Agitprop im EU-Haus der Geschichte

Ein Vorhaben, das spaltet, anstatt zu einigen.

Den Zusammenhalt stärken und eine europäische Identität schaffen, das ist der Traum aller EU-Begeisterten. Ein in Mauern und Vitrinen gefasster offizieller EU-Blick in die Vergangenheit: das Brüsseler Haus der Europäischen Geschichte sollte dabei helfen. Die Botschaft jedoch, die von dort ausgeht ist erschreckend einseitig und kleingeistig.

Prof. Andrzej Nowak, einer der namhaftesten polnischen Historiker, hat das Brüsseler EU-Geschichtsmuseum besucht. Seinen ausführlichen Bericht druckte das Wochenmagazin „Sieci“ („Netzwerk“) vom 9. Juli 2018.

Vorher schon gab es aus Polen kritische Stimmen zu der Ausstellung. Im Oktober 2017 schrieb der polnische Kulturminister Prof. Piotr Gliński an EU-Parlamentschef Antonio Tajani, „die Ausstellung verstoβe gegen fundamentale historische Wahrheiten“. Alle Beanstandungen wurden in Brüssel jedoch beiseitegeschoben, und alles blieb beim Alten.

Prof. Andrzej Nowak.

Nachstehend bringen wir die deutsche Übersetzung des Berichtes von Prof. Andrzej Nowak.

Schablonen kommunistischer Propaganda

„Anfang Mai 2017 wurde in Brüssel das Haus der Europäischen Geschichte eröffnet. Das Museum, ein Muster des EU-gewünschten Geschichtsbewusstseins, ist ein offizielles Vorhaben des Europäischen Parlaments und befindet sich in dessen unmittelbarer Nachbarschaft. Leider erinnert die in dem Brüsseler Haus vorgenommene Zusammenfassung der überaus reichhaltigen und vielschichtigen europäischen Geschichte eher an die Schablonen kommunistischer Propaganda aus den Zeiten Josef Stalins: vom Bösen der Zersplitterung und Kleinstaaterei, hin zum Guten der Eintracht; aus der Finsternis der Geschichte empor zum Lichte der EU.

Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel.

Ideengeber war vor gut zehn Jahren der damalige Präsident des Europäischen Parlaments Hans-Gert Pöttering. Der jetzige Präsident, Antonio Tajani, sagte bei der Eröffnung klipp und klar: es soll ein Ort sein, an dem nicht nur die europäische Geschichte erzählt wird. Er soll zugleich die europäische Identität und Erinnerung formen helfen. „Ich glaube an die Europäische Union, weil wir keine anderen Lösungen parat haben (…) Der Blick zurück auf unsere Geschichte wird unsere Identität stärken“, so Tajani.

Zu diesem Zweck wurden fünfzig Millionen Euro ausgegeben. Das Ergebnis kann man auf gut viertausend Quadratmetern Ausstellungsfläche in fünf Etagen besichtigen. Die Exponate sind nicht beschriftet. Für den Rundgang erhält man ein Tablet, auf dem die Führung in einer der vierundzwanzig EU-Sprachen gespeichert ist.

Haus der Europäischen Geschichte. Ohne Tablet erfährt man nichts.

Auf der untersten Ebene befindet sich der kleinste Teil der Ausstellung; über den Mythos Europas, der Prinzessin aus Phönizien, bis hin zum 19. Jahrhundert. Der Elan der einführenden Präsentation kann sich mit der kulturgeschichtlichen Einführung für ein Heimatmuseums messen, mit dem Unterschied, dass hier die Kultur gänzlich fehlt. Zu sehen sind einige Glasvitrinen mit Informationen über das Christentum, Philosophie, Nationen, den Kommunismus und deren Bedeutung für die Geschichte Europas. All diesen Erscheinungen werden jeweils etwa zwei Minuten im Tablet-Führer gewidmet.

Christentum und Nationen adieu

Über das Christentum kann man erfahren, dass diese Religion jahrhundertelang in Europa vorherrschend war, aber es zukünftig nicht mehr sein wird, was der Tablet-Kommentar hoffnungsvoll nahelegt. Kein Wort wird an dieser Stelle verloren, über den Stolz Europas, sein christliches Erbe: die Universitäten, die romanischen und gotischen Kathedralen bis hin zur Sagrada Familia in Barcelona.

Kein Wort wird verloren über sakrale Musik von Guillaume de Machaut über Bach, Mozart, Beethoven bis hin zu Strawinsky, Szymanowski, Górecki und Pärt. Nichts ist zu vernehmen über die vom Christentum angeregte Malerei von Giotto über Piero della Francesca, Leonardo da Vinci, Raffael, Dürer bis hin zu Salvatore Dali.

Botschaft im Haus der Europäischen Geschichte: Nationen werden verschwinden. Dazu eine deutsche Pressestimme.

Es folgen die Nationen. Sie entstanden, so heiβt es, in den letzten zwei Jahrhunderten. Interessant wäre es diesbezüglich zu erfahren, was es z. B. mit den Juden und den Armeniern auf sich hatte. Gab es sie nicht vor dem 19. Jahrhundert?

Und gab es tatsächlich keine Engländer, Polen oder Ungarn vor dem 19. Jahrhundert? Die Belgier gab es vorher nicht, das stimmt. Vom Tablet erfährt man, dass die Europäer vorher schlicht und einfach Bewohner von Imperien und Königreichen waren. Als Beispiele für die Nationenbildung werden die Polen und die Griechen erwähnt, die angeblich erst gerademal vor knapp zweihundert Jahren aus den Trümmern von Imperien hervorgingen.

Doch vor zweihundert Jahren, also um 1817, hatten die drei Imperien, die Polen untereinander aufteilten: Russland, Preuβen und Österreich noch knapp einhundert Jahre einer machtvollen Existenz vor sich, die erst am Ende des Ersten Weltkrieges 1918 mit dem Zusammenbruch endete. Um 1817 blickten zudem die Polen auf die achthundertjährige Geschichte ihres kurz zuvor zerschlagenen Staates zurück.

Das vorläufige Phänomen der Nationen wird, so die Botschaft der Einführung in die europäische Geschichte im Haus der Europäischen Geschichte, hoffentlich, die historische Schaubühne endgültig verlassen.

Philosophie in Europa: Aristoteles und Slavoj Žižek. Sonst war da nichts.

Die Philosophie, ja es gab sie in Europa, was man anhand von nur zwei Persönlichkeiten nachvollziehen soll: der von Aristoteles und der von Slavoj Žižek, eines zeitgenössischen slowenischen Neomarxisten und Freudianer. Platon, Augustinus, Thomas von Aquin, ja sogar Hobbes, Locke, Rousseau oder Kant fehlen im europäischen EU-Gedächtnis. Sie wurden aus dem modernen Europa vertrieben, so wie Platon seiner Zeit die Dichter aus seinem Idealstaat verbannte.

Es gibt in dem neuen EU-Idealeuropa nicht einmal eine Vitrine, die der politischen Freiheit in ihren unterschiedlichen Bedeutungen gewidmet wäre: der republikanischen Freiheit zum Beispiel oder der liberalen Freiheit, einer für die europäische Identität so wichtigen Idee. Erwähnt wird nur die antike griechische Demokratie.

Kommunismus und Kolonialismus im falschen Licht

Dafür gibt es den Kommunismus, dem eine eigene Vitrine zugedacht wurde, genauso wie den Nationen und dem Christentum. Nur die Aussage ist hier ganz anders. Diese edle Idee machte zwar in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine schwierige Phase in Osteuropa durch, aber das, so der Tablet-Kommentar, muss nicht unbedingt heiβen, dass sie heute an Bedeutung verloren und keine Zukunft mehr hat. Eine Etage höher kann man dann, neben einem Exemplar des „Kommunistischen Manifests“ stehend, dem Tablet entnehmen, „der Marxismus war ein »flammender Protest« gegen die Ungerechtigkeiten des europäischen Kapitalismus.“

Ganz Europa trägt die Schuld am Kolonialismus? Afrika-Karte von 1914. Die Polen und viele andere europäische Nationen sind nicht dabei.

Zurecht erfahren wir in der Einführung zur Ausstellung einiges über die Verbrechen des europäischen Kolonialismus. Wir erfahren jedoch nicht konkret, welche Staaten diese Verbrechen begangen haben (zur Erinnerung: Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Groβbritannien, die Niederlande, Italien, Portugal, Spanien), und welche von ihnen unter dem Kolonialismus litten. Da sind die Balkanländer als Opfer des türkisch-islamischen Kolonialismus sowie die Mittel-und Osteuropäischen Länder, die dem russischen und deutschen Kolonialismus ausgesetzt waren.

Europa-Karte von 1914. Polen existiert nicht. Es ist damals seit 119 Jahren eine russisch-deutsch-österreichische Kolonie.

Wir hören, dass der Kolonialismus die groβe Schuld ganz Europas sei, und das ist eindeutig eine historische Fälschung. Die Autoren der Ausstellung unterstreichen, dass Europa (ohne die gerade erwähnten Unterschiede) als solches den Rest der Welt, vor allem im 19. Jahrhundert, ausgebeutet und zugleich seine angebliche technische und kulturelle Überlegenheit zur Schau gestellt hat. Wahrscheinlich aus diesem Grund wird sich so gut wie gar nicht der phänomenalen Entwicklung von Wissenschaft und Technik im Europa jener Zeit gewidmet, und genauso wenig der damals aufblühenden Kunst.

Auf diese Weise ausgestattet mit einem ganzen Sortiment an Ideen, die notwendig sind, um dem modernen Europäertum gerecht zu werden, steigen wir, über eine phantasievoll konstruierte Treppe, hinauf zur ersten Etage. Diese Treppe gleicht geradezu verblüffend dem Entwurf eines gigantischen Denkmals der Dritten Internationale, das im kommunistischen Moskau nach 1917 aufgestellt werden sollte.

Haus der Europäischen Geschichte. Treppe.
„Symbole der Epoche des sozialistischen Aufbaus“. Russische Briefmarke aus dem Jahr 2000. Links der Entwurf des vierhundert Meter hohen Denkmals für die Dritte Internationale in Moskau.

Nationen halten her für die Imperien

Wir geraten direkt ins Herz der Finsternis des 19. Jahrhunderts. Hier wüten der Nationalismus und der Kapitalismus. Den Nationalismus symbolisieren Bücher, unter ihnen entdecken wir die erste polnische Spur in dieser Ausstellung: die „Trilogie“ des Literatur-Nobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz.

Die Trilogie („Mit Feuer und Schwert“:, „Sintflut“ und „Pan Wołodyjowski. Der kleine Ritter“) von Henryk Sienkiewicz. Deutsches Hörbuch.

Doch es gibt Hoffnung, verkörpert durch einen riesigen Nachdruck des Symbols der Französischen Revolution, des Gemäldes von Eugène Delacroix „Die Freiheit führt das Volk auf die Barrikaden“. Der Marxismus taucht wieder auf und die Arbeiterbewegung betritt die historische Bühne. Soziale Spannungen und internationale Rivalitäten führen schlussendlich zum gigantischen Massenschlachten des Ersten Weltkrieges.

Der Begriff „interNATIONAL“ wird immer wieder hervorgehoben, obwohl es die Rivalitäten zwischen den Imperien waren (welche selbst etliche Nationen unterdrückten) die den Weltkrieg verursachten. Die Ausstellung duldet jedoch keine Zwischentöne: es sind, ohne Unterschied, die NATIONEN und die Nationalismen, die den Krieg entfesselt haben, nicht die Imperien und der Imperialismus.

Der dem Ersten Weltkrieg gewidmete Teil ist zweifelsohne der interessanteste in der ganzen Ausstellung und hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Auf Kriegsfuβ mit der historischen Wahrheit

Aus den Wirren des Krieges gehen „neue Völker“ hervor und natürlich aufs Neue die Nationalismen. Zum Vorschein kommt aber auch ein faszinierendes Experiment: der Versuch eine neue, gerechte Welt zu erschaffen, fuβend auf der Idee des Kommunismus. Doch das grandiose Vorhaben hat es nicht leicht in Russland: auf den furchtbaren „weiβen“ Terror, auf die Konterrevolution und die kapitalistische, bewaffnete Einmischung kann es nur eine Antwort geben: den „roten“ Terror.

Dzierżyński-Biografie. „Der rote Henker“.

Hier tritt der zweite Pole in Erscheinung und zugleich der erste, dessen Antlitz wir sehen können: Feliks Dzierżyński (fonetisch Dserschinski – Anm. RdP), der Begründer der sowjetischen Terror- und Vernichtungsmaschinerie. Dzierżyński erscheint in einem eindeutig positiveren Zusammenhang, als der zuvor durch sein „nationalistisches“ Werk vorgestellte Schriftsteller Henryk Sienkiewicz.

Zerstörung des Dzierżyński-Denkmals in Warschau am 17. November 1989.

Der Kommunismus fungiert in dieser Ausstellung gewissermaβen als eine im Ansatz edle und berechtigte Antwort auf den Nationalismus. Dass der Kommunismus sich, falls erforderlich, hemmungslos des Nationalismus bedient hat, bleibt unerwähnt.

Die Zwischenkriegszeit ist gekennzeichnet durch die Krise der parlamentarischen Demokratie, das Fortschreiten autoritärer Tendenzen und faschistischer Regime, was unter anderem, wie kann es anders sein, eine kleine Statue Józef Piłsudskis, des Begründers des modernen polnischen Staates belegen soll. Die Antwort auf diese Gefahren sind die pazifistische Bewegung und Vorhaben zur europäischen Einigung, wie die Paneuropa-Union von Richard Coudenhove-Kalergi.

Den Kampf des Bösen (General Franco) gegen das Gute (die Republikaner, unterstützt von Stalins Sowjetunion) verkörpert der spanische Bürgerkrieg. Bald darauf bricht der Zweite Weltkrieg aus. Wie kam es aber dazu, dass die Sowjetunion, die bisher versucht hatte die Ausbeutung zu beseitigen und „das Gute“ nach Kräften unterstützte, sich plötzlich mit Hitler verbündete?

Hitler-Stalin-Pakt, Herbst 1939. Treffen an der Leiche Polens. Hitler: „Der Abschaum der Menschheit, wenn ich nicht irre.“, Stalin: „Der blutige Mörder der Arbeiterklasse, wie ich annehme?“. Britische Karikatur.

Die Information über die Unterzeichnung des Hitler(Ribbentrop)-Stalin(Molotow)-Paktes Ende August 1939 wird nicht verheimlicht, aber sie wird relativiert. Zu sehen sind zwei Zeitungsausschnitte: aus dem Organ der französischen Kommunisten „L’Humanité“ und aus der Moskauer „Prawda“. Sie bezeichnen den Pakt als „berechtigt“ und „friedenssichernd“.

Zwei Zeitungsauschnitte aus der polnischen Presse stufen ihn als „beschämend“ und „räuberisch“ ein. Wie viele Ausstellungsbesucher sprechen Französisch und Russisch, und wie viele Polnisch? Davon jedoch hängt letztendlich bei dieser Ausstellung die Möglichkeit ab, sich über den Hitler-Stalin-Pakt eine Meinung zu bilden. Der Text auf dem Tablet erwähnt den Pakt mit keinem Wort.

Und so treten wir ein, in das Grauen des Zweiten Weltkrieges und zugleich in ein ausstellungstechnisches Chaos. Die „Nazis“ und ihre Verbündeten sind verantwortlich für Massenmorde und das Leid der Zivilbevölkerung. Eine Fotoreihe, die das veranschaulichen soll, eröffnet das Bild einer offensichtlich leidenden deutschen Vertriebenenfamilie nach 1945. Es folgen getötete weiβrussische Partisanen, durch Hunger während deutscher Gefangenschaft zu Tode gekommene Rotarmisten, und ganz am Ende sieht man das runde Gesicht einer hübschen, adrett gekleideten Polin, die ein amerikanisches Lager für Displaced Persons (DP) im besetzten Deutschland verlässt. Entspricht die Gewichtung der Bildauswahl exakt der historischen Wahrheit?

Die klaer Botschaft : die Leiden der Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg verkörpern an erster Stelle deutsche Vertriebene.

Nicht zur Sprache kommt, dass Hitler mit den Massenvertreibungen begonnen hat. Er befahl den Deutschen aus den von den Sowjets im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes zwischen 1939 und 1941 besetzten Gebieten (Baltikum, Wolhynien, Bukowina usw.) „Heim ins Reich“ zu kommen, in die Wohnungen und Bauernhöfe Zehntausender aus dem Wartheland und aus Pommerellen vertriebener Polen. Es waren polnische Provinzen, die Hitler nach dem Polenfeldzug von 1939 an das Dritte Reich anschloss. Ganz zu schweigen von den geradezu monströsen Vertreibungen und Umsiedlungen innerhalb der Sowjetunion.

Die klare Botschaft: die Leiden der Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg verkörpern an erster Stelle deutsche Vertriebene.

Es gab einen „antinazistischen“ Widerstand in Europa, in Frankreich und in Norwegen. Polen bleibt in dieser Hinsicht unerwähnt, ebenso wie Millionen polnischer Opfer der deutschen Barbarei.

Vorbilder Deutschland und Österreich

In der dritten Etage begegnen wir wieder dem Holocaust, der eine Etage tiefer ziemlich verstreut und chaotisch dargestellt wurde. Jetzt geht es um die Erinnerung an den Holocaust als Mahnung und Anklage. An der einen Wand sehen wir die vorbildliche Aufarbeitung des Massenmordes an den Juden in Deutschland und Österreich.

Botschaft des Hauses der Europäischen Geschichte: der vorbildlichen deutschen Aufarbeitung des Holocaust sind die Polen nicht gewachsen. Angela Merkel in der Gedenkstätte Yad Vashem am 4. Oktober 2018.

Gegenüber werden, unter anderem, die Polen als „Mittäter“ vorgeführt, die angeblich Probleme mit der Erinnerung an ihre Beteiligung am Holocaust haben. Die Polen sollten sich wirklich schämen, so das nicht ausgesprochene, aber einleuchtende Fazit dieses Teils der Ausstellung, dass sie der vorbildlichen deutschen Aufarbeitung des Holocaust nicht gewachsen sind.

Man kann nicht sagen, in der Ausstellung herrsche die Art von Geschichtsbetrachtung vor, wie sie im heutigen Deutschland üblich ist. Das wäre zu allgemein gefasst. Es ist das Geschichtsbild der gegenwärtigen deutschen Sozialdemokratie und der Partei Die Linke, das hier vorherrscht, angeregt vom modernen Marxismus. Das Ergebnis ist eine Karikatur der europäischen Geschichte.

Wieder einmal zeigt sich, dass die EU lieber die Finger von solchen Vorhaben lassen sollte. Das ist nicht ihre Rolle. Solche Vorhaben spalten, anstatt zu einigen.

Radio Luxemburg vergessen

Eine Etage höher gelangen wir in die Zeit des Kalten Krieges und der Teilung Europas. Gewiss, so die Ausstellung, die damaligen Veränderungen in Osteuropa waren nicht demokratisch. Doch eine gehörige Portion Schuld dafür tragen die amerikanischen Imperialisten, und der von ihnen angeblich den Sowjets aufgezwungene Rüstungswettlauf, dem sich Stalin entgegenstellen musste.

Doch ein Funke der Hoffnung glüht in Westeuropa auf. Als Antwort auf die Schrecken des durch die Nationalismen entfachten Krieges, entsteht die Idee der europäischen Einigung, die den Nationalismus ausmerzen wird. Daran erinnern die Büsten der EU-Gründungsväter: Monnet, Schumann, Bech, Spaak und einiger anderer. Interessanterweise kam in dem EU-Geschichtsmuseum niemand darauf, an die frühen Vordenker der europäischen Einigung zu erinnern: Sully, Penn, Kant, Czartoryski…

In einem groβen Saal auf dieser Etage werden die ursprünglichen Fundamente der europäischen Integration veranschaulicht: Wohlstand und soziale Sicherheit. Das Auto für jedermann, verkörpert durch den Fiat 500, der Fernseher, eine anständige Wohnung, medizinische Versorgung.

Europa geeint und dennoch vergessen: Radio Luxemburg und der Liederwettbewerb der Eurovision.

Schade, dass die Autoren der Ausstellung die wichtige Rolle der Massenkultur bei der Schaffung eines einheitlichen europäischen Raumes völlig auβer Acht gelassen haben. Da ist zum Beispiel Radio Luxemburg, dem, trotz allen Pfeifens und Rauschens im Rundfunkempfänger, in den Sechzigerjahren Millionen osteuropäischer Jugendlicher gelauscht haben, um in Sachen Pop und Beat auf dem Laufenden zu sein.

Da ist auch der Liederwettbewerb der Eurovision (Eurovision Song Contest). Gerade auf diesem Niveau war und ist die europäische Einigung sehr fortgeschritten.

Nun schließen sich die Zeit des EU-Beitrittes von Griechenland, Portugal und Spanien, die sich ihrer Diktaturen entledigt haben, die Beitritte Schwedens und Österreichs, die EU-Osterweiterung an.

Der Kommunismus funktioniert in dieser Ausstellung gewissermaβen als eine im Ansatz edle und berechtigte Antwort auf den Nationalismus.

Der böse Schatten der Kirche

Papst Johannes Paul II, der vor allem bei der EU-Osterweiterung eine wichtige Rolle gespielt, und, vor dem Fall des Kommunismus, Osteuropa ins Bewusstsein der Westeuropäer gebracht hat, kommt im Europäischen Haus der Geschichte überhaupt nicht vor.
Dafür wirft der Einfluss der katholischen Kirche seine bösen Schatten voraus. Neben einem Exemplar der Enzyklika „Humane Vitae“ von 1968, in der Papst Paul VI. unter anderem an den uneingeschränkten und nicht zu diskutierenden Schutz der ungeborenen Kinder vor der Tötung erinnert, liegt eine furchterregende Zange mit der einst Abtreibungen vorgenommen wurden. Primitiver geht es kaum mehr.

Wir sollen uns Gedanken machen über die vermeintlichen Qualen, die angeblich ausgerechnet die Kirche den Frauen zufügt und nicht darüber, welch wichtige Rolle Johannes Paul II. bei der Verteidigung der Menschenrechte in Osteuropa gespielt hat.

Auβer Paul VI. werden in der Ausstellung noch die Päpste Pius XII. und Franziskus erwähnt. Die beiden letzteren mit Aussagen, in denen sie das EU-Projekt für gut und nützlich befinden.

Der Völkerherbst 1989 ein deutscher Herbst

Der Kommunismus in Osteuropa, der in der Ausstellung als zunehmend fassadenhaft, und immer weiter von den hehren Idealen des Karl Marx entfernt dargestellt wird, beginnt, mir nichts, dir nichts, sich zu demokratisieren. Ein siebenminütiger Film zeigt den Beginn der Gespräche am runden Tisch in Polen, so als hätte es den langjährigen Widerstand der Solidarność nicht gegeben. Es entsteht der Eindruck, die polnischen Kommunisten wollten, wahrscheinlich guten Herzens, ihre Macht mit der Opposition teilen.

Völkerherbst 1989. Berliner Happy End. Nur das zählt.

Auf dieses Fragment und einige Filmsequenzen über die ersten halbfreien Wahlen in Polen am 4. Juni 1989 folgen noch jeweils einige Sekunden zwecks Erwähnung der „Revolutionen“ und Veränderungen in der Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien sowie Rumänien. Mehr als fünf Minuten, also siebzig Prozent der Filmerzählung über das historische Jahr 1989 im Osten Europas, sind Deutschland gewidmet. Beginnend mit der Flucht der DDR-Bürger über Ungarn, bis zum Fall der Berliner Mauer. Nur das zählt, und nur dieser Teil der Erzählung ist schlüssig und ergibt einen Sinn.

Als Gegenteil zum Berliner Happy End, wird der Krieg in Jugoslawien gezeigt. Verursacht haben ihn, daran hegen die EU-Geschichtserklärer keine Zweifel, wieder die Religionen und der Nationalismus. Die Utopie von einem föderalen kommunistischen Staat, durch die der jugoslawische Kommunistenführer Josip Broz Tito seine imperialen Balkanträume verwirklichen wollte, kommt genauso wenig zur Sprache, wie dieselben Ambitionen seines serbischen Nachfolgers Milosevic.

Das Ende des Kalten Krieges öffnet den Weg zur Vereinigung des Kontinents. In der Ausstellungsbroschüre kann man nachlesen, dass „die Völker dem Abgeben von immer mehr und mehr Zuständigkeiten zustimmen, um eine übernationale Wirkkraft zu schaffen“. Die Finanzkrise und die Eurokrise von 2008 waren eine Eignungsprüfung der „europäischen Solidarität“.

Im Vorhof des Paradieses angekommen

Beseelt von dieser Botschaft, erklimmen wir die höchste Etage, wo uns schon der strahlende EU-Ratspräsident Van Rompuy erwartet, der gerade den Friedensnobelpreis für die EU in Empfang genommen hat. Wir sind im Vorhof des Paradieses angekommen.
Irgendwo im Hintergrund soll es einige kritische Akzente geben: Plaketten etwa, die zum Brexit auffordern. Doch nach der Besichtigung der Ausstellung wissen wir sehr gut, was wir davon zu halten haben.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz mit der Friedensnobelpreis-Medaille für die EU in Oslo am 10. Dezember 2012.

Wir wissen jetzt auch worauf die neue europäische Identität beruht: auf Angst vor der Rückkehr zu der entsetzlichen Vergangenheit, in der Europa lebte, bevor diese Identität, geeinigt, dort anlangte, wo sie sich heute unter der weisen Führung der Vorsitzenden Juncker, Tajani und Tusk befindet.

Diese Angst mag teilweise sogar berechtigt sein, aber das Idealbild der Geschichte und der „Erinnerung“, das von der EU offiziell erzeugt wird ist kümmerlich, um nicht zu sagen primitiv.
Europa reicht mit seinen Wurzeln mindestens bis in die Zeit Karls des Groβen zurück und birgt in sich, die Hinterlassenschaft der mediterranen, also der antiken griechischen und römischen Kultur, die mit der jüdisch-christlichen Tradition eng verflochten ist.

Die brutale Reduzierung der breit gefächerten, anspruchsvollen und komplizierten europäischen Geschichte, die in Brüssel von EU-Amtswegen vorgenommen wurde, stimmt traurig und weckt Angst, nicht vor der Rückkehr in die Vergangenheit, sondern eher vor dem jetzigen Zustand unseres Kontinents, auf dem so etwas praktiziert wird.

RdP




Ładoś, der Judenretter

Held und Passfälscher.

Knapp vier Jahre lang beschafften polnische Diplomaten in der Schweiz und jüdische Funktionäre gemeinsam falsche lateinamerikanische Pässe, um Juden im besetzen Polen vor der Ermordung zu retten. Jahrzehntelang unbekannt und verdrängt, kommt die Geschichte der Berner Gruppe erst heute ans Tageslicht.

Botschafter Jakub Kumoch.

Das Wochenmagazin „Do Rzeczy“ („Zur Sache“) veröffentlichte am 28. Oktober 2018 ein Gespräch mit dem polnischen Botschafter Jakub Kumoch. Er hat wesentlich beigetragen zur Erforschung dessen, was die Berner Gruppe geleistet hat.

Jakub Kumoch, geboren 1975, ist Politikwissenschaftler und seit Oktober 2016 polnischer Botschafter in der Schweiz und Liechtenstein.

Frage: Wer war Aleksander Ładoś?

Botschafter Jakub Kumoch: Ładoś war polnischer Gesandter in der Schweiz. Er kam 1940 nach Bern, kurz vor der Kapitulation Frankreichs.

Gebäude der polnischen Gesandtschaft in Bern. Heute Residenz des Botschafters.

Anm. RdP: Aleksander Ładoś (fonetisch Uadosch), geboren 1891 in Lwów/Lemberg, gestorben 1963 in Warschau, war bis Juli 1945 polnischer Gesandter in der Schweiz und vertrat die legale polnische Regierung, die sich im Exil befand. Ende 1941 unterhielt diese Regierung 5 Botschaften, 10 Gesandtschaften und gut 50 konsularische Vertretungen verschiedenen Ranges in neutralen und sich im Krieg mit Deutschland befindenden Ländern.

Die Regierung im Exil entstand Ende September 1939 in Frankreich, noch während der letzten Kämpfe der polnischen Armee gegen deutsche und sowjetische Truppen, die am 1. bzw. 17. September 1939 in Polen einmarschiert waren. Nach dem deutschen Überfall auf Frankreich am 10. Mai 1940, der mit der Kapitulation der Franzosen am 22. Juni 1940 endete, wurde die polnische Exilregierung nach London evakuiert. Ihr stand, bis zu seinem Tod am 4. Juli 1943, General Władysław Sikorski vor.

Ładoś arbeitete seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit durch Polen im November 1918 bis 1931 im polnischen diplomatischen Dienst. Er war u.a. Sekretär der polnischen Delegation bei den Friedensverhandlungen mit den Sowjets im lettischen Riga. Dort kam es im März 1921 zur Unterzeichnung eines Friedensabkommens, das den sowjetisch-polnischen Krieg von 1919 – 1920 beendete. Ładoś wurde dann noch Gesandter in Riga und Generalkonsul in München.

Nach seiner Entlassung aus dem Auβenministerium 1931 bekleidete Ładoś den Posten des Chefredakteurs der angesehenen „Gazeta Handlowa“ („Handelsblatt“) und war ein gefragter Publizist.
Noch während der Kampfhandlungen in Polen 1939 gelangte er über Rumänien und Jugoslawien nach Frankreich, wo er als Vertreter der Bauernpartei bis Dezember 1939 in der Koalitions-Exilregierung Sikorskis als Minister ohne Geschäftsbereich fungierte. Kurz darauf wurde er nach Bern entsandt. (Anm. RdP)

Botschafter Jakub Kumoch: Nach seiner Ankunft in Bern musste sich Ładoś sofort einer ernsthaften humanitären Krise stellen. In der Schweiz wurde nämlich die 2. Polnische Infanteriedivision interniert.

Anm. RdP: Die 2. Polnische Infanteriedivision zählte knapp 16.000 Soldaten und Offiziere, und war eine von mehreren Einheiten, die die Exilregierung in Frankreich im Herbst 1939 und Frühjahr 1940, im Einvernehmen mit den Franzosen, aufgestellt hat. Unter ihre Fahnen meldeten sich polnische Flüchtlinge und Polen, die in Frankreich und in den Benelux-Staaten lebten. Die Division kämpfte gegen die Wehrmacht im Elsass. Als der französische Widerstand zusammenbrach, ging sie über die Schweizer Grenze und wurde interniert. (Anm. RdP)

Botschafter Jakub Kumoch: Mit dem polnischen Militär floss auch der Strom polnischer Zivilflüchtlinge aus Belgien, Holland, aus dem von den Deutschen besetzten und nicht besetzten Teil Frankreichs in Richtung Schweiz.

Juden?

Zu einem beträchtlichen Teil. Sie lebten meistens schon lange vor dem Krieg im Ausland und hatten die polnische Staatsangehörigkeit verloren. Jetzt drohte ihnen die Deportation aus der Schweiz in den von den Deutschen besetzten Teil Frankreichs. Die polnische Regierung im Exil gab ihnen die polnische Staatsangehörigkeit zurück. Das verlangte dem polnischen Konsul in Bern, Konstanty Rokicki (fonetisch Rockitzki – Anm. RdP) eine gigantische Arbeit ab. Massenweise stellte er diesen Leuten Pässe der Republik Polen aus.

Wurden zu jener Zeit die Kontakte zu den jüdischen Organisationen geknüpft?

Abraham Silberschein.

Ja. Unter anderem zu dem polnisch-jüdischen Rechtsanwalt Abraham Silberschein, der in Genf an der Spitze des Jüdischen Hilfskomitees stand. Die Polen und die Juden stellten schnell fest, dass sie es jeweils mit einem seriösen Partner zu tun hatten, dem man trauen konnte. Das sollte sich in der Zukunft auszahlen.

Und woher kam die Idee, gefälschte Pässe südamerikanischer Staaten zu verwenden?

Diesbezüglich trafen wir auf zwei Spuren. Beide führten zum polnischen Konsulat in Bern. Die erste besagt, dass der Gesandte Ładoś bereits 1941 einzelne Pässe in der chilenischen Botschaft in Rom beschafft hatte.

Und die zweite Spur?

Diese Spur betrifft polnische Juden, die 1939 in den von den Sowjets besetzten Teil Polens geflohen sind. Sie saβen in einer Falle. Die Sowjets wollten sie nicht bei sich aufnehmen und die Geflohenen wollten nicht in den vom Deutschen Reich besetzten Teil Polens zurückzukehren. Der japanische Konsul im litauischen Kaunas, Chiune Sugihara stellte ihnen z.B. Transitvisa nach Japan aus.

Das ist bekannt, aber was hat das mit der Berner Gruppe zu tun?

Juliusz Kühl.

Ein Helfer Ładoś’, der junge polnische Jude Juliusz Kühl, gab 1943 vor dem schweizerischen Staatsanwalt zu Protokoll, dass die polnischen Diplomaten damals auf die Idee kamen, polnische Juden aus der Sowjetunion rauszuholen, indem sie ihnen die paraguayische Staatsangehörigkeit „verliehen“. Es wurden damals einige Dutzend Pässe dieses Landes gekauft.

Als die Deutschen 1942 die Vernichtungslager in Betrieb nahmen, kam die Tätigkeit der Berner Gruppe richtig in Schwung.

Bis dahin war das ein sehr beschränktes Vorhaben, weil man befürchtete, es könne auffliegen. Lateinamerikanische Pässe erhielten nur ausgewählte Juden, in der Hoffnung, die Deutschen würden sie als Ausländer besser behandeln. Niemand hatte angenommen, Hitler würde ein ganzes Volk ausrotten wollen. Ab 1942 galt es, Menschen um jeden Preis vor dem Tod zu retten.

Falscher paraguayischer Pass für die fünfköpfige Familie Goldzweig.

Die Pässe waren nicht billig.

Sie kosteten bis zu zweitausend Franken pro Stück. Mehr als Ładioś im Monat verdiente. Eine Schweizer Zeitung, die kürzlich über die Berner Gruppe schrieb, hat ausgerechnet, dass das heute in etwa vierzehntausend Franken wären.

Wer nahm das Geld?

Der Berner Anwalt und Honorarkonsul Paraguays Rudolf Hügli. Zuerst verlief alles sehr chaotisch. Die Juden kamen mit dem Geld in die polnische Gesandtschaft. Die Gesandtschaft gab es an Hügli weiter und bekam von ihm die Pässe. Doch Hügli machte auch Passgeschäfte auf eigene Faust und beging einen Fehler. Er verkaufte einem Gestapo-Agenten einen Pass. Die Gestapo interessierte sich von Anfang an für das Vorhaben.

Hügli wurde verhaftet.

Ja. Das war im Januar 1943. Die Schweizer Behörden bezichtigten ihn der Spionage. Um sich herauszureden, verriet Hügli das Vorhaben und wälzte die ganze Schuld auf die Polen ab. Sie hätten ihn zu den Machenschaften überredet. Hügli entstammte einer ehrwürdigen Schweizer Juristenfamilie. Die Behörden glaubten ihm, und da er schon siebzig war gingen sie davon aus, dass er nicht recht wusste, was er tat. Die Polen wurden diskret abgemahnt, die Angelegenheit unter den Teppich gekehrt.

Hügli schied aus.

Nein. Er agierte ab diesem Zeitpunkt nur viel vorsichtiger. Er verkaufte den Polen weiterhin die Pässe und machte, wie bisher, ein Bombengeschäft. Die Papiere waren aber alle vor dem Januar 1943 datiert, damit es so aussah als hätte er sie vor seiner Verhaftung ausgestellt. Im Internet kann man, gescannt, eine Menge solcher Pässe finden. Fast alle sind auf Dezember 1942 datiert.

Chaim Eiss.

Und was taten die Polen nach dem Reinfall?

Sie beschlossen das Ganze neu zu ordnen. Es sollte ein Retten mit System sein. Ab jetzt fertigte Abraham Silberschein in Genf die Listen polnischer Juden an und besorgte das Geld für ihre Rettung in den USA. Der zweite Partner war der polnisch-jüdische Kaufmann Chaim Eiss aus Zürich. Silberschein war ein Zionist, Eiss ein Ultraorthodoxer. Dennoch funktionierte die Zusammenarbeit bestens.

Wer hat gezahlt?

Vor allem jüdische Verbände in Amerika, teilweise auch die polnische Exilregierung. Sehr wichtig war, dass die Polen Hügli zwingen konnten „Groβhandelspreise“ zu nehmen. Zuerst 700 Franken, dann sogar 500 Franken für einen paraguayischen Blankopass. Ausgefüllt hat sie ab jetzt nur noch der polnische Konsul Konstanty Rokicki. Wir haben seine Handschrift einwandfrei identifiziert, da wir vor Kurzem einen 1940 in der Berner Gesandtschaft ausgestellten polnische Pass erhalten haben. Die Handschrift des Konsuls ist identisch mit der in den paraguayischen Dokumenten.

Konstanty Rokicki.

Und was passierte derweil im besetzten Polen?

Ein Teil der beglaubigten Kopien der paraguayischen Pässe ging ins Warschauer Ghetto, die meisten jedoch nach Będzin und Sosnowiec (Städte im Dombrauer Kohlebecken, einst im russischen Teilgebiet Polens, heute mit Oberschlesien zusammengewachsen – Anm. RdP).

Nach welchem Schlüssel wurden die Papiere angefertigt? Sollten vor allem die Eliten gerettet werden?

Am Anfang sollten tatsächlich nur Ausgewählte die Pässe bekommen: Rabbiner, die zionistische Jugend, Intellektuelle, bekannte und einflussreiche Juden. Bald jedoch bekam das Vorhaben Massencharakter.

Pässe wurden ausgestellt für mehrere Generationen einer Familie. Kibbuzim, die vor dem Krieg auswandern wollten, bestellten sie für ihre Mitglieder. Mitglieder des Widerstandes sollten sie bekommen, doch ein Teil von ihnen lehnte ab und kam später während des Aufstandes im Ghetto von Bendzin um. (Historiker verwenden nicht den Begriff Aufstand. Etwa zwanzig junge Juden leisteten am 2. und 3. August 1942 bewaffneten Widerstand bei der Auflösung des Ghettos – Anm. RdP)

Zur Ausstellung eines Passes muss man ein Foto haben.

Fotos wurden durch die Slowakei und Ungarn in die Schweiz geschmuggelt. Vor nicht langer Zeit konnten wir das Archiv von Chaim Eiss übernehmen. Dort gibt es viele Fotos von Juden aus dem besetzten Polen. Man sieht, dass die meisten aus alten Familienbildern herausgeschnitten worden sind. Auf dem einen hält jemand ein Kind auf dem Arm, auf einem anderen sieht man Gestalten im Hintergrund.

Die Fotos kamen auf den Schreibtisch von Konsul Rokicki. Er klebte sie in die falschen Pässe ein. Und wie gelangten die Pässe ins besetzte Polen?

Die Originale der gefälschten Pässe gingen nicht dorthin. Keiner der Pässe sollte jemals die Schweiz verlassen. Nur ganz wenige wurden in Notfällen oder aus Versehen ins besetzte Polen gebracht. Hätte man das getan, hätten Massen von Menschen versucht das besetzte Polen zu verlassen. Die Grenzbeamten, seien es die deutschen, die der mit dem Reich verbündeter Länder oder neutraler Staaten hätten sehr schnell den Schwindel aufdecken können und die neuen „Bürger“ lateinamerikanischer Länder wären in den Vernichtungslagern gelandet.

Was geschah mit den Originalen?

Sie landeten in den Panzerschränken von Abraham Silberschein oder Chaim Eiss und sollten sofort nach dem Krieg vernichtet werden. Der Anwalt und Honorarkonsul Rudolf Hügli fertigte Kopien der Pässe an und beglaubigte sie notariell. Dann schickte er sie mit der Post ins besetzte Polen, versehen mit einem Schreiben an den Empfänger, er sei paraguayischer Staatsbürger geworden. Der Betroffene konnte auf diese Weise versuchen den Deutschen weiszumachen, dass er Ausländer sei, aber er konnte nicht ausreisen.

Wozu also das Ganze?

Damit die Deutschen den Passbesitzer nicht ermorden, sondern in einem Lager für Ausländer einsperren. Die Insassen warteten dort auf einen Austausch gegen Deutsche, die von den Alliierten interniert wurden.

Alles wäre gut gegangen, hätten die Deutschen nicht gemerkt, dass man sie betrogen hat.

Ich sehe das anders. Die Deutschen wussten von vornherein, dass diese Juden mit Paraguay nichts zu tun hatten. Sie hatten zwei Möglichkeiten, die sie ja auch verfolgten. Ein Teil der deutschen Verwaltung war der Meinung, man solle das Spiel spielen und die „Latinos“ gegen Deutsche austauschen. Die anderen waren vom Mordwahn ergriffen. Deswegen wurde ein Teil der Passbesitzer umgebracht, andere wiederum wurden verschont.

Als die Deutschen begannen die Pässe der Insassen im Internierungslager Vittel in Frankreich zu überprüfen, haben die lateinamerikanischen Länder ihre „Bürger“ verleugnet.

Polnischer Exil-Auβenminister Tadeusz Romer.

Das stimmt nicht ganz. Gerade Uruguay kann stolz auf sich sein. Es hat 1944 die Hügli-Pässe anerkannt, ohne irgendeine Gegenleistung dafür zu verlangen nachdem der polnische Exil-Auβenminister Tadeusz Romer in dieser Angelegenheit bei den Uruguayern intervenierte. Auβerdem bekamen alle polnischen diplomatischen Vertretungen in Lateinamerika, unter anderem in Buenos Aires, Rio, Lima, Santiago, Havanna, Mexico City, die Anweisung zu verlangen, dass die den polnischen Juden ausgestellten Pässe anerkannt werden.

Was ist also schiefgelaufen?

Das ist eine ziemlich geheimnisvolle Angelegenheit. Es heiβt, der Botschafter, der Uruguay in Berlin vertreten hat, habe die Nachricht, das Land habe die Pässe der Juden anerkannt nicht rechtzeitig an die deutschen Behörden weitergegeben.

Ladoś wiederum schrieb in einem seiner Berichte an die Exilregierung in London, die Deutschen haben Juden als „Latinos“ nur so lange anerkannt, wie es Deutsche gab, die man gegen sie austauschen konnte. Im Jahr 1944 gab es damit ein Problem, denn Deutschland war dabei den Krieg zu verlieren und die im Ausland internierten Deutschen wollten nicht mehr heim ins Reich.

Die „Latino“-Juden wurden nicht mehr gebraucht.

Leider war das so. Noch am 14. April 1944 intervenierte auf Anweisung Romers der polnische Exil-Botschafter beim Vatikan, Kazimeirz Papée, und bat den vatikanischen Staatssekretär, Luigi Maglione sich bei den Deutschen dafür einzusetzen, dass die Deportationen aus Vittel aufgehalten werden.

Bei der Gestapo jedoch gewannen die Gegner von Abmachungen die Oberhand. Ein Teil der Passbesitzer verschwand in Vernichtungslagern. Wir haben im Archiv des Auschwitz-Museums nachgeforscht. Aus dem Vittel-Transport überlebte kein einziger Passinhaber, mit Ausnahme Zweier, die von dem Zug abgesprungen waren.

So entstand die Behauptung das ganze Vorhaben sei gescheitert.

Ja. Die Auflösung von Vittel war eine Tragödie und ein furchtbares Verbrechen. Daher auch die Legende, die Pässe hätten niemandem das Leben gerettet. Vittel war jedoch nicht das einzige Lager, in dem die Passinhaber untergebracht waren. Noch mehr von ihnen gab es in Tittmoning, einem Unterlager von Bergen-Belsen. Viele befanden sich in Arbeitslagern und die Pässe bewirkten, dass ihre Deportation in Vernichtungslager immer wieder verschoben wurde.

Wie viele konnten gerettet werden?

Von den zweitausendzweihundert Inhabern paraguayischer Pässe haben mindestens achthundert überlebt. Nach meinen vorsichtigen Schätzungen kommen noch vierhundert Juden mit Honduras-Pässen dazu und einzelne Personen, die Pässe von Haiti und Peru vorweisen konnten. Man sollte jedoch sehr umsichtig mit dem Wort „gerettet“ umgehen. Ładoś’ Pässe haben die Überlebenschancen deutlich erhöht, aber nach ihrer Ausstellung konnten die polnischen Diplomaten nichts weiter für deren Inhaber tun. Sie haben versucht einige Tausend Menschen zu retten.

In den Medien wurde kolportiert, es hätten sich etwa vierhundert Personen gerettet.

Diese Angaben sind überholt. Namentlich kennen wir viel mehr Überlebende.

Die Berner Gruppe bestand aus drei polnischen Diplomaten und zwei jüdischen Funktionären.

Es war ein polnisch-jüdisches Vorhaben. Ohne die jüdischen Funktionäre hätten polnische Diplomaten nichts ausrichten können und umgekehrt.

Stefan Ryniewicz.

Und die Motive der Polen?

Der Gesandte Aleksander Ładoś, Gesandtschaftsrat Stefan Ryniewicz und Konsul Konstanty Rokicki taten das, wozu sie als Beamte im diplomatischen Dienst berufen wurden. Sie halfen Bürgern der Republik Polen, die in Not geraten sind. Die Schweizer Polizei, die ja ständig ein waches Auge auf ihr Tun hatte, bezeichnete ihre Motive in ihren internen Berichten als „patriotisch“.

Es gab Gerüchte, die ihre Ehrlichkeit in Frage stellten.

Wo viel Geld flieβt, sind solche Gerüchte immer in Umlauf. Die Tatsachen sind folgende:

Aleksander Ładoś blieb nach dem Krieg im Exil in Frankreich. Er wohnte in einer furchtbaren Bruchbude in Clamart bei Paris und lebte von seinem Gemüsegarten. (Ładoś kehrte 1960 nach Polen zurück und starb 1963 in Warschau – Anm. RdP)

Konstanty Rokicki (1899 – 1958) wurde mit Mitteln der Sozialhilfe auf dem Gräberfeld für Arme des Luzerner Friedhofs bestattet.

Stefan Ryniewicz (1903 – 1987) betrieb eine Auto-Wäsche in Buenos Aires.

Juliusz Kühl (1913-1985) strandete 1949 mit einem Koffer in Kanada, wo er sich mühsam als Bauunternehmer emporarbeitete.

Auch Abraham Silberschein (1882 -1951) und Chaim Eiss (1876 – 1943) haben keine Reichtümer hinterlassen.

Werden Sie mit dem Vorwurf konfrontiert, dass Sie als Botschafter „polnische Propaganda“ betreiben, dass die Geschichte der „Berner Gruppe“ der „polnischen Geschichtspolitik“, die ja angeblich die Polen als Opfer verherrlichen möchte, sehr gelegen kommt?

Anm. RDP: So war die Bezeichnung „Glorifizierung“ u. a. durchweg in den Schweizer Medien Anfang Oktober 2018 in Gebrauch, als Polens Staatspräsident Andrzej Duda nach Luzern kam, um an dem neuerrichteten symbolischen Grab Konstanty Rokicki zu gedenken. Das ursprüngliche Grab war in den Achtzigerjahren aufgelöst worden .Anm. RdP.

Staatspräsident Andrzej Duda mit Gattin am 9. Oktober 2018 in Luzern am neuerrichteten symbolischen Grab Konstanty Rokickis.

Botschafter Jakub Kumoch: Ich habe bis jetzt nichts Derartiges von jüdischer Seite vernommen. Umgekehrt. Die Juden, mit denen ich gesprochen habe begleiten unsere Nachforschungen mit groβem Wohlwollen und sind dankbar, dass wir uns der Sache angenommen haben. Einige haben mich nach den Nachkommen der Mitglieder der Berner Gruppe gefragt, weil sie ihnen danken wollen.

Alles worüber wir reden, können wir belegen. Wir haben Hunderte von Dokumenten. Es gibt keinen Grund irgendetwas zu beschönigen. Die Geschichte an sich ist schön genug.

RdP




Chopins Flügel beflügelt

Der grossartige Nachbau eines historischen Musikinstruments weckt schöne wie schaurige Erinnerungen.

Es war ein berührendes und symbolträchtiges Konzert. Knapp zweitausend Zuhörer lauschten Mitte März 2018 in der Warschauer Oper Fryderyk Chopins Klavierwerken, gespielt auf einem historischen Instrument. Der Buchholtz-Flügel, den russische Soldaten vor 155 Jahren zerschmetterten, war Chopins Jugendliebe. Ein exzellenter Nachbau vermittelte nun den ursprünglichen Klang der Musik des großen Komponisten.

Chopins Jugendliebe. Der nachgebaute Buchholtz-Flügel.

Mit den heutigen Yamaha- und Steinway-Flügeln kann er nicht mithalten. In einer Zeit der Hochleistungsakustik klingt das Instrument verwöhnten Chopin-Liebhabern zu leise, etwas flach, manchmal kurzatmig. Die heutigen Flügel haben einen deutlich stärkeren Klang und erzeugen auch nicht sofort einen Ton, sobald der Pianist beim Spielen unbeabsichtigt eine Nebentaste berührt.

Historische Flügel sind wesentlich fragiler in der Konstruktion und überaus empfindlich. Als auf ihnen musiziert wurde gab es keine Mikrophone, keine Verstärker, keine für den Hörgenuss elektronisch feintarierten Konzertsäle. Gespielt wurde meistens in groβbürgerlichen Salons oder in Ballsälen aristokratischer Residenzen.

Warschau, 17. März 2018. Am nachgebauten Buchholtz-Flügel Krzysztof Ksiażek, es dirigiert Václav Luks.

Alle Rezensenten bescheinigten dem jungen Solisten am rekonstruierten Flügel, dem polnischen Pianisten Krzysztof Książek (fonetisch Ksionschek), einem erfolgreichen Teilnehmer des Warschauer Chopin-Wettbewerbs von 2015, er habe die Herausforderung sehr gut gemeistert. Das tschechische Orchester Collegium 1704 unter Václav Luks, spezialisiert auf alte Musik in historischer Aufführungspraxis, war ihm hierbei ein geradezu kongenialer Begleiter.

„Das Ideal, es hat das Straβenpflaster erreicht“

Bei diesem Konzert handelte es sich jedoch um viel mehr, als nur um ein herausragendes künstlerisches Ereignis. Eine tiefe Demütigung, eine historische Wunde, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde, kann nun endlich vernarben. Chopins zerschmetterter Flügel ist nicht wegzudenken aus dem polnischen nationalen Langzeitgedächtnis.

Schönheit und hehre Werte, die Chopins Musik verkörpert, wurden vor 155 Jahren von einer brutalen und primitiven Horde fremder Besatzer vernichtet. Polens groβer romantischer Dichter Cyprian Kamil Norwid hat den zerstörten Flügel Chopins 1865 zum Symbol des tragischen Schicksals des Landes hochstilisiert, in einem Gedicht, das jeder polnische Schüler gelesen haben muss.

Dichter Cyprian Kamil Norwid (1821 – 1883).

Der Flügel Chopins

(…) Das Bauwerk faβt Feuer, erlischt,
Und erneut flammt es auf, und hier, an der Wand,
Auf Stirnen lese ich Leid – Witwen von Gewehrkolben gebannt.
Fast rauchblind sehe ich, in einem Bogen der Kolonnade,
Ein Stück, wie eine Totenlade,
Heruntergeschoben, und stürzte, stürzte Dein Flügel!

Er kündete von Polen, ein Stück entnommen der Geschichtsvollendung,
Die eben hier fand einen Hymnus verzückt im Zenit,
Polen der gewandelten Radmacher Land.
Er stürzte, auf Pflaster, Granit!

(…) Gerichtsgesang mag erdröhnen,
Laβ rufen uns: „freue Dich Nachfahr ferner Zeit!…
Dumpfes Gestein war im Stöhnen,
Das Ideal, es hat das Straβenpflaster erreicht…“
(Aus dem Polnischen von Peter Gehrisch)

Russen spielen Nero

Diese Szenen spielten sich in Warschau am Sonnabend, dem 19. September 1863 ab. Die Hauptstadt des seit 1795 endgültig von Preuβen, Österreich und Russland aufgeteilten Polens gehörte zum russischen Teilungsgebiet und das sollte bis 1915, als kaiserliche deutsche Truppen in Warschau einmarschierten, so bleiben.

Seit Januar 1863 war dort eine groβe nationale Freiheitserhebung, der Januaraufstand, gegen die Russen im Gange. Es war ein blutiger, verzweifelter, immer wieder aufflammender Partisanenkampf, den die Russen mit Massenenteignungen, öffentlichen Hinrichtungen am Galgen und Deportationen nach Sibirien zu bändigen versuchten.

Tief im Untergrund funktionierte in Warschau eine polnische Nationalregierung, die über ein weitverzweigtes konspiratives Verwaltungsnetz den zivilen Widerstand organisierte und Steuern für den Befreiungskampf eintrieb. Untergrundgerichte verurteilten polnische Kollaborateure, besonders diensteifrige russische Militärs und Besatzungsbeamte zum Tode. Kleine Trupps der konspirativen Nationalgendarmerie vollstreckten die Urteile auf offener Straβe oder in Wohnungen. Warschau war für die Russen damals ein sehr heiβes Pflaster.

Der russische General Fiodor Berg (eigentlich Friedrich Wilhelm Rembert von Berg) war ein baltendeutscher Adeliger und (1863 – 1874) russischer Statthalter in Warschau.

Ende August 1863 fiel die Entscheidung den gerade neuernannten russischen Statthalter Fiodor Berg zu beseitigen. Der General fuhr jeden Abend zwischen achtzehn und zwanzig Uhr von seinem Dienstsitz in der Kaserne am Łazienki-Park in einer offenen Kutsche, umgeben von Kosaken-Reitern, schnurgerade durch die Innenstadt zu seiner Residenz im Warschauer Schloβ. Die Straβen, die er nahm waren fast menschenleer, denn wer sich vor dem vorbeifahrenden Statthalter nicht verbeugte, riskierte verhaftet zu werden. Die ansonsten brodelnde Stadt boykottierte auf diese Weise ihren Unterdrücker.

Fünf Untergrundkämpfer der Nationalgendarmerie mieteten sich in einer kleinen Wohnung in der vierten Etage eines gutbürgerlichen Wohnhauses ein, das dem polnischen Adeligen Andrzej Zamoyski gehörte, den die Russen ins Exil verjagt hatten. Die Fahrstrecke Bergs durch das Stadtzentrum verengte sich an dieser Stelle zu einer schmalen Straβenschlucht.

Als die Kutsche unter ihrem Fenster vorbeifuhr, schoss einer der Attentäter mit der Schrotflinte auf Berg, verletzte ihn jedoch nur leicht. Die Phosphorflaschen, die die Kutsche in Brand setzten sollten verfehlten das Ziel, ebenso die im Anschluss geworfenen Bomben. Panik brach aus, Rauchschwaden verhüllten das Geschehen. Die Kämpfer flohen, wie geplant, durch benachbarte Hinterhöfe und Gärten.

Warschau, 19. September 1863. Das Attentat auf Statthalter Berg aus dem Haus rechts im Bild. Zeitgenössische Darstellung.

Mit kreidebleichem Gesicht ordnete Berg noch am Ort des Geschehens Vergeltung an. Das von gut 650 Menschen bewohnte Haus, von dem aus der Anschlag verübt worden war, wurde umstellt. Die zweihundert Einwohner, die sich zur Tatzeit in ihm befanden, wurden in den Innenhof gejagt und im Tross in die Warschauer Zitadelle abgeführt, eine von den Russen am Rande des Zentrums erbaute Zwingburg, die ihnen als Kaserne, Gefängnis und Hinrichtungsstätte diente. Einige Dutzend Bewohner fanden sich schon bald in der sibirischen Verbannung wieder, so auch der Sohn des Hausbesitzers, Stanisław Zamoyski.

Berg befahl General Pawel Korff das Gebäude im dichtbebauten Stadtzentrum mit dem Artilleriefeuer der aufgefahrenen Kanonen zu vernichten, was dieser ihm jedoch ausreden konnte. Stattdessen wurde das Gebäude der Zerstörungswut eines entfesselten russischen Soldatenmobs preisgegeben.

Russische Soldaten verwüsten das Zamoyski-Haus in Warschau. Zeitgenössische Darstellung.

„Wie Atillas Horden, die die alte römische Kultur in Schutt und Asche legten, stürzten sie in das riesige Haus, um alles was ihnen unter die Hand kam mit Äxten und Brechstangen kurz und klein zu schlagen und auf die Straβe zu werfen. An mehreren Stellen brannte es“, schrieb später ein Augenzeuge.

In der Wohnung des Fernostforschers Józef Kowalewski wurde sein Lebenswerk, die Handschriften eines vierzigbändigen Wörterbuchs der mongolischen Sprache, vernichtet. Ebenso erging es seiner riesigen Sammlung seltener chinesischer und tibetanischer Handschriften.

Auch bei Izabela Barcińska, der Schwester von Fryderyk Chopin, blieben nach der Vergeltungsnacht nur kahle Wände übrig. Das wertvolle Kaffeeservice, ein Geschenk des französischen Königs Louis-Philippe I. für Chopin, überdauerte die Vernichtungsorgie genauso wenig, wie eine Sammlung von Chopins Briefen, Autogrammen, Manuskripten, Andenken. Auch Chopins Flügel landete auf dem Straβenpflaster.

„Die zertrümmerten Gegenstände bildeten unten auf der Straβe einen drei, vier Meter hohen Wall. Mitten in der Nacht holten die Russen die Feuerwehr herbei, lieβen das zerschmetterte Mobiliar zu drei riesigen Haufen auftürmen und anzünden. Wie Neros der Neuzeit thronten russische Offiziere in sicherer Entfernung auf geraubten Sesseln und genossen den Anblick“, so ein anderer Augenzeuge.

Am 5. August 1864 fand der tragische Aufstand ein symbolisches Ende. In einer öffentlichen Hinrichtung wurden Romuald Traugutt und vier weitere Mitglieder der letzten konspirativen polnischen Nationalregierung am Abhang der Warschauer Zitadelle von den Russen gehängt.

Warschau, 5. August 2014. Feierlichkeiten zum 150. Jahrestag der Hinrichtung der Mitglieder der letzten konspirativen polnischen Nationalregierung durch die Russen . In der Mitte Romuald Traugutt.

Der Klavierbauer und der Komponist

Fryderyk Chopin lebte damals bereits seit fünfzehn Jahren nicht mehr, Fryderyk Buchholtz seit siebenundzwanzig Jahren. Der aus dem ostpreuβischen Hohenstein (Olsztynek) stammende Buchholtz, ein begabter Pianist, Klavierbauer und Orgelbaumeister, später auch Zunftmeister der Warschauer Obergilde, hatte 1815 sein Unternehmen in Warschau gegründet. Schon bald genoss seine Werkstatt den Ruf die beste ihrer Art in ganz Russisch-Polen zu sein.

Giraffenklavier von Buchholtz.

Buchholtz baute anfangs Giraffenklaviere und erlangte hierfür schnell Anerkennung. Nach 1825 beschränkte er sich auf Flügel mit Wiener und englischer Mechanik. Ab 1826 baute er Instrumente in englischer Manier. Als Erster Klavierbauer seiner Gilde verwendete er ab 1827 Metallrahmenhalterungen und verzichtete auf den bis dahin obligatorischen Klavierkastenboden. In den 1830er Jahren baute er auf Bestellung, zusammen mit seinem Sohn Julian, ein Klavier mit einem Schalldämpfer-Zug, das in ein unteres und ein oberes Register getrennt war. Seine Instrumente zählten bei Pianisten zu den besten in Europa.

Chopin war ein ständiger Gast in seiner Fabrikationswerkstatt, freundete sich mit dem Klavierbauer an. Ein Buchholtz-Flügel stand bereits auf der Bühne, als der Komponist 1823 mit 13 Jahren sein Warschauer Premierenkonzert gab. Im Jahre 1825 kauften Chopins Eltern für ihren Sohn einen eigenen Flügel bei Buchholtz. Er stand im Salon der geräumigen Wohnung an der Hauptstraβe Krakowskie Przedmieście (Krakauer Vorstadt) und diente dem jungen Komponisten in der Zeit seiner ersten groβen Erfolge. In seinem Arbeitszimmer befand sich ein platzsparendes Giraffenklavier, ebenfalls ein Instrument von Buchholtz.

Am 17. März 1830 gab der zwanzigjährige Chopin in Warschau sein erstes groβes öffentliches Konzert vor knapp eintausend Zuhörern, in dem er sein gerade komponiertes Klavierkonzert in f-moll (zu hören am Ende dieses Beitrags) einem begeisterten Publikum auf einem Buchholtz-Flügel vorstellte. Auf den Tag genau 188 Jahre später, am 18. März 2018, spielte der junge Krzysztof Książek dasselbe Klavierkonzert auf dem nachgebauten Instrument in der Warschauer Oper.

Fragmente dieses Konzertes können Sie am Ende dieses Beitrags zum Hören abrufen.

Chopin verlieβ Warschau am 2. November 1830 für immer. Gut drei Wochen später brach in der Hauptstadt eine weitere groβe antirussische Erhebung aus, der Novemberaufstand, der fast ein Jahr lang dauern sollte. Für Chopin der sich weigerte ein Untertan des Zaren zu sein, der seinen russischen Pass verfallen lieβ und letztendlich die französische Staatsbürgerschaft annahm, war der Weg in die Heimat für immer versperrt.

Der renommierte amerikanische Klavierbauer Paul McNulty lebt in Tschechien.

Das Instrument, das Chopins Schwester in Warschau bis zu seiner Zerstörung wie eine nationale Reliquie pflegte, baute der wohl berühmteste lebende Rekonstrukteur alter Tasteninstrumente, der Amerikaner Paul McNutty in zehnjähriger Arbeit nach. McNutty lebt und arbeitet seit 1995 in Tschechien, wo es in den südböhmischen Wäldern das beste Resonanzboden-Holz der Welt geben soll. Der Preis für sein Werk ist nicht bekannt, man spricht von einem Betrag von bis zu hunderttausend Euro. Bezahlt hat ihn der polnische Mineralölkonzern Orlen.

Polnische Chopin-Klaviere. Drei zum Gucken…

Das älteste Instrument steht im Geburtshaus des Komponisten in Żelazowa (fonetisch Schelasowa) Wola bei Warschau. Es handelt sich dabei um ein Giraffenklavier.

Chopins Gönner und Freund Camille Pleyel (1788 – 1855).

Von unschätzbarem ideellen Wert ist der Pleyel-Flügel, den Chopin in seinen letzten zwei Lebensjahren in Paris benutzte, zu sehen im Warschauer Chopin-Museum, gleichzeitig Sitz der Chopin-Gesellschaft in der Okólnikstrasse. Spielen kann man ihn nicht mehr.
Chopin und der Firmeninhaber Camille Pleyel pflegten eine enge Freundschaft. Pleyel stellte dem von ihm grenzenlos bewunderten Komponisten immer schönere und perfektere Klaviere zum Probespielen zur Verfügung. Er bezahlte auch den Transport wenn Chopin auf Tournee ging.

Chopins letzter Flügel, Pleyel Nr. 14810 im Warschauer Chopin-Museum.

Chopin wiederum empfahl Pleyels Instrumente seinen Schülern und Freunden. Einmal sagte er öffentlich, dass er, wenn er nicht gut aufgelegt sei zum Komponieren, sich an ein Klavier von Erard, dem gröβten Konkurrenten Pleyels setze. In dem Instrument von Erard nämlich fände man leichter den fertigen Klang.

Spüre er jedoch einen Drang zum Komponieren, dann braucht er einen Pleyel-Flügel, denn nur auf ihm trifft er den eigenen, unverwechselbaren Klang seiner Musik. Eine bessere Werbung für Pleyel konnte es nicht geben.

Ein drittes Exemplar, nur zum Bestaunen, befindet sich im Museum der Jagiellonen Universität in Kraków. Es ist auch ein Pleyel von 1847, den Chopin bei seinen Konzerten in Schottland benutzte.

… zwei zum Spielen.

Abgesehen von dem neusten Buchholtz-Nachbau gibt es in Polen zwei Pleyel-Flügel, die Chopin zwar nie berührt hat, die jedoch genau aus seiner Zeit stammen, und für Konzerte und Aufnahmen genutzt werden.

Den einen, Jahrgang 1848, erwarb 2005 das Warschauer Nationale Chopin-Institut in England. Gewinner der Warschauer Chopin-Klavierwettbewerbe nehmen auf diesem Instrument nach und nach alle Chopin-Werke auf. Entstehen soll daraus die „Schwarze Gesamtausgabe“, abgeleitet vom eleganten Schwarz der CD-Hüllen. Bleibt nur zu hoffen, dass der betagte Klangkörper das aushält.

Ein zweiter Pleyel, Jahrgang 1860, wurde vor einigen Jahren in den Magazinen des Kreismuseums in Krosno, in Südostpolen gefunden. Trotz intensiver Nachforschungen gelang es bis dato nicht herauszufinden wie er dorthin gelangte. Schwer lädiert, wurde das Instrument mit hohem Kostenaufwand umsichtig originalgetreu wiederhergestellt. Heute wird das Instrument gerne von führenden polnischen und internationalen Pianisten genutzt. © RdP

Lesenswert auch: „Chopins Herzuntersuchung. 165 Jahre nach dem Tod des Komponisten“.

Wie klingt der Buchholtz-Nachbau

Krzysztof Książek spielte auf dem nachgebauten Chopin-Buchholtz-Klavier während des Konzertes in der Warschauer Oper am 17. März 2018 u. a.:

  1. Karol Kurpiński (1785 – 1857) Fuge und Koda in B-dur zum Thema „Noch ist Polen nicht verloren“ (polnische Nationalhymne).

2. Fryderyk Chopin (1810 -1848), Klavierkonzert in f-Moll op. 21. Maestoso.

3. Fryderyk Chopin (1810 -1848), Klavierkonzert in f-Moll. Larghetto.

4. Fryderyk Chopin (1810 -1848), Klavierkonzert in f-Moll. Allegro vivace.




Umbau in der Tusk-Pyramide

Weltkriegsmuseum in Gdańsk. Wo der deutsche Schuh drückt.

Ein markanter, schräg stehender Turm aus Glas und rotem Beton erhebt sich über den bereits fertiggestellten unterirdischen Ausstellungssälen, die 37.000 Exponate beherbergen sollen. Die größten von ihnen – darunter zwei Panzer – wurden schon während der Bauphase mit Kränen ins Gebäude gehievt. Das Museum des Zweiten Weltkrieges in Gdańsk sollte bereits seit 2014 über den Krieg auf eine neue, „europäische“, „universelle“, „ganzheitliche“, „globale“ Weise erzählen: aus der Sicht der Zivilbevӧlkerung aus aller Welt, unter anderem auch der Polen. Doch die Bauarbeiten befinden sich inzwischen gut zwei Jahre im Verzug. Die Kosten auf dem unbedacht ausgewählten sumpfigen Baugelände explodieren, und das ursprüngliche Ausstellungskonzept wird in Frage gestellt, sehr zum Leidwesen deutscher Medien.

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„Tusk-Pyramide“. Museum des Zweiten Weltkrieges in Gdańsk. Entwurf und Baustelle.

Das Vorhaben wurde 2008 durch den damaligen polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk angeregt und veranlasst. Es sollte „sein“ Museum werden, „seine“ Antwort auf das Museum des Warschauer Aufstandes von 1944, dessen Urheber 2004 der damalige Oberbürgermeister von Warschau und spätere Staatspräsident Polens (2005-2010) Lech Kaczyński war.

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„Kaczyński-Museum“ des Warschauer Aufstandes von 1944 in Warschau.

Tusk, 2005 fest davon überzeugt, den Wahlsieg in der Tasche zu haben, konnte Lech Kaczyński die Niederlage, die er damals bei den Präsidentschaftswahlen davontrug nie verzeihen, empfand sie als tief demütigend. Alle die Tusk damals näher kannten, berichten einmütig: der Mann war ab dann geradezu besessen von dem Gedanken politische Rache zu nehmen. Lech Kaczyński kam bei der Flugzeugkatastrophe von Smolensk im April 2010 ums Leben.

„Polentum das ist Abnormität“

Das Warschauer Museum des Aufstandes wird bis heute von Besuchern umlagert, ist zu einer wichtigen nationalen Institution geworden. Es stellt nicht nur aus, es prägt durch seine vielfältigen Aktivitäten in erheblichem Maβ das Geschichtsbewusstsein, beflügelt die Fantasie der jungen Generation. Kaum eine Klassenfahrt nach Warschau ohne einen Besuch in diesem Museum, und das ohne jeglichen Zwang.

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Ministerpräsident Donald Tusk legt am 1. September 2012 den Grundstein für „sein“ Museum.

Im Wettlauf mit seinen politischen Erzfeinden, Lech Kaczyński und seinem Bruder Jarosław, wollte Donald Tusk gleichsam auf musealem Gebiet in nichts zurückstehen, auch wenn er an einem ganz anderen Ausgangspunkt ansetzte.

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Lech Kaczyński (damals Oberbürgermeister von Warschau) dekoriert am 1. August 2004 Vetereanen des Warschauer Aufstandes bei der Eröffnung „seines“ Museums.

Tusk war und ist jeglicher polnischer Patriotismus tiefst zuwider. Man sah es ihm fӧrmlich an, wieviel Überwindung es ihn als Regierungschef kostete, an offiziellen Feierlichkeiten mit Nationalhymne, Fahnenhissen und Kranzniederlegungen teilnehmen zu müssen. Sein Credo hat der studierte Historiker bereits 1987 in seinem Essay „Der gebrochene Pole“ in der Zeitschrift „Znak“ dargelegt:

„Leere, nur irgendwo in der Ferne wälzen sich Husaren und Ulanen, Aufständische und Marschälle vorbei, zeichnen sich die Steppenlandschaften der Ukraine und der Helle Berg von Tschenstochau ab, historische Aufträge, polnische Aufstände, die nach Monaten in denen sie ausgebrochen sind benannt wurden (…). Was bleibt vom Polentum übrig wenn man ihm dieses ganze hehre, düstere, lächerliche Theater unerfüllter und unbegründeter Träumereien wegnimmt? Das Polentum verdummt uns, macht uns blind, führt uns ins Reich der Mythen. (…). Es ist selbst ein Mythos. Ja, das Polentum assoziiert man mit Niederlage, mit Pech, mit Gewitterstürmen. Es kann ja auch nicht anders sein. Polentum das ist Abnormität.“

„Europäertum als Normalität“

Tusk hat sich von diesen Worten nie distanziert. Gegen „Polentum als Abnormität“ hilft bekanntlich nur Europa. Stets auf der Flucht vor der Bürde des Nationalen, traf und trifft Tusk auf viele Deutsche, die sich auch auf der Flucht vor ihrer Geschichte befinden. Er ist ihr Lieblingspole. Frau Merkel war schon bei der ersten Begegnung hingerissen.

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Gegen „Polentum als Abnormität“ (Tusk) hilft nur die Flucht nach Europa.

Europa als Lӧsung aller Probleme? Die Polen haben daran eine Zeitlang geglaubt. Tusk war ihr Mann. Die Ernüchterung, die mit der Euro- und Emigrantenkrise kam, hat das geändert. Tusk ist sich treu geblieben und wurde von Frau Merkel mit einem EU-Spitzenjob bedacht.

Danzig, Westerplatte, Wald
„Klein Verdun“. Deutsche Truppen dringen vor auf die Westerplatte unmittelbar nach der Kapitulation der polnischen Verteidiger am 7. September 1939.

Keine Erinnerung an den tapferen Widerstand

Ursprünglich war in Gdańsk ein Museum der Verteidigung der Westerplatte 1939 geplant, gewidmet der polnischen Thermopylen-Schlacht. Sie gilt bis heute als Inbegriff des nationalen Selbstbehauptungswillens, umschrieben in den schwermütigen Strophen des Dichters Konstanty Ildefons Gałczyński:

„Als die Zeit gekommen war,
und sommers man zu sterben hatte,
schritten himmelwärts Paar um Paar
die Soldaten der Westerplatte.
Und wie schön war der Sommer in jenem Jahr.“

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Verteidigung der Westerplatte. Briefmarken der Polnischen Post von 1945…

Das Museum der Westerplatte sollte, kaum jemand erinnert sich heute noch daran, die Antwort auf Erika Steinbachs Berliner Vertriebenenzentrum sein, und die Bundesrepublik wollte sich sogar an den Baukosten beteiligen.

MIIWS Westerplatte znaczek 1
… und 1989.

Donald Tusk, der strahlende Wahlsieger vom Herbst 2008, hat das ganz in seinem Sinne geändert. Als erstes wurde der geplante Bau des 2006 ins Leben gerufenen Museums der Polnischen Geschichte in Warschau auf Eis gelegt. Als zweites wich die Erinnerung an den tapferen  polnischen Widerstand in Form des Museums der Westerplatte, nun einer „europäischen Sichtweise“ des Zweiten Weltkrieges. Untergebracht in einem kolossalen, modernen Bau, der Danziger „Tusk-Pyramide“, wie manche spotteten, die das Warschauer „Kaczynski-Museum“ überragen sollte. Tusks „Europäertum als Normalität“ versus „Polentum als Abnormität“.

MIIWS Westerplatte znaczek 3
Denkmal auf der Westerplatte. Ein in den Boden gerammtes Seitengewehr signalisiert Friedens- und zugleich Verteidigungsbereitschaft. Briefmarke der Polnischen Post von 1964.

Nach der Niederlage der Tusk-Partei Bürgerplattform bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von 2015, stellt die neue Regierung dieses Konzept nun in Frage (siehe nachstehend das Interviev mit Kulturminister Prof. Piotr Gliński). Ein Sturm der Entrüstung seitens der Befürworter des Europäertums ist die Antwort.

Der Publizist Piotr Semka, einer der drei Gutachter, den die neue Regierung um Einschätzung des bisherigen Ausstellungskonzeptes bat, beschreibt sehr präzise die Bedenken im Wochenmagazin „Do Rzeczy“ („Zur Sache“) vom 25. Juli 2016:

„Die Polen haben 1939-1945 an einem gerechten Krieg teilgenommen. Mutig widersetzten sie sich der deutschen und der sowjetischen Aggression. Sie haben allen Grund stolz darauf zu sein.

Derweil kann man sich nur schwerlich dem Eindruck entziehen, dass die historische Herangehensweise, die im geplanten Museum des Zweiten Weltkrieges bevorzugt wird, teilweise bundesdeutsche Vorbilder nachahmt. Es liegt auf der Hand, dass die Deutschen im Falle des Zweiten Weltkrieges ihre Militärgeschichte nicht hervorheben können. Das wiederum verleitet zu der Feststellung: lasst uns die Militärgeschichte beiseitelegen, das ist nichts Gutes, und uns der Zivilbevӧlkerung   widmen, also auch den Bomben- bzw. »Vertreibungsopfern«

Diese Methode“, so Semka weiter, „war gut erkennbar bei der öffentlichen Vorabpräsentation des Museumskonzeptes im Rahmen einer Ausstellung auf dem Langen Markt in Gdańsk 2009. Dort bündelte man die Fotos des zerstörten Warschau mit denen bombardierter deutscher Städte kurzerhand zu einer Antikriegsbotschaft. Im Ausstellungskatalog des Museums, im Abschnitt „Leben unter Bomben“, finden sich auf einem Foto Menschen, die in London in der U-Bahn  Schutz vor Bomben suchen, und auf dem Bild nebenan sieht man einen deutschen Wegweiser zum Luftschutzbunker. Bei vielen Polen stöβt eine solche Gleichsetzung auf Widerspruch.“

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Publizist Piotr Semka.

Semka weist auch auf ein weiteres Problem hin. „Die Botschaft, die das Museum vermitteln soll, lautet: »Lasst uns die Geschichte Europas erzählen und mit einem positiven Schlusseffekt versehen in Gestalt der Europäischen Union als einer Garantin des dauerhaften Friedens in Europa.«

Eine solche Ausstellung“, so Semka, „hätte durchaus Sinn in dem geplanten Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel. (…) Macht es aber einen Sinn enorme Summen polnischer Steuergelder in ein solches universelles Vorhaben zu stecken, während die Welt keine Ahnung hat von den komplizierten Vorgängen in Polen während des letzten Krieges?“

Deutsche Medien: in Polen an vorderster Front

Wie in vielen anderen innerpolnischen Angelegenheiten, so stehen auch im Feldzug  um das ursprüngliche Museums-Konzept deutsche Medien und ihre Interviewpartner geschlossen an vorderster Front.

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Historiker Bogdan Musiał.

„Es ist geradezu frappierend zu beobachten, wie groẞ in Deutschland das mediale Interesse an der Auseinandersetzung  um das Museum des Zweiten Weltkrieges in Gdańsk ist und überhaupt an den historischen Debatten in Polen. Deutsche Medien kümmern sich ansonsten herzlich wenig um die franzӧsische oder britische Geschichtspolitik, geschweige denn um die ӧsterreichische, belgische oder dänische“, schreibt der Historiker Bogdan Musial im Wochenmagazin „wSieci“ („imNetzwerk“) vom 25. Juli 2016.

Im Falle Polens jedoch, gehen die deutschen Medien von sich aus und mit den Stimmen der polnischen Kritiker auf ihrer Seite, hart ins Gericht mit den Bedenken und Änderungswünschen der im Herbst 2015 neu gewählten Entscheidungsträger. Sie treten stets wohlwissend darüber auf, wie die Polen, „als Täter“, den Zweiten Weltkrieg in ihrem Museum darzustellen haben. Beispiele sind Legion.

„Museumsstreit. Polnische Regierung schürt antideutsche Stimmung“ (Deutschlandfunk, 17. Juni 2016)

„Polen als Kollaborateure, als Täter, polnische Gewalttaten an anderen Nationen – all dies wollen die Nationalisten nicht thematisieren“.

„Danzig. Polen will Kriegsgeschichte umschreiben” (Rheinische Post, 13. Mai 2016)

„In dieses Konzept, das einer Geschichtswaschmaschine ähnelt, in der alle möglichen Flecken auf der eigenen historischen Weste möglichst entfernt werden. (…) Im Zentrum der Debatte steht dabei die Frage der „nationalen Unschuld Polens im Weltkrieg“ (…) Blutgetränkte Hemden werden (…) in Polen derzeit gewaschen. Die Regierung greift zum Fleckenentferner “.

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Polenbild vor Augen.

„Abschied von Europa“ (Süddeutsche Zeitung“, 18.Mai 2016)

„Das erinnert an Museen in Russland und Weißrussland, die der nationalen Ertüchtigung dienen sollen, indem sie Mythen in Szene setzen.“

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Deutsche Nachrichten und Berichte aus „Hitler-Polen“.

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„Strahlendes Heldentum statt europäischen Kontextes“ (FAZ, 23. Mai 2016)

„Einer in europäischen Bezügen verhafteten Schilderung des Zweiten Weltkriegs aus polnischer Perspektive, zieht man in nationaler Selbstgenügsamkeit eine Interpretation vor, die sich auf Heldentum beschränkt, dafür aber auch ohne „dunkle Flecke“ auskommt.“

„Abschied vom Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig?“ (WDR 5, Scala, 20. Mai 2016)

„Der polnische Kulturminister hat verlautbaren lassen, er wolle kein Museum des Zweiten Weltkrieges sondern lieber ein Museum der Verteidigung Polens vor den Deutschen 1939 haben. Mein Kollege Martin Sander ist aus Berlin zugeschaltet. Herr Sander, wie ernst ist denn diese Verlautbarung zu nehmen?“

„Ja, doch schon sehr ernst, Frau Dichter.“

Drückt also hier der deutsche Schuh? „Kollaborateure“, „Täter“, „polnische Gewalttaten“ „blutgetränkte Hemden“, „dunkle Flecke“ und die Lage ist „schon sehr ernst, Frau Dichter“, denn die Polen wollen tatsächlich so etwas Unglaubliches tun, wie ihrer Verteidigung vor den Deutschen 1939 gedenken… Dementsprechend sieht auch der deutsche Wunschentwurf von einem polnischen, „europäischen“ Museum des Zweiten Weltkrieges aus.

Komplizen dringend gesucht

Für Hunderttausende von Polen, die Juden halfen, die im Widerstand waren oder die „nur“ die gnadenlosen deutschen Bestimmungen umgingen („Schwarzhandel“), um nicht zu verhungern, waren Kollaboration, Denunziantentum  bedauerliche, traurige und zugleich lebensgefährliche Erscheinungen. Doch unter den schrecklichen Bedingungen der deutschen Besatzung Polens blieb sie eine Nebenerscheinung.

Als solche wird sie in Polen thematisiert, dargestellt, erforscht. Wer es nicht glaubt, solte sich zumindest einmal polnische Spielfilme ansehen, die die Besatzungszeit und Widerstand zum Thema haben. Seit dem ersten Film, dem 1946 gedrehten „Zakazane piosenki“ („Verbotene Lieder“), gibt es kaum einen, in dem nicht irgendwo die Gestalt des Denunzianten auftaucht, vor dem man sich in Acht nehmen muss, den es zu beseitigen gilt.

Nicht erst seit heute versuchen nicht gerade wenige deutsche Medienleute, Wissenschaftler, manchmal auch Politiker die Polen zu überreden, mitunter geradezu auch zu zwingen, aus der Nebenerscheinung Kollaboration den Dreh- und Angelpunkt der Darstellung  der Besatzungszeit in Polen zu machen. Die fieberhafte Suche nach Komplizen, der Versuch auf diese Weise der schrecklichen deutschen Einsamkeit zu entkommen, in Anbetracht der Ungeheuerlichkeiten die die Vorfahren angerichtet haben, ist nachvollziehbar,  doch akzeptieren kann man ihn nicht.

Zwar hat das von der neuen polnischen Regierung beanstandete Museumskonzept der Ausstellung in Gdańsk mit den o. e. Wunschvorstellungen deutscher Redakteure nicht viel zu tun, doch bezeichnend ist, was sie vor allem in diese Ausstellung hineininterpretieren.

Der Eindruck mag täuschen, doch er drängt sich auf. Oft haben sich dieselben Autoren vehement gegen die Relativierung der Geschichte ausgesprochen, als etwa Erika Steinbach ihr Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin nach dem Motto einrichten wollte; „Wir Deutsche haben vertrieben, dann haben die Polen vertrieben. So ist es eben mit den Vertreibungen.“

Schwebt vielleicht nun denselben Leuten  ein „europäisches“ Museum des Zweiten Weltkrieges vor nach dem Motto: „Wir Deutsche haben Juden umgebracht, die Polen haben Juden umgebracht. So ist es eben mit dem Judenumbringen, einem im Grunde »europäischen Projekt«“?

Jedenfalls kӧnnen  deutsche Rechte anscheinend ebenso wenig wie deutsche Linke ohne „die Polen als Täter“ auskommen.

Und so entpuppt sich „die »europäische Perspektive« als eine, in den blauen Sternebanner eingewickelte, deutsche Keule“, so einer der Internetkommentare zum Thema. „Die Deutschen rücken gerne zusammen, wenn es darum geht anderen auf ihrer Anklagebank Platz zu machen“, so ein anderer.

Was will die neue Regierung vom MZW?

Nachfolgend dokumentieren wir ein Gespräch zum dem Thema mit dem polnischen Kulturminister Prof. Piotr Gliński (Jg. 1954). Er ist von Ausbildung und Beruf Soziologe, Hochschullehrer und war zwischen 2005 und 2011 Präsident der renommierten Vereinigung Polnischer Soziologen (PTS).

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Kulturminister Piotr Gliński.

Wann wird das Museum des Zweiten Weltkrieges (weiter MZW – Anm. RdP) in Gdańsk eröffnet?

Ich hoffe zu dem Zeitpunkt, zu dem es die Leitung der Einrichtung angekündigt hat, also zur Jahreswende 2016/ 2017. Ich möchte auch gleich die Öffentlichkeit beruhigen: niemand möchte dieses Museum abschaffen.

Wird die Entlassung des Museumsdirektors, Prof. Machcewicz die Eröffnung nicht verzögern?

Es sind noch keine Entscheidungen gefallen. Zurzeit beabsichtigen wir zwei Einrichtungen zusammenzuführen: das MZW mit dem Museum der Westerplatte und des Verteidigungskrieges von 1939. Es gibt keinen Grund, weshalb zwei so themenverwandte Museen getrennt voneinander in einer Stadt wirken sollten. Es lohnt sich sie zu vereinigen, umso mehr als die Einrichtung, der Prof. Machcewicz vorsteht ursprünglich Museum der Westerplatte hieβ. Erst drei Monate nach seiner Gründung wurde es in MZW umbenannt.

Durch die Zusammenlegung von zwei Einrichtungen wird eine neue entstehen, die dann einen neuen Direktor bekommt, und Prof. Machcewicz wird abberufen. Was missfällt Ihnen so an der Ausstellung, die seine Mitarbeiter vorbereitet haben?

Ich will hier nicht als Rezensent der Ausstellung auftreten. Um das uns im Januar 2016 vorgelegte Konzept zu beurteilen, habe ich drei Sachverständige berufen. Alle drei Gutachten waren verhalten kritisch. Ich möchte aber das Problem nicht allein auf die Position und Person des Direktors beschränken. Ich sage noch einmal: obwohl wir im europäischen Vergleich zu wenige Museen haben, können wir es uns nicht leisten in einer Stadt zwei getrennte und zugleich dermaβen themenverwandte Einrichtungen zu unterhalten.

Die Gutachten fielen negativ aus, doch Prof. Machcewicz wird seinen Posten allein aus wirtschaftlichen Gründen verlieren?

Die Gutachten berühren ein viel weiträumiger abgestecktes Feld. Wir sehen die Notwendigkeit Donald Tusks Geschichtspolitik zu korrigieren. In der Debatte um das MZW wird dieser Name kaum erwähnt. Doch Donald Tusk ist Urheber dieses Museums. Der jetzige MZW-Direktor Paweł Machcewicz war sechs Jahre lang offizieller Bevollmächtigter des Ministerpräsidenten für dieses Museum und setzte die Geschichtspolitik der vorherigen Regierungsmannschaft um. Doch Regierungen wechseln und mit ihnen wechseln manchmal die Konzepte, das sollte Prof. Machcewicz eigentlich wissen.

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Tusk-Adlatus und MZW-Direktor Paweł Machcewicz (links)

Was gefällt Ihnen nicht an der Geschichtspolitik der vorherigen Regierung?

Das MZW wurde 2008 ins Leben gerufen, mitten in der weltweiten Wirtschaftskrise, als für nichts Geld im Staatshaushalt vorhanden war. Tusk und seine Leute kamen immer wieder mit der Ausrede, wegen der Krise können sie ihre Wahlversprechen nicht einlösen, und plötzlich, gründen sie, in dieser Krise, das MZW? Drei Jahre später, die Krise dauerte an, bewilligten sie 360 Mio. Zloty (ca. 85 Mio. Euro – Anm. RdP) für den Bau, und schoben im letzten Jahr weitere 90 Mio. Zloty (ca. 21 Mio. Euro – Anm. RdP) nach. Zusammen mit den laufenden Kosten ergibt das eine halbe Milliarde Zloty (ca. 118 Mio. Euro – Anm. RdP)!

Sind Sie nicht der Meinung, dass das MZW ein dringendes Vorhaben ist, höchst notwendig aus Sicht der polnischen Staatsräson?

Damals sollte eigentlich, vor allem, das Museums der Polnischen Geschichte in Warschau gebaut werden, das zudem zwei Jahre früher als das MWZ ins Leben gerufen worden war. Wieso hat die vorige Regierung an einem ganz neuen Museum gebaut, während das der Polnischen Geschichte keinen Sitz hatte und bis heute obdachlos ist? Es wurde ein neues Vorhaben in Gdańsk in Angriff genommen, während es in Warschau, so könnte man durchaus meinen, ein vorrangiges Projekt gab. Es wurde ein Museum blockiert, das eine Sichtweise der Geschichte Polens vermitteln sollte, die zur Integration unserer politischen und nationalen Gemeinschaft beitragen könnte.

Welche Korrekturen sind im MZW zu erwarten?

Es geht um die Schwerpunksetzung. Wenn wir uns schon mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen, dann sollte das, symbolisch umschrieben, eher die Sichtweise sein, die von der Westerplatte ausgeht. Eine Sichtweise in der die polnische Anstrengung, die polnische Leistung und die polnischen Opfer zur Geltung kommen, und nicht eine Sichtweise, die als universell, ganzheitlich bezeichnet wird.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Solche ganzheitlichen Museen sind ebenfalls notwendig. Mehr noch, ich finde den Entwurf des Teams von Prof. Machcewicz interessant.

Doch ich bin zugleich der Meinung, dass wir eine halbe Milliarde Zloty polnischer Steuergelder in erster Linie für andere, eindeutig wichtigere Ziele verwenden sollten. In diesem Fall für ein gutes und notwendiges Museum, das unsere Geschichte erzählt.

Warum war gerade der Zweite Weltkrieg für die Vorgängerregierung die wichtigste Herausforderung der Geschichtspolitik?

Ich habe diese Frage oft genug öffentlich gestellt. Sie war und ist an Donald Tusk gerichtet. Ich habe bisher keine Antwort bekommen. Es gab Andeutungen, dass es eine Antwort auf das Zentrum gegen Vertreibungen von Erika Steinbach sei. Doch, ich darf erinnern, es sollte ursprünglich ein Westerplatte-Museum sein. Es fällt mir zudem schwer zu glauben, dass die Erwiderung auf Frau Steinbachs Einrichtung eine verallgemeinernde, ganzheitliche Schilderung des Zweiten Weltkrieges sein kann, die zudem eine halbe Milliarde Zloty kostet.

Prof. Machcewicz fasst Ihre Vorwürfe so zusammen: das MZW setze die deutsche, nicht die polnische Geschichtspolitik um.

Ich habe einen solchen Vorwurf nie erhoben. Ich umschreibe sein Konzept als universell, verallgemeinernd. Wenn man den Zweiten Weltkrieg so darstellt, dass er furchtbar gewesen sei, dass alle für ihn die Verantwortung tragen, weil jede Seite irgendwo Dreck am Stecken habe, dann ist auch eine solche Beleuchtung beachtenswert. Doch zweifelsohne kann sie eine Relativierung der Verbrechen und eine Verharmlosung der Opfer nach sich ziehen, was den einen mehr, den anderen weniger zupass kommt.

Mir ist es lieber zu zeigen, dass man sogar unter den schrecklichsten Bedingungen sehr tapfere Entscheidungen treffen kann. Diese Entscheidungen darf und sollte man beurteilen. Dank einer solchen Herangehensweise bilden sich das Wertesystem und die Identität der nationalen Gemeinschaft heraus. Eine Gemeinschaft, die so etwas durchdacht und bewertet hat ist reifer, funktioniert besser und ist besser integriert, als eine Gemeinschaft die an all dem leidenschaftslos vorbeigeht. Deswegen sind einige Museen, Denkmäler, Kunstwerke notwendig, um unsere ganz und gar auβergewöhnlichen und spezifischen Erfahrungen in diesem Krieg zu verdeutlichen.

Es geht darum, dass in einer „universellen“, „europäischen“, „globalen“ Betrachtung diese unsere polnische Spezifik nicht untergehen darf. Es ist die Pflicht des polnischen Staates diese Besonderheit der polnischen Erfahrung der Auβenwelt zu vermitteln.

Wohin wollen Sie also die Schwerpunkte in der Geschichtspolitik verschieben?

Wir müssen eine Wahl treffen hinsichtlich der Werte. Es gibt Staaten, für die die Geschichte wichtig ist, weil sie sie noch nicht verarbeitet haben, weil sich ihre Identität immer noch formt. Es gibt aber auch solche die man als posthistorisch bezeichnen kann. Und es gibt Staaten die sich lieber posthistorisch geben, weil die Geschichte für sie eine zu schwere Bürde ist.

War die Geschichtspolitik der Vorgängerregierung posthistorisch?

In groβem Maβe, ja. Deswegen unterscheiden wir uns so sehr von unseren Vorgängern. Wir sind der Meinung, dass wir uns den Posthistorismus nicht leisten können. Für uns ist die universelle Sichtweise auf die Geschichte weniger wichtig. Wir wollen nicht, dass man die Geschichte verallgemeinert, relativiert und im Endeffekt banalisiert.

Die Geschichte ist Lehrmeisterin des Lebens. Sie zeigt die Entscheidungen auf, die getroffen wurden und ihre Folgen. Wir wollen darlegen, dass man das Gute vom Bösen klar unterscheiden kann, und nicht, dass es in der Geschichte nur unterschiedliche Grautöne gibt.

Für mein politisches Milieu hat die Unterscheidung zwischen Gut und Böse eine Schlüsselbedeutung. Das ist nicht immer einfach. Es gibt eine Ethik der Überzeugungen und eine Ethik der Verantwortung. Wir stellen den Heroismus der Polen, die für höhere Ideen gekämpft haben nicht auf eine Ebene mit den Fähigkeiten, derer es bedurfte um den Krieg lediglich zu überleben.

Prof. Machcewicz verteidigt sich, in dem er sagt, dass man unsere Auβergewöhnlichkeit nur zeigen kann, wenn man sie dem gegenüberstellt, wie Krieg und Widerstand in anderen Ländern ausgesehen haben.

In einem polnischen Museum des Zweiten Weltkrieges sollten wir unsere Spezifik zeigen, so wie die Briten, Israelis oder Belgier das in ihren Museen tun. Gewiss, diese Besonderheit sollte man vor dem Hintergrund der Erfahrungen anderer Völker veranschaulichen, dabei jedoch an die Proportionen denken. Daran z. B., dass der Warschauer Aufstand, der 63 Tage lang dauerte seinesgleichen sucht. Die Aufstände in Paris und Prag waren dagegen nur kurze Kriegsepisoden.

Der ausländische Besucher wird alle diese Aufstände vor Augen haben: die Zahl der Opfer, wieviel Tage sie gedauert haben, die deutschen Verbrechen in ihrem Verlauf usw. Er kann daraus seine Schlüsse ziehen.

Die Welt kennt unsere Geschichte und ihre Besonderheiten nicht. Sie weiβ nicht, dass nur im besetzten Polen auf die Hilfe für, und das Verstecken von Juden die Todesstrafe stand, und zwar für die ganze Familie, Kinder wurden dabei nicht ausgenommen. Sie weiβ nichts über die Wohlynien-Massaker, über Piaśnica/Piaschnitz, die Westerplatte u. v. m. Das wollen wir erklären und zeigen.

Ja, es sollte einen Vergleich geben, doch die polnische Erfahrung muss in einem polnischen Museum vor diesem Hintergrund hervorgehoben werden. Wenn sie mit diesem Hintergrund verschmilzt, dann geht etwas sehr wichtiges verloren in Bezug auf unsere Identität und ebenso wird die Chance vertan, anderen etwas über uns zu vermitteln.

In wieweit sollen Museen, mit deren Hilfe wir die polnische Geschichtspolitik verwirklichen wollen, uns, die Polen, ansprechen, und in wieweit sollen sie in ihrer Darstellungsweise in die europäische- und Weltgeschichte eintauchen, damit unsere Sichtweise der Dinge auch im Westen zur Geltung kommt.

Das ist, aus meiner Sicht, eine falsche Alternative. Die Ausstellungen müssen sich in gleicher Weise an Polen und an alle anderen Besucher wenden. Soweit ich es verstanden habe, fragen Sie danach, weil behauptet wird, dass eine universalistische Ausstellung für Ausländer, für z. B. Deutsche, die oft nach Gdańsk kommen, verständlicher sein wird.

Wir müssen unseren Standpunkt vertreten und uns nicht in den Posthistorismus einreihen, nur weil er in den westlichen Ländern vorherrscht. Wir dürfen aus diesem Grund nicht kapitulieren und z. B. nicht an die Konferenz von Jalta erinnern, die im Westen kaum jemand erwähnt und wo folglich kaum jemand um sie weiβ. Ohne die eigene Geschichte zu überdenken, können wir unsere Zukunft nicht bauen.

Ich unterstreiche noch einmal: ich möchte die jetzige Ausstellung weder abbauen noch vernichten. Das Team von Prof. Machcewicz hatte viele gute Ideen. Doch ich erinnere mich auch daran, dass das erste, 2008 vorgestellte Konzept zugleich äußerst ideologisch und vom polnischen Standpunkt aus gesehen sehr farblos war. Ich vertraue darauf, dass aufgrund von Nachbesserungen die Ausstellung uns hilft unsere Geschichte besser darzustellen.

Sollen wir das ganze Martyrium zeigen, wie schrecklich unsere Geschichte gewesen ist, wie wir vom bösen Westen betrogen wurden?

Ich rede nicht vom Martyrium, von der Leidensgeschichte des polnischen Volkes! Uns wird eingeredet, wir wollen nur das Leiden zeigen, Polen als Christus der Nationen, den Heldenmut usw., während wir von schwierigen Entscheidungen reden wollen, vor denen die Polen gestanden haben, vom Unterscheiden zwischen Gut und Böse, von der polnischen Spezifik. Das alles kann man in entsprechenden Proportionen verständlich machen. Wir nehmen eine Korrektur vor. Ohne das MZW aufzugeben vereinigen wir es mit dem Westerplatte-Museum, wollen die Ausstellung weiterentwickeln und verbessern. (…)

Bisher sieht es so aus, dass jede Regierungsmannschaft ihre eigene Geschichtspolitik fährt, Lehrbücher und Museen verändert. Vielleicht sollten wir gemeinsam die Prioritäten setzten?

Sie haben Recht, aber ihre Frage sollten Sie an die Vorgängerregierung und unsere politischen Konkurrenten richten. Warum gibt es bis heute in Warschau kein Museum der Polnischen Geschichte, kein Denkmal für Rittmeister Pilecki, keins für die Opfer der Smolensk-Katastrophe?

Was wollen Sie und ihre politische Umgebung tun, um gemeinsame Standards in der Geschichtspolitik zu erarbeiten?

Wir laden andere ein, sich unseren Standards anzuschlieβen. Allein anhand der Änderungen im Ausstellungskonzept des MZW sehe ich, dass diejenigen, die sich der Geschichtspolitik der Vorgängerregierung verschrieben haben, ihre Haltung ändern. Prof. Machcewicz sagt heute, dass man zu dem Ausstellungskonzept von 2008 nicht mehr zurückkehren sollte. Gut, dass er es verwirft. Die polnische Staatsräson erfordert, dass polnische Anliegen und Interessen deutlich und entschieden dargelegt werden, auch die polnische Vergangenheit.

Das alles soll jedoch geschehen, ohne den negativen Seiten der Geschichte auszuweichen. Nicht alle Polen haben sich immer vorbildlich verhalten und auch unsere Gemeinschaft war nicht immer nur heilig. Niemand kann und will das abstreiten. Dies jedoch zum Ausgangs- und Mittelpunkt der Betrachtung der polnischen Geschichte im Zweiten Weltkrieg zu machen, wie es nicht erst seit heute z. B. in Deutschland immer wieder angemahnt wird, ist eine grobe Ungehörigkeit.

Das Gespräch, das wir, mit freundlicher Genehmigung, leicht gekürzt wiedergeben, erschien in der Tageszeitung „Rzeczpospolita“ („Die Republik“) vom 6. August 2016.

RdP




Smolensk-Katastrophe. Zweifel, Fakten, Hintergründe. Dokumentation Teil 1

Auf dem Foto: Staatspräsident Lech Kaczynski und Ehefrau Maria besteigen das Flugzeug auf dem Weg zu einem Staatsbesuch im Ausland.
Die Smolensk-Katastrophe, der Absturz des Flugzeuges mit 96 Insassen an Board, darunter dem polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski, am 10. April 2010, wirft bis heute ihren düsteren Schatten auf die polnische Innenpolitik. Nach dem Staatspräsidenten- und Regierungswechsel in Polen im Jahr 2015 wurde die Aufklärung neu aufgenommen.
Worin liegt die Brisanz des Unglücks?
Wie waren seine politischen Umstände und Folgen?
Was nährt die Zweifel?
Die Dokumentation von RdP ist ein Versuch auf diese Fragen Antworten zu finden.




Smolensk-Katastrophe. Zweifel, Fakten, Hintergründe. Dokumentation Teil 2

Auf dem Foto: eine der ersten Aufnahmen des russischen Fernsehens nach dem Flugzeunglück bei Smolensk.
Die Smolensk-Katastrophe, der Absturz des Flugzeuges mit 96 Insassen an Board, darunter dem polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski, am 10. April 2010, wirft bis heute ihren düsteren Schatten auf die polnische Innenpolitik. Nach dem Staatspräsidenten- und Regierungswechsel in Polen im Jahr 2015 wurde die Aufklärung neu aufgenommen.
Worin liegt die Brisanz des Unglücks?
Wie waren seine politischen Umstände und Folgen?
Was nährt die Zweifel?
Die Dokumentation von RdP ist ein Versuch auf diese Fragen Antworten zu finden.




Familie Ulma? Falscher Mythos. Schämt euch, ihr Polen!

Offenbar darf man nicht einfach so der polnischen Judenretter gedenken.

Am 17. März 2016 hat Staastpräsident Andrzej Duda das Museum der Polen, die während des Zweiten Weltkriegs Juden gerettet haben, in Markowa eröffnet. Es trägt den Namen der Familie Ulma und soll jene Polen würdigen, die während des Zweiten Weltkriegs, unter deutscher Besatzung  Juden zu retten versucht bzw. gerettet haben.

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Woiwodschaft Karpatenvorland.

Im Dorf Markowa (Karpatenvorland), haben deutsche Gendarmen am 24. März 1944 acht Juden aus den Familien Szall und Goldman ermordet. Mit ihnen wurde die gesamte Familie Ulma, bei der diese acht Menschen versteckt

Ulmowie 2 Markowa mapa

waren, umgebracht: Józef Ulma und seine hochschwangere Frau Wiktoria sowie die sechs Kinder der Familie, darunter auch die älteste, achtjährige Tochter Stasia.

Ausführlich  über das Schicksal der Familie Ulma hier.

Staatspräsident Duda erinnerte in seiner Rede daran, dass allein im Dorf Markowa, in dem vor dem Krieg 4.500 Polen und 120 Juden lebten, zwanzig Juden, dank ihrer polnischen Nachbarn, die deutsche Besatzung überleben konnten.

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Familie Ulma kurz vor ihrer Ermordung.

Duda sagte auch, dass „jeder, der Hass zwischen den Völkern säe, Antisemitismus verbreite, das Grab der Familie Ulma schände. Er schände alles, wofür die Ulmas als Polen ihr Leben gegeben haben: Würde, Redlichkeit, Freiheit, Gerechtigkeit und eine elementare Wertschätzung, die jedem Menschen gebührt.“

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Staatspräsident Andrzej Duda besichtigt das Museum in Markowa am Tag seiner Eröfnung, dem 17. März 2016.

Im Museum wurde auf einer Ausstellungsfläche von 500 Quadratmetern das Haus der Ulmas rekonstruiert. Zu sehen ist auch die von vielen Geschossen durchschlagene Haustür der Markower Familie Baranek, die ebenso wie die Familie Ulma gemeinsam mit den von ihr versteckten Juden ermordet wurde. Weitere Exponate und Schautafeln dokumentieren das dramatische Schicksal vieler polnischer Retter und derjenigen Juden, die sie vor dem Tod bewahren wollten.

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Das neue Museum in Markowa.

Bereits während der Bauphase erfreute sich das Museum eines regen Interesses. Allein 2015 kamen u. a. etwa fünftausend israelische Jugendliche um sich über das Vorhaben und das Ausstellungsthema zu informieren. Junge Israelis reisen seit knapp dreiβig Jahren im Rahmen eines Holocaust-Gedenkprogramms der israelischen Regierung nach Polen.
Im neuen Museum ist ein Tagungssaal mit Multimediaausstattung für Musemuspädagogik, Fimvorführungen und Tagungen vorgesehen. Zwei wissenschaftliche Mitarbeiter kümmern sich um die Ausstellung und das Archiv.

Chuzpe und Unsinn

Während die Errichtung eines Museums für den deutschen Oskar Schindler in Kraków im Jahre 2010 bis heute keinerlei negative Kommentare hervorrief, stieβ das Vorhaben, ein erstes Mal, 72 Jahre nach dem Krieg, sich derjenigen Polen zu erinnern und zu gedenken, die ebenfalls Juden gerettet haben, sowohl auf jüdischer als auch auf deutscher Seite sofort auf Kritik.

Ulmowie 2 Kadlcik Kaczyński fot.
Piotr Kadlčik (rechts) mit dem Oberrabiner Polens Michael Schudrich (Mitte) und Staastpräsident Lech Kaczyński am 21. Dezember 2008 in der Warschauer Synagoge am Beginn des Chanukkafestes. Im Dezember 2009 zeichnete Staastpräsident Kaczyński Kadlčik mit dem Komturskreuz des Ordens der Wiedegeburt Polens (Polonia Rastituta) aus, einer der höchsten  Auszeichnungen, die Polen zu vergeben hat.

Zu Wort meldete sich Piotr Kadlčik (Jahrgang 1962), zwischen 2001 und 2014 Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Warschau und von 2003 bis 2014 zugleich Vorsitzender des Verbandes der jüdischen Gemeinden in Polen.

Kadlčik schrieb am 17. März 2016 im linken Internetportal „NaTemat“ („ZumThema“), er hoffe, dass sich in der Ausstellung in Markowa auch Platz findet für die Darstellung aller polnischen Helfer, Zuträger und Erpresser, die „wie die Deutschen dabei mitwirkten, dass die Gefahr von den Besatzern getötet zu werden, so eine hohe Wahrscheinlichkeit annehmen konnte“.

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Publizist Rafał Ziemkiewicz.

Sehr entschlossen antwortete darauf der konservative Publizist und Kommentator Rafał A. Ziemkiewicz am 4. April 2016 im Wochenmagazin „Do Rzeczy“ („Zur Sache“):

„Kadlčik … gedachte zwar in seinem Kommentar der Gerechten, denen auch seine Familie das Überleben verdankt, aber nur um … zu fordern, dass man im Museum zu Ehren dieser Gerechten, unbedingt auch an die Kollaborateure erinnern sollte.

Um sich die Chuzpe und den Unsinn dieser Worte zu vergegenwärtigen“, schreibt Ziemkiewicz, „sollte man sich vorstellen, dass jemand, vielleicht Piotr Kadlčik selbst, dem Washingtoner Holocaust-Museum vorschlägt, dort, neben der jüdischen Opfer, auch der jüdischen Kollaborateure zu gedenken. Solcher, wie sie Hannah Arend in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ ausführlich schildert.

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Jüdische Polizisten im Warschauer Ghetto.

Gab es sie nicht? Es gab sie zuhauf. Soll sich doch in jeder Schoah-Gedenkstätte Platz finden für den Lodzer Ghetto-Chef Chaim Rumkowski.“ Für die verbrecherischen „Ghetto-Könige“ von Sosnowiec – Moses Meryn, von Białystok – Efraim Barsz, von Wilno – Jakub Gens, von Lwow – Józef Parmas.
Für die Warschauer Gestapo-Zuträger und tausendfache Judenmörder Abraham Gancweich, Dawid Sternfeld, Leon Skosowski und Dutzende ihresgleichen. Für den Krakauer Gestapo-Mitarbeiter und obersten jüdischen Judenjäger Józef Diamand. Für den Lubliner Judenerpresser Szama Grajer, der an der Spitze seiner Bande Hunderte eigener Landsleute zuerst ausgenommen und dann den Deutschen zur Ermordung ausgeliefert hat.

„Für die verbrecherischen Ghetto-Judenräte und Hunderte jüdischer Ghetto-Polizisten in deutschen Diensten, die ihre eigenen Landsleute erbarmungslos in die Todestransporte geprügelt haben“, schreibt Ziemkiewicz.

Und ewig rechtfertigt sich der Pole

Unmittelbar nach diesem rhetorischen Schlagabtausch in Polen meldete sich am 9. April 2016 die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zu Wort mit einem Beitrag des jüdischen Autors Joseph Croitrou. Demnach hatte auch bei der Errichtung des Museums in Markowa, wie könnte es anders sein, Jarosław Kaczyński, der anscheinend dämonenhafte Schöpfergott allen polnischen Übels, seine Finger mit im Spiel.

Croitrou unterstellt Staatspräsident Andrzej Duda, er sprach „in seiner emphatischen Eröffnungsrede von „Hunderttausenden Polen“ die Juden geholfen hätten“, was zur angeblichen Enstehung eines „falschen Mythos“ beitragen solle. In Wahrheit sprach Duda von „Tausenden“ (siehe nachfolgend den Text von Dudas Ansprache).

Auf Croitrous Text antwortete am 16. April 2016 in der „FAZ“ Dr. Łukasz Kamiński, Präsident des Instituts für Nationales Gedenken in Warschau (polnische Gauck-Behörde).

Diese Erwiderung war notwendig, doch zugleich fügt sie sich in ein Szenario ein, das viele deutsche Medien, Wissenschaftler, manchmal auch Politiker stets aufs Neue gerne beleben und auskosten. Man selbst habe ja längst alles penibel und vorbildlich aufgearbeitet, überwunden, aufgeklärt, betrauert, bedauert und entschädigt. Nun ist es an der Zeit, dass sich andere, und dabei ganz besonders die Polen, vor dem strengen, teilweise moralisch erhabenem deutschen Publikum, bitte sehr, in Sachen Holocaust rechtfertigen.

Auslöser hierfür können sein ein Film, wie die ZDF-Produktion „Unsere Mütter, unsere Väter“ oder einer jener Presseartikel, die zu diesem Thema immer wieder mal auftauchen.

Nachstehend dokumentieren wir:

den Text von Joseph Croitrou,

die Erwiderung von Dr. Łukasz Kamiński

und

die bewegende Ansprache von Staatspräsident Andrzej Duda.

War die heldenhafte Familie Ulma etwa typisch?
Von JOSEPH CROITORU

Ulmowie 2 Joseph Croitoru fot.In Polen ist in dem Dorf Markowa in der südöstlichen Woiwodschaft Karpatenvorland ein neues Museum eröffnet worden. Es hat den umständlichen Namen „Museum für die Polen, die während des Zweiten Weltkriegs Juden gerettet haben, benannt nach der Familie Ulma in Markowa“. Der Verwaltungsbezirk, den seit den Lokalwahlen von 2006 die heutige Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) mit großer Mehrheit dominiert, hatte bereits 2008 die Museumsgründung beschlossen. Ihr Wahlsieg im vergangenen Herbst ermöglichte es der PiS, das Projekt, dem sie höchste volkserzieherische Bedeutung beimisst, rasch zu verwirklichen, ganz im Sinne ihres Vorsitzenden Jaroslaw Kaczynski.

Die geschichtspolitische Mission seiner Partei hatte Kaczynski bereits in seiner Rede vor dem Sejm nach der Regierungserklärung im November vorgegeben. Er beklagte, sein Land sei einer Diffamierungskampagne ausgesetzt, auf die es antworten müsse: „Die Polen, die Nation, die sich als erste mit der Waffe in der Hand zum Kampf gegen Nazideutschland erhoben hat, wird heute im Grunde als Verbündeter Hitlers behandelt. Wir haben es mit einer Internalisierung der Verantwortung für den Holocaust mit besonderer Berücksichtigung der Polen zu tun. Dem müssen wir uns entschlossen entgegenstellen.“

Wahrheit oder Stilisierung?

Den polnischen Nationalkonservativen sind all jene, die sich um eine differenzierte Betrachtung der polnisch-jüdischen Beziehungen während des Holocausts bemühen – wobei die Polen häufig in einem nicht sehr positiven Licht erscheinen – ein Dorn im Auge.

Zu ihnen gehört der in Ottawa lebende polnische Historiker Jan Grabowski, dessen 2011 in Warschau erschienenes, zwei Jahre später ins Englische übersetzte Buch „Judenjagd“ (Hunt for the Jews) in Polen eine heftige Debatte über den Umgang von Polen mit Juden unter der deutschen Besatzung entfachte. Der Verfasser erhielt Beschimpfungen und sogar Morddrohungen.

Grabowski dokumentierte nicht nur zahlreiche Fälle von Denunziationen, er räumte auch mit dem Mythos auf, den die PiS mit dem Museum in Markowa etablieren will: Viele Polen hätten aus Mitmenschlichkeit und unter Lebensgefahr Tausende von Juden versteckt.

Grabowski, Mitbegründer des Warschauer „Zentrums für die Forschung der Judenvernichtung“ an der polnischen Akademie der Wissenschaften, wies nach, dass man Juden nicht immer nur aus Menschenliebe half, sondern sich dafür auch oft gut bezahlen ließ. Grabowski hält dem polnischen „Institut für Nationales Gedenken“ (IPN) vor, es versuche, immer mehr Polen ausfindig zu machen, die Juden gerettet hätten, um die polnische Opferrolle zu zementieren. Diese Sichtweise könnte sich auch bei der Gestaltung des Ulma-Museums in Markowa durchsetzen, warnte der Historiker.

„Gerechte unter den Völkern“

In seinem Buch weist er auf die Forschungen des IPN-Historikers Mateusz Szpytma hin, der in Markowa Museumsdirektor wurde. Szpytka hatte in zwei Studien, die 2004 auf Polnisch und 2009 auf Englisch erschienen, die tragischen Ereignisse im Ort zu rekonstruieren versucht.

Nachdem die meisten jüdischen Bewohner nicht nur des Dorfes, sondern auch seiner Umgebung von den deutschen Besatzern erschossen worden waren, suchten einige Überlebende auf dem Hof des polnischen Landwirts Józef Ulma in Markowa Zuflucht. Der Pole versteckte sie, was er und seine schwangere Frau wie auch die sechs Kinder am Ende mit dem Leben bezahlten: Nachdem deutsche Gestapo-Angehörige und polnische Polizisten die acht versteckten Juden am 24. März 1944 entdeckt und auf der Stelle getötet hatten, erschossen sie auch ihre polnischen Beschützer.

Grabowski kritisierte, Szpytma habe die Frage offengelassen, wer die Ulmas denunzierte, obwohl er den an der Razzia beteiligten polnischen Polizisten Wlodzimierz Les verdächtigte. Die jüdische Familie Szall, die zu den Opfern gehörte, hatte Les zuvor ihren Besitz anvertraut. Dass dieser ihn hätte zurückgegeben müssen, könnte ein Motiv für eine Denunziation gewesen sein. Der Polizist Les wurde später von polnischen Widerstandskämpfern getötet. Die Familie Ulma wurde 1995 von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt – diesen Titel erhielten bislang 6620 Polen. 2014 bekam Jan Grabowski von der Jerusalemer Gedenkstätte einen Preis für seine Studie „Judenjagd“.

1600 Polen halfen beim Verstecken

Die Eröffnung des Museums in Markowa ist für die Initiatoren nur ein erster Schritt zu einer umfassenden Dokumentation der Schicksale all jener Polen, die Juden geholfen hatten. Die Schau in dem einer Scheune nachempfundenen Museumsbau konzentriert sich derzeit noch auf die Vorfälle in der Region. Fotos aus dem Besitz der Familie Ulma haben in der Ausstellung auch deshalb einen prominenten Platz, weil Józef Ulma Hobbyfotograf war und viele der von ihm gemachten Aufnahmen erhalten sind. Eine davon, die seine jüdischen Nachbarn zeigt, ist mit Blut der jüdischen Opfer befleckt.

Spuren der Gewalt weisen auch die von Einschüssen gezeichneten Türen auf, die aus dem Haus der fünfköpfigen Familie Baranek aus Siedliska stammen: Weil sie vier Juden aufgenommen hatten, wurden die Baraneks im März 1943 hingerichtet.

An der Mauer auf dem Platz vor dem Museum erinnern Schrifttafeln solcher polnischen Opfer. Die Liste der Namen soll ergänzt werden, Schätzungen zufolge waren es rund 1600 Polen, die allein in der Vorkarpaten-Region etwa 2900 Juden versteckt hatten. Zweihundert von ihnen bezahlten das mit ihrem Leben.

Zum Museum in Markowa gehört auch ein Konferenzraum, in dem Zeitzeugen zu Wort kommen, Filme gezeigt werden, Tagungen und Jugendtreffen stattfinden sollen. Man denkt besonders auch an israelische Schüler, die auf Klassenfahrten nach Polen in den letzten Jahren auch in Markowa Station machen, wo schon seit 2004 ein kleines Ehrenmal an das Schicksal der Familie Ulma erinnert.

Ambivalente Reaktion aus Israel

In Israel erzeugt die Museumseröffnung freilich auch Skepsis. Dass der polnische Präsident Duda in seiner emphatischen Eröffnungsrede von „Hunderttausenden Polen“ sprach, die Juden geholfen hätten, dürfte in Jerusalem den Verdacht erhärten, man wolle den tragischen – und in der Holocaust-Forschung keineswegs als typisch geltenden – Fall der Familie Ulma benutzen, um das Verhalten der Polen während des Holocausts zu beschönigen.

Dass Duda stolz darauf verwiesen hatte, die Polen bildeten die größte Gruppe unter den von Yad Vashem gewürdigten Nichtjuden, schien das zu bestätigen. Irena Steinfeldt, die Leiterin der Abteilung der „Gerechten unter den Völkern“ in Yad Vashem, erklärte gegenüber der israelischen Zeitung „Haaretz“, die Zahl der hilfsbereiten Polen sei zwar im Vergleich zu anderen Ländern am höchsten. Halte man sich jedoch die drei Millionen polnisch-jüdischen Opfer vor Augen, erscheine sie freilich eher niedrig.

„Die Zahl der polnischen ,Gerechten’“, sagt Steinfeldt, „sagt nichts über den Charakter des Volkes aus, sondern nur über den von Individuen.“ Sie kritisiert vehement Versuche, die Zahl der polnischen Helfer aufzublähen, schließlich handle es sich dabei um eine Minderheit. Von dieser auf die Allgemeinheit zu schließen, was man in Polen neuerdings manchmal tue, sei nicht nur empörend, sondern mindere auch die Heldenhaftigkeit der „Gerechten unter den Völkern“.

In Yad Vashem, wo jährlich fünfzig bis siebzig neue Namen von Polen hinzukämen, sehe man sich nach wie vor in der Pflicht, all diejenigen zu würdigen, die ihr Leben riskierten, um Juden zu helfen. „Aber Verallgemeinerungen lehnen wir entschieden ab“, betont Steinfeldt. Das ändert nichts daran, dass Yad Vashem auf der polnischsprachigen Seite seiner „Internationalen Schule für Holocaust-Studien“ den Fall der Familie Ulma als ein pädagogisch besonders geeignetes Beispiel dafür anführt, Jugendliche über die Schoa in Polen aufzuklären.

Steinfeldts Kritik ist den polnischen Medien nicht entgangen. Die katholische polnische Wochenzeitschrift „Tygodnik Powszechny“ fragte jetzt Museumsdirektor Szpytma, ob das Hochschrauben der Zahl angeblicher polnischer Judenretter politische Zwecke verfolge. Szpytma blieb eine direkte Antwort schuldig. Niemand kenne die genauen Zahlen, sagte der Direktor, deshalb betrachte er es als seine Aufgabe, sie durch weitere Forschungen zu ermitteln. Manipulationen auf rechter wie auf linker Seite kämen vor; beide Lager versuchten, die Geschichte politisch zu instrumentalisieren. Doch das dürfe man nicht den Historikern anlasten.

Quelle: F.A.Z.

Finger weg von unseren Helden!
Von ŁUKASZ KAMIŃSKI
Ulmowie 2 Łukasz Kamiński fotVergangenen Monat nahm ich an der ergreifenden Eröffnungsfeier eines Museums in Markowa, in Südostpolen, teil. Es ist den Polen gewidmet, die während der deutschen Okkupation Juden gerettet haben, und nach der Familie Ulma benannt, die zusammen mit den von ihr versteckten Juden im März 1944 von deutschen Polizisten ermordet wurde.

Über dieses Ereignis wurde in vielen Medien berichtet, Vertreter höchster staatlicher Organe nahmen daran teil. Außer dem polnischen Präsidenten ergriff das Wort auch die Botschafterin Israels, eine aufgezeichnete Botschaft eines in Markowa geretteten Juden wurde präsentiert.

Die meisten Polen hörten zum ersten Mal die Geschichte von Józef und Wiktoria Ulma und ihren Kindern Stanisław, Basia, Władzia, Franek, Antek, Marysia sowie des siebten Kindes, dessen Geburt während der Exekution begann. Das älteste war damals acht Jahre alt. Zum ersten Mal wurden auch die Namen der Geretteten genannt: Saul Goldmann und seine vier Söhne (genannt die Szalls), Golda Grünfeld und ihre Schwester Lea Didner mit ihrer kleinen Tochter.

In Dutzenden von Kommentaren wurde das Heldentum der Familie Ulma gewürdigt, man wies auf Werte wie Nächstenliebe und Opferbereitschaft hin. Man sprach über die Bedeutung der Wahrheit und darüber, dass die Geschichte des Holocausts Mahnung für die heutige sowie für zukünftige Generationen sein solle. Man erinnerte an die Tatsache, dass in der Bibel im Haus der Ulmas die Geschichte vom barmherzigen Samariter angestrichen war, und man zitierte die Worte Christi: „Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“

Absurd oder rhetorisch

Der Leser des Artikels von Joseph Croitoru „War die heldenhafte Familien Ulma etwa typisch?“ konnte hingegen erfahren, dass wir es in Wirklichkeit mit einer Parteiveranstaltung der neuen polnischen Regierung zu tun hatten, die „eine historische Debatte entfacht“ habe. Entgegen den Behauptungen des Autors wurde die Fertigstellung des Museums nicht durch das Ergebnis der letzten Wahlen beschleunigt, sondern durch eine Entscheidung der Kulturministerin der vorherigen Regierung, die der Initiative finanzielle und organisatorische Unterstützung angedeihen ließ.

Ich habe die Kommentare in Presse und Internet aufmerksam verfolgt, konnte jedoch keine „Entfachung“ der seit Jahren anhaltenden Debatte über die polnisch-jüdischen Beziehungen während des Krieges entdecken. Es gibt viele Fragen, die das heutige Polen spalten; aber mit Sicherheit gehört dazu nicht das Bedürfnis, an die Helden zu erinnern, die Juden gerettet haben.

Die in der Überschrift des Artikels von Croitoru enthaltene Frage kann man entweder als absurd oder als rhetorisch betrachten. Es ist offensichtlich, dass die Haltung der Ulmas, die für die Rettung von Juden ihr Leben ließen, nicht typisch war. Heroische Haltungen sind nie typisch!

Todesstrafe für Helfer

Ebenso wenig war auch die Tätigkeit Irena Sendlers typisch, die zweieinhalbtausend jüdische Kinder vor den deutschen Mördern rettete, indem sie sie hauptsächlich in polnischen Familien und katholischen Klöstern unterbrachte. Ebenfalls nicht typisch war das Schicksal des Kuriers der polnischen Untergrundregierung Jan Karski, der die Tragödie der polnischen Juden 1943 unter anderem Präsident Roosevelt darlegte, was leider keine wirkliche Reaktion auslöste.

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Irena Sendlerowa (oben während des Krieges, unten an ihren 100. Geburtstag) rettete  während der deutschen Besatzung 2500 jüdischen Kindern das Leben.

Die Haltung der Ulmas und Tausender ähnlicher Familien war nicht typisch, wie man auch die Haltung derer nicht als typisch betrachten kann, die versteckte Juden und ihnen helfende Polen erpressten und den Deutschen auslieferten. Auf diese Tat stand nach dem Recht des polnischen Untergrundstaats seit 1943 die Todesstrafe. Dieses Urteil vollstreckte der polnische Untergrund auch an dem Polizisten, der die Ulmas denunziert hatte.

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Jan Karski, der aus dem besetzten Polen in den Westen gelangte Kurier der polnischen Untergrundregierung, schilderte die Tragödie der polnischen Juden 1943 u. a. Präsident Roosevelt sowie den führenden Vertretern der amerikanischen Juden, und stieβ auf taube Ohren.

Typisch war etwas anderes

Das Museum in Markowa ist nicht ins Leben gerufen worden, um zu suggerieren, die Haltung der Ulmas sei typisch gewesen. Ganz im Gegenteil – es soll darauf hinweisen, welche Ausnahme ihr Opfer darstellte, unter anderem auch, um die Ulmas und ähnlich handelnde Menschen als Vorbild für unsere Zeitgenossen und zukünftige Generationen zu zeigen. Ich bin überzeugt davon, dass der Besuch des Museums für diejenigen, die es aufsuchen, unabhängig von ihrer Nationalität vor allem grundlegende Fragen über die Natur des Menschen und über das Wesen von Gut und Böse aufwerfen wird.

Typisch war im von den Deutschen besetzten Polen etwas anderes. Schon in den ersten Wochen wurden Massenexekutionen typisch, vor allem an den Vertretern der polnischen Eliten. Im Februar 1940 sagte Generalgouverneur Hans Frank in einem Interview mit einer deutschen Zeitung: „In Prag waren große rote Plakate angeschlagen, auf denen zu lesen war, dass heute sieben Tschechen erschossen worden sind. Da sagte ich mir: Wenn ich für je sieben erschossene Polen ein Plakat aushängen lassen wollte, dann würden die Wälder Polens nicht ausreichen, das Papier herzustellen für solche Plakate.“

„Endlösung“ auf polnischem Boden

Typisch war in den dem Dritten Reich einverleibten Gebieten die Aussiedlung der polnischen Bevölkerung, die mehr als 800.000 Personen betraf. Typisch waren Razzien auf den Straßen, von denen aus die Festgenommenen ins Gefängnis oder ins Konzentrationslager kamen und im besten Fall zur Zwangsarbeit geschickt wurden. Typisch war die Zerstörung von Dörfern, bei denen die Häuser abgebrannt und die Bewohner ermordet wurden. In der Gegend von Zamość wurde nicht nur die Aussiedlung der Polen typisch, sondern auch der Raub polnischer Kinder zum Zweck der Germanisierung.

Typisch waren die Zerstörung des gesamten Bildungssystems, Raub und Vernichtung kultureller Werke, die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes. Und typisch war schließlich auch die Bestrafung derer, die den Juden halfen, für die die Deutschen die komplette Ausrottung vorgesehen hatten, wobei sie sich als Ort für die „Endlösung“ die polnische Erde ausgesucht hatten. Nach den Anordnungen der Besatzungsmacht stand auf die Unterstützung von Juden durch Polen die Todesstrafe.

Unsere Verpflichtung

All diese Phänomene waren typisch, weil sie nach den Richtlinien Hitlers ausgeführt wurden. Noch vor dem Überfall auf Polen kündigte er den auf dem Obersalzberg versammelten Generälen an, das Ziel der Invasion sei nicht „das Erreichen einer bestimmten Linie“, sondern „die physische Vernichtung des Gegners“, und er erklärte, er habe, vorläufig erst im Osten, Totenkopfverbände rekrutiert und befohlen, ohne jedes Mitleid Männer, Frauen und Kinder polnischer Herkunft und polnischer Sprache zu töten, da nur auf diese Art und Weise der Lebensraum erobert werden könne, den die Deutschen bräuchten.

Dass die Polen Opfer der deutschen (und auch der sowjetischen) Besatzung waren, ist eine historische Tatsache. Und es sind keine besonderen Untersuchungen nötig, um „die polnische Opferrolle zu zementieren“, wie in dem erwähnten Artikel ein Historiker suggeriert. Die Leidensgeschichte der Polen schmälert nicht den Holocaust und das Leiden der Juden.

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Nicht nur auf das Verstecken, auf jede den Juden erwiesene Hilfeleistung stand im besetzten Polen die Todesstrafe. Deutsche Bekanntmachungen.

Das Institut für Nationales Gedenken (IPN) und viele andere Institutionen in Polen untersuchen die Schicksale der Polen, die Juden gerettet haben, nicht um irgendeinen ideologischen Bedarf zu decken. Wir sind der Meinung, dass dies unsere grundlegende Verpflichtung ist gegenüber den Helden, die ihr Leben riskiert und es daher verdient haben, dass ihre Namen im Gedächtnis der Nachfahren erhalten bleiben.

Ungeschehen lässt sich nichts machen

Die Polen sind stolz auf ihre Geschichte, darauf, dass sie sich als Erste Hitler entgegengestellt und bis zum letzten Kriegstag gegen die Deutschen gekämpft haben, was enorme Opfer kostete. Wir erinnern uns daran, dass wir als Einzige im besetzten Europa einen Untergrundstaat geschaffen haben. Er verfügte nicht nur über militärische Strukturen, sondern auch über eine zivile Verwaltung, der auch der Rat für die Unterstützung der Juden, die Źegota, unterstellt war.

Das heißt nicht, dass keine Diskussion über die schwierigen Aspekte dieser Zeit geführt wird, vor allem über die polnisch-jüdischen Beziehungen. Diese Diskussion wurde erst nach dem Fall des kommunistischen Systems möglich. Leider wird sie immer mehr von Radikalen dominiert, was einen echten Dialog erschwert. Die Erinnerung an die Polen, die Juden retteten, macht die Beispiele von Verrat und sogar Verbrechen nicht ungeschehen, genau wie umgekehrt das schändliche Verhalten mancher Polen das Heldentum anderer nicht ungeschehen macht.

Sie haben es verdient

Die Behauptung, man hätte mehr Juden retten können, ist ebenso richtig wie diejenige, die darauf hinweist, dass man von niemandem verlangen kann, das Leben der eigenen Familie zu riskieren. Diese Art der Diskussion trägt nicht nur wenig dazu bei, die Vergangenheit zu verstehen, sondern sie entfernt uns auch von dem, was in dieser Debatte das Wichtigste ist: die fundamentalen Fragen nach dem Verhalten der Menschen in schwerster Zeit.

Es gibt in Polen Streit darüber, wie viele Polen während des Krieges sich für die Hilfe für Juden engagiert haben. Dieser Streit rührt daher, dass während der Besatzung niemand solche Statistiken geführt hat und dieses Thema danach viele Jahre lang nicht untersucht wurde. Unabhängig von dieser Diskussion, ist jedoch eines sicher: Es waren entschieden mehr als die Mitglieder der deutschen Opposition gegen Hitler, über deren Geschichte man in vielen Museen und Gedenkstätten etwas erfahren kann.

Die polnischen Helden, die das eigene Leben aufs Spiel gesetzt haben, um ihre Nächsten zu retten, haben es verdient, dass man an sie erinnert. Statt den Sinn des ihnen gewidmeten Museums in Frage zu stellen, sollte man lieber darüber nachdenken, warum es erst so spät entstanden ist.

Łukasz Kamiński war bis Juli 2016 Präsident des Instituts für Nationales Gedenken in Warschau.
Quelle: F.A.Z.

Rede Staatsprpräsident Andrzej Dudas bei der Eröffnung des Museums in Markowa am 17. März 2016

Ulmowie 2 Andrzej Duda fot.2Es passierte in der Nacht… Sie fuhren hierher auf Umwegen aus Łańcut, hieß es in einer späteren Aussage eines jungen Fuhrmanns, eines Bauern aus einem der Dörfer des Karpatenvorlandes. Deutsche Gendarmen und dunkelblaue Polizisten. Darunter befand sich wahrscheinlich auch derjenige, der, wie man später ermitteln konnte, die Familie Ulma und die bei ihnen wohnenden Goldmans denunziert hatte.

Auf dem Weg sind sie stehen geblieben. Das Haus stand am Dorfrand, daneben befanden sich keine anderen Gebäude. Die Gendarmen und die Polizisten gingen zum Haus Ulmas. Dann hörte man Schüsse. Darauf riefen sie die Fuhrleute und befahlen ihnen, zuzuschauen. Zunächst töteten sie die Söhne von Chaim Goldman und dann ihn selbst. Später töteten sie Józef und Wiktoria Ulma. Einer der Deutschen sagte zu den Fuhrleuten: „Da, seht zu, so sterben polnische Schweine, die Juden helfen.“

Und später wussten sie nicht, was sie mit den Kindern tun sollen, den sechs Kindern von Józef und Wiktoria. Und dann sagte der Kommandant der Gendarmen: „Ihr werdet wohl im Dorfe keine Probleme haben wollen“. Und tötete sie alle, der Reihe nach. Der Mann, der das aussagte, berichtete: „ Zu hören waren Schüsse, Schreie und Wehklagen. Es war erschütternd“.

Warum beschlossen Józef Ulma und seine Frau sich so zu verhalten? Warum entschieden sie sich, unter ihr Dach die Familie Goldman aufzunehmen? Den fast achtzigjährigen Familienvater Chaim, einen Kaufmann aus dem nahe gelegenen Łańcut, seine erwachsenen Söhne, die Töchter und die Enkelin. Warum taten sie das? War es der Appell der Heeresführung des polnischen Untergrundstaates, dass angesichts der Shoah, es eine moralische Pflicht der Polen sei, unseren jüdischen Mitbürgern, Mitbürgern der Rzeczpospolita, der Republik Polen, zu helfen?

Oder war es, weil sie Chaim Goldman und die ganze Familie kannten? Denn in einer solchen lokalen Dorfgemeinschaft kannten sich doch alle. Oder lag es vielleicht am biblischen Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das von jemandem im Text jener Bibel unterstrichen wurde, die man später im Haus Ulmas gefunden hatte? Wir wissen es nicht… Keiner weiß die Antwort.

Eines ist sicher. Józef Ulma war ein einfacher Bauer aus dem Karpatenvorland, ein Landwirt. Er war aufgeklärt und intelligent. Er absolvierte vier Klassen Grundschule und dann noch eine landwirtschaftliche Fachschule. Den anderen war er ein Vorbild. Seine Leidenschaft galt der Imkerei, er züchtete Seidenraupen.

Heute würden wir sagen, er war ein lokaler Meinungsbildner. Das war er ganz sicher. Die Menschen holten sich bei ihm Rat. Er machte Fotografien und dokumentierte somit das Leben der dörflichen Gemeinschaft und das seiner Familie. Dem ist es unter anderem zu verdanken, dass dieses Museum so lebhaft und beeindruckend ist. Denn es ist voll von Aufnahmen, die Józef gemacht hatte, auch von Fotos seiner jüdischen Nachbarn und Gäste, die er bei sich aufgenommen hat und mit denen er starb.

Dies hier ist ein sehr bewegendes Museum. Ich bin zutiefst dankbar und im Namen der Republik, im Namen aller meiner Landsleute danke ich all jenen, die zur Entstehung dieser Einrichtung beigetragen haben. Ich danke allen, die dazu beigetragen haben, dass die Familie Ulma, ihre Angehörigen, und alle anderen verewigt wurden, die ihren Schwestern und Brüdern, Mitbürgern jüdischer Abstammung, geholfen haben zu überleben, in einer Zeit des Massakers an ihrem Volk, das während des Zweiten Weltkriegs von den Nazideutschen ausgelöscht werden sollte. Danke, dass dieses Museum ein Denkmal für sie alle sein kann. Danke, denn Polen und die geschichtliche Gerechtigkeit haben ein solches Mahnmal nur allzu dringend benötigt.

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Zum Denkmal der Familie Ulma 1000 m.

Unsere beiden Völker, die Polen und die Juden, lebten tausend Jahre lang auf diesem Boden. Diese tausend Jahre gemeinsamer Geschichte erlebten eine furchtbare Zäsur: Den Holocaust, in dem von Deutschen besetzten Polen. Die Todeslager, ein schwarzes Blatt in der Geschichte des jüdischen Volkes.

Viele Menschen besuchen Polen, um das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau sowie andere Zeugnisse der großen Vernichtung zu besichtigen, die der ganzen Welt als Mahnung dienen sollen, was Hass und kranke Ideologien anstellen können, und wozu ein von ihnen besessener Mensch fähig ist. Aber es entstehen bei uns in den letzten Jahren zum Glück auch andere Orte, jene, die das zeigen, was gut und was schön war in der Geschichte, auch der tragischsten. Zu ihnen gehört mit Sicherheit dieses Museum, ein Museum der Brüderlichkeit, der Barmherzigkeit und der Gemeinschaft. Einer Gemeinschaft von Ort, Heimat, und oft auch des Zusammenhaltens.

Vielleicht hat Józef Ulma die Familie Goldman deshalb bei sich aufgenommen, weil ihr Sohn, genauso wie er, 1939 für die Verteidigung Polens gekämpft hatte. Vielleicht weil es tausende von polnischen Staatsbürgern jüdischer Abstammung waren, die für Polen 1918, 1919, 1920, 1939 und auch später gekämpft haben? Sie kämpften, denn Polen war unsere gemeinsame Heimat, wo sie geboren wurden, wo sie heranwuchsen und lebten.

Und es war zum Glück ein Land, in dem während der schrecklichen Tragödie des Holocausts und beim Versuch „der endgültigen Lösung der jüdischen Frage“, wie es die Führung von Hitlerdeutschland zynisch formulierte, tausende von Polen den Mut aufbrachten, um wahre Mitmenschen und Mitbürger zu sein, um barmherzig zu sein, um jener Lehre zu folgen, die sich für uns alle aus dem christlichen Glauben ergibt, der Nächstenliebe.

Zum Glück gab es auch Menschen, denen es an dieser christlichen Nächstenliebe nicht fehlte, trotz des großen Risikos, trotz des drohenden Todes. Denn im besetzten Polen drohte für Juden erwiesene Hilfe, wie nirgendwo anders in der Welt, die Todesstrafe, die auch ohne jegliche Rücksichtnahme vollstreckt wurde. So wie hier. Es waren ja nicht nur Józef und Wiktoria Ulma sowie ihre Kinder, die so ihr Leben verloren. Es gab dutzende, hunderte von solchen Familien, tausende von Menschen, die dafür, dass sie ihren jüdischen Schwestern und Brüdern, ihren Mitbürgern, geholfen haben, ihr Leben opfern mussten.

Und wenn wir heute an diese dramatische Zeit und an die tausend Jahre gemeinsamer Geschichte zurückdenken, so mögen uns zu einem Wegweiser auf der Wanderung durch diese Zeit all jene Orte werden, die wir heute in einem freien und unabhängigen Polen, dass sich seiner Geschichte bewusst ist, besichtigen können: Das Museum der Geschichte der polnischen Juden POLIN in Warschau, wo sowohl die schönen als auch die traurigen Kapitel gezeigt werden, das nazideutsche Konzentrationslager Auschwitz, aber auch das Museum in Markowa, so wichtig auf dem Weg der gemeinsamen Geschichte.

Ein Museum, das zwar ein tragisches Kapitel zeigt, aber zugleich auch das wichtigste Merkmal der Rzeczpospolita przyjaciół, der Republik der Freunde, veranschaulicht, wo man bereit war das Leben zu opfern für seinen Freund, seinen Bruder und einen Mitmenschen. Möge das, was wir heute bereits gehört haben, all dies bezeugen. Auch die Tatsache, dass der Mord an der Familie Ulma und der bei ihnen versteckten Goldmans, dieses Beispiel der deutschen Greueltaten, andere Einwohner von Markowa, die ja auch Familien hatten und die auch überleben wollten, nicht dazu gebracht hat, Juden auszuliefern, die sie bei sich aufgenommen haben. Denn trotz dieser Tragödie, konnten die Dorfbewohner bis zum Kriegsende 21 Juden bei sich verstecken.

Es ist dies ein ganz bedeutender Ort für die Republik Polen, denn hier wird es uns ganz besonders bewusst, dass wir als Polen Würde empfinden können. Unter uns lebten nämlich solche Menschen, die mehr als nur anständig waren. Sie waren wahre Helden, und als solche sind sie jenen gleichzusetzen, die unter Einsatz von Waffen für die Freiheit Polens gekämpft haben und dabei gefallen sind.

Es gibt da keinen Unterschied. Sowohl die einen wie auch die anderen opferten ihr Leben für andere und für Freiheit. Denn Freiheit bedeutet Würde. Dass sie ihre Nachbarn, Bekannte und manchmal auch zufällige Menschen bei sich versteckten, war eine Absage an Grausamkeit, Verachtung und Hass, und einen Antisemitismus, mit dem sie sich nicht abfinden konnten und mit dem sie sich bis an ihr Lebensende nicht abgefunden haben. Eine Absage an all das, was die Nazideutschen auf polnischen Boden mitgebracht gebracht hatten.

Und als Präsident der Republik Polen möchte ich es heute ganz klar und deutlich sagen: Jeder, der Hass unter Völkern verbreitet, jeder der antisemitische Parolen verkündet, der Antisemitismus verbreitet und ihn schürt, tritt mit Füssen das Grab der Familie Ulma, tritt mit Füssen die Erinnerung an sie, und auch das alles, was sie als Polen verloren haben, indem sie ihr Leben opferten. Es war dies ein Opfer für Würde, Aufrichtigkeit, für Gerechtigkeit und die einem jeden Menschen gebührende elementare Achtung.

Möge dieses Museum, neben anderen Gedenkstätten auch, für alle zu einem großen Zeugnis einer tragischen, aber guten Erinnerung werden sowie zu einer Mahnung, was Hass und Verachtung aus Menschen machen kann.

Und es ist auch gut, dass in all dem die Führung des polnischen Untergrundstaates Härte gezeigt hat. Denn derjenige, der die Ulmas und ihre Gäste, die jüdischen Nachbarn, höchstwahrscheinlich ausgeliefert hatte, lebte nicht mehr lange. Sie starben in der Nacht vom 23. auf den 24. März, und der polnische Untergrundstaat vollstreckte sein Urteil an dem Kollaborateur am 10. September desselben Jahres 1944.

Später ist es noch gelungen, einen der Mörder zu fassen, der auf mindestens drei der Kinder geschossen hatte. Für seine Tat hat er eine Gefängnisstrafe verbüßt. Allerdings wurde zunächst von einem polnischen Gericht die Todesstrafe verhängt. Das Urteil wurde dann zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe umgewandelt und schließlich zu einer 25-jährigen Haft. Der Täter starb im Gefängnis in Bytom.

Es ist gut, dass der polnische Staat ein Urteil im Mordfall fällen konnte und das somit elementare Gerechtigkeit geschehen konnte. So wie jeder Mörder elementare Gerechtigkeit erfahren muss. Dies geschieht in jedem aufrichtigen Rechtsstaat. Und es darf auch kein aufrichtiger Rechtsstaat Volkshetze, nationale Phobien sowie Fremdenhass tolerieren. Und ich glaube fest daran, dass Polen das nie tolerieren wird. Und so wie jetzt der Staat Israel und seine Gründer, belehrt durch die dramatischen Erfahrungen des Holocausts, beschlossen haben, nie einen eigenen Staatsbürger alleinzulassen, und die Sicherheit eines jeden Juden um jeden Preis zu verteidigen, so sollten auch wir, die Polen, und der polnische Staat, das gleiche tun.

Möge die Tragödie des Zweiten Weltkriegs sowohl für das jüdische als auch für das polnische Volk eine dramatische Lektion sein, aus der wir und aus der diejenigen, die nach uns kommen, entsprechende Schlüsse ziehen, und aus der wir den nachkommenden Generationen die Wahrheit darüber vermitteln müssen, was passiert ist, die Wahrheit über den Holocaust, das Heldentum, aber auch manchmal die traurige Wahrheit über das Abscheuliche im Menschen.

Denn Wahrheit baut Brüderlichkeit zwischen Völkern und erlaubt es, freundschaftliche Beziehungen zu entwickeln. Denn eine gute Zukunft kann nur auf Wahrheit aufbauen.

Quelle: Amtliche Übersetzung ins Deutsche, entnommen der offiziellen Internerseite Prezydent.pl




Lech Wałęsa. Wahrheit geht vor Legende. Dokumentation

Kommentator Janusz Tycner und Joachim Ciecierski gehen ausführlich auf neuste Enthüllungen über die Stasi-Vergangenheit Lech Wałęsas ein.




Archäologie des Terrors

Die Rückkehr der verstossenen Soldaten.

In keinem anderen Land des ehemaligen Ostblocks werden heute so viele Opfer kommunistischer Fememorde ausfindig gemacht, exhumiert, identifiziert und feierlich zu Grabe getragen, wie in Polen. Die umfangreichsten Arbeiten finden zurzeit auf dem Warschauer Powązki-Friedhof und auf dem Gelände des Untersuchungsgefängnisses in Białystok statt.

Müll drüber

Der 25. Mai 1948 war der letzte Tag im heroischen und ereignisreichen Leben des Rittmeisters Witold Pilecki. Gegen 21 Uhr rief man ihn aus der Zelle im Pavillon 10 des Gefängnisses in der Warschauer Rakowieckastrasse auf den Gang hinaus. Zwei Wachmänner stellten sich links und rechts neben ihn. Ein Unteroffizier hielt einen Zettel in der Hand, vor ihm stand ein Eimer mit feingemahlenen Holzspänen. Name? Vorname? Vornamen der Eltern? Geburtsdatum?

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Rittmeister Witold Pilecki vor dem Krieg.

Die beiden Wachmänner fesselten Pilecki die Arme auf dem Rücken, der Unteroffizier bückte sich zum Eimer, stopfte dem Gefangenen eine, dann eine zweite Hand voller Holzspäne in den Mund und wickelte ihm blitzschnell einen Lappen fest ums Gesicht. Fast im Laufschritt ging es dann den Gang entlang, die Treppe runter in den Keller, wieder ein langer Gang, am Ende, rechts, eine offene Stahltür und drei weitere Uniformierte. Sie stellten den Gefangenen in den Türrahmen, hinter dem eine steile Treppe nach unten ihren Anfang nahm. Einer der Männer zog die Pistole aus dem Holster und schoss Pilecki in den Hinterkopf. Die Leiche stürzte die Treppe hinab.

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Auschwitz-Häftling Witold Pilecki.

Bald darauf, mitten in der Nacht, fuhr ein klappriger Lkw durch das Gefängnistor. Unter der fest verschnürten Plane lagen Leichen, darunter auch die von Pilecki. Man entsorgte sie wie Tierkadaver, meistens in entlegenen Friedhofsecken. Wenn sich die ausgehobene Grube als zu klein erwies, wurde auf den toten Körpern so lange herumgetrampelt, bis sie hinein passten. Am Untersuchungsgefängnis in Białystok fanden Archäologen in einem 2 m langen und 1,5 m breiten Erdloch Gebeine von 31 Menschen. Friedhofsmüll wurde später auf die Todesparzellen gekippt, Sträucher und Unkraut wuchsen von alleine. Niemand sollte ihre Leichen je finden, ihr Schicksal sollte für immer vergessen werden.

So endete das Leben des Rittmeisters Witold Pilecki. Eines Soldaten, der 1920 dabei half Polen vor den Bolschewisten zu bewahren und es 1939, als Kavallerist, gegen die Deutschen verteidigte. Eines Untergrundkämpfers der polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa), der sich im September 1940 freiwillig bei einer deutschen Razzia in Warschau festnehmen lieβ, um nach Auschwitz zu gelangen. Fast eintausend Tage verbrachte er dort als Häftling Nummer 4859, um zu erfahren, was im Lager vor sich ging. Er organisierte den Widerstand, schickte Berichte nach drauβen, bis er im August 1943 fliehen konnte.

Pilecki kämpfte im Warschauer Aufstand (1.08 – 3.10.1944), ging in deutsche Gefangenschaft und wurde im April 1945 im bayerischen Murnau von den Amerikanern befreit. Bald darauf meldete er sich in Ancona, bei General Władysław Anders, dem Oberkommandierenden der polnischen Streitkräfte in Italien (2. Polnisches Korps), mit er Bitte, nach Polen gehen zu dürfen, um den Untergrund gegen die Sowjets und ihre polnischen Helfer unterstützen zu können.

Ekshumacje Pilecki MBP
Erst geschlagen, dann erkennungsdienstlich erfaβt. Witold Pilecki als kommunistischer Häftling.

Im Mai 1947 geriet Pilecki in die Fänge der politischen Polizei UB und ihrer sowjetischen Berater. Wochenlang dauerten die Verhöre, bei denen ihm das Schlüsselbein und ein Arm gebrochen, sowie sämtliche Zähne ausgeschlagen wurden. „Auschwitz war dagegen ein Kinderspiel“, flüsterte er bei dem einzigen Besuchstermin, den seine Frau zugestanden bekam. Ein Schauprozess folgte, das Urteil: Todesstrafe.

Kein „Bürgerkrieg“, ein Aufstand

„Eines Tages, wenn das Land frei sein wird, wird sich Polen an uns erinnern“, sagte Oberst Łukasz Ciepliński zu seinen Zellengenossen. Er legte sich sein kleines Mutter-Gottes-Medaillon in den Mund, bevor er am 1. März 1951 mit einem Schuss in den Hinterkopf umgebracht wurde. Durch das Medaillon hoffte er besser identifizierbar zu sein. Bisher hat man seine Gebeine nicht gefunden.

Verstoßene Soldaten (żołnierze wyklęci) werden polnische Widerstandskämpfer der antikommunistischen Untergrundorganisationen genannt, die nach dem Krieg im kommunistischen Polen gegen die Sowjets und das von ihnen errichtete Regime gekämpft haben.

Ekshumacje Ciepliński
Der spätere Oberst Łukasz Ciepliński vor dem Krieg.

Ciepliński war ein tapferer Soldat, der im September 1939 mit seiner Panzerabwehrkanone sechs deutsche Panzer und zwei Befehlswagen abschoss, im Untergrund zu einem der wichtigsten Befehlshaber der Heimatarmee (AK) im Raum Rzeszów aufstieg und bis zu seiner Verhaftung im November 1947 den Sowjets und den Kommunisten schwer zusetzte.

Ehe Ciepliński sein Todesurteil hörte, widerrief er vor Gericht alle seine Aussagen aus der Untersuchungshaft: „Jedes Verhör endete so, dass ich bewusstlos in einer Blutlache lag. Ich wusste nicht, was ins Protokoll geschrieben wurde und was ich, fast ohnmächtig vor Schmerzen, unterschrieben habe.“

Ciepliński sollte Recht behalten. Spät zwar, erst 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus und aufgrund des wachsenden öffentlichen Drucks, hat sich Polen an ihn und die anderen erinnert. Der Widerstand war groβ. In der Justiz, aus deren Apparat im Zuge der „nationalen Versöhnung am runden Tisch“ nach 1989 kein einziger kommunistischer Richter entfernt wurde. Seitens der postkommunistischen Linken, die Polen acht Jahre lang (1993-1997 und 2001-2005) regierte und ihrer Wahlklientel. Strikt dagegen war, die lange Zeit vorherrschend meinungsbildende „Gazeta Wyborcza“. Schlieβlich gehörte auch der Stiefbruder des Chefredakteurs Adam Michnik, Stefan, zu den stalinistischen Blutrichtern. Bei der Ermordung eines seiner Opfer, des Majors Andrzej Czaykowski, am 10. Oktober 1953, war er sogar persönlich zugegen. Desinteressiert zeigte sich ebenfalls Donald Tusks Bürgerplattform, die Polen zwischen 2007 und 2015 regierte.

Die kommunistische Propaganda sprach jahrzehntelang nach dem Krieg von „reaktionären und verbrecherischen Banden“, die es nach 1945 mit aller Härte zu bekämpfen galt. Widerspruch war gefährlich. Doch ab Mitte der 80er Jahre lieβen sich solche Behauptungen nicht mehr aufrechterhalten. Der Kommunismus in Polen schwächelte zunehmend, das staatliche Meinungsmonopol wurde von einem schnell wachsenden Umlauf an illegal gedruckten Bulletins, Periodika, Broschüren und Büchern untergraben, die u.a. auch von der verzweifelten Auflehnung der Kämpfer des antideutschen Widerstandes gegen die nachfolgende, sowjetische Okkupation berichteten.

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Juni 1947. Tote Männer des Widerstandes.

Die kommunistische Propaganda begann daraufhin, ab Mitte der 80er Jahre, von einem „tragischen Bürgerkrieg“ nach 1945 zu sprechen, in dem beide Seiten für ihre Überzeugungen kämpften, die es zu akzeptieren galt. So sahen es auch, nach dem Ende des Kommunismus, die bereits erwähnten Gegner der Aufarbeitung.

Doch eine „Ebenbürtigkeit der Ideale“ im Kampf für ein freies, demokratisches Polen oder ein Polen unter kommunistischer Diktatur, kann es nicht geben. Es war kein „Bürgerkrieg“ sondern ein groβer antikommunistischer Aufstand für ein freies Polen. Diesen Standpunkt vertreten inzwischen immer mehr Historiker, er hält zunehmend Einzug in den offiziellen Sprachgebrauch.

Es war ein Aufstand gegen das Vorgehen der Sowjets in Polen. Ende 1945 waren im Land, neben vielen regulären Armeeinheiten, drei NKWD-Divisionen in einer Stärke von etwa 40.000 Mann stationiert, die nur damit beschäftigt waren ihre polnischen Helfer auszubilden und Soldaten, Politiker, Intellektuelle, die ein demokratisches Polen errichten wollten, zu eliminieren. Die Sowjets übernahmen von Deutschen geräumte Gefängnisse, Lager und „betrieben“ die meisten von ihnen weiter als Folter- und Hinrichtungsstätten. Allein zwischen Oktober und Dezember 1944 nahmen sie in den von ihnen „befreiten“ Gebieten zwischen den Flüssen Bug und Weichsel knapp 19.000 Polen fest. Der westlich der Weichsel gelegene Teil Polens befand sich noch bis Mitte Januar 1945 in deutscher Hand.

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Sechzehn führende bürgerliche Politiker und Militärs der Heimatarmee (AK) wurden von den Sowjets im März 1945 zu „Gesprächen“ b. Warschau eingeladen, nach Moskau entführt und abgeurteilt.

Etwa 600 Polen wurden im Juli 1944 bei Augustów von den Sowjets in einer groβangelegten Razzia festgenommen und bald darauf ermordet. Trotz intensiver Suche hat man ihre Gebeine bis heute nicht gefunden.

Am 27. März 1945 luden die Sowjets 16 führende Vertreter der demokratischen Parteien, der Heimatarmee und der polnischen Regierung im Exil in Pruszków bei Warschau zu „Gesprächen“ ein. Alle wurden verhaftet und nach Russland verschleppt.

Sowjetische „Berater“ leiteten 1946 und 1947 umfangreiche Fälschungsaktionen während eines von den Kommunisten organisierten „Referendums“ und der ersten „Parlamentswahlen“ nach dem Krieg, die, wie inzwischen anhand einst geheimer Archive festgestellt, die antikommunistische Opposition gewonnen hatte. Offiziell jedoch, bekam sie nur 10% der Stimmen.

Die von den Sowjets ausgebildeten polnischen „Sicherheitsorgane“ und deren bewaffneter Verband (das sog. Korps der Inneren Sicherheit – KBW) wurden überwiegend von sowjetischen Offizieren in polnischen Uniformen befehligt.

Nein, es war kein „Bürgerkrieg“. Nicht der von den Sowjets völlig abhängige, allein auf sich gestellt nicht überlebensfähige, polnische kommunistische Staats- und Terrorapparat war der eigentliche Gegner, sondern die Sowjets, die das Land besetzten und es gegen den Willen der absoluten Mehrheit seiner Bewohner in ihre Kolonie verwandelten.

Tausende Schicksale gilt es aufzuklären

Erst 2011 konnte das Institut für Nationales Gedenken (IPN) mit der aufwendigen Suche nach den Opfern des Regimes, deren Leichen nach der Hinrichtung verschwunden waren, beginnen. IPN verwahrt vor allem die Akten der ehemaligen polnischen Stasi, hat jedoch auch Befugnisse bei „Verbrechen gegen das polnische Volk“ (deutsche Besatzungszeit, kommunistischer Nachkriegsterror) Untersuchungsverfahren einzuleiten und Anklage vor Gericht zu erheben.

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Ausgrabungsarbeiten auf dem Warschauer Powązki-Friedhof.

Es gilt Tausende Schicksale aufzuklären. IPN-Historiker durchforsten Archive, IPN-Staatsanwälte befragen Zeugen. Alte und neue Luftaufnahmen von Gegenden, in denen man anonyme Gräber von Ermordeten vermutet, werden ausgewertet.

Es ist schon erstaunlich, wie gut man aus der Luft erkennen kann, wo die gewachsene Oberflächenstruktur angetastet wurde, auch wenn es vor Jahrzehnten geschah und vor Ort mit bloβem Auge nicht sichtbar ist. Der Vergleich zwischen deutschen Luftaufnahmen aus dem Jahr 1943 und polnischen des Jahres 1951 hat ergeben, dass in einer weitgehend ungenutzten Ecke des 45 Hektar groβen Warschauer Powązki-Friedhofs (phonetisch: Powonski) 1951 Grubenumrisse zu erkennen sind, die es dort 1943 nicht gab. Anschlieβende Geo-Radaruntersuchungen haben zusätzlich die jahrzehntelang anhaltenden Gerüchte bestätigt, dass auf der sogenannten „Łączka“ (phonetisch.: Uontschka), zu Deutsch „kleine Wiese“, zwischen 1948 und 1956 namenlose Tote verscharrt wurden.

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Auf dem Rücken gekreuzte Arme deuten darauf hin, dass die Opfer gefesselt waren. Stricke haben sich längst spurlos aufgelöst, manchmal findet man Draht oder Elektrokabel.

Bis zum Sommer 2015 wurden auf der „kleinen Wiese“ Gebeine von etwa 200 Personen ausgegraben. Vierzig von ihnen konnten identifiziert werden. Die Archäologin Natalia Szymczak (phonetisch: Schimtschak) sagt, dass man an den Knochen das Leiden der Opfer ablesen kann. Spuren der Verletzungen, die ihnen beigefügt wurden, sind deutlich erkennbar. Auf dem Rücken gekreuzte Arme deuten darauf hin, dass die Opfer gefesselt waren. Stricke haben sich längst spurlos aufgelöst, manchmal findet man aber Draht oder Elektrokabel. Persönliche Gegenstände sind rar. Vereinzelt ein Kamm, ein Brillengestell, Stofffetzen.

 Mit Stroop in einer Zelle

Die Stoffreste entstammen nicht selten deutschen Uniformen. Um sie zu demütigen, nahm man den Kämpfern des antideutschen Widerstandes oft ihre Kleidung weg und warf ihnen abgetragene deutsche Uniformen vor die Füβe. Polnische Widerstandskämpfer wurden bevorzugt mit deutschen Kriegsverbrechern in eine Zelle gesperrt.

„Liebe Wisia!“, schrieb Oberst Łukasz Ciepliński in seinem letzten Kassiber aus dem Gefängnis. „Ich lebe noch, aber es sind meine letzten Tage. Sitze mit einem Gestapo-Offizier in einer Zelle. Er bekommt Post, ich nicht. Wie gerne würde ich wenigstens ein paar Worte aus Deiner Feder bekommen. (…) Meinen Schmerz lege ich Gott und Polen zu Füβen. (…) Ich danke Gott dafür, dass ich für den heiligen Glauben, für mein Vaterland kämpfen durfte und dafür, dass er mir eine solche Frau und das groβe Familienglück geschenkt hat“.

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Kazimierz Moczarski

Auch der in der Hierarchie der Heimatarmee hoch angesiedelte Journalist Kazimierz Moczarski, der während seines elfjährigen (1945-56) Gefängnisaufenthaltes 49 Foltermethoden, die er später beschrieben hat, erleiden musste, wurde für acht Monate in eine Zelle mit Jürgen Stroop eingesperrt. Stroop war der Chef der deutschen Einsatzkräfte gewesen, die den Aufstand im Warschauer Ghetto (19.04-16.05.1943) niederschlugen. Moczarski überlebte und legte später (1972) Zeugnis ab von der Zeit mit Stroop in seinem Buch „Gespräche mit dem Henker“.

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Jürgen Stroop

Der Standardvorwurf, den man Leuten wie Ciepliński oder Moczarski in den Anklageschriften machte, lautete „Kollaboration mit den Deutschen“. Gestapobeamte, derer man habhaft geworden war, mussten nicht selten, auf erbeuteten deutschen Blankoformularen, Verhörprotokolle und Akteneinträge neu schreiben, damit man solche Anklagepunkte mit entsprechenden „Beweisen“ untermauern konnte.

„Werden Sie meinen Vater finden?“

Jeden Tag kommen Familienmitglieder und schauen bei den Ausgrabungen zu. Alte Menschen, die seit sechzig Jahren auf Nachrichten von ihren Eltern oder Geschwistern warten, die man als „Banditen“ diffamiert hat. Sie bringen Fotos mit. Auf den Bildern sieht man stattlich gebaute Männer, aber in den Gruben liegen geschrumpfte Skelette, die gerademal einem Kindersarg füllen. Eines Tages kam ein alter Mann und fragte: „»Werden Sie meinen Vater finden?« Ich musste weinen. Er auch“, berichtet Natalia Szymczak.

Dr. Krzysztof Szwagrzyk (phonetisch: Schwagschik) leitet und koordiniert die Ausgrabungen in ganz Polen. Ihm obliegt es Angehörige zu benachrichtigen, wenn ihre Nächsten identifiziert wurden. Die Reaktion ist immer dieselbe: das lange Schweigen, der stockende Atem, dann das Weinen im Telefonhörer. Dies alles geht ihm sehr nahe.

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Dr. Krzysztof Szwagrzyk (links im Bild) bei Ausgrabungsarbeiten auf dem Powązki-Freidhof in Warschau.

Einem solchen Anruf gehen Monate akribischer Arbeit voran. Sobald die Archäologen die Gebeine freigelegt haben, sind forensische Anthropologen an der Reihe. Iwona Teul ist eine von ihnen. Sie liest aus den Knochen Behinderungen, Verletzungen, Krankheiten, Schusswunden ab. Nicht selten kann Frau Teul erste Hinweise auf die Identität geben.

Entscheidend ist jedoch die DNA-Analyse. Das IPN gründete zusammen mit der Medizinischen Universität in Szczecin/Stettin eine genetische Datenbank für die Opfer. Angehörige geben DNA-Proben ab. Dennoch gestaltet sich die Identifizierung nicht selten sehr schwierig. Wenn z. B. ätzender Löschkalk auf die Leichen gestreut wurde, ist das entnommene DNA-Material kaum zu gebrauchen.

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Gefunden und identifizieert. „Verstoβene Soldaten“ werden gleich ins Pantheon gebracht.

Auf dem Powązki-Friedhof wird die Suche dadurch erschwert, dass Mitte der 60er Jahre auf die anonymen Massengräber eine meterdicke Schicht aus Erde, Schutt und Kompost aufgetragen wurde. Zwanzig Jahre später, Mitte der 80er Jahre, begann die Friedhofsverwaltung auf Anweisung der polnischen Stasi, auf dem so präparierten Totenfeld neue Grabstätten anzulegen.

Unter den Neubestatteten befinden sich viele verdiente Militärs und andere kommunistische Würdenträger. Einige von ihnen haben die unter ihnen verscharrten Opfer eigenhändig gequält, wie Stasi-Oberst Julia Brystygierowa, oder zum Tode verurteilt, wie die Richter Roman Kryże (phonetisch Krische) und Ilia Rubinow, deren Urteile heute als eindeutige Gerichtsmorde gelten.

Eine Änderung des Friedhofs- und Bestattungsgesetztes war notwendig, damit die zuoberst bestatteten Personen ausgebettet werden können (falls erforderlich, von Amts wegen, sollten die Familien es verweigern), und dadurch die darunter liegenden Toten endlich ein Grab bekommen können. Das Vorhaben, dem Gespräche mit den Familien der Neubestatteten vorausgehen sollen, wird voraussichtlich im Frühjahr 2016 beginnen.

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Identifizierte Tote wurden im September 2015, im Rahmen eines feierlichen Staatsaktes zu Grabe getragen in dem eigens auf der „kleinen Wiese“ erbauten Pantheon. Weitere Beisetzungen sollen folgen, das Bauwerk wird sukzessiv erweitert.

Dr. Szwagrzyk glaubt auf dem freigegebenen Totenfeld anschließend Gebeine von bis zu einhundert weiteren Opfern zu finden. Er hofft, dass auch Oberst Ciepliński dabei sein wird. Die bereits identifizierten Toten wurden im September 2015, im Rahmen eines feierlichen Staatsaktes, in kleinen Holzsärgen zu Grabe getragen. Es entstand das eigens auf der „kleinen Wiese“ erbaute Pantheon. Weitere Beisetzungen sollen folgen, das Bauwerk wird sukzessiv erweitert.

An insgesamt 16 Stellen in ganz Polen sind derzeit Exhumierungen im Gange. Die umfangreichsten Arbeiten finden in Białystok, im und um das Untersuchungsgefängnis in der Kopernikstrasse, statt. Das Gebäude war umgeben von einem groβen Garten. Zuerst haben die Sowjets, die nach dem gemeinsamen Überfall mit Hitler auf Polen, Białystok zwischen September 1939 und Juni 1941 besetzt hielten, dort die Opfer ihrer Morde verscharrt. Dann waren es zwischen 1941 und 1944 die Deutschen. Anschlieβend wieder die Sowjets und ihre polnischen Helfer.

Knapp 400 sterbliche Überreste hat das Team des IPN-Archäologen Adam Falis dort bis zum Herbst 2015 ausfindig gemacht. Der Garten wurde nach und nach bebaut. Es galt den alten Schweinestall abzureiβen, Betonsilos für Schweinefutter, kaputte Laternenmasten zu entfernen, ebenso wie groβ gewachsene Bäume, die manche Gebeine mit ihren Wurzeln eng umschlungen hielten. Im Gefängnis selbst haben Falis‘ Leute meterdicke Keller-Betonfuβböden aufgebrochen. Überlieferte Zeugenberichte erwiesen sich als richtig: tief vergraben man fand Dutzende von Gebeinen.

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Am Untersuchungsgefängnis in Białystok. Bäume haben Gebeine mit Wurzeln umschlungen.

Die Opfer der Deutschen liegen so, wie sie in die Grube gestürzt sind, niedergestreckt von MP-Garben. Die Opfer der Sowjets weisen alle einen Kopfschuss auf. Dazwischen ruhen oft, ordentlich aufgereiht, tote polnische „Banditen“ mit unterschiedlichen Schussverletzungen, die die Überfallkommandos nach Zusammenstöβen aufgelesen und zu den Gruben gebracht haben. Aber es gibt auch Gruben mit den Gebeinen von Frauen und Kindern. Handelt es sich dabei um Polen? Juden? Andere? Man weiβ es nicht und wird es kaum mehr feststellen können. Offensichtlich sind sie im Gefängnis an Krankheiten oder Hunger gestorben.

Anhand von DNA-Abgleichen konnten bis jetzt nur zwei Personen identifiziert werden. Das DNA-Material von weiteren 30 Personen, die der Meinung sind, ihre Nächsten seien in dem Untersuchungsgefängnis umgekommen, liegt vor.

„Sagt bitte meiner Oma“

„Wir können nicht trauern, solange es keinen Leichnam und kein Grab gibt“, sagen die Hinterbliebenen. Manche konnten inzwischen von ihren Qualen befreit werden. Großes Aufsehen erregte die Auffindung von Danuta Siedzikówna, genannt „Inka“, geb. 1928.

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Von Partisanen aus einem Gefangenenkonvoi befreit, trat Dauta Siedzikówna ihrer Abteilung der Heimatarmee als Sanitäterin bei.

Ihren Vater, einen Förster, hatten die Sowjets 1939 aus Ostpolen deportiert. Er starb 1943. Die Mutter wurde im September 1943 bei Białystok von der Gestapo ermordet. Mit 15 Jahren trat „Inka“ der Heimatarmee (AK) bei, bekam eine medizinische Schulung. Im Juni 1945 wurde sie von einer sowjetisch-polnischen Einsatzgruppe, zusammen mit allen Mitarbeitern der Försterei Hajnówka, verhaftet. Von Partisanen aus einem Gefangenenkonvoi befreit, trat sie ihrer Abteilung der Heimatarmee als Sanitäterin bei.

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Unter schwerster Folter gab „Inka“ ihre Kontaktpersonen zum Untergrund und vereinbarte Treffpunkte nicht Preis. Szene aus dem Fensehspiel „Inka“ (2006).

Im Juli 1946 schickte sie der Kommandeur nach Gdańsk/Danzig um Verbandsmaterial zu holen. Dort wurde sie verhaftet. Im Gefängnis weigerte sich die 17jährige unter schwerster Folter ihre Kontaktpersonen zum Untergrund und vereinbarte Treffpunkte preiszugeben. Obwohl minderjährig, wurde sie zum Tode verurteilt. Ein Gnadengesuch ihres Pflichtverteidigers wollte sie nicht unterschreiben, da er ihre Abteilung als eine „Bande“ bezeichnet hatte. In einem letzten Kassiber vor der Hinrichtung bat sie eine Freundin: „Sagt bitte meiner Oma, dass ich mich wie es sich gehört benommen habe .“

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„Inkas“ Gebeine (links) in einer entlegenen Ecke des Garnisonfriedhofs in Gdańsk gefunden.

Da alle vier Soldaten des Hinrichtungskommandos, das Inka in einem Gefängniskeller erschieβen sollte, daneben zielten, wurde sie mit einem Kopfschuss ermordet.

Im Sommer 2015 fand Dr. Szwagrzyk ihre Gebeine in einer entlegenen Ecke des Garnisonfriedhofs in Gdańsk.

© RdP




Wonach suchen Polens Archäologen




Vivat Mai, Dritter Mai!

Polen feiert seine Verfassung.

Am 3. Mai 1791, vor 225 Jahren, gab sich Polen die erste moderne Verfassung Europas, die zweite in der Welt, nach der amerikanischen. Sie sollte die Fortsetzung eines Modernisierungsprozesses sein, der das zum Spielball der mächtigen Nachbarn: Russlands, Preuβens und Österreichs gewordene Land vor dem Untergang bewahren sollte. Sie tat es nicht. Polen wurde für seine Nachbarn erst recht zu einer unerträglichen Provokation, weil sich die alte Adelsrepublik anschickte sich aus ihrer Machtlosigkeit zu befreien.

Die vier Jahre zwischen 1792 und 1795 brachten dramatische Ereignisse: den Verrat des Königs. Einen Aufstand, in dem zum ersten Mal die Polen als Nation: Adel, Klerus, Bürgertum und die Bauernschaft geschlossen in den Kampf um ihre Freiheit zogen. Zwei weitere Teilungen und die Auslöschung des Landes auf der Europa-Karte für die folgenden 123 Jahre.

Auch wenn während dieser Zeit die Teilungsmächte, ihre Politiker, Lehrer, Polizisten und die Historiker stets verkündeten, dass die Polen keinen eigenen Staat brauchen und auch nie wieder einen haben werden, die Verfassung vom 3. Mai 1791 war das Leuchtfeuer in der Dunkelheit, der Beweis für die Staatsfähigkeit der Nation.

Auf dem genau einhundert Jahre später von Jan Matejko gemalten Gemälde wird König Stanislaus II. August (links), die Verfassung hoch über dem Kopf haltend, von der begeisterten Menge in die Johanneskathedrale in Warschau getragen, wo die Abgeordneten den Treueeid auf die Mai-Verfassung schwören werden. Im Hintergrund das Warschauer Königsschloss, wo die Verfassung verabschiedet wurde.

Die Verfassung vom 3. Mai 1791 auf Deutsch.

Der 3. Mai ist, neben dem 11. November, polnischer Nationalfeiertag.

Der Titel dieses Beitrages entstammt dem Refrain der „Mazurka des 3. Mai“, eines patriotischen Liedes, das Mitte des 19. Jh. entstand, und mit den Worten beginnt: „Sei gegrüβt Mai-Morgenröte, leuchte unserem polnischen Lande…“.

https://www.youtube.com/watch?v=Ni4CZwKc9N8
© RdP




Das Schicksal der Familie Ulma

Am Jahrestag des Ghettoaufstandes in Warschau, wird auch der Polen gedacht, die Juden vor dem Holocaust retteten.

Vor dem Krieg war Józef Ulma ein angesehener und allseits beliebter Bauer in seinem Dorf Markowa bei Łańcut, im heutigen Südostpolen. Als Erster gründete er eine Gärtnerei für Obstsetzlinge. Er brachte den Leuten vor Ort die neusten Methoden der Apfelbaumveredelung bei, züchtete Seidenspinnerraupen und Bienen, bekam Auszeichnungen auf regionalen Landwirtschaftsausstellungen. Seine Leidenschaft galt ebenfalls der Fotografie. Ob Hochzeit, Taufe, eine Beerdigung oder nur für ein Passfoto, Józef Ulma war immer zur Stelle, wenn es darum ging Bilder zu machen. Und das zum Selbstkostenpreis. Mit seiner Frau Wiktoria hatte er sechs Kinder. Im Frühjahr 1944 erwartete sie ihr Siebentes.

Das letzte Foto der Familie Ulma.
Das letzte Foto der Familie Ulma.

Während der deutschen Besatzung versteckten die Ulmas, seit Mitte 1942, in ihrem bescheidenen Haus acht Juden. Als sie sie aufnahmen, wussten sie was sie riskierten. Vor ihren Augen hatten deutsche Gendarmen kurz zuvor die meisten der 120 Juden aus Markowa ermordet. Das Haus der Ulmas stand abseits, doch es gelang nicht ihr Geheimnis zu bewahren.

Das Haus der Ulmas in Markowa.
Das Haus der Ulmas in Markowa, Schauplatz des Verbrechens.

Der Denunziant, Włodzimerz Leś, war ein Ukrainer, der bei der polnischen Polizei in Łańcut diente. Leś war vor dem Krieg mit der jüdischen Familie Schall befreundet. Er gewährte ihnen sogar, gegen Bezahlung, eine Zeitlang Unterschlupf bei sich zu Hause. Als die Deutschen jedoch begannen diejenigen, die Juden versteckten, bei Entdeckung an Ort und Stelle gemeinsam mit ihren Schützlingen zu ermorden, jagte Leś die Schalls fort, jedoch nicht ohne ihr ganzes Vermögen zu behalten. Die Schalls fanden Unterschlupf bei den Ulmas, klopften aber einige Male nachts bei Leś an und forderten ihren Besitz zurück. Das wurde ihnen, der Familie Goldmann, die ebenfalls von den Ulmas versteckt wurde, und den Helfern selbst, zum Verhängnis.

Am 23. März 1944 bekamen vier polnische Fuhrleute die Anweisung mit ihren Pferdewagen um Mitternacht vor der Gendarmeriewache in Łańcut zu sein. Die Aktion leitete der Gendarmeriekommandant von Łańcut, der deutsche Hauptmann Eilert Dieken persönlich. Bei Tagesanbruch des 24. März 1944 rückte der Trupp im Haus der Ulmas an. Die Fuhrleute wurden angewiesen, mit ihren Wagen in einiger Entfernung zu warten.

Bald darauf fielen die ersten Schüsse. Zuerst wurden die beiden Brüder Goldmann und ihre Schwester Golda ermordet. Danach riefen die Gendarmen die Fuhrleute heran, sie sollten bei dem Massaker zusehen. Auf diese Weise sollten weitere Polen vom Verstecken von Juden abgeschreckt werden. Als nächster fand einer der Brüder Schall den Tod, dann dessen Frau Lea mit der kleinen Tochter sowie zwei weitere Angehörige der Familie Schall. Anschlieβend kamen der 44-jährige Józef Ulma und seine zwölf Jahre jüngere, hochschwangere Frau Wiktoria an die Reihe, am Ende ihre schreienden und wimmernden Kinder: Stanisława (Stasia), Barbara (Basia), Włodzimierz (Władek), Franciszek (Franek), Antoni (Antos) und Maria (Marysia).

Nun herrschte Stille. Sechzehn Leichen lagen im und vor dem Haus. Die Gendarmen riefen den Dorfschulzen von Markowa, Teofil Kielar herbei, damit er für das Verscharren der Toten sorge, und widmeten sich selbst dem Plündern. Im Licht der Taschenlampen wurden die Opfer durchsucht. Dieken und sein Stellvertreter Joseph Kokott teilten sich die gefundenen Schmuckstücke. Eine der jüdischen Frauen trug eine Schachtel mit Juwelen bei sich. Die übrigen Gendarmen plünderten das Haus. Truhen, Betten, Geschirr, Vorräte türmten sich auf den Fuhrwerken.

Derweil mussten die zwischenzeitlich herbeigerufenen Dorfbewohner eine tiefe Grube ausheben. Als einer von ihnen einen der Gendarmen bat, die Polen und die Juden separat beerdigen zu dürfen, schoss der Gendarm auf ihn, verfehlte jedoch den Mann, der Schütze war schon zu betrunken. Letztendlich willigten die Gendarmen doch noch ein und es wurden zwei Gruben ausgehoben.

Derweil ging Dieken zur Wache der polnischen Polizei des Dorfes und drohte den Kommandanten zu erschieβen, wenn er weiterhin das Verstecken von Juden auf seinem Gebiet toleriere. Die Aktion endete unweit des Tatortes mit einem Besäufnis der Täter, denen der Dorfschulze drei Liter Wodka bringen musste.

Fünf Tage nach dem Mord gruben Nachbarn nachts die Leichen der Ulmas aus und bestatteten sie auf dem Dorffriedhof. Die ermordeten Juden hat man 1947 auf dem Friedhof für Kriegsopfer im benachbarten Ort Jagiele beigesetzt.

Im Jahr 1995 wurden Józef und Wiktoria Ulma posthum mit dem israelischen Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ geehrt, vergeben an Menschen, die ihr Leben einsetzten, um Juden vor der Ermordung zu retten. Von den 24.811 Personen, die ihn bis Ende 2013 zugesprochen bekamen, kommen die meisten (6.454) aus Polen.

Das Denkmal in Markowa.
Das Denkmal in Markowa.

Am 24. März 2004, dem 60. Jahrestag des Geschehens, wurde in Markowa ein kleines Denkmal zu Ehren der Familie Ulma und ihrer Schützlinge enthüllt. Ein Museum das an diejenigen Polen erinnert, die Juden während des Zweiten Weltkrieges retteten, soll den Namen der Familie Ulma tragen. Seine Einweihung wird im März 2016 in Markowa stattfinden.

Das Museum der polen die Juden gerettet haben in Markowa. Entwurf.
Das Museum der Polen die Juden gerettet haben in Markowa. Entwurf.

Museum in Markowa. Satnd der Arbeiten Anfang 2015.
Museum in Markowa. Stand der Arbeiten Anfang 2015.

Den Denunzianten Włodzimierz Leś hat ein Standgericht der polnischen Heimatarmee für sein Verbrechen im Namen der Republik Polen zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde auf offener Straße in Łańcut im September 1944 vollstreckt. Den Gendarmen Joseph Kokott verurteilte ein polnisches Gericht 1958, nach der Überstellung aus der Tschechoslowakei, zum Tode. Die Strafe wurde auf dem Gnadenwege in Lebenslänglich umgewandelt. Kokott starb 1980 in einem polnischen Gefängnis. Hauptmann Eilert Dieken versah nach dem Krieg den Dienst als Kriminalkommissar in Essen. Gegen ihn wurde wegen seiner Verbrechen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, doch ohne Folgen. Dieken starb ohne jemals gerichtlich belangt zu werden.

Zu dem Thema Polen und Juden während der deutschen Besatzungszeit empfehlen wir Ihnen folgende interessante und informative Artikel und Rundfunksendungen:

Famile Ulma? Falscher Mythos. Schämt euch, ihr Polen!

„Die halbe Wahrheit ist nicht die Wahrheit“

und

„Defiance – jüdischer Widerstand, polnische Debatte“

@ RdP