Herausragendes in Übergrösse

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Am 20. April 2017 starb Magdalena Abakanowicz.

Der Mensch, der Gefahr läuft in der Masse unterzugehen. Mit diesem Thema beschäftigte sich Polens bedeutendste Bildhauerin stets aufs Neue. Ihre Figuren sind kopflose Körper, die oftmals als große Ansammlung, stehend, schreitend, tanzend den Raum oder die Landschaft besetzen. Zu finden sind sie, ob in Gruppen oder einzeln, in zahlreichen internationalen Museen und Sammlungen.

Diese oft überlebensgroβen Gestalten sind gemacht aus Materialien mit Ewigkeitswert: Bronze, Stahl, Aluminium. Mit weniger gab sich diese Frau in der letzten Phase ihres Schaffens nicht ab.

Ihre Eigenwilligkeit war berüchtigt. Weil in ihrer adeligen Familie nur die Jungen gefördert wurden, hatte die kleine Magdalena sich nichts sehnlicher vom Nikolaus gewünscht, als in einen Jungen verwandelt zu werden. Nun, sie hat es dann auch als Frau ohne Verwandlung geschafft. Wenn auch zunächst mit als „weiblich“ geltenden Materialien und Techniken. Die „männliche“ Vermessenheit kam erst später hinzu.

Tataren als Vorfahren

Magdalena Abakanowicz wurde 1930 in Falenty, einem Vorort von Warschau geboren, der inzwischen längst zum Stadtgebiet gehört. Inmitten von Wäldern und Äckern, wuchs sie in einem Gutshaus auf, das vollgestopft war mit Familienandenken. Darunter befanden sich Briefe zahlreicher polnischer Könige, in denen die Herrscher im Verlauf der Jahrhunderte Magdalenas Vorfahren mütterlicher- wie väterlicherseits für deren Verdienste um die polnische Adelsrepublik rühmten.

Vorfahre Abaqa (auf dem Schimmel), Darstellung aus dem 14. Jh.
Vorfahre Abaga (auf dem Schimmel), Darstellung aus dem 14. Jh.

Magdalenas Vater, Konstanty Abakanowicz verbrachte seine Jugend auf dem Familiengut weit im Osten Polens, den sich Russland nach den drei polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert angeeignet hatte. Der Name Abakanowicz leitet sich direkt ab vom mongolischen Klanchef und Krieger Abaka Khan, einem Urenkel Dschingis Khans, der im 13. Jahrhundert Raubzüge nach Mitteleuropa unternahm. Irgendwann traten die Abaka Khans in die Dienste polnischer Könige, polonisierten ihren Namen zu Abakanowicz, wurden sesshaft und in den Adelsstand erhoben. Sie brachten Generationen hervorragender Militärs hervor. Erst dienten sie den polnischen Königen, später den russischen Zaren.

Nach der Revolution von 1917 rotteten die Bolschewisten während ihrer Mord- und Raubzüge auch die Familie Abakanowicz beinahe aus, das Familiengut im heutigen Osten Weiβrusslands brannten sie nieder. Konstanty Abakanowicz war während des Ersten Weltkriegs Offizier der Zarenarmee. Er floh in das gerade nach 123 Jahren der Teilungen im Jahr 1918 wiederentstandene Polen und heiratete dort die vermögende Aristokratin Helena Domaszewska. Das Paar lieβ sich auf dem Gut Falenty nieder.

Zu Hause herrschten strenge Regeln und Umgangsformen. So musste Magdalena dem Vater bei jeder Begrüβung die Hand küssen. Auch machten die Eltern kein Hehl daraus, dass sie sich eigentlich einen Sohn gewünscht hätten. Magdalena blieb ein Einzelkind. Ihre schwachen Schulleistungen wurden zu Hause hingenommen. Sie durfte in der Natur herumtollen, schuf sich ihre eigene Welt, sammelte Steine, baute Hütten, fing Schmetterlinge. Der Vater brachte ihr immerhin das Jagen bei. All das prägte sie, vor allem ihre innere Unabhängigkeit, eng gepaart mit einem enormen Durchsetzungsvermögen.

Kindheit im Krieg

Magdalena war neun als am 1. September Deutschland und am 17. September 1939 die Sowjets Polen überfielen. Das Leben auf Gut Falenty wurde immer schwieriger: deutsche Besatzungsbehörden belegten es, wie alle anderen polnischen Güter, mit hohen Zwangsabgaben in Naturalien. Beschlagnahmungen und Durchsuchungen waren an der Tagesordnung. Die kriegsbedingte Kriminalität machte sich zunehmend durch Diebstähle und Überfälle bemerkbar. Eines Nachts wurde der Mutter bei einem weiteren Raubüberfall der rechte Arm abgeschossen. Der Anblick inspirierte Magdalena Jahrzehnte später zu ihrem ergreifenden Skulpturenzyklus „Anatomie“.

Ende Juli 1944 flüchtete die Familie vor der herannahenden Front nach Warschau. Die Hoffnung dort Sicherheit zu finden schwand völlig, als am 1. August 1944 der Aufstand gegen die Deutschen ausbrach. Die der Londoner Exilregierung unterstehende Heimatarmee (AK) hoffte die Hauptstadt innerhalb weniger Tage zu befreien, anschlieβend die Sowjets als Hausherrin im Namen der polnischen Regierung begrüβen zu können und so die Verwandlung Polens in eine Sowjet-Kolonie zu verhindern.

Die Rechnung ging nicht auf. Der Aufstand dauerte 63 Tage, die Intensität der Straβenkämpfe stand der von Stalingrad in nichts nach. Am Ende lag die Stadt zu achtzig Prozent in Trümmern, etwa 250.000 Einwohner verloren ihr Leben. Die 14-jährige Magdalena half so gut es ging in Kellerkrankenhäusern ohne Licht, Betäubungsmittel, Medikamente, und erlebte dort Grauenhaftes. Die schrecklichen Anblicke der leidenden, entstellten, oft von schwersten Verbrennungen gekennzeichneten Menschen haben sich in ihrem Schaffen immer wieder niedergeschlagen.

Am 3. Oktober 1944 kapitulierten die Aufständischen vor den Deutschen. In langen Kolonnen wurde die übrig gebliebenene Zivilbevölkerung aus der Stadt getrieben, unter ihnen waren auch Magdalena und ihre Eltern . Kurz danach begann die gut drei Monate dauernde planmäβige Zerstörung des menschenleeren Warschau. Die Sowjets standen am anderen Weichselufer und sahen zu, bis sie am 17. Januar 1945 endlich über den Fluss setzten und das Ruinenmeer „befreiten“.

Erleuchtung beim Schulausflug

Mit der Roten Armee kam der Kommunismus nach Polen. Die Abakanowiczs wurden im Zuge der Landreform enteignet. Ihr Gutshaus stand nicht mehr. Sie zogen nach Tczew/Dirschau, eine Kleinstadt unweit von Gdańsk/Danzig. Vater Konstanty konnte eine Zeit lang als Berater im Landamt für die in Nordpolen geschaffenen landwirtschaftlichen Staatsgüter arbeiten. Doch schnell wurde er als „Klassenfeind“ enttarnt und entlassen, konnte von Glück reden, weil er nicht im Gefängnis gelandet war. Er blieb bis ans Lebensende arbeitslos. Die schwer kriegsversehrte Mutter durfte einen Zeitungskiosk betreiben. Davon lebte die Familie.

1947 kam Magdalena auf das Lyzeum für kunstbegabte Schüler nach Gdynia, war im angeschlossenen Internat untergebracht. Dort entdeckte sie ausgerechnet ihre Vorliebe für die Leichtathletik. Für ihren Sportverein „HKS Tczew“ gewann sie mit der Frauen-Staffel mehrere Gold- und Silbermedaillen bei den polnischen Meisterschaften 1947 und 1948. Sportlich blieb sie bis ins hohe Alter und ihre schlanke Figur war stets der Beweis dafür.

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Avantgardistischen Installationen  auf der "Ausstellung der Wiedergewonennen Gebiete", Wrocław/Breslau 1948.
Avantgardistische Installationen auf der „Ausstellung der Wiedergewonnenen Gebiete“, Wrocław/Breslau 1948.

Im Jahr 1948 führte sie ein Schulausflug nach Wrocław/Breslau, zur „Ausstellung der Wiedergewonnenen Gebiete“, wie die ehemaligen deutschen Ostgebiete nun genannt wurden. Es war eine Leistungsschau in und um die Jahrhunderthalle nach dem Motto: schaut, was Polen alles in den drei Jahren bereits geschafft hat. Der Eindruck, den die avantgardistischen Installationen der damals führenden modernen Künstler des Landes Henryk Stażewski (1894 – 1988) und Stanisław Zamecznik (1909 – 1971) auf die Achtzehnjährige machten, war tiefgreifend und prägend.

Noch durfte in Polen moderne Kunst gemacht und öffentlich gezeigt werden. Das eine Jahr (1949 – 1950), das Abakanowicz nach dem Kunstlyzeum in der Kunsthochschule von Gdańsk verbrachte, markierte jedoch die Grenze. Die renommierte Kunsthochschule, deren Einrichtungen sich überwiegend im benachbarten Sopot/Zoppot befanden und die deswegen bis heute Sopot-Schule genannt wird, war bekannt für ihr unkonventionelles Kunstverständnis.

Doch als Magdalena im Oktober 1950 ihr Studium an der Warschauer Kunstakademie fortsetzte, fegte bereits ein eisiger Wind durchs Land. Die einzige erlaubte Kunstform war nun der sozialistische Realismus mit seiner Heroisierung der Arbeit und der kommunistischen Ideologie. In einer solchen Zeit zu studieren war nicht gerade der Traum einer aufgeweckten jungen Frau Anfang zwanzig, die neues erleben wollte. Stattdessen gab es Klassisches und Realistisches, wie zu Anfang des 19. Jahrhunderts: Zeichnung, Skulptur, Malerei…

Nachtschichten im Atelier

Stalins Tod im März 1953 und das kurz darauf zaghaft ansetzende politische Tauwetter in der Sowjetunion brachte in Polen als erstes die lange unterdrückte künstlerische Kreativität zur Explosion. Tadeusz Kantors (1915 – 1990) Avantgardetheater erwachte zu Leben. Die Filmhochschule in Łódź verwandelte sich in ein Labor der modernen Filmkunst. Der Komponist Krzysztof Penderecki (1933) veröffentlichte seine ersten Werke. Die polnische Plakatschule machte von sich reden. Die „Gruppe 55“ durfte ihre abstrakten Bilder zur Schau stellen. Die herrschenden Kommunisten lieβen sie allesamt gewähren, selbst verunsichert durch die sowjetische Stalinismus-Schmelze und in immer heftigere Diadochenkämpfe in den eigenen Reihen verwickelt.

Abakanowicz, seit Herbst 1954 Absolventin der Warschauer Kunstakademie, war noch zu jung um auszustellen, aber sie stürzte sich mitten ins Geschehen im Künstlermilieu, hielt sich ansonsten mit Gelegenheitsaufträgen über Wasser.

Endlich ein eigenes Atelier.Magdalena Abakanowicz Anfang der 60er Jahre.
Endlich ein eigenes Atelier. Magdalena Abakanowicz Anfang der 60er Jahre.

Sie malte damals abstrakte Kompositionen mit Fantasieblumen, Fischen, Gewächsen, in leuchtenden Farben, arbeitete mit breiten Pinseln auf groβen Papierbögen oder zusammengenähten Leinenlaken, die sie nicht auf Rahmen spannte sondern frei hängen lieβ. Mit diesen Gouache-Bildern erfüllte sie sich den lange gehegten Traum moderne Kunst im groβen Maβstab zu gestalten.

Ein Atelier in jener Zeit der Ruinen und der strengen Wohnraumbewirtschaftung in Warschau aufzutreiben war für eine junge Absolventin ein Ding der Unmöglichkeit. Zum Glück lieβ sich der Hausmeister überreden und sie durfte das Atelier der Kunstakademie in der Nacht benutzen. Im Morgengrauen rollte sie ihre Laken zusammen und verstaute sie unterm Bett in einem Zimmer, das sie sich zur Untermiete mit sechs anderen jungen Frauen teilte.

Zwar war sie seit 1956 mit dem Ingenieur Jan Kosmowski (1929) verheiratet, aber die beiden hatten am Anfang ihrer Ehe nicht genug Geld, um sich ein eigenes Zimmer zu mieten. Jan begleitete sie im Übrigen bis ans Ende ihres irdischen Weges.

Polen war ihr wichtig

Durch Beziehungen konnte Magdalena 1957 ihre Teilnahme an einer Gruppenreise von Künstlern nach Italien verwirklichen. Veranstalter waren das Kulturministerium und ein staatlicher Künstlerverband.

Von Italien war sie überwältigt. Einige Teilnehmer der Reise blieben im Westen. Sie nicht. In Zeiten der ideologischen Spaltung der Welt wäre das eine endgültige Entscheidung gewesen. Entweder gehen oder in Polen leben. Ein Pendeln, heute eine Selbstverständlichkeit, gab es damals nicht. Ebenso wusste man nie, wann und ob man überhaupt noch einmal die Erlaubnis bekommen würde ins westliche Ausland zu fahren.

Doch von Polen dauerhaft abgeschnitten zu sein, das hätte sie zu viel Schaffenskraft gekostet. Wenn auch unfrei und arm, my country! – davon konnten sie auch später die verführerischsten Verlockungen des Westens nicht abbringen. „Polen war ihr wichtig“, so betitelte die Tageszeitung „Rzeczpospolita“ („Die Republik“ am 24.04.2017) den Nachruf auf die Künstlerin.

Auf ihrer Italienreise traf Magdalena das Idol ihres Schulausflugs von 1948 nach Wrocław – den Konstruktivisten Henryk Stażewski, seine Ehefrau Maria Lunkiewicz (1895-1967) und einige andere spannende Persönlichkeiten der damaligen polnischen Boheme. Ihre Gespräche über Kunst, Kultur, Politik, Gott und die Welt faszinierten sie. Sie wünschte sich, ebenso radikal in ihrer Kunst sein zu können, mit dem Alten zu brechen, etwas völlig Neues schaffen, die eigene künstlerische Sprache zu entdecken, die ihr Schaffen einmalig und unverwechselbar machen würde.

In die Berühmtheit eingewoben

Ende der 50er Jahre war es dann soweit. Sie begann ihre eigene Sprache zu weben. Die feine Kunst des Webens mutierte bei ihr in das ganz Grobe. Auf eigens entwickelten Webstühlen verarbeitete sie Schnüre, Taue, Sackleinen, Sisal und Rosshaar und nähte sie zusammen zu beeindruckenden Textilskulpturen. Anfänglich eher flach, entwickelten sich ihre Kunstwerke mit der Zeit immer weiter weg von der Wand, hinein in den Raum.

Schnüre, Taue, Stricke verwandeln sich zu Skulpturen. Magdalena Abakanowicz Anfang der 70er Jahre.
Schnüre, Taue, Stricke verwandeln sich zu Skulpturen. Magdalena Abakanowicz Anfang der 70er Jahre.

Wie sollte man diese neue Form in der bildenden Kunst nennen? „Weiche Skulptur‘? Das klang unseriös. „Strukturelles Tuch“ in Anlehnung an die „strukturelle Malerei“? Das wiederum klang sehr abgehoben. In der polnischen Presse der 60er Jahre wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Gewonnen hat die Wortschöpfung „Abakane“, die sich seither weltweit eingebürgert hat.

Abakanowicz abakany przy pracy fot.
Bei der Arbeit 1971

„Abakane“ waren 1962 die Sensation der Internationalen Biennale der Tapisserie in  Lausanne und 1965 der Biennale in Sao Paulo. Das war Magdalena Abakanowiczs Durchbruch in die Weltliga der bildenden Kunst. Ebenfalls 1965 wurde sie Professorin an der Kunsthochschule in Poznań und lehrte dort bis 1990.

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Abakan violett 1969.

Warschau und Poznań blieben die Hauptorte ihres Schaffens. Ihre herausragende Position in der internationalen Kunstszene behauptete sie allerdings, indem sie 1980 den polnischen Pavillon auf der Biennale in Venedig gestaltete und 1984 eine Gastprofessur an der University of California in Los Angeles antrat.

Abakanowicz abakan czerwony fot.
Abakan rot 1972.

Ob Paris, Madrid, Köln, New York, Chicago, Jerusalem, Seoul oder Hiroshima: Ihre Werke sind an vielen Orten der Welt zu finden. Eine ihrer größten textilen Arbeiten misst rund zweihundert Quadratmeter, der »Bois le Duc«, geschaffen für das Gebäude der Provinzialverwaltung von Nordbrabant in Hertogenbosch in den Niederlanden.

Abakanowicz abakan pomarańczowy fot.
Abakan orange 1971.

Immer wieder Neues wagen

Irgendwann wurde ihr das Image der „webenden Künstlerin“ lästig. „Die Abakane haben mir Weltruhm eingebracht, aber sie lasteten auf mir wie eine Sünde, die man nicht eingestehen darf. Die Weberei verschlieβt auf Dauer den Zutritt zur Welt der Kunst“. Sie hätte bis an ihr Lebensende ihre Erfindung verfeinern und vervielfältigen können. Das war ihr zu langweilig.

Abakanowicz Bois le Duc fot.
Abakanowiczs gröβte Textilarbeit »Bois le Duc«, in Hertogenbosch in den Niederlanden.

„Meine Formen sind im Grunde meine nächstfolgenden Häute, die ich ablege um eine weitere Etappe auf meinem künstlerischen Weg zu markieren. Am interessantesten ist es, sich Techniken und Formen zu bedienen, die man noch nicht kennt.“

Abakanowicz Tańczące figury fot.
Magdalena Abakanowicz „Tanzende“ 1978.

Auch wenn ihre menschen- oder tierähnlichen Figurengruppen, „Die Rücken“, „Sitzende Gestalten“ und viele andere, häufig kopflos sind und allein durch ihre Größe und Masse bedrohlich wirken, trägt jede Figur doch individuelle Merkmale. Selbst so gewaltige Installationen wie die für die Zitadelle in Poznań geschaffenen 112 Figuren, „Die Unerkannten” genannt, sind keine bloßen Kopien je einer Figur von der anderen. „Die Natur duldet keine Kopien. Ob Mücke oder Blatt, Mensch oder Vogel – es sind immer Individuen.“ Doch nicht das Detail, die Masse sollte auf den Betrachter wirken.

Abakanowicz postaci fot.
Inmitten ihrer Skulpturen. Magdalena Anakanowicz 1986.

„Im Jahr 1980“, berichtete sie in einem Interview, „habe ich in Venedig eine Gruppe von achtzig sitzenden Gestalten ausgestellt. Man hat mich gefragt: ist das Auschwitz? Ist das etwa eine religiöse Zeremonie in Peru? Der Tanz Ramayanas? Ich habe jedes Mal „ja“ gesagt, weil diese Arbeiten vom Menschen als solchem handeln. Davon, dass der Körper nicht und das Gesicht sehr wohl lügen kann. Davon, dass der alte Mensch an Baumrinde erinnert, und von einhundert anderen Angelegenheiten. Jeder kann in einer Skulptur eigene Erfahrungen wiederentdecken, die eigene Welt. Ich will nicht, dass alle meine Arbeiten von jedem Betrachter gleich empfunden werden. Das wäre ein Debakel.“

So radikal Abakanowicz auch im Laufe ihres Künstlerinnenlebens die Materialien wechselte, so treu blieb sie ihrer Suche nach der Individualität in der Masse. „Die Masse ist an und für sich unselbständig, aber sie ist bereit auf Kommando zu treten, zu zerstören oder zu verehren. Die Masse ist eine kopflose Kreatur, die mich immer aufs Neue inspiriert“, so begründete sie ihre Fixierung auf Figurengruppen.

Abakanowicz k. Grant Parku Chicago 106 postaci bez gø. i rák 2007
Magdalena Abakanowiczs 106 „Kopflose“ am Grant Park in Chicago 2001.

Glanz und Vergänglichkeit

Eine Größenordnung besonderer Art stellen auch Abakanowiczs zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, Ehrungen und Kunstpreise dar. Allein sieben Kunsthochschulen in aller Welt verliehen ihr die Ehrendoktorwürde. Sie war Mitglied mehrerer Akademien der Künste, Trägerin vieler Verdienstorden. Und mit über zweihundert Einzelausstellungen war sie ohne Zweifel die bekannteste zeitgenössische polnische Bildhauerin, obwohl die eigentliche Bildhauerei nur einen Teil ihres Schaffens ausmachte.

Abakanowicz 2002 odsøowniécie wystawy Cytadela fot.
Einer der letzten ganz groβen Auftritte. Magdalena Abakanowicz kurz vor der Eröffnung ihrer Ausstellung auf dem Gelände der Warschauer Zitadelle im Jahr 2002.

In den 90er Jahren und später wurde ihr Schaffen zunehmend als „klassisch“, ja sogar „traditionell“ angesehen. Andere Kunstrichtungen galten in dieser Zeit als „progressiver“. Ihre Metaphern vom Individuum und von der Menschenmasse passten angeblich nicht mehr in die nachkommunistische Zeit des ausschweifenden Individualismus, der Vereinsamung und Abkapselung vor dem Smartphone oder Computer.

Es gelang ihr nicht mehr, einen Skulpturenpark mit ihren Werken in Warschau, unweit ihrer Wohnung einzurichten. Die Stadtverwaltung zögerte die Umsetzung des Projektes immer wieder hinaus, auch der hohen Kosten wegen, bis die Erkrankung an Alzheimer den Zugang zu ihr versperrte.

Abakanowicz starość fot.

Magdalena Abakanowicz hat uns ihre inspirierende, eigenartige Kunst zurückgelassen, die nicht so leicht in Vergessenheit geraten wird. Auch weil sich darunter so viel Herausragendes in Übergröβe befindet.

© RdP