Kirchgänger gezählt

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Zwei Meinungen zum Katholischsein der Polen.

In den letzten zehn Jahren ging die Zahl regelmäβiger Teilnehmer an Sonntagsmessen unter den polnischen Katholiken um 2 Mio. zurück. Das geht aus den veröffentlichten Erhebungen des Statistischen Instituts der Katholischen Kirche (Instytut Statystyki Kościoła Katolickiego – ISKK) hervor. Das Institut ermittelt jedes Jahr die Zahl der Sonntagsmesse-Besucher (dominicantes) und derer die zur Kommunion gehen (communicantes).

Während 1980 bis zu 51% der Gläubigen jeden Sonntag zur Messe erschienen sind, waren es 2003 noch 46% und 2013 noch 39,1%. Dennoch belegt Polen in dieser Hinsicht weiterhin, zusammen mit Malta, den ersten Platz in Europa. Zum Vergleich: in Deutschland liegt die Anzahl bei 7%, in Spanien bei 12%, in Irland, Portugal und Italien drehen sich die Zahlen jeweils um die 20%.

– Zum ersten Mal seit dreiβig Jahren ist die Zahl der dominicantes unter die 40-Prozent-Marke gefallen – sagt ISKK-Direktor, Pfarrer Wojciech Sadłoń. – Diesen langsamen aber steten Rückgang beobachten wir seit den 90er Jahren.

– Wir haben es in Polen mit einer sehr langsamen Säkularisierung zu tun – so Bischof Wiesław Śmigiel, Mitglied des Seelsorge-Ausschusses der Polnischen Bischofskonferenz. – Wir spielen diese Erscheinung nicht herunter, wir suchen nach Wegen, Menschen, die sich von der Kirche entfernt haben, zu erreichen.
Die Zählung wird seit 1984 einmal im Jahr durchgeführt, meistens im Herbst. 2014 fand sie am 19. Oktober statt. – Es soll ein gewöhnlicher Sonntag sein, keiner der kirchlichen Feiertage, an denen gewöhnlich viel mehr Menschen in die Kirchen strömen – erläutert Pfarrer Sadłoń. – Unsere Untersuchung fuβt auf den Angaben der Gemeindepfarrer, die am besten wissen, wie viele Menschen in der Gemeinde wohnen, und wie viele in die Kirche kommen müssten.

Wer am Ende der Messe die Kirche verlieβ, wurde am Ausgang mit einem Klick erfasst.
Wer am Ende der Messe die Kirche verlieβ, wurde am Ausgang mit einem Klick erfasst.

Seit vielen Jahren geht aus den Zählungen hervor, dass der Süden Polens deutlich frommer ist als der Rest des Landes. Auch 2013 gab es die meisten Sonntagmesse-Besucher in den Diözesen Tarnów (64,4%), Przemyśl (51,3%) und Bielsko-Żywiec (49,3%). Etwas über dem Durchschnitt lag Ostpolen mit den Diözesen Siedlce (46,2%), Drohiczyn (45,2%), Zamość-Lubaczów (45%) und Białystok (44,2%). Am anderen Ende der Skala lagen die Diözesen im Westen und Nordwesten des Landes: Szczecin-Kamieniec (23,4%), Koszalin-Kołobrzeg (25%), Zielona Góra-Gorzów Wielkopolski (28,3%).

Knapp 80% der sonntäglichen Kirchgänger kommen immer noch am Vormittag, doch langsam wächst die Zahl derer, die die Gottesdienste ab 14.30 Uhr besuchen. Vor zehn Jahren waren es 13,5%, jetzt sind es 15%. Für gewöhnlich werden in den groβstädtischen Gemeinden Polens an Sonntagen bis zu zehn, an Arbeitstagen fünf Messen zelebriert. In kleineren Orten entsprechend weniger.

– Diejenigen, die nicht mehr zur Sonntagsmesse gehen, identifizieren sich meistens weiterhin mit der Kirche. Sie behaupten, sie seien gläubig, aber es ist kein tiefgehender Glaube. Sie erliegen den Verlockungen des sonntäglichen Einkaufens*), treffen sich mit Bekannten, verrichten Hausarbeiten, oder widmen sich auch am Sonntag ihrem Beruf – sagt Pfarrer Sadłoń. Bischof Śmigiel weist auf eine positive Tatsache hin. Die Zahl der communicantes, derer also, die zur Kommunion gehen, bleibt konstant auf dem hohen Niveau: 16,5%.

Anmerkungen RdP

* In Polen gibt es keine Ladenschlusszeiten. Der Handel öffnet und schlieβt nach Belieben. Alle groβen Lebensmitteldiscounter, Baumärkte, Ladengalerien und viele kleinere Geschäfte arbeiten an Sonntagen nicht anders als an Werktagen. Es bedurfte einer groβen öffentlichen Kampagne der Gewerkschaften und der Kirche vor einigen Jahren, bis es gelang, den Angestellten im Handel wenigstens an gesetzlichen Feiertagen (1. und 2. Weihnachtsfeiertag, Neujahr, Hl. Drei Könige, Ostersonntag- und Montag, 1. Mai, Mariä Himmelfahrt am 15. August, Allerheiligen am 1. November und an den beiden Nationalfeiertagen am 3. Mai und 11. November) arbeitsfrei zu geben. An diesen Tagen dürfen nur Ladenbesitzer- und Betreiber hinter der Theke stehen, die Angestellten haben frei. © RdP

Die Kirche ist ausgelaugt

Die der Kirche abgeneigte „Gazeta Wyborcza“ („Wahlzeitung“) widmete der Erhebung zur Teilnahme an der Sonntagsmesse ein Interview mit dem Soziologen Dr. Maciej Gdula von der linksradikalen Monatszeitschrift „Krytyka Polityczna“. Seine eindeutige Diagnose (die Kirche „versteinert“, „kümmert sich nicht um die Gläubigen“, „macht Geschäfte mit Politikern“, entweder „keine Religiosität“ junger Menschen oder das „Benutzen des Glaubens“ zum „Verbannen Homosexueller aus der nationalen Gemeinschaft“ durch junge Politiker) spiegelt die Sichtweise, teilweise aber auch das Wunschdenken dieser politischen Richtung wieder. Nachstehend die wichtigsten Thesen:

Maciej Gdula
Maciej Gdula

● „Untersuchungen der Religiosität der Polen und der Wertvorstelllungen, denen sie sich verpflichtet fühlen, ergeben einen Rückgang der Bedeutung des Glaubens an Gott und der Religiosität. An diese Stelle treten Kontakte mit Freunden und die Arbeit. Das wiederum, wird überlagert von einem Lebensstil, der auf Annehmlichkeiten und Selbstverwirklichung abzielt. So gesehen kann es auch sein, dass sich die Religiosität privatisiert. Die Menschen hören vielleicht gar nicht auf an Gott zu glauben, aber sie wählen ihren eigenen Stil des Glaubens und deswegen wollen sie an den organisierten Praktiken, wie wir sie heute haben, nicht teilnehmen.“

● „Die Kirche ist keine anregende Einrichtung mehr. Sie versteinert ein wenig. Ihr Angebot trifft nicht den Geschmack der Vertreter des Mittelstandes. In den letzten 25 Jahren verlor die Kirche viel von der Aura des Geheimnisvollen, eines seelischen Abenteuers. Sie wurde zu einer Kirche feierlicher Rituale und dogmatischer Lehre. Sie verwandelte sich von einem Ort der ziemlich offen war für verschiedene Stimmen zu einer Einrichtung, die sich um die Anliegen der Gläubigen nicht kümmert.“

● „Früher war die Kirche eine wichtige Institution der pluralistischen Gesellschaft. Auch heute ist sie politisch, aber in dem Sinne, dass sie politische Interessen hat und diese Interessen mit Politikern austauscht, aber sie ist kein Raum mehr, wo Debatten stattfinden. Dass in den letzten zwanzig Jahren viele, gegenüber allen Seiten offene Priester gegangen sind, wie Stanisław Obirek oder Tomasz Polak, ist ein Beleg für diese Erscheinung. Die Kirche ist ausgelaugt und die Leute sehen das.“

● „Die Therapie ist an die Stelle der Beichte getreten. Sie verbreitet sich in zunehmendem Maße. Bei der Beichte geht es darum die Sünden zu gestehen, aber auch zu büβen. An dieser Stelle kommt es zu einer Bewertung. Die Gläubigen wollen das nicht. Eine Therapie hingegen beurteilt nicht, sie will helfen, sie will Leid lindern. Das entspricht den heutigen Bedürfnissen mehr.“

● „Die erste Generation, die (seit 1989 – Anm. RdP) Religion in der Schule hatte, ist herangewachsen. Ich habe Kontakt mit Studenten, und zu meiner Verwunderung, hat der Religionsunterricht nicht zu einer erhöhten Religiosität, der Kenntnis religiöser Problemstellungen geführt. Die Kirche hat hier eine Niederlage erlitten. Andererseits haben wir nicht wenige junge Politiker, die den Glauben dazu benutzen, um die „Homosexuellen“, die „Verräter“, die „Befürworter der Zivilisation des Todes“ aus der nationalen Gemeinschaft auszuschlieβen. Dazu benötigt man kein Wissen über das Christentum. Dazu braucht man aber die Zustimmung der kirchlichen Hierarchie“.

● „Polnische Arbeitsemigranten suchen im Ausland die Nähe der Kirche, weil diese für sie ein Zentrum des Polnischseins bildet. Sie arbeiten die ganze Woche lang hart, und am Wochenende gehen sie in die Kirche zur polnischen Messe, schicken ihre Kinder zu den von Priestern organisierten polnischen Sonntagsschulen. Generell jedoch geht aus Untersuchungen hervor, dass es in Polen eine Wende hin zur europäischen Identität gibt. Und Europa assoziieren die Polen eher mit weltlichen Werten: den Standards zur Achtung der Gesetzte der Minderheiten, der Geschlechtergleichheit. Das kann durchaus mit der geringeren Teilnahme am religiösen Leben zu tun haben, aber es gibt hier keine direkte Abhängigkeit.“
RdP

Halbschwangere Christen

Auf der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums positioniert sich einer der führenden katholischen Publizisten des Landes, Tomasz P. Terlikowski. Seine Sichtweise der Dinge, legte er in der „Rzeczpospolita“ („Die Republik“) dar.

Tomasz Terlikowski
Tomasz Terlikowski

Den Jubelruf, schreibt Terlikowski, der aus den Kehlen weltlicher Kommentatoren drang, nach dem die Kirche zugegeben hat, dass die Zahl regelmäβig praktizierender Katholiken zurückgeht, konnte man wahrscheinlich noch in Tibet hören. Sofort traten Fachleute auf den Plan, die versicherten, dass die gesunden, reichen und glücklichen EU-Polen keinen Gott mehr brauchen. (…)

Nichts Neues

Dabei sind die Ergebnisse der Untersuchung, seiner Meinung nach, keineswegs überraschend. Die Jahre atheistischer und laizistischer Propaganda haben das ihre getan, und die nichtgläubigen Protest-Kirchgänger, von denen wir so viele in der kommunistischen Zeit hatten, sind endlich zu der Überzeugung gekommen, dass die Teilnahme an der Messe, wenn man weder an die Wiederauferstehung Jesu Christi noch an den Heiligen Geist glaubt, schlicht und einfach hirnrissig ist. Genauso gut, ja sogar viel besser, kann man diese Zeit beim Einkaufen oder beim Training verbringen.

Terlikowski erinnert in diesem Kontext an Untersuchungen aus dem Jahr 2013, aus denen hervorging, dass an die Auferstehung Christi lediglich 47% der Polen glauben, an den Heiligen Geist als dritte Person der göttlichen Trinität 40%, an die Unsterblichkeit der Seele 39%, an die unbefleckte Empfängnis 38%. Diese Untersuchung belegt, dass in etwa 39 bis 40% der Polen Katholiken sind. Der Rest bekennt sich zu einer eigenen Religion, die mit dem Christentum (und ganz sicher mit dem Katholizismus) wenig gemein hat. „Das bitte ist keinesfalls die Meinung eines religiösen Fanatikers, sondern eine schlichte Tatsachenfeststellung“, schreibt der Autor.

Nichtgläubige Katholiken, gläubige Atheisten

„Stellen wir uns einen Atheisten vor, der versichert, dass er an Gott glaubt. Was würden wir über ihn sagen? Die Antwort ist einfach: wir würden sagen, er sei kein Atheist. Genauso ist es mit „Katholiken“, die weder an die Auferstehung noch an die unbefleckte Empfängnis glauben. Sie sind wie die Atheisten die an Gott glauben oder wie diejenigen, die sich zum alkoholfreien Wodka bekennen (das Christentum ohne Wiederauferstehung macht genauso viel Sinn wie der alkoholfreie Wodka).

Diese Menschen, egal wie sie sich selbst bezeichnen, sind keine wirklichen Katholiken und es ist gut so, dass sich das in der Teilnahme an den Heiligen Messen widerzuspiegeln beginnt. Dank dessen, beginnen die Gläubigen zu verstehen, dass man den Wunschtraum von einem Land, dass das Evangelium von Jesus Christus nach auβen trägt und selbst keine Evangelisation braucht, ins Reich der Märchen gehört.

Die Kirche muss sich dessen dringend bewusst werden und Schlüsse daraus ziehen. Diese Schlüsse indes sind offensichtlich: man muss das ganze Evangelium verkünden, ohne es zu „verdünnen“ oder an den jeweiligen Bedarf „anzupassen“. Man kann nämlich nicht teilweise Katholik sein, genauso wie man schlecht halbwegs schwanger sein kann“, beschlieβt Terlikowski seinen Text.

RdP