Der Unverbrüchliche

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Am 30. September 2019 starb Kornel Morawiecki.

Er hatte dem Kommunismus den Krieg erklärt. Ein gutmütiger, scheu und schüchtern wirkender Mann. Mahatma Gandhi jedoch war nicht sein Vorbild im antikommunistischen Untergrundkampf der Achtzigerjahre in Polen. Er und diejenigen, die er in seinen Bann zog, lehnten Waffengewalt ab, kämpften aber ansonsten mit harten Bandagen.

Die spannende Geschichte der Solidarność Walcząca (fonetisch waltschontsa), der Kämpfenden Solidarność nahm ihren Anfang im Frühsommer 1982 in Wrocław/Breslau, etwa ein halbes Jahr nach der Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 und dem Verbot der Solidarność. Eine Gruppe von Gewerkschaftlern, Studenten, jungen Arbeitern und oppositionellen Geistesschaffenden verweigerte damals der regionalen Geschäftsführung der Solidarność im Untergrund die Gefolgschaft und rief eine eigene, radikal antikommunistische Gruppe ins Leben, um dem Jaruzelski-Regime zuzusetzen.

Es bedurfte einer Führungspersönlichkeit, die den entscheidenden Schritt wagte und andere mitriss. Der Mann der Stunde war ein Physiker, hieβ Kornel Morawiecki und hatte schon damals, 1982, viel Erfahrung im oppositionellen Handeln.

Kindheit in Ruinen

Kornel Morawiecki kam 1941 im deutsch besetzten Warschau zur Welt. Die Eltern hatten im Sommer 1939, unmittelbar vor Kriegsausbruch, geheiratet. Beide waren Lehrer, entstammten Familien mit ausgeprägten patriotischen Traditionen. Vater Michał gehörte der Untergrund-Heimatarmee (AK) an, hatte aber an dem am 1. August 1944 ausgebrochenen, zwei Monate lang dauernden Warschauer Aufstand nicht teilgenommen.

Die Familie wohnte damals auf dem östlichen Weichselufer, im Stadtteil Praga, wo die Kämpfe am 1. August 1944 nur kurz aufflackerten und die Aufständischen, angesichts der deutschen Übermacht, schnell wieder abtauchten. Kurz nachdem deutsche Truppen sämtliche Weichselbrücken gesprengt hatten, besetzten Mitte September 1944 die Sowjets Praga.

Auf dem westlichen Weichselufer derweil, dauerte der Aufstand noch bis zur Kapitulation am 2. Oktober 1944 an. Den westlichen Teil der Stadt machten anschlieβend, nach Vertreibung der restlichen Zivilbevölkerung, deutsche Brand- und Sprengkommandos innerhalb von dreieinhalb Monaten planmäβig dem Erdboden gleich. Auf dem Ostufer wütete zu dieser Zeit bereits der sowjetische Polizeiterror. Die Sowjets setzten erst am 17. Januar 1945 auf das Westufer der Weichsel über und „befreiten“ das von den Deutschen geräumte Ruinenmeer.

Kornel Morawiecki wuchs im Schatten dieser Ereignisse auf, in einer vom Krieg beinahe ausgelöschten, völlig ausgeplünderten Stadt. Ihre Ruinen wurden nun mit roten Fahnen und Spruchbändern drapiert. Der Stalinismus mit seiner brutalen Propaganda und seinem brutalem Terror ergriff Besitz von Polen.

Kornel lebte gemeinsam mit den Eltern und zwei jüngeren Geschwistern in einer 22 Quadratmeter groβen Wohnung in der Minskastrasse. In ihren vier Wänden lebte auch, in leisen Gesprächen und Erzählungen bewundert, betrauert, beschworen, das alte, freie, stolze Polen weiter, das sich nun, wieder einmal, diesmal von den Sowjets gedemütigt, kettenrasselnd auf dem Weg der Geschichte dahinschleppte. So empfanden es die Menschen damals.

Auf nach Wrocław

Der achtzehnjährige Abiturient wollte Matrose werden, wurde jedoch wegen einer Herzschwäche abgelehnt. Arzt zu werden war ihm ebenfalls nicht vergönnt. Er fiel bei der Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium durch. Also machte er sich 1958 auf nach Wrocław, um Physik zu studieren.

Der Fachbereich Physik in Wrocław, sowohl an der Universität, wie auch an der Technischen Hochschule, gilt auch heute noch als einer der besten im Lande. Morawiecki wurde an der Uni 1964 zum Doktorandenstudium zugelassen, verteidigte dort 1970 seine Doktorarbeit über die Quantenfeldtheorie.

Held der Liebe

In Wrocław nahm auch das ereignisreiche Liebesleben des späteren Freiheitshelden seinen Anfang. Bereits 1959 heiratete der achtzehnjährige, eben erst eingeschriebene Physik-Student, die elf Jahre ältere Chemie-Lehrerin Jadwiga. Sie kannten sich vorher gerade zwei Monate lang und blieben bis Anfang der Achtzigerjahre zusammen, bekamen fünf gemeinsame Kinder. Das vierte von ihnen, der 1968 geborene Mateusz, ist seit 2017 polnischer Ministerpräsident.

Kornel Morawiecki 1968 in Wrocław mit Ehefrau Jadwiga und drei der vier gemeinsamen Kinder. Mateusz, der spätere Ministerpräsident liegt im Kinderwagen.

Als am 13. Dezember 1980 General Jaruzelski das Kriegsrecht verhängte, tauchte Kornel, bis zu seiner Verhaftung, für knapp sieben Jahre unter. Unterschlupf fand er zu Anfang bei der bildhübschen Gewerkschafts-Aktivistin Hanna Łukowska-Karnej.

Hanna Łukowska-Karnej

Ihre Liebesbeziehung dauerte fast zehn Jahre lang und unterbrach in dieser Zeit seine frühere Liaison mit der fünfzehn Jahre jüngeren Anna, die er 1976 kennengelernt hatte. Zu Anna kehrte Kornel Morawiecki Anfang der Neunzigerjahre zurück und lebte mit ihr bis zu seinem Tod zusammen. Der gemeinsame Sohn Jerzy kam 1995 auf die Welt, Kornels sechstes Kind. Annas Identität hat er öffentlich nie preisgegeben.

Kornel Morawiecki mit Ehefrau Jadiwga am 2. Juni 2019 im Innenhof des Warschauer Königsschlosses bei der Eröffnung einer Ausstellung aus Anlass des 40. Jahrestages des ersten Besuches von Johannes Paul II. in Polen.

Von Ehefrau Jadwiga, der Mutter seiner fünf Kinder, lieβ sich Morawiecki nicht scheiden. Der Boulevardzeitung „Super Express“ gestand er 2017, er liebe immer noch alle drei Frauen: Jadwiga, Hanna und Anna.

Held der Freiheit

Das 1945, bei den drei Monate andauernden Kämpfen schwer zerstörte Wrocław, mit seiner danach kunterbunt zusammengewürfelten neuen polnischen Bevölkerung, der die ausgesiedelten Deutschen hatten Platz machen müssen, war lange Zeit kein Schauplatz gröβerer antikommunistischer Streiks oder Demonstrationen, wie z.B. Poznań, Szczecin oder Warschau 1956. Dafür versuchten dort viele politisch Verfolgte aus anderen Teilen Polens im Nachkriegsdurcheinander unterzutauchen.

Erst im März 1968 kam es auch in Wrocław zu erheblichen Studentenunruhen, wie auch in Warschau, Kraków, Gdańsk. Es ging um Meinungs- und Pressefreiheit, um die Autonomie der Universitäten.

Kornel Morawiecki. Passfoto aus den Sechzigerjahren.

Der Doktorand Morawiecki beteiligte sich an den Studentenstreiks. Als der Widerstand erbarmungslos gebrochen wurde, druckte er mit einigen Kollegen mit primitivsten Mitteln Protest-Flugblätter gegen die Repressalien der Staatsgewalt, vor allem gegen die massenweisen Rausschmisse aus der Uni, Zwangsrekrutierungen in die Armee, Entlassungen von rebellischen Professoren. Seinen Mut stellte Morawiecki unter Beweis, als er die Flugblätter auch während der offiziellen kommunistischen Feierlichkeiten zum 1.Mai in die Menge warf.

Ähnliches unternahm Morawieckis Gruppe noch einige weitere Male. So nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Armeen am 21. August 1968 in der Tschechoslowakei zur Beseitigung des Prager Frühlings. Nach der Selbstverbrennung Jan Palachs im Januar 1969 in Prag, aus Protest gegen den Einmarsch. Nach den Massakern an streikenden Arbeitern in Gdańsk, Gdynia und Szczecin im Dezember 1970.

Erster Besuch von Johannes Paul II. in Polen im Juni 1979. „Glaube und Unabhängigkeit“. Transparent der Morawiecki-Gruppe bei einer der Papst-Messen.

Als der gerade gewählte polnische Papst im Juni 1979 zum ersten Mal nach Polen kam, reisten sie ihm hinterher und entfalteten bei jeder Papstmesse unter freiem Himmel ein groβes weiβ-rotes Transparent mit dem Schriftzug „Glaube und Unabhängigkeit“. Heute klingt das alles harmlos, damals konnte solch eine Aktion schnell im Gefängnis oder mit schweren Verletzungen enden. „Unbekannte“ Polizei-Täter hatten für gewöhnlich Knüppel und Schlagringe zur Hand.

Morawiecki wechselte zwischenzeitlich von der Universität zur Breslauer Technischen Hochschule. Das Institut für Mathematik und Informatik blieb sein Arbeitsplatz bis zur Pensionierung 2009.

Der Macher

Seine kleine Gruppe hatte einige einfache, gut versteckte Druckgeräte zusammengetragen. Die selbstgemachte Druckerschwärze wurde von Hand aufgetragen. Zum Drucken diente eine einfache Gummirolle, „modernere“ Geräte verfügten über eine Kurbel. Was dabei herauskam war, wegen Papiermangel, meistens dichtest bedruckt, blass, schwer leserlich, aber es war das freie Wort.

Im Herbst 1979 baten einige Breslauer Dissidenten Morawiecki in ihrer Verzweiflung um Hilfe. Sie begannen gerade das illegale „Biuletyn Dolnośląski“, das „Niederschlesische Bulletin“ herauszugeben. Es war eine Chronik der laufenden Ereignisse, zusätzlich versehen mit Meinungsartikeln, die alle drei, vier Wochen erscheinen sollte. Die Gruppe hatte keine Erfahrung mit dem Drucken, die Anfangsschwierigkeiten waren enorm.

Morawiecki lieβ sich nicht lange bitten. Ab der zweiten Ausgabe war er mit dabei, schon Anfang 1980 als Chefredakteur. Das Bulletin erschien regelmäβig, die Auflage mancher Ausgaben betrug bis zu zehntausend Exemplare.

Untergrunddruckerei,

Nach der groβen Streikwelle im Sommer 1980 entstand die Gewerkschaft Solidarność. Eine sehr bewegte Zeit nahm in Polen ihren Anfang: Streiks, Demonstrationen, eine Explosion freier Diskussionen und Debatten. Der Zerfall der regierenden kommunistischen Partei und zugleich groβe Befürchtungen vor einem sowjetischen Einmarsch. Immer mehr Freiheit und ein immer längeres Anstehen nach praktisch allem, was man zum Leben braucht. Leere Läden.

Das „Niederschlesische Bulletin“ und mit ihm unzählige andere Publikationen der Solidarność kreisten damals ungehindert im ganzen Land, auch wenn sie offiziell nicht zugelassen waren.
Anders als die meisten Solidarność-Funktionäre blieb Morawiecki vorsichtig. Seine Druckgeräte arbeiteten weiterhin im Verborgenen, sein gut getarntes Netz von Verstecken und konspirativen Wohnungen wuchs.

Er wurde nicht müde die Breslauer Solidarność-Führung aufzufordern für den Fall eines russischen Einmarsches oder eines harten Durchgreifens Jaruzelskis vorzusorgen, ein Funktionieren im Untergrund vorzubereiten. Doch nichts geschah.

„Für unsere und eure Freiheit“

So lautete der Schlachtruf der polnischen Freiheitskämpfer, die vor allem im 19. Jahrhundert oft in fremden Ländern, wie Ungarn, Italien, Frankreich an Aufständen und Freiheitskriegen teilnahmen, in der Hoffnung, es werde auch der polnischen Sache zugutekommen. Morawiecki verkörperte dieses Denken.

Weitere Führungspersönlichkeiten der damaligen polnischen Bürgeropposition, wie Jacek Kuroń oder Adam Michnik, träumten von einer „Finnlandisierung“ Polens. Wie damals Finnland, sollte Polen, nach ihrer Vorstellung, von Moskaus Gnaden, im Inneren Marktwirtschaft und Demokratie praktizieren dürfen, nach Auβen aber treu der Sowjetunion beistehen und den Sowjets erlauben sich in innerpolnische Belange einzumischen. Nur, warum und wozu sollte Moskau seiner polnischen Kolonie plötzlich so viel Autonomie gewähren und damit gleichzeitig den Ostblock destabilisieren?

Morawiecki hingegen sprach klare Worte: ohne das Ende des Kommunismus in Russland, kein Ende des Kommunismus in Polen. Das Ziel ist die volle Unabhängigkeit Polens. Noch vor der Entstehung der Solidarność, Anfang 1980, hatte er versucht die polnische Opposition zu einer gemeinsamen Verurteilung des russischen Einmarsches in Afghanistan im Dezember 1979 zu bewegen. Es gelang, aber die Bedenken und Befürchtungen der anderen waren enorm.

Kurz danach begann Morawiecki Flugblätter auf Russisch zu drucken, um sie in die sowjetischen Militärgarnisonen in Polen zu schmuggeln. Konspirativ behilflich war ihm dabei der sowjetische Austauschwissenschaftler in Wrocław Nikolaj Iwanow, heute Professor an der Universität in Opole/Oppeln. In Niederschlesien waren die meisten Sowjetischen Truppen in Polen stationiert. Dort, in Legnica/Liegnitz, befand sich auch ihr Oberkommando.

Seine Kämpfende Solidarność (KS) sollte ab 1982 Kontakte zu Dissidenten in fast allen Ostblockstaaten knüpfen auch weit hinein in die damalige Sowjetunion, bis in den Kaukasus. Die KS druckte eine Zeitlang das Info-Bulletin „Názory“ („Meinungen“) auf Tschechisch und brachte es über die nahegelegene Grenze in die Tschechoslowakei, schmuggelte Flugblätter in die sowjetische Ukraine, in die baltischen Sowjetrepubliken, nach Georgien und Armenien.

Morawiecki hatte die Idee den Koran auf Russisch zu drucken. Kuriere der KS, zumeist als Touristen getarnt, schafften ihn in die vom Islam geprägten Teile der Sowjetunion, nach Kasachstan und Aserbaidschan, wo der Islam, wie jede Religion in der UdSSR, verfolgt wurde. Jadwiga Chmielowska aus Sosnowiec/Sosnowitz, die die „Ostarbeit“ in der KS wesentlich mitgestaltete fragte man einmal im Nachhinein, warum nicht die Bibel dorthin gebracht wurde. „Weil wir keine Missionare sondern Saboteure waren“, lautete die Antwort.

Jadwiga Chmielowska

Morawiecki setze sich als Delegierter sehr energisch beim 1. Landeskongress der Solidarność in Gdańsk, im September 1981, für die Verabschiedung der „Botschaft an die Arbeiter Osteuropas“ ein. Solidarność tat darin kund, dass sie alle Bestrebungen unterstütze freie Gewerkschaften in anderen Ostblockländern zu gründen.

Die Brisanz all dieses Tuns in Zeiten der fast kompletten Abschottung des Ostblocks vom Westen, in Zeiten ohne Internet, Fax, Handy, Satelliten-TV, ist heute schwer vorstellbar. Damals war das politisches Dynamit. Solche Aktionen trafen nicht nur die polnischen Kommunisten, sondern vor allem die Sowjets ins Mark. Das Ausbreiten der „polnischen Seuche“ auf den gesamten Ostblock wollten sie auf keinen Fall zulassen.

Das „Niederschlesische Bulletin“ mit der Nachricht von der Verhaftung Kornel Morawieckis am 15. September 1981.

Die polnische Staatssicherheit verhaftete Morawiecki am 15. September 1981. Zu erwarten waren ein Prozess wegen Anstiftung zum Hochverrat und eine lange Haftstrafe. Die niederschlesische Solidarność drohte daraufhin mit einem unbefristeten Generalstreik in der Region. Morawiecki wurde freigelassen.

Der Kämpfer

Drei Monate später, am 13. Dezember 1981, verhängte General Jaruzelski das Kriegsrecht in Polen. Der Sicherheitsapparat, die Miliz (Polizei), die Armee erwiesen sich dabei als weitgehend unberührt von den vielen Auflösungserscheinungen des kommunistischen Systems in Polen, die es in den sechzehn Monaten der Solidarność, seit dem Sommer 1980, zweifelsohne gab.

Die meisten Solidarność-Anführer hatten die Gefahr unterschätzt. Sie wähnten sich sicher. Die „Atombombe“ des Generalstreiks, den sie jederzeit ausrufen konnten, werde die Kommunisten von jeglicher Gewaltanwendung abhalten. Doch die handstreichartig, präzise durchgeführte Operation der Einführung des Kriegsrechts setzte diese Strategie auβer Kraft. Allein schon der Umstand, dass es den Kommunisten gelungen war bis zuletzt die Geheimhaltung zu wahren, zeugte von der ungebrochenen Vitalität des Sicherheitsapparates.

Fast die gesamte Landesführung der Solidarność, die zu einer zweitägigen Plenarsitzung nach Gdańsk gekommen war, wurde nachts im Hotel festgenommen. Die Landesweite Blitzverhaftung von etwa zehntausend Aktivisten, die aufgefahrenen Panzerkolonnen, Militärposten und Straβenblockaden auf Schritt und Tritt, die Scharen schwer bewaffneter Bereitschaftspolizisten, die sofort verhängte Sperrstunde, das Abschalten des gesamten Telefonnetzes usw. legten das Land und den friedlichen Widerstand weitgehend lahm.

Im Untergrund

Morawiecki und seine Gruppe waren darauf vorbereitet. Die Miliz hatte zwar auch die Tür zu seiner Wohnung mit Äxten zertrümmert, aber angetroffen hatte sie ihn nicht. Er war gerade dabei, irgendwo in der Stadt, ein weiteres Kopiergerät für den Ernstfall, der soeben eingetreten war, zu verstecken.

Morawiecki tauchte unter. Während alle Solidarność-Büros von der Miliz verwüstet und besetzt gehalten wurden, lief seine konspirative Maschinerie umgehend an. Schon am 14. Dezember erschien die erste Ausgabe der Untergrundzeitung der Breslauer Solidarność „Z dnia na dzień“ („Von einem Tag auf den anderen“). Das stärkte den Widerstandsgeist in der Stadt erheblich.

Sehr schnell jedoch, verwandelten sich die Meinungsverschiedenheiten zwischen Morawiecki und dem charismatischen Breslauer Solidarność-Chef Władysław Frasyniuk, der ebenfalls den Verfolgern entkommen war und im Untergrund agierte, zu einem unüberbrückbaren Konflikt.
Frasyniuk wollte die Untergrundmedien stärken und den Widerstand gegebenenfalls durch Besetzungsstreiks in den Betrieben ausüben, um so die Kommunisten zum Nachgeben zu bewegen. Sein wichtigstes Argument: Solidarność verdankt ihr groβes Ansehen in der Welt dem ausnahmslos gewaltlosen Kampf den sie führt.

Es kam zum Bruch. Morawiecki war das zu wenig. Vor allem die Jugend wollte auf die Barrikaden, so seine Diagnose. Und bevor sie sich zum Terrorismus hinreiβen ließe, solle man ihren Eifer für schärfere Formen des zivilen Widerstandes nutzen.

Demonstrationen und Ausschreitungen in Wrocław am 31. August 1982.

Morawiecki gründete im Juni 1982 mit seinesgleichen die Kämpfende Solidarność (KS). Groβe, gut vorbereitete, friedliche Straβendemonstrationen sollten Zeugnis ablegen vom Widerstandswillen der Nation. Friedlich ging es aber nie zu. Stets schritt die brutale, landesweit verhasste Bereitschaftspolizei ZOMO ein. Die KS war entschlossen ihr Paroli zu bieten. Ausgestreute Stahlkrampen durchbohrten immer wieder die Reifen der Wasserwerfer und Einsatzwagen. Stahlkugeln aus Katapulten durchlöcherten die Hartplastikschilder der Polizei. Steine flogen von den Dächern, Straβenbarrikaden gingen in Flammen auf.

Die erste groβe Straβenschlacht tobte am 31. August 1982 bis tief in die Nacht hinein in Wrocław. Schätzungsweise fünfzigtausend junge Demonstranten waren auf den Beinen. Es war der zweite Jahrestag der Unterzeichnung der Verträge in der Danziger Werft, die Lech Wałęsa mit seinem Riesenkugelschreiber 1980 unterschrieben hatte. Sie beendeten seinerzeit den landesweiten Streik und ebneten den Weg zur Gründung der ersten freien Gewerkschaft im kommunistischen Machtbereich. Mit der Einführung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 wurde Solidarność verboten. Die Wiederherstellung der freien Gewerkschaft war die wichtigste Forderung der Opposition.

Groβe Demonstrationen und schwere Zusammenstöβe mit der ZOMO gehörten seitdem fast schon zum Breslauer Alltag.

An der stillen Front

Die Kämpfende Solidarność wurde von der polnischen Staatsicherheit verbissen gejagt. Sie galt als dermaβen gefährlich, dass auch die DDR-Stasi und der sowjetische KGB ihre Ermittlungsgruppen nach Wrocław schickten. Mit Zustimmung der polnischen Genossen fahndeten sie dort auf eigene Faust. Die KS zu zerschlagen gelang ihnen jedoch nicht.

Grund dafür war der streng konspirative Aufbau der Organisation, vor allem die sogenannte Fragmentierung. Es waren kleine, lose miteinander und mit der Leitung um Morawiecki verknüpfte Grüppchen hochmotivierter Aktivisten. Besonders abgeschirmt waren die Druckereien. Niemand, auch Morawiecki wusste nicht alles. Wenn also bei Vernehmungen von Verhafteten etwas herauskam, riss schon bald der Faden ab, den die Ermittler nachverfolgen wollten.

Kornel Morawiecki zur Fahndung ausgeschrieben wegen Teilnahme an illegalen Gewerkschaftsstrukturen. Zeitungsauschnitt von 1982.

Morawiecki selbst nutzte in Wrocław, in den knapp sieben Jahren seines Lebens im Untergrund, insgesamt etwa vierzig Wohnungen als Unterschlupf, die sich die jeweiligen Hausherren zeitweise mit ihm teilten.. Keine von ihnen flog auf. Dort wo er, oft auf einem Feldbett in der Ecke, schlief hielt er keine Treffen ab. Dazu diente oft eine in demselben oder benachbarten Treppenaufgang gelegene Wohnung. Morawiecki sollte sich so wenig wie möglich auf den Straβen der Stadt aufhalten, wo jede Milizpatrouille und jeder Stasi-Agent ein Foto von ihm dabei hatte.

Derweil war die Durchdringung der „regulären“ Untergrund-Solidarność in Wrocław mit Stasi-Agenten- und Zuträgern sehr groβ. Schon 1982 konnte die Stasi in kurzen Zeitabständen die Chefs der regionalen Strukturen der Untergrund-Solidarność Władysław Frasyniuk, Piotr Bednarz und zum Schluss Józef Pinior verhaften. Kornel Morawiecki dagegen war nicht zu fassen.

Sein Sohn Mateusz, seit 2017 polnischer Regierungschef, wurde mehrere Male von Stasi-Leuten überfallen und verprügelt. Einmal entführten sie ihn in den Wald, drückten ihm die Pistole an die Schläfe, drohten ihn zu erschieβen und seine Schwester zu vergewaltigen. Er sollte den Aufenthaltsort des Vaters preisgeben, den er aber nicht kannte. Verprügelt lieβen sie ihn zurück.

Nikolai Iwanow

Der einstige sowjetische Austauschwissenschaftler in Wrocław, Nikolai Iwanow erinnerte sich Jahre später: „In der »Kämpfenden Solidarność« herrschten strenge Disziplin und Konspiration. Ich habe Morawiecki alle paar Monate getroffen. Einfach war das nicht. Ich ging in eine Kirche, die mir im letzten Augenblick mitgeteilt wurde. Dort sprach mich jemand an, ich solle in das und das Auto, das in der Nähe parkte einsteigen. Wir fuhren irgendwohin. Ich wechselte den Wagen. Dann noch einmal. Ich landete in irgendeiner undefinierbaren Wohnung. Nach etwa einer Stunde erschien Morawiecki dort. Ich wusste im Nachhinein nie, wo ich gewesen bin.“

Wie es heiβt, traf sich Morawiecki im Untergrund mit etwa 1.500 Personen.

„Die KS“, so Iwanow weiter, „war besser organisiert als die Staatsicherheit und sie hatte eine solide Anti-Stasi-Abwehr. Niemand bekam für seine Untergrundarbeit Geld. Alle machten mit aus Überzeugung, für die Demokratie, für die Freiheit. Daraus ergab sich die Kraft dieser Organisation.“

Die Anti-Stasi-Abwehr der KS war eine konzeptionelle Hinterlassenschaft der polnischen Heimatarmee (AK) im Untergrund aus dem Zweiten Weltkrieg. Damals galt es gegen die Gestapo zu bestehen, die, manchmal leider durchaus erfolgreich, mit ihren Fahndungsmethoden, Provokationen und dem grausamen Foltern von Verhafteten, den polnischen Untergrund zu zerschlagen suchte.

Es gab damals noch einige wenige Veteranen der Heimatarmee, die sich damit auskannten, die man fragen konnte. Und so wurden die Beobachter der Stasi ohne ihr Wissen selbst beobachtet, fotografiert und in Katalogen registriert. Es gab Aufstellungen von Autos und Autokennzeichen, die die Stasi benutzte. Das professionelle Erkennen und „Abschütteln“ von Beobachtern und Verfolgern fand fast täglich Anwendung. Falschinformationen wurden der Stasi zugespielt und es gelang in der Breslauer Staatsicherheit drei Informanten (die sogenannte Charukiewicz-Gruppe) zu gewinnen, die vor Razzien und anderen geplanten Fahndungsmaβnahmen warnten.

Zugleich wurden Geräte entwickelt, mit denen man den Funkverkehr der Miliz und der Staatssicherheit abhören konnte. Während der sechzehn Monate ihres legalen Wirkens 1980-1981 waren viele junge Ingenieure und Techniker in die Solidarność eingetreten. Darunter waren der Fernsehtechniker Jacenty Lipiński, die Elektroniker Tadeusz Świerczewski und Ryszard Maj, der Physiker Jan Pawłowski. Sie konstruierten Scanner und Empfangsgeräte, die die Stasi-Abwehr so effektiv machten.

Erst im April 1982, nach gut drei Monaten des Kriegsrechts, begann die Stasi den Verdacht zu schöpfen, sie werde abgehört. Ab dann wechselte sie oft die Frequenzen und die Agenten begannen Codewörter zu benutzen. Jan Pawłowski, bei dem alle Fäden der Abhörtätigkeit, die an verschiedenen Punkten der Stadt durchgeführt wurde, zusammenliefen, hatte die Aufgabe sie zu entschlüsseln.

„Er geht zum Eisen“ bedeutete „zum Hauptbahnhof“, „zum Gummi“ – zum Busbahnhof. „Objekt Weiβ“ war das Hotel „Wrocław“. „Objekt Grau“ – Hotel Monopol. „Chefarzt“ war der Stasi-Offizier der die Aktion befehligte. „Sanitäter“ waren die ihm unterstehenden Beamten usw. Nicht alles lieβ sich aufklären, aber meistens waren die KS-Leute gut im Bilde darüber was die Stasi so trieb.

Die Stasi bläst zur Treibjagd

Die Erfolglosigkeit der jahrelangen Fahndung nach Morawiecki brachte die Stasi-Chefs in Warschau zur Weiβglut. Innenminister General Czesław Kiszczak versah den Bericht über die Lage in der Breslauer Stasi mit dem wütenden Vermerk: „Der Verrat hat sich in unsere Reihen eingeschlichen!“.

Kurz darauf, Mitte 1986, lieβ er mehrere Dutzend Stasibeamte der Breslauer Dienststelle feuern. Er handelte wahllos, denn die Mitglieder der  „Charukiewicz-Gruppe“ blieben auf ihren Posten.

Auβerdem schickte Kiszczak eine fast hundertköpfige Sonderermittlungsgruppe nach Wrocław. Sie fahndete autonom und durfte keinerlei Kontakte zu den örtlichen Stasi-Beamten unterhalten.

Die Sonderermittler beobachteten rund um die Uhr mehrere Dutzend Orte, von denen sie meinten, Morawiecki könnte dort auftauchen. Sie mieden jeglichen Funkkontakt, benutzten stattdessen Telefonzellen.

Am späten Abend des 9. November 1987 schnappte die Falle zu. Morawiecki fuhr in die Zelinskiegostrasse, wo er zwei Schwestern in ihrer Wohnung vereidigen sollte, die als Druckerinnen für die KS arbeiteten. Die Stasi-Abwehr der Kämpfenden Solidarność hatte den Ort vor Morawieckis Ankunft überprüft, aber die Falle nicht bemerkt. Sie wusste nicht, dass die Stasi im Bilde darüber war womit sich die Schwestern beschäftigten.

Der Pathos der Eidesformel gab die Stimmung jener Zeit wieder: „Ich gelobe vor Gott und Vaterland für eine freie und unabhängige Polnische Republik zu kämpfen. Ich gelobe zu kämpfen für Solidarität zwischen Menschen und Völkern. Ich gelobe die Ideen unserer Bewegung weiter zu entwickeln, sie nicht zu verraten und die mir anvertrauten Aufgaben gewissenhaft zu erfüllen.“

Morawiecki ging etwa fünfzig Meter vom Auto zum Treppenaufgang eines riesigen zehnstöckigen Plattenbaus. Die Stasi-Beamten erkannten sein Gesicht im Nachtsichtgerät. Einige Minuten später stürmte ein Einsatzkommando die Wohnung.

Verhaftet, abgeschoben…

Ein Hubschrauber brachte Morawiecki am nächsten Morgen nach Warschau. Dort wurde er ins zentrale Untersuchungsgefängnis in der Rakowieckastrasse eingeliefert und in einer Einzelzelle untergebracht. Keine Verhöre fanden statt. Nichts passierte, bis ihn Mitte April 1988 der namhafte Verteidiger in politischen Prozessen, Rechtsanwalt Jan Olszewski im Gefängnis aufsuchte.

Kornel Morawiecki (r.) und sein Anwalt Jan Olszewski. Wiedersehen nach Jahren. Inzwischen ruhen sie in Nachbargräbern auf dem Warschauer Powązki-Friedhof.

Die Zeichen standen schon damals auf Veränderung. Das kommunistische System bröckelte in Polen immer schneller. Die wirtschaftliche Lage war dramatisch schlecht. Mit Gewalt konnte man nicht mehr viel ausrichten.

Es gab schon die ersten vertraulichen, indirekten Gespräche zwischen Vertretern von Regierung und Partei und der zwar immer noch illegalen Solidarność-Führung, die aber inzwischen nicht mehr belangt wurde. Ihre Mitglieder saβen nicht mehr im Gefängnis, agierten öffentlich. Die Bischöfe waren die Nachrichtenüberbringer in diesem Dialog. Der Vorbereitungsprozess zu den Verhandlungen am Runden Tisch, die knapp ein Jahr später, am 6. Februar 1989 beginnen sollten, war bereits im Gange.

Möglichst viel an Privilegien und Geld in die neue Epoche hinüberretten, und sich aus der Verantwortung für das ruinierte Land davonstehlen, das wollen Jaruzelski und seine Leute. Die Solidarność-Gruppe um Lech Wałęsa, Adam Michnik, Jacek Kuroń, Tadeusz Mazowiecki, Bronisław Geremek war bereit ihnen das zu garantieren.

Der unverbrüchliche Morawiecki mit seiner Untergrund-KS passte nicht mehr in die neue Zeit, genauso wenig wie ein aufsehenerregender politischer Prozess, der schwer zu vereinbaren wäre mit dem von den Kommunisten nun immer wieder beschworenen Geist der nationalen Versöhnung.

Anwalt Olszewski überbrachte Morawiecki ein Angebot. Er werde freigelassen, müsse aber direkt aus dem Gefängnis heraus auβer Landes gehen, vorläufig ohne Recht auf Rückkehr.

In den nächsten Tagen pilgerten Kirchenleute und Anwalt Olszewski immer wieder zu Morawiecki und redeten auf ihn ein zu emigrieren. Der Gefängnisdirektor bestellte den Gefangenen zu sich. Er eröffnete ihm, dass sein bester Freund und Kampfgefährte, der vor kurzem verhaftete Andrzej Kołodziej, mit dem er gemeinsam auβer Landes gehen sollte, Krebs habe und nur im Westen wirksam behandelt werden könne.

Kornel Morawiecki. Papstaudienz im Vatikan am 3. Mai 1988.

Morawiecki gab nach. Am 30. April 1988 landeten die beiden in Rom und wurden von polnischen Priestern in Empfang genommen. Am 3. Mai hatte Morawiecki eine Audienz bei Papst Johannes Paul II. Einen Tag später flog er nach Frankfurt am Main und von dort mit der Lufthansa nach Warschau.

Die Staatssicherheit erwartete ihn schon an der Gangway mit einem Kameramann, der alles aufnehmen sollte. Der Film hat in den Stasi-Archiven überdauert. Man sieht wie er in einen separaten Bus gelotst und in einen Warteraum des Flughafens gebracht wird. Am Ende bringen ihn die Beamten mit Gewalt in eine LOT-Maschine nach Wien.

Der Stasi-Film ist hier zu sehen. 

… verstoβen…

Morawiecki gelang die Rückkehr nach Polen bereits im August 1988. Mit einem falschen Pass passierte er im Auto eines Bekannten von Wien aus die polnische Grenze und tauchte wieder in Wroclaw unter. Die Stasi fahndete nur noch halbherzig nach ihm. Der Kommunismus schwächelte an allen Ecken und Enden, fast nichts funktionierte mehr. Wer klug war im Lager der Noch-Machthaber, der legte sich jetzt nicht mehr mit der Opposition an, die vielleicht schon bald das Land regieren würde.

Morawiecki und seine KS lehnen den faulen Kompromiss mit den Kommunisten rundweg ab. Für die Solidarność-Chefs, wie Lech Wałęsa, der schon damals in panischer Angst lebte, seine Stasi-Spitzeltätigkeit könnte auffliegen, wie Morawieckis Breslauer Gegenspieler Władysław Frasyniuk, wie Adam Michnik und Bronisław Geremek, den Vordenkern der „Versöhnung“ mit den Kommunisten ohne diese für ihre Missetaten zur Rechenschaft zu ziehen, für all diese Leute war Morawiecki schon damals ein „Spinner“ und „Extremist“.

Noch gut dreiβig Jahre später, nur einen Tag nach Morawieckis feierlicher Beerdigung am 5. Oktober 2019, wird ihn Lech Wałęsa öffentlich aufs Übelste beschimpfen. „Ich habe Morawiecki vergeben. Sie machen aus ihm einen Helden und er hat inmitten des Kriegsrechts, als wir von allen Seiten angegriffen wurden, die Kämpfende Solidarność gegründet. Was war das? Das war Verrat. Ein Verräter! Das ist die Wahrheit. Wir vergeben ihm. Ich habe darüber nie gesprochen. Ich wusste, dass er nicht viel ausrichten wird, dass er nicht viel kann. Wir haben ihn ignoriert. Aber heute machen sie aus ihm einen Helden!“

Groβe Teile der alten Solidarność-Elite haben sich in der neuen Wirklichkeit auf hohen staatlichen Posten und in den Vorstandsetagen gut eingerichtet. Versöhnt mit ihren einstigen kommunistischen Gegnern, oft hohen Stasi-Beamten, die ihre Parteibücher gegen Scheckbücher eingetauscht haben, predigten und praktizierten sie gemeinsam einen Vulgärliberalismus, der Millionen von Menschen nichts Gutes brachte: erzwungene Auswanderung, Massenarbeitslosigkeit, eine räuberische Privatisierung, explodierende Kriminalität und Korruption, den Niedergang der Provinz mit geschlossenen Polizeistationen, Postämtern, Gesundheitszentren, gekappten Bus- und Bahnverbindungen. Das waren die ersten etwa fünfzehn Jahre nach dem Kommunismus.

… und wiederentdeckt

Morawiecki konnte sich in dieser neuen Wirklichkeit nicht zurechtfinden. All die Parteien, die er gründete oder denen er beitrat scheiterten an der allgemeinen Apathie, an der Abwendung von der Politik, an dem täglichen Kampf ums Überleben oder um etwas mehr Konsum.

Kornel Morawiecki im Wahlkampf vor den Präsidentschaftswahlen 1990 auf dem Langen Markt in Gdańsk.

Er lebte fast gänzlich vergessen in Wrocław, hatte ein karges Auskommen als Dozent an der Technischen Hochschule.
Dafür machte Sohn Mateusz Karriere als Wirtschaftsexperte und Banker. Die Erlebnisse aus der Jugendzeit, das Werk des Vaters brachten den Sohn auf natürliche Weise mit dem nationalkonservativen Lager in Polen zusammen.

Sein Wissen, das er sich an den Universitäten in Wrocław, Connecticut, Basel, Hamburg, Frankfurt am Main erwarb, seine Weltgewandtheit, Intelligenz und sein Patriotismus beeindruckten Jarosław Kaczyński tief. Stundenlang diskutierten die beiden noch vor 2015, als Recht und Gerechtigkeit in der Opposition ausharrte, wie man Polen aus der Falle des Billiglohnlandes und der Stagnation auf mittlerem Niveau, ohne Chancen auf eine innovative Modernisierung, befreien könnte.

Mateusz Morawiecki verschmähte 2015 den hervorragend bezahlten Posten des Vorstandsvorsitzenden der drittgröβten Bank Polens, der WBK, und ging in die Politik als Wirtschaftsminister nachdem Recht und Gerechtigkeit 2015 die Parlamentswahlen gewann.

Warschau am 12. Dezember 2017 im Sejm. Der Sohn wird Ministerpräsident, der Vater gratuliert.

In denselben Parlamentswahlen erlangte Vater Kornel einen Sitz im Sejm als Abgeordneter der Kukiz’15-Bewegung. Als Alterspräsident hielt er eine vielbeachtete Eröffnungsrede im neugewählten Abgeordnetenhaus. Mit ihr meldete er sich zurück in der kollektiven Erinnerung der Nation.

Den Antisystem-Verband, konservativ in der Weltanschauung, radikal liberal im Wirtschaftsprogramm, hatte der Rock-Musiker Paweł Kukiz, ein Hansdampf in allen Gassen, gegründet. Die am Anfang sehr erfolgreiche Bewegung, die 2015 immerhin 42 Mandate gewann, erwies sich jedoch sehr bald als nicht überlebensfähig.

Kornel Morawiecki verlieβ Kukiz‘ 15 ziemlich schnell und gründete den Abgeordnetenzirkel „Wolni i Solidarni“ („Die Freien und die Solidarischen“). Jetzt standen Vater und Sohn auf der höchsten politischen Bühne in Polen. Fotografen lieβen sich keine Gelegenheit entgehen, die beiden bei ihren kurzen Begegnungen im Plenum des Sejm zu fotografieren.

Seine Beerdigung war ein erhebender Staatsakt, an dem Zehntausende von Polen teilnahmen. Fast vergessen, wurde Kornel Morawiecki kurz vor seinem Tod als ein groβer Vorkämpfer für ein solidarisches und freies Polen wiederentdeckt. Bescheiden und unverbrüchlich im Leben, nahm er nach seinem Tod den ihm gebührenden Platz im Pantheon der groβen Polen ein.

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