Polens Sonderweg in die gottlose Zukunft…

…ist nicht vorgezeichnet.

Eintritt, Abkehr, Rückkehr, Rituale – die junge Generation und der Glaube ● Familie, Schule, Kirche und wo die Großmütter bleiben ● Angriffe auf Geistliche, Kirchengebäude und das jähe Ende des Frauenstreiks ● Vom Widerstand der Gläubigen und der Zwangsläufigkeit, die nicht sein muss.

Ein Gespräch mit Prof. Mirosława Grabowska, Polens führender Politik- und Religionssoziologin, Leiterin des staatlichen Zentrums für Meinungsforschung (CBOS).

Prof. Mirosława Grabowska.

Anfang März 2021, bei der Vorstellung des Berichtes der Katholischen Nachrichtenagentur KAI „Kirche in Polen“, haben Sie gesagt, dass sich die Abkehr der polnischen Jugendlichen von der Kirche beschleunigt hat. Wie ist das zu verstehen?

Immer weniger Jugendliche üben den Glauben regelmäßig aus. Gemeint ist damit eine Lebensgestaltung, die mit Gebet, mit der Teilnahme am Gottesdienst und mit der Beachtung christlicher Grundwerte die Hinwendung zu Gott verdeutlicht. Die Bindung an die Kirche lockert sich zunehmend, beschränkt sich auf ein gelegentliches Zusammentreffen. Das gilt für etwa 45 Prozent aller 18- bis 27-Jährigen.

Zudem ist der Anteil der Jugendlichen, die überhaupt nicht mehr zur Kirche gehen, auf etwa 20 Prozent angestiegen. Ihre Begegnung mit der Kirche beschränkt sich auf Taufen, Trauungen, Beerdigungen, manchmal den Gang zur Christmette.

Das sind auch immer noch die Gelegenheiten, bei denen vielen, die sich ganz und gar von der Kirche abgewandt haben, der kirchliche Rahmen wichtig ist. Tradition, Gewohnheit, die Erwartungen der Familie, aber auch die Angst vor einer geistigen und rituellen Leere, die ein wichtiges Ereignis im Leben umgeben könnte, spielen hier eine Rolle.

Damit kommen wir auf etwa 65 Prozent der Jugendlichen, die keinen großen Bezug zur Kirche haben. Kann man das schlechthin mit einer allgemeinen Abkehr vom Glauben gleichsetzen?

Die Abkehr, von der wir reden, hat viele Schattierungen. Einen erklärten, feindseligen Atheismus, der das Christentum als solches rigoros ablehnt, pflegen vielleicht zwei bis drei Prozent der 18- bis 27-Jährigen.

Der Rest bekundet, sich von der Kirche als solcher entfernt oder abgewandt zu haben. Sie behaupten aber gleichzeitig, dem katholischen Glauben „privat“, „mehr“, „weniger“ oder „ein wenig“ verbunden geblieben zu sein. Dieser selbst abgesteckte Verbleib ist möglich, weil sie sich die moralischen Vorgaben des Katholizismus derart zurechtgebogen haben, dass sie ihren „modernen“ Lebenswandel nicht behindern.

Ein bezeichnendes Indiz dafür ist das sehr weitverbreitete Festhalten am religiösen Brauchtum. Nicht wenige Kirchenleute spielen das herunter. Es seien Rituale, ohne einen wahrhaftigen religiösen Inhalt, sagen sie. Ich sehe das anders.

Diese Rituale sind der Gang zur Kirche am Karsamstag, um die Speisen segnen zu lassen. Das Anfertigen oder Erwerben von Osterpalmen. Das Teilen der Oblaten miteinander vor dem Festmahl und das zusätzliche Gedeck auf dem Tisch an Heiligabend. Das gemeinsame Singen von Weihnachtsliedern. Die Teilnahme an der Christmette.

Acht von zehn Jugendlichen, die zu den „abgekehrten“ 65 Prozent gehören, geben an, diesen Bräuchen zugetan zu sein.

Wovon zeugt das?

Davon, dass bei den polnischen Jugendlichen, die sich abgewandt haben, in den meisten Fällen längst nicht alle Brücken zum Glauben und zur Kirche gekappt wurden. Zudem weiß man bei jungen Menschen nie, wie viel purer Trotz, Lust am Protest, an der Provokation ihr Handeln beeinflussen. Das war schon immer ein Privileg des Jungseins.

Die Vorbereitungen auf Erstkommunion und Firmung, der Religionsunterricht in der Schule, auch wenn an ihm vieles bemängelt wird, gehören zu den Erfahrungen der meisten polnischen Jugendlichen. Auch wenn, zumeist nach der Firmung, viele junge Menschen mit 15 bis 18 Jahren von der Kirche, oft aus purer Bequemlichkeit, wegdriften, steht ihnen der Weg der Rückkehr jederzeit offen. Man kennt sich, sozusagen.

Eine große Anzahl derjenigen, die in ihrer Jugend Gott und der Kirche gekündigt haben, gingen und gehen diesen Weg zurück, wenn sie gereift sind, manchmal erst im Alter.

Ich will damit sagen, dass die Tradition, die immer noch sehr lebendig ist, sowie die rege, mit Leben erfüllte Berührung mit der Religion im Kindesalter die polnische Jugend prägen. Daraus ergeben sich viele Brücken und Anknüpfungspunkte. Das gibt Hoffnung, was nicht heißen soll, dass wir uns keine ernsthaften Sorgen machen sollen.

Der Unterschied fällt besonders krass ins Auge, wenn wir unseren unmittelbaren Nachbarn Ostdeutschland betrachten. Dort haben die Nazis und die Kommunisten in mehr als einem halben Jahrhundert beim religiösen Kahlschlag ganze Arbeit geleistet. Die Bevölkerung ist in ihrer Masse gänzlich vom Glauben und von der Kirche separiert. Wo die Jugendweihe die Firmung dauerhaft besiegt hat, da kann man an nichts mehr anknüpfen.

Aber zurück zu uns. Viele Geistliche sagen, dass die Feinde der Kirche schuld sind am Rückgang der Religiosität bei den Jugendlichen.

Dass es solche Feinde der Kirche gibt, das kann man nicht von der Hand weisen. Die Kirche ist im heutigen Polen sehr heftigen Attacken rabiater, linksradikaler Rowdys ausgesetzt: Verunglimpfungen, tätliche Angriffe auf Priester, das Stören von Gottesdiensten, mutwillige Beschädigungen von Kirchengebäuden, aber auch Hasskampagnen in den sozialen Medien. Das ist rohe physische und pure geistige Gewalt.

Doch hier handelt es sich mehr um eine Folge als um eine Ursache. Nicht deswegen entziehen sich Jugendliche der Kirche und dem Glauben, sondern weil drei Institutionen zunehmend versagen: Familie, Schule und die Kirche selbst.

Den Eltern liegt weniger daran, den Glauben weiterzugeben, ihre Kinder in der Kirche zu sehen. Im Jahr 1996 sagten gut 50 Prozent der Jugendlichen, ihren Eltern sei das wichtig. Jetzt sagen das nur noch 30 Prozent.

Warum ist das so?

Das konsumorientierte Denken greift auch bei uns um sich. Die Arbeit verlangt den Eltern immer mehr Kraft und Engagement ab. Die Kinder sollen lernen, einen guten Beruf haben, materiell erfolgreich sein. Ein Teil von ihnen driftet ganz und gar in die sozialen Medien ab, weg von den Eltern. Die Liste der Gründe ließe sich fortsetzen.

Und wo bleiben die Großmütter?

Viele von ihnen sind heute berufstätig oder wohnen woanders, sehen ihre Enkelkinder nur ab und an. Die Mehrgenerationenfamilie, die zusammen wohnt, ist bei uns längst nicht ausgestorben, aber sie ist doch ein langsam auslaufendes Modell.

Hat sich der Religionsunterricht nicht bewährt?

Die Kommunisten haben nach 1945 den Religionsunterricht eingeschränkt und behindert, aber sie brauchten sechzehn Jahre, bis sie es wagten, ihn 1961 aus dem Schulwesen gänzlich zu verbannen.

Ab dann durfte er nur noch an Nachmittagen in den Pfarreien stattfinden. Das freiwillige „chodzenie na religię“, „hingehen zum Religionsunterricht“ einmal in der Woche, bedurfte seitens der Kinder und Jugendlichen eines zusätzlichen Zeit- und Kraftaufwandes.

Es war in der Zeit der kommunistischen Kirchenverfolgungen zugleich zwangsläufig ein eindeutiges Bekenntnis der Eltern zur Kirche. Wer seine Kinder zum Religionsunterricht schickte, musste nicht mit Repressalien, aber sehr wohl mit Nachteilen, zum Beispiel am Arbeitsplatz, rechnen.

Seit September 1989 gibt es wieder Religionsunterricht an den Schulen. Die Erwartung, ihn flächendeckend ausgesprochen attraktiv, außergewöhnlich zu gestalten, ist natürlich unrealistisch. Es gibt durchaus begnadete Katecheten, aber meistens ist das ein Unterricht wie jeder andere. Über die Teilnahme bestimmen die Eltern, volljährige Schüler entscheiden selbst.

Die Zahlen sind rückläufig. Im Augenblick nehmen zwei Drittel der Schüler am Religionsunterricht teil. Vor zehn Jahren noch waren es neunzig Prozent.

Sie sagen: Die Familie versagt, die Schule versagt, und die Kirche selbst?

Wer nicht regelmäßig zur Messe geht, der kommt nicht in Berührung mit der Kirche. Wenn die Eltern nicht hingehen, tun es auch die Kinder nicht. Hinzu kommen die bereits erwähnten Faktoren, wie das Internet, die sozialen Medien, in denen es von Kirchenschmähungen nur so wimmelt, und einiges mehr, das sie davon abbringt. Diejenigen, die nicht zu ihr kommen, kann die Kirche nicht gewinnen.

Sollte die Kirche nicht nach neuen Wegen suchen, Kinder und Jugendliche zu erreichen?

Das geschieht vielerorts, auch unter Anwendung der neuen Medien. Aber machen wir uns nichts vor, es gibt Grenzen, hinter denen sich nur noch Infantilisierung und Anbiederung erstrecken. Die sollte man lieber nicht überschreiten. Es gibt Priester, die berufene Erzieher sind, aber die meisten Geistlichen können sich nur Mühe geben, und das reicht bei den heutigen, auf Events und Action eingestellten Jugendlichen oft nicht aus.

Wir reden bis jetzt nur von Problemen und Niederlagen, malen ein durch und durch düsteres Bild. Es gibt aber auch die Kehrseite der Medaille. In den heiligen Messen, egal wo man in Polen in die Kirchen hineinschaut, sind beileibe nicht nur alte Mütterchen zu sehen. Kinder und Jugendliche bevölkern sie immer noch reichlich. An den knapp fünfhundert von der Kirche getragenen katholischen Schulen lernen etwa 75.000 Schüler. Das eine Drittel der sich nicht von der Kirche abgewendeten jungen Menschen lebt den Glauben und engagiert sich sehr stark.

Ja, das ist immer noch ein sehr starkes Fundament. Die Frage ist, ob es sich festigen und ausbauen lässt oder ob es weiterhin bröckelt.

Die Verweltlichung nimmt auch in Polen immer radikalere Formen an. Hat Sie das Ausmaß der Aggression, mit der Protestteilnehmer nach dem Urteil des Verfassungsgerichts zum besseren Schutz des ungeborenen Lebens im Herbst letzten Jahres gegen Geistliche und Kirchengebäude vorgingen, überrascht?

Das geschah überwiegend in den Großstädten. Die Proteste waren nicht klein, aber im Gesamtmaßstab umfassten sie nur einige wenige Prozent der Gesellschaft. Die Veranstalter behaupteten im Namen „der Frauen“ aufzutreten. In Wirklichkeit vertraten sie zwar eine gehörige Anzahl von ihnen, aber es war eine Minderheit.

Dabei wurde ein Tabu, das in Polen gesellschaftsübergreifend galt, auf eine früher unvorstellbar brutale Art gebrochen. Der Trend selbst hat mich nicht verwundert, aber die Brutalität des Vorgehens tat es durchaus. Das Eindringen in Kirchen, um die Heilige Messe zu stören, das konnte ich mir bis dahin nicht vorstellen. Jetzt kann ich es.

Nach wenigen Wochen sind die Proteste versiegt. Zu dem vorläufig letzten Versuch, Warschau am 8. März 2021, dem sogenannten Internationalen Frauentag, lahmzulegen, sind mehr Polizeibeamte und Journalisten als Demonstranten erschienen. Wo sehen Sie die Gründe für das Scheitern des sogenannten Frauenstreiks?

Erstens. Die Jugendlichen, die massenweise zu den ersten Protesten im Oktober 2020, unmittelbar nach dem Spruch des Verfassungsgerichts, kamen, haben diese Protestaktionen zumeist als ein Happening aufgefasst. Es war, in der Corona-Zeit, vor allem ein Entkommen aus dem Eingesperrtsein zu Hause, ohne Schule, ohne Disco, ohne Geselligkeiten. Diese Ventilfunktion jedoch hat sich bald abgenutzt. Das fast tagtägliche Protestieren wurde ihnen schnell langweilig.

Zweitens. Die Veranstalter sind sehr rasch von der Forderung, die Abtreibung auf Wunsch zuzulassen, dazu übergegangen, einen Machtwechsel ohne Wahlen in Polen zu fordern, den Sturz der Regierung anzustreben, gar eine Revolution zu verkünden. Der Regierung wurden allen Ernstes acht Tage eingeräumt, um zurückzutreten. Es war grotesk und es ging den meisten viel zu weit. Das waren nicht ihre Anliegen. Sie fühlten sich hintergangen und sind zu Hause geblieben.

Drittens. Nach der anfänglichen Begeisterung kam die Ernüchterung. Die brutale Hass- und Gossensprache, derer sich die Anführerinnen der Frauenstreiks bedienten, dazu die erwähnten Attacken auf Geistliche und Kirchengebäude, erzeugten die Frage: Wo und womit soll das enden?

Zwischen der Ablehnung der Kirche und dem Demolieren von Kirchen liegen in Polen immer noch Lichtjahre. Das haben die selbsternannten, inzwischen ziemlich vereinsamten Führerinnen des Frauenstreiks schmerzlich zur Kenntnis nehmen müssen.

Kindesmissbrauch durch Geistliche hat im katholischen Irland die Kirche in eine schwere Krise gestürzt. Ist das auch in Polen eine wichtige Ursache dafür, dass Jugendliche der Kirche den Rücken kehren?

Sicherlich spielt das eine Rolle, aber wie groß sie ist, das kann ich nicht sagen. Dazu bedürfte es sehr eingehender Untersuchungen. Tatsache ist, dass das Vertrauen in die Kirche schwindet. Das zeigen alle Umfragen. Aber auch hier sollten wir eine polnische Besonderheit nicht außer Acht lassen.

Ein wichtiges Erbe des Zweiten Weltkrieges und des an ihn unmittelbar anschließenden Kommunismus in Polen war das außerordentlich große Vertrauen in die Kirche. Ob Massenmorde im Krieg oder Repressalien im Kommunismus, die Kirche teilte das Schicksal der Nation. Sie war und ist immer noch ihre tragende Säule. Gegen sie richtete sich deswegen die Wucht des deutschen, des sowjetischen und des eigenen kommunistischen Terrors.

Die polnische Kirche hat mit ihrem Widerstand wichtiges Zeugnis abgelegt. Zwei Namen: Pater Maksymilian Kolbe und Pfarrer Jerzy Popiełuszko stehen stellvertretend für die im Krieg etwa 3.000 ermordeten polnischen Geistlichen und einige Dutzend, die nach dem Krieg getötet wurden. Die Kirche litt mit der Nation, sie spendete zugleich Trost, gab seelischen Rückhalt, erhob die Stimme des Protestes, war ein Zufluchtsort, an dem man sich dem totalitären Herrschaftsanspruch und der allgegenwärtigen, dumpfen kommunistischen Propaganda entziehen konnte.

Der kommunistische Staat und die Kirche, das war jahrzehntelang der von den anormalen politischen Umständen hervorgebrachte, eigenartige polnische Pluralismus. Daher rührte die Autorität der Kirche und die Zustimmung von gut 90 Prozent, die sie um 1990 genoss. Mehr ging nicht.

Zweierlei war zudem klar. In einer pluralistischen Gesellschaft werden andere einen Teil der bisherigen, politisch-gesellschaftlichen Funktionen der Kirche übernehmen, die diese im Kommunismus notgedrungen ausüben musste. Außerdem werden ihr, auf dem neu entstandenen „freien Basar der Ideen“, schnell vielfältige heftige Winde entgegenwehen. Dass unter diesen Umständen heute, dreißig Jahre nach dem Ende des Kommunismus, immer noch um die 50 Prozent der polnischen Gesellschaft der Kirche ihr Vertrauen aussprechen, ist durchaus bemerkenswert.

Und die Parallele zu Irland?

Dort hat nicht ausschließlich die Pädophilie die Kirche in die Krise gestürzt. In der einst armen britischen Kolonie überstieg innerhalb einer Generation das Pro-Kopf-Einkommen das in Großbritannien. Es war ein geradezu kometenhafter Aufschwung. Das ist ungefähr so, als würden wir in Polen innerhalb von zwanzig Jahren reicher werden als die Deutschen. Dieser plötzliche Wechsel zog atemberaubende soziale Veränderungen nach sich, die den Verweltlichungsprozess einer bisher sehr traditionellen Gesellschaft erheblich beschleunigten.

Das heißt: Je reicher wir sind, umso mehr lässt unsere Religiosität nach?

So eine Abhängigkeit weisen alle internationalen Untersuchungen auf. Wachsender Wohlstand, mehr soziale Sicherheit bewirken nicht, dass wir gleich den Glauben verlieren, aber wir werden zunehmend abgelenkt, unser Lebensstil ändert sich.

Der Kirche in Polen wird vorgeworfen, sie mischt in der Politik mit und begünstigt die regierenden Nationalkonservativen. Die Linke sieht darin einen wichtigen Grund für eine fortschreitende Laizisierung der Gesellschaft.

In aller Welt beeinflusst die Religiosität die politischen Präferenzen, auch in Polen. Überall geben gläubige Menschen bevorzugt konservativen Parteien ihre Stimme. Bei uns ist das Niveau der Religiosität immer noch viel höher als anderswo im Ausland. Das verknüpft sich mit anderen Merkmalen: höherem Alter, dem Wohnen in traditionell geprägten Regionen.

Auch den Vorwurf des Mitmischens in der Politik muss man redlich angehen. Die Gegner der Kirche bezeichnen auf diese abschätzig klingende Weise Stellungnahmen der Bischöfe zu Fragen der Ethik, der Moral, der Sozialpolitik. Der Schutz des ungeborenen Lebens gegen Abtreibung. Das Recht, am Sonntag nicht an der Kasse eines Discounters sitzen zu müssen. Die Festigung der traditionellen Familie. All das und vieles mehr sind zugleich hochbrisante politische Themen, die die Gesellschaft spalten. Dennoch kann und darf die Kirche nicht dazu schweigen.

Dieselben Linken und Liberalen, die das Engagement der Kirche in diesen Fragen als „Einmischung in die Politik“ bemängeln, erwarten und fordern gar, dass sich die Kirche zu denselben Themen in ihrem Sinn äußern soll. Das ist dann nicht „Einmischung“, sondern „Engagement“.

Wenn man die Entwicklung in den noch vor nicht langer Zeit sehr katholischen Ländern wie Irland, Spanien oder Italien beobachtet, drängt sich die Frage auf: Welchen Weg hin zur Laizisierung wird Polen einschlagen?

Soziologen sind keine Zukunftsforscher, sie erkunden den Ist-Zustand der Gesellschaft. Das zum einen. Zum anderen schwingt in Ihrer Frage die zwingende historische Vorbestimmung mit, an die die Marxisten felsenfest glauben. Die unausweichliche historische Gesetzmäßigkeit hat die Frage nach dem „Ob“ längst entschieden. Was angeblich lediglich noch übrigbleibt, ist die Frage nach dem „Wie“ zu beantworten.

Derweil ist die Kirche in Polen, anders als seinerzeit in den von Ihnen erwähnten Ländern, nicht sich selbst überlassen. Vorgewarnt durch das, was dort passiert ist, stellen sich Polens Katholiken dem Zeitgeist in den Weg.

Eine breite Pro-Life-Bewegung hat sich etabliert. Elterninitiativen widersetzen sich erfolgreich den Versuchen, in den Schulen einen zügellosen Sexualanleitungs-Unterricht einzuführen. Tausende stellten sich im Herbst vor die Kirchen, um sie vor Zerstörungen zu bewahren. Eine große Schar von katholischen Journalisten, Ärzten, Wissenschaftlern, Gewerkschaftlern, Unternehmern scheut keine Debatten, auch nicht mit den rabiatesten Verfechtern der Gegenseite. In Deutschland z. B. würde niemand auf die Idee kommen, diese Leute gleichberechtigt an öffentlichen Debatten teilnehmen zu lassen. Sie wurden dort längst in Nischen und Reservate verbannt.

Zahlreiche katholische und konservative Medien, die in den letzten Jahren entstanden sind, bieten den immer noch weit einflussreicheren linksliberalen Medien die Stirn. Anzeigen- und Plakatkampagnen bringen pointiert, deutlich und publikumswirksam die katholischen Argumente zum Ausdruck. Das Spendenaufkommen für all diese Zwecke ist groß.

Mit einem Wort, die breite katholische Öffentlichkeit in Polen ist sehr wachsam geworden. Das verlangsamt die Laizisierung deutlich und es kann sie durchaus auf verschiedenen Gebieten des öffentlichen Lebens aufhalten.

In Irland und Spanien verlief der Laizisierungsprozess schnell und heftig. In Italien hingegen ist er auch sehr weit fortgeschritten, verläuft jedoch langsam, schleppend. Das beobachten wir auch in Polen.

RdP

Das Gespräch, das wir, mit freundlicher Genehmigung, wiedergeben, erschien in dem katholischen Wochenmagazin „Gość Niedzielny“ („Sonntagsgast“) vom 21. März 2021.




Ein Beigeschmack von Rufmord

Am 16. November 2020 starb Kardinal Henryk Gulbinowicz.

Was ihm widerfuhr harrt einer fairen Aufklärung. Noch bis kurz vor dem Tod wegen seiner aufrechten Haltung während der Verhängung des kommunistischen Kriegsrechts geehrt und verehrt, jahrzehntelang als leutselig, gutherzig und lebensklug gemocht und bewundert, wurde Kardinal Henryk Gulbinowicz als Stasi-Zuträger und Sexualtäter verstohlen zu Grabe getragen. Parteienübergreifend sind gewichtige Stimmen laut geworden, man habe alle Zweifel an seiner Schuld zu seinen Ungunsten ausgelegt.

Als volksnah, leutselig, gutherzig und lebensklug gemocht und bewundert. Kardinal Emeritus Henryk Gulbinowicz vor dem Anpfiff des Spiels WKS Śląsk Wrocław gegen Cracovia Kraków am 18. März 2012 im Fußballstadion von Wrocław, mit Wrocławs damaligen Oberbürgermeister Rafał Dutkiewicz.

Der Vatikan hat dem 97-Jährigen und damit dem zweitältesten Kardinal der Welt, zehn Tage vor seinem Tod, am 6. November 2020, eine Reihe von „Disziplinarmaßnahmen“ auferlegt.

Der frühere Erzbischof von Wrocław/Breslau sollte keine Gottesdienste mehr zelebrieren und nicht länger an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen dürfen. Ihm wurde das Tragen der Bischofsinsignien: des Bischofsstabes, des Brustkreuzes, des Bischofsrings, der Mitra verboten. Ebenso wurde ausgeschlossen, dass es nach seinem Tod in der Kathedrale eine Trauerfeier für ihn gibt und er dort beigesetzt wird.

Zudem sollte Gulbinowicz der „Sankt-Josef-Stiftung“ eine „angemessene“ Spende zukommen lassen. Von der Polnischen Bischofskonferenz für Opfer sexueller Gewalt gegründet, bietet sie seit 2020 Unterstützung durch Psychologen, Pädagogen, Juristen und Priester an und engagiert sich in der Prävention. Soweit bekannt, hat der Sterbende von alldem nichts mehr wahrgenommen.

Der 80-Millionen-Coup und der Kardinal

Anfang Dezember 1981 war die politische Atmosphäre in Polen zum Zerreißen gespannt. Leergefegte Regale in den Läden, keine Medikamente zu kaufen, tagelanges Anstehen nach Benzin, Polizeiprovokationen gegen Solidarność, ungestüme Drohgebärden der staatlichen Propaganda und schneidige Ankündigungen der Gewerkschaft, sich notfalls mit einem Generalstreik zur Wehr setzen zu wollen. Seit längerem schon auf Kollisionskurs, rasten die beiden Antagonisten, Solidarność und der kommunistische Staat, immer schneller aufeinander zu.

Polen Ende 1981. Anstehen vor leeren Läden und Tankstellen.

Dazwischen befanden sich Millionen, zunehmend physisch und psychisch erschöpfter, orientierungsloser Menschen. Sie, mit einer staatlich
gelenkten Konfrontationspolitik zu zermürben, in die Resignation zu drängen, das sollte den Nährboden der Begeisterung austrocknen, auf dem Solidarność seit dem Streiksommer von 1980 gediehen war. Was den Kommunisten dann auch weitgehend gelungen ist.

Der Zusammenstoß schien unvermeidlich. Wann? Wie? Die Antwort brachte der 13. Dezember 1981 mit der unerwarteten Ausrufung des von langer Hand vorbereiteten Kriegsrechts durch die kommunistischen Machthaber unter General Jaruzelski.

Armee und Polizei legten das Land in Ketten. Solidarność wurde verboten. Gefängnisse und Internierungslager füllten sich mit Regimegegnern. Der Generalstreik blieb aus.

Dezember 1981. Polen unter dem Kriegsrecht.

Bevor die Panzer tatsächlich auffuhren, war vielen, die damals in den Solidarność-Strukturen tätig waren, bewusst, dass es brenzlig werden könnte.

Am 3. Dezember 1981 frühmorgens, zehn Tage vor Ausrufung des Kriegsrechts, betraten drei leitende Solidarność-Funktionäre der Region Niederschlesien die fünfte Filiale der Polnischen Nationalbank NBP in Wrocław/Breslau. Sie befindet sich bis heute  in einem ehemaligen deutschen Bankgebäude, in der Straße der Opfer von Auschwitz (ulica Ofiar Oświęcimskich), unweit vom Ring, dem mittelalterlichen Marktplatz in der Oder-Metropole.

Gebäude der Polnischen Nationalbank in Wrocław heute.

Der Termin war am Vortag vereinbart worden, und Filialdirektor Jerzy Aulich gab der Bitte der Kunden nach, die Polizei nicht zu benachrichtigen, obwohl sie beim Abheben exorbitant großer Summen aus Sicherheitsgründen eigentlich immer dabei sein musste. Dieses Entgegenkommen sollte Aulich schon kurz darauf den Job kosten.

Abheben des Solidarność-Geldes am 3. Dezember 1981 in Wrocław. Szene aus dem Spielfilm „80 Millionen“ von 2011.

Es waren 80 Millionen Zloty, was nach dem damaligen Schwarzmarktkurs (1$ = 180 Zloty) knapp einer halben Million Dollar entsprach. Der offizielle Kurs (1$ = 40 Zloty) war zu dieser Zeit ein rein fiktiver Wert und nicht ausschlaggebend. Nur unter der Hand, zu dem horrenden Schwarzmarktpreis, konnte der Normalpole den begehrten Greenback erstehen und mit ihm in den Besitz von all den schönen, modernen Konsumwaren gelangen, die es nur in den Pewex-Valutaläden zu kaufen gab. Am Bankschalter war der Dollar, genauso wie die D-Mark oder das britische Pfund, in der ganzen kommunistischen Zeit grundsätzlich nicht zu bekommen.

Gesichter des Kommunismus. Devisenschieber vor dem Sitz der Polnischen Nationalbank in Warschau.

Ein durchschnittliches Jahresgehalt betrug im damaligen kommunistischen Polen etwa 70.000 Zloty, wofür man im trist grauen Dezember 1980 nicht einmal 400 Dollar beim Devisenschieber erstehen konnte. Heute, kaufkraftbereinigt, würden die damaligen 80 Millionen Zloty etwa 2 Millionen Dollar entsprechen.

So viele Mitgliedsbeiträge hatte die Solidarniość von Niederschlesien auf ihrem Konto angehäuft. In der richtigen Annahme, dass im Falle eines Notstandes, das Konto sofort gesperrt worden wäre, wurde der ganze Betrag abgehoben und in drei großen Koffern mit einem Privatauto fortgeschafft. Unterwegs in einen zweiten Wagen umgeladen, brachten ihn zwei Solidarność-Leute ins erzbischöfliche Palais auf der Dominsel.

Das Erzbischöfliche Palais (links) auf der Dominsel von der Oder aus gesehen. Unten die Auffahrt zum Palais.

Die Ordensschwestern an der Rezeption riefen den ahnungslosen Erzbischof Gulbinowicz (Kardinal wurde er erst 1985) an: „Zwei Herren bitten Exzellenz herunterzukommen“. „Was sind das für Herren?“ „Wir kennen sie nicht“.

Innenhof vom Palais aus gesehen.

Gulbinowicz ging hinunter. Er kannte die beiden vom Sehen und wusste, dass sie Solidarność-Funktionäre waren. Er nahm sie mit nach oben, drehte das Radio laut auf und fragte in seiner unverkennbar östlichen Wilnaer Satzmelodie: „Was wollt ihr?“

„Wir haben Geld gebracht“. „Was für Geld? Gestohlen?“ „Nein“ „Eigenes Geld?“ „Eigenes“. „Von wo?“ Gulbinowicz zuckte nicht einmal mit der Wimper als er von den 80 Millionen in drei Koffern hörte. „Zloty?“, vergewisserte er sich noch. „Zloty“. „Echt?“ „Echt“. „Und was soll ich damit?“ „Aufbewahren“. „Ist euch niemand hinterhergefahren?“ „Nein“. „Dann lasst es hier stehen und haut ab“.

Gulbinowicz stoppte die beiden jedoch als sie bereits in seiner Bürotür standen: „Ihr braucht noch eine Quittung“. „Nein, lieber nicht, könnte in falsche Hände geraten“. „Und wenn ich sterbe?“ Gulbinowicz ließ nicht locker, bis man sich einigte die Quittung in einen der Koffer zu legen.

Die Echtheit dieses Dialogs ist verbrieft, genauso wie die Ereignisse, die darauf folgten. Jahrelang schöpfte die Untergrund-Solidarność aus den drei Koffern Hilfsgelder für Ehefrauen und Kinder ihrer Mitglieder, die in Gefängnissen und Internierungslagern saßen. Auch wer sich verstecken musste, wurde aus dieser Quelle versorgt. Es war Geld da, für Tonnen illegal beschaffter Druckschwärze, für Papier und die Bezahlung der Drucker. Junge Männer stellten Flugblätter, Zeitschriften im Handformat, aber auch verbotene Bücher tage- und nächtelang in stickigen Kellern auf primitiven Vervielfältigungsgeräten her.

Gulbinowicz ließ die verschlossenen Koffer erst einmal auf dem Gang stehen, um glaubhaft zu machen, dass sie „wiedergefundene deutsche Kirchenarchivalien enthielten und bald abgeholt würden“. Eines Nachts haben sie der Erzbischof und sein Sekretär dann gut versteckt.

Erzbischof Gulbinowiczs ausgebrannter Ford Granada.

Die Staatssicherheit tobte nach dem 80-Millionen-Coup. Sie vermutete das Geld im Bischofspalais, aber eine Hausdurchsuchung wollte sie nicht riskieren. Würde die Stasi das Geld nicht finden, wäre sie blamiert. Hätte sie es gefunden, müssten die Kommunisten einen Erzbischof verhaften und vor Gericht stellen. Das Welt-Echo wäre verheerend. Die Geheimpolizei rächte sich lieber mit Schikanen.

Wie wir heute aus Stasi-Akten wissen, haben zwei Stasi-Beamte, Grosman und Pełka, im Mai 1984 Gulbinowiczs Auto bei seinem Besuch im niederschlesischen Złotoryja/Goldberg in Brand gesteckt. Auf Gulbinowicz waren in Wrocław, wohin er 1976 als Erzbischof gekommen war, bis zum Ende des Kommunismus 1989, nicht gleichzeitig aber insgesamt, vierzig Zuträger der polnischen Staatssicherheit, Laien wie Geistliche, angesetzt.

Schirmherr des Widerstandes

Sofort nach der Verhängung des Kriegsrechts rief Gulbinowicz das Erzbischöfliche Wohltätigkeitskomitee ins Leben. Mit ihm entstand ein beachtliches, regionales, ehrenamtliches Verteilungsnetzwerk von Hilfsgütern, die damals in gewaltigem Ausmaß nach Polen flossen: Lebensmittel, Hygieneartikel, Medikamente, Kleidung.

Die Spender wollten sichergehen, dass ihre Hilfe nicht dem Regime, sondern den Bedürftigen zugutekommt. Die Kirche sollte dafür sorgen und sie tat es, ohne Lagerhallen, Kühlhäuser und Transportkolonnen zu haben. Auch wenn es mal galt fünf Tonnen tiefgefrorene Butter in 25-Kilo-Blöcken, die jemand mit einem Kühl-Lkw auf die Reise nach Polen geschickt hatte, kurzerhand zu entladen, mit Hackmessern und Äxten zu portionieren und unter die Leute zu bringen, bevor sie ranzig wurde, die Kirche kümmerte sich auch darum.

Erzbischof Gulbinowicz segnet eine Solidarność-Betriebsfahne vor der Verhängung des Kriegsrechts.

Der Erzbischof selbst erstritt sich Einlass in niederschlesische Gefängnisse und Internierungslager, durchforstete sie regelrecht, zelebrierte dort Messen, nahm Beichten ab, trug ihm zugeflüsterten Bitten, Beschwerden und Botschaften nach außen und gab sie weiter. Er protestierte und intervenierte bei den Behörden. Die Priester seiner Diözese hatten es ihm gleich zu tun. Das schuf eine Öffentlichkeit, die der kommunistischen Willkür hinter den Gefängnismauern Grenzen setzte.

Gulbinowicz war auch Schirmherr vieler unabhängiger Kulturaktivitäten, die in dem sonst gleichgeschalteten Kriegsrecht-Polen, nur auf kirchlichem Terrain stattfinden konnten. Künstler, die den offiziellen Kulturbetrieb boykottierten oder Berufsverbot hatten, gaben Konzerte, inszenierten Theateraufführungen, organisierten Lyrik-Abende, stellten ihre Bilder aus. Ohne „Danke“ zu sagen, wechselten nicht wenige von ihnen nach dem Ende des Kommunismus an die vorderste Front der Kämpfer gegen „Klerikalismus“ und katholische Tradition.

Solidarność-Proteste und Unruhen in Wrocław am 31.08.1982

Es war zu einem erheblichen Teil Gulbinowicz zu verdanken, dass Wrocław, trotz aller Repressalien und der Resignation, die viele in Polen erfasste, eine der Hochburgen der Untergrund-Solidarność blieb, weil er ihr, Kraft seines enormen Ansehens und seiner Popularität, Schutz bot. Was sich damals im Einzelnen in Wrocław ereignete, können Sie ausführlich in dem Nachruf auf Kornel Morawiecki nachlesen, den legendären Begründer der „Kämpfenden Solidarność“ in Wrocław und Vater des polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki.

„Der Unverbrüchliche“ (bitte hier klicken).

Zeuge des Grauens

Henryk Gulbinowicz. Wilnaer Gymnasiast 1938.

Im polnischen Wilno, heute in Litauen, 1923 auf die Welt gekommen, verbrachte der kleine Henryk die Kindheit unweit der Stadt, im Dorf Szukiszki, wo sein Großvater Ende des 19. Jahrhunderts ein kleines Gut gekauft hatte. „Arbeitsam, naturnah, solide, gottesfürchtig und patriotisch ist es bei uns zu Hause zugegangen“, erinnerte sich Gulbinowicz Jahrzehnte später. Im September 1938 schickten ihn die Eltern auf das Wilnaer Jungengymnasium der Jesuitenpadres.

Wilno in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Henryk Gulbinowicz wuchs zu einem echten „Wilniuk“, „Wilnaer“ auf. Es war ein Menschenschlag, den die jahrhundertelange wechselvolle Geschichte des Polentums in Litauen geformt hatte. Frohnaturen, in der Tiefe ihrer Herzen stets wachsam und vorsichtig, wenn es galt sich auf Fremde einzulassen. Schwer durchschaubar, robust im Einstecken und bauernschlau.

Diese Eigenschaften wurden überlebenswichtig in den dunklen Zeiten, die im Herbst 1939 für die Polen (zwei Drittel) und später auch für die Juden (ein Drittel der Bevölkerung) in Wilno und Umgebung anbrachen. Die Rote Armee, die in Absprache mit Hitler am 17. September 1939 Polen überfiel, besetzte Wilno zwei Tage später.

Sowjeteinmarsch in Wilno am 19. September 1939.

Fünf Wochen dauerten Raub, Repressalien und Übergriffe der Sowjets an. Am 26. Oktober 1939 fand die Übergabe der Stadt an das noch halbwegs unabhängige Litauen statt. Die Sowjets hatten kurz zuvor im Land, genauso wie in Lettland und Estland, die Errichtung ihrer Militärstützpunkte erzwungen. Stalin, dem es ein diebisches Vergnügen bereitete seinen verunsicherten Opfern Galgenfristen zu gewähren, um sie im Unklaren zappeln zu sehen, zeigte sich auch den Litauern gegenüber auf diese für ihn typische, pervertierte Art generös.

26. Oktober 1939. Ein litauischer (links) und ein sowjetischer Offizier durchsägen den Grenzschlagbaum. Die Sowjets übergeben das fünf Wochen zuvor von ihnen besetzte polnische Wilnaer Land an Litauen.

Etwa ein halbes Jahr lang waren die neuen Besatzer der Stadt damit beschäftigt, sie und ihre Bewohner gründlich zu lithuanisieren. Henryk Gulbinowicz, der nie mit dem ethnischen Litauen etwas zu tun hatte und kein Wort Litauisch sprach, hieß jetzt, laut einem neuen Ausweis, Henrikas Gulbinovičius. Wo sie nur konnten, haben die Litauer alles Polnische schikaniert und ausgemerzt, aber, so der Kardinal Jahrzehnte später, wenigstens füllten sich die Läden nach den sowjetischen Raubzügen schnell wieder mit Waren und es gab genügend Lebensmittel zu kaufen.

Litauischer Einmarsch in Wilno am 26 Oktober 1939. Banner-Aufschrift: „Die Einwohner von Wilno begrüßen die litauische Armee“.

Stalin ließ den Litauern sieben Monate lang ihren Spaß am „wiedererlangten“ Wilno. Dann verwandelte er, unter Gewaltandrohung, die drei baltischen Staaten kurzerhand in Sowjetrepubliken. Am 15. Juni 1940 war die Rote Armee zurück in Wilno. Am 14. Juli 1940 fuhren von dort die ersten Viehwaggons mit Tausenden, überwiegend polnischen Deportierten, in Richtung Sibirien ab, zur Vernichtung durch Holzfällen und Arbeit unter Tage.

Auf nach Wilno. Die Rote Armee überschreitet die litauische Grenze am 15. Juni 1940. Links im Bild ein litauischer Grenzpfosten.

Ein knappes Jahr später wich der rote Terror dem braunen. Am 24. Juni 1941 nahm die Wehrmacht Wilno ein. Die spontanen litauischen Judenpogrome der ersten Tage nach dem deutschen Einmarsch waren der Einstieg in die Hölle. Allein im bewaldeten Stadtteil Ponary, brachten Deutsche Sonderkommandos und die litauische Hilfspolizei zwischen Sommer 1941 und Sommer 1944 schätzungsweise an die 72.000 Juden und mehr als 2.000 Polen um.

Deutscher Einmarsch in Wilno am 24. Juni 1941. Unten: Litauischer Hilfspolizist bei den Massenmorden in Ponary.

Mitte Juli 1944 erlebte der 21-jährige Gulbinowicz den dritten Einmarsch der Sowjets in Wilno. Die Deutschen leisteten heftigen Widerstand. Die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa – AK) im Untergrund zog alle ihre verfügbaren Kräfte, etwa 4.500 Mann, in und um die Stadt zusammen. Sie wollte Wilno während des bereits begonnenen Abzugs deutscher Dienststellen, noch vor den Sowjets befreien, um anschließend, als Hausherr, die Rote Armee im Namen der polnischen Exilregierung in London vor Ort zu begrüßen.

Sowjeteinmarsch in Wilno im Juli 1944.

Die deutschen Truppen, mit schweren Waffen ausgestattet, die die AK nicht besaß, erwiesen sich als zu stark. Erst das Eintreffen der Russen, denen sich die Polen zur Seite stellten, brachte den Durchbruch. Die Sowjets nahmen die Hilfe der ortskundigen polnischen Kämpfer gern in Anspruch, um sie gleich nach dem Ende der Kämpfe zu entwaffnen und entweder umzubringen oder ins Innere der Sowjetunion zu deportieren.

Aus Wilno vertrieben

Das hautnah miterlebte Grauen der Kriegsjahre 1939-1944 bestärkte Gulbinowicz darin, sich ganz und gar Gott zu verschreiben. Er trat Im Oktober 1944 in das Wilnaer Priesterseminar ein.

Henryk Gulbinowicz. Priesterseminarist in Wilno 1944.

Die Stadt befand sich damals schon seit etwa vier Monaten fest in sowjetischer Hand. Die Sowjets und ihre litauischen kommunistischen Helfer waren felsenfest entschlossen, den polnischen Charakter von Wilno auszuradieren.

Wer Widerstand, egal ob friedlich oder bewaffnet, leistete, starb einen qualvollen Tod in den Folterkammern der Geheimpolizei NKWD oder landete in einem Viehwaggon der Deportationszügen nach Sibirien. Zehntausende wurden in das neuentstehende kommunistische Polen abgeschoben, das die Hälfte des polnischen Staatsgebietes aus der Vorkriegszeit, darunter das Wilnaer Land, an die Sowjets hatte abtreten müssen.

Wilno 1945. Sowjets erfassen Polen vor der Abschiebung.

Am 20. Februar 1945 umstellte der NKWD das Wilnaer Priesterseminar. Ein Offizier erklärte den ins Refektorium zusammengetriebenen Seminaristen und Dozenten, die Lehranstalt sei hiermit geschlossen. Sie sollten ihre Sachen packen und sofort verschwinden. Man erwarte, dass sie sich in die Deportationslisten nach Polen eintragen lassen und mit den nächsten Bahntransporten ausreisen.

Die sowjetrussische Bürokratie mit ihrer peniblen Überprüfung, damit bloß kein Nicht-Pole in einen Deportationstransport geriet, zusätzlich ein Mangel an Viehwaggons, verlangsamten die Abschiebungen. Derweil wurde der Andrang der verzweifelten Menschen immer größer. Um sie zur Ausreise zu bewegen, jagten die Sowjets Polen aus ihren Wohnungen, und brachten dort neue Siedler unter. Sie schlossen reihenweise polnische Einrichtungen, deren Mitarbeiter dadurch ihr Einkommen verloren, ebenso wie die polnischen Arbeiter, die man massenweise entließ und die Bauern, die man von ihren Höfen vertrieb.

Wilnaer Bahnhof 1945. Polen verlassen ihre Heimat.

Gulbinowicz musste sich bis Ende August 1945 irgendwie durchschlagen, bis er endlich im dreihundert Kilometer entfernten Białystok ankam. Im doppelten Boden seines Holzkoffers schmuggelte der Priesteranwärter einiges an liturgischen Geräten. Kurz vor der Deportation hatte er es noch geschafft das Abitur in Wilno abzulegen. Die Jesuitenpadres vom Wilnaer Jungengymnasium, die auch schon aus ihrer Schule geworfen worden waren und auf den Abtransport warteten, hatten die Prüfungen in kleinen Gruppen konspirativ durchgeführt.

Wie sich die Vertreibung der polnischen Bevölkerung durch die Sowjets 1944 und 1945 im Einzelnen abspielte, können Sie in dem Beitrag „Das Ende des polnischen Lwów“ lesen (bitte hier klicken).

Erzdiözese dreigeteilt

Der ebenfalls ausgewiesene Wilnaer Erzbischof Romuald Jałbrzykowski (fonetisch Iaubschikowski) verlegte die Kurie und das Priesterseminar ins polnische Bialyskok, das damals zur Erzdiözese Wilno gehörte. Da sich der Vatikan konsequent weigerte die Einverleibung der drei baltischen Staaten als Sowjetrepubliken in die UdSSR anzuerkennen, blieb die Erzdiözese Wilno weiterhin formell in gleicher Weise bestehen wie vor dem Zweiten Weltkrieg.

Verwaltet wurde sie seit 1945 von Białystok aus durch einen apostolischen Administrator. Bis zu seinem Tod 1955 war das Erzbischof Jałbrzykowski. Nach dem Tod von dessen Nachfolger ernannte Papst Paul VI. Henryk Gulbinowicz im Januar 1970 zum Bischof und betraute ihn mit diesem Posten, den dieser bis zu seinem Wechsel nach Wrocław Ende 1975 bekleidete.

Gulbinowicz konnte als Administrator, wie alle anderen, die das Amt bekleideten, nur in dem in Polen verbliebenen Zipfel der Erzdiözese Wilno seines Amtes walten. Mit knapp 54.000 Quadratkilometern Fläche war die Diözese einst die größte im Vorkriegspolen gewesen. Davon verblieben lediglich ca. 6.000 Quadratkilometer in Polen. Nicht ganz 10.000 Quadratkilometer befanden sich in der Litauischen Sowjetrepublik und etwa 38.000 Quadratkilometer im sowjetischen Weißrussland.

Fünfundvierzig Jahre lang, von 1945 bis 1990, verweigerten die Sowjets polnischen Geistlichen die Einreise auf ihr Gebiet. Erst 1991, nach dem Wiederentstehen des unabhängigen Litauens und der staatlichen Verselbständigung Weißrusslands, passte der Vatikan die Grenzen der Wilnaer Erzdiözese der neuen politischen Karte an. Der apostolische Administrator in Białystok wurde somit überflüssig.

„Wilno, für mich die geliebte Stadt.“

Gulbinowicz hat niemals, auch nicht in den kommunistischen Zeiten, als es ein Tabuthema war, ein Hehl daraus gemacht, wie sehr sein Herzblut an Wilno hing. Wie sehr, dass kann man z.B. in einem Gratulationsbrief, den er als Kardinal 2004 zum 60. Ehejubiläum an das Ehepaar Trojanowski richtete, das die Ereignisse, so wie ihn, aus Wilno nach Wrocław verschlagen hatte, nachlesen.

„Seien Sie stolz auf die Zeit, in der Sie in Wilno in der Heimatarmee gedient haben. (…) Alle Mühen, Leiden und Opfer, die Sie aus Liebe zu Gott, zum Vaterland und zur eigenen Nation erbracht haben, wird Ihnen der Allmächtige im Himmel anrechnen.

Der zehnjährige Henryk Gulbinowicz auf Spaziergang in Wilno mit Tante Anna Grajewska, 1936.

Wilno, das ist für mich die geliebte Stadt, in der ich geboren wurde und viele Schuljahre verbracht habe. Eine Stadt, die ich gut kenne, weil ich in Zarzecze (fonetisch Saschetsche, Stadtteil, heute Užupis – Anm. RdP) in der Popławskastraße (heute Paupio – Anm. RdP) gewohnt habe. Ich kenne auch Łosiówka (Stadtteil, existiert nicht mehr – Anm. RdP), wo Sie gelebt haben und die von dort stammenden tapferen polnischen AK-Jungs, die bei den Kämpfen um die Stadt im Juli 1944 zeigten was sie konnten. Damals fiel mein bester Freund, Kozierowski, mit dem ich in eine Klasse im Gymnasium der Jesuitenpadres gegangen bin. Ruhm unseren Helden!“

Die Stasi spinnt ihr Netz

Nach fünf Jahren am Priesterseminar empfing Gulbinowicz im Juni 1950 in Białystok die Priesterweihe.

Henryk Gulbinowicz hatte kurz zuvor die Priesterweihe empfangen. Białystok am 18. Juni 1950.

Seine Vorgesetzten schickten ihn gleich danach zum Studium der Moraltheologie an die Katholische Universität Lublin (KUL) wo er bis 1955 blieb. Er erlebte eine von den regierenden Kommunisten schwer bedrängte, bespitzelte und ständig von der Schließung bedrohte Hochschule. Doch die KUL überdauerte die Zeit der roten Sintflut als einzige katholische Universität im ganzen kommunistischen Machtbereich zwischen Elbe und Nordkorea.

Katholische Universität Lublin in den 50er Jahren.

Die ersten dreißig Nachkriegsjahre verbrachte Gulbinowicz in Białystok (1945 bis 1950), an der KUL in Lublin (1950-1955), in Olsztyn/Allenstein (1955 bis 1969) und wieder in Białystok (1970 bis 1975), als apostolischer Administrator der Erzdiözese Wilno.

Die Staatssicherheit legte seine Akte 1951 an. Im kommunistischen Polen hatten mit der Zeit jeder Priesteranwärter, Priester, jeder Mönch und jede Nonne eine Stasiakte. Sie wanderte ihnen von einer regionalen Stasidienststelle zur anderen hinterher, sobald der Betroffene seinen seelsorgerischen Standort wechselte.

Die Akte Gulbinowicz ist nicht, wie viele andere, 1990 dem Akten-Vernichtungsfeldzug der alten Stasi-Garde zum Opfer gefallen und, soweit man das einschätzen kann, vollständig erhalten geblieben.

Man kann ihr entnehmen, dass Gulbinowicz den Kommunisten vor allem wegen seiner Jugendarbeit nicht passte. Er war Seelsorger der Medizinstudenten in Białystok. Die Medizinische Hochschule gehörte zur St. Rochus-Gemeinde, wo er zwischen 1956 und 1959 Pfarrer war. In Olsztyn wiederum, hielt er Vorlesungen am Priesterseminar Hosianum, wurde 1962 dessen Konrektor und 1968 Rektor. Der damalige Allensteiner Bischof machte Gulbinowicz zudem zum Seelsorger der örtlichen Wissenschaftlermilieus.

Jugend und Hochschulwesen, das waren Bereiche, in denen die Kommunisten die Kirche ganz und gar nicht haben wollten. Heute wissen wir, dass die Stasi in Białystok drei Zuträger in der Umgebung Gulbinowiczs platzierte. In Olsztyn spionierten ihn bereits sechzehn, teilweise direkt angesetzte, IMs aus.

Gulbinowiczs Stasi-Akte.

Die Stasi verfügte über ein breit gefächertes Gulbinowicz-Dossier, als ab Mitte 1969 in Białystok die Neubesetzung des Postens des apostolischen Administrators der Erzdiözese Wilno anstand. Kardinalprimas Stefan Wyszyński (1901 – 1981), das wusste die Stasi, empfahl Papst Paul VI. (1897 – 1978) Gulbinowicz als den geeigneten Kandidaten.

Der „operative Dialog“

Im November 1969 erschien Oberstleutnant Józef Maj von der Warschauer Stasi-Zentrale beim Noch-Rektor des Allensteiner Priesterseminars und künftigen apostolischen Administrator Henryk Gulbinowicz. So begann der bis 1985 andauernde sogenannte „operative Dialog“ zwischen der Stasi und Gulbinowicz.

Ein „operativer Dialog“, so die Umschreibung des Instituts des Nationalen Gedenkens (IPN), der polnischen Gauck-Behörde, war eine präzise durchdachte und vorbereitete Abfolge von Gesprächen zwischen speziell dazu geschulten Stasi-Beamten und einer von ihnen ausspionierten Persönlichkeit, die man nicht einfach so zum Bespitzeln anwerben konnte.

Die Gespräche verliefen in höflicher, angenehmer Atmosphäre. Man tauschte Meinungen aus, diskutierte Standpunkte, redete über dies und das. In Gulbinowiczs Fall handelte es sich hierbei um ein psychologisches Duell und ein gegenseitiges Sich-Belauern.

Das Ziel der Stasi war die „Loyalisierung“. Sie wollte ihrem Gegenüber das Gefühl vermitteln, sie nehme seine Meinung ernst, teile sie manchmal sogar, gebe sie nach oben weiter. Die Staatssicherheit zeigte sich konstruktiv und vernünftig. Eine gewisse Vertrautheit sollte Partnerschaft vortäuschen, Entgegenkommen erwirken, eine Dankesschuld aufkommen lassen.

Wir wissen es heute, aber Gulbinowicz konnte nicht wissen, wie durchdacht und von langer Hand geplant ihm da eine Falle gestellt wurde, in die nicht wenige ahnungslos getappt sind.

Gulbinowicz blieb für die Stasi ein potentieller Staatsfeind, den es zu überwachen galt. Er hat nie eine IM-Verpflichtung unterschrieben, keine Berichte verfasst, kein Geld entgegengenommen. Und die Ausbeute an Fakten, die für die Stasi von Relevanz gewesen wären, war nach diesen Gesprächen eher dürftig, wie die verfassten Stasi-Berichte beweisen.

Der bauernschlaue Gulbinowicz entfaltete die ganzen Fähigkeiten eines „Wilniuk“. Er war zuvorkommend, scherzte viel, machte Komplimente, achtete aber sehr darauf was er sagte, so die Stasi-Berichte. Manchmal lachte er jovial und rief, augenzwinkernd Entsetzen vortäuschend: „Genug, ich rede zu viel!“.

Der „operative Dialog“ wurde intensiver, nachdem der neugeweihte Bischof Gulbinowicz in Białystok als apostolischer Administrator der Wilnaer Erzdiözese im Januar 1970 antrat. Der Bischof hoffte vor allem darauf durch die Gespräche Baugenehmigungen für neue Kirchen zu erhalten.

Solche Baugenehmigungen waren ein sehr knappes Gut. Ganze Trabantenstädte entstanden vielerorts in Polen auf der grünen Wiese, in denen es keine Kirchen gab. Der Weg zur Sonntagsmesse, zum Religionsunterricht, den die Kommunisten aus den staatlichen Schulen auf die Nachmittage in die Kirchen verbannt hatten, der Weg des Pfarrers zum Schwerkranken mit der letzten Ölung usw., das alles dauerte immer länger und wurde immer beschwerlicher. Und darum ging es.

Es war eine der vielen kommunistischen Repressalien und Gängelungen, die auch Gulbinowicz im „operativen Dialog“ nicht aufzuweichen vermochte. Er bekam keine Baugenehmigungen. Auch nicht, als er Entgegenkommen zeigte und auf Bitten seiner „Dialogpartner“ den schon vorbereiteten Hirtenbrief zum 50. Jahrestag des Bestehens der Erzdiözese Wilno (1925-1975) in den örtlichen Kirchen nicht verlesen ließ.

Jegliche Erinnerung an die ehemaligen polnischen Ostgebiete sollte nach dem Willen der polnischen Kommunisten und der Sowjets, die jenseits der Grenze in Sowjet-Litauen die katholische Kirche noch viel brutaler unterdrückten, getilgt werden. So haben seine „Dialogpartner“ in Białystok Gulbinowicz, der damals wohl noch einige Illusionen hegte und auf seine Bauernschläue vertraute, eines Besseren belehrt.

Ränke hinter den Kulissen. Wie Henryk Gulbinowicz Erzbischof von Wrocław wurde

Mit dem Tod von Kardinal Bolesław Kominek, des Verfassers des bedeutenden „Aufrufs der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder zur Versöhnung“ vom November 1965, verwaiste im März 1974 der Bischofsstuhl im Erzbistum Wrocław. Angesichts starker Personalkonflikte in der Kurie von Wrocław, war Kardinalprimas Stefan Wyszyński der Meinung, dass der neue Metropolit von außerhalb kommen müsse.

Die damals geltende Regelung sah vor, dass der Primas den staatlichen Behörden drei Kandidaturen unterbreitete, von denen diese dann eine akzeptierten. Der Primas wollte in Wrocław einen Erzbischof seines Vertrauens haben. Die Kommunisten dagegen, stets darauf bedacht durch Bespitzelung, Erpressung und Provokationen, in der Kirche möglichst viel Zwietracht zu säen, bevorzugten, wie konnte es anders sein, Kandidaten, die sie als „nicht-Wyszyński-hörig“ einstuften.

Der Konflikt um die Neubesetzung des Breslauer Bischofsstuhls geriet zu einem heftigen, knapp zwei Jahre andauernden, Tauziehen hinter den Kulissen. Vier Mal unterbreitete Wyszyński seine Kandidaturen und vier Mal wurden sie in Warschau in toto abgelehnt. Zwischendurch versuchten die Kommunisten den Vatikan zu überreden, Wyszyński zu umgehen, und den Breslauer Metropoliten aus ihrer eigenen Dreier-Liste auszuwählen. Alle drei Kandidaten galten als „nicht-Wyszyński-hörig“. Heute ist bekannt, dass zwei von ihnen, was weder der Vatikan noch der polnische Kardinalprimas damals wissen konnten, registrierte Stasi-IMs waren. Der Vatikan ließ sich nicht ködern.

Anfang Oktober 1975 unterbreitete Wyszyński zum fünften Mal eine Kandidatenliste, auf der sich jetzt auch der apostolische Administrator der Erzdiözese Wilno mit Sitz in Białystok, Bischof Henryk Gulbinowicz, befand. Die Kommunisten reagierten positiv.

In einer internen Stasi-Analyse, die der Einwilligung vorausging, sprach für Gulbinowicz, dass er sich auf den „operativen Dialog“ einließ. Außerdem sei er stets bemüht gewesen, das Verhältnis zu staatlichen Behörden von Spannungen freizuhalten, Gesetze, und Anordnungen zu befolgen, wozu er auch den örtlichen Klerus anhielt.

Auf die andere Waagschale legten die Stasi-Kirchenaufseher, dass Gulbinowicz sich vehement der „neuen vatikanischen Ostpolitik“ des damaligen „Außenministers“ des Heiligen Stuhls, Kardinal Agostino Casaroli (1914-1998) widersetzte. Casarolis Idee war es, weitgehende Kompromisse mit den Machthabern des Ostblocks einzugehen, unter Umgehung der örtlichen Kirchenstrukturen. In Polen untergrub eine solche Politik die Autorität von Kardinalprimas Stefan Wyszyński, was den Kommunisten nur recht sein konnte. Auch sprach Gulbinowiczs immer wieder bekundetes Interesse für das schwere Schicksal der Katholiken in Sowjetrussland gegen ihn.

Aus weiß wird schwarz oder: Eine Stasi-Akte wird umgedeutet

Am Ende überwog das „Positive“ und Gulbinowicz konnte Anfang 1976 seinen neuen Kirchenposten in Wrocław übernehmen. Seitdem wurde es für die Stasi-Leute immer schwieriger einen Termin zum Fortsetzten des „operativen Dialogs“ bei ihm zu bekommen. Der von den Kommunisten als weitgehend „loyalisert“ eingestufte Kirchenmann sah wohl ein, dass er an den Rand des Vertretbaren gelangt war, auch wenn er kein IM war und stets auf der Hut blieb. Erschwerend kam hinzu, dass er gegenüber Kardinalprimas Wyszyński, der ihn sehr schätzte, nie ein Wort über den „operativen Dialog“ verloren hatte.

6. Februar 2007. Kardinal Gulbinowicz wird der Status eines Geschädigten zuerkannt. Rechts im Bild Janusz Kurtyka, damaliger Leiter des Instituts für Nationales Gedenken IPN.

Die Befreiung aus dieser Verstrickung erfolgte stufenweise. Ein wichtiger Einschnitt war das geradezu euphorische Engagement Gulbinowiczs für die Solidarność nach ihrem Entstehen im September 1980. Davon, wieviel er für sie tat nachdem das Kriegsrecht am 13. Dezember 1981 verhängt wurde, war schon eingangs die Rede. Den Schlusspunkt setzte die Entführung und Ermordung des Warschauer Arbeiterpriesters Jerzy Popiełuszko im Oktober 1984 durch die polnische Stasi. Danach war der Kardinal für die Stasi endgültig nicht mehr zu sprechen. Seit diesem Zeitpunkt gibt es in der Akte Gulbinowicz nur noch Berichte über die Bespitzelung seiner Person.

24. Februar 2009. Staatspräsident Lech Kaczyński verleiht Kardinal Gulbinowicz die höchste polnische Auszeichnung, den Orden des Weißen Adlers.

Diese Akte wurde lange hin und her gewälzt, bevor Kardinal Gulbinowicz im Februar 2007 offiziell vom Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) den Status eines Geschädigten zuerkannt bekam. Sie wurde noch einmal diskret hervorgeholt, bevor ihm Staatspräsident Lech Kaczyński im Februar 2009 die höchste polnische Auszeichnung, den Orden des Weißen Adlers, verlieh. Diejenigen, die sie damals studierten, meinten nichts Ehrenrühriges in ihr gefunden zu haben.

Rafał Łatka, Filip Musiał, „Der Dialog sollte fortgesetzt werden… Operative Gespräche der Staatssicherheit mit Pfarrer Henryk Gulbinowicz 1969-1985. Eine Fallstudie“, IPN-Verlag 2020.

Das änderte sich erst im Juni 2019, als plötzlich die IPN-Historiker Dr. Rafał Łatka und Dr. Filip Musiał auf den Plan traten. Sie haben die Akte und weitere, teilweise noch nicht bekannte, Gulbinowicz betreffende Bestände aus dem Stasi-Fundus ausgewertet, den „operativen Dialog“ genau rekonstruiert und ein Buch darüber geschrieben, das der IPN-Verlag kurz danach veröffentlichte.

Dr. Łatka formulierte scharf, und was er sagte schlug ein wie eine Bombe: Gulbinowiczs Biografie müsse umgeschrieben werden, denn ein tiefer Schatten liege auf ihr. Und das seien die „operativen Gespräche“. Gulbinowicz war illoyal, so Łatka, sein Handeln schädigte die Kirche.

Und konkret? Łatka schob die Einzelheiten erst einige Wochen später nach und fasste seine Vorwürfe in drei Punkten zusammen.

1. Gulbinowicz ließ sich auf vertrauliche Gespräche mit der Stasi ein, obwohl die polnische Bischofskonferenz dies untersagt hatte.

2. Er versuchte durch diese Gespräche, hinter dem Rücken der Bischofskonferenz, gute Beziehungen zum örtlichen Verwaltungsapparat aufzubauen.

3. Aus den Gesprächen konnte die Stasi den Schluss ziehen, dass nicht alle Bischöfe mit Kardinalprimas Wyszyński einer Meinung waren.

Es war nichts Neues dabei, außer einer neuen Auslegung altbekannter Tatsachen, diesmal nur zu Ungunsten des Betroffenen.

Filip Musiał, Rafał Łatka. Buchpräsentation am 20. November 2020 in Warschau.

Seit Mitte 2019 haben weder die beiden Autoren, noch irgendjemand anderes weitere, wirklich stichhaltige, bisher unbekannte Beweise dafür erbracht, dass Gulbinowiczs Biografie in puncto seiner Stasi-Kontakte umgeschrieben werden müsste. Doch dem medialen Chaos reißerischer Schlagzeilen, plakativer Berichte, überspannter Auslegungen entstieg plötzlich ein Stasi-Spitzel-Kardinal, ein angeblich einwandfrei überführter falscher Held. Der schwerkranke Emeritus ließ noch erklären, er werde gegen solche Behauptungen gerichtlich vorgehen, aber die Kraft dazu hatte er nicht mehr.

Die Verlautbarung der Warschauer Apostolischen Nuntiatur (Vatikan-Botschaft) vom 6. November 2020 über die gegen Gulbinowicz verhängten Disziplinarmaßnahmen enthielt keine Begründung. Einen Tag später druckte „L’Osservatore Romano“, die Zeitung des Vatikanstaates, eine kurze Notiz über die Disziplinarmaßnahmen, in der es hieß, einer der Gründe sei die „Zusammenarbeit mit der Staatsicherheit“ gewesen. Worauf hatte sich die Redaktion bei dieser Behauptung gestützt? Inoffiziell war zu erfahren: Auf die Berichte polnischer Medien.

„Die Behauptung von der (Gulbinowiczs – Anm. RdP) Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit ist gelogener Nonsens. So wie sie medial verbreitet wird, entbehrt sie jeglicher Bestätigung durch den Stand der Forschung“, schrieben Ende November 2020 fünfzig ehemalige hohe Breslauer Untergrund-Solidarność-Aktivisten, viele von ihnen einstige politische Häftlinge, heute angesehene Kommunalpolitiker, Wissenschaftler, Geschäftsleute, die oft zutiefst verfeindeten politischen Lagern angehören. Ihren offenen Brief richteten sie an den Apostolischen Nuntius (Vatikan-Botschafter) und die wichtigsten polnischen Bischöfe.

Wie war das mit dem Sex?

„Was die Unsittlichkeitsvorwürfe angeht, die öffentlich erhoben werden, so gibt es, außer einer einzigen fraglichen Aussage, nichts Konkretes“, heißt es in dem offenen Brief weiter.

Gulbinowiczs Stasi-Akte wurde zwischen 1951 und 1989, also immerhin achtunddreißig Jahre lang geführt. Nur an einer Stelle, und zwar kurz bevor der „operative Dialog“ im Herbst 1969 seinen Anfang nahm, werden dort Gerüchte erwähnt, der damalige Rektor des Priesterseminars in Olsztyn unterhalte sexuelle Kontakte zu jungen, erwachsenen Männern. Sonderbarerweise überging die Stasi dieses Gerede, ging ihm nicht nach, obwohl sie für gewöhnlich geradezu darauf erpicht war, Geistliche auf diese Weise erpressen zu können. War da etwa nichts?

Fast zeitgleich mit der fraglichen Umdeutung von Gulibinowiczs Stasi-Akte durch die Historiker Łatka und Musiał im Juni 2019, trat im Mai 2019 Karol Chum auf den Plan. Er behauptete Gulbinowicz habe ihn vor drei Jahrzehnten sexuell missbraucht.

Karol Chum alias Przemysław Kowalczyk.

Der im Januar 1974 geborene Dichter und ein Selbstdarsteller, der auf Facebook fortlaufend detailliert schildert, was er zum Frühstück gegessen hat und was seine Magenspiegelung ergab, bekennt sich offen zu seiner Homosexualität und bedient sich mit Vorliebe der Vulgärsprache. Karol Chum (von englisch „cum“, Sperma) ist sein Pseudonym. Sein wirklicher Name lautet Przemysław Kowalczyk.

Der in Wrocław geborene und, nach eigenen Angaben, aus schwierigen Familienverhältnissen stammende Przemysław besuchte ab September 1988 das Kleine Priesterseminar des Franziskanerordens (entspricht dem Gymnasium) im nicht weit entfernten Legnica/Liegnitz. Am 7. Januar 1989, nachdem er Weihnachten und Neujahr zu Hause verbracht hatte, wurde Kowalczyk, so seine Darstellung, gebeten auf dem Rückweg nach Legnica von der Kurie in Wrocław ein Paket mitzubringen.

Przemysław Kowalczyk 1989.

Da es noch nicht fertig gepackt war, habe man ihm angeboten, die Nacht in der Kurie zu verbringen. Als er schon im Bett war, habe Gulbinowicz „sein Zimmer, ohne zu klopfen, betreten“, sein Geschlechtsteil für drei bis vier Minuten „massiert“ und sei dann „wieder gegangen.“

Wegen Verjährung sah die Staatsanwaltschaft davon ab, ein Untersuchungsverfahren einzuleiten. Belastende Zeugen, nach denen linke Medien händeringend gesucht haben, gibt es nicht. Ordensschwestern, die bis 2004, als der Kardinal emeritiert wurde, in der Kurie arbeiteten, sagen, dass, außer Papst Johannes Paul II., dem französischen Kardinal Roger Etchegaray, dem italienischen Professor Antonio Grassi und einigen Familienangehörigen des Kardinals, niemand im Bischofspalast übernachtet habe. Es kam so selten vor, sagten sie, dass man sich jeden Einzelnen gut merken konnte.

Warum Kowalczyk, der kurz nach dem vermeintlichen Vorfall in der Kurie das Kleine Priesterseminar verließ, so lange mit seiner Offenbarung gewartet habe? Er entgegnet, er habe seine Geschichte zum ersten Mal vor 22 Jahren der Homosexuellen-Nischen-Monatszeitung „Inaczej“ („Anders“) erzählt. Damals jedoch kannte er angeblich den Namen des vermeintlichen Täters noch nicht.

Nach dem Grund seines Weggangs vom Seminar gefragt, holten die Franziskaner im Juni 2019 seine Akte aus dem Archiv. Es hieß, Kowalczyk habe Bücher aus der Seminar-Bibliothek gestohlen.

So gesehen kann man sagen, er sei sich treu geblieben. Der heute 47-Jährige hat nämlich ein beachtliches Strafregister angehäuft. Gerichte in Warschau, Lubliniec/Lublinitz (Oberschlesien), Kraśnik (Südostpolen), Września/Wreschen (bei Poznań/Posen) und Wrocław haben ihn, einige sogar zweimal, zwischen 2005 und 2014 zu etlichen Geld und Freiheitsstrafen verurteilt. Er hat gestohlene Personalausweise auf seinen Namen umgeschrieben. Er bot Handys im Internet an und stellte sie Kunden, die sie bezahlt hatten nicht zu. Er beging mehrere Kleindiebstähle. Er entwendete hochgiftiges Quecksilber in großer Menge. Er nahm von einer Frau Geld für 1,5 Tonnen Zucker an, den er nicht besaß. Er hatte eine Sammlung kinderpornografischer Bilder auf seinem Computer, was pädophile Neigungen ahnen lässt, u. e. m.

Man kann es denjenigen, die Kardinal Gulbinowicz in Schutz nehmen nur schwer verübeln, wenn sie Kowalczyk, alias Chum, angesichts all der Tatsachen einen geltungssüchtigen Kleinganoven nennen. Umso mehr, als seine Aussage bisher die einzige ist, auf der die Beschuldigungen wegen Unsittlichkeit gegen Kardinal Gulbinowicz aufgebaut sind. Seit Mitte 2019 sind keine weiteren bekannt geworden.

Warum tat der Vatikan was er tat?

Angesichts der ausgesprochen dünnen Beweislage stellt sich die Frage, warum der Vatikan den im Sterben liegenden Kardinal dermaßen hart diszipliniert hat, ohne ein Wort offizieller Begründung von sich zu geben?

Stanisław Huskowski.

Stanisław Huskowski, einer der Solidarność-Leute, die die 80 Millionen Zloty im Dezember 1980 zu Gulbinowicz brachten und Mitunterzeichner des offenen Briefes, hat da eine Theorie:

„Ich schließe nicht aus, dass der Vatikan Kardinal Gulbinowicz nicht wegen bewiesener Vergehen bestraft hat, sondern wegen des ganzen Aufhebens um seine Person. Vielleicht ist man zu der Überzeugung gekommen, dass in der Lage, in der sich im Augenblick die Kirche befindet, nachdem verschiedene Pädophilie-Fälle bekannt geworden sind, man an den Tag legen muss, dass es auch ohne überzeugende Beweise im Interesse der Kirche liege, zu zeigen, dass gewisse Verhaltensweisen mit glühenden Eisen ausgebrannt werden.“

Doch Huskowski und die anderen Autoren des offenen Briefes wollen das so nicht stehen lassen: „Wir fordern Beweise, die auf eindeutigen Tatsachen und nicht auf Vermutungen oder Unterstellungen beruhen.(…) Wir fordern Aufklärung und wir haben ein Recht darauf.“

Die Totenmesse für Kardinal Henryk Gulbinowicz  fand, unter Auschluss der Öffentlichkeit, in der Breslauer Namen-Jesu-Universitätskirche statt.  Er wurde im Familiengrab auf dem Kommunalfriedhof von Olsztyn beigesetzt.

© RdP




Wieviel Steuern zahlt die Kirche in Polen?

Mehr als viele denken.

Gläubige spenden für ihr Seelenheil und ihre Religionsgemeinschaften, und der Staat hält dabei die Hand auf. Polen ist das einzige Land in Europa, in dem die Kollekte besteuert wird.

Die Bestimmungen des Steuerrechts sind für alle registrierten Religionsgemeinschaften gleich, aber sie betreffen natürlich vor allem die katholische Kirche, zu der sich mit Abstand die meisten Polen (knapp 90 Prozent) mehr oder weniger bekennen.

Zusammen mit Hebammen, Übersetzern und Ostseefischern

Wie und wieviel Steuern Geistliche zu zahlen haben, das wurde 1998 zum letzten Mal im Gesetz „Über die pauschale Besteuerung von einigen Einkommen physischer Personen“ festgelegt. Darin geht es um Gewerbetreibende, die keine Arbeiter oder Angestellten beschäftigen und deren gesamtes Jahreseinkommen umgerechnet 250.000 Euro nicht übersteigt. Sie können ihr Einkommen, der Einfachheit halber, pauschal besteuern lassen. In diesem vereinfachten Verfahren besteht allerdings keine Möglichkeit irgendwelche Kosten von der Steuer abzusetzen.

Anders als sonst bei Gewerbetreibenden üblich, führen die „Pauschalisten“ kein „Einnahmen-Ausgaben-Journal für steuerliche Zwecke“, sondern lediglich ein Einnahmenbuch.

Die pauschalen Steuersätze betragen, je nach ausgeübter Tätigkeit, 20%, 17%, 10%, 8,5%, 5,5% und 3%. Den höchsten Satz von 20 Prozent zahlen u. a. Ärzte, Zahnärzte, Hebammen und Übersetzer. 3 Prozent u. a. Ostsee- und Binnengewässerfischer, auch Imbissbuden-Betreiber.

Zu diesen Berufsgruppen gesellen sich ebenfalls die Geistlichen. Deren Besteuerung wird  in einem separaten Unterkapitel (Art. 42 bis 51) geregelt. Sie zahlen jedoch keine Prozentanteile, sondern feste Beträge ohne direkten Bezug zur Höhe ihrer Einnahmen. Im Unterschied zu den im selben Gesetz erfassten weltlichen Berufsgruppen können Geistliche keine andere Art der Besteuerung wählen.

Sechzehn Pauschalstufen

Für Geistliche gibt es sechzehn verschiedene Steuerpauschalen, abhängig von der Einwohnerzahl in der jeweiligen Pfarrgemeinde. Die Beträge pro Stufe werden jedes Jahr nach einem besonderen Modus geringfügig angehoben.

Am Jahresanfang fragt das Finanzamt die Einwohnerzahl in der Pfarrgemeinde per 31. Dezember des Vorjahres beim Einwohnermeldeamt ab. Ob die Einwohner Kirchgänger sind oder nicht, spielt dabei keine Rolle.

(Den nachfolgenden Angaben in Euro wurde ein Wechselkurs von 1 Euro = 4,25 Zloty zugrunde gelegt)

Die Pauschalsteuer in den kleinsten Pfarreien, mit weniger als eintausend Einwohnern, betrug 2019 für den Gemeindepfarrer 434 Zloty (ca. 102 Euro) pro Quartal. 2018 waren es 427 Zloty, 2017 – 420 Zloty, 2007 – 341 Zloty.

Sein Stellvertreter, der Vikar und alle anderen Gemeindepriester zahlten alle drei Monate 2019 einen Beitrag von 131 Zloty (ca. 31 Euro), 2018 – 129 Zloty, 2017 – 127 Zloty und 2007 – 107 Zloty. Zumeist jedoch, gibt es in den kleinen Pfarreien keine Vikare.

In Pfarrgemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern (das entspricht der höchsten, sechzehnten Pauschalstufe) zahlte 2019 der Gemeindepfarrer pro Quartal 1.559 Zloty (knapp 370 Euro). In den Jahren 2018, 2017 und 2007 waren es entsprechend 1.533 Zloty, 1.505 Zloty, bzw. 1.217 Zloty.

Vikare und andere Gemeindepriester in den gröβten Pfarreien zahlten 2019 alle drei Monate – 475 Zloty (ca. 112 Euro), 2018 – 448 Zloty, 2017 – 440 Zloty und 2007 – 359 Zloty.

Geerbt aus der kommunistischen Zeit

Vor dem Zweiten Weltkrieg waren in Polen Kollekten und Sammlungen, wenn sie religiösen Zwecken dienten und innerhalb der Gotteshäuser stattfanden, von jeglicher staatlicher Kontrolle ausgeschlossen. Das war ein wesentlicher Bestandteil der Autonomie der Kirche und der einvernehmlichen Trennung von Kirche und Staat.

Nach dem Zweiten Weltkrieg legten die Kommunisten diese Trennung anders aus. Sie verbannten die Kirche aus dem öffentlichen Raum. Die Caritas wurde verstaatlicht, der Religionsunterricht in den Schulen untersagt, die katholische Presse zumeist verboten, die wenigen übriggebliebenen Blätter einer strengen Zensur unterworfen, ihre Auflagen durch gedrosselte Papierzuteilungen auf ein Minimum beschränkt. Viele religiöse Feiertage verschwanden, die meisten Prozessionen wurden untersagt, karitative Einrichtungen wie Altersheime und Krankenhäuser, aber auch alle katholischen Schulen und Kindergärten wurden der Kirche weggenommen und gingen in Staatsbesitz über.

Kirchenverfolgung im kommunistischen Polen. Schauprozess des Bischofs von Kielce Czesław Kaczmarek (i. d. Mitte) im September 1953. Urteil: 12 Jahre Zuchthaus.

Die Trennung erfolgte jedoch nur einseitig, denn gleichzeitig wollte sich der kommunistische Staat auf keinen Fall von der Kirche lösen. Seine Einmischung in innerkirchliche Angelegenheiten durch Bespitzelung, Repressalien und Gängelungen wurde immer gröβer.

Kirchenverfolgung im kommunistischen Polen. Schauprozess der Mitarbeiter der Bischofskurie von Kraków im Januar 1953. Sieben Angeklagte, drei Todesurteile (umgewandelt in lebenslänglich).

Dazu gehörte die Einführung der Besteuerung. Ab 1949 mussten alle Pfarreien das für sie eigens ausgedachte Muster Nr. 11 des allgemeinen „Einnahmen-Ausgaben-Journals für steuerliche Zwecke“ führen. Alle Kollekten und Sammlungen wurden dort aufgeführt. Jede noch so kleine Schenkung musste samt Spendernamen eingetragen werden. Nach den Sonntagsmessen stürmten immer wieder Kontrolleure die Sakristeien, um nachzuprüfen, ob der Inhalt des Klingelbeutels umgehend nachgezählt und registriert wurde.

Kirchenverfolgung im kommunistischen Polen. Weihbischof von Gniezno/Gnesen Antoni Baraniak verbrachte drei Jahre (1953-1956) im Gefängnis. Bei insgesamt 145 Verhören wurden ihm u.a. alle Fingernägel herausgerissen. Wochenlang hielt man ihn ohne jegliche Kleidung in eiskalten, feuchten Zellen fest, in denen es kein Mobiliar gab.

Nach dem Ende des Stalinismus 1956 lieβ der brutale Druck auf die Kirche ein wenig nach, die meisten Verbote und Gängelungen jedoch blieben. Eine Erleichterung war damals der Übergang zur pauschalen Besteuerung der Pfarrer, auch wenn die Pauschalen ziemlich hoch angesetzt waren. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 blieb dieses Besteuerungssystem bestehen, wurde jedoch abgemildert.

Trotzdem lieferte 2019 der Pfarrer einer Gemeinde mit mehr als 20.000 Einwohnern, von denen bei weitem nicht alle am Sonntag in der Kirche erschienen, insgesamt immerhin umgerechnet knapp 1.500 Euro beim Finanzamt ab. Sein Amtsbruder von der Kleinstgemeinde mit weniger als eintausend Einwohnern zahlte 2019 insgesamt etwa 410 Euro ein.

2018 beliefen sich die Staatseinnahmen aus der Besteuerung der Pfarrer aller Glaubensgemeinschaften alles in allem auf 14,3 Millionen Zloty (ca. 3,4 Mio. Euro).

Keine Kirchensteuer, nur die Kollekte

In Polen gibt es keine Kirchensteuer, wie man sie aus Deutschland kennt. Polnische Gemeinden aller Glaubensgemeinschaften finanzieren sich fast ausschlieβlich durch die Kollekte. In Deutschland oder Österreich wird, anders als in Polen, die Kollekte nicht besteuert und stopft die Finanzlöcher vor Ort, die von der Kirchensteuer nicht abgedeckt werden.

Die Einkommenssituation der polnischen Pfarrgemeinden und ihrer Priester ist sehr unterschiedlich. Generell kann man sagen, dass nur wenige Gemeindepfarrer ein gutes Auskommen haben. Die meisten leben bescheiden. Die Pfarrer in den kleinen Gemeinden haben nicht selten Mühe, über die Runden zu kommen.

Staatspräsident Andrzej Duda bei der Kollekte.

Im Jahr 2012 veröffentlichte die polnische Katholische Nachrichtenagentur (KAI) einen ersten ausführlichen Bericht zur finanziellen Lage der katholischen Kirche in Polen. Obwohl sich seit damals die aufgeführten Einnahmen um schätzungsweise 10 bis 15 Prozent erhöht haben, ebenso wie die Ausgaben, so gelten die zu jener Zeit in dem Bericht aufgezeigten Gesetzmäβigkeiten und Tendenzen auch acht Jahre später weiterhin uneingeschränkt.

Zu den Einnahmen einer Pfarrgemeinde gehören: die Kollekte während der Sonntagsmessen und der Messen an kirchlichen Feiertagen, wie Weihnachten, Aschermittwoch, Ostern usw., Spenden für bestellte Messen, für Taufen, Trauungen und Beerdigungen, und die Kollekte während der alljährlichen Hausbesuche des Gemeindepfarrers oder des Vikars.

Wenn der Pfarrer nach Hause kommt

Sie werden „kolęda“ (fonetisch kolenda) genannt, sind eine in Polen tief verwurzelte Tradition und finden zwischen Anfang Januar und Mariä Lichtmess am 2. Februar statt. Der Besuch wird ein paar Tage vorher zumeist mit einem Anschlag im Treppenhaus angekündigt. Oft geht dem Pfarrer ein Messdiener voraus und fragt, ob das Kommen erwünscht ist.

Pfarrer mit Ministranten unterwegs bei der Kolęda.

Kolęda. Gemeinsames Gebet.

Wenn ja, dann stehen schon, auf dem Tisch vorbereitet, ein Kruzifix, zwei Kerzen, ein Gefäβ mit Weihwasser und ein Weihwedel. Zunächst unterhält man sich, bietet dem Pfarrer etwas zu essen und zu trinken an, was der zumeist höflich ablehnt, denn er hat an dem Nachmittag bereits etliche Besuche absolviert und weitere stehen ihm bevor. Gemeinsam wird anschließend ein Gebet gesprochen und der Pfarrer segnet das Haus. Am Ende bekommt er einen Umschlag überreicht. Darin sind meistens zwanzig oder fünfzig, manchmal auch einhundert Zloty, also etwa vier oder zwölf, beziehungsweise knapp fünfundzwanzig Euro.

„Co łaska“ – „Was beliebt“

In einer polnischen Pfarrkanzlei sucht man vergebens nach einer Preisliste. Bestellt jemand, zum Beispiel, eine Messe für das Seelenheil der verstorbenen Mutter und fragt, was es denn kosten solle, bekommt er unweigerlich die Antwort: „Co łaska (fonetisch uaska) – „Was beliebt“. Nichtsdestotrotz haben sich bestimmte Beträge eingebürgert, die sich herumsprechen und die man bei Bedarf im Bekanntenkreis erfragen kann und nicht unterbieten sollte.

So liegt die Spende für eine Messe mit einem Fürbittenwunsch für einen Verstorbenen (Seelenamt, Jahrgedächtnis) oder für ein anderes Anliegen bei 30 bis 100 Zloty. Wobei kein Priester eine Bitte zur Lesung einer Messe ablehnen darf, wenn aus finanziellen Gründen keine Bezahlung erfolgen kann. Trauung: 500 bis 700 Zloty. Beerdigung: 300 bis 600 Zloty. Die Spannweite der Beträge zeigt die Unterschiede zwischen den ärmeren und den vermögenderen Pfarrgemeinden.

Segnung einer neuen Brücke in Rzeszów. Oktober 2015.

Deutlich höher fallen Spenden aus, wenn Firmen ihre neuen Produktionshallen, Büros oder die freiwillige Feuerwehr das neue Spritzenhaus, Vereine ihre Fahnen segnen lassen wollen. Das ist in Polen zwar ein weitverbreiteter Brauch, kommt aber im Gemeindeleben verständlicherweise nicht oft vor, und darf deswegen getrost in der Einnahmenrubrik „besondere Ereignisse“ verbucht werden .

Kirchenkommerz ist steuerpflichtig

Dieses, etwas verwirrende, aber in der polnischen Tradition tief verankerte Kollekten- und Spenden-System vor Augen, versteht man besser, warum der polnische Staat es mit Pauschalbeträgen besteuert und auf eine Buchführung verzichtet.

Davon abgesehen, ist die Seelsorge keine kommerzielle Dienstleistung. Wäre sie das, müsste der Pfarrer für einen Messeobolus von 100 Zloty insgesamt 105 Zloty oder 108 Zloty, beziehungsweise sogar 123 Zloty berechnen. Je nachdem, ob der Gesetzgeber den verminderten (5 beziehungsweise 8 Prozent) oder den regulären (23 Prozent) Mehrwertsteuersatz anwenden würde.

Seelsorge kommerzialisiert. Die postkommunistische Parlamentskandidatin Hanna Gil-Piatek und der bekannte antikirchliche, rabiate Provokateur Paweł Hajncel mit einer Fiskalkasse vor der Kathedrale von Łódź/Lodsch während des Parlamentswahlkampfes im Oktober 2019.

Dies fordert seit geraumer Zeit die polnische Linke. Pfarrer sollen Fiskalkassen führen, Quittungen und Rechnungen ausstellen, und die Pfarreien sollen, den Firmen gleich, auf die Kollekte Steuern zahlen. Es ist eine der wichtigsten Forderungen Robert Biedrońs, des Homosexuellen-Aktivisten und Kandidaten der polnischen Linken bei den Präsidentschaftswahlen am 10. Mai 2020.

In dem linken Block, der ihn aufgestellt hat, spielen die Postkommunisten die wichtigste Rolle. Sie haben Polen seit 1989 insgesamt acht Jahre lang (1993-1997 und 2001-2005) regiert, es aber nicht gewagt, ihre damals schon in den Wahlkämpfen gestellte Forderung nach der Kommerzialisierung der Seelsorge umzusetzen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Pfarrer, die zusätzlich oder hauptamtlich außerhalb der Gemeinde arbeiten, einen Arbeits-, Zeit- oder Werkvertrag haben, werden genauso besteuert wie alle anderen Bürger. Das gilt für Pfarrer, die Religionsunterricht an Schulen geben, für Geistliche als Hochschullehrer, für festangestellte Seelsorger bei Militär, Polizei, Feuerwehr, im Gesundheitswesen usw., für Pfarrer, die in der Kurie (Bischofsamt) angestellt sind und alle anderen. Die Pauschalbesteuerung gilt nur für die Kollekte und die Spenden der Gläubigen.

Auch die Diözesanbischöfe, die in ihren Kurien ein Gehalt bekommen, zahlen die normale Einkommenssteuer. Die Höhe schwankt zwischen vier- und sechstausend Zloty (ca. 950 bis 1.400 Euro), wobei sie kostenfrei wohnen und ihnen ein Dienstwagen zur Verfügung steht.

Devotionalienhandel.

Zudem unterliegen das Vermögen und die Einkommen kirchlicher juristischer Personen den allgemeinen Steuerbestimmungen. Darunter fallen die Caritas Polska (die mit Abstand größte Wohltätigkeitsorganisation des Landes), die diözesanen Caritasverbände, Priesterseminare, Klöster, Pfarreien, Diözesen usw. Sie alle zahlen Grundsteuer. Das Verpachten von Liegenschaften bzw. Vermieten von Räumlichkeiten, kirchliche Apotheken, Verlage, Kräuter- und Buchhandlungen, Andenken- und Devotionalienläden, Übernachtungshäuser, sie alle sind genauso einkommens- und gewerbesteuerpflichtig wie die weltliche Konkurrenz.

Dafür sind Schenkungen und Erbschaften, die der Kirche zugutekommen, soweit sie nicht kommerziellen Zwecken dienen, steuerfrei.

Die Gemeinde, die Pfarrer und ihre Finanzen

Hat der Pfarrer die Pauschalsteuer an das Finanzamt entrichtet, muss er zusehen, dass er seinen innerkirchlichen finanziellen Verpflichtungen gerecht wird. So gilt es den Beitrag zur Finanzierung der bischöflichen Diözesanverwaltung zu zahlen. Überwiesen werden muss zudem das Geld in die Diözesanfonds zugunsten pensionierter und arbeitsunfähiger Amtsbrüder, des diözesanen Priesterseminars, der Diözesanpriester auf Mission in der Dritten Welt, der Klausurklöster u. e. m.

Für den innerkirchlichen Gebrauch ist der Pfarrer verpflichtet ein Einnahmen-Ausgaben-Journal zu führen. Nach Jahresende schickt er es an die Diözesankurie.

Dann sind die Rücklagen für die regelmäßig anfallenden Kosten zu berücksichtigen. Die Bezahlung des Organisten, der Putzfrau, Versicherungsbeiträge, das teure Beheizen der Kirche, laufende Reparaturen, die Kosten für verschiedene niedrigschwellige soziale Angebote, die praktisch jede polnische Pfarrei betreibt. Das kann ein Nachmittagshort mit Hausaufgabenhilfe für besonders förderbedürftige Kinder sein. Oder eine Beratungsstelle für Frauen in schweren Notlagen. Oder eine Essensausgabe für Arme. Und von irgendetwas müssen die Pfarrer, die ja kein festes Gehalt bekommen, auch leben.

Wieviel eine Pfarrei an Kollekte einnimmt, hängt ab von der Zahl der Kirchgänger, davon wie vermögend und spendenfreudig sie sind, von der Zahl der Messegaben, Taufen, Trauungen, Beerdigungen, der Kommunionkinder und der Firmlinge. Zudem schwanken all diese Faktoren von Jahr zu Jahr. Was bleibt sind grobe Schätzungen.

Erstes Beispiel. Eine mittelgroße Pfarrgemeinde in Łódź mit zehntausend Einwohnern, von denen etwa viertausend regelmäßig eine der fünf Sonntagsmessen besuchen. Im Kollektenkörbchen, mit dem einer der Pfarrer den Kirchenraum durchschreitet, landen meistens Zwei- oder Fünf-Zloty-Münzen, ab und zu ein Zehn-Zloty-Schein. Die Leute in Łódź, der einstigen Textilstadt, haben nicht viel Geld.

Sonntagsmesse. Kollekte.

Die Sonntagskollekte bringt meistens insgesamt um die fünftausend Zloty ein. Die Kollekten an kirchlichen Feiertagen fallen zumeist etwas üppiger aus. Das ergibt im Jahr in etwa 300.000 Zloty. Hinzu kommen um die vierzig Trauungen je 500 Zloty, das macht zusammen 20.000 Zloty. Etwa einhundert Taufen mal 100 Zloty, sind 10.000 Zloty. Um die einhundertfünfzig Bestattungen, rechnet man im Schnitt mit 400 Zloty, ergeben 60.000 Zloty. Zirka fünfhundert Messegaben mal durchschnittlich 40 Zloty, das macht 20.000 Zloty im Jahr. Von den jährlichen Hausbesuchen (kolęda) bringen die drei Gemeindepfarrer 25.000 Zloty mit ins Pfarrhaus.

Insgesamt kommt man somit auf 435.000 Zloty (ca. 102.000 Euro) im Jahr. Davon wird mindestens die Hälfte an die Diözese weitergeleitet. Bleiben etwa 217.000 Zloty übrig, also um die 18.000 Zloty (ca. 4.200 Euro) pro Monat. Davon sollen alle Kosten vor Ort plus die Lebenshaltung des Gemeindepfarrers, des Vikars und, in Polen in einer Pfarrei dieser Größe durchaus noch üblich, eines weiteren Pfarrers bezahlt werden. Das ist nicht viel.

Zum Glück unterrichten alle drei Religion an umliegenden Schulen. Einer mit einer vollen Stelle (macht ca. 2.900 Zloty netto), die beiden anderen haben halbe Stellen (ca. 1.500 Zloty netto).

Religionsunterricht in einem Warschauer Lyzeum.

Wenn größere Renovierungen anfallen, wie zum Beispiel vor zwei Jahren, als ein Sturm das Dach beschädigte und zwei Mosaikfenster hinter dem Altar eingedrückt wurden, dann wird zu zusätzlichen Spenden aufgerufen und befreundete Firmen reparieren zum Selbstkostenpreis. Nur so geht es.

Zweites Beispiel. Eine kleine Gemeinde mit 1.200 Einwohnern auf dem Lande. Ein Pfarrer. Sonntags- und Feiertagskollekte, um die 2.000 Zloty. Im Jahr: ca. 120.000 Zloty. Fünf Trauungen je 500 Zloty: 2.500 Zloty. Zehn Taufen mal 100 Zloty: 1.000 Zloty. Zehn Bestattungen je 400 Zloty: macht 4.000 Zloty. Einhundert Messegaben je 40 Zloty: 4.000 Zloty. Die Hausbesuche (kolęda): 3.000 Zloty. Insgesamt ergibt das 130.000 Zloty im Jahr (ca. 30.500 Euro). Davon geht die Hälfte für die Diözese. Bleiben rund 65.000 Zloty für die kirchengemeinde. Das ergibt knapp 5.500 Zloty (ca 1.300 Euro) pro Monat.

Gemeindemitglieder helfen ehrenamtlich bei Dachrenovierung. Kirche der Muttergottes von Piekary im Warschauer Stadtteil Wola. Herbst 2018.

Zum Glück ist das Kirchengebäude nicht groß und nicht denkmalgeschützt. Der Pfarrer hat zwar keine Nebeneinkünfte, aber die Dorffrauen helfen gerne ehrenamtlich beim Schmücken und Putzen der Kirche. Die Männer gehen bei größeren Arbeiten zur Hand. Essbares gibt es immer wieder mal, auch umsonst, und der zwölf Jahre alte VW schafft noch munter den Weg zu den Hausbesuchen und in die Kreisstadt. Der Pfarrer kommt auf diese Weise ganz gut zurecht.

Sozialversicherungsbeiträge zahlt der Staat

Katholische Pfarrer gehen mit 75 Jahren endgültig in Rente. Ab 65 Jahren können sie das tun, wenn die Gesundheit nicht mitspielt. Dann helfen sie, wenn sie noch können, in den Pfarreien aus, wo sie als sogenannte Residenten leben. Es gibt in Polen auch einige Einrichtungen für schwerkranke oder altersschwache Pfarrer. Generell sind Priester diejenigen, die ihre Renten am kürzesten beziehen.

Erst mit 75 in Rente.

Geistlichen werden Sozialversicherungsbeiträge nur von ihren Einkommen aus festen Arbeitsverhältnissen (Schule, Universität usw.) einbehalten. Zudem zahlt der Staat für alle Geistlichen achtzig Prozent der niedrigsten, gesetzlich vorgeschriebenen, Renten, – Unfall,- und Gesundheitsbeiträge. Die fehlenden zwanzig Prozent zahlen die Geistlichen selbst oder deren Diözese, beziehungsweise der Orden.

Zu hundert Prozent vom Staat getragen, werden lediglich die Sozialversicherungsbeiträge polnischer Missionare, so lange sie auf Mission im Ausland sind, sowie für Nonnen und Mönche kontemplativer Orden, die in strenger Klausur, ohne Kontakt zur Außenwelt leben.

Das Geld hierfür kommt aus dem sogenannten Staatlichen Kirchenfonds. Gegründet haben ihn 1950 die Kommunisten, nachdem sie der Kirche fast ihr gesamtes Eigentum weggenommen hatten. Der Fonds sollte sich ursprünglich aus den Einkommen, die das verstaatlichte Kircheneigentum erbrachte speisen, und daraus Gesundheitskosten sowie Renten der Geistlichen finanzieren.

Die Kommunisten haben seinerzeit allein von der katholischen Kirche 145.000 Hektar Land und knapp 4.000 Gebäude konfisziert. Es handelte sich dabei meistens um sogenannte „Güter der toten Hand“, also Land, das Gläubige nach ihrem Tod der Kirche über Jahrhunderte vermacht hatten.

Nicht wenige der enteigneten Gebäude beherbergten gut ausgestattete Schulen, Krankenhäuser, Altersheime, Kindergärten. Mit der Caritas Polska zum Beispiel, gingen ein beachtlicher, moderner Lkw-Fuhrpark aus US-amerikanischen Spenden, sowie ebenfalls große Vorräte an Hilfsgütern und etliche Spendenkonten unwiederbringlich verloren.

Der Kirchenfonds jedoch, hat nie so funktioniert wie angedacht. Die Kommunisten haben das gesamte Kircheneigentum mit dem übrigen Staatseigentum vermischt, es nie separat verwaltet. Der Fonds wurde also von vornehein aus dem Staatshaushalt finanziert.

Untersuchungen nach 1990 ergaben, dass nur etwa 40 Prozent der Fonds-Gelder den ursprünglichen Aufgaben zugutekamen. Der Rest wurde für atheitstische Propaganda, antikirchliche Maßnahmen, die Förderung regimehöriger Kirchenleute ausgegeben. Er war ein weiteres, wirksames Werkzeug der Glaubenspolitik eines totalitären Staates.

Kirche und Geld. So sieht es die polnische Linke.

Bis heute hat die Kirche gut 30 Prozent ihres Eigentums nicht zurückerhalten. Die polnische Linke fordert die Abschaffung des Kirchenfonds. Soll doch der Klerus seine Sozialversicherungsbeiträge alleine zahlen. Hinzu kommen Forderungen nach der Verbannung des Religionsunterrichts aus den staatlichen Schulen, nach der Besteuerung der seelsorgerischen Leistungen, Entfernung von Kruzifixen aus dem öffentlichen Raum, Abschaffung der Gewissensklausel u. v. m. Sie wird damit eher keinen Erfolg haben.

Nichts deutet heute darauf hin, dass sich an der Finanzierung der Kirche in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Die Art, wie die Kirche an ihr Geld kommt, ist ein wichtiger Bestandteil ihrer traditionellen Nähe zur Nation. Die Gläubigen greifen für sie jedes Mal direkt und freiwillig in die Tasche. Das verbindet.

© RdP




Hirte der Triebe

Am 15. November 2019 starb Erzbischof Juliusz Paetz.

Scham hindert Schande, doch Scham ist eine Tugend, die ihm offensichtlich nicht eigen war. Als wäre nichts gewesen, hat Erzbischof Juliusz Paetz seine Kirche und die katholische Öffentlichkeit in Polen lange Jahre hindurch in einen Zustand peinlicher Berührtheit versetzt. Er beherrschte hervorragend die Kunst der Verdrängung, seine zügellosen homosexuellen Triebe vermochte er jedoch nicht zu bändigen.

Goldene Königskapelle im Dom von Poznań. Links das Denkmal von Fürst Mieszko I. und König Bolesław des Tapferen, die beide auf der Dominsel begraben sein sollen.

Im Schatten alter, wiet ausladender Baumkronen erstreckt sich auf der Dominsel von Poznań die Wiege des christlichen Polens. Hier stand die Fürstenpfalz Mieszko I., der 966 sich, und damit ganz Polen, taufen lieβ. Hier befand sich seine Kapelle, das erste christliche Gotteshaus auf polnischem Boden. Hier soll er beigesetzt worden sein. Pietät, Würde und Anstand sind an diesem historischen Ort keineswegs fehl am Platze.

Altarraum mit Kanzel im Dom von Poznań.

Kaum einen Steinwurf von der Kathedrale entfernt, erhebt sich heute auf der Dominsel der Bischofspalast. An ihn angeschlossen ist das Gebäude der Diözesankurie. Unweit davon befindet sich die Kirche der Allerheiligsten Jungfrau Maria, das älteste gotische Gotteshaus der Stadt. Daneben das Diözesanmuseum in der einstigen Lubranski-Akademie, der ersten Hochschule Poznańs vom Anfang des 16. Jahrhunderts. Zum etwa zweihundert Meter entfernten Erzbischöflichen Priesterseminar gelangt man durch eine Unterführung, die die benachbarte Schnellstraβe unterquert.

Der Dom und im Vordergrund die Kirche der Allerheiligsten Jungfrau Maria.

„Roma“ rückwärts lesen

Erzbischof Paetz schaute hier des Öfteren unangemeldet vorbei und nahm stets am liebsten die Schlafsäle der Priesteranwärter in Augenschein. Nach mehreren peinlichen Vorfällen verbot der Rektor Dr. Tadeusz Karkosz (er starb 2015) dem Erzbischof, das Seminar ohne Vorankündigung zu betreten. Normalerweise wären danach die Tage eines Priesters im Amt des Rektors gezählt. Doch nichts geschah. Hat das schlechte Gewissen Gutes bewirkt oder lieβ der Hierarch nur Vorsicht walten?

Das Erzbischöfliche Priesterseminar in Poznań.

Wie auch immer es gewesen sein mag, wahr ist, dass er, je älter er wurde, sich umso weniger im Griff hatte. Pädophilie konnte man ihm nicht vorwerfen, denn nicht Kinder, sondern junge Männer trafen seinen Geschmack. Kein Priesteranwärter war sicher vor seinen Avancen, Umarmungen, Zudringlichkeiten, vieldeutigen Anspielungen, Anzüglichkeiten. Angeboten, sich mal abends zu treffen. „Lustigen“ Geschenken, wie rote Schlüpfer mit der Aufschrift „Roma“ und dem Hinweis, das Wort rückwärts zu lesen.

Es ist die Norm, dass etwa ein Drittel der Priesteranwärter das Seminar vorzeitig verlässt. Die Anforderungen sind für sie zu hoch, der Glaube nicht ausreichend gefestigt, weltliche Verlockungen zu groβ. Wie viele sind nur seinetwegen gegangen, wie viele haben sich missbrauchen lassen?

Das erzbischöfliche Palais in Poznań.

Vielen graute es vor den Vieraugengesprächen mit dem Erzbischof. Jeder Seminarist muss ein solches Gespräch, Scrutinum genannt, dreimal während seiner Ausbildung absolvieren. Verhaltensregeln wurden unter der Hand weitergegeben. Bei der Begrüβung, die Hand so steif wie möglich geben und sie sofort zurückziehen. Blickkontakt meiden. Sich bei zweideutigen Bemerkungen, Anspielungen dumm stellen usw.

Auch wenn manches Detail von kirchenfeindlichen Medien erfunden oder aufgebauscht sein könnte, das meiste, leider, sind verbriefte Tatsachen.

All das spielte sich im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ab. Als Juliusz Paetz im April 1996 das prestigeträchtige Amt des Metropoliten von Poznań übernahm, blickte er bereits, mit 61 Jahren, auf einen ereignis- und erfolgreichen Werdegang im Dienste der Kirche zurück.

Der Bamberger

Er kam 1935 in Poznań zur Welt, in einer Familie der sogenannten Posener Bamberger. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten der Groβe Nordische Krieg und nachfolgende Seuchen die ländliche Bevölkerung in der Umgebung von Poznań dezimiert. Felder lagen brach. Ratsherren beschlossen, katholische Siedler aus der Umgebung von Bamberg in Oberfranken zu holen und ihnen den Ackerbau anzuvertrauen. Zwischen 1719 und 1753 wurden insgesamt etwa einhundert Familien mit fünfhundert Mitgliedern angesiedelt.

Posener Bamberger in ihren Trachten auf dem Alten Markt in Poznań.

Die Bamberger pflegten zwar weiterhin ihren eigenen Lebensstil und  behielten bis heute ihre Festtrachten, polonisierten sich jedoch vollends und waren loyale Staatsbürger seit der Wiedergründung des polnischen Staates 1918, nach 123 Jahren der Teilungen. Unter der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg weigerten sie sich zumeist, die Deutsche Volksliste zu unterschreiben. Viele wurden deswegen enteignet, brutal schikaniert, oft in Konzentrationslager verschleppt.

Nicht anders erging es Juliusz‘ Vater, einem Metzger, der am Rande der Stadt einen kleinen Schlachthof und eine Fleischerei betrieb. Der Junge war neun, als im Februar 1945 der Krieg mit schweren Kämpfen der Sowjets um die Stadt und enormen Zerstörungen in Poznań zu Ende ging.

Die vier Söhne des Metzgermeisters Paetz  haben es im Leben zu was gebracht. Juliusz zum Erzbischof, die anderen sind heute gut situiert und bestens eingebunden in die städtische Elite. Einer als Arzt, der zweite als Notar und der dritte als Rechtsanwalt. Dieser Umstand hat sich für Erzbischof Paetz als sehr nützlich erwiesen, als es eng für ihn wurde. Die Elite der Stadt hielt ihm die Treue.

Mit vierzehn kam Juliusz auf das vierjährige Kleine Seminar in Poznań. Es gab damals in Polen fast fünfzig solcher katholischen Schulen mit Internat für Knaben, die später Priester werden wollten. Viele mit langer Tradition. Im Nachkriegspolen waren sie den Kommunisten ein Dorn im Auge. Sie entzogen Jugendliche der kommunistischen Staatserziehung, beeinflussten sie „feindlich“. Zwischen 1952 und 1962 schlossen die Behörden alle Kleinen Seminare. In Poznań geschah das 1960.

Poznań, Lublin, Rom

Zu der Zeit war Juliusz Paetz bereits seit einem Jahr Priester. Dem vorausgegangen war ein fünfjähriges Lernen am Erzbischöflichen Priesterseminar auf der Posener Dominsel. Nur zwei Jahre lang war er anschließend als Vikar an zwei Posener Gemeinden tätig. Dann schickte ihn der damalige Erzbischof von Poznań zum Theologiestudium an die Katholische Universität Lublin, bis 1990 die einzige katholische Universität im ganzen kommunistischen Machtbereich zwischen Elbe und Pjöngjang in Nordkorea. Von Polens Kommunisten schwer drangsaliert, stand sie oft kurz vor der Schlieβung, aber sie überdauerte.

Weitere zwei Jahre vergingen und Pfarrer Juliusz Paetz konnte ab 1962 das Studium in Rom an den Päpstlichen Universitäten Gregoriana und Heiliger Thomas von Aquin fortsetzen. Er durfte sich deswegen ausgesprochen glücklich schätzen.

Denn auch der einst als liberal und reformfreudig geltende Parteichef Władysław Gomułka, den bei seinem Machtantritt 1956 ganz Polen bejubelt hatte, begann nämlich ab Ende der 50er-Jahre, die Kirche, die einzige noch verbliebene unabhängige Institution in Polen, heftig zu bekämpfen. Die kurze „Verschnaufpause“ zwischen 1956 und 1958 war vorbei. Die Schlieβung der noch verbliebenen Kleinen Seminare, die Verbannung des Religionsunterrichts aus den Schulen, das massenweise Abhängen von Kreuzen in öffentlichen Gebäuden, die strikte Nichterteilung von Baugenehmigungen für Kirchen, während die Städte sprunghaft wuchsen, das waren nur einige der vielen Symptome des neuen Kirchenkampfes der Kommunisten.

Dazu gehörte aber auch die drastische Einschränkung der, ohnehin nie üppigen, Ausgabe von Auslandspässen an Priester. Sogar dem Primas von Polen, Kardinal Stefan Wyszyński, verweigerten die Behörden einige Male die Reise nach Rom. Wem oder welchen Umständen verdankte ausgerechnet Pfarrer Paetz in dieser schweren Zeit die Gunst der Kommunisten? Wir wissen es nicht.

Nach dem Studium blieb Paetz in Rom. Zuerst arbeitete er neun Jahre lang im Generalsekretariat der Bischofssynode. Ab 1976 stand Paetz als einziger polnischer Prälat im päpstlichen Vorzimmer unmittelbar im Dienst der Päpste Paul VI., Johannes Paul I. und Johannes Paul II.

Er begrüβte Gäste und leistete denen Gesellschaft, die auf die Audienz beim Papst warteten. Es waren fast ausnahmslos Spitzenpolitiker aus der ganzen Welt, namhafte Künstler, Wissenschaftler, Sportler. Er begleitete Johannes Paul II. bei seinen ersten Auslandsreisen, auch als er zum ersten Mal als Papst im Juni 1979 Polen besuchte.

In jener Zeit nahm nachweislich die polnische Staatssicherheit Kontakt zu Paetz auf. Die wenigen Unterlagen hierzu, die die massenhafte Vernichtung der polnischen Stasi-Dokumente zwischen 1989 und 1990 überdauert haben, belegen, dass er 1978 als Quelle „Fermo“ registriert und bis 1980 abgeschöpft wurde. Knapp neunzig Prozent der Informationen, die „Fermo“ weitergab, stufte die Stasi damals als wichtig ein.

Paetz beteuerte später, er habe nie bewusst mit der Stasi zusammengearbeitet. Die Einstufung als Quelle und nicht als IM könnte dafür sprechen. Die polnischen Stasi-Leute agierten in Rom gut getarnt als Diplomaten, Mitarbeiter des Römischen Büros der Fluggesellschaft LOT, polnische Wissenschaftler-Stipendiaten an italienischen Universitäten usw. Es gab viele Kontakte zu polnischen Geistlichen im Vatikan. Einige von ihnen waren Stasi-Agenten, andere wiederum  wurden abgeschöpft, ohne es zu wissen. War das so bei Paetz? Auch hier gibt es keine gesicherte Antwort.

Ins Abseits befördert?

Seine vatikanische Karriere endete 1983. Der polnische Papst Johannes Paul II. erteilte ihm die Bischofsweihe und machte Paetz zum Bischof in Łomża (fonetisch Lomscha), einer Provinzstadt mit sechzigtausend Einwohnern im Nordosten Polens. War das eine echte Beförderung oder nur eine Beförderung ins Abseits?

Wojciech Polak, Erzbischof von Gniezno und Primas von Polen, und Marcin Przeciszewski am 29. November 2019 in Wrocław.

Völlig unerwartet, am 29. November 2019, knapp zehn Tage nach Erzbischof Paetz‘ Tod, äuβerte sich dazu Marcin Przeciszewski (fonetisch Pschetsischewski), der Leiter der polnischen Katholischen Nachrichtenagentur. Dies geschah während einer Podiumsdiskussion, bei einer öffentlichen katholischen Tagung in Wrocław.

„Erzbischof Paetz hatte eine wahrlich hohe Stellung im Vatikan inne und ging nach Łomża in die Verbannung. Das war ein grundlegender Fehler, weil seine (homosexuellen – Anm. RdP) Neigungen im Vatikan erkannt worden waren. Der Vatikan wollte ihn loswerden. Das war einer der Gründe für die Ernennung“, sagte Przeciszewski.

Mit auf dem Podium saβ Wojciech Polak, Erzbischof von Gniezno und Primas von Polen. Er reagierte nicht darauf, was als sehr vielsagend ausgelegt wurde.

Diezöse Łomża

Das Sich-Herantasten an die unangenehme Wahrheit dauerte damals, aus heutiger Sicht, lange. Für viele viel zu lange. Warum?

„Sünde verteidigen heiβt selber sündigen“ (Sprichwort)

Bischof Paetz empfängt Johannes Paul II. in Łomża während der päpstlichen Pilgerfahrt nach Polen im Juni 1991.

Juliusz Paetz konnte ein umgänglicher, zuvorkommender Mensch und ein engagierter Seelenhirte sein. Ein Pfarrer aus Łomża berichtete der Zeitung „Rzeczpospolita“ („Republik“), die den Skandal 2002 öffentlich machte anonym:

„Er hat schnell die meisten Priester und Gläubigen für sich gewonnen. Er war höflich, freundlich, einfühlsam. Er besuchte unermüdlich Klöster und soziale Einrichtungen der Kirche. Er kam schon mal zu einem runden Pfarrergeburtstag, auch wenn er weitab von seinem Bischofspalast gefeiert wurde. Er fuhr zu Beerdigungen, wenn die Mutter oder der Vater eines Pfarrers gestorben war, führte Trauerzüge an. Übernahm ein Kaplan eine Pfarrei, führte Paetz ihn persönlich ein.“

Dieser gute Ruf eilte ihm voraus, als er 1996 das Bistum in Łomża verlieβ, um in Poznań Metropolit zu werden.

Dort schlug ihm damals eine allgemeine Begeisterung entgegen. Paetz war gebürtiger Posener, dazu noch ein Nachkomme der Posener Bamberger, durch seine Verwandten bestens vernetzt in der örtlichen Elite.

Diese Elite, angeführt von dem (2015 verstorbenen) Oligarchen und reichsten Mann Polens, Jan Kulczyk, hielt eisern zu ihm. Sie veröffentlichte einen offenen Brief, wenige Tage nachdem die Tageszeitung „Rzeczpospolita“ („Republik“) am 23. Februar 2002, in einem Bericht mit dem Titel „Sünde im erzbischöflichen Palais“, das Doppelleben des Erzbischofs öffentlich gemacht hatte.

„Angeklagt wurde ein Mensch, der allgemeine Hochachtung genieβt, dessen Verdienste um die Wissenschaft und Kultur in Poznań unbestritten sind. Er spielt eine wichtige Rolle im Leben unserer Stadt und Region. Er regt an und vereinigt viele Milieus im gestalterischen und fruchtbaren  Handeln zum Allgemeinwohl der Menschen in Poznań und Groβpolen. Derweil erwecken Ton und Inhalte verschiedener Presse-, Rundfunk- und Fernsehberichte den Eindruck, als wären die Bezichtigungen zweifelsfrei bewiesen. Das muss unseren entschiedenen Widerspruch wecken“, hieβ es in dem Schreiben.

Paetz-Förderer Jan Kulczyk.

Unterschrieben hatten, neben Kulczyk, u. a. die Rektoren aller  staatlichen Hochschulen in Poznań: der Universität, der Technischen Hochschule, der Wirtschaftsuniversität, der Musikhochschule, der Medizinischen Universität, der Hochschule für Landwirtschaft, der Kunsthochschule, dazu noch der Direktor der Oper u. e. m.

„Sumpfland-Midas“. Nachruf auf Jan Kulczyk ist hier zu lesen.

Da sind auch viele Gläubige, die es einfach nicht fassen konnten, dass ihr Hirte auf Irrwege geraten sein sollte. Bis heute weigern sie sich, die schwierige Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen.

Da sind schlieβlich einige wichtige Kirchenhierarchen. Sie duckten sich, mieden den Zusammenstoβ mit ihrem – aufgrund seiner Popularität und seiner bewährten Kontakte im Vatikan – einflussreichen Amtsbruder. Trotz aller Beschwerden, Hinweise und Indizien. Hierzu gehören die drei Stellvertreter von Paetz (Weihbischöfe) und der damalige apostolische Nuntius (Vatikan-Botschafter) in Warschau, Bischof Józef Kowalczyk, der alle Versuche, die Sache nach Rom weiterzuleiten, blockiert hat.

Die Gerechten geben nicht auf

Den Blockierern gegenüber stand jedoch eine zunehmend gröβere Schar von Kirchenleuten, die den unzüchtigen Erzbischof endlich gebändigt sehen wollte. Zum einen aus moralischen Gründen, zum anderen, um die Kirche zu schützen, weil es nur eine Frage der Zeit war, bis seine Ausschweifungen öffentlich würden. Die Sache zog ja im innerkirchlichen Bereich schließlich immer weitere Kreise.

Einige hochrangige geistliche Posener Wissenschaftler sprachen Paetz unter vier Augen auf seine Neigungen an. Er war beherrscht, so hörte man hinterher, verhielt sich wie ein Diplomat. Zwar spülte er die Fakten weich, leugnete sie jedoch nicht. Auch der in den Posener Kirchenkreisen angesehene Ultrakonservative, Prof. Maciej Giertych, sprach bei Paetz vor. Alles vergebens. Die Klagen der Priesteranwärter wurden nicht weniger.

Anfang September 2001 schrieben einige hochrangige Geistliche einen Brief an die polnischen Bischöfe, die damals als Delegierte der Polnischen Bischofskonferenz zur Bischofssynode nach Rom reisen sollten. Zu den Unterzeichnern gehörten der Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Poznań; Pfarrer Prof. Tomasz Więcławski, Pfarrer Dr. Jacek Stępczak, Chefredakteur des sehr populären örtlichen Diözesan-Wochenmagazins „Przewodnik Katolicki“ („Katholischer Leitfaden“); der Rektor des Erzbischöflichen Priesterseminars, Dr. Tadeusz Karkosz,  und der führende, sehr angesehene örtliche Aktivist der Anti- Abtreibungsbewegung Paweł Wosicki. Ihr Fazit: „Der Diözesanbischof stelle durch sein Benehmen eine ernsthafte Gefahr für die Diözese dar.“

Daraufhin rief Erzbischof Paetz Anfang Oktober 2001 die vierzig Dekane der Diözese Poznań zu einer dringenden Sitzung ein. (Ein Dekan beaufsichtigt im Auftrag des Bischofs jeweils zehn Gemeinden). Er verlieβ die Versammlung nach einigen Minuten. Die drei Weihbischöfe baten die Anwesenden, eine Erklärung zugunsten des Erzbischofs zu unterzeichnen.

Sie sollte am nächsten Sonntag in allen Kirchen der Diözese verlesen werden. Zwei Tage später jedoch lieβ man die Unterzeichner wissen, die Erklärung werde nicht verlesen. Sie wurde in den Vatikan geschickt, sozusagen als eine Gegendarstellung zu dem Brief an die Delegierten zur Synode in Rom. Die Dekane fühlten sich hintergangen. Vier von ihnen legten ihr Amt nieder.

Als sich Chefredakteur Stępczak weigerte, die Erklärung im „Przewodnik Katolicki“ abzudrucken, feuerte ihn der Erzbischof  kurzerhand und verbat ihm jegliche seelsorgerische Tätigkeit in der Diözese. Pfarrer Stępczak ging als Missionar nach Zambia.

Im Verlauf des Oktober sowie November 2001 schrieben weitere besorgte Kirchenleute und katholische Intellektuelle Briefe an Nuntius Stanisław Kowalczyk in Warschau mit der Bitte, die Angelegenheit an den Papst weiterzuleiten. Als weiterhin nichts geschah, beschloss Theologiedekan Prof. Tomasz Więcławski, Prof. Wanda Półtawska in Kraków in die Sache einzuweihen.

Prof. Wanda Półtawska

Die namhafte Psychiaterin, eine ehemalige KZ-Inhaftierte, an der deutsche Ärzte grausame medizinische Experimente durchgeführt hatten, kannte Karol Wojtyła seit fünfzig Jahren und war seine engste Vertraute. Sie brachte den Brief Prof. Więcławskis unmittelbar zum Papst nach Rom und las ihn beim Abendessen, dem damals gesundheitlich schon schwer angeschlagenen, Kirchenoberhaupt  vor. Johannes Paul II. zeigte sich tief erschüttert über Paetzs Verhalten und darüber, dass man den Skandal vor ihm verheimlicht hatte.

Der Erzbischof geht, der Erzbischof bleibt

Nur eine Woche später, am 29. November 2001, kam ein zweiköpfiger Untersuchungsausschuss aus dem Vatikan nach Poznań. Ein Woche lang verhörten die beiden Kontrolleure von früh bis spät in die Nacht die Priesteranwärter. Haarsträubendes soll ans Tageslicht gekommen sein. Was genau? Verhörprotokolle und Abschlussbericht wurden bis heute nicht veröffentlicht.

Die Gerüchteküche kochte derweil immer heftiger, bis am 23. Februar 2002 der „Rzeczpospolita“-Bericht den Skandal zur Explosion brachte. Am Karfreitag, dem 28. März 2002, nahm Johannes Paul II. den Rücktritt des Erzbischofs an.

Paetz verabschiedete sich mit einem Brief an die Gläubigen, in dem er behauptete, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe, Priesteranwärter sexuell belästigt zu haben, stellten „eine Fehlinterpretation meiner Güte und Spontaneität dar“.

Seitdem war Juliusz Paetz Erzbischof-Senior der Diözese Poznań. Der Vatikan hatte schriftlich festgehalten, dass er keine Predigten halten, keine Firmungen, Priester-, Kirch- und Altarweihen vornehmen dürfe. Dieses Verbot galt nicht auβerhalb der Diözese Poznań.

Paetz derweil tat nach seinem Rücktritt von Anfang an so, als wäre nichts geschehen. Er lebte keinesfalls zurückgezogen, sondern wohnte weiterhin auf der Dominsel und scheute keineswegs die Öffentlichkeit. Im Gegenteil, er suchte sie. So war er weiterhin Gast bei den Premiere-Aufführungen in der Posener Oper, saβ oft in der Loge zwischen dem Oligarchen Kulczyk und dem von der Regierung Tusk ernannten Regierungspräsidenten.

Das hörte erst 2015 auf, als Kulczyk unerwartet starb und die Tusk-Partei Bürgerplattform die Parlamentswahlen verlor. Der von der neuen Regierung ernannte Regierungspräsident mied den Skandal-Geistlichen demonstrativ. Bis zuletzt jedoch sah man Paetz bei Empfängen, Vernissagen, Einweihungen. Die Reichen, Schicken und Schönen von Poznań blieben ihm treu.

Erzbischof Stanisław Gądecki.

Man sah auf Anhieb, dass Paetz besessen davon war rehabilitiert zu werden, die Liturgie wieder zelebrieren zu dürfen. Siebzehn Jahre lang war er emeritiert, und so lange dauerte der kalte Kleinkrieg zwischen ihm und seinem Nachfolger, Erzbischof Stanisław Gądecki (fonetisch Gondetzki), der nicht bereit war, über das skandalträchtige Verhalten von Paetz hinwegzusehen.

Immer wieder musste Gądecki, der bis heute von den Posener Eliten abgelehnt und nirgendwo eingeladen wird, Paetz ausrichten lassen, er möge sich  an die ihm auferlegten Einschränkungen halten. Manchmal blieb Gądecki keine andere Wahl, als seinem umtriebigen Vorgänger das Erscheinen zu wichtigen Kirchenanlässen ausdrücklich zu verbieten.

Paetz wurde nicht müde, seine Beziehungen im Vatikan für eine Rücknahme der Verbote zu nutzen, und 2010 sah es so aus, als hätte er sein Ziel erreicht. Damals reiste Bischof Gądecki nach Rom und teilte Papst Benedikt XVI. mit, er werde im Falle einer Rehabilitierung von Paetz zurücktreten. Der Papst, der in die Angelegenheit nicht eingeweiht zu sein schien, gab ihm sofort recht.

Danach musste die Kirche den umtriebigen Emeritus noch zweimal öffentlich ermahnen. Im Jahr 2013 sah sich der damals sehr einflussreiche vatikanische Kardinalstaatssekretär Tercisio Bertone gezwungen, Paetz zu bitten, sein Leben „in Klausur, Einkehr und mit Gebeten zu fristen“. Drei Jahre später, unmittelbar vor den groβen Feierlichkeiten zum 1050. Jahrestag der Taufe Polens in Poznań, verkündete das Pressebüro der Polnischen Bischofskonferenz, Paetz solle von der Teilnahme Abstand nehmen.

Statt in der Gruft an der frischen Luft

Nach Paetz‘ Tod begann ein drei Tage lang andauerndes heftiges Ringen hinter den Kulissen darum, wo er bestattet werden sollte. Als dem emeritierten Diözesanbischof stand ihm eine letzte Ruhestätte im Dom zu. Darauf drängte die Familie, und auch die Kurienmitarbeiter neigten, unter Berufung auf kirchliche Vorschriften, erst einmal dazu.  Das war die Situation am Freitag, dem 15. November 2019.

Paetz‘ Grab.

Am Samstagabend, dem 16. November, machte ein Brief, veranlasst von namhaften Posener Priestern und Laien aus dem nationalkonservativen Lager, die Runde, in dem vor den katastrophalen Folgen für das Ansehen der Kirche bei einer Bestattung im Dom gewarnt wurde. Bischof Gądecki, der schon vorher Bedenken hatte, schloss sich dem Appell an.

 

Am Montag, dem 18. November, gab es eine Totenmesse im Dom, die Bischof Gądecki zelebrierte und an der nur die Familie teilnehmen durfte. Außenstehende wurden von eigens bestellten Wachleuten an den Eingängen abgewiesen. Anschlieβend wurde der Sarg zum städtischen Friedhof gebracht und im Familiengrab beigesetzt.

„Alte Sünde macht oft neue Schande“, sagt das Sprichwort. Oft, aber zum Glück nicht immer.

© RdP

 

 




Allein für das Leben

Polnische Ärztin gegen den Staat Norwegen.

Fast fünf Jahre lang kämpfte Katarzyna Jachimowicz darum als Ärztin arbeiten zu dürfen ohne an der Tötung ungeborener Kinder teilnehmen zu müssen.

Dr. Katarzyna Jachimowicz arbeitete nach dem Medizinstudium, seit 1999, als Familienärztin in ihrer Heimatstadt Białystok. Im Jahr 2008 siedelte sie nach Norwegen um, wo ihr Ehemann, ein Radiologe, ein lukratives Arbeitsangebot erhalten hatte. Nach zwei Jahren des Norwegischlernens und der Erledigung notwendiger Formalitäten, begann sie 2010 als Hausärztin in der Viertausend-Einwohner-Gemeinde Sauherad in der Provinz Telemark, in Südnorwegen.

Das Gespräch mit Frau Jachimowicz veröffentlichte das Wochenmagazin „Sieci“ („Netzwerk“) vom 8. Dezember 2019.

Das Titelbild entstammt einer Solidaritätsaktion mit ihr.

Wie ist es um den Schutz des ungeborenen Lebens in Norwegen bestellt?

Die Abtreibung auf Wunsch ist bis zur zwölften Schwangerschaftswoche erlaubt. Wird beim Kind oder bei der Mutter eine Erkrankung festgestellt, dann verlängert sich die Frist bis zur achtzehnten Schwangerschaftswoche.

Die Verabschiedung dieser Regelungen (1978 – Anm. RdP) war nur eine Zwischenstation in einer fortlaufenden Entwicklung. Wobei in Norwegen die Verschiebung der Grenzen nur in eine Richtung vonstattengeht: gegen das Leben.

Das Gesetz, das den Schutz der ungeborenen Kinder aufgehoben hat, wurde mit nur einer Stimme Mehrheit verabschiedet, begleitet von Massenprotesten christlicher Kreise. Viele Teilnehmer dieser Proteste wurden verhaftet. Ich bin Leuten begegnet, die deswegen bis zu zwei Wochen im Gefängnis verbracht haben. Protestierende Pastoren wurden entlassen, weil die Kirche in Norwegen eine staatliche Institution ist. Von 1978 an wurden in Norwegen eine halbe Million ungeborene Kinder beseitigt. Das sind zehn Prozent der Bevölkerung.

Gemeinde Sauherad.

Wann haben Sie erfahren, dass die Gewissensklausel aufgehoben wird?

Als ich nach Norwegen übersiedelte wusste ich, dass es dort zu den Pflichten eines Hausarztes gehört Frauen zur Abtreibung zu überweisen und Mittel für eine frühe Abtreibung einzusetzen. Ich wusste aber auch, dass in Norwegen die Gewissensklausel gilt und dass ich mich weigern darf solche Handlungen vorzunehmen. Mir war nicht klar, dass Norwegen, ein Land der Freiheit und Toleranz, sich in dieser Hinsicht dermaßen totalitär geben würde.

Bald stellte sich heraus, dass, wenn Sie sich auf die Gewissensklausel berufen, sie als Hausärztin nicht arbeiten dürfen.

Ab Januar 2015 galt das neue Hausärzte-Gesetz. Es hob die Gewissensklausel in der Familienmedizin auf.

Hat die Gesellschaft das befürwortet?

Als das Hausärzte-Gesetz geändert wurde, gab es in ganz Norwegen sechzehn Mediziner, die sich auf die Gewissensklausel beriefen. Darunter mich.

Poliklinik in Sauherad.

Gegen uns haben Feministinnen Demonstrationen mit Tausenden von Teilnehmern veranstaltet. Meine Vorgesetzte stellte mich damals vor die Wahl: entweder du änderst deine Meinung oder du kündigst. Man erwartete, dass ich von alleine aufgebe. Damals hatten bereits zwei Kollegen in derselben Lage wie ich den Dienst quittiert.

Ich habe mich geweigert, weil ich sah wie die Rechte christlicher Ärzte zielstrebig eingeschränkt wurden. Das Recht auf die Gewissensklausel ist ein Menschenrecht. Man kann dem Beruf nicht gleichzeitig mit zwei entgegengesetzten Wertenormen nachgehen. Ich bin Katholikin, also bin ich für das Leben. Die Tötung eines Menschen, sei es auch in einer sehr frühen Lebensphase, ist unzulässig.

Man hat jedoch von mir erwartet, dass ich meine Arbeit verrichte und meine Wertvorstellungen währenddessen an der Garderobe abgebe. Als Mensch bin ich jedoch ein Ganzes. Ich habe meinen Vorgesetzten gesagt, dass sie es sind, die mich entlassen müssen. Von alleine gehen würde ich nicht.

Was passierte dann?

In einer ausweglosen Lage findet man manchmal doch einen Weg. Man hat mir gekündigt. Aber das erlaubte mir, einige in Norwegen geltende Mechanismen bloßzustellen und das war, gewissermaßen, bereits ein Sieg.

Was zeigte ihr Rausschmiss?

Dass Norwegen ein intolerantes Land ist. Man achtet dort verschiedene Nationalitäten, Glaubensrichtungen, Minderheiten, alle möglichen Lebensweisen, aber meine wurde nicht akzeptiert. Das ist ein eklatanter Bruch von Menschenrechten und die öffentliche Meinung nahm das wahr.

Ich war die erste Person meines Berufsstandes, der in Norwegen aufgrund von ihr vertretener Ansichten gekündigt wurde. Allein zu zeigen, wie das funktioniert war ein Sieg. Ich hatte erwogen vor Gericht zu klagen, aber damals erschien mir das unrealistisch. Es bedurfte eines großen finanziellen Aufwands, eines guten Anwalts, eines medizinischen Umfelds, das bereit war mich zu unterstützen. Ich war jedoch allein.

Sie waren ohne Arbeit. Was haben sie gemacht?

Nach meiner Entlassung bekam ich, rein zufällig, ein Angebot in der Psychiatrie zu arbeiten. Ich habe es angenommen.

Psychiatrie, das ist ein ganz anderes Fachgebiet.

Norwegens Christliche Ärztevereinigung. Logo.

Ja, eine völlig neue Herausforderung. Gleichzeitig kamen Vertreter der Christlichen Ärztevereinigung auf mich zu. Protestanten. Sie fanden einen Anwalt und stellten Geld zur Verfügung, damit ich meinen Arbeitgeber verklagen konnte.

Wie hat die Gemeinde, die Sie entlassen hat darauf, reagiert?

Die Verantwortlichen waren wütend. Sie versuchten mich zu bestechen, damit ich die Klage zurücknehme. Ich sollte ein Entgelt für meine Umschulung bekommen, und zwar in Höhe des norwegischen Mindestgehalts. Die Summe konnte nicht einmal den Verlust eines vorherigen Monatsgehalts aufwiegen.

Haben Sie aus materiellen Beweggründen geklagt?

Nein. Es ging mir darum, dass das geltende Recht all jene benachteiligt, die der Meinung sind, das Leben sei heilig von der Zeugung bis zum natürlichen Tod. Niemand, der das behauptet könnte jemals in Norwegen Hausarzt werden. Dagegen bin ich vorgegangen. Keine Geldsumme konnte mich davon abhalten.

Katarzyna Jachimowicz mit ihrem Anwalt Haakon Bleken.

Wie sah die erste Verhandlung aus?

Mein Anwalt hatte sich sehr gut vorbereitet. Was er vorgetragen hat, war eine philosophische, historische, juristische Ausführung über die Bedeutung der Gewissensklausel für den Menschen, die Menschheit und die Ärzteschaft. Seiner Argumentation wurde kein Gehör geschenkt. Das Gericht hat meine Klage (im Februar 2017 – Anm. RdP) abgewiesen.

Es sah in meiner Kündigung keinen Rechtsbruch. Das Gericht befand, dass mein Umgang mit Frauen diskriminierend sei, weil ich einer Frau die zu mir kommt das Einsetzen einer Spirale verweigern könnte, ein Mann jedoch mit einer solchen Weigerung nicht konfrontiert wäre. Als ich das hörte, konnte ich mich, obwohl ich verloren hatte, vor Lachen kaum halten.

Welche Folgen hatte Ihre Niederlage in erster Instanz?

Vor allem enorme Gerichtskosten. Es waren einige Hunderttausend Kronen (1 Euro entspricht ca. 10 NOK – Anm. RdP). Ich war jedoch entschlossen weiter zu kämpfen und auf einen langen Verfahrensweg gefasst, sogar bis nach Straßburg (bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte – Anm. RdP).

Hatte der Prozess Widerhall gefunden?

Ja. Schon nach der ersten Verhandlung änderte sich in den norwegischen Medien der Ton. Die Kommentare wurden ausgewogener. Die Hetzjagd auf die christliche Ärzteschaft war zu Ende. Auch die Leserkommentare waren interessant. Sie reichten von Hohn und Verharmlosung bis hin zu Hochachtung. Zudem hatten Feministinnen ein Problem mit mir, weil ja eine Frau, eine Immigrantin und dazu noch die Vertreterin einer religiösen Minderheit gefeuert worden war.

Norwegisches Antiabtreibungs-Plakat.

Dann fand die Verhandlung in der zweiten Instanz statt.

Wir wiederholten unsere Darlegung, aber dieses Mal hatten wir den Vorsitzenden der Familienärztlichen Vereinigung als Zeugen berufen. Er sagte aus, dass ihn die Zusammenarbeit mit einer Person wie mir, die aus moralischen und religiösen Beweggründen die Anwendung einiger Prozeduren verweigert, nicht stören würde. Man könne die Arbeit so organisieren, dass sich die Achtung vor den Wertvorstellungen eines Arztes und der reibungslose Arbeitsablauf in einer Poliklinik miteinander vereinbaren ließen.

In der Verhandlung sagte ein weiterer Arzt als Zeuge aus. Auch er benahm sich sehr anständig. Die berufliche Solidarität hatte für ihn ebenfalls Vorrang, obwohl er meine Ansichten nicht teilte. Direkte Arbeitskollegen von mir hatten einen Appell zu meinen Gunsten verfasst. Ich bekam viel Unterstützung.

Aber alle diese Leute waren nicht Ihrer Meinung.

Ja, doch sie fanden, dass ich das Recht habe Handlungen zu verweigern, die ich für niederträchtig halte. Meine Haltung hat bei ihnen Gewissenskonflikte hervorgerufen. Sie wurden mit Problemen konfrontiert, die sie eigentlich für längst entschieden hielten. Meine Botschaft war eindeutig: das Leben ist heilig vom Augenblick der Zeugung bis zum natürlichen Tod. Gleichzeitig ist es aber erlaubt ungeborene Kinder im Alter von bis zu zwölf Wochen zu töten. Diese beiden, nebeneinander existierenden Situationen verunsichern, verstören das Gewissen von Ärzten und Patienten.

Damals hatte ich sehr viele Gespräche mit Patientinnen, die ihre Kinder hatten abtreiben lassen. Sie kamen und erzählten mir ihr Leid. Dass sie vielleicht anders hätten handeln sollen. Eins wiederholte sich immer wieder und jedes Mal lief mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter; jede von ihnen erzählte von ihrer endlosen Vereinsamung.

Als sie sich für die Abtreibung entschieden haben, wurde ihnen gut zugeredet, hieß es von allen Seiten: „Das ist dein Recht, deine Entscheidung“. Danach war aber niemand mehr da. Alle diese Frauen berichteten von ihrem schrecklichen, einsamen Ringen mit den psychischen Folgen, weil sie ihr Kind hatten abtreiben lassen. Wo sind die Familien, wo ist die medizinische Fürsorge, wo ist die Gesellschaft? Warum helfen sie diesen Frauen nicht?

Ich frage manchmal katholische Priester, ob Frauen die Abtreibung beichten. Ja, das tun sie. Und wie viele Männer beichten sie? Es gibt sie nicht! Wo sind die Ehemänner, die Partner, die Väter dieser Kinder? Sie haben sich abgewandt, sie haben die Frauen allein gelassen oder sie zur Abtreibung überredet, nicht selten genötigt, erpresst mit der Drohung „Ich oder das Kind“.

Wie endete das Verfahren in der zweiten Instanz?

Ich habe gewonnen. Die Urteilsbegründung enthielt das, worauf ich bestanden habe: die Menschenrechte.

Katarzyna Jachimowicz gibt ein Fernsehinterview vor der Verhandlung vor dem Obersten Gericht in Oslo.

Doch das war nicht das Ende.

Die Gemeinde hat Berufung beim Obersten Gericht eingelegt. Es kam zu einer weiteren Verhandlung. Das Spruchgremium bestand aus fünf Richtern und ich habe mit fünf zu null Stimmen gewonnen. Das hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen.

Ihr Sieg fand ein großes Echo in den Medien. Wie haben die christlichen Kreise reagiert?

Die Christliche Ärztevereinigung wertete das als einen großen Erfolg, den wir auf einer eigens veranstalteten Konferenz dann auch gefeiert haben.

Erschöpft und glücklich. Gewonnen!

Und wie hat die katholische Kirche reagiert?

Zwei norwegische katholische Gemeinden haben mich eingeladen, aber ansonsten war es so, als würde die Sache für die Kirche nicht existieren.

Und die Polen in Norwegen. Betrachteten sie es als ihren Erfolg?

Schwierige Frage. Die polnischen Organisationen in Norwegen haben es offiziell nicht vermerkt. (In Norwegen lebten, laut offiziellen Statistiken, im Jahr 2019 gut 105.000 Polen. Sie stellten die größte Gruppe von Ausländern – Anm. RdP).

Und die polnischen Pfarreien, polnische Priester, vielleicht die Bischöfe in Polen?

Nein. Niemand sagte zum Beispiel zu mir „Gute Arbeit! Du hast die katholischen Werte verteidigt.“

(Die lange Auseinandersetzung Frau Jachimowiczs mit den norwegischen Behörden wurde in Polen mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Zahlreiche Presseberichte, Solidaritätsbekundungen und You-Tube-Aufnahmen sind im Internet leicht zu finden – Anm. RdP).

Woher nahmen Sie die Kraft für Ihren Kampf?

Ich habe viel gearbeitet und viel gebetet: ora et labora. Ich bekam auch Unterstützung von unerwarteter Seite.

Unmittelbar vor der letzten Verhandlung hat eine Bekannte von mir kontemplative Orden in ganz Polen benachrichtigt. Ich bekam Tausende von E-Mails mit der Nachricht, dass Menschen für mich beten. Es war wie ein Windrauschen. Die lebendige, betende Kirche stand mir bei.

Die Protestanten haben gefragt: „Wir haben den Anwalt organisiert. Wir sammeln Geld. Was wird die katholische Kirche beisteuern?“ Meine Antwort war: „Ich habe kein Geld, aber ich weiß, dass in allen kontemplativen Klöstern in Polen für uns gebetet wird, auch für euch Protestanten“.

Das war richtige Ökumene. Katholische Nonnen und Mönche beten für Protestanten, wenn wir gemeinsam ein Ziel verfolgen. In solchen Augenblicken friert die Hölle ein.

Als meine Patienten erfuhren, dass ich entlassen werde, haben sie verständnisvoll mit den Köpfen genickt. „Du hattest keine andere Wahl. Bei den Katholiken ist das so“. Ich war die einzige Katholikin die sie persönlich kannten und sie waren der Meinung, so sei der Katholizismus.

Wie waren die juristischen Folgen des gewonnenen Prozesses?

Es erschien eine Veröffentlichung der Regierung über die Gewissensklausel in verschiedenen Berufen, darin wurde mein Fall als Quelle wichtiger institutioneller und juristischer Erwägungen besprochen. Ich bin in die Geschichte eingegangen (lacht).

Es gab auch eine junge Ärztin aus der Pfingstkirche, die man während des Praktikums entlassen hatte, weil sie sich auf die Gewissensklausel berufen hatte. In der Urteilsbegründung stützte sich das Gericht auf meinen Fall. Sie gewann ihren Prozess und konnte ihr Praktikum beenden.

Leider richten sich alle Veränderungen in Norwegen gegen das werdende Leben. Vor Kurzem beschäftigte eine Debatte über die selektive Abtreibung bei Mehrlingsschwangerschaften das Land. Es gibt Fälle, bei denen Frauen, die gesunde Zwillinge zur Welt bringen könnten, eines der Kinder abtreiben wollen.

Wie geht das vonstatten?

Unter Anwendung der Ultraschalltechnik wird mit einer Nadel in das Herz des Kindes gestochen, das sich in der Nähe des Ultraschallkopfes befindet. Über die Nadel wird Kaliumchlorid injiziert. Es kommt zum Herzstillstand, das Kind stirbt. Der Organismus ist in der Lage den abgetöteten Embryo zu absorbieren, sodass das andere Kind sich theoretisch unbeschadet weiterentwickeln kann. Nicht selten kommt es jedoch zu Komplikationen, die eine Fehlgeburt und somit auch den Tod des zweiten Kindes nach sich ziehen. Am Ende der heftigen Debatte gelang es, die selektive Tötung auf Wunsch bei Mehrlingsschwangerschaften zu verbieten. Entweder beide oder keins. Das ist das Maß des „Erfolgs“.

In der letzten Legislaturperiode (2015 – 2019 – Anm. RdP) des Sejm gelang es nicht den Schutz des ungeborenen Lebens auf ungeborene Kinder auszuweiten, bei denen eine Krankheit oder eine Behinderung festgestellt wurden. Was sagen Sie Müttern, die Angst haben ein krankes Kind auf die Welt zu bringen?

Kranke Kinder muss man heilen und nicht töten. Es gibt in Polen vorgeburtliche Hospize mit hochqualifiziertem Personal, das dazu da ist, um in solchen Fällen zu helfen.

Ihr Kampf ist noch nicht zu Ende. Warum?

Das Gericht sprach mir eine Entschädigung zu für die Zeit, in der ich nicht arbeiten konnte, legte jedoch deren Hõhe nicht fest. Ein Jahr ist vergangen, aber die Gemeinde Sauherad hat bis jetzt nicht gezahlt. Sie behauptet, ich hätte keine finanziellen Einbußen gehabt und stellt verschiedene unwahre Behauptungen auf.

Fünf Jahre Kampf und kein Ende in Sicht. War es das wert?

Auf jeden Fall! Wenn nicht wir, wer dann? Irgendjemand musste das Problem aufgreifen. Die Gewissensklausel hat mein Leben geprägt, also musste ich es tun. Es lohnt sich anständig zu sein. Hier und jetzt, egal was es kostet.

Meine Geschichte zeigt, dass auch eine Einzelperson ohne große Mittel etwas bewirken kann. Das ist meine Botschaft. Wir dürfen keine Angst haben. Wir können etwas ausrichten, sagen was wir denken. Die Folgen können schwerwiegend sein, der Lohn wiegt aber ebensoviel.

Woher haben Sie die Kraft geschöpft?

Wenn du einen langen und schweren Weg vor dir hast, solltest du ihn in kleine Etappen aufteilen und sie gefasst, Schritt für Schritt, stets vom Gebet begleitet, zurücklegen.

Wenn man in eine anscheinend ausweglose Lage gerät, hat man immer die Wahl. Entweder sich zu beklagen und seine Feinde zu verwünschen oder zu den stärksten Waffen eines Christen zu greifen: zur Liebe und zur Vergebung.

Ich habe von Anfang an für die Leute aus dem gegnerischen Lager gebetet. Ich begann stets mit der Bitte ihnen zu vergeben.

Die Christen haben triumphiert, nicht weil sie von Löwen in den römischen Arenen zerfetzt wurden, sondern weil sie fähig waren zu vergeben. Gott begegnet uns unter verschiedenen schwierigen Umständen, damit die andere Seite etwas auskosten kann. Vielleicht sich bekehren? Das ist ein großes Wort. Einen solchen Ehrgeiz habe ich nicht. Wichtig ist, welche Haltung man an den Tag legt. Man muss den aufrechten Gang gehen.

RdP




Der Poltergeistliche

Am 27. Dezember 2018 starb Bischof Tadeusz Pieronek.

Die Tugend der Mäβigung bei der Strafpredigt war ihm nicht gegeben. Bischof Tadeusz Pieronek wurde nicht müde, Feuer, Schwefel und Schande gegen Polens regierende Nationalkonservative und alles was sie taten heraufzubeschwören. Aus Nachsicht nun Mäβigung walten zu lassen, wäre in seinem Fall jedoch verhängnisvoll. Schlieβlich ist nichts erfolgreicher als der Exzess, wenn jemand so sehr geltungs- und mediensüchtig ist, wie es der Verblichene war.

Held der Schreckensberichte

Zur Geltung verhalf dem Bischof die geballte Macht der Anti-Recht-und-Gerechtigkeit-Medien, sowohl der polnischen, wie die „Gazeta Wyborcza“, als auch der polnischsprachigen, die in groβer Zahl von ausländischen, überwiegend deutschen Medienunternehmen betrieben werden.

Fernsehteams aus Deutschland und Frankreich konnten jederzeit mit Pieronek rechnen, wenn sie ihre maβlos überzogenen Schreckensberichte im heutigen Polen drehten, dem angeblichen Hort des Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus, Klerikalismus, der allgemeinen Unterdrückung und des heldenhaften zivilen Widerstandes, der in Wirklichkeit ein normaler Protest war, weder helden- noch massenhaft, dafür sehr hysterisch. Die Gegenseite kam in diesen Berichten gar nicht erst zu Wort.

Bischof Pieronek am Grab des verunglückten Staatspräsidenten Lech Kaczyński und seiner Gattin in der Wawel-Krypta. „Die gehören nicht hierher“.

Das Gefühl von Peinlichkeit schien dem Seelenhirten Pieronek dabei immer mehr abhandenzukommen. Noch im Frühjahr 2018, vor laufender TV-Kamera von France 3, am Grab des verunglückten Staatspräsidenten Lech Kaczyński und seiner Gattin stehend, wetterte der Geistliche gegen den für die beiden „unpassenden“ Bestattungsort in der königlichen Krakauer Wawel-Krypta und gegen das in Polen angeblich herrschende autoritäre Regime.

Das vermeintliche „Regime“, dem Bischof Pieronek stets unerbittlich die Leviten las, hat ihn deswegen nie im Geringsten belangt, ebenso wenig wie einen der Künstler, Wissenschaftler, Journalisten, Politiker, die in den Schreckensreportagen ausländischer Medien über Polen, gemeinsam mit ihm, ihre Jeremiaden anstimmten, frei nach Friedrich Schiller: „Alles in Polen hat sich in Prosa und Versen verschlimmert. Ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit!“.

Mehr noch. Einer der führenden Vertreter des „Regimes“, Polens Staatspräsident Andrzej Duda, auch er in Kraków zu Hause, twitterte kurz nach Pieroneks Tod: „Wir haben uns gekannt und waren in vielen Angelegenheiten verschiedener Meinung, vor allem was die Politik angeht. Wir hatten oft unterschiedliche Ansichten, aber ich habe für den Herrn Bischof stets Achtung empfunden. (…) Sein Tod ist ein Verlust für die Kirche in Polen.“ Ob ausgerechnet diese Würdigung dem unversöhnlichen Gottesmann im Jenseits gefallen hat?

Ans Dritte Reich angeschlossen

Er gelangte dorthin nach einem langen Leben, dass 1934 seinen Anfang im Dorf Radziechowy, Landkreis Żywiec, nahm, etwa einhundert Kilometer südöstlich von Kraków, im heutigen Dreiländereck Polen-Slowakei-Tschechien.

Vater Władysław Pieronek (1896-1947). Haus in Radziechowy.

Der Vater war einst Gemeindevorstand, Eigentümer eines Gemischtwarenhandels, und ein vermögender Mann für ein Dorf, das damals in einem eher ärmlichen Teil Polens lag. Fleiβ und eisernes Sparen erlaubten dem Ehepaar Pieronek zehn Kinder groβzuziehen und ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen. Tadeusz war das achte Kind in der Geschwisterreihe.

Die Familie drängte sich in einer engen Wohnung in der ersten Etage des zweistöckigen Hauses, das der Vater über Jahre mühsam gebaut hatte. Unten war der Laden. Zwei Zimmer der ersten Etage wurden an junge Lehrer vermietet. Ganz oben befand sich das Warenlager.

September 1939. Deutsches Flugzeug, polnische Flüchtlingskolonnen.

Anfang September 1939 flüchteten die Pieroneks mit Tausenden anderer Zivilisten vor den schnell vorrückenden deutschen Truppen. Nach Tagen des Herumirrens im dichten Flüchtlingsstrom, der sich über die Landstraβen wälzte, immer wieder von deutschen Flugzeugen beschossen, kehrten sie erschöpft nach Hause zurück.

„Saybusch-Aktion“. Vertreibung der polnischen Bevölkerung.

Ihre Heimat wurde bereits im Oktober 1939 als Teil des sogenannten Regierungsbezirks Kattowitz (hierbei handelte es sich um den östlichen, polnischen Teil Oberschlesiens) an das Dritte Reich angeschlossen. Żywiec hieβ ab jetzt Saybusch. Im Landkreis sollten Deutsche aus dem Baltikum, der Bukowina, aus Wolhynien und dem Balkan, die Hitler „heim ins Reich“ befohlen hatte, eine neue Heimat finden.

Höfe, Wohnungen, Werkstätten, Läden wurden den deutschen Umsiedlern in Aussicht gestellt. Es galt diese Versprechen einzulösen, als im Morgengrauen des 20. September 1940 deutsche Räumkommandos mit der Aussiedlung der Polen begannen. Die „Aktion Saybusch“ lief an. Innerhalb von zwanzig Minuten durfte jeder Auszusiedelnde nur ein Gepäckstück zum Mitnehmen richten. Stunden später zogen Deutsche in ihre Unterkünfte ein.

„Saybusch-Aktion“. „Heim ins Reich“ geholte Deutsche ziehen ein.

Über Sammellager wurden bis 1944 etwa fünfzigtausend Polen aus dem Landkreis Żywiec in das sogenannte Generalgouvernement (so hieβen die Gebiete des besetzten Polens mit Warschau und Kraków, die nicht ans Reich angegliedert wurden) gebracht. Dort wurden sie zumeist auf freiem Feld abgesetzt und sich selbst überlassen.

Wohlwissend, dass auch sie dieses Schicksal ereilen wird, brachten die Pieroneks ihre Kinder bei Verwandten und Bekannten unter. Tadeusz und sein zwei Jahre älterer Bruder Mieczysław fanden Unterschlupf beim Bruder der Mutter, einem Priester in Kęty (deutsch Kenty). Es ist eine Kleinstadt zwischen Żywiec und Oświęcim, an dessen Rand sich das Vernichtungslager Auschwitz befand.

Bis Oświęcim sind es von Kęty aus nur zwanzig Kilometer. „Wir konnten Auschwitz riechen. Ein süβlicher Geruch lag in der Luft. Wir wussten was sich dort abspielt. Nicht in allen Einzelheiten, aber wir wussten es“, erinnerte sich der Bischof Jahrzehnte später in einem Interview. „In Oświęcim auf der Straβe habe ich einige Male Gefangenenkolonnen gesehen, SS-Männer, Hunde“.

Die Berufung

Im April 1945, der Krieg erreichte inzwischen die Vororte von Berlin, trafen nach und nach im ruinierten Haus in Radziechowy die verstreuten Kinder und die Eltern Pieronek ein. Es glich einem Wunder, alle hatten überlebt.

Je mehr sich nun der Kommunismus in Polen unter den sowjetrussischen Fittichen ausbreitete, umso schwieriger wurde das Leben der Pieroneks in Radziechowy. Das neue Regime gängelte die Privatwirtschaft immer heftiger: willkürlich auferlegte Sondersteuern, ständige Kontrollen und Durchsuchungen, Preisvorgaben die jeglichen Gewinn verschlangen. So sah die von den Kommunisten ausgerufene „Schlacht um den Handel“ aus, in der auch Tadeuszs Vater nicht bestehen konnte. Sein Laden wurde 1949 verstaatlicht. Die Kommunisten hatten die Schlacht gewonnen, nur gab es, so lange sie regierten, also bis 1989, kaum etwas zu kaufen.

Immerhin durfte Tadeusz, das Kind eines „Dorfbonzen“, die Grundschule beenden und 1951 das Abitur im Gymnasium von Żywiec machen. Dass er aufs Priesterseminar in Kraków gehen würde war für ihn seit Langem beschlossene Sache. Das tiefreligiöse Elternhaus, wo das Praktizieren des Glaubens so selbstverständlich war wie das Atmen, aber auch die Kriegserlebnisse, die Repressalien des Kommunismus formten seine Berufung.

Katholische Universität Lublin 1961.

Im Jahr 1957 zum Priester geweiht, studierte Pieronek bis 1961 Kirchenrecht an der Katholischen Universität Lublin (KUL). Bis Anfang der Neunzigerjahre war das die einzige verbliebene katholische Hochschule mit universitärem Charakter im ganzen kommunistischen Machtbereich von der Elbe bis Pjöngjang in Nordkorea.

Die Gängelungen und Repressalien der kommunistischen Verwaltung waren zeitweise so heftig, dass die Schlieβung der KUL nur eine Frage von Wochen, gar Tagen zu sein schien. Doch die Hochschule überdauerte. Dort verteidigte Pieronek seine Dissertation und erhielt Anfang der sechziger Jahre den Doktortitel.

Katz-und-Maus-Spiel mit der Stasi

Zu jener Zeit wurde die polnische Stasi auf ihn aufmerksam. Die geheimpolizeiliche Überwachung der katholischen Kirche im kommunistischen Polen war beinahe lückenlos. Jeder Geistliche, ob Pfarrer, Mönch oder Nonne, jeder Angestellte der Kirche, ob Organist oder Küster, hatte eine Geheimdienstakte, die ihm von Stasi-Dienststelle zu Stasi-Dienststelle folgte, jedes Mal wenn er versetzt wurde. Spitzel wurden mit Hilfe von Erpressung, Geld, oder durch gekonntes Ausnutzen von Minderwertigkeitskomplexen und Ambitionen angeworben und auf kirchliche Einrichtungen und Würdenträger angesetzt.

Eine gute Gelegenheit Kirchenleute in ihre Dienststellen zu locken und dort unter Druck zu setzen, boten der polnischen Stasi Reisepass-Angelegenheiten. Die Reisen ins kapitalistische Ausland waren damals, seit dem politischen Tauwetter vom Oktober 1956, immerhin möglich, aber sie wurden sehr streng reglementiert.

Die Kirche schickte ihre Geistlichen nach Rom zum Studium an die Päpstliche Lateranuniversität oder auf Missionen in die Dritte Welt. Folglich reichten sie Gesuche ein, man möge ihnen einen Reisepass ausstellen. Regelmäßig folgte erst einmal eine Ablehnung. Die Reisewilligen wurden zum „klärenden Gespräch“ in die örtliche Passbehörde, die in die Zuständigkeit der Stasi fiel, gebeten. Ausgestattet mit IM-Berichten über die Stärken und Schwächen der Antragssteller konnten Stasi-Offiziere diese gezielt ausfragen, einschüchtern, durch weitere Absagen und Vorladungen zermürben, um sie letztendlich als Spitzel anzuwerben. Nicht selten gelang das.

Im Jahr 1961 wollte Pfarrer Tadeusz Pieronek den Bruder seines Vaters, Paweł Pieronek, der in Detroit in den USA lebte und ein Fotoatelier betrieb, besuchen. Die Stasi zog wieder einmal alle Register und Pfarrer Pieronek willigte ein. Unter der Nummer 2718 und dem Tarnnamen „Felix“ wurde er in die geheime Spitzelkartei der Lubliner Woiwodschafts-Stasibehörde eingetragen. Man wurde sich einig, dass es dazu keiner Verpflichtungserklärung bedürfe. Im Oktober 1961 konnte er reisen.

So begann ein einige Jahre andauerndes Katz-und-Maus-Spiel Pieroneks mit der polnischen Stasi, was man anhand seiner Stasi-Unterlagen zurückverfolgen kann. „Als Gegenleistung für die Ausreiseerlaubnis hatte er sich bereiterklärt uns Auskünfte über antikommunistische Aktivisten und Strukturen unter den USA-Polen zu liefern“, heiβt es in einem Stasi-Bericht.

Sitz der Römischen Rota, der Palazzo della Cancelleria.

Doch, anstatt nach ein paar Wochen nach Polen zurückzukehren, flog Pieronek von den USA aus nach Rom, um beim Gericht der Römischen Rota, der zweithöchsten Spruchkammer der katholischen Kirche, ein zweijähriges Praktikum anzutreten. Erst jetzt merkten die Stasi-Leute, dass das sein eigentlicher Reisegrund gewesen war.

Als Diplomaten der polnischen Botschaft getarnte Agenten der polnischen Stasi machten ihn 1962 in Rom ausfindig und erinnerten an seine „Pflichten“. Pieronek erschien daraufhin 1962 und 1963 ein paar Mal zu konspirativen Treffen, plauderte einige Interna aus, über Verhaltensweisen, Vorhaben und Positionen einzelner polnischer Bischöfe, die am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnahmen.

Polnische Bischöfe (v. l. n. r.) Antoni Baraniak, Karol Wojtyła, Primas Stefan Wyszyński, Bolesław Kominek beim Zweiten Vatikanischen Konzil.

Die Kommunisten in Moskau und im übrigen Ostblock betrachteten die beabsichtigten Reformen in der katholischen Kirche als sehr gefährlich, könnten sie am Ende die Kirche doch attraktiver und dadurch einflussreicher werden lassen. Das Ausspionieren des Konzils hatte also oberste Priorität und Pieronek war bei Weitem nicht die einzige polnische Stasi-Informationsquelle in Rom.

Im Nachhinein erst merkten die Stasi-Leute, dass Pieronek sie ein zweites Mal hinters Licht geführt hatte. Nach eineinhalb Jahren der Abwesenheit von Polen wollte er im Sommer 1963 wenigstens für kurze Zeit nach Hause, die Familie sehen. Damit die Behörden ihn wieder nach Rom fahren lassen würden, täuschte er vor, weiterhin Spitzel sein zu wollen. Wieder aus Polen in Rom angekommen, verweigerte er jedoch jegliche weitere Zusammenarbeit.

Pfarrer Tadeusz Pieronek Anfang der Sechzigerjahre in Rom.

Mehr noch. Aus anderen Spitzelquellen erfuhr die Stasi, dass Pieronek, noch vor seiner USA-Reise im Herbst 1961, die Stasi-Anwerbung seinen Vorgesetzten gemeldet hatte. Auch hatte er wesentlich dazu beigetragen kirchenintern einige polnische Geistliche in Rom als Stasi-Zuträger zu entlarven.

Der geistigen Enge des kommunistischen Polens der Sechzigerjahre entkommen, genoss er es die damalige Welthauptstadt der Mode und Kultur, das Rom Fellinis, Marcello Mastroiannis und Sophia Lorens erleben zu können, ohne sich jedoch davon vereinnahmen zu lassen.  Ausgestattet mit einem Pass des Vatikanstaates, damit ihn die Stasi zu Hause  wegen der vielen Stempel in seinem polnischen Reisedokument nicht belangen konnte, bereiste er Europa, unternahm zwei ausgedehnte Rundreisen durch die USA.

Vor allem jedoch studierte er und begleitete seinen Krakauer Bischof Karol Wojtyła bei dessen Aufenthalten in Rom.  Dort war er sein persönlicher Sekretär. Pieronek war dabei als Wojtyła 1977 den Kardinalshut in Empfang nahm, war zugegen bei Wojtyłas Gesprächen mit Papst Paul VI, er begleitete ihn bei seinen Reisen durch Italien.  Er meinte aus der damals entstandenen Nähe zum späteren Papst den Rückhalt in den innerkirchlichen Machtkämpfen zu haben, die er künftig entfachen sollte.

In jenen Jahren fertigte die polnische Stasi mehre Charakteristiken Pieroneks an. Er sei sehr pflichtbewusst, zudem ein hervorragender Kirchenjurist, dem viele Karrieretüren offen stünden. Dazu gescheit, gelehrig, aufgeweckt, fröhlich, kein Dogmatiker. Neigt jedoch zu Hochmut, Überheblichkeit und Geltungssucht.

Letztgenannte Eigenschaften wogen gut vier Jahrzehnte später so schwer, dass er ins Abseits geriet. Groll und Verbitterung darüber, verleiteten ihn in den letzten Lebensjahren zu immer radikaleren politischen Stellungnahmen und Verhaltensweisen.

Jahre des Aufstiegs

Noch überwogen jedoch offensichtlich die positiven Charaktereigenschaften. Nach der Rückkehr aus Rom 1965 begannen für Pfarrer Dr. Tadeusz Pieronek lange Jahre des Aufstiegs als Kirchenjurist und Wissenschaftler. Er habilitierte 1975. Den Professorentitel bekam er 1987 verliehen.

Hohe Ämter in der Krakauer Bischofskurie und leitende Beraterfunktionen im polnischen Episkopat paarten sich mit wissenschaftlichen Würden an allen polnischen kirchlichen theologischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Pieronek wurde nach und nach zum Mitherausgeber aller wichtigen polnischen kirchenjuristischen und theologischen Zeitschriften. Man wählte ihn zum Vorsitzenden der Polnischen Theologischen Gesellschaft u. v. m.

Bis zum Ende des Kommunismus in Polen 1989 behielt ihn die Stasi im Visier, aber sie konnte nichts gegen ihn ausrichten. Pieroneks wissenschaftliche Kompetenz, sein wachsendes Ansehen und sein durch und durch anständiger Lebenswandel machten ihn gegen Erpressungsversuche immun.

Pieroneks Sternstunde schlug Anfang der Neunzigerjahre. Er war maβgeblich an der Vorbereitung des Konkordats beteiligt, das im Juli 1993 zwischen Polen und dem Vatikan geschlossen wurde. Der Unterzeichnung folgte eine fast fünf Jahre lang dauernde heftige innenpolitische Auseinandersetzung um die Ratifizierung des Abkommens. Polens Postkommunisten, im Herbst 1993 an die Macht gekommenen, blockierten sie.

Der eloquent und einnehmend auftretende Pieronek war damals eines der wichtigsten medialen Gesichter der Kirche in diesem Streit. Da sprach nicht mehr nur der Fachmann für Kirchenrecht, sondern (seit 1992) der Weihbischof der Diözese Sosnowiec/Sosnowitz und vor allem (seit 1992) der Generalsekretär der Polnischen Bischofskonferenz.

Eitler Medienstar

Die Bischöfe, die ihn in dieses Amt wählten, mögen gedacht haben: er ist noch nicht alt (59 Jahre), gebildet, aber als hoher Würdenträger unerfahren. Man kann ihn leicht steuern. Das jedoch war eine Fehleinschätzung. Der intelligente und schlagfertige Pieronek legte einen Ehrgeiz an den Tag, den niemand so erwartet hatte.

Er entfesselte sofort einen nicht enden wollenden Kleinkrieg um Zuständigkeiten und Personalentscheidungen gegen den Vorsitzenden der Bischofskonferenz und Primas von Polen, Kardinal Józef Glemp. Nach Auβen drang damals kaum etwas davon. Beide Kirchenmänner waren klug genug, den Konflikt nicht auβer Kontrolle geraten zu lassen, aber die Spannungen, das wissen wir heute, waren enorm.

Sie wurden zum ersten Mal sichtbar, als Pieronek 1999 alles daran setzte Kardinal Glemps Wiederwahl zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz zu verhindern. Er war damals nur noch Mitglied, nicht mehr Generalsekretär des Gremiums, und er ging mit seinem Anliegen an die Presse. Diese für Kirchenkreise, wo auf Diskretion sehr geachtet wird, geradezu rabiate Vorgehensweise wurde Pieronek zum Verhängnis. Er scheiterte kläglich.

Das wichtigste Pfund mit dem Pieronek in seiner Zeit als Generalsekretär der Polnischen Bischofskonferenz wucherte, war seine, für damalige Kirchenverhältnisse, enorme Medienpräsenz. Eloquent, kompetent, dynamisch kam er daher, machte vor den Kameras und Mikrofonen eine gute Figur. Man sah, er gefiel sich in dieser Rolle.

Pieronek machte vor den Kameras und Mikrofonen eine gute Figur, und er gefiel sich in dieser Rolle.

Zunehmend selbstverliebt, vergaβ der neue Medienstar jedoch Distanz zu wahren. Bischof Pieronek wurde Teil der Medienwelt und erlag, wie viele weltliche Politiker auch, der Illusion sie dauerhaft in seinem Sinn beeinflussen zu können. Die Zuneigung der linksliberalen Medien, die in den Neunzigerjahren in Polen den Ton angaben, beeindruckte ihn sehr.

Er trug seine Kumpanei mit Adam Michnik, Chefredakteur der eindeutig kirchenfeindlichen „Gazeta Wyborcza“, offen zur Schau. Er wurde Mitglied im Rat der von George Soros finanzierten, alles andere als kirchenfreundlichen, Batory-Stiftung. Beeinflusst hat er sie dadurch nicht im Geringsten, aber sie beeinflussten ihn. Vor allem übernahm er ihre Sichtweise der polnischen Politik und ihre krassen Freund-Feind-Bilder.

Viel gewollt, wenig bewirkt

Mit seiner Idee von der Schaffung moderner, starker Kirchenmedien in Polen erlitt Pieronek Schiffbruch. Auf sein Betreiben hin, wurden fast alle kleinen Diözesan-Rundfunksender zu einem groβen katholischen Radio zusammengelegt: locker, flockig, unkompliziert, mit viel Musik. Was er nicht bedacht hatte: auf dem Gebiet der Unkompliziertheit waren andere Radiosender schon damals viel weiter. Pieroneks Radio musste, mangels Geld, an einen ausländischen Investor verkauft werden, der die letzten katholischen Sendungen umgehend aus dem Programm nahm.

Die von Pieronek aus der Taufe gehobene Katholische Informations-Agentur (KAI) besteht noch, aber ihre Bedeutung auf dem Medienmarkt blieb gering. Eine katholische Zeitung, ein katholischer Fernsehsender, die er angedacht hatte, sind nie entstanden.

Der ehrgeizige Bischof Pieronek scheiterte dort, wo der Redemptoristen-Pater Tadeusz Rydzyk in Toruń/Thorn Erfolg hatte. Aus Spenden finanziert, schuf er Radio Maryja, den TV-Sender Trwam, die Tageszeitung „Nasz Dziennik“ und eine Medienhochschule, die katholische Journalisten ausbildet. Je mehr Erfolg diese sehr traditionell ausgerichteten Medien hatten, umso heftiger wetterten der gescheiterte „liberale Bischof“ und seine medialen linken Verbündeten gegen sie.

„Bischof Ohneland“

Er war sich sicher, 1998 die Wiederwahl zum Generalsekretär der polnischen Bischofskonferenz in der Tasche zu haben, ohne zu merken, dass er als Selbstdarsteller für die Kirche zunehmend zu einer Belastung wurde. Die Niederlage versetzte seinen Ambitionen einen mächtigen Dämpfer.

Aus Angst in der Provinz ausharren zu müssen, lieβ er sich daraufhin von seinen Pflichten in der Diözese Sosnowiec, für die er ohnehin nie Zeit hatte, entbinden und wurde zu einem „Bischof Ohneland“. Die Ernennung zum Rektor der Päpstlichen Theologischen Akademie in Kraków (1998 – 2004) entsprach bei Weitem nicht seinen Ambitionen.

Mit 71 Jahren wurde Bischof Pieronek 2005 zum Senior-Domherrn im Domkapitel der Königlichen Basilika und Erzkathedrale der Heiligen Stanislaus und Wenzeslaus auf dem Wawelhügel in Kraków gewählt, was einer Pensionierung gleichkam.

Krass, krasser, Pieronek

Der pensionierte Bischof empörte sich immer wieder über die angebliche „Politisierung der Kirche, die ihre Sympathien für die Nationalkonservativen kaum verbergen kann“, und verwandelte sich derweil endgültig in einen Politiker im permanenten Unruhestand. Es war ihm ein Bedürfnis zu beweisen, dass er noch Geltung hat, dass seine Meinung wichtig sei, dass es Medien gibt, die seine Meinung lautstark kolportieren und ein Publikum, das sie ernst nimmt.

Er geiβelte kollektiv seine Amtsbrüder, sie entsagten angeblich der Bescheidenheit und dabei bewohnte er selbst auf Kosten der Kirche ein Luxusapartment auf dem Wawel. Er forderte vehement, Polen solle Migranten aufnehmen. Dass Kirche und Regierung viel leisten in Syrien, dem Libanon und in Jordanien, um das Los der Kriegsflüchtlinge vor Ort zu lindern überging er stets mit Schweigen.

Nur einmal widerfuhr dem Bischof eine Entgleisung, die ihm seine Bewunderer sehr übel nahmen. Im Januar 2010 äuβerte er in einem Interview, der Holocaust werde als „Propagandawaffe benutzt, um Vorteile herauszuschlagen, die oft ungerechtfertigt seien.“ Zwar zog er diese Behauptung schnell zurück und verurteilte in der drauffolgenden Zeit den Antisemitismus immer wieder ausdrücklich. Doch mehr als ein Jahr lang stellten ihn, die ihm sonst so gewogenen Medien unter Quarantäne.

Pieronek hielt sich aus tiefster Überzeugung an die Kirchendoktrin. Seine ablehnenden Äuβerungen zum Feminismus, zur künstlichen Befruchtung, zur Tötung ungeborener Kinder, zur „Homoehe“ lieβ man ihm zähneknirschend durchgehen, schlieβlich war er katholischer Bischof. Er revanchierte sich mit der Gleichsetzung seines Landes mit Nordkorea, bemühte gern Hitler und Stalin, wenn es galt die Lage in Polen zu schildern.

„In Polen herrscht ein schwül-stickiges Klima. Man riecht überall den Gestank von Faschismus, Rassismus, Kommunismus und Nationalismus. Wir werden eines Tages daran ersticken.“

„Bald wird es in jedem Städtchen ein Denkmal Lech Kaczyńskis (des 2010 verunglückten Staatspräsidenten – Anm. RdP) geben müssen, so wie es in der Sowjetunion Stalin-Denkmäler gab, und in jeder Wohnung ein Portrait Lech Kaczyńskis, vor dem man sich wird verbeugen müssen so wie in Nordkorea.“

„Wir sind am Ende des Weges angekommen. Es herrscht zwar keine formal ausgerufene Diktatur, aber das was wir in Polen haben, weist alle Merkmale einer Diktatur auf.“

Die Sozialprogramme der Regierung, so seine Meinung, „das neue Kindergeld in Höhe von 500 Zloty, der soziale Wohnungsbau, das Schulausstattungsgeld zu Beginn des Schuljahres über 300 Zloty, die Lohnerhöhungen für Lehrer, das alles dient einzig und allein der Wählerbestechung. (…) Als Hitler an die Macht kam hat die Mehrheit der Deutschen auch geglaubt, dass seine Politik ihren Bedürfnissen entspricht.“

„Das war eine Verzweiflungs- aber auch eine Heldentat“. So kommentierte Pieronek die Selbstverbrennung eines offenbar geistesgestörten Mannes am 19. Oktober 2017 im Stadtzentrum von Warschau, der verkündet hatte, er tue es aus Protest gegen die Regierungspolitik. In diesem Fall fand es die Bischofskonferenz für angebracht, sich von diesen Äußerungen offiziell zu distanzieren.

Die Regierung „ordnet die Behinderten einer Menschenkategorie zu, die vegetieren und letztendlich sterben soll. Das wäre das Beste für die Regierenden“, so Pieroneks Kommentar zu dem Protest einer Gruppe von Eltern mit behinderten Kindern im Parlament im Frühjahr 2018. Sie kampierten einige Wochen lang in der Parlamentslobby und forderten mehr Betreuungsgeld.

Bischof Tadeusz Pieronek wühlte Polen immer wieder auf. Er erregte Anstoβ und trug, leider, erheblich zur Verschärfung der politischen Debatte in Polen bei, weil er nicht fähig war seine Gefühlsausbrüche zu bändigen.

War er sich dessen bewusst? Eine Anekdote, die er immer wieder erzählte, klingt aufschlussreich: „Bischof Pieronek war gestorben und ging in Richtung Paradies. Plötzlich blieb er vor einer halboffenen Tür stehen und sah Petrus, der ziemlich beschäftig zu sein schien. Ein Engel flog herbei und verkündete streng: »Polnische Bischöfe werden hier nicht aufgenommen.« Das war Bischof Pieronek sehr unangenehm. Da sah ihn Petrus. Er eilte herbei und sagte: »Tadeusz? Komm rein, du bist doch kein richtiger Bischof.«“

Tadeusz Pieronek fand seine letzte Ruhestätte in der Bischofskrypta der Krakauer Peter-und-Paul-Kirche. Das „Regime“, dass er stets aufs heftigste bschimpfte, wurde bei den Trauerfeierlichkeiten durch den stellvertretenden Ministerpräsidenten und Wissenschaftsminister Jarosław Gowin vertreten.

© RdP




Kirchgänger, Priester, Sakramente. Die polnische Kirchenstatistik 2018

Neue Angaben, alte Probleme.

Jedes Jahr, seit 1984, stehen an einem Sonntag im Oktober vor sämtlichen Kirchen in Polen Priester und erfassen nach der heiligen Messe mit mechanischen Handzählern, per Klick, jeden Gottesdienstbesucher. Bei der Zählung am 16. Oktober 2016 gab es wieder einmal etwas weniger Klicks als im Vorjahr. 

Es soll stets ein gewöhnlicher Sonntag des Kirchenjahres sein, an dem die Erfassung durchgeführt wird, keiner der hohen kirchlichen Feiertage, an denen üblicherweise wesentlich mehr Menschen in die Gotteshäuser strömen.

Die Ergebnisse vom 16. Oktober 2016 wurden im Januar 2018 veröffentlicht. Gut ein Jahr benötigt das Statistische Institut der Katholischen Kirche (Instytut Statystyki Kościoła Katolickiego – ISKK) jedes Mal um diese und viele weitere Angaben aus allen 10.339 polnischen Pfarreien zu sammeln und zu verarbeiten. Das Ergebnis ist ein etwa sechzigseitiges „Statistisches Jahrbuch der Kirche in Polen“ („Annuarium Statisticum Ecclesiae in Polonia“).

Wer am Ende der Messe die Kirche verlieβ, wurde am Ausgang mit einem Klick erfasst.

Die Bilanz der letzten Zählung, die am 15. Oktober 2017 stattgefunden hat, wird dementsprechend erst im Januar 2019 bekannt gegeben.

Am Sonntag, dem 16.Okroiber 2016, für den die statistische Auswertung nun vorliegt, wurden im ganzen Land 47.979 heilige Messen gefeiert. Die Untersuchung bestätigte den bisherigen Trend. Die Zahl der Sonntagsmesse-Besucher (dominicantes) nimmt von Jahr zu Jahr langsam aber stetig ab. Im Vergleich zu 2015 kamen 2016 um die 3,1 Prozent weniger Leute zur Sonntagsmesse. Die Zahl derer, die die Kommunion empfingen (communicantes) sank um 1 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

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Dominicantes und Communicantes in Polen 1980-2016

Während 1980 bis zu 51 Prozent der Gläubigen jeden Sonntag zur Messe erschienen, waren es 2003 noch 46 Prozent, 2013 noch 39,1 Prozent und 2016 genau 36,7 Prozent. Dennoch belegt Polen in dieser Hinsicht weiterhin, zusammen mit Malta, den ersten Platz in Europa. Zum Vergleich: in Deutschland liegt die Anzahl bei 10 Prozent, in Spanien bei 12 Prozent. In Irland, Portugal und Italien bewegen sich die Zahlen jeweils knapp unter 20 Prozent.

Trotz des Rückgangs 2016 kann man bei den leicht sinkenden Zahlen derer, die zur Kommunion gingen immer noch nicht von einer Tendenz sprechen. 1980 handelte es sich nur um 7,8 Prozent, 2016 waren es immerhin 16 Prozent der Kirchgänger.

Die Zählung bestätigte weiterhin, dass der Südosten Polens deutlich frommer ist als der Rest des Landes. Auch 2016 gab es die meisten Sonntagmesse-Besucher in den Diözesen Tarnów (66,9 Prozent), Rzeszów (60,5 Prozent) und Przemyśl (56,4 Prozent), in diesen Diözesen konnte sogar ein Anstieg um einige Prozentpunkte verzeichnet werden.

Etwas über dem Durchschnitt liegt Ostpolen mit den Diözesen Siedlce (46 Prozent), Drohiczyn (45,8 Prozent), Zamość-Lubaczów (45 Prozent) und Białystok (44,2 Prozent).

Am unteren Ende der Skala befinden sich die Diözesen im Westen und Nordwesten des Landes: Szczecin-Kamieniec (Stettin-Kamenz 22,7 Prozent), Koszalin-Kołobrzeg (Köslin-Kolberg 24,4 Prozent), Zielona Góra-Gorzów Wielkopolski (Grünberg-Landsberg a. d. Warthe 28,3 Prozent) und die zentralpolnische Diözese Łódź (Lodsch 23,4 Prozent).

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Knapp 80 Prozent der sonntäglichen Kirchgänger finden sich immer noch am Vormittag, zu den Messen zwischen 8 und 11 Uhr ein. Langsam wächst jedoch die Zahl derer, die die Gottesdienste ab 14.30 Uhr besuchen. Vor zehn Jahren waren es 13,5 Prozent, jetzt sind es 15 Prozent. Für gewöhnlich werden in den groβstädtischen Gemeinden Polens an Sonntagen bis zu zehn, an Arbeitstagen fünf Messen zelebriert. In kleineren Orten sind es weniger.

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Die meisten Kommunionempfänger (communicantes) wurden in den Diözesen Tarnów (22,7 Prozent), Opole (Oppeln 21,1 Prozent) und Zamość-Lubaczów (20,1 Prozent) gezählt. Die wenigsten in den Diözesen Sosnowiec (Sosnowitz 10,3 Prozent), Szczecin-Kamieniec (Stettin-Kamenz 10,5 Prozent) und Koszalin-Kołobrzeg (Köslin-Kolberg 10,5 Prozent).

Im Jahr 2016 ließen sich knapp 137.000 Paare katholisch trauen. Knapp 375.000 Kinder wurden getauft (ein Plus von 5.000 gegenüber dem Vorjahr). Getauft werden in Polen zwischen 95 und 97 Prozent aller Neugeborenen. Seit Jahrzehnten ändert sich nichts an dieser Tatsache.

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Die Erstkommunion erhielten knapp 285.000 Kinder (gut 10.000 mehr als in 2015), die Firmung 299.000 (gut 5.000 weniger als in 2015). Etwas mehr als 75 Prozent aller Getauften lassen sich ebenfalls firmen.

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Taufen und Geburten in Polen 1960 -2015

Polen ist in 41 Diözesen aufgeteilt. Die bevölkerungsreichsten unter ihnen sind: Katowice (Kattowitz 1,7 Millionen Einwohner), Warschau 1,7 Millionen (diese Diözese umfasst nur die Stadt auf dem westlichen Ufer der Weichsel sowie deren Vororte, der östliche Stadtteil mit Vororten bildet die Diözese Warschau-Praga) und Kraków (Krakau 1,6 Millionen Einwohner). Die geringste Bevölkerungszahl haben die Diözesen Drohiczyn (246.000), Białystok (452.000) und Ełk (Lyck 459.000).

Den Hirtendienst versahen 2016 in Polen insgesamt 25.016 Priester. Die meisten von ihnen sind in den Diözesen Tarnów (1.559), Kraków (1.182) und Katowice (1.071) tätig. Die geringste Anzahl an Priestern gibt es in den Diözesen Drohiczyn (183), Elbląg (Elbing 273) und Ełk (Lyck 274).

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An Diözesan-und Ordenspriesterseminaren studierten 2016 insgesamt 3.399 angehende Priester.

In 2.218 Klöstern lebten 18.197 Schwestern, die einem der 104 in Polen tätigen Frauenorden angehören. Die gröβten Frauenorden in Polen sind: die Dienerinnen der Unbefleckt Gezeugten Heiligen Jungfrau Maria (888 Nonnen), die Schwestern von der heiliegen Elisabeth (858) und die Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul (762).

Die Zahl der Männerorden betrug 58. Ihnen gehörten 11.942 Mönche an, von denen 3.252 im Ausland tätig waren. Die gröβten männlichen Ordensgemeinschaften in Polen sind die Franziskaner (1.303 Mitglieder), die Salesianer (1.058) und die Pallottiner (953).

Was ist davon zu halten

Die neueste Erhebung wurde in Polen vielfach gedeutet und kommentiert. Die Kommentare aus dem linken Spektrum waren vorhersehbar. So dreht sich nun mal das Rad der Geschichte, hieβ es. Schuld seien der Zölibat, die Weigerung Frauen zum Priesteramt zuzulassen, die Ablehnung der „Homoehe“ usw., usf.

Wie reagierten die Betroffenen? Hier die Äuβerungen von zwei führenden katholischen Publizisten des Landes.

»Wir machen weiter«

Pfarrer Marek Gancarczyk, bis Mitte Januar 2018 Chefredakteur des auflagenstärksten Wochenmagazins Polens, des katholischen „Gość Niedzielny“ („Sonntagsgast“).

Wird eine Zeit kommen, in der die Zahl der sonntäglichen Kirchgänger wieder steigt? Bis jetzt gibt es keinen Grund zur Freude. Seit beinahe vierzig Jahren fällt die Zahl der Teilnehmer an der sonntäglichen Eucharistie kontinuierlich. Es gab in diesem Zeitraum auch einige Zuwächse, wie in den Jahren 1997/1998 sowie 2006/2007, aber die langfristige Tendenz ist stabil – wir in Polen gehen seltener in die Kirche.

Ja, gewiss. Die gewaltige Auswanderung auf der Suche nach Arbeit in den letzten zwei Jahrzehnten tat das ihre, ebenso die verbreitete Sonntagsarbeit. Es stimmt auch, dass alle soziologischen Untersuchungen ergeben, dass die meisten Polen, auch wenn sie seltener in die Kirche gehen, der christlichen Tradition verbunden bleiben, den katholischen Glauben als einen wichtigen Bestandteil der polnischen Identität betrachten.

Des Weiteren stimmt es, dass die Kirchen bei uns immer noch so voll sind, wie nirgendwo sonst in Europa. Das gemeinsame Rosenkranzbeten an den Grenzen im Herbst 2017. Die riesigen Dreikönigsumzüge im ganzen Land. Die Kirche in Polen legt immer noch eine erstaunliche Vitalität an den Tag.

Ja, fast alle polnischen Säuglinge werden getauft. Gleichzeitig gibt es seit knapp dreiβig Jahren wieder Religionsunterricht in den Schulen. Und?

Das alles, was ich gerade als Ermunterung erwähnt habe, ist nur ein schwacher Trost. Wenn es so weiter geht, werden auch wir eines Tages auf dem Niveau

„Mein glücklicher Tag“: Geburtstag, Taufe, Trauung. Briefmarkenserie der Polnischen Post von 2007.

Deutschlands, Frankreichs oder Dänemarks landen. Hinter den neuesten trockenen Statistikzahlen stehen konkrete Entscheidungen von Millionen von Menschen für und gegen den Glauben.

Manchmal überkommt mich der Eindruck, dass sich auch bei uns hie und da eine Art Einsicht in eine angebliche historische Unvermeidlichkeit breit macht. Überall gibt es eine Abwendung von der Kirche, auf Dauer kann man sich dem auch bei uns nicht entziehen. Doch, man kann und man muss. Wir müssen. Wir machen weiter. Die weiβe Fahne wird nicht aus dem Fenster gehängt, so Gancarczyk.

»Nichtgläubige Katholiken, gläubige Atheisten«

Tomasz P. Terlikowski legte seine Sichtweise der Dinge in der Tageszeitung „Rzeczpospolita“ („Die Republik“) dar.

Den Jubelruf, schreibt Terlikowski, der aus den Kehlen weltlicher Kommentatoren drang, nachdem die Kirche zugegeben hatte, dass die Zahl regelmäβig praktizierender Katholiken zurückgeht, konnte man wahrscheinlich noch in Tibet hören. Sofort traten Fachleute auf den Plan, die versicherten, dass die gesunden, reichen und glücklichen EU-Polen keinen Gott mehr brauchen. (…)

Nichts Neues

Dabei sind die Ergebnisse der Untersuchung, seiner Meinung nach, keineswegs überraschend. Die Jahre atheistischer und laizistischer kommunistischer Propaganda, der Konsum der nachkommunistischen Zeit haben das ihre getan.

Zudem sind die nichtgläubigen Protest-Kirchgänger, von denen wir so viele in der kommunistischen Zeit hatten, endlich zu der Überzeugung gekommen, dass die Teilnahme an der Messe, wenn man weder an die Wiederauferstehung Jesu Christi noch an den Heiligen Geist glaubt, schlicht und einfach hirnrissig ist. Genauso gut, ja sogar viel besser, kann man diese Zeit beim Einkaufen oder beim Training verbringen.

Terlikowski erinnert in diesem Kontext an Untersuchungen aus dem Jahr 2013, aus denen hervorging, dass an die Auferstehung Christi lediglich 47 Prozent der Polen glauben, an den Heiligen Geist als dritte Person der göttlichen Trinität 40 Prozent, an die Unsterblichkeit der Seele 39 Prozent, an die unbefleckte Empfängnis 38 Prozent.

Diese Untersuchung belegt, dass in etwa 39 bis 40 Prozent der Polen Katholiken sind. Der Rest bekennt sich zu einer eigenen Religion, die mit dem Christentum (und ganz sicher mit dem Katholizismus) wenig gemein hat. „Das bitte ist keinesfalls die Meinung eines religiösen Fanatikers, sondern eine schlichte Tatsachenfeststellung“, schreibt der Autor.

Christentum ohne Wiederauferstehung ist wie alkoholfreier Wodka

„Stellen wir uns einen Atheisten vor, der versichert, dass er an Gott glaubt. Was würden wir über ihn sagen? Die Antwort ist einfach: wir würden sagen, er sei kein Atheist. Genauso ist es mit „Katholiken“, die weder an die Auferstehung noch an die unbefleckte Empfängnis glauben. Sie sind wie die Atheisten, die an Gott glauben oder wie diejenigen, die sich zum alkoholfreien Wodka bekennen (das Christentum ohne Wiederauferstehung macht genauso viel Sinn wie der alkoholfreie Wodka).

Diese Menschen, egal wie sie sich selbst bezeichnen, sind keine wirklichen Katholiken und es ist gut so, dass sich das in der Teilnahme an den heiligen Messen widerzuspiegeln beginnt. Dank dessen, beginnen die Gläubigen zu verstehen, dass der Wunschtraum von einem Land, das das Evangelium von Jesus Christus nach auβen trägt und selbst keine Evangelisation braucht, ins Reich der Märchen gehört.

Die Kirche muss sich dessen dringend bewusst werden und Schlüsse daraus ziehen. Diese Schlüsse indes sind offensichtlich: man muss das ganze Evangelium verkünden, ohne es zu „verdünnen“ oder an den jeweiligen Bedarf „anzupassen“. Man kann nämlich nicht teilweise Katholik sein, genauso wie man schlecht halbwegs schwanger sein kann“, beschlieβt Terlikowski seinen Text.

RdP    

 

 




Nix frei. An Karfreitag arbeiten die Polen

Ausländer staunen, Gläubige raunen.

„Was wir Katholiken unbedingt bei den Protestanten abgucken sollten, ist ihre Art den Karfreitag zu begehen. In den meisten protestantisch geprägten Ländern ruht die Arbeit. Nicht so in Polen, wo an einem der zwei wichtigsten Tage in der Menschheitsgeschichte, des Kreuzestodes Jesu Christi, gearbeitet, eingekauft, gekocht und geputzt wird was das Zeug hält“,

schreibt Polens gröβtes Wochenmagazin, der katholische „Gość Niedzielny“ („Sonntagsgast“) vom 25. März 2018, das sich des Themas Karfreitag in Polen angenommen hat.

Jesus betet im Garten am Ölberg.

Dass der Karfreitag im katholischen Polen kein gesetzlicher Feiertag ist, verwundert Ausländer, vor allem jene aus evangelisch geprägten Staaten und Regionen, immer wieder aufs Neue. Die Auferstehung, so die gängige Antwort, stehe nun Mal höher in ihrer religiösen Bedeutung als die Geburt und der Kreuzestod Jesu. Die besondere Hervorhebung des Karfreitages sei eine eher protestantische Tradition.

Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern.

Das Martyrium und der Tod Christi sind nicht zweitrangig

Maria mit dem Leichnam des vom Kreuz genommenen Jesus Christus.

Das alles stimmt, doch ist es nicht an der Zeit in Polen ernsthaft die Frage zu stellen, ob der jetzige Zustand noch haltbar ist? Der Karfreitag war auch im Vorkriegspolen zwischen 1918 und 1939 nicht arbeitsfrei. Dennoch wurde sein Ernst, ebenfalls noch unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, in einer Zeit ohne Fernsehen, Internet, Handy, Massenkultur und Shoppingwahn, gewahrt. Heute ist das nicht mehr so.

Jesus hat den Tod bezwungen. Osterbriefmarken der Polnischen Post von 1999.

Wenn ein naher Angehöriger stirbt, bekommt man zwei Tage frei, um sich um die Beerdigung kümmern zu können. So sieht es das polnische Arbeitsrecht vor. Und hier stirbt Christus, unser Erlöser. Es ist das wichtigste Ereignis in der Menschheitsgeschichte. Er opferte sein Leben für uns, und die Menschen laufen in die Supermärkte, putzen, kochen, backen.

Polnische Protestanten, Methodisten, Pfingstler und Baptisten bekommen, laut Gesetz, an Karfreitag auf Anfrage, arbeitsfrei. Dass Katholiken nicht zu dieser Gruppe gehören erweckt den Anschein, das Martyrium und der Tod Christi sei für sie zweitrangig. Dem ist nicht so.

In der Karwoche erscheinen in polnischen Zeitungen hie und da privat aufgegebene Todesanzeigen wie diese:

»Nach einsamem und langem Beten im Garten am Ölberg, nach einem blutigen und grausamen Kreuzweg, und nachdem er am Kreuz umgebracht wurde, ist

Jesus von Nazareth

ins Haus des Vaters gegangen.

Mutter Maria mit den Nächsten und den Jüngern. Wir bitten von Beileidsbekundungen Abstand zu nehmen, da wir an die Auferstehung glauben«.

Ein Tag tiefster Trauer

Der Karfreitag, auch »Stiller« oder »Hoher Feiertag« genannt, ist in der katholischen Kirche eine strenge Fasten- und Abstinenzzeit. Unter Einbeziehung des Gründonnerstagsgebetes beginnt am Karfreitag die österliche Dreitagesfeier (Triduum Sacrum), die ab  Gründonnerstagabend bis Ostermontag in der Frühe an den Kreuzestod und die Auferstehung erinnert.

Kreuzverehrung an Karfreitag.

Wie in allen katholischen Kirchen der Welt, ist der Karfreitag auch in Polen ein Tag tiefster Trauer. Schmucklos der Altar, ohne Kerzen und Altartücher. Die Kreuze verhüllt, geschlossene Flügelaltäre. Das ewige Licht gelöscht, Kerzen brennen nur am provisorischen Aufbewahrungsort des Allerheiligsten. Kein Weihrauch duftet. Orgel und Kirchenglocken verstummen. Es gilt die liturgische Farbe Rot, symbolisch für das im Leiden und Sterben Jesu vergossene Blut.

Der Leichnam Christi im Grabe.

Ganz wichtig am Tag des Kreuzestodes ist die Kreuzverehrung (Adoratio crucis). Das üblicherweise seit dem Passionssonntag verhüllte Kruzifix wird erhoben gezeigt und der Ruf ertönt: »Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt«.

Christus der Auferstandene. Osterbriefmarken der Polnischen Post aus dem Jahr 2000.

All das steht in Polen am Karfreitag in einem krassen Widerspruch zu dem Geschehen auβerhalb der Kirchen, geprägt von Eile, Hektik, Geschäftigkeit. So gesehen, ist das katholische Polen im christlich geprägten Teil der Welt eine Ausnahme. Am Tag des Kreuzestodes Christi ruhen Arbeit und Handel in Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Groβbritannien, Irland, Island, Lettland, Malta, Mazedonien, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden, Serbien, Slowakei, Spanien, Tschechien (seit 2016), Ungarn (seit 2017), Zypern. Auβerdem in Australien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Ecuador, Kanada, Kuba, Peru, auf den Philippinen, in Venezuela sowie in dreizehn US-Staaten.

Frauen am leeren Grab.

Gerade in Polen sollte er arbeitsfrei sein

Paradoxerweise ist in den meisten dieser Staaten der Anteil der praktizierenden Gläubigen unvergleichbar geringer als in Polen. Die meisten Bewohner dieser Länder gehen nicht in die Kirchen, nutzen oft den arbeitsfreien Karfreitag als einen zusätzlichen Tag eines langen Wochenendes um zu verreisen.

Erscheinung des auferstandenen Christus im Kreise der Apostel. Osterbriefmarken der Polnischen Post von 2001.

Doch das ist kein Argument gegen einen arbeitsfreien Karfreitag in Polen, wo die Kirchen am Nachmittag, wenn zwischen fünfzehn und spätestens achtzehn Uhr der Gottesdienst beginnt, prallvoll sind. Gläubige Menschen sollen den ganzen Karfreitag, einen Tag der Trauer, des Gebetes, des Insichgehens, bewusst so erleben dürfen. Wichtig ist den Gläubigen auch die Durchführung und die Teilnahme an Passionsspielen, die inzwischen in ganz Polen weit mehr als hundertfach an Karfreitag inszeniert werden.

Polens berühmteste Passionsspiele finden im Wallfahrtsort Kaklwaria Zebrzydowska bei Kraków statt.

Umfragen ergaben, dass bis zu sechzig Prozent der Polen diese Auffassungen teilen. Wird es also auch in Polen bald einen arbeitsfreien Karfreitag geben?

Betrübter Christus.

Liberale Ökonomen, oft geradezu vom Fetisch des Zuwachses beim Bruttoinlandsprodukt besessen, wie der Guru des ungezügelten Kapitalismus und erster Wirtschaftsreformer nach 1989, Prof. Leszek Balcerowicz, warnen davor. Schon jetzt arbeiten die Polen nicht, so ihr Argument, an Sonntagen und dazu auch noch an dreizehn weiteren Tagen im Jahr. Der EU-Durchschnitt beträgt 12,6 arbeitsfreie Tage.

Christus ist Sieger. Volkstümliche Darstellungen. Osterbriefmarken der Polnischen Post von 2003.

Befürworter weisen darauf hin, dass das BIP in Polen pro Kopf von 1990 bis 2017 fast um das Achtfache gestiegen ist: von gut 1.700 auf mehr als 13.000 US-Dollar. Die Arbeitsproduktivität wuchs in derselben Zeit um durchschnittlich knapp vier Prozent pro Jahr. Das war EU-weit das zweitbeste Ergebnis.

Auch die Wiedereinführung eines arbeitsfreien Dreikönigsfestes 2011 hat daran nichts geändert. Hierbei handelte es sich um eine Rückkehr nach fünfzig Jahren.

Öffentlicher Druck ist vonnöten

Die Kommunisten hatten im Zuge ihres oft gnadenlosen Zwangs die Existenz Gottes zu verleugnen das Dreikönigsfest 1961 in einen Arbeitstag umgewandelt. Das geschah in einem Zug mit der Abschaffung des Festes der Darstellung des Herrn (volkstümlich Mariä Lichtmess, am 2. Februar), mit Christi Himmelfahrt (am 40sten Tag nach Ostern), dem Pfingstmontag, dem Hochfest Peter und Paul (am 29. Juni), Mariä Himmelfahrt (am 15. August) und dem Hochfest Mariä Empfängnis (am 8. Dezember).

Nach den Jahren des Kommunismus war 1990 nur das Fest Mariä Himmelfahrt (am 15. August) als gesetzlicher Feiertag zurückgekehrt.

Christus ist auferstanden.

Im Jahr 2011 kam dann noch das Dreikönigsfest hinzu, als Ergebnis langer Bestrebungen katholischer Bürgerinitiativen. Zwei Mal, im Oktober 2008 und im Juli 2009, hat Donald Tusks damals regierende Bürgerplattform, gemeinsam mit den Postkommunisten, im Sejm diesbezügliche

Grablegung Christi. Osterbriefmarken der Polnischen Post von 2009.

Bürgergesetzesinitiativen abgeschmettert. Die erste wurde damals von siebenhunderttausend, die zweite von knapp 1,3 Millionen Polen unterschrieben.

Inzwischen werden an jedem 6. Januar in ganz Polen mehr als sechshundert Dreikönigsumzüge veranstaltet. 2018 haben an ihnen 1,2 Millionen Menschen teilgenommen.

Dreikönigsumzug in Warschau.

Mittlerweile formiert sich eine Bürgerbewegung zugunsten des Karfreitags. Polens katholische Laien haben eine neue Gelegenheit wieder einmal ihr Durchsetzungsvermögen unter Beweis zu stellen, umso mehr, als auch die jetzt amtierende nationalkonservative Regierung von dem Vorhaben nicht gerade begeistert ist.

Lesenswert auch: „Ostern in Polen“

@ RdP




Beten und bewegen im Land menschenleerer Kirchen

Leid und Erfolg eines polnischen Pfarrers in Frankreich.

Waren Sie oft soweit, dass Sie nur noch Ihre Koffer packen und weg wollten?

Ja, viele Male, und viele Male habe ich innerlich gerufen: „Herr, hier kann man nichts mehr ausrichten. Ich habe keine Ideen mehr.“
Schon der Anfang war schwierig. Die Sprachbarriere: ein Priester aus Oberschlesien soll sich mit in Cannes geborenen Franzosen verständigen. Ich fühlte mich sehr klein und auch die Leute haben es mich manchmal schmerzlich spüren lassen. In meinem Kopf hämmerte ständig die Frage: war das eine gute Entscheidung? Wenn jemand Zdzisław Brzezinka (fonetisch: Szislaw Bschesinka – Anm. RdP) heiβt, dann hat er in Frankreich keine guten Karten.

Für einen Franzosen unaussprechlich.

Sie fragten, ob es einen entsprechenden französischen Vornamen gibt. Gibt es nicht. Ich habe meinen Pfarrgemeindemitgliedern gesagt: „Ihr könnt Schislaf sagen“, aber dabei dachte jeder an „Ich habe Durst“ (Jʼai soif). In einer Regionalzeitung schrieben sie: „In seinem Namen und Vornamen kommt das „z“ viermal vor!“

ks. Zdzisław Brzezinka fot.
Pfarrrer Zdzisław Brzezinka.

Zuerst war ich in Cannes. Das ging noch. Viele Rentner, die regelmäβig zur Kirche gingen. Es war die Zeit der Gewöhnung an die neue Umgebung, des Erlernens der Sprache, der Kultur.

Die wahren Lehrstunden der Demut begannen, als ich eine Pfarrei übernehmen musste, die man unweit von Nizza aus fünf Kleinstädten zusammengelegt hat.

Wie wurden Sie empfangen?

Zur offiziellen Begrüβung des neuen Pfarrers und um die kleinen Kirchengemeinden in den einzelnen Orten vorzustellen, kamen nicht einmal dreiβig Leute. Und das aus einer Pfarrgemeinde, die zehneinhalbtausend Einwohner zählte. Hätte man sie nicht ausdrücklich darum gebeten, wären sie gar nicht gekommen. Sie hatten kleine Modelle ihrer Kirchen dabei und lasen das was sie sagen wollten vom Blatt ab. Sie redeten mich mit dem Vornamen meines Vorvorgängers an. Man sah, dass sie jeglichen Kontakt zur Kirche verloren hatten. Es war zum Heulen.

Doch der neue Gemeindepfarrer krempelte die Ärmel hoch und…

Es war ein verzweifeltes Anrennen gegen die Widrigkeiten, krampfhafte Versuche Anschluss zu finden. Ich bin zu allen möglichen Treffen gegangen, ich habe Nachbarn beim Umzug geholfen, ich habe mit Kindern Fuβball gespielt und mich ständig gefragt, was dieses Rumkaspern eigentlich mit Seelsorge zu tun hat?

Die Kirchen waren nur bei Beerdigungen voll, Anlässen die dort einen mehr gesellschaftlichen als religiösen Charakter haben. Ich habe versucht sie zu nutzen, um das Evangelium weiterzugeben, eine geistige Verbindung herzustellen. Es hat nichts gebracht. Wie oft habe ich damals in meinen Gebeten den Satz wiederholt: „Herr, ich weiβ nicht, was ich tun soll.“

Warum sind die Kirchen im Westen menschenleer geworden?

Es gibt viele Erklärungen dafür, aber ich habe keine schlüssige Antwort auf diese Frage und will auch nicht verallgemeinern. Die Suche nach den Ursachen endet meistens in Schuldzuweisungen an diese Menschen. Ich weiβ nicht warum die Kirchen verwaist sind, aber ich weiβ, dass Gott über allem seine schützende Hand hält.
Kardinal Jean-Marie Lustiger (1926-2007, Erzbischof von Paris – Anm. RdP), mit den Vorwurf konfrontiert, dass die katholische Kirche in Frankreich von Irrglauben und Irrlehren zersetzt wird, antwortete: „Das stimmt, aber wir waren die ersten, die angefangen haben nach einer Therapie gegen diese Krankheit zu suchen.“ Andere zu beschuldigen ist ein Ausdruck des Hochmuts. Ich habe das begriffen, als ich selbst glaubte in eine ausweglose Lage geraten zu sein.

Was hat das Fass zum Überlaufen gebracht?

Ich bin zu den Treffen der Equipes Notre-Dame gegangen, der einzigen geistlichen Gemeinschaft (von Ehepaaren – Anm. RdP), die es in unserer Pfarrgemeinde gab. Es war toll. Kaffeetrinken, Gelächter, nette Gespräche. Alles, auβer Gott. Irgendwann habe ich ihnen gesagt: „Entschuldigt bitte, aber ihr seid keine religiöse, geistliche Gemeinschaft“. Sie haben es mir sehr übel genommen. Ich ging nach Hause. Mir wurde bewusst: „Jetzt hast du die einzige Laiengruppe in deiner Gemeinde auseinandergejagt“. Das war keine einfache Zeit. Ich bekam Briefe. Ein Gemeindemitglied schrieb mir: „Welcher Satan hat Sie, Herr Pfarrer zu uns geschickt?“

Hat es weh getan?

Sehr. Ich fand keinen Schlaf mehr. Aber gerade diese Gemeinschaft schuf den Ansatz für die Erneuerung. Es war sehr schwer ihnen den lebendigen Glauben zu vermitteln. Der „Widerstand der Materie“ war am Anfang enorm. Doch die meisten dieser Leute, alle zwischen fünfunddreißig und fünfzig Jahre alt, erwiesen sich als musikalisch sehr begabt. Ich habe vorgeschlagen, dass sie in der Messe spielen und singen. Das kam sehr gut an! Es entstand eine Gruppe, die andere zum gemeinsamen Proben zu überreden begann. Nach und nach bekam ich in der Kirche neue Gesichter zu sehen.

Wie ging es weiter?

Ich habe mich auf den Alpha-Kurs besonnen (Näheres dazu hier – Anm. RdP). Ich kannte ihn von früher, aber erst in Frankreich habe ich erlebt, welch enorme Wirkung er hat. Am Anfang haben wir ihn für eine kleine Gruppe von „Eingeweihten“ gemacht. Ich beobachtete, wie er den Glauben, der in ihnen fast schon abgestorben war zum Aufblühen brachte.

Wie belebt man also eine Pfarrgemeinde, die dahinscheidet?

Ich habe alles getan, um die Menschen dort abzuholen wo sie standen, auch wenn das sehr weit weg von Gott gewesen ist. Ich habe mir aber auch geschworen, ich werde mich niemals verstellen, mich anbiedern, so tun, als sei ich kein katholischer Pfarrer. Ich habe nie die Soutane abgelegt, bin niemals in „zivil“ aufgetreten. Und auch wenn es manchmal sehr fehl am Platze zu sein scheint, du musst den Mut haben zum Wort Gottes zu stehen und es zu den Menschen zu tragen.

Wichtig war auch das Gefühl der völligen Ratlosigkeit, das mich immer wieder beschlich. In einer Umgebung, die dich entweder ablehnt oder der du gänzlich egal bist, bist du ja völlig allein. Du hast dann nur zwei Möglichkeiten: entweder du fasst Mut oder du packst deine Sachen und gehst. Mut fassen bedeutet, sich niemals verkriechen, von Unfreundlichkeiten abschrecken lassen. Auf die Menschen zugehen und reden.

Ich kann mich gut erinnern an meine erste Begegnung mit dem Bürgermeister des Städtchens, in dem ich wohnte. Er war ein eingefleischter Kommunist. Ich kam um die Ecke und stieβ beinahe mit ihm zusammen. Er wusste wer ich bin und sagte: „Seit acht Monaten hat es nicht geregnet. Diese Trockenheit wird uns vernichten. Könnten Sie, Herr Pfarrer, mit dem Chef darüber reden?“ „Mal sehen was sich machen lässt“, habe ich ihm geantwortet und ging meinen Weg. Am Abend begann es zu regnen und es goss die nächsten zwei Wochen lang in Strömen. Ich traf ihn etwa zehn Tage später. „Herr Pfarrer, es reicht!“, rief er mir von der anderen Straβenseite aus zu.

Sie haben versucht so viele persönliche Kontakte wie möglich zu knüpfen.

Ja, denn sonst hast du ein Amt und keine Pfarrgemeinde. Zu dem oberen Teil der Stadt führte eine lange Treppe. Dreihundert Stufen rauf und dreihundert Stufen runter, manchmal einige Male am Tag. Ich weiβ nicht, wie ich das überstanden habe.

Eines Tages war endlich der von allen langersehnte Fahrstuhl fertig. Nur, dass er ständig kaputt ging. Ich habe dem Bürgermeister vorgeschlagen, ich werde ihn weihen. „Das ist verboten!“, entgegnete er. „Trennung zwischen Kirche und Staat.“

Ich bin regelmäβig zu den Sitzungen des Stadtrates gegangen, denn oft wurden dort Dinge besprochen, die auch die Pfarrgemeinde betrafen. Sie waren sichtlich verunsichert durch meine Anwesenheit, haben sehr aufgepasst was sie sagten. Der Bürgermeister fragte mich manchmal nach meiner Meinung und grinste dabei verschmitzt. Es war wie bei Don Camillo und Peppone.

Im September fand die feierliche offizielle Einweihung des Fahrstuhls statt. Er wurde mit republikanischem Pomp (Hissen der Tricolore, Marseillaise, gespielt von der Feuerwehrkapelle, Ehrenformation mit vier Dorfgendarmen usw.) seiner Nutzung übergeben. Der Lift fuhr los, blieb aber in der Mitte seines Weges stehen und wollte nicht weiter. Ich habe mir jeden Kommentar verkniffen.

Im Oktober habe ich eine Prozession geführt. Es war eine der vielen Prozessionen, die das besondere Kolorit vieler französischer Kleinstädte ausmachen, aber eigentlich kaum etwas mit dem Glauben zu tun haben. Es ist nur noch Tradition, festliche Folklore, wenn man so will, eine touristischer Attraktion, bei der Atheisten die Figur der Muttergottes herumtragen, hinter der der kommunistische Bürgermeister mit aufgeblähter Brust und Schärpe herschreitet.

Ich ging voran, hinter mir die Menge. Plötzlich bin ich von der vorgegebenen Route abgebogen. „Was machen Sie, Herr Pfarrer!?“, der Bürgermeister war sehr beunruhigt. Ich bin direkt auf den Fahrstuhl zumarschiert. „Wenn ich das Städtchen segnen soll, dann werde ich auch dieses Wunderwerk der Technik weihen.“ Der Bürgermeister war sprachlos und ich habe Thérèse von Lisieux (Näheres dazu hier – Anm. RdP) zitiert, die gesagt hat, dass sie von einem Fahrstuhl träumt, der sie direkt in den Himmel bringt. Das kam bei den Franzosen sehr gut an.

Dann habe ich den Fahrstuhl geweiht und laut gesagt: „Na? Seht ihr wie wunderbar er jetzt funktioniert?“ Wie sie sich alle darauf gestürzt haben, um es zu überprüfen! Ich habe mich innerlich vor Lachen geschüttelt. Übrigens hat der Bürgermeister mir gegenüber unter vier Augen zugegeben, dass der Fahrstuhl seither problemlos funktioniert. „Gott hält über allem seine schützende Hand“, habe ich ihm darauf geantwortet. Er gab sich nachdenklich.

Wurden Sie tätlich angegriffen?

Eine Zeit lang kam eine Gruppe von Jugendlichen in die Nähe der Kirche, um Fuβball zu spielen. Immer wieder kickten sie den Ball gegen die Kirchenmauer, die Glasfenster waren in Gefahr. „Könnt ihr aufhören?“ „Wir sind keine Katholiken, wir sind Moslems.“ „Und was wäre, wenn ich den Ball gegen die Mauer eurer Moschee kicken würde?“ Ein Junge fuhr mit der Hand über die Kehle.

Ich habe seinen Vater getroffen. Wir haben uns in aller Ruhe unterhalten. „Sehen Sie, dass ist ein wichtiges Gebäude für uns, unser Heim. Wir leben in Frieden miteinander. Wozu das aufs Spiel setzen?“ Seitdem hörte das Kicken des Balls gegen die Kirchenwand auf, die Jungs grüβten mich mit „bonjour“.

Es ist glimpflich ausgegangen, aber wir sind auch zu der Kirche gefahren, in der Pfarrer Jacques Hamel ermordet wurde (Näheres dazu hier – Anm. RdP). Die Kirche ist von Blumen und Gittern umgeben. Blumen und Gitter, das ist das Janusgesicht der heutigen Lage vielerorts in Frankreich. Pfarrer Hamel war doch mit dem dortigen Imam befreundet, kannte viele moslemische Familien und wurde von zwei Fundamentalisten ermordet.

Bei einem meiner ersten Gespräche mit jungen Moslems im Städtchen habe ich gesagt „Je suis un Polonais“ und sie ratterten daraufhin die Namen und Vornamen aller polnischen Fuβballer bei den Weltmeisterschaften 1974 herunter! Ich war perplex. Oft habe ich von Moslems gehört; „Gut, dass Sie hier sind, Herr Pfarrer.“

Sie haben am Anfang dreiβig Kirchgänger vorgefunden. Wie viele waren es nach sieben Jahren?

Siebenhundert. Im August 2014 ging es dann zurück nach Polen. Ich bin um halb zwei in der Nacht mit dem Auto aufgebrochen. Leise, ohne viel Aufhebens. Der letzte Kreisel in meiner Pfarrgemeinde war voll von Menschen. Sie kamen um mich zu verabschieden. Ich hatte feuchte Augen.

Wie wird die französische Gemeinde ohne Sie zurechtkommen?

Man soll die Menschen an Gott binden, niemals an sich selbst.

Das Gespräch erschien im katholischen Wochenmagazin „Gość Niedzielny“ („Sonntagsgast“) vom 19.02.2017.

RdP




Was bewegt Radio Maryja

Ein Gespräch mit dem Gründer und Direktor des Senders, Pater Tadeusz Rydzyk.

Radio Maryja, der katholische Sender aus Toruń/Thorn feierte am 9. Dezember 2016 sein 25-jähriges Bestehen. Überwiegend ehrenamtlich betrieben und fast ausschlieβlich aus Zuhörerspenden finanziert, stellt es ein Vorhaben dar, das von den Menschen in Polen in einer Weise unterstützt wird, die alles bisher Dagewesene übertrifft.

Auf deutschsprachige Medien wirkt der Sender seit eh und je wie ein rotes Tuch. Ihre Beschreibungen münden zumeist in heftigen Beschimpfungen.

♦ Radio Maryja „ist ultrakatholisch, ultranationalistisch, ultrarechts und extrem europafeindlich, und obendrein pflegt es einen ätzenden, hasserfüllten Antisemitismus“ (Neue Züricher Zeitung, 5.12.2002). ♦ „Katholischer Hetzsender Radio Maryja“ (Schweizer Rundfunk, 26.09.2015). ♦ „Der katholische Sender Radio Maryja hetzt gegen Juden“ (Spiegel, 29.04.2006). ♦ „Das Radio-Maryja-Imperium ist antisemitisch, homophob, anti-ökumenisch (Religionsphiolosophischer Salon, 18.12.2015).♦  „Rassistische und antisemitische Inhalte sind bei Radio Maryja an der Tagesordnung“ (Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung, 3.09.2009).

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Pater Rydzyk im Gespräch mit der israelischen Botschafterin in Warschau Anna Azari am 7. September 2016.

Man könnte meinen, Joseph Goebbels, lebte er noch, könnte in Toruń in die Lehre gehen. Beweise (Zitate) für diese schwerstwiegenden Vorwürfe werden nur in den seltensten Fällen erbracht, und wenn, dann sind sie sehr dürftig. Einige Zuhörer-Entgleisungen von vor zehn Jahren und mehr, die in Telefon-Livesendungen vorgekommen sind. Eine dubiose geheime Tonbadaufnahme von Pater Rydzyk aus dem Jahr 2007 (also kein Sendebeitrag).

Auβerdem einige Rundfunk-Livedebatten Anfang der 2000er Jahre, hervorgerufen durch das Buch des jüdisch-amerikanischen Autors Norman Finkelstein „Holocaust-Industrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird“, das in Deutschland, mit einer Startauflage von fünfzigtausend Exemplaren (!), bei dem angesehenen Piper Verlag erschienen ist, einhunderttausend Mal verkauft und in einer sehr hitzigen Debatte beileibe nicht ausschlieβlich kritisch beurteilt wurde. Und das war’s.

In den 25 Jahren des Bestehens von Radio Maryja, bei dem die Zuhörer fast ununterbrochen auf Sendung sind, gab es Anlass zu Kritik, manchmal auch zu einer Rüge. Davon gab es, verdient und unverdient, weiβ Gott genug. Doch die These „hasserfüllter Antisemitismus“ sei dort „an der Tagesordnung“ und quasi die wichtigste Botschaft des „katholischen Hetzsenders“ hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun.

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Johannes Paul II. 1995 im Gespräch mit Pater Rydzyk: „Jeden Tag danke ich Gott dafür, dass es in Polen ein Radio gibt, das Radio Maryja heiβt“.

So  sahen und sehen es offensichtlich nicht nur die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus sondern auch die israelische Botschaft in Warschau, bei der Pater Rydzyk Gast sein darf. Rydzyk reist zudem seit knapp drei Jahrzehnten regelmäβig nach Isreael. Kein einziges Mal ist ihm die Einreise verweigert worden.

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Audienz bei Papst Bendeikt XVI. am 4. November 2007.

Lange Zeit hieβ es „das Problem“ werde sich „durch die Biologie“  von selbst lösen. Radio Maryja sei ein Vorhaben ohne Zukunft, ein zum Aussterben verurteiltes Reservat alter Menschen. „Wir brauchen euch nicht“, lautete jahrelang sinngemäβ die Botschaft der „aufgeklärten“ Eliten an sie. „Wir haben ja eure Kinder und Enkelkinder auf unserer Seite“. Es sah so aus, aber diese Rechnung ging nicht auf.

Die Abgänger der Radio-Maryja-Journalistenschule (fünfhundert Studenten), um nur ein Bespiel zu nennen, sind keine unterwürfigen Glaubenseiferer. Gut geübt im Umgang mit den modernsten Medientechniken, kreativ, tragen sie ihren Glauben im Herzen und nicht wie eine Monstranz vor sich. Der erste Spielfilm, den eine Gruppe von ihnen gerade fertiggestellt hat, „Die abgebrochene Ähre“, hat auch feindselig eingestellte Filmkritiker durch seine Qualität zutiefst beeindruckt.

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Pater Rydzyks Studenten. Den Glauben im Herzren tragen.

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Pater Rydzyk meidet den Begriff „Massenmedien“, gebraucht dafür lieber die Bezeichnung „gesellschaftliche Kommunikations- bzw. Verständigungsmittel“. Der Adressat ist für ihn nicht „die Masse“, sondern die Gesellschaft: Menschen, Personen, Persönlichkeiten, wie er sagt. Es geht ihm nicht um „Übermittlung“ sondern um „Kommunikation“, um „Wechselwirkung“. Es gibt in Polen keine Medien, die Radio Maryja in dieser Hinsicht überbieten würden.

Im Auditorium überwiegen die 40 bis 59jährigen. Zudem haben 53 Prozent der Radio-Maryja-Zuhörer Abitur bzw. einen Hochschulabschluss. An manchen Tagen lauschen den Sendungen zugleich bis zu fünfhunderttausend Menschen.

radio-maryja-okladka-w-sieciMit den Jahren wurde das Thorner Projekt um eine Tageszeitung („Nasz Dziennik“ – „Unser Tagblatt“), einen Fernsehsender (Trwam) und eine Hochschule erweitert . 2016 ist der Rundbau einer Kirche für 3000 Gläubige vollendet worden. Weitere Vorhaben des unermüdlichen Paters Tadeusz Rydzyk kann man aus dem folgenden Gespräch erfahren, das im Wochenmagazin „wSieci“ („im Netzwerk“) vom 5.12.2016, unter dem Titel „Gewaltige Kräfte sind gegen uns angetreten“ erschienen ist. Es stellt eine Seltenheit dar, denn Pater Rydzyk gewährt normalerweise keine Interviews. Wir dokumentieren den Wortlaut mit geringfügigen Kürzungen.

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Pater Tadeusz Rydzyk. Jg. 1945. Redemptorist. Seit 1971 Priester.

Radio Maryja feiert 25 Jahre seines Bestehens. Rückblickend stellt sich die Frage: woher haben Sie gewusst, dass gerade die Medien ein so wichtiger Austragungsort des Kampfes um den katholischen Glauben, die polnische Kultur, die ökonomische Unabhängigkeit sein werden.

Das war offensichtlich.

Viele haben sich (nach 1989 – Anm. RdP) dahingehend beirren lassen, dass sie glaubten, dass Medien nun vom Grundsatz her ehrlich, unvoreingenommen sein werden, und dass die Herkunft des Kapitals, das hinter ihnen steht ohne Bedeutung sein wird. Die klügsten Professoren waren davon überzeugt.

(…) Seiner Zeit habe ich sehr an die katholischen Intellektuellen geglaubt. An die Klubs der Katholischen Intelligenz (1956 von den Kommunisten in fünf Städten zugelassene katholische Vereinigungen – Anm. RdP), an „Znak“ („Zeichen”, 1956-1978 von den Kommunisten zugelassene kath. Laienorganisation – Anm. RdP) , „Więź“ ( „Bund“, von den Kommunisten 1958 zugelassene Monatszeitschrift reformorientierter Katholiken – Zweites Vatikanisches Konzil – Anm. RdP), an „Tygodnik Powszechny“ („Allgemeine Wochenzeitung“ seit 1945 von den Kommunisten in Kraków zugelassene, streng zensierte katholische Zeitschrift reformorientier Katholiken – Anm. RdP).

Anfänglich wollte ich sogar Radio Maryja ebenfalls in Kraków ansiedeln. (…) Ich habe damals gehofft, dass diese Gruppen der Geist der Nation, ihre intellektuelle Elite sein würden, doch ich wurde enttäuscht.

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Radio-Maryja-Funkhaus in Toruń. Hörer zu Besuch.

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Enttäuscht war auch der Heilige Vater Johannes Paul II. Er schrieb 1995 an Jerzy Turowicz (1912-1999, Chefredakteur von „Tygodnik Powszechny“ in den Jahren 1945-1999), dass „die Kirche in diesem schwierigen Augenblick, beim »Tygodnik Powszechny« leider nicht die Unterstützung und den Schutz fand, die sie gewissermaβen erwarten konnte. Sie fühlte sich nicht ausreichend geliebt.“

Ich möchte diese konkrete Situation nicht beurteilen. Das Problem der Intellektuellen war, dass sie ihr Gewissen und ihre Pflichten gegenüber der eigenen Gemeinschaft aufgegeben hatten. Bildung selbst ist nicht genug, man muss weise und charakterstark sein. Auch der Teufel ist intelligent, aber das nützt nichts, weil er einen schlechten Charakter hat.

Doch das alles hat nicht erst damals (Anfang der 90er Jahre – Anm. RdP) begonnen. Schon Kardinalprimas Stefan Wyszyński (1901-1981, Primas von Polen 1948-1981 – Anm. RdP) sprach davon (in den 60er Jahren – Anm. RdP), dass die Intellektuellen ihn enttäuscht und verraten haben. Und das nimmt seither zu. Nehmen wir nur die Welt der groβen Medien. Es ist ein Drama. Sie lernen neue Techniken, Tricks, Kniffe zu beherrschen, aber die Wahrheit und das Gute findet man dort nicht.

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Briefmarken der Polnischen Post zum 10. Jahrestag der Gründung von Radio Maryja.

Das war lange Zeit auch Teilen der polnischen Kirche nicht bewusst.

Ich bin mir nicht sicher, ob man das so sagen kann. Die Medienberichte darüber, was die Bischöfe zu dem einen oder anderen Problem meinen, sind teilweise sehr verfälscht. Ich erinnere mich an ein Treffen mit Kardinalprimas Józef Glemp (1929-2013, Primas von Polen 1981-2006 – Anm. RdP) einige Monate vor seinem Tod. Es war der Namenstag von Bischof Antoni Dydycz (von Drohiczyn – Anm. RdP).

Der Kardinalprimas erhob sich, um zu gratulieren, und sagte auch, dass wir keine Medien haben, die uns die Wahrheit über Polen sagen. Und er fügte hinzu: „Es gibt nur Radio Maryja und das Fernsehen Trwam“ (Gegründet 2003 von Pater Rydzyk, wie sein gesamtes Wirken, aus Spenden finanziert – Anm. RdP). Das hat er einige Male wiederholt, und dankte mir. Ich war froh darüber, denn früher hatte der Kardinalprimas Radio Maryja auch anders betrachtet. Am Anfang waren unsere Beziehungen gut, dann wechselte es (noch 2010 wollte Glemp Pater Rydzyk aus der Leitung des Senders entfernen und sprach von einem „groβen Problem für die Kirche“ – Anm. RdP). Er sagte noch, als ob er in meinen Gedanken gelesen hätte: „Das war schon sehr unterschiedlich im Episkopat, aber nun ist es so, wie ich es sage.“ Tatsache ist jedoch, dass viele Bedrohungen nicht erkennbar waren.

Zum Beispiel die Bedeutung des Kapitals. Sogar anständige Menschen ließen sich einreden, dass es vor allem darum gehe alles Staatsvermögen schnellst möglich zu verkaufen, zu privatisieren. Egal an wen, egal wie billig, egal was der Käufer daran verdient.

So war es. Sogar Geistliche haben mir manchmal gesagt: „Agrarland ist doch eine Ware wie jede andere“. Nein, Agrarland ist keine Ware. Ein sehr edler Mensch wurde ZChN-Abgerordneter (katholische konservative Partei Christlich-Nationale Vereinigung – Anm. RdP) und sagte zu mir: „Es lohnt sich alles zu verkaufen, auch für einen Zloty“. Ich war verwundert: „Wie kann es sich für einen Zloty lohnen, wenn es viel mehr wert ist?“ Und er wiederholte nur dasselbe – es lohnt sich. Das war unlogisch.

Als das Wahlbündnis Solidarność (eine Koalition aus der Gewerkschaft und einem Dutzend konservativer Kleinparteien – Anm. RdP) regierte (zwischen 1997 und 2001 unter Ministerpräsident Jerzy Buzek – Anm. RdP) habe ich diese Leute gefragt, warum sie den Ausverkauf von Staatseigentum betreiben, obwohl sie gerade gewählt wurden, um den Ausverkauf zu stoppen. Ich denke nicht, dass diejenigen, die es gemacht haben, es uneigennützig taten. Nein, sie haben im Auftrag gehandelt. Zum Glück wacht Polen jetzt auf.

Ist es nicht zu spät dafür? Beinahe alle Medien sind schon in ausländischer Hand, von der Industrie ist nicht mehr viel übrig geblieben. Es wird nicht einfach sein, das alles wieder aufzubauen.

Natürlich wird es nicht leicht fallen, aber es ist möglich. Wir sollten jeden Tag singen „Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben“ (»Dabrowski-Mazurka«, die polnische Nationalhymne – Anm. RdP). Radio Maryja übrigens ist der einzige polnische Sender, der einmal am Tag alle Strophen der Nationalhymne abspielt.

Neulich haben die Studenten der Hochschule für Mediale und Soziale Kultur in Toruń (von Pater Rydzyk 2001 in Toruń gegründete Hochschule, die katholische Journalisten und Politologen ausbildet – Anm. RdP) zum St. Andreas Fest (Nacht zum 30. November – Anm. RdP) eine Feier organisiert, die sie „Unabhängigkeitsball“ nannten. Am Ende sangen sie die »Dabrowski-Mazurka« bis zur letzten Strophe. Wunderbar. Es gibt eine herrliche Jugend, es gibt Hoffnung. Sie darf sich nur nicht verführen lassen. Für böse Menschen ist das ein Leichtes.

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Radio Maryja Hochschule für Mediale und Soziale Kultur in Toruń. Studenten.

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Sehr oft stoβen wir auf ungewöhnliche Zeugnisse, die abgelegt werden von Menschen, deren Leben sich dank Radio Maryja verändert hat. Ihre Sendungen sind eine einzige Schule der Sorge um Polen. Oft eht es darin um alleinstehende, kranke, abgehängte Menschen. Es ist beinahe der einzige Platz im Äther, wo man mit der Evangelisierung in Berührung kommt, begleitet vom ruhigen Gespräch und der Suche nach Wahrheit.

Uns erreichen solche Zeugnisse sehr oft. Sie geben uns Kraft. Doch es ist das Werk sehr vieler Menschen: der Redemptoristen-Padres (Radio Maryja wird vom Redemptoristen Orden betrieben – Anm. RdP), die im Rundfunk arbeiten, der Priester, die die Vorort-Kreise der Familie von Radio Maryja (vereinigen Hörer in einzelnen Pfarreien – Anm. RdP) betreuen, Tausende von Laien und Freiwilligen die unser Radio ausmachen. Es fällt nicht leicht, das alles zu finanzieren. Es sind riesige Kosten.

Hatten Sie nicht Angst vor dieser Herausforderung? Das ist doch keine einmalige Aktion, sondern eine stete Anstrengung, es gibt riesige monatliche Verbindlichkeiten, Rechnungen, Ausgaben.

Dieselbe Frage wurde uns gestellt als wir um die Sendelizenz für Radio Maryja gekämpft haben. Wir wurden schrecklich blockiert, man versuchte uns zu entmutigen, wandte verschiedene Tricks an. Sie (der Landesrundfunkrat – Anm. RdP) haben uns gefragt: „Pater, woher wollen Sie dafür das Geld nehmen?“. Ich habe geantwortet, die Leute werden es geben, so wie sie für Kirchen, für die katholische Universität Lublin und andere Werke spenden. Man hat es belächelt.

Und dann kam mir eine Idee. Ich habe mich daran erinnert, dass wir vor nicht langer Zeit die Monstranzen vergoldet hatten und die Menschen dafür Ringe und Schmuck gespendet haben. Es kam u. a. ein Herr mit zwei Kindern, zog den Siegelring vom Finger und gab ihn uns. Er sagte: „Ich bin der Muttergottes viel schuldig“. Ich weiβ nicht einmal, wie er hieβ.

Etwas von dem Gold war übriggeblieben. Ich habe gesagt: „Ich habe Gold. Kommt nach Toruń, ich zeige es euch.” Zum Glück kamen sie nicht, denn es war nur eine Handvoll, aber es hat gewirkt. Später entstand daraus die Legende von Koffern voller Schmuck und Dollars, die ich angeblich zur Sitzung des Landesrundfunkrates mitgebracht haben soll. Das ist nicht wahr. Ich bin mit dem Bild der Muttergottes hingefahren, vor dem Kardinalprimas Wyszyński gebetet hat.

Dieses Radio ist durch Gebete erfleht worden. Nächtelang haben wir uns dafür im Gebet an Gott gewandt. Die Parzelle in Toruń hat das inzwischen schon verstorbene Ehepaar Poznański unserem Orden geschenkt. Ich hatte oft das Gefühl, dass Gott dieses Werk leitet.

Sie wiederholen oft: „Lasst uns so beten, als würde alles von Gott abhängen und lasst uns so arbeiten, als wäre alles von uns abhängig“.

Denn so ist es. Deswegen versuchen wir die Menschen so gut zu erreichen wie es nur geht: über Satelliten, Internet, Fernsehen. Und die Menschen geben uns Ratschläge, kümmern sich darum, dass sich das alles weiterentwickelt.

Jetzt haben sie den ersten Spielfilm hergestellt „Abgebrochene Ähre“ („Zerwany kłos“) über die selige Karolina Kózkówna (1914, als 16-Jährige von einem russischen Soldaten ermordet – Anm. RdP), eine schöne, sehr professionell und mit viel Engagement gedrehte Filmerzählung. Werden weitere folgen?

Wir werden sehen. Erst einmal arbeiten wir daran, dass der Film in die Kinos kommt und jeder ihn sehen kann. Wir warten auf die Vertragsunterzeichnung. Den Film, das will ich unterstreichen, haben die Studenten unserer Hochschule für Mediale und Soziale Kultur gedreht.

Denken Sie auch daran ein Theater zu gründen? Es wird immer schwieriger bei uns ein Theater zu finden, dass auf die wahren Werte setzt.

Nun gut, dann eröffne ich vor Ihnen, als Ersten, unseren Plan etwas zu schaffen, was ich vorläufig das „Institut Johannes Paul II. »Gedenken und Identität«“ nennen werde. Ich sehe das u. a. als ein sehr modernes Museum, wie das Museum des Warschauer Aufstandes in Warschau oder das Holocaust-Museum in Washington. Licht, Ton, Bilder, Laser. Der Besuch dort soll ein Erlebnis schaffen, die Identität der jungen Menschen formen, die Herzen bewegen. Dort soll die Schönheit Polens, seiner Geschichte, so wie Johannes Paul II. darüber sprach, gezeigt werden.

Und das Theater?

Dort soll es eine Aula für sechshundert Personen geben und eine Theaterbühne. Dorthin sollen gute, integre Schauspieler kommen, Theater machen und bei der Gelegenheit unsere Studenten unterrichten. Ich sehe einen groβen Bedarf dafür. Das was heute gezeigt wird ist oft Antikunst.

Sind das weit in der Ferne liegende Pläne?

Ich weiβ nicht, ob ich das sagen soll… Nun gut, Architekten arbeiten bereits daran. Bei einer guten Idee, einem wertvollen Einfall, soll man nicht zögern, sondern ihn umsetzten. Geschäftspläne für die Evangelisation soll man nicht machen. Wenn es ein gutes Werk ist, dann wird Gott helfen. Und gute Menschen. Radio Maryja ist ein Beweis dafür. Für den Film „Abgebrochene Ähre“ haben Menschen ein Prozent ihrer Einkommenssteuer gespendet. Das ganze Projekt kostete 550.000 Zloty (ca. 130.000 Euro – Anm. RdP). Jeder kann nun sehen, wie sinnvoll das Geld ausgegeben wurde.

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„Beten ist immer die Rettung“. Kirche der Allerheligsten Jungfrau Maria – des Sterns der Neuen Evangeliserung und des Hl. Johannes Paul II. in Toruń. Aus Spenden gebaut und eingeweiht im Mai 2016 in unmittelbarer Nachbarschaft des Radio-Maryja-Funkhauses und der Radio-Maryja-Hochschule.

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Haben Sie heute das Gefühl, dass das Bestehen von Radio Maryja sicher ist? Es gab Jahre, in denen fast jeden Monat eine neue mediale Treibjagt auf Sie und das Radio begann. (…)

Dass der Radiosender ganz sicher ist, das kann ich nicht sagen. (…) Gegen uns arbeiten internationale Kräfte. Sie sind im Kampf gegen uns bis sehr weit nach oben vorgedrungen, leider auch innerhalb der Kirche. Sie haben verschiedene Methoden angewendet. Es gab Augenblicke, in denen war der Druck geradezu unerträglich, und das von allen Seiten. Rettung, Zuflucht und Kraftquelle für mich war damals das Gebet. Stundenlang habe ich in der Kapelle gekniet und Gott um Unterstützung gebeten. Beten ist immer die Rettung. (…)

Hatten Sie Angriffe erwartet?

Ich war vorbereitet, aber ich hätte nicht gedacht, dass es derartige Verleumdungen hageln würde, derartige Lügen, und dass sogar einige Geistliche ihnen Glauben schenken würden.

Die erfundene Maybach-Limousine oder ein Hubschrauber, den Sie für sich gekauft haben sollen.

Ich habe Maybachs – als Modellautos, die mir die Zuhörer geschickt haben (lacht). Als es veröffentlicht wurde, wusste ich nicht was ein Maybach ist. Später, bei einer Fahrt auf der Autobahn, hat man mir einen Maybach gezeigt. Nichts Besonderes, ein Auto eben.

Haben Sie versucht diese Information richtig zu stellen?

Das hatte damals (2004 – Anm. RdP) die „Gazeta Pomorska“(„Pommerische Zeitung” – Anm. RdP) in die Welt gesetzt. Mein Mitarbeiter, Pater Jan hat daraufhin den Chefredakteur angerufen und ihm gesagt, dass das nicht stimmt. Er antwortete: „Ja, aber wir haben es schon geschrieben und das ist jetzt eine Tatsache“. Er hat es nicht richtig gestellt. So funktioniert das.

Mit dem Hubschrauber war es so. Irgendjemand hatte uns gesagt, dass eine Firma Pleite gegangen sei und sehr preiswert eine solche Maschine verkaufen wolle. Ich dachte mir, das sollte man sich doch einmal ansehen. Ich wollte sie nicht für mich, sondern für unsere Techniker, die auf den damals noch miserablen Straβen lange unterwegs waren bis sie am anderen Ende Polens ankamen, um eine Sendeanlage zu reparieren. Für ein Radio bedeutet jede Stunde Schweigen einen Verlust von Zuhörern, und erst recht wenn es sich um einen ganzen Tag handelt!

Wir sind also hingefahren. Sie haben uns sogar auf einen Probeflug mitgenommen und ich konnte zum ersten Mal unser Radio von oben sehen. Doch der Preis war für uns unvorstellbar hoch. Danach stellte sich heraus, es war eine Provokation. Nicht die erste und sicherlich nicht die letzte.

Wir wurden sehr oft in ähnlicher Weise heimgesucht. Eine Zeitung hatte sogar dauerhaft zwei Mitarbeiter beauftragt uns rund um die Uhr zu beobachten. Die Armen mussten uns auflauern. (…)

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Briefmarke der Polnischen Post zum 25. Jahrestag der Gründung von Radio Maryja.

Man kann sich unter solchen Umständen leicht abkapseln, das Vertrauen in die Menschen verlieren. War es bei Ihnen so?

Nein. Ich fühle mich immer frei. Ich fürchte mich nur vor Gott, möchte vor dem Jüngsten Gericht bestehen, um nicht in die Hölle zu gelangen. Ich bange um mein Gewissen, aber ich werde nie kapitulieren. Andererseits erfahre ich auch unglaublich viel Wohlwollen. Vor einigen Jahren war das manchmal anders. Heute kommen die jungen Leute von selbst auf mich zu, grüβen, sprechen mich freundlich an.

Machen sie auch Selfies mit Ihnen?

Ja. Wenn ich nicht gerade sehr in Eile bin, dann willige ich ein, auch wenn ein solches Foto das Gesicht sehr entstellt (lacht).

Manche behaupten die „Gazeta Wyborcza“ (die linksradikale „Wahlzeitung“, eine unerbittliche mediale Gegnerin von Radio Maryja – Anm. RdP) sei im Begriff unterzugehen.

Das sind Märchen. Wie oft hat man schon darüber geschrieben. Wahrscheinlich bereiten sie wieder etwas vor, verpuppen sich. Sie sind doch gerade dabei einen neuen TV-Sender zu eröffnen, geben insgesamt um die zwei Dutzend Pressetitel heraus, haben Internetportale. Nur naive Menschen können so etwas behaupten. Ich lasse mich nicht täuschen. Allzu mächtige Kräfte stehen hinter ihnen, als dass sie abstürzen könnten.

George Soros (US-Milliardär, der in Polen viele linke Projekte, u. a. „Gazeta Wyborcza“ mitfinanziert – Anm. RdP) wird es nicht zulassen?

Es ist nicht nur der eine Soros. Hauptsache es gibt mehr Gutes in Polen.

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Pater Rydzyk und Jarosław Kaczyński. Text auf dem Plakat: „Wir flehen um Einigkeit im Vaterland‘.

Ein Jahr nach dem politischen Wechsel gibt es mehr davon? Wie beurteilen Sie die jetzige Regierung?

Vor allem hoffe ich, dass diejenigen die Regieren das Gute wollen. Bei vielen Regierungsmitgliedern sehe ich, dass es edle Menschen sind, dass sie für Polen arbeiten wollen. Oft höre ich im Ausland, dass man uns um diesen Staatspräsidenten, diese Regierung beneidet. Es sind Menschen die beten, die sich um ihr Land kümmern.

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Pater Rydzyk und Staatspräsident Andrzej Duda am Rande der Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag der Gründung von Radio Maryja in Toruń am 4. Dezember 2016.

Doch den Tag sollte man erst nach dem Sonnenuntergang loben und Menschen erst nach ihren Tod heiligsprechen. Jeder macht Fehler. Vor uns befinden sich Fallgruben und andere Fallen, und um sie herum viele Menschen aus den alten Seilschaften. Wir sehen, wie sie Sand ins Getriebe streuen. (…)

Ist es nicht ausreichend die politische Macht zu erobern, um zu regieren?

Nein, weil das Gewissen das wichtigste ist. Hochschulen, Medien, die Opposition sind nicht nur von anständigen Menschen bevölkert.

In den letzten Monaten haben diese Menschen nicht gescheut dazu aufzurufen Polen mit verschiedenen Strafen und Sanktionen zu belegen.

Ich sage es offen: Das ist Verrat. In Polen sollten wir unsere polnischen Probleme allein lösen. Nehmen wir etwa das „Komitee zur Verteidigung der Demokratie“. Ich frage: welcher Demokratie? Vielleicht der sozialistischen? Das sind Menschen aus den alten Seilschaften. Nicht alle, einige wurden verführt, aber die meisten doch.

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Pater Rydzyk und Ministerpräsidentin Beata Szydło im Studio von Radio Maryja.

Es wird behauptet, Sie bekommen Millionen von Zloty von der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit.

Das sind Verleumdungen. Ich habe nichts bekommen und ich habe Recht und Gerechtigkeit um nichts gebeten. Wenn es die Möglichkeit gibt eine offene, transparente Ausschreibung zu gewinnen, warum sollten wir nicht daran teilnehmen? Alles ist transparent, man sieht es, kann es überprüfen. (Im April 2016 bekam der Fernsehsender von Radio Maryja, Trwam von Kulturministerium 140.000 Zloty – ca. 33.000 Euro für eine Werbekampagne, die das Bücherlesen fördern soll zuerkannt – Anm. RdP).

Haben wir etwa keine Bürgerrechte? Steht uns etwa nicht das Recht zu geachtet zu werden? Neulich haben sie eine Frau zu uns geschickt, die mit einer Fratzenmaske Jarosław Kaczyńskis um unsere neue Kirche lief. Mit welchen Recht eigentlich? Hat Jarosław Kaczyński nicht schon genug gelitten?

Man kann mit jemandem anderer Meinung sein, aber man sollte sachbezogen diskutieren. Das was sie machen, bewegt sich auf einem sehr niedrigen Niveau. Dieses ständige Aufeinanderhetzen der Menschen tötet seelisch. Dasselbe haben sie nach der Tragödie von Smolensk (Absturz der polnischen Präsidentenmaschine am 10. April 2010, alle 96 Insassen kamen ums Leben – Anm. RdP) gemacht. Dieses Verhöhnen des menschlichen Todes, des Leidens. Das ist sehr unpolnisch, das gehört nicht zu unserer Zivilisation. Das ist so bolschewistisch (…)

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Wie sehen Sie die Zukunft Polens? Die Linke und die Medien wollen uns davon überzeugen, dass wir „entchristlichen“ müssen, das Erbe der abendländischen Kultur und der Nation von uns weisen sollen, dass wir den Weg des Westens gehen sollen.

Diese Leute verstehen nichts oder sie werden vom bösen Willen getrieben. Oder beides. Wir müssen nichts, wir können unseren eigenen Weg gehen. Und im Westen sollten sie aufpassen, dass ihnen die Moslems nicht auf ihre Art die Religion beibringen.

Die Zeiten sind unruhig geworden. (…)

Ja es ist sehr unruhig. Wir dürfen nicht den Grundsatz vergessen: willst du Frieden, bereite Dich auf den Krieg vor. Die vorherige Regierungsmannschaft hat uns entwaffnet. Es gibt kaum eine Armee. Standorte wurden geräumt oder ganz aufgegeben. Wachdienste bewachen die Kasernen und das Militär geht um 15 Uhr nach Hause. Es ist lächerlich.

Sie haben es auf alles abgesehen: auf die Armee, die Bildung, Kultur, den Geist, die Kirche. Das alles muss wieder aufgebaut werden und es ist gut, dass das geschieht.

Bis jetzt wurden die Polen vor allem dazu angehalten zu emigrieren, sich als Arbeitskräfte in reichen Ländern zu verdingen. Dieses Emigrieren zerrüttet die Familien, macht Kinder zu Euro-Waisen. Deswegen freue ich mich, dass endlich Hoffnung zu keimen beginnt. Wir sollten keine Minderwertigkeitskomplexe haben. Auch die Kirche in Polen darf keine Komplexe haben. Wir als Kirche müssen wir bleiben und der Wahrheit dienen.

RdP




Die Frauen des polnischen Papstes

Zwischen Fakten und Anspielungen blüht die Fantasie.

„Pikante Hinweise“, „enges Verhältnis zu einer verheirateten Frau“, „sehr enges Verhältnis“, „intensive Beziehung“, „Brisanz der geheimen Briefe“… Als die BBC Mitte Februar 2016 die Ausstrahlung ihrer Dokumentation „The Secret Letters of Pope John Paul II” ankündigte, überschlugen sich auch in den deutschsprachigen Medien die zweideutigen Unterstellungen. Umso mehr, als der deutsch-französische TV-Sender ARTE den Bericht bereits einen Tag nach den Briten zeigte. Doch der zur Explosion gebrachte vermeintliche Skandalstoff verpuffte schnell in der Wirkungslosigkeit.

„Werte“, „Verehrte“, „Liebe“

Und das, obwohl die Übersetzung der Papst-Briefe bei ARTE an manchen Stellen, entweder absichtlich oder wegen einer unkritischen Verdeutschung des englischen Originaltextes, einer Manipulation glich. Der Geistliche schrieb in der Anrede „Moja Droga“, „Szanowna Pani“ oder „Droga Pani Profesor“ („Meine Werte“, „Verehrte Frau“, bzw. „Werte Frau Professor“), aber auf Deutsch hieβ es bei ARTE stets „Liebe“. Schon in der dritten Minute des Films erschien ein Papstbrief auf dem Bildschirm, der mit dem Gruβ schlieβt: „Serdecznie pozdrawiam Męża i Dzieci, polecam Bogu“ („Ich grüβe herzlich den Ehemann und die Kinder, empfehle sie Gott“). Fehlte hier die Übersetzung, weil man die Worte schlecht einem liebestollen Greis, der dazu noch vor nicht langer Zeit heiliggesprochen wurde, zuschreiben konnte?

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„Ich grüβe herzlich den Ehemann und die Kinder, empfehle sie Gott“. Den Papst verband  eine aufrichtige Freundschaft auch mit Tymienieckas Ehemann, dem Ökonomen Hendrik S. Houthakker (1924-2008). Foto aus den 60er Jahren.

Laut Dokumentation pflegte der damalige Kardinal von Kraków, Karol Wojtyla (1920-2005), seit Beginn der 70er Jahre einen regen Kontakt zu der polnisch-amerikanischen Philosophin Anna Teresa Tymieniecka (1923-2014). Doch das war seit langer Zeit bestens bekannt. Neu an der Dokumentation ist, dass Briefe und Privatfotos die Seelenverwandtschaft dokumentieren.

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Polnische Nationalbibliothek in Warschau.

Wie das polnischsprachige Springer-Boulevardblatt „Fakt“ vor kurzem herausfand, gelang es Tymieniecka 2008, nach langwierigen Verhandlungen, den umfangreichen Bestand ihrer Briefe an den Papst der Warschauer Nationalbibliothek für sage und schreibe umgerechnet 2,5 Mio. Euro zu verkaufen. Für diese Riesensumme habe die Bibliothek „das Copyright für alles erworben, was Tymieniecka an Karol Wojtyla geschrieben hat, und es drohe ein Verfahren, sollte irgendetwas daraus zitiert werden“, lieβ die neue Eigentümerin das BBC-Team wissen. So durfte das Fernsehteam zwar die Briefe von Frau Tymieniecka einsehen, musste sich aber im Film notgedrungen darauf beschränken die Briefe des Papstes an sie zu zitieren, während die Briefe aus der Feder der Professorin an ihn nicht wiedergegeben werden durften.

Offensichtlich darüber in Sorge, der Reporter Ed Stourton wolle eine Skandalgeschichte konstruieren, schob die Bibliothek noch eine kurze öffentliche Stellungnahme nach: „Behauptungen, die in den Medien aufgestellt werden, finden keinerlei Bestätigung im Inhalt der Briefe von Johannes Paul II. an Anna Teresa Tymieniecka, die sich in den Beständen der Nationalbibliothek befinden. Die geschilderte Bekanntschaft ist allgemein bekannt und wurde in vielen Veröffentlichungen dargestellt. Johannes Paul II. umgab ein Kreis von geistlichen und weltlichen Freunden, mit denen er im engen Kontakt gestanden hat. Zu diesem Kreis gehörte auch Anna Teresa Tymieniecka. Die Beziehung zu ihr war weder vertraulich noch auβergewöhnlich.“

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Der heutige Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz begleitete Karol Wojtyla 39 Jahre lang als Privatsekretär.

Zu Wort meldete sich auch mit einer kurzen Erklärung der Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz (fonetisch: Dsiwisch), der Karol Wojtyla 39 Jahre lang als Privatsekretär begleitete, ihm nahestand wie kaum jemand anderer und Stourton ein Interview verweigerte: „Wer an der Seite Johannes Paul II. gelebt hat, der weiβ, dass es in seinem Leben keinen Bereich gibt, in dem man nach dem Bösen suchen könnte. Er war ein freier und transparenter Mensch ohne Komplexe, weil er rein war und jeden Menschen in jeder Lebenssituation achtete. Das ist der einzig richtige Schlüssel, mit dem man heute Zugang zu seinem vorbildlichen und heiligen Leben finden kann.“

Auch wenn sich ein Teil der deutschsprachigen Medien, nach der Ausstrahlung der ernüchternd unsensationellen Dokumentation bei ARTE und dem Dementi aus dem Vatikan („mehr Rauch als Feuer“), von weiteren anzüglichen Unterstellungen verabschiedet hatte, blieben die Hintergründe und Begleitumstände der Geschichte weitgehend unklar, weil sie, auch im Film, verkürzt, manchmal auch falsch dargestellt wurden.

Intelligent, forsch, eingebildet

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Tymienieckas Vorbild: der herausragende polnische Philosoph Roman Ingarden (1893 – 1970).

Anna Teresa Tymieniecka war eine polnisch-amerikanische Philosophin. Sie entstammte einer vermögenden polnisch-französischen Adelsfamilie, studierte nach 1945 Philosophie an der Jagiellonen-Universität in Kraków. Im Zuge der stalinistischen Gleichschaltung im kommunistischen Polen durfte ab 1948 nur noch marxistische Philosophie unterrichtet werden. Ihr groβes Vorbild, der herausragende polnische Philosoph Roman Ingarden bekam, zusammen mit vielen anderen Kollegen, Lehrverbot. Tymieniecka durfte, aufgrund ihrer zweiten französischen Staatsangehörigkeit, das inzwischen streng hinter dem Eisernen Vorhang abgeschottete Polen verlassen, ging zuerst nach Belgien, dann in die Schweiz, schlieβlich in die USA.

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Tymienieckas Idol: der groβe deutsche Denker und Begründer der Phänomenologie Edmund Husserl (1859-1938).

Ihr philosophisches Idol war der groβe deutsche Denker und Begründer der Phänomenologie Edmund Husserl (1859-1938). Sie gab in Boston u. a. die Buchreihe „Analecta Husserliana“ heraus. Im Jahr 1973 stieβ sie auf Kardinal Wojtylas philosophisches Buch „Osoba i czyn“ („Person und Tat“). Tief beeindruckt, beschloss sie kurzerhand es  ins Englische zu übersetzen und in den USA zu verlegen.

Karol Wojtyła war damals 53 Jahre alt, Kardinal und Erzbischof von Krakau. Anna-Teresa Tymieniecka war zu diesem Zeitpunkt 50, verheiratet, Mutter von drei Kindern. Ihre damals beginnende persönliche Bekanntschaft und Korrespondenz mit Karol Wojtyła dauerte 32 Jahre lang.

Die ebenso intelligente wie energische, eigenwillige, forsche, zielstrebige und von sich eingenommene Dame verstieg sich, so der Film, gegenüber dem amerikanischen Journalisten und Papst-Biographen Carl Bernstein tatsächlich zu der Äuβerung: „Ich sehe es so, dass das Pontifikat Wojtylas nach meinen Ideen geführt wird“. Der Papst, dem ihr philosophisches Wissen und ihre Redegewandtheit imponierten, wusste ihr jedoch sehr wohl die Grenzen aufzuzeigen.

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Papstbesuch in New York 1979. Die geschäftstüchtige Philosophin drängte darauf umgehend ihre englische Fassung seines Buches „Person und Tat“ herauszugeben. Das für philosophische Laien schwer zugängliche Werk würde, während der anfänglichen Begeisterung nach der sensationellen Wahl des polnischen Papstes, sicherlich zwar kaum Leser aber auf jeden Fall sehr viele Käufer finden.

Tymienieckas englische Übersetzung des Buches erwies sich als ungenau, teilweise frei erfunden, die Gedanken des Autors weitgehend verformend. Das begann bereits mit dem Titel, der in der englischen Version „The acting Person“, anstatt „Person and Act“ lautete, und Wojtylas Denkansatz völlig entstellte.Die stets geschäftstüchtige Philosophin drängte nach seiner Wahl zum Papst darauf umgehend ihre englische Fassung des Buches herauszugeben, in der richtigen Annahme, das für philosophische Laien eher schwer zugängliche Werk werde, während der anfänglichen Begeisterung nach der sensationellen Wahl des polnischen Papstes, zwar kaum Leser aber auf jeden Fall sehr viele Käufer finden.

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Wojtyla war nicht nachtragend und nahm den Kontakt zu Tymieniecka gern wieder auf, als sie ihren Groll überwand und sich bei ihm nach einer Zeit der „Funkstille“ meldete.

Der neu gewählte Papst hatte keine Zeit dafür, mehrere hundert Seiten des polnischen Textes mit Tymienieckas englischer Version abzugleichen. Er benannte dafür eine dreiköpfige Kommission aus Pfarrer Tadeusz Styczeń, Pfarrer Marian Jaworski und Dr. Andrzej Półtawski (fonetisch: Pultawski. Ehemann von Wanda Półtawska, einer anderen, sehr engen Freundin Wojtylas) allesamt anerkannte Philosophieexperten. Ihr Streit mit der uneinsichtigen Tymieniecka dauerte einige Jahre lang und endete im Nichts. Ihre eigenwillige „Übersetzung“ landete im Papierkorb.

Wojtyla, der nicht nachtragend war und dem Freundschaften außerhalb der Kirchenwelt stets wichtig waren, nahm den Kontakt zu Tymieniecka gern wieder auf, als sie ihren Groll überwand und sich bei ihm nach einer Zeit der „Funkstille“ erneut meldete.

Spätestens nach dem Attentat auf Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 wird die Freundschaft wieder eng. Tymieniecka besucht den Verletzten im Krankenhaus und trifft ihn nun regelmäßig in Rom, sie schickt ihm gepresste Blumen und Fotos von daheim; er antwortet: „Ich denke an Dich, und in Gedanken komme ich jeden Tag nach Pomfret.“ Das letzte Mal sieht sie ihn am 1. April 2005, am Tag bevor Papst Johannes Paul II. stirbt.

Freundschaften und Provokationen

Um ihr mehr Gewicht zu verleihen, rissen BBC-Reporter Ed Stourton und seine Informanten ihre Geschichte über die angeblich „keusche Leidenschaft“ der beiden aus dem reichhaltigen Zusammenhang des Wojtyla-Lebens heraus. Sie hoben immer wieder die angebliche Abgeschiedenheit und Einsamkeit Johannes Paul II. im Vatikan hervor, die, so der Eindruck den der Film vermittelt, nur Tymieniecka durchbrechen konnte. In Wirklichkeit lud der Papst beinahe jeden Tag irgendeinen seiner polnischen Bekannten und Freunde ein, die gerade in Rom weilten, mit ihm zu Abend zu essen. Mit vielen von ihnen führte er einen regen Briefwechsel.

Lange bevor Sourton überhaupt der erste Gedanke an seinen Bericht in den Sinn kam, beschrieb bereits der herausragende Papst-Biograf George Weigel („Zeuge der Hoffnung“ 2002 und „The End and the Beginning“ 2011) Wojtyłas Freundschaften mit Frauen, u. a. mit Tymieniecka.

Die Zurückhaltung und das Misstrauen, auf die Sourton bei seinen Recherchen in Polen stieβ, hatten durchaus nachvollziehbare Gründe. Allein schon die sensationsheischenden Ankündigungen seines Berichtes durch die BBC und andere britische Medien zeigen, dass Zweifel durchaus angebracht waren.

Umso mehr, als sich bis heute im öffentlichen Gedächtnis immer noch die Spuren einer brachialen Provokation der polnischen Staatssicherheit aus dem Jahr 1983 gehalten haben.

Unternehmen „Triangolo“

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Irena Kinaszewska

Irena Kinaszewska war Witwe und alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Um etwas mehr Geld zu verdienen, tippte sie wissenschaftliche Beiträge und Predigten des Kirchenmannes ab. Aktennotizen belegen, dass Stasi-Major Józef Gibski, der die umfangreiche Bespitzelung der Krakauer Kirchenkreise beaufsichtigte, zwar keine Zweifel hatte, dass es keine Liebschaft gab, aber dennoch, auf Anordnung von oben, unter dem Decknamen „Triangolo“ an der Legende zu schmieden begann.

Die besten Kräfte der Abteilung IV aus dem ganzen Land wurden dazu abkommandiert, darunter Hauptmann Grzegorz Piotrowski, der ein Jahr später, 1984, das Mörder-Kommando anführen sollte, das Pfarrer Jerzy Popiełuszko umgebrachte.

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Stasi-Hauptmann Grzegorz Piotrowski (in der Mitte, auf der Anklagebank) leitete Anfang 1983 ein Kommando, das die Liebschaft Kardinal Karol Wojtyłas und Irena Kinaszewskas glaubhaft machen sollte. Im Oktober 1984 stand er an der Spitze eines Stasi-Mörderkommandos, das Pfarrer Jerzy Popiełuszko umgebracht hat. Der Mord flog auf und er wurde zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Beamten, die ihre Identität nicht preisgaben, lockten Kinaszewska unter einem Vorwand zu einem Treffen, bei dem ihr mit Alkohol vermischte Drogen kredenzt wurden, um sie redselig zu machen. Der Verlauf des Treffens wurde heimlich gefilmt, doch Kinaszewska, langsam wohl ahnend mit wem sie es zu tun hatte, sagte immer wieder, ihre Gesprächspartner sollen den Papst in Ruhe lassen, denn er sei „ein heiliger Mensch“.

Doch die Stasi gab nicht auf. Sie fertigte kurzerhand selbst Kinaszewskas „intimes Tagebuch” an, der Authentizität wegen, sogar unter Verwendung ihrer eigenen Schreibmaschine. Hierfür brach ein für solche Zwecke eigens ausgebildetes Kommando, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, während ihres Urlaubs in ihre Wohnung ein und nahm die Schreibmaschine für einige Tage mit.
Das gefälschte Tagebuch sollte in der Krakauer Wohnung von Pfarrer Andrzej Bardecki, eines guten Bekannten Kinaszewskas und Freundes von Wojtyla, deponiert werden.

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Wojtyła-Freund, Pfarrer Andrzej Bardecki. In seiner Wohnung hatte die Stasi die „Liebeserinnerungen“ Irena Kinaszewskas deponiert, um den „Überraschungsfund“ bei einer Durchsuchung zu Tage fördern und den Skandal auszulösen.

Zwei Beamtinnen warteten bis Bardecki die Wohnung verlieβ, klopften an und erklärten der greisen Haushälterin sie würden eine Kleiderspende bringen. Während die eine Beamtin die Frau ablenkte, schob die andere das „Tagebuch“ hinter den Heizkörper in Bardeckis Arbeitszimmer. Eine Hausdurchsuchung sollte wenige Tage später den „Überraschungsfund“ zu Tage fördern und den Skandal auslösen.

Das fünfköpfige Stasi-Team beschloss den bevorstehenden Erfolg danach ausgiebig in einem Krakauer Lokal zu feiern. Obwohl stark betrunken, wollte Hauptmann Piotrowski mit einer der Beamtinnen im Auto ins Hotel fahren. Unterwegs verursachte er einen Unfall. Die Verkehrs-Miliz kam, doch Piotrowski zog seinen Stasi-Dienstausweis, wohlwissend, dass, wie es üblich war, der ganze Vorfall vertuscht würde.

Zu seinem Unglück jedoch berichtete der alkoholisierte Piotrowski, in einem Anflug von Übermut, den beiden Miliz-Beamten, weswegen das Stasi-Kommando nach Kraków gekommen sei. Einer der Verkehrspolizisten gab noch in derselben Nacht die Nachricht diskret an einen Mitarbeiter der Krakauer Kurie weiter. Als die Stasi zwei Tage später in der Wohnung von Pfarrer Bardecki anklopfte war das „intime Tagebuch“ längst entfernt worden.

Priester dürfen Freunde haben

Dennoch geistert bis heute das „intime Tagebuch“ Kinaszewskas durchs Internet. Der rabiat antiklerikale Politiker Janusz Palikot und ehem. stellv. Vorsitzende von Donald Tusks Bürgerplattform, hat es noch 2014 zum Gegenstand einer Medienkampagne gemacht. Kein Wunder, dass die Warschauer Nationalbibliothek auf Ed Stourtons nicht ganz unzweifelhaftes Vorhaben wie ein gebranntes Kind reagierte.

Seine Dokumentation enthüllt ohnehin kein welterschütterndes Geheimnis, das nun den polnischen Papst in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen würde. Nicht neu ist, dass sich der Papst und die Philosophin nahe standen. Dass sich ihre Freundschaft auβderhalb der gebotenen Grenzen von Sitte und Anstand bewegt haben soll, kann der Bericht nicht beweisen. Zudem verband den Papst auch eine aufrichtige Freundschaft mit Tymienieckas Ehemann, dem Ökonomen Hendrik S. Houthakker.

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Priester brauchen tiefe Freundschaften, sonst vereinsamen sie, sagen Therapeuten, die Priester in Krisenphasen ihres Lebens begleiten. Dabei können sie sich durchaus auch auf den heiligen Johannes Paul II. berufen.

Das alles lässt die These der Filmemacher wackeln, die besagt, hier sollte etwas verborgen werden, um die Heiligsprechung des verstorbenen Papstes nicht zu gefährden. Katholischen Priestern ist es beileibe nicht verboten, tiefe Freundschaften zu Frauen wie zu Männern zu unterhalten, was in der Folge auch immer ihre Umgebung in die Beziehung hineingeheimnissen mag. Wenn auch unabsichtlich, durch den Film entsteht vielmehr ein genaueres und differenzierteres Bild des polnischen Papstes, der intensive Verbundenheit und Vertrautheit suchte und zu pflegen wusste.

Priester brauchen solche tiefen, manchmal sogar zart-poetischen Freundschaften, sonst vereinsamen sie, sagen Therapeuten, die Priester in Krisenphasen ihres Lebens begleiten. Dabei können sie sich durchaus auch auf den heiligen Johannes Paul II. berufen.

Die BBC-Dokumentation ist hier zu sehen.

© RdP




Fenster mit Aussicht auf Leben

Die UNO wird sie nicht schlieβen.

Als Fenster des Lebens bezeichnet man in Polen das, was in Deutschland, etwas salopp, Babyklappe genannt wird, seitdem die erste im Jahr 2000 in Hamburg eröffnet wurde. Knapp sechzig solcher Fenster gibt es heute im Land. Sie sollen Kurzschlussreaktionen verhindern, wenn Schock, Panik und Verzweiflung Mütter dazu bringen ihre Neugeborenen irgendwo abzulegen und dem Tod auszusetzten.

Seitdem es in Polen die Fenster des Lebens gibt, und die Medien über jedes dort gefundene Baby berichten, ist die Zahl tot aufgefundener Kleinstkinder deutlich zurückgegangen. Dennoch werden immer noch bis zu zwei Dutzend tote Neugeborene pro Jahr auf Müllkippen, in Parks und Wäldern gefunden.

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Das Fenster des Lebens in Koszalin von Innen und von Auβen gesehen.

Als Ende Januar 2016 Schwester Malwina Iwanicka (fonetisch Iwanitzka) als Erste mitten in der Nacht das Klingeln hörte und hinunterlief, war klar, was das bedeutete. Zum ersten Mal seit sie vor sechs Jahren das lebensrettende Fenster in ihrem Kloster der Gemeinschaft der Töchter der Gottesliebe in Koszalin/Köslin eingebaut hatten, hatte jemand dort ein Neugeborenes zurückgelassen.

Der Junge war nur in eine Trainingsjacke eingewickelt, blutverschmiert und unterkühlt. Er musste erst kurz zuvor zur Welt gebracht worden sein, nicht einmal die Nabelschnur war abgebunden. Die Schwestern legten das Baby in ein vorgewärmtes Bettchen und riefen, wie vorgesehen, den Rettungsdienst herbei. Das Kind wurde umgehend ins Krankenhaus gebracht. Es schwebte in Lebensgefahr, so die Ärzte.

Zum Glück konnte Gabriel, diesen Namen haben ihm die Schwestern gegeben, selbständig atmen und wachte in einem Brutkasten wieder auf. Er wurde ins Register Aufgefundener Kinder eingetragen und kann adoptiert werden. Es sei denn, seine Mutter meldet sich und möchte ihn zu sich nehmen. Laut polnischem Recht hat sie sechs Wochen Zeit dazu und muss keinerlei strafrechtliche Folgen fürchten.

Entsprechende Fälle gab es bereits. So geschehen z. B. 2013 in Zamość. Dort hatten die Franziskanerinnen ein in ein weiβes Handtuch eigewickeltes Neugeborenes in ihrem Fenster des Lebens gefunden. Das Kind kam ins Krankenhaus, zwei Wochen später bestätigte das Gericht seinen Vornamen Piotr, den ihm die Schwestern gegeben hatten, und fügte noch einen Nachnamen hinzu, denn nur so konnte eine Geburtsurkunde ausgestellt werden. Der Kleine kam in ein Heim und sollte sehr bald Adoptiveltern vermittelt bekommen. Adoptionswillige Paare gibt es auch in Polen weit mehr als Neugeborene, die angenommen werden können.

Plötzlich jedoch erschien die Mutter bei Gericht mit dem Antrag auf Feststellung ihrer Mutterschaft. Die Gentests bestätigten dann, sie war Piotrs Mutter. Das Gericht gab ihr Piotr zurück, schränkte aber ihre Elternrechte ein. Mittlerweile kommt der Betreuer nicht mehr jede Woche sondern schaut nur noch alle drei Monate bei Mutter und Kind vorbei. Das ist nun ausreichend.

Okno życia Wrocław
Fenster des Lebens in Wrocław.

Manchmal allerdings, gibt es leider kein Happy End. Mitte März 2016 fanden die Borromäerinnen-Schwestern in Wrocław/Breslau in ihrem Fenster ein totes Baby. „Hoffentlich wird es Martyna woanders besser haben“, stand auf einem beigelegten Zettel. Das Mädchen war ein Frühgeborenes. Es kam etwa im sechsten Monat zur Welt und war kurz danach im Fenster abgelegt worden.

Einen glücklichen Ausgang hatte hingegen die Geschichte der kleinen Agata, die eines Tages in 2010 im Fenster des Lebens am Kloster der Schwestern der Hl. Familie von Nazareth in Kielce lag. Ärzte stellten fest, das Kind sei gesund und gut gepflegt. Wenige Stunden später meldeten sich die Mutter und deren Großmutter im Krankenhaus.

Die junge Frau konnte zwar nicht beweisen, dass sie die Mutter sei, als sie aber Agata auf den Arm nahm und das Kind vor Freude zu strampeln und zu lachen begann, war das Misstrauen überwunden. Die Mutter legte das Baby an ihre Brust an, und beide durften im Krankenhaus übernachten.

Pfarrer Krzysztof Banasik, stellv. Leiter der Caritas in Kielce, deren Büros sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Fensters befinden, ging der Sache nach und fand eine sehr typische Situation vor. Das Leben der jungen Frau, die einer zerrütteten Familie entstammte, war ganz und gar aus den Fugen geraten. Der Vater des Kindes, ein noch nicht erwachsener Tunichtgut, hatte sich aus dem Staub gemacht, genauso wie schon lange zuvor ihre alkoholabhängigen Eltern. Die im Krankenhaus mit erschienene Großmutter lamentierte nur, dass die Enkeltochter es nie im Leben schaffen werde die Kleine groβzuuziehen.

Okno życia. Ks. Krzysztof Banasik Kielce foto
Pfarrer Krzysztof Banasik.

Pfarrer Banasik beschaffte zwei Kinderwagen und die übrige Säuglingsausstattung, und das Sozialhilfezentrum der Stadt versprach längerfristige Unterstützung. Das wiederum veranlasste das Familiengericht Agata der Mutter anzuvertrauen, allerdings unter der Kontrolle einer Betreuerin. Mittlerweile ist eine solche Betreuung nicht mehr erforderlich.

Die Fenster des Lebens sollen auf jeden Fall die Anonymität garantieren: ruhige Lage, keine Kameras, kein helles Laternenlicht, das Fenster muss von Auβen leicht zu öffnen sein, der Innenraum ist warm und klimatisiert. Die meisten befinden sich in Klöstern und Krankenhäusern.

Das erste Fenster dieser Art in Polen wurde 2006 in Kraków von den Nazarethanerinnen-Schwestern eingerichtet. Drei Monate später lag dort ein kleiner Junge. Die Schwestern wussten in der ersten Aufregung nicht was sie tun sollten. Das Neugeborene war unterkühlt und sehr schwach. Die Ärzte konnten es retten. Das Baby bekam bald darauf eine Geburtsurkunde ausgestellt, nach einigen Monaten hatte es eine Familie gefunden, in der es aufwachsen kann.

Heute dauert es nicht mehr so lange, bis dass ein Kind in seine neue Familie darf. Seit 2006 wurde auf diese Weise allein in Kraków 18 kleinen Menschen das Leben gerettet. Im Jahr 2014 entkamen in ganz Polen 77 Neugeborene durch die Fenster womöglich dem Tod.

Derweil versucht das UN-Komitee für Kinderrechte seit 2012 ein Verbot von Babyklappen durchzusetzen. Im November 2015 wurde auch Polen von der UNO namentlich aufgefordert die Fenster des Lebens abzuschaffen, weil sie das „Recht der Kinder“ verletzen, die eigenen Eltern kennenzulernen. Zitat: „Zudem unterbleibe eine Abwägung des Rechts auf Leben und Entwicklung (Artikel 6 der Kinderrechtskonvention) mit dem Recht des Kindes auf Kenntnis der eigenen Identität und auf Beziehungen zu seinen Eltern.“

Okna życia Marek Michalak foto
Marek Michalak, der Kinderrechtsbeauftragte des polnischen Parlaments.

Dieser Appell der UNO dürfte wirkungslos bleiben, denn bei der Abwägung, die in Polen keineswegs unterbleibt, kommen die polnischen Behörden zu einem anderen Schluss als die UNO.

Marek Michalak, der Kinderrechtsbeauftragte des polnischen Parlaments bringt die offizielle Haltung auf den Punkt, indem er sagt: „Das Recht auf Leben hat Vorrang vor dem Recht auf Identität. Die Fenster des Lebens sind der ein Teil der Alternative, deren anderer Part sind die Müllkippe, der Wald oder ein Kübel. Das UN-Komitee spricht von der Identität des Kindes. Das ist für uns kein Argument im Wettlauf um sein Leben.“

Die Behörden wissen sehr wohl, was sie tun wenn sie der UNO widersprechen. Eine andere Haltung wäre der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln und auch nicht durchsetzbar. Laut neusten Angaben kommen in Polen 99 Prozent der ungewollten Kinder in Krankenhäusern zur Welt und werden von dort zur Adoption vermittelt. Es geht also um das letzte eine Prozent. Dieses letzte Prozent soll auch eine Aussicht auf Leben haben.

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