams-Versionen. Über zehntausend Stück wurden produziert.

Außer in den Vereinigten Staaten werden sie von den Armeen Marokkos, Kuwaits, Iraks, Ägyptens, Australiens, Saudi-Arabiens und bald auch Taiwans eingesetzt. Die Amerikaner nutzen sie in Europa, u. a. auch in ihrem Stützpunkt in Powidz, ungefähr einhundert Kilometer östlich von Poznań/Posen. Polen wird das neueste Modell, die M1A2 SEP v3, erhalten, das 2020 in Dienst gestellt wurde.

Schwer zu knacken

Ende der 1980er-Jahre war unklar, ob der Abrams auf dem modernen Schlachtfeld noch etwas ausrichten kann. Dann hat er sich jedoch während der Befreiung Kuwaits zwischen Januar und März 1991 (Operation Wüstensturm) sehr gut bewährt und war dem T-72 aus der Sowjetzeit, der von den Irakern eingesetzt wurde, haushoch überlegen. Die geringen Verluste gaben Anlass zu Optimismus. Nach Angaben des Rüstungs-Fachportals Defence24 wurden von den 1.800 M1, die damals in den Kampf fuhren, nur 23 zerstört oder schwer beschädigt, zwei davon von den eigenen Besatzungen, um zu verhindern, dass die Fahrzeuge in feindliche Hände fallen.

Im Dritten Golfkrieg, gegen Saddam Hussein, im Frühjahr 2003 erwies sich der Abrams erneut als schwer zerstörbar. Bis 2005 waren 1.100 dieser Panzer im Irak im Einsatz. Siebenhundert von ihnen wurden getroffen, aber im Allgemeinen entstanden minimale Schäden. Nur achtzig mussten in den Vereinigten Staaten überholt werden.

Nach dem Krieg rüsteten die Amerikaner die neue irakische Armee mit Abrams-Panzern aus. Bei den Kämpfen gegen den Islamischen Staat verloren die Iraker über fünfzehn von ihnen. Etliche weitere wurden von den Dschihadisten erbeutet und dann gegen die irakische Armee eingesetzt. Nun waren es die Amerikaner, die mit der Jagd auf den Abrams aus der Luft begannen und viele zerstörten.

Nach 2015 kam er im Krieg im Jemen durch die saudi-arabische Armee zum Einsatz. Hier wurden durch die Huthi-Rebellen mindestens dreiundzwanzig Panzer außer Gefecht gesetzt. Nach offiziellen Angaben wurden in all den erwähnten Konflikten nur fünfzig bis sechzig Abrams vollständig zerstört. In Wirklichkeit waren die Verluste höher, denn einige Maschinen, die lediglich als beschädigt eingestuft wurden, mussten fast von Grund auf neu gebaut werden. Ausgerechnet russische Granatwerfer, darunter die uralte Kornet und der noch ältere RPG-29, können den amerikanischen Panzern etwas anhaben.

Auf den ersten Blick

Dennoch ist der Abrams auf den ersten Blick ein sehr guter, wenn nicht der beste Panzer der Welt. Sehr wenige Schwachstellen, ein allgemein gelungenes Konstruktionssystem mit isolierten Magazinen zur sicheren Aufbewahrung der Munition, dicke Kammern der Spezialpanzerung und in der Version M1A2 SEP v.3, die Polen erwerben will, auch die modernsten Lösungen im Bereich der zur Panzerung verwendeten Materialien (NGAP-Verbundpanzerung), ein verbessertes Feuerleitsystem (SKO) und ein Hilfsenergiesystem. Diese und andere Vorteile ließen sich lange aufzählen.

Verteidigungsminister Mariusz Błaszczak und der stellv. Ministerpräsident Jarosław Kaczyński bei der Verkündung der Entscheidung, Abrams-Panzer für die polnische Armee zu kaufen, in der 1. Warschauer Panzerbrigade in Wesoła bei Warschau am 14. Juli 2021.

In der Kabine ist Platz für vier Soldaten. Die Hauptbewaffnung ist eine 120-mm-Kanone aus deutscher Produktion. Sie kann u. a. mit Panzerabwehrraketen aus abgereichertem Uran und Munition für den Abschuss von Tieffliegern bestückt werden. Kleinere Ziele werden mit Kanonen des Kalibers 12,7 mm oder 7,62 mm und einer ferngesteuerten Kanone, die zum TUSK-Set für den Stadtkampf gehört, beschossen.

Vorerst wird der polnische Abrams nicht mit einem aktiven Schutzsystem ausgestattet, aber die Armeeführung erwägt die Anschaffung. Hier könnten das israelische Trophy oder das amerikanische MAPS-System zum Einsatz kommen. Das Gefechtsführungssystem, die sogenannte Joint Battle Command Platform, gilt als sehr modern, und die Kommunikation der Abrams soll mit dem polnischen System Jaśmin synchronisiert werden. Wie General Maciej Jabłoński, Inspekteur der Bodentruppen im Generalkommando der Streitkräfte, in einem Interview mit der Monatszeitschrift „Polska Zbrojna“ („Bewaffnetes Polen“) betonte, schätzt die NATO das Potenzial des Abrams im Vergleich mit dem in Russland beliebten T-80, der sich heute in der Ukraine im Einsatz befindet, als doppelt so hoch ein.

Ein Nichtschwimmer

Einer der größten Nachteile des Abrams ist sein Gewicht von mehr als 60, bei einigen Modellen sogar bis zu 70 Tonnen. Das ist der Preis einer soliden Panzerung. Zum Vergleich: Russische Panzer wiegen nicht mehr als 45 Tonnen.

Leopard-Panzer der polnischen Armee.

In der Wüste kann ein Panzer schwer sein. In dem von Flüssen durchzogenen Mitteleuropa ist das anders. Viele polnische Brücken halten nicht einmal dem Gewicht des Leopard stand, der ohnehin etwas leichter ist als der Abrams. Außerdem kann der deutsche Panzer, ebenso wie die russischen, über den Grund eines Flusses fahren. Der amerikanische Konkurrent benötigt schon eine spezielle Ausrüstung, um bis auf die Höhe der Einstiegsluken abtauchen zu können.

Daher würde er bei Einsätzen im Nordosten Polens, dem Ausgangspunkt eines möglichen Konflikts mit Russland und Weißrussland, nicht von Nutzen sein. Das russische Gerät würde es ebenfalls in den Unwägbarkeiten Masurens und der Suwałki-Seenplatte nicht leicht haben, aber auf die Abrams würde es wahrscheinlich erst im Vorfeld von Warschau stoßen.

Ein weiterer Nachteil des M1 ist der Kraftstoffverbrauch. Er kann mit Diesel, Flugbenzin JP-8 oder niederoktanigem Benzin angetrieben werden. Für 10 Kilometer benötigt er fast 150 Liter Öl. Der Leopard braucht nur 70 Liter, der polnische PT-91 50 Liter. Der Abrams kann mit einer Betankung 420 Kilometer weit fahren, in schwierigem Gelände sogar nur 150 Kilometer. Die Motorleistung unterscheidet sich nicht von den Möglichkeiten der modernen Konkurrenz. Er hat 1.500 PS und erreicht damit eine Geschwindigkeit von 70 km/h in leichtem Gelände und weniger als 50 km/h in ungünstigerem Terrain. Ein Vorteil ist seine gute Beschleunigung.

Die Art und Weise, wie die Munition in die Bordkanone geladen wird, hat Vor- und Nachteile. Während viele Hersteller den Vorgang automatisiert haben, setzen die Amerikaner bis heute auf die manuelle Beladung. Die Feuerrate des Panzers beträgt maximal zwölf Schuss pro Minute, realistisch sind etwa neun.

Die Russen verwenden einen Mechanismus, bei dem die Granaten im Turm wie die Speichen eines Rades angeordnet sind. Die Besatzungen zahlen jedoch einen hohen Preis für diesen Komfort. Wird der Turm getroffen, explodieren die Geschosse, töten alle und zerstören den Panzer vollständig. Beim Leopard befindet sich die Geschützmunition teilweise in abgeschotteten Magazinen, beim Abrams vollständig. Nur die Besatzungen der Abrams haben dadurch gute Chancen, den Treffer in den Munitionsvorrat zu überleben.

Eile ist ratsam

Wie bei der Bundeswehr zu Zeiten des Kalten Krieges soll in Polen eine bewegliche und kampfstarke Vorwärtsverteidigung durch Panzer eine russische Attacke bereits in Grenznähe abfangen. Das jenseits der Grenze liegende Weißrussland ist hierbei in der polnischen Wahrnehmung ausschließlich das perfekte Einfallstor für den Gegner.

Bei der Wahl eines Panzers für die Armee musste Polen jahrelange Vernachlässigungen ausgleichen. Zu Beginn des Jahrhunderts verfügten die polnischen Streitkräfte über 1.500 Panzer, doch ein großer Teil davon waren sowjetische T-55, die an die Zeit von Chruschtschow erinnerten und entsorgt werden mussten. Später wurden deutsche Leopard gekauft, aber ansonsten passierte nicht viel. Heute verfügt die Armee über 250 Panzer aus Deutschland, die recht gut sind, aber modernisiert werden müssen, was nur sehr langsam geschieht. Darüber hinaus gab es bis vor Kurzem etwas weniger als dreihundert T-72, die allesamt der Ukraine übergeben wurden. Außerdem gibt es 230 Stück der in Polen modifizierten Version des T-72, die als PT-91 Twardy bekannt ist.

Der PT-91 Twardy, eine in Polen modifizierte Version des sowjetischen T-72.

Panzer ähnlicher Kategorie wie der des Abrams, die heute weltweit produziert werden, sind der koreanische K2, die neueste Version des Leopard, der britische Challenger 3 und der russische T14 Armata (letzterer wird noch nicht in Serie produziert). Neben dem Kauf neuer Maschinen wurde auch erwogen, die polnischen Geräte durch einheimische Ingenieure modernisieren zu lassen oder sogar eine eigene Konstruktion zu entwickeln.

Kritiker der Entscheidung, Abrams zu kaufen, weisen darauf hin, dass die polnische Rüstungsindustrie nichts von diesem Kauf haben wird, außer vielleicht der Möglichkeit, eigene Munition zu entwickeln. Polen erhält von den Amerikanern fertige Fahrzeuge und die Amerikaner werden diese auch warten.

Die Pläne für den Bau eines polnischen Panzers kann man getrost vergessen, denn wenn erst einmal 23 Milliarden Zloty für den amerikanischen Panzer ausgegeben sind, wird es schwierig sein, weiteres Geld für einen ähnlichen Zweck zu beschaffen. Die Entscheidung über den Kauf wurde durch die Situation hinter der polnischen Ostgrenze beschleunigt. Ein eigenes polnisches Programm würde sich über Jahre erstrecken. Derweil können Panzer schon bald benötigt werden.

@ RdP