Ein gesegnetes Osterfest wünscht Ihnen aus Warschau Ihr RdP




Das Wichtigste aus Polen 17. März – 7. April 2019

Kommentatorin Olga Doleśniak-Harczuk und Janusz Tycner diskutieren die wichtigsten Ereignisse der letzten Zeit in Polen ♦ Gender und sexuelle Minderheiten: ein Spitzenthema des Europa-Wahlkampfes in Polen ♦ Lehrerstreik.  Keine Kompromissbereitschaft, überzogene Gehaltsforderungen, klare politische Absichten. Linke Lehrergewerkschaft auf hartem Konfrontationskurs. ♦ Polnischer Blick auf ukrainische Präsidentschaftswahlen.




Was tragen die Polen

Praktisch vor modisch.

Das Erscheinungsbild des Publikums auf den Straβen polnischer Groβstädte unterscheidet sich kaum mehr von dem in Westeuropa. Die Mode ist gleich, aber einige Unterschiede gibt es immer noch.

Das unförmige, graue, in den Kaufhäusern des Ostblocks erhältliche Outfit jedenfalls ist längst Vergangenheit, an die manchmal noch die Kleidung älterer Menschen in der Provinz erinnert.

Löcher stopfen, Löcher machen

Modische Polinnen in Warschau Anfang der Sechziger….

Die Polinnen haben übrigens während der Zeit des Kommunismus trotz aller Widrigkeiten ihr Modebewusstsein sehr eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Es wurde genäht, gestrickt, gehäkelt, umgeändert und gefärbt was das Zeug hielt. Gab es keine Schnittmuster, mussten Fotos aus westlichen Illustrierten und Modejournalen reichen, die ihren Weg hinter den eisernen Vorhang gefunden hatten. Es gab im kommunistischen Polen häufig Anlass sich nach schicken Mädchen umzudrehen. Besucher aus dem Westen waren ebenfalls sehr angetan.

…und in den Siebzigern.

Heute wissen junge Polen, teilweise auch schon ihre Eltern, gar nicht mehr, wie das Land ohne H&M oder Zara existieren konnte.

Längst verschwunden sind aus dem Straβenbild die kleinen Anlaufpunkte, in denen Laufmaschen in Damenstrümpfen- und Strumpfhosen repariert wurden. Maschenware war teuer und, wie fast alles im Kommunismus, schwer zu bekommen.

Laufmaschenstoppen. Irgendwo in Polen in den sechziger Jahren.

Noch vor fünfzig, sechzig Jahren war der Kauf eines Wintermantels für viele Familien eine wahre finanzielle Herausforderung. Der alte wurde also zu Hause oder in der Änderungsschneiderei aufgetrennt, hie und da aufgearbeitet, umgedreht, zusammengenäht und die jüngeren Kinder trugen ihn noch jahrelang. Die heutigen Winterjacken gibt es günstig im Angebot und umdrehen lassen sie sich auch nicht.

Groβmütter oder Mütter stopften abends Socken. Das ist jetzt nicht mehr so, und nicht nur weil sich die heutigen Socken nur schwer stopfen lassen. Heute machen sich auch polnische Jugendliche Gedanken darüber, wie sie Löcher in Markenjeans hinkriegen, weil zerrissene Jeans im Laden mehr kosten als solche die ganz sind.

Groβer Markt kleiner Geldsäckel

Der uniformlastige Kommunismus ging unter, der Kapitalismus kam und mit ihm die neue Vereinheitlichung des Outfits. Weltumspannende Bekleidungsketten ziehen die Polen genauso an, wie gleichaltrige Tschechen, Ungarn, Belgier, Deutsche. Knapp siebzig Prozent der Polen geben an dort Stammkunden zu sein.

Reserved-Filiale in Gdańsk.

Ein groβes Netz von Geschäften unterhalten auch Reserved, Cropp, House, Sinsay, Mohito. Hinter diesen ausgesprochen westlich klingenden Namen verbirgt sich das polnische Groβunternehmen LPP mit Sitz in Gdańsk. Es unterhält knapp zweitausend Filialen in Europa und Nahost, davon dreiβig in Deutschland unter dem Label Reserved. Der Umsatz beträgt inzwischen knapp 1,5 Milliarden Euro.

Jeder dritte Pole räumt ein, wenigstens einmal im Monat etwas zum Anziehen zu kaufen. Jeder elfte tut das seltener als einmal im Jahr. Für Kleidung geben die Polen im Durchschnitt umgerechnet 310 Euro pro Jahr aus, genauso viel wie Tschechen und Slowaken, und etwas mehr als die Ungarn, Serben und Bulgaren. Der EU-Durchschnitt liegt bei 800 Euro.

Dabei sind die Preise bei H&M, Zara oder P&C in Polen dieselben wie in Deutschland oder Skandinavien, manchmal sogar etwas höher. Deutsche oder Schweden geben jedoch, dank ihres deutlich höheren Einkommens, viermal so viel (etwa 1.200 Euro jährlich) für Bekleidung und Schuhe aus wie die Polen.

Knapp 50 Prozent der Polen sagen, dass sie weniger als zehn Prozent ihres Monatseinkommens für eigene Bekleidung ausgeben. Gut 30 Prozent beziffern ihre Ausgaben auf bis zu 25 Prozent des Monatseinkommens. Bei nur 6 Prozent erreicht dieser Anteil 40 Prozent des monatlichen Verdienstes.

Muss der Einzelne beim Shoppen zumeist kleine Brötchen backen, so ist der polnische Bekleidungsmarkt als Ganzes mit seinen etwa achtunddreiβig Millionen Verbrauchern durchaus verlockend. Immerhin wurden 2018 im Land, mit Bekleidung einschlieβlich Schuhen, umgerechnet gut acht Milliarden Euro umgesetzt. Das plaziert Polen an achter Stelle in Europa. Viele, nicht nur die Bekleidungsketten, wollen an diesem Kuchen teilhaben.

Basare, lumpeksy, Louis Vuitton

Jeder fünfte Pole versorgt sich mit Textilien überwiegend auf Märkten, die in Polen „bazar“ heiβen und wie in Nahost und Asien aus dem Straβenbild nicht wegzudenken sind. Zwischen Obst-, Gemüse-, Fleisch,- und Ramschständen gibt es Billiges zum Anziehen aus der Türkei, der Ukraine und aus Asien zu kaufen, fast ausnahmslos bei Vietnamesen.

Basar-Anprobe.

Vor allem die Provinz kleidet sich auf den Basaren ein. Zu Tausenden wiegen sich dort an der frischen Luft Nachahmungen von Modellen aus den groβstädtischen Bekleidungsketten: billige Stoffe, oft lieblos zugeschnitten und nicht gerade sorgfältig verarbeitet, aber preiswert.

Nicht jede Polin ist für Leggins geschaffen.

Bergeweise werden dort auch Leggins verkauft. Es ist die Lieblingskluft des femininen Teils der unteren sozialen Schichten. Und dieser scheint sich zumeist nicht im Geringsten darum zu scheren, wie er von hinten betrachtet aussieht.

Stark im Bekleidungsgeschäft vertreten ist die Second-Hand-Branche. Polens Städte sind sehr gut bestückt mit Läden, in denen im trostlosen Neonlicht zumeist kiloweise gebrauchte Kleidung angeboten wird. Im Volksmund heiβen sie „lumpeks“ (Mehrzahl „lumpeksy“). Leute mit wenig Geld geben sich dort die Klinke mit durchaus gut situierten Schnäppchenjägern in die Hand.

Lumpeks-Kundschaft vor…

…und im Laden.

Die „lumpeksy“ buhlen um Kundschaft, indem sie sich spezialisieren: auf „heiβe Klamotten direkt aus Amerika“, „gute deutsche Ware“ oder „echten französischen Chic“. Alles angeliefert in Groβcontainern von irgendwoher auf Welt.

Andererseits ist man, so ist es zu hören, bei Louis Vuitton in Warschau ebenfalls mit den Umsätzen sehr zufrieden. Ab und zu sollen in dem Verkaufssalon sogar Warteschlangen an der Kasse gesichtet worden sein. Rabattaktionen gibt es bei Louis Vuitton nie, denn offensichtlich gibt es genug Kunden, die bereit sind umgerechnet gut 400 Euro für Plastik-Flip-Flops zu bezahlen. Auch die berühmten Handtaschen verkaufen sich gut.

Fünf Hosen im Schrank

Zugleich brummt das Internet-Geschäft. Allein bei Allegro gehen 2019 in ganz Polen pro Stunde 170 Blusen, 183 Röcke und 39 Sweatshirts über den virtuellen Ladentisch. Ganze 75 Prozent der Käufer räumten ein, innerhalb der letzten sechs Monate vor der Befragung Kleidung im Internet gekauft zu haben. Mehr als die Hälfte von ihnen hat noch niemals auf diesem Wege gekaufte Textilien oder Schuhe zurückgeschickt.

In 63 Prozent der polnischen Kleiderschränke, man staunt, hängen nur bis zu fünf Paar Hosen sowie bis zu fünf Jacken oder Mäntel, stehen maximal fünf Paar Schuhe. Gerademal 14 Prozent der Befragten gaben an, bis zu zwanzig Stück der erwähnten Kleidung beziehungsweise Paar Schuhe zu besitzen.

Die Kleidung soll vor allem bequem, preiswert und geschmackvoll sein. Praktisch geht vor modisch. Nur 21 Prozent kaufen das was aktuell Mode ist. Etwa 18 Prozent erwerben ausschlieβlich beste Qualität, fast genauso viele geben an, mit den gekauften Sachen die Unvollkommenheiten ihrer Figur kaschieren zu wollen. Ausgefallenes mag und kauft jeder zwölfte Pole. Jedem/jeder Fünfzigsten ist es vor allem wichtig mit seinem/ihrem Outfit das andere Geschlecht zu beeindrucken.

Etwa ein Fünftel der Polen sagen von sich, sie seinen modebewusst. Noch vor gut zehn Jahren waren es einige wenige Internetportale und bunte Zeitschriften, in denen sie sich über neue Trends informieren konnten. Inzwischen ist deren Zahl fast schon unüberschaubar geworden, und auch die Trends ändern sich wie in einem Kaleidoskop.

Promis machen Mode

Die meisten Fashion-Fans machen es sich inzwischen leichter, indem sie die Prominenz der Regenbogenmedien nachahmen. Auch polnische Modeportale sind dazu übergegangen vor allem darüber zu berichten, was Promis bei Modeschauen anhatten. Was sich der Modeschöpfer ausgedacht und gezeigt hat, wird nur am Rande oder gar nicht erwähnt.

Promis machen Mode.

Auch die Farbvorlieben sind inzwischen gut erforscht. Die meisten Polen mögen’s nicht so schrill. Bevorzugt werden Sachen in Schwarz, Dunkelblau, Anthrazit, Indigoblau, Violett, Karminrot. Bei Frauen kommt noch Braun in verschiedenen Schattierungen hinzu. Man traut sich eben nicht aufzufallen, so sehen es jedenfalls die polnischen Modefachleute.

Plakat des polnischen Auftritts auf der Berliner Fashion Week 2019.

Natürlich gibt es auch in Polen eine kreative Modeszene, die sich im Januar 2019 auf der Berliner Fashion Week wieder einmal von ihrer besten Seite gezeigt hat. „Wear polish“ hieβ der polnische Auftritt auf der BFW. Im polnischen Pavillon präsentierten führende polnische Marken ihre nachhaltigen und unter ökologischen Gesichtspunkten kreierten Produkte. Orska, Pat Guzik, Nago, Surplus, Szymańska, Wearso.organic sind junge, vielversprechende Designer, die herausragendes Schneiderhandwerk mit Kreativität verbinden und sich zumeist an zeitlosen, minimalistischen Trends orientieren.

Der Einfluss solcher Mode-Künstler auf die allgemeinen Kleidungsgepflogenheiten ist in Polen jedoch genauso gering wie überall sonst auf der Welt. Zudem gibt es, wie überall so auch in Polen, auf dem Bekleidungsmarkt, wie bereits beschrieben, Erscheinungen, die einen auch nur halbwegs der Anmut verpflichteten Menschen die Flucht ergreifen lassen, sobald er ihrer ansichtig wird.

Um wegzurennen braucht man Schuhe und die, so Marktanalysen und Umfragen, sind für jeden vierten Polen ausschlaggebend für sein Aussehen. Sportschuhe befinden sich dabei eindeutig auf dem Vormarsch. Längst werden Nikes, Adidas, Pumas und Convers auch zum Anzug und zum Kleid getragen. Dass sie bei Jugendlichen zu Kultobjekten werden, ist ein ganz anderes Paar Schuhe.

© RdP




Das Wichtigste aus Polen 11. Februar – 16. März 2019

Aleksandra Rybińska und Janusz Tycner diskutieren die wichtigsten Ereignisse der letzten Zeit in Polen ♦ Der Europa-Wahlkampf in Polen, ganz im Zeichen der Innenpolitik. Die Europawahlen im Mai gelten als Testlauf für die Parlamentswahlen im Herbst. ♦ Das neue große Sozialprogramm der Regierung: 500 Zloty monatlich bereits für das erste Kind bis 18 Jahre u. e. m. soll die Wähler von Recht und Gerechtigkeit mobilisieren. ♦ Die Opposition schlieβt sich zur Europäischen Koalition zusammen. Ihr einziger Kitt ist der Wille zum Machtwechsel „und dann sehen wir weiter“. ♦ Die neue Partei „Der Frühling“ des Schwulen-Aktivisten Robert Biedroń und ihr Programm: die Kirche muss weg, die „Homo-Ehe“ muss her. ♦ Emmanuel Macrons Programm der „Wiedergeburt Europas“ in Polen ohne große Aufmerksamkeit verhallt.




Froh die einen, andere betreten. Kommen nach Polen US-Atomraketen?

Nach dem Scheitern des INF-Vertrages.

Die SPIEGEL ONLINE-Redaktion hat zu dick aufgetragen, als sie am 1. Februar 2019 titelte: „Polens Auβenminister fordert US-Atomraketen in Europa“. Warschau schob kurz darauf eine Klarstellung nach: der Minister habe in dem SPIEGEL-Gespräch die Stationierung nicht gefordert, sondern „nicht ausgeschlossen“. Die Hamburger Redaktion besserte umgehend nach. Doch so oder so, die Frage, ob es in Polen schon bald US-Atomraketen geben wird bleibt bestehen.

Die Verstöβe Russlands gegen und daraufhin der Ausstieg der USA aus dem Washingtoner Abkommen über nukleare Mittelstreckensysteme (INF-Vertrag) am 1. Februar 2019, haben jedenfalls eine Kette von Ereignissen in Bewegung gesetzt, die zur Stationierung amerikanischer Nuklearwaffen in Polen führen könnten.

US-Präsident Reagan (r,) und der sowjetische Generalsekretär Gorbatschow (l.) unterzeichnen den INF-Vertrag im Weißen Haus am 8. Dezember 1987.

Das zu Grabe getragene amerikanisch-sowjetische (russische) INF-Abkommen vom Dezember 1987 galt als ein Meilenstein in Sachen Abrüstung und Rüstungskontrolle. Nach siebenjährigen Verhandlungen haben sich damals Amerikaner und Russen verpflichtet, alle bestehenden landgestützten Flugkörper kürzerer, beziehungsweise mittlerer Reichweite (500 bis 5.500 Kilometer) zu vernichten sowie keine neuen herzustellen und zu testen.

Briefmarke der sowjetischen Post von 1987 aus Anlass der INF-Vertragsunterzeichnung.

Mobil, genau, verheerend

Gerade die landgestützten Marschflugkörper gelten als besonders gefährlich. Ihr Start ist schwieriger auszumachen als Abschüsse von Flugzeugen oder Schiffen. Auf geländegängigen Lkw montiert, mit einem nuklearen Gefechtskopf versehen, steuert sich der Lenkflugkörper selbst ins Ziel und fliegt dabei in einer Höhe zwischen fünfzehn und hundert Metern so niedrig, dass er nur schwer vom gegnerischen Radar erfasst werden kann.

Abgefeuert werden können auch taktische ballistische Mittelstreckenraketen, die mit bis zu siebenfacher Schallgeschwindigkeit auf eine Höhe von bis zu fünfzig Kilometern gebracht werden, ehe sie in der absteigenden Flugphase das Ziel punktgenau anpeilen. In beiden Fällen sind sie blitzschnell am Ziel. Den Verteidigern bleiben lediglich Minuten, um sie zu vernichten.

Vertragsgemäβ haben bis Mai 1991 die Amerikaner 846 ihrer Pershing- und Gryphonraketen, die Russen 1.846 ihrer SS-4, SS-5, SS-20 und SS-22 Raketen zerstört. Die Franzosen folgten 1996 diesem Beispiel. Zum ersten Mal wurden keine Obergrenzen festgelegt. Stattdessen hat man eine ganze Waffenfamilie aus Europa verbannt und das mit wirksamen Kontrollverfahren verbunden, die im Mai 2001 endeten.

Russland steigt aus

Putin am 10. Februar 2007 während seiner berüchtigten Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

Die Idylle dauerte jedoch nicht lange. Nach der Machtübernahme Wladimir Putins im Jahr 2000 begann Russland die INF-Verträge in Frage zu stellen. Vor allem, so hieβ es, weil Staaten wie China, Indien, Pakistan, Nordkorea oder Israel über diese Raketen verfügen. INF befriedige nicht mehr die Interessen Russlands. „Es ist offensichtlich, dass wir unter diesen Bedingungen darüber nachdenken müssen, unsere eigene Sicherheit zu gewährleisten“, so Putin am 10. Februar 2007 in seiner berüchtigten Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

Zudem gefielen den Russen die US-Pläne nicht, ein europäisches Raketenabwehrprogramm mit SM-3-Block-IIA-Raketen und X-Band-Radaren in Tschechien und Polen umzusetzen. Es sollte zwar ein Schutzschild gegen eventuelle Angriffe von Langstreckenraketen aus dem Iran und Nordkorea sein, aber Moskau gab vor, dem nicht zu trauen.

Aus amerikanischer- und Nato-Sicht hatte Moskau bereits Anfang der 2000er-Jahre beschlossen, den Vertrag auszuhöhlen, um erneut ein nukleares Drohpotential in Mitteleuropa aufzubauen. Schon 2013 bemühten sich die Amerikaner, auch Präsident Obama persönlich, die Russen von ihrem Vorhaben abzubringen. Wie leider üblich, so Dan Coats, Direktor der nationalen Nachrichtendienste im Januar 2018, „leugneten die Russen ihre Versuche. Sie gaben die Existenz des Marschflugkörpers erst dann zu, als wir ihnen zum Beweis die russische Bezeichnung des Geräts, 9M729, auf den Tisch gelegt haben“.

Startvorbereitungen einer Iskander-Rakete.

Im Juli 2014 machte das US-Verteidigungsministerium publik, Russland habe landgestützte Marschflugkörper mit einer Reichweite von 500 bis 5.500 Kilometern getestet und damit gegen das Verbot verstoßen. Medienberichten zufolge handelte es sich um 9K720 Iskander-K. Dieser Typ wurde erstmals bereits 2007 erprobt.

Im Februar 2017 hieβ es aus Washington, Russland habe den INF-Vertrag gebrochen, indem es Mittelstreckenraketen nicht nur herstelle und teste, sondern bereits zwei aktive Bataillone seiner Streitkräfte damit ausgerüstet habe. Die Waffen seien von Startvorrichtungen auf Lastwagen aus einsetzbar.

Apokalyptische Bedrohung für Polen

Seit Juni 2018 sind Iskander-M-Abschussvorrichtungen mit ballistischen 9M723-Raketen bei Tschernjachowsk/ Insterburg im Gebiet Kaliningrad stationiert. Ihre Reichweite beträgt mindestens 700 Kilometer. Mit siebenfacher Schallgeschwindigkeit erreichen sie jedes Ziel in Polen in spätestens drei bis vier Minuten. Das amerikanische Flugabwehrsystem Patriot ist weitgehend machtlos gegen sie.

Noch heikler wird die Lage werden, sollten die Russen ihre Drohung wahr machen und die Iskander-K-Abschussvorrichtungen mit ballistischen 9M729-Raketen in die Gegend von Kaliningrad verlegen. Mit ihrer Reichweite können sie jede beliebige Stadt in Westeuropa, mit Ausnahme Portugals, einäschern.

Für Polen ergibt sich daraus eine geradezu apokalyptische Bedrohung. Das in eine Atomartilleriefestung verwandelte Kaliningrader Gebiet erlaubt den Russen, Polen in eine atomare Todeszone zu verwandeln. Sie soll Russland wirksam von den übrigen Nato-Staaten trennen und diese Staaten davon abhalten eine Gegenoffensive zu starten.

Das INF-Ende läutet eine neue Runde im atomaren Rüstungswettlauf ein. Die Amerikaner werden sehr schnell neue Kurz- und Mittelstreckenraketen haben und sie in Europa stationieren wollen. Dass es sich dabei um eine wirksame Abschreckungsmethode handelt, beweist die Entstehungsgeschichte des INF-Vertrages. Moskau sah sich erst genötigt ihn zu unterschreiben, nachdem die USA 1983 ihre Preshing-2 Flugkörper, wider den gigantischen Proteststurm der „Friedensbewegung“, nach Westeuropa gebracht hatten.

So wird es wahrscheinlich auch dieses Mal sein. Doch wohin mit den neuen US-Kurz- und Mittelstreckenraketen? Polen wird einer der ersten Staaten sein, bei denen Washington nachfragen dürfte.

Was spricht für ein polnisches „Ja“?

Ein russischer Angriff auf die Abschussvorrichtungen in Polen, egal ob atomar oder konventionell, würde einen sofortigen Nato-Vergeltungsschlag nach sich ziehen. Ohne Nato-Raketen in Polen könnten Russlands Kriegsplaner dem Trugschluss erliegen, die Nato werde keinen Atomkonflikt für Polen riskieren, auch wenn sie in dem Land Stützpunkte unterhält und diese verloren geben müsste.

Testabschuss einer Iskander-Rakete.

Oder wäre es gar kein Trugschluss? Ein konventioneller russischer Blitzangriff aus dem Stand, die schnelle Einnahme der baltischen Staaten und Polens bis zur Weichsel, bevor sich die Nato zu einer Gegenoffensive aufrafft, sind ein Szenario, das in den russischen Stäben immer wieder durchgespielt wird. Unmittelbar darauf folgen, soll ein öffentlichkeitswirksames Ultimatum Moskaus: eine Nato-Gegenoffensive zur Befreiung der besetzten Gebiete werde einen russischen atomaren Angriff auslösen.

Man kann sich leicht den ungeheuren Druck der westeuropäischen Öffentlichkeit vorstellen mit Moskau zu verhandeln und die Nato-Ostflanke lieber den Russen zu überlassen. Umfragen sprechen da eine deutliche Sprache: knapp sechzig Prozent der Deutschen sind strikt dagegen, östlichen Bündnismitgliedern wie Estland, Polen oder Lettland militärisch beizustehen, wenn sie von Russland angegriffen werden.

So gesehen, würde die Stationierung amerikanischer Atomraketen in Polen die Hemmschwelle gegen einen russischen Angriff deutlich anheben. Stärke schreckt ab, Schwäche (siehe Georgien 2008, Ukraine – Krim 2014 und Donbass seit 2014) verleitet die russische Politik traditionell zur Gewaltanwendung.

Wird es zu einer Stationierung kommen? Sollte sie aufgrund eines gemeinsamen Nato-Beschlusses erfolgen, dürfte es schwierig werden. Vor allem ist ein vehementer Widerstand aus Deutschland geradezu vorprogrammiert.

© RdP




Fels in der Brandung

Am 7. Februar 2019 starb Jan Olszewski.

Er strahlte Würde aus, war höflich, gutmütig, behäbig und altmodisch. Seine Anzüge und Brillengestelle hinkten der aktuellen Mode mindestens fünfzehn Jahre hinterher. Doch wer sich von alldem täuschen lieβ und ihn nicht für voll nahm, der wurde schnell eines Besseren belehrt.

Seine wohlformulierten, zielgenauen Spitzen waren berühmt, seine Plädoyers lieβen so manchen kommunistischen Richter zusammenzucken. Dem Anwalt, Journalisten und Politiker Jan Olszewski gelang Beachtliches. Gradlinig und mit reiner Weste ging er beinahe ein halbes Jahrhundert lang seinen Weg im kommunistischen Polen.

Keine öffentlichen Äußerungen, die man ihm vorhalten könnte, wie dem ersten (1989-1990) nichtkommunistischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki, der in der Stalinzeit der frühen Fünfzigerjahre in Presseartikeln die brutalen, kommunistischen Kirchenverfolgungen rechtfertigte. Keine Kungeleien mit der Staatssicherheit, auf die sich etwa der katholische Politiker und spätere Parlamentspräsident (1991-1993) Wiesław Chrzanowski einlieβ. Keine gutbezahlte Spitzeltätigkeit, wie die des späteren Arbeiterführers Lech Wałęsa (IM Bolek) zwischen 1970 und 1976.

Nichts dergleichen lässt sich den knapp drei Metern Akten entnehmen, die die polnische Stasi über Olszewski angehäuft hat. Stattdessen ein durchdachter, beharrlicher, Jahrzehnte dauernder Einsatz für ein unabhängiges Polen und die Menschen, die es, wie er, anstrebten.

Jung gewohnt, alt getan

Jan Olszewski kam 1930 in einer Gegend Warschaus auf die Welt, wo es nicht leicht war sich gute Manieren und intellektuellen Schliff anzueignen. Der Stadtteil Bródno (fonetisch Brudno) auf dem östlichen Weichselufer, eine kopfsteingepflasterte Arbeitersiedlung mit Holzhäusern, ohne Kanalisation, dafür übersät mit vielen Sandkuhlen und Lehmgruben, lag damals an der Peripherie der Groβstadt.

Bródno in Olszewskis Kindheit.

Der Vater, in zweiter Generation Eisenbahner und Sozialist, nahm den kleinen Janek mit zu Versammlungen, Arbeiterfesten, Fortbildungen. Was dort verkündet und vorgelebt wurde, dafür stand der groβe Jan sein Leben lang ein: soziale Gerechtigkeit, parlamentarische Demokratie, polnischer Patriotismus und polnische Unabhängigkeit, ein schlicht praktizierter katholischer Glaube und die klare Ablehnung des Kommunismus.

Olszewski war neun als der Krieg im September 1939 begann. Groβ genug um die Schrecken der drei Wochen lang (8. – 28.09.) dauernden deutschen Belagerung Warschaus bewusst wahrzunehmen. Die Hauptstadt lag unter schwerem Dauerbeschuss. „Ich hatte schreckliche Angst vor den Toten, die überall herumlagen“, so seine Erinnerung.

Tote Zivilisten nach einem deutschen Luftangriff auf das belagerte Warschau 1939.

Im vierten Besatzungsjahr, 1942, gelangte der Zwölfjährige durch vertrauliche Verbindungen in die Grauen Reihen (Szare Szeregi). So nannte sich der Polnische Pfadfinderverband im Untergrund. Konspirativ, ohne Uniformen, verknüpfte er die normale Ausbildung mit der sogenannten kleinen Sabotage. Parolenmalen auf Mauern und Zäunen („Deutschland kaputt!“). Nägelstreuen auf Fahrbahnen (Polen durften in der Besatzungszeit ohnehin keine Autos besitzen). Heimlich Flugblätter verteilen usw.

„Kleine Sabotage“ in Warschau unter deutscher Besatzung.

Olszewski war vierzehn, als am 1. August 1944 der Warschauer Aufstand ausbrach. Der Kampf auf dem westlichen Warschauer Ufer der Weichsel dauerte 63 Tage.

Auf dem östlichen Ufer, Praga genannt, wo sich auch Bródno befindet, war er nach drei Tagen zu Ende. In Anbetracht der riesigen deutschen Übermacht zerstreuten sich die Aufständischen und tauchten unter. Sechs Wochen lang, so beschreibt es Olszewski, dauerte anschlieβend der deutsche Terror.

Praga war Frontgebiet. Über den Fluss waren die schweren Kämpfe auf dem westlichen Ufer zu sehen und zu hören. Dorthin zogen sich am 13. September 1944 deutsche Truppen zurück und sprengten hinter sich alle vier Weichselbrücken.

Den Sowjets ausgeliefert

Kurz darauf zogen die Sowjets in Praga ein. Olszewski war Zeuge von Verhaftungswellen und brutalen Übergriffen. Die sowjetische Geheimpolizei NKWD stürmte in Bródno das Haus des Bruders seines Vaters, Remigiusz Olszewski. Den gut achtzigjährigen Groβvater Olszewskis prügelten sie dabei aus dem Haus. Er erfror in der kalten Herbstnacht. Remigiusz starb in einem Viehwaggon auf dem Weg nach Sibirien.

Der braune Terror war dem roten gewichen, während auf dem westlichen Ufer die Aufständischen bis zur Kapitulation am 3. Oktober 1944 weiterkämpften und vergebens auf wirksame sowjetische Unterstützung hofften.

Erst am 17. Januar 1945 setzten die Sowjets an das andere Ufer über und „befreiten“ das menschenleere Ruinenmeer. Gut drei Monate lang hatten sie vorher von der östlichen Flussseite aus tatenlos zugesehen, wie die Deutschen nach dem Ende des Aufstands zuerst alle etwa zweihunderttausend verbliebenen Einwohner vertrieben und danach den ausgestorbenen Westteil der Stadt planmäβig dem Erdboden gleichmachten.

Deutsches Brandkommando. Systematische Zerstörung Warschaus Oktober 1944 bis Mitte Januar 1945.

Mit fünfzehn Jahren erlebte Olszewski eine Gesellschaft, deren Zustand nach 1945 der Historiker und Literaturkritiker Jan Józef Lipski so beschrieb: „Der Schock nach dem Ende des Krieges war für Polen schrecklich. Polen, das erste Land, das sich Hitler entgegengestellt hatte. Die Polen, ein Volk, das an vielen Fronten des Krieges gekämpft hat. Polen, ein Land, das einen mächtigen Staat und eine Armee im Untergrund aufbaute. Es wurde von den eigenen Verbündeten, Groβbritannien und den USA, an den sowjetischen Angreifer ausgeliefert. Es war ein schreckliches Erlebnis und eine Demütigung, mit einer Schlinge um den Hals an den Sattel des Siegers geknüpft, in sein eurasisches Imperium gezerrt zu werden.“

Das letzte Aufbäumen

Drei Jahre lang dauerte es, bis die polnischen Kommunisten und ihre sowjetischen Auftraggeber es schafften 1948 das Land mit brutaler Gewalt nach stalinistischem Vorbild gleichzuschalten. Die Polen setzten in jener Zeit all ihre Hoffnung die Sowjetisierung abzuwenden, auf die einzige legale Oppositionskraft, die Bauernpartei PSL. Briten und Amerikaner hatten bei den Sowjets durchgesetzt, dass PSL-Chef Stanislaw Mikołajczyk aus dem Londoner Exil nach Warschau zurückkehren und in die von Kommunisten beherrschte Regierung als stellvertretender Ministerpräsident eintreten durfte. Es sollte freie Wahlen geben.

Stanisław Mikołajczyks (i. d. Mitte mit Blumenstrauß) Rückkehr im Juni 1945 versetzte Polen in einen Freudentaumel.

Mikołajczyks Rückkehr im Juni 1945 versetzte Polen in einen Freudentaumel. Sein Auto wurde auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt angehalten und von der Menge getragen. Olszewski, der einstige konspirative Pfadfinder der Grauen Reihen, pinselte nachts wieder Parolen an Häuserwände, verteilte Flugblätter, diesmal gegen die Kommunisten. Er bewachte mit anderen Freiwilligen die Warschauer Redaktion und Druckerei der „Gazeta Ludowa“ („Volkszeitung“), der einzigen unabhängigen Zeitung im damaligen Polen, um sie vor kommunistischen Übergriffen zu schützen. Im November 1947 wurde sie verboten

Ohnmächtig sahen die Briten und Amerikaner aus der Ferne zu, wie die Sowjets und ihre polnischen Handlanger die PSL erbarmungslos nach und nach ausschalteten. Bei den für den 19. Januar 1947 angesetzten, massiv gefälschten Parlamentswahlen bekam die PSL angeblich nur 10,3 Prozent der Stimmen. In Wirklichkeit, das kam erst nach 1989 heraus, waren es knapp 70 Prozent. Bald darauf wurde die PSL verboten. Mikołajczyk flüchtete im letzten Augenblick mit Hilfe der Warschauer US-Botschaft in den Westen.

Schauprozesse und Stalinhuldigungen. Stalinismus in Polen.

Die finstere Nacht des Kommunismus, der Schauprozesse, der Stalinhuldigungen, der unentwegten, allgegenwärtigen ideologischen Abrichtung breitete sich auch über Polen aus.

Nischendasein eines Einzelgängers

Dennoch gelang es Jan Olszewski, fintenreich und von viel Glück begleitet, zuerst das Abitur zu machen und dann, zwischen 1949 und 1953, das Jurastudium an der Warschauer Universität zu absolvieren. Ohne dem kommunistischen Jugendverband, geschweige denn der Partei beizutreten, ohne sich für die Propaganda und ihre Massenveranstaltungen vereinnahmen zu lassen. Es war ein ärmliches Nischendasein eines Einzelgängers, ohne Stipendium, stets vom Rauswurf bedroht, den er einige Male gerade so, durch seine sehr guten Leistungen, abwehren konnte.

Für Hochschulabgänger galt im kommunistischen Polen die sogenannte Arbeitsplatz-Pflichtzuweisung (nakaz pracy). Für drei Jahre gab man von Amtswegen vor, wo die Absolventen arbeiten sollten. Wiederum meinte es das Glück gut mit Olszewski. Anstatt in die tiefe Provinz, wurde er in ein, fernab jeder Wichtigkeit vor sich hin dämmerndes, Dezernat des Justizministeriums gesteckt.

Als Olszewski im Herbst 1953 seinen Juraabschluss machte, war Stalin seit gut einem halben Jahr tot. Nach einem Jahr der Verschärfung der Repressalien (u.a. wurde im September 1953 der Primas von Polen Kardinal Wyszyński verhaftet) machte sich sehr langsam aus Richtung Moskau ein politisches Tauwetter breit, wo Nikita Chruschtschow den verdeckten Machtkampf um die Stalinnachfolge gewonnen hatte. 1955, gegen Ende der Pflichtjahre Olszewskis im Justizministerium, war das Eis fast schon gebrochen. Nach dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 und Chruschtschows schnell publik gewordener Geheimrede, in der er mit den Verbrechen des Stalinismus abgerechnet hatte, gab es dann kein Halten mehr.

Und wieder stirbt die Hoffnung

Diesmal hieβ Polens Hoffnungsträger und Reformkommunist Władysław Gomułka. Ende der Vierzigerjahre aller Ämter enthoben, verhaftet und nur knapp einem Schauprozess entkommen, sollte er nun einen „polengerechten“ Sozialismus schaffen: ohne Kollektivierung der Landwirtschaft, nationalpatriotisch, mit einer ausgeprägten Arbeiterselbstverwaltung, statt wirtschaftlicher Zentralplanung, mit Kunst- und Medienfreiheit.

Hoffnungsträger Władysław Gomułka im Oktober 1956. Polen lag ihm zu Füβen.

Letztere praktizierte, sehr ausgiebig, die Wochenzeitschrift „Po Prostu“ („Schlicht und Einfach“), früher das hölzerne Organ des kommunistischen Jugendverbandes, jetzt die wichtigste Tribüne der Reformer. Olszewski ging im Herbst 1955 hin und fand seinen Platz in der Redaktion, in der es zuging wie in einer Zentrale der Revolution.

„Po Prostu“-Redaktion.

„Po Prostu“. Titelseite.

Der berühmteste Artikel Olszewskis, gemeinsam geschrieben mit weiteren zwei Kollegen, trug den Titel „Den Leuten von der Heimatarmee entgegenkommen“ („Na spotkanie ludziom z AK“) und erschien im März 1956. Zehntausende Untergrundkämpfer der Heimatarmee (Armia Krajowa – AK), die während des 2. Weltkrieges der legalen polnischen Regierung im Londoner Exil unterstanden, hatten für ein freies und demokratisches Polen gekämpft. Nach dem Krieg wurden sie von den Kommunisten verfolgt, eingesperrt, hingerichtet, schikaniert, der Existenzgrundlage beraubt, dazu auf Schritt und Tritt als „Verräter an der Sache des Volkes“, „Dreckige Gnome der Reaktion“ verunglimpft. Das, so die Autoren, war ein schreiendes Unrecht.

Kommunistisches Plakat von 1945. „Der Riese und (unten) der dreckige Gnom der Reaktion“ .

„Po Prostu“, mit 150.000 Exemplaren verkaufter Auflage viel gelesen und beachtet, entwickelte sich zunehmend zu einem wichtigen politischen Machtfaktor im Kampf um Reformen. Gomułka, der im Oktober 1956, getragen von einer Woge der Begeisterung, an die Spitze der Partei trat, begann sehr schnell damit das Blatt auszubremsen. Im Oktober 1957, begleitet von heftigen und brutal auseinandergetriebenen studentischen Straβenprotesten, wurde die Zeitschrift auf Geheiβ der Partei eingestellt.

Die Freiräume schrumpften schnell. Einer der letzten war der Klub des Schiefen Rades. So genannt nach des Krummen-Rades-Gasse in der Warschauer Altstadt, wo er 1955 entstanden war. Er galt nach der Schlieβung von „Po Prostu“ als eines der letzten Foren der freien politischen Diskussion. Zu den Klubtreffen an jedem Donnerstag um 18.00 Uhr kamen Massen von Zuhörern. Jan Olszewski war im Klubvorstand und mit ihm, etliche ehemalige „Po Prostu“-Kollegen.

Die Schlieβung des Klubs 1962 markierte das endgültige Ende des politischen Tauwetters im kommunistischen Polen, das im Oktober 1956, mit dem Machtantritt Gomułkas, seinen Höhepunkt erreicht hatte. Die uneingeschränkte Parteiherrschaft war wiederhergestellt.

Verteidiger in Zeiten des Unrechts

Mitte 1959 bekam Jan Olszewski die Zulassung als Rechtsanwalt. Im kommunistischen Machtbereich durfte der Beruf nicht selbständig, sondern musste in staatlich vorgegebenen Sozietäten ausgeübt werden. Olszewski arbeitete in der Sozietät Nr. 25, die ihren Sitz am Warschauer Plac Zbawiciela (Erlöserplatz) hatte und im Ruf stand, die Crème de la Crème der hauptstädtischen Anwaltschaft zu versammeln.

Rechtsanwalt Jan Olszewski in den Sechzigerjahren.

Im kommunistischen Polen war die Zahl der Anwälte staatlicherseits begrenzt, aber die Rechtsanwaltschaft genoss immerhin eine gewisse Autonomie. Die meisten Berufsbelange regelten die Anwälte im Rahmen ihrer Selbstverwaltung, die das Justizministerium und die Partei aus der Ferne aufmerksam beobachteten und bei der sie, falls notwendig, hie und da eingriffen. Ein ständiges Ringen um die Grenzen der anwaltlichen Autonomie spielte sich ab.

Olszewski gehörte zu einer kleinen, in der Öffentlichkeit hochangesehenen Gruppe von Anwälten, die sich nicht scheute Mandate in politischen Prozessen zu übernehmen. 1964 verteidigte er den Schriftsteller Melchior Wańkowicz, der wegen seiner Kontakte zum polnischsprachigen amerikanischen Sender Radio Free Europe vor Gericht stand. Ebenfalls zu seinen Mandanten zählten die jungen Trotzkisten Jacek Kuroń und Karol Modzelewski, die 1964 in einem offenen Brief die Parteiführung mangelnder Marxismustreue bezichtigten. Zu seinen Klienten gehörte auch Janusz Szpotański, der wegen antikommunistischer Satire 1968 zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Und Adam Michnik, eine der zu drei Jahren Haft verurteilten Führungspersonen der Studentenproteste vom März 1968 sowie weitere Teilnehmer der Unruhen.

Ein Warnschuss sollte für Olszewski die zeitweilige (1968-1970) Entziehung der Zulassung als Anwalt sein. Ihn dauerhaft aus dem Beruf zu verbannen, wagten die Kommunisten dann doch nicht. Zu groβ war seine Autorität, zu gut sein Ruf, umso mehr, als er in politischen Prozessen seine Mandanten ohne ein Honorar verteidigte.

Ab Mitte 1970 durfte Olszewski wieder die Anwaltsrobe tragen. Sofort übernahm er ein Mandat im groβen politischen Prozess der Mitglieder der konspirativen Jugendorganisation Ruch („Bewegung“), die antikommunistische Parolen an Häuserwände malte, Flugblätter herstellte und geplant hatte ein Lenin-Museum in der Nähe von Kraków in Brand zu stecken.

Unruhen im Dezember 1970. Panzer auf dem Langen Markt in Gdańsk.

Im Dezember 1970 fegten schwere Arbeiterunruhen in den Küstenstädten Szczecin, Gdynia, Gdańsk und Elbląg den inzwischen greisen, sklerotischen und allgemein verhassten Parteichef Gomułka von seinem Posten. Die Unruhen waren durch eine starke Erhöhung der Lebensmittelpreise ausgelöst worden, die der neue Parteichef und Hoffnungsträger Edward Gierek wieder zurücknahm.

Parteichef und Hoffnungsträger Edward Gierek.

Bis Mitte der 1970er Jahre versank Polen in einem süβen Konsumtraum, verkörpert durch Coca-Cola, Marlboro-Zigaretten und dem „polnischen Volkswagen“, dem kleinen Fiat 125, finanziert von der Gierek-Mannschaft mit westlichen Krediten. Etwa 1975 war der Traum vorbei, die Volksrepublik Polen zahlungsunfähig und die Arbeiterschaft wieder auf den Straβen, wie in der Stadt Radom im Juni 1976. Auch die Intellektuellen protestierten erneut.
Festnahmen- und Verhaftungswellen rollten durch das Land.

Olszewskis Ratgeber „Der Bürger und die Staatssicherheit“.

Olszewski kam damals auf die Idee, den Ratgeber „Der Bürger und die Staatsicherheit“ zu verfassen. Stasi und Miliz hielten sich oft nicht einmal an die eigenen kommunistischen Gesetzte und Regularien im Umgang mit festgenommenen Oppositionellen. Olszewskis Fibel, im Untergrund massenweise gedruckt und vervielfältigt, half den sonst oft eingeschüchterten und hilflosen Opfern sich der Willkür entgegenzusetzen.

Wenig reden, Beistand leisten

Olszewski unterschrieb zwar Protestbriefe, unterstützte mit Rat und Tat verschiedene demokratische Initiativen, ohne jedoch öffentlich groβ in Erscheinung zu treten. Keine Interviews für ausländische Medien, keine Teilnahme an Protestaktionen. Olszewski verstand sich als ein Berater, der dem gewaltlosen antikommunistischen Widerstand juristischen Beistand leistete.

Wie wichtig dieser Beistand war, zeigte sich im Frühherbst 1980. Nach den Arbeiterprotesten im ganzen Land, die wieder einmal durch Lebensmittelpreiserhöhungen ausgelöst wurden und dieses Mal Parteichef Edward Gierek stürzten, entstand Solidarność, die erste freie Gewerkschaft im Ostblock. Olszewski war es, der die Delegierten aus Hunderten von Betrieben, die am 17. September 1980 in Gdańsk zusammenkamen, um über die Zukunft der gerade entstandenen Bewegung zu beraten, davon überzeugte, keine Regionalgewerkschaften, sondern eine landesweite Gewerkschaft zu gründen.

Nur so sei man stark genug, den Regierenden die Stirn zu bieten. Olszewski entwarf auch die Solidarność-Satzung und stand einer Gruppe von Juristen vor, die die Registrierung der Gewerkschaft beim Woiwodschaftsgericht in Warschau vornahm.

Olszewski bei der Registrierung der Gewerkschaft Solidarność beim Woiwodschaftsgericht in Warschau mit Lech Wałęsa und Solidarność-Berater Tadeusz Mazowiecki.

Nach sechzehn Monaten des „Solidarność-Freiheitskarnevals“ verhängte General Jaruzelski am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht in Polen. Solidarność wurde verboten, die volle Parteiherrschaft mit Hilfe von Panzern wiederhergestellt.

Wieder verbrachte Olszewski die Zeit bis 1989 als Verteidiger von Oppositionellen. Als Nebenkläger vertrat er die Familie von Pfarrer Jerzy Popiełuszko bei dem Prozess seiner Stasi-Mörder in Toruń 1984 bis 1985. Sein Schlussplädoyer (das Verfahren wurde im Rundfunk übertragen) hinterlieβ einen tiefen Eindruck.

Olszewski als Nebenkläger vertrat die Familie von Pfarrer Jerzy Popiełuszko bei dem Prozess seiner Stasi-Mörder in Toruń 1984 bis 1985.  Mit Rechtsanwaltskollegen Andrzej Grabiński (l.) und Edward Wende.

Im Auftrag der Kirche vermittelte er zwischen der Untergrund-Solidarność und den Behörden, half mit, den politischen Weg zu den Gesprächen am runden Tisch (6. Februar bis 5. April 1989) zu bahnen. Am Ende dieser Gespräche stand der Anfang vom Ende der kommunistischen Volksrepublik Polen: halbfreie Wahlen am 4. Juni 1989 und die Bildung der ersten nichtkommunistischen Regierung am 12. September 1989.

Probleme mit Wałęsa

Doch in der siegreichen Solidarność entbrannte ein schwerer Konflikt. Lech Wałęsa fühlte sich von Tadeusz Mazowiecki und der Beratergruppe um Prof. Bronisław Geremek, Adam Michnik und Jacek Kuroń übergangen. Wałęsa saβ in der Solidarność-Zentrale in Gdańsk, während die anderen in Warschau die groβe Politik machten. Mazowiecki als Regierungschef, Kuroń als Sozialminister, Michnik als Abgeordneter und Chefredakteur der nun führenden Zeitung des Landes „Gazeta Wyborcza“, Geremek als Solidarność-Fraktionschef im Sejm. Wałęsa dachte, er könnte Politik per Telefonanweisungen machen, doch keiner der Erwähnten nahm seine Anrufe entgegen.

Grollend drängte Wałęsa nun darauf, den im Juli 1989 gemäβ den Vereinbarungen am runden Tisch zum Staatspräsidenten gewählten General Jaruzelski durch zeitnah durchzuführende  Präsidentschaftswahlen abzusetzen. Diese fanden im Dezember 1990 statt und Wałęsa wurde Staatschef.

Vereidigung von Staatspräsident Lech Wałęsa vor dem Sejm und Senat am 22. Dezember 1990.

Olszewski unterstütze ihn in dem Konflikt. Er war überzeugt davon, Wałęsa werde seine Wahlversprechen einhalten und eine radikale Entfernung von kommunistischen Kadern, Stasi-Leuten und Stasi-Zuträgern aus dem Staatswesen vornehmen.

Niemand im Solidarność-Lager war sich damals bewusst, dass Wałęsa ein düsteres Geheimnis hütete. Zwischen 1970 und 1976 hatte er seine Arbeitskollegen in der Danziger Werft als Stasi-IM Bolek bespitzelt und denunziert und hatte dafür nachweislich Geldbeträge erhalten. Von der Angst getrieben enttarnt zu werden, tat Wałęsa genau das Gegenteil von dem, was er versprochen hatte.

Er umgab sich in seiner Präsidialkanzlei und in dem Teil des Staatsapparates, auf den er Einfluss hatte, mit zwielichtigen Figuren aus dem ehemaligen Partei- und Stasiapparat.
Daraufhin wandten sich seine bisher engsten Berater, die Brüder Kaczyński von ihm ab. Dasselbe taten viele andere Persönlichkeiten aus dem Solidarność-Lager. So auch Olszewski.

Mehr noch. Erschrocken von der Vorstellung, die Russen, die von seiner Spitzeltätigkeit ganz bestimmt wussten, könnten ihn durch gezielte Indiskretionen auffliegen lassen, begann Wałęsa Polens Bestreben der Nato und der EU beizutreten zu untergraben. Der KGB hatte in der kommunistischen Zeit Einblick in alle polnischen Stasi-Unterlagen, zog nach Herzenslust Kopien oder lieβ sich Mikrofilme anfertigen. Im Fall des weltberühmten Friedensnobelpreisträgers und Arbeiterführers Wałęsa war er ganz bestimmt auf dem Laufenden.

Und so ging Wałęsa, mir nichts, dir nichts, mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit eine Nato-2 und eine EU-2 für die ostmitteleuropäischen Staaten zu schaffen. Er sprach sich auch dafür aus, die russischen Armeestützpunkte in Polen in polnisch-russische Joint Ventures zu verwandeln. Das würde die russische Anwesenheit in Polen auf Dauer zementieren und den Nato-Beitritt endgültig begraben.

Der Politiker

Das war der Stand der Dinge, als Ende Oktober 1991 die ersten völlig freien Parlamentswahlen in Polen stattfanden. Möglichst viele politische Kräfte sollten bei diesen Wahlen berücksichtigt werden und so zogen neunundzwanzig Parteien in den 460-köpfigen Sejm ein. Darunter auch die Zentrumsvereinigung der Brüder Kaczyński mit dem Abgeordneten Jan Olszewski.

Unter diesen Umständen eine handlungsfähige Regierung zu bilden schien ein Ding der Unmöglichkeit, doch das Wunder geschah. Mitte Dezember entstand, nach vielem Hin und Her, ein Fünf-Parteien-Kabinett mit einer wackeligen Mehrheit und Jan Olszewski an der Spitze. Staatspräsident Wałęsa lieβ die Koalition zähneknirschend gewähren.

Bis heute war es die kurzlebigste polnische Regierung. Sie überdauerte nur 167 Tage (21. Dezember 1991 bis 4. Juni 1992). Doch keine Regierung vor und nach ihr, hat sich so tief in der neuesten politischen Geschichte Polens eingeprägt.

Olszewski verliest seine Regierungserklärung im Sejm am 21. Dezember 1991.

Olszewski brach mit dem hyperliberalen Programm seiner Vorgänger in der Wirtschaftspolitik und beschritt neue Wege in der Innen- und Auβenpolitik. Einstellung der raubbauartigen Privatisierung der Industrie. Der Satz aus seiner Regierungserklärung „Die unsichtbare Hand des Marktes ist oft die Hand eines Diebes“ gehört in Polen seither zu den geflügelten Worten.

„Wir wollen eine Marktwirtschaft, die in einem genau abgesteckten rechtlichen Rahmen funktioniert, damit christliche Familienwerte und die Werte anderer menschlicher Gemeinschaften geschützt bleiben. (…) Die Privatisierung darf nicht weiterhin ein Vorgang sein, der Reiche noch reicher macht und Arme noch mehr verarmen lässt“, hieβ es in Olszewskis Regierungserklärung vom 21. Dezember 1991.

Eine radikale Säuberung der Geheimdienste, der Armee, der Polizei und der staatlichen Verwaltung von alten kommunistischen Kadern sollte stattfinden. Ein klarer Kurs hin zu Nato- und EU-Mitgliedschaft wurde eingeschlagen. Alles was Lech Wałęsa nicht wollte.

Der vom ersten Augenblick an schwelende Konflikt loderte zum ersten Mal am 22. Mai 1992 auf. Wałęsa war seit einem Tag in Moskau, um gemeinsam mit Präsident Jelzin den polnisch-russischen Vertrag über Freundschaft und gut nachbarschaftliche Zusammenarbeit zu unterschreiben, der noch vor Olszewskis Amtsantritt ausgehandelt worden war. Ein Punkt, war die Umwandlung der russischen Armeestützpunkte in Polen in russisch-polnische Joint Ventures.

Staatspräsidenten Wałęsa und Jelzin in Moskau. Mai 1992.

Olszewski zögerte nicht, Wałęsa nach Moskau ein chiffriertes Telegramm zu schicken, das dem Staatspräsidenten unmittelbar vor der Unterzeichnung diskret zugestellt wurde. Darin stand, die Regierung entziehe Wałęsa die Unterzeichnungsvollmachten, sollte er den Joint-Venture-Punkt nicht aus dem Vertrag entfernen. Wutschnaubend bat Wałęsa Jelzin um Nachverhandlungen. Die Joint Ventures verschwanden aus dem Text, aber Wałęsa schwor damals Rache.

Die Möglichkeit ergab sich beinahe umgehend. Am 28. Mai 1992 stimmte der Sejm dem Ad-hoc-Antrag eines Abgeordneten zu, die Regierung zu verpflichten, in den damals nicht zugänglichen Stasi-Archiven innerhalb von sechs Tagen zu überprüfen, ob es im Kabinett und im Parlament Stasi-IMs gab.

Innenminister Antoni Macierewicz und seine Mitarbeiter erfüllten diesen Auftrag in hektischer Tag- und Nachtarbeit. Am 3. Juni 1992 brachte Macierewicz die Liste in einem versiegelten Umschlag in den Sejm. Lange blieb sie nicht geheim. Vierundsechzig Namen standen drauf. Ein zweiter Umschlag enthielt zwei Namen: den Wałęsas und den des Parlamentspräsidenten Wiesław Chrzanowski.

In einer Blitzaktion organisierte Wałęsa eine parteienübergreifende Koalition der Angst, die noch in derselben Nacht in einer Abstimmung die Regierung Olszewski zu Fall brachte. Es galt, die Büchse der Pandora schleunigst zu schlieβen, was auch gelang. Erst gut zehn Jahre später wurde eine polnische Gauck-Behörde gegründet, das Institut des Nationalen Gedenkens, und die Stasi-Archive wurden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Sofort danach befahl Wałęsa seinen Vertrauensleuten die eigentlich unzugänglichen polnischen Stasiarchive zu durchforsten. Er lieh sich seine Stasiakten aus und gab sie nach einiger Zeit mit herausgerissenen Seiten zurück. Doch alle Hinweise auf seine Spitzeltätigkeit, verstreut über verschiedene Dienststellen, Kataloge und Karteien konnte er nicht vernichten.

Wałęsa konnte auch nicht wissen, dass sein Partner bei den Gesprächen am runden Tisch, Innenminister und Stasi-Chef, General Czesław Kiszczak  die wichtigsten Beweise gegen ihn bei seiner Entlassung einfach mit nach Hause genommen hatte. All diese Unterlagen kamen nach und nach zum Vorschein und fügten sich etwa 2016 zu einem Bild, das keinen Zweifel mehr daran lässt. Wałęsa hat zwischen 1970 und 1976 seine Kollegen von der Werft gegen Spitzelhonorare denunziert, auch wenn er es vehement abstreitet. So gesehen blieb Olszewskis Sturz auf Dauer wirkungslos.

Das Symbol

Olszewski versuchte sich danach noch einige Male in der Politik. Ohne Erfolg. Je weiter jedoch seine kurze Regierungszeit zurücklag, umso deutlicher sah man, wie wichtig sein Anliegen war, die tiefe Verstrickung des kommunistischen mit dem neuen Polen zu beseitigen. Es war weitestgehend gelungen die DDR-Kader und Strukturen vom wiedervereinigten Deutschland fernzuhalten. Ob in der Justiz, in den Medien oder in der Wirtschaft. In Polen wurde diese Selbstverständlichkeit, bis heute, noch lange nicht umgesetzt.

Olszewski war der Jurist, Journalist und Politiker, der sich von den Kommunisten nie hatte korrumpieren lassen. Deswegen schlug ihm so viel Ablehnung und Hass all jener entgegen, die den Verlockungen und Drohungen der Kommunisten nicht gewachsen waren. Olszewski wurde mit der Zeit zur Symbol- und Leitfigur all derer, die sich nicht mit einem Polen zufriedengeben wollten, in dem Stasi-Agenten und Partei-Kader unter dem Deckmantel der Demokratie weiterhin das Sagen haben.

Beisetzungsfeierlichkeiten Jan Olszewskis. Staatspräsident Andrzej Duda hielt die Trauerrede in der Warschauer Kathedrale. Zehntausende gaben Olszewski das letzte Geleit.

Bescheiden, zurückhaltend, aber im Kern unverbrüchlich in seiner Haltung lebte er weitgehend zurückgezogen und in den letzten Lebensjahren, schwer krank, in Warschau. Zehntausende, die seine Auffassung vom Anstand in der Politik teilten, gaben ihm das letzte Geleit.

© RdP




Das Wichtigste aus Polen 20. Januar – 10. Februar 2019

Aleksandra Rybińska und Janusz Tycner diskutieren die wichtigsten Ereignisse der letzten Zeit in Polen ♦ Frühling Radikal. Robert Biedrońs neue Partei ♦ Nach dem tödlichen Attentat auf Gdańsk-Stadtpräsident Paweł Adamowicz ♦ Vor der großen Iran-Konferenz in Warschau♦ Macron kommt nach Warschau ♦ Polen und der Brexit.




Polen fragen, die AfD antwortet

Reden statt beschimpfen.

Es gibt aus polnischer Sicht viele wichtige Fragen, die man der AfD stellen muss. Wie sie ihre Rolle in der deutschen Politik sieht. Nach ihrer Deutung der Geschichte und ihrem Umgang mit der deutschen Traditionspflege, nach der Oder-Neiβe-Grenze, EU, Russland, nach der US-Militärpräsenz in Europa…

Die AfD ist mittlerweile ein fester und prägender Bestandteil der deutschen Politik. Man kann nicht ausschlieβen, dass sie eines nicht fernen Tages für das Erste in einigen Bundesländern mitregieren wird. In Polen hat sie keinen Ansprechpartner. Auch die polnische nationalkonservative Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit meidet Kontakte zur AfD, obwohl es hier und da gemeinsame politische Positionen gibt.

Die AfD hat viele Gesichter, sie spricht mit vielen Zungen. Welche sind maβgebend? Wer sich mit der AfD abgibt kann zudem leicht für die bedauerlichen rhetorischen Exzesse mancher ihrer Funktionäre haftbar gemacht werden.

Journalisten des Wochenmagazins „Sieci“ („Netzwerk“) haben all die für Polen bedeutenden Fragen dem Berliner AfD-Chef Georg Pazderski gestellt. Inwieweit seine Antworten für die gesamte AfD repräsentativ sind, bleibt offen. Der polnisch-deutsche Dialog jedenfalls ist um eine neue Facette reicher geworden. Das Interview erschien in der „Sieci“-Ausgabe vom 20. Januar 2019.

Georg Pazderski.

Frage: Die deutsche Politik ist ein durch und durch festgefügtes System mit einer starken Schieflage zur linken Seite. Wie konnte sich die AfD unter solchen Umständen durchsetzen?

Pazderski: Immer wenn irgendeine Gruppierung auch nur ein wenig rechts von der CDU auftauchte, erhoben sich sofort Stimmen: passt auf, das sind Nazis, ihr wisst doch um unsere Geschichte. Das wirkte. Bei der AfD hat es zum ersten Mal nicht funktioniert.

Wir sind im Bundestag vertreten, in sechzehn Landtagen, im Europaparlament. Bei den Europawahlen im Mai 2019 können wir bis zu zwanzig Mandate holen. Wenn wir an Unterstützung und Bedeutung gewinnen, büβen andere sie ein.

Es ist eine politische Kraft entstanden, die anderen auf die Finger schaut, die den Finger in die Wunde legt. Mit so etwas hatten die etablierten Parteien seit dreiβig Jahren nicht zu tun. Auch daher rührt die Abneigung gegen uns.

AfD-Programm. Polnische Übersetzung.

Was war der wichtigste Grund des AfD-Wahlerfolgs 2015? Die Migrationskrise?

Nein, das war das seit vielen Jahren andauernde Abdriften der CDU nach links, besonders zur Zeit Angela Merkels. Die Christdemokraten haben sozialdemokratische, grüne und teilweise noch linkere Positionen bezogen. Auf der rechten Seite entstand ein Vakuum, in das die AfD vorgedrungen ist.

Interessanterweise hat unser Erfolg die CDU nicht zu einer Kurskorrektur veranlasst. Sie glauben immer noch, mehr Stimmen zu gewinnen, wenn sie nach links gehen, anstatt nach rechts. Für uns ist das eine gute Nachricht, denn so wächst unser Potenzial. Das ist eine Chance, die wir mit Ideen, Konzepten und Vorschlägen unterfüttern müssen. Wir müssen als eine Gruppierung wahrgenommen werden, die Verantwortung übernehmen und Probleme lösen kann.

Die AfD jedoch wird weiterhin bezichtigt, extrem rechts zu stehen und mit Neonazis zu sympathisieren. Auch in Polen sind solche Stimmen zu vernehmen.

Das Trommelfeuer dauert an. Die Zeitungen sind voll mit solchen Bezichtigungen, die von den Konkurrenzparteien geschürt werden. Gewiss, manchmal sagt jemand von unseren Mitgliedern etwas, weshalb man sich nur an den Kopf fassen kann. Es sind aber Einzelfälle.

Elena Roon, die AfD-Kreisvorsitzende in Nürnberg verschickte in einer internen Chat-Gruppe ein Hitler-Bild mit der Anmerkung „Vermisst seit 1945 – Adolf bitte melde Dich! -Deutschland braucht Dich!“

Zum Beispiel. Wir hatten auch Fälle von Holocaustleugnung, es wurde demonstrativ die blaue Kornblume getragen, die den illegalen österreichischen Nazis als Erkennungszeichen diente.
Wir reagieren, bemühen uns solche Leute los zu werden, was nicht immer einfach ist. Dabei steht die AfD unter einer peniblen Beobachtung der gesamten Öffentlichkeit. Ein Eintrag in den sozialen Medien reicht aus, um einen landesweiten Sturm der Entrüstung zu entfesseln.

Pro-polnische AfD-Stellungnahme.

Werden sie von den deutschen Geheimdiensten beobachtet?

Nicht als Ganzes, aber einzelne Personen können observiert werden.

Wenn sie einem Dauerbeschuss der Medien und der Politik unterliegen, wie verständigen sie sich dann mit ihren Wählern?

Wir arbeiten hart daran. Ich zum Beispiel unterhalte sehr korrekte Kontakte zu Journalisten. Es gibt natürlich auch die sozialen Medien, die immer noch verhältnismäβig frei sind.

In der Bevölkerung wächst zudem die Kritik an den traditionellen Medien. Ich kenne Leute, die auf deutsche Zeitungen verzichten und dazu übergehen die „Neue Zürcher Zeitung“ zu abonnieren. Sie finden, das schweizerische Blatt beschreibt die deutsche Wirklichkeit viel objektiver als zum Beispiel die FAZ.

Es werden Stimmen laut, wir bewegen uns in Richtung einer „DDR 2.0“. Dorthin führen die eingeengten Horizonte, die politische Korrektheit, Versuche die sozialen Medien zu überwachen.

Pro-polnische AfD-Stellungnahme.

Wie ist die soziale Zusammensetzung der AfD? Wer sind ihre Mitglieder und Sympathisanten?

Das sind ganz normale Leute, die noch vor nicht langer Zeit CDU, SPD oder die Liberalen gewählt haben. Etwa zehn Prozent der Deutschen sind unsere Stammwähler, halten uns die Treue. Eine Gruppe von sechs bis zwanzig Prozent schwankt in ihrer Zustimmung für die AfD. Wir haben eine gröβere Unterstützung in der arbeitenden Bevölkerung als die SPD. Ebenfalls eine wichtige AfD-Wählergruppe sind die klassischen Liberalkonservativen.

Haben die Arbeiter das Gefühl, die SPD habe sie verraten?

Ja. Menschen aus unteren Sozialschichten betrachten uns als ihre Stimme im Parlament. Wer trägt die Kosten der Masseneinwanderung? Nicht diejenigen, die zehntausend Euro im Monat verdienen. Den Preis bezahlen Geringverdiener, die um die raren Niedriglohnjobs, bezahlbare Wohnungen, die Ausbildung ihrer Kinder konkurrieren müssen. Sie sehen, dass es nicht gut zugeht in Deutschland und finden, dass nur die AfD das ändern kann, dass sien die Wahrheit sagt, nicht versucht Sand in die Augen zu streuen.

AfD-Positionen. Keine EU-Einmischung in Polen und kein deutsches Kindergeld in EU-Deutschland für Arbeitende aus  EU-Polen.

Wie erklären Sie, dass die AfD in der ehemaligen DDR viel mehr Unterstützung erfährt als im Westen des Landes. Ein Teil eurer Kritiker ist der Meinung, die AfD zieht Wähler an, die „autoritäre Sehnsüchte“ hegen.

Im Westen sind die Bindungen der Wähler an die traditionellen Parteien viel stärker. Dort wird oft seit Generationen dieselbe Partei gewählt. Das ist vererbte Zustimmung. Ältere Menschen bleiben der SPD oder der CDU treu.

Im Osten finden die Leute, dass wenn eine Partei versagt hat, dann sollte man etwas Neues ausprobieren. Im Osten Deutschlands ist die Demokratie wahrhaftiger, voller. Dort ist das Meinungsspektrum viel breiter und die Menschen haben weniger Angst ihre Meinung zu sagen.

AfD-Positionen. Von Polen beschämt. Polen haben Sachsen eine Mercedes-Motorenfabrik nach Jawor/Jauer weggeschnappt (oben). Polen elektrifizieren die Bahnstrecke Dresden-Wrocław viel schneller auf ihrer Seite der Grenze als die DB auf der Ihrigen.

Ist Ostdeutschland weniger eingeschüchtert von der politischen Korrektheit als der Westteil des Landes?

Auf jeden Fall. Die Ostdeutschen finden, dass sie 1989 und 1990 für eine wahre Demokratie gekämpft haben, für das Recht uneingeschränkt wählen zu können. Auch deswegen verzeichnen wir in den östlichen Bundesländern eine Unterstützung zwischen zwanzig und vierundzwanzig Prozent, und ich kann ihnen versichern, es ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange.

Auch im westlichen Teil, vor allem im dortigen Süden haben wir viel Rückhalt. Das schwierigste Terrain für uns sind Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen. In Berlin gestaltet sich die Zustimmung für die AfD recht unterschiedlich. Die Hauptstadt ist nun mal ein gesamtdeutscher Mikrokosmos. Im Osten der Stadt bekommen wir jede vierte Wählerstimme, in manchen Stadteilen dort bis zu dreiβig Prozent.

Man kann eine hohe Unterstützung haben und dennoch nie an die Macht kommen.

Wir müssen uns in Geduld üben. Als die Grünen in die deutsche Politik vordrangen, hat man sie noch 1980 als eine „Terroristenpartei“ bezeichnet, wegen ihrer Verbindungen zur Roten Armeefraktion. Sie waren vollends isoliert. Einige Jahre später zogen sie in die Landesregierungen ein. Joschka Fischer wurde Minister in Hessen und 1998 Auβenminister.

Ähnlich hat man ziemlich lange die PDS wegen ihrer totalitären Wurzeln behandelt. Heute arbeiten die Postkommunisten vielerorts mir der SPD zusammen.

So kann es auch der AfD ergehen. Die erste Chance könnte sich im Herbst 2019 nach den Wahlen in Sachsen und Thüringen ergeben. Wir können dort zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Prozent der Stimmen bekommen und die stärkste oder zweitstärkste Partei werden. Die CDU wird sich entscheiden müssen, ob sie mit uns zusammenarbeiten oder sich an einer Vierparteien-Koalition beteiligen will. So eine Koalition zu bilden kann sehr schwer sein. Wir müssen nicht gleich in die Regierung eintreten, dass kann auch eine vereinbarte Tolerierung sein.

Mit der Zeit werden uns die anderen Parteien wie Partner behandeln, aber man muss abwarten. Viele hoffen noch darauf, uns auszuschalten, zu vernichten, mit allen Mitteln.

AfD-Positionen. Wieder Kontrollen an der Grenze zu Polen einführen.

In Bremen wurde der AfD-Politiker Frank Magnitz auf offener Straβe schwer verletzt. Ein politisch motivierter Beweggrund liegt nahe. Hat dieses Ereignis ein Umdenken im leitenden politischen und medialen Lager verursacht?

In Deutschland haben fünfundsiebzig Prozent aller Journalisten eine klar definierte linke Gesinnung. Das deutsche Journalistenmilieu als Ganzes ist demnach keineswegs objektiv. Die Journalisten sind mental, weltanschaulich eng verwoben mit der Regierung und mit linken Parteien. Viele von ihnen glauben allen Ernstes daran einer guten Sache zu dienen, edelmütig zu sein. Das ist manchmal schon ein Missionieren aus der Überzeugung heraus, am modernen deutschen Wesen wird die Welt genesen. So seien angeblich die Lehren aus unserer Geschichte. Dahinter verbirgt sich ein riesiges Schuldgefühl. So gesehen, ist die Änderung der Einstellung zu einer rechten Partei, wie der AfD, nicht einfach.

Der Zwischenfall mit Frank Magnitz kann auch ein Versuch sein die AfD einzuschüchtern. Fürchten Sie nicht um ihre Gesundheit und ihr Leben?

Ich habe keine Angst, aber ich schaue mich schon genau um beim Ein- und Aussteigen aus dem Auto. Ich bin einundvierzig Jahre lang Berufssoldat gewesen, bin gewohnt mit Gefahren umzugehen. Solche Vorfälle wie der in Bremen bewirken, dass wir in der AfD vorsichtiger geworden sind, möglichen Provokationen aus dem Weg gehen, denn alles ist möglich.

Vor eineinhalb Jahren wurde mein Berliner Haus mit Farbbeuteln beworfen, die Fassade und die Fenster beschädigt. Bei meinem Auto haben sie die Scheiben eingeschlagen, die Reifen zerschnitten. Der Schaden betrug zwölftausend Euro.

Nicht erst seit heute wird dem deutschen Staat vorgeworfen, er toleriere die Aktivitäten linker Rollkommandos.

Die deutsche Regierung ist blind auf dem linken Auge. Linke Gewalt, auch Kriminalität werden hingenommen. In Hamburg, beim G20-Gipfel, veranstaltete die radikale Linke einen kleinen Bürgerkrieg und nichts passierte. Die Presse, die sich pausenlos über noch so kleine Neonaziaktivitäten aufregt, reagiert nicht auf die steigende Gewaltbereitschaft der anderen Seite. Die Botschaft ist klar: solange Du gegen die Rechte kämpfst, bist du sicher.

Wie beurteilen Sie die deutsche Vergangenheit, vor allem die im 20. Jahrhundert?

Die Jahre 1933-1945 waren eine dunkle Zeit. Mir ist immer noch nicht ganz klar, wie ein Volk mit so einer Kultur so tief fallen konnte. Der einzige Trost ist, dass wir es geschafft haben uns unserer Vergangenheit zu stellen. Wir reden darüber, wir ziehen keinen Schlussstrich, und so muss es sein, damit sich das Geschehene niemals wiederholt.

Ergeben sich aus der Vergangenheit besondere Pflichten für den deutschen Staat und für das deutsche Volk?

Ja, wir haben besondere Pflichten, aber im heutigen Deutschland lebt die dritte und vierte Nachkriegsgeneration. Diese Menschen trifft keine Schuld an den Verbrechen, aber sie müssen darüber Bescheid wissen und dürfen nicht vergessen was passiert ist.

Trägt die Schuld an den Verbrechen das deutsche Volk oder tragen sie, in ihrer nationalen Zugehörigkeit nicht näher definierte, Nazis?

Wenn es um den Zweiten Weltkrieg geht, trägt das deutsche Volk die Verantwortung für die Verbrechen. Natürlich gibt es auch einen historischen Hintergrund, den Ersten Weltkrieg und seine Folgen. Alle Völker haben damals Fehler begangen, nicht nur die Deutschen, auch die Amerikaner, Franzosen, Briten. Diese Ereignisse, gepaart mit der wirtschaftlichen Situation, haben die Nazis an die Macht gebracht.

In seiner bekannten Hitler-Biografie schreibt Joachim Fest, dass, wenn Hitler 1937 gestorben wäre, man ihn als einen der herausragendsten deutschen Politiker einstufen würde. Hitler aber hat überlebt und es ist Schreckliches passiert. Die Deutschen trifft die Schuld dafür.

AfD-Positionen. Polen als Vorbild in der Migrationsfrage.

In Polen erweckte groβes Aufsehen, was AfD-Chef Alexander Gauland gesagt hat: „Wenn Franzosen und Briten stolz auf ihren Kaiser oder den Kriegspremier Winston Churchill sind, haben wir das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Das klingt schon sehr revisionistisch.

Ich weiβ nicht, ob das die Absicht von Alexander Gauland war. Auf jeden Fall kann man stolz sein auf einige Leistungen deutscher Soldaten, rein militärisch betrachtet. Beispiel, die Ardennen-Offensive Ende 1944 oder das was die Gespensterdivision unter Erwin Rommel geleistet hat. Man kann die Überraschungseffekte, die sie erzielt hat, ihre Schnelligkeit und Geschicklichkeit bewundern.

Das Studieren gewesener Schlachten und Militäroperationen ist ein Bestandteil der soldatischen Ausbildung und nichts Verwerfliches. Es gibt soldatische Leistungen, die geradezu heroisch waren, wie die eines deutschen Panzerkommandeurs der einhundertvierzig russische Panzer vernichtet hat. Von ihm kann man sagen, dass er der beste Panzersoldat war.

Diese Taten sind nur ein Teil eines Ganzen, das verbrecherisch war.

Ja, das geschah im Namen einer verbrecherischen Regierung. Wir wissen, dass die Deutschen beinahe die gesamte polnische Intelligenz ermordet haben. Doch die einfachen Soldaten im Feld wussten das nicht. Es kam vor, dass sie ritterlich gekämpft und gelungene Militäroperationen durchgeführt haben.

Das was Sie sagen nährt jedoch die Befürchtung, dass es nicht dabei bleibt. Sie beschränken sich auf die Bewunderung für einige Einheiten. Andere, auch die nächsten Generationen, können da weitergehen, sich für das perfekte In-Szene-Setzten der Nürnberger Parteitage begeistern, den Schwung mit dem Leni Riefenstahl ihre Filme gedreht hat oder noch Schlimmeres.

Nein, das kann man nicht vergleichen. Glauben Sie nicht, dass, vergleichbar, polnische Soldaten die Geschichte der militärischen Leistungen der polnischen Armee kennen sollten? Handwerklich betrachtet, sollte man gewesene Militäroperationen erforschen. Historisch gesehen, befehligte sie eine verbrecherische Regierung. Das unterliegt keinem Zweifel.

Will die AfD die deutsche historische Identität verändern, die in der Nachkriegszeit entstanden ist, die viele Tabus und Schuldgefühle enthält?

Die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 brachte Europa und der Welt Tod und Unglück. Das muss auf uns lasten. Andererseits gehören zur deutschen Geschichte auch Karl der Groβe, Martin Luther, die Aufklärung, Bach. Wir können nicht sagen Deutschland das ist nur der Nationalsozialismus oder das sind nur die schönen Seiten. Die Geschichte ist ein Ganzes und so muss man sie sehen.

Unmittelbar nach dem Krieg hat man über die Jahre 1939-1945 nicht gesprochen. In meiner Schule begann der Geschichtsunterricht mit dem antiken Griechenland, endete 1933 und wir sprangen über zum Jahr 1946. Dazwischen klaffte ein schwarzes Loch.

Zudem war meine Situation besonders. Für die Gleichaltrigen war ich der „Polacke“. Die erste Nachkriegszeit war sehr spezifisch.

Wie ist die Haltung Ihrer Partei zu den deutschen Nachkriegsgrenzen?

Die Grenzen sind so wie sie sein sollen. Ich bewundere bis heute Willy Brandt dafür, dass er sich dazu durchgerungen hat die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen. Ich habe übrigens für ihn gestimmt, weil ich der Meinung war, dass wir uns mit unseren östlichen Nachbarn verständigen müssen. Es gibt heute keine Grenzfrage.

Die AfD hat viel Zulauf bekommen infolge der Migrationskrise von 2015. Warum hat sich Angela Merkel damals für die Grenzöffnung entschieden?

Das wissen wir nicht. Wir haben die Einberufung eines Untersuchungsausschusses beantragt, der diese Angelegenheit ausleuchten sollte. Merkels Entscheidung nämlich war ein Bruch des deutschen- und des Völkerrechts.

Zudem hat niemand die Deutschen nach ihrer Meinung gefragt. Eine ganze Menge Probleme sind deswegen bei uns in Deutschland und in Europa entstanden. Heute haben wir zwei Millionen Migranten mehr im Land. Nach Informationen der „Welt“ kostet jeder Migrant den deutschen Staat 3.500 Euro monatlich, also 42.000 Euro pro Jahr. Das ergibt 84 Milliarden Euro jährlich!

Dafür haben sie Tausende gut ausgebildete Ärzte und Ingenieure.
[lacht] Ein wichtiger Bestandteil dieser Unternehmung war das Betrügen der Öffentlichkeit. Es geht nicht nur um die Kosten.
Heute sehen wir, dass sich die Migranten nicht integrieren wollen. Wenn sie so viele sind, brauchen sie nicht Deutsch zu sprechen. Arabisch genügt. Das wiederum bedeutet, dass sie dauerhaft von unserem Sozialsystem leben werden.

Hinzu kommt ein Zuwachs an Kriminalität, vor allem an Vergewaltigungen und Messerstechereien. Laut Statistik wird einer von neun Migranten kriminell. In der übrigen Bevölkerung beträgt das Verhältnis eins zu fünfundsechzig.

Die Befürworter der Migration werden sagen, dass man sich mehr Mühe geben, mehr Geld investieren, noch offener sein muss.

Mehr geht kaum mehr. Eins aber möchte ich klarstellen. Man muss Kriegsflüchtlingen helfen, aber möglichst heimatnah, in den Nachbarländern. Für das Geld, das wir für einen Migranten in Deutschland ausgeben, können wir vor Ort wirksam einhundertdreiβig Menschen helfen.

Asylanten, die wirklich vor Verfolgung fliehen, sollen bleiben dürfen. Doch 95 Prozent der Migranten kommen aus wirtschaftlichen Gründen. Sie sollten wir nicht reinlassen. Sicher, sie suchen ein besseres Leben und handeln sehr rational. Wir in ihrer Lage würden wahrscheinlich dasselbe tun. Die Migrationskrise ist nicht ihre Schuld. Schuld sind Politiker.

Wie lautet die politische Antwort der AfD auf die Migrationskrise? Es geht ja auch um den dramatischen Geburtenrückgang in Europa, das Altern der Gesellschaft, den Arbeitskräftemangel.

Wer hat gesagt, dass wir in Deutschland unbedingt 82 Millionen Einwohner haben müssen? Vielleicht reichen 75 oder 70 Millionen aus? Die nächste technologische Revolution ist im Anmarsch, viele Arbeitsplätze werden entfallen.

Heute geht es vor allem darum, dass wir keine offenen Grenzen mehr haben, dass Deutschland die Kontrolle über sie wiedergewinnt. Jeder der kein Bleiberecht hat bei uns sollte abgeschoben werden. Heute werden selbst illegale Migranten nicht belangt. In Berlin erlauben die Behörden jedem zu bleiben, der hierher kommt.

Sind sie für die Abschaffung der Schengen-Zone?

Ja, weil die EU nicht fähig ist die Auβengrenzen zu kontrollieren.

Und wie halten sie es mit der EU?

Wir wollen sie reformieren in Richtung mehr Subsidiarität. Die Nationalstaaten sollen mehr zu sagen haben. Die EU soll sich nur damit beschäftigen, was sie besser als die Nationalstaaten lösen kann, zum Beispiel den gemeinsamen Markt hüten.
Heute reiβt die EU immer mehr Zuständigkeiten an sich. Wozu eigentlich? Sollte eine Reform nicht möglich sein, dann muss Deutschland aus der EU austreten.

Der Dexit wäre das Ende der EU.

Zuerst müssen wir versuchen zu reformieren, und es ist uns klar, dass das mindestens einige Jahre lang dauern wird. Auf keinen Fall jedoch, werden wir einen europäischen Überstaat hinnehmen. Das Europäische Parlament wird niemals eine volldemokratische Legitimation haben.

Aus polnischer Sicht wird die EU vollends von Deutschland bestimmt und arbeitet für Deutschland.

Die Deutschen wiederum sind überzeugt, dass vor allem sie die EU finanzieren. Nicht einmal unsere EU-Exporte werden fair abgewickelt. In Wirklichkeit verkaufen wir auf Kredit, weil wir den Staaten des Südens Geld leihen. Zudem haben wir im Rahmen der Euro-Zone keinen Einfluss mehr darauf.

Bei dieser Gelegenheit kann ich euch raten, lasst die Finger von der gemeinsamen Währung. Der Euro hat Griechenland, Spanien, Portugal, Italien schreckliche Schäden zugefügt.

Was halten Sie von der Einmischung der EU in die polnische Justizreform?

Das ist eine innerpolnische Angelegenheit. Das Bild Polens und Ungarns in den deutschen Medien ist sehr negativ. Deutsche Politiker und Medien können nicht ertragen, dass es in einem benachbarten Land eine konservative Regierung gibt, die vieles anders sieht als sie.

Dasselbe gilt für Donald Trump. Ich habe einige Jahre lang in den Vereinigten Staaten gelebt, habe dort viele Freunde und ich weiβ, wie sehr sie mit dem jetzigen Präsidenten zufrieden sind. Sie sagen, er sei der erste Politiker seit Jahren, der seine Wahlversprechen einhält.

Ist die AfD eine prorussische Partei?

Ganz sicher hat Ostdeutschland starke mentale und wirtschaftliche Bindungen zu Russland. Viele deutsche Unternehmen leiden unter den Sanktionen gegen Russland. Wir brauchen Frieden in Europa. Es muss eine europäische Ordnung entstehen, die die Interessen Russlands, der USA und der ostmitteleuropäischen Staaten berücksichtigt, die den Osten mit anderen Augen sieht als Deutschland.

Was soll man aber mit einem Russland anfangen, das reihum seine Nachbarn angreift? Georgien, die Krim, Ostukraine. Jetzt will es Weiβrussland schlucken. Wie oft und wie lange kann man das mit Appellen abtun, die zum Dialog aufrufen?

Die territoriale Ganzheit aller europäischen Staaten unterliegt keiner Diskussion. Man darf Russland nicht erlauben, seine Grenzen Richtung Westen zu verschieben. Die Nato sagt das eindeutig und zeigt wo die rote Linie verläuft. Mit Russland kann man nur von Gleich zu Gleich reden. Das ist die Sprache die sie verstehen und respektieren. Eine Politik der Zugeständnisse, der Besänftigung und Beschwichtigung ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Sind sie für die Anwesenheit amerikanischer Truppen in Europa?

Selbstverständlich. Die USA sind das Schlüsselelement der Nato, eines Bündnisses, das uns seit so vielen Jahrzehnten den Frieden garantiert. Wer das infrage stellt versteht die Amerikaner nicht. Natürlich wollen sie Geschäfte machen, Geld verdienen. Es ist aber auch ein Volk, das sich in Selbstlosigkeit übt und für die Verteidigung der Freiheit sehr viel übrig hat.

Welche Politik wird die Regierungspartei AfD gegenüber Polen und den anderen Staaten der Region verfolgen?

Ich und die anderen Führungspersonen der AfD hoffen, dass es gelingt nähere Kontakte zwischen den konservativen Parteien Europas aufzubauen. Wir wollen uns austauschen und zusammenarbeiten mit Recht und Gerechtigkeit. In vielen Bereichen haben wir fast gleichlautende Meinungen. Da muss man ansetzen.

Wie wichtig ist für die AfD die Auβeinandersetzung mit der Ideologie der sogenannten offenen Gesellschaft?

Sehr wichtig. Wir sind die einzige Partei in Deutschland, die sich dieser Herausforderung stellt. Die Gender-Ideologie, die sehr frühe Sexualisierung der Kinder, die politische Korrektheit, das alles lotst Europa in die falsche Richtung. Oft handelt es sich dabei auch um puren Unsinn. Wie kann man behaupten, dass man das Geschlecht beliebig wechseln kann? Ist doch absurd.

Angela Merkel sagt, der Islam sei ein Teil Deutschlands geworden.

Nein. Europa ist auf drei Hügeln gebaut. Auf Golgota, das ist das Christentum. Auf der Akropolis, das ist das antike Griechenland und auf dem Kapitol, das ist das antike Rom. Europa das ist die jüdisch-christliche Zivilisation. Was hat der Islam damit zu tun? Bis ins 17. Jahrhundert unternahm der Islam alles um Europa zu erobern. Das hätte ihm sogar gelingen können, wäre da nicht der polnische König Johannes III. Sobieski gewesen.

Sie sind polnischer Abstammung. Ihr Vater war Pole, wurde während des Krieges als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt und blieb dort nach dem Krieg. Ist das wichtig für sie?

Die Hälfte meines Blutes ist polnisch und deswegen weckt Polen in mir warme Gefühle. Meine Groβeltern waren Polen und ich weiβ, dass sie mich sehr geliebt haben. Sie schickten mir Pakete mit Konserven, Halva und Kinderbüchern, die mir mein Vater übersetzte. Das war nicht einfach, weil es nicht leicht ist das Kindergedicht „Die Lokomotive“ von Julian Tuwim ins Deutsche zu übertragen.

Sie waren ein ranghoher Berufssoldat. Warum sind sie in die Politik gegangen?

Nach der Rückkehr von Auslandseinsätzen, bei denen ich viele Jahre verbracht habe, musste ich feststellen, dass mein Land in die falsche Richtung abdriftet. Später ist mir klar geworden, dass man das nicht ändern kann, indem man nur wählen geht. Man muss etwas tun.

Deutschland hat mir die Chance geboten viele meiner Träume zu verwirklichen. Jetzt, wo ich vier Enkelkinder habe, befürchte ich, dass sie nicht die Möglichkeiten haben werden, die ich hatte. Deswegen habe ich mich der entstehenden AfD angeschlossen. Wir haben viel erreicht. Auch in der Opposition beeinflussen wir die Wirklichkeit.

RdP




Das Wichtigste aus Polen 23. Dezember 2018 – 19. Januar 2019

Kommentator Dr. Michał Kuź und Janusz Tycner diskutieren die wichtigsten Ereignisse der letzten Zeit in Polen ♦ Nach dem tödlichen Attentat auf den Gdansker Stadtpräsidenten Paweł Adamowicz ♦ Strompreissperre. Regierung hat drohenden großen Strompreisanstieg verhindert ♦ Lega-Chef Matteo Salvini zu Besuch in Warschau und was daraus werden könnte ♦ Trump zieht plötzlich US-Truppen aus Syrien ab. Könnte das auch Polen widerfahren?




Pudding mit Kanten

Am 13. Januar 2019 starb Paweł Adamowicz.

Sein Tod war schrecklich. Umso überwältigender gerieten die Lobreden, die Paweł Adamowicz auf seinem letzten Weg begleiteten. Sie waren gut gemeint, aber sie hatten nicht viel zu tun mit dem wahren Leben eines Haudegen-Politikers, der es gut verstand sich sympathisch zu geben und grob zu agieren, der heftig austeilte und auf gleiche Weise einstecken musste. Sein politischer Kompass war sein überdimensionaler Ehrgeiz.

Während eines Wohltätigkeitskonzertes unter freiem Himmel, sprang am Abend des 13. Januar 2019 im Stadtzentrum von Gdańsk ein 27-jähriger Mann auf die Bühne. Mit einem knapp fünfzehn Zentimeter langen Messer stach er auf den Stadtpräsidenten von Gdańsk ein.

Der 53-jährige Paweł Adamowicz hatte, wie wir heute wissen, keine Chance. Von den insgesamt fünf Stichen, trafen ihn drei in Bauch und Brustkorb. Das Herz und fast alle inneren Organe wurden schwer verwundet. Zweimal gelang es dem Opfer Stiche abzuwehren. Schnitte am linken Handgelenk zeugten davon. Bis weit in den nächsten Tag hinein kämpften Ärzte um Paweł Adamowiczs Leben. Vergebens.

Von der Bühne, auf der sich Musiker und Offizielle tummelten, hallte lauter Gesang, bengalische Feuer wurden gerade gezündet. Adamowicz stand in einer schlecht beleuchteten Ecke. Das Geschehen ging zuerst im Krach und Lichtergewitter unter, aber der Mörder lief nicht davon. Er griff zum Mikrofon, um seine Botschaft zu verkünden. Er räche sich auf diese Weise an der einstigen Regierungspartei Bürgerplattform, die ihn unschuldig ins Gefängnis gesteckt habe. Erst dann konnte er überwältigt werden.

Der Täter Stefan W. ist psychisch schwer gestört, leidet an paranoider Schizophrenie, neigt zu Gewaltausbüchen, hat nie regelmäβig gearbeitet und lieβ sich von seiner Mutter durchfüttern. Er verlieβ im Dezember 2018 das Gefängnis, nachdem er eine fünfeinhalbjährige Haftstrafe bis auf den letzten Tag abgesessen hatte. Verurteilt hatte man ihn wegen vier Überfällen auf Bankfilialen, bei denen er geringe Geldbeträge erbeutete.

Mit Adamowicz wurde eine allseits bekannte politische Persönlichkeit, geradezu eine Institution, ermordet. Zwanzig Jahre lang war er Oberbürgermeister von Gdańsk. Nach den letzten Kommunalwahlen im Herbst 2018 begann seine sechste Amtsperiode. Zudem gehörte er zu den unerbittlichsten Widersachern der jetzigen polnischen Regierung, gegen die er heftig wetterte. Deswegen, und aufgrund gewichtiger Korruptionsvorwürfe, die er nicht glaubhaft widerlegen konnte, geriet Adamowicz in den letzten Jahren immer wieder in die Schlagzeilen.

Auf den Apostelnamen getauft

Er kam 1965 zur Welt, mitten in der Innenstadt von Gdańsk, in der ulica Mniszki, der einstigen Nonnengasse, wohin seine Eltern 1946 aus der zwangsweise an die Sowjetunion abgetretene Stadt Wilno/Wilna umgesiedelt wurden.

In solchen Familien kam der Kommunismus keinen Fuβbreit über die Türschwelle. Schwer gezeichnet von ihren Erfahrungen mit den Sowjets im nun abgetrennten polnischen Osten, pflegten die Adamowiczs in ihren vier Wänden die nationale Tradition, das Gedenken an die Opfer sowjetischer Verbrechen, die 1940 in Katyń und anderswo ermordet wurden oder durch die Hölle der Verbannung nach Sibirien gingen. Der Glaube war das Fundament, und es verstand sich von selbst, dass die beiden Söhne auf die Namen der Apostel Piotr und Paweł (Peter und Paul) getauft wurden.

Brigittenkirche in Gdańsk.

Nebenan befand sich die Brigittenkirche, wo der rührige Henryk Jankowski, der spätere Beichtvater von Lech Wałęsa, Gemeindepfarrer war. Das Gotteshaus galt schon in den Siebzigerjahren als ein Hort der Opposition. Paweł und sein vier Jahre älterer Bruder Piotr waren dort Messdiener.

Pawel Adamowicz. Ferien in der Hohen Tatra 1979.

Seit der Verhängung des Kriegsrechts in Polen am 13. Dezember 1981, bis zum Ende des Kommunismus 1989, war Jankowskis Pfarrhaus das informelle internationale Informationszentrum der verbotenen Gewerkschaft Solidarność. Zähneknirschend mussten das die kommunistischen Behörden hinnehmen.

Vor der Pfarrei der Brigittenkirche, November 1988 (v. l. n. r.) : Pfarrer Henryk Jankowski, Premierministerin Margaret Thatcher, Lech Wałęsa.

Hier hielt, so die offizielle Propaganda, „der einfache Werft-Elektriker“ Lech Wałęsa Pressekonferenzen ab, gab Interviews. Hier war die Anlaufstelle westlicher Korrespondenten und Diplomaten, die Kontakt zu Solidarność suchten. Hier empfing Wałęsa prominente Gäste, wie u. a. 1987 den damaligen US-Vizepräsidenten George Bush und 1988 die britische Premierministerin Margaret Thatcher. Vor der Pfarrei rief im August 1989 Norbert Blüm seinen historischen Satz aus: „Marx ist tot, Jesus lebt!“. Paweł Adamowicz war stets in den Nähe.

Geschniegelt und gestriegelt

Als im Spätsommer 1980 die landesweiten Streiks mit der Gründung der Solidarność, der ersten freien Gewerkschaft im ganzen kommunistischen Machtbereich endeten, war Adamowicz fünfzehn Jahre alt und gerade Schüler am unweit gelegenen Nikolaus-Kopernikus-Lyzeum geworden.

Sechzehn Monate lang, bis Dezember 1981, als das Kriegsrecht verhängt und Solidarność verboten wurde, brodelte, wie im ganzen Land, auch an seiner Schule das oppositionelle Tun. Adamowicz nahm eine leere Vitrine, die in einem der Schulkorridore an der Wand hing, in Beschlag und begann mit einigen Mitschülern regelmäβig eine Wandzeitung mit dem Titel „Godło“ („Das Wahrzeichen“) zu veröffentlichen.

Das Kriegsrecht setze all dem am 13. Dezember 1981 ein Ende. Bruder Piotr wurde interniert und kam erst im August 1982 wieder frei. Paweł nahm die Miliz zum ersten Mal während einer groβen Protestdemonstration gegen das Solidarność-Verbot Anfang Mai 1982 fest.

Paweł Adamowicz (l.) bei der Papst-Messe am 12.06.1987 für ca. eine Million Menschen in Gdańsk beim Besuch Johannes Paul II.

Bruder Piotr war in jenen Jahren eine umtriebige und bedeutende Person in den Danziger Oppositionskreisen. Paweł dagegen mochte es beschaulicher. Er widmete sich dem Vertrieb von Untergrundpublikationen. Sein Metier waren Selbstbildungszirkel, wo sich wissbegierige junge Leute trafen, um mit Hilfe oppositioneller Historiker, Soziologen, Ökonomen Lücken in ihrem Wissen zu füllen, die das offizielle Bildungssystem hinterlieβ, weil es hunderte von Tabuautoren und Tabuthemen gab, wie die Katyń-Morde der Sowjets.

Paweł verkörperte damals den Musterschüler. Beste Noten, stets geschniegelt und gestriegelt, höflich, hochgewachsen, etwas unbedarft und schüchtern, schnell errötend, intelligent, belesen, aber auch jeder Zeit da für andere. „Baby face“ nannten sie ihn damals oder „budyń“ („Pudding“). So jemand wie er damals, wird auch heute noch gerne zum Kassenwart oder zum Klassensprecher gewählt.

Paweł Adamowicz, Chef des studentischen Streikkomitees an der Universität Gdańsk. Mai 1988.

So trat er im Mai 1988 zum ersten Mal vor einem breiten Publikum in Erscheinung. Kommilitonen setzten auf seine Besonnenheit und wählten Paweł Adamowicz zum Chef des studentischen Streikkomitees an der Universität Gdańsk, wo er Jura studierte. Der Streik war ein Zeichen der Solidarität mit den Arbeitern der Danziger Lenin-Werft, die wieder einmal die Arbeit niedergelegt hatten, um die Wiederzulassung der Solidarność zu erzwingen. Der Streik scheiterte. Wer hätte damals gedacht, dass schon ein gutes Jahr später der kommunistische Spuk in Polen vorbei sein würde.

Nun machten Leute wie Adamowicz atemberaubende Karrieren. Um sich dem Geist der Zeit gewachsen zu zeigen, wählte der gewendete Senat der Universität Gdańsk den 25-jährigen Magister 1990 zum Prorektor für Studentenfragen. Im gleichen Jahr schaffte Adamowicz bei den ersten freien Kommunalwahlen den Sprung in den Stadtrat von Gdańsk.

Pharao Adamowiczs Pyramiden

Noch versuchte er sich als Rechtsberater zu etablieren, aber die Politik ergriff zunehmend Besitz von ihm. Vier Jahre später wurde er erneut Ratsherr und der Stadtrat wählte ihn zum Vorsitzenden. Nach weiteren vier Jahren, 1998, wählten ihn die Ratsherren zum Stadtpräsidenten, wie die Oberbürgermeister in Polen heiβen. Als im Jahr 2002 die Stadtoberhäupter zum ersten Mal direkt gewählt wurden, war Adamowicz wieder der Sieger. So sollte es noch 2006, 2010, 2014 und 2018 sein.

Am Anfang der Neunzigerjahre kam der wirtschaftliche Zusammenbruch. Ein Staatsbetrieb nach dem anderen ging Pleite, mit dabei die Werft, die ruhmreiche Wiege der Solidarność. Die Arbeitslosigkeit stieg gewaltig, nur wenige Heimwehtouristen aus Deutschland bevölkerten die wiederaufgebaute Rechtstadt, wie die Altstadt in Gdańsk heiβt. Die Stadtkasse war so leer, dass die Straβenbeleuchtung um 22 Uhr gelöscht werden musste.

Heute sind das längst vergangene Zeiten. Gdańsk boomt, wie alle anderen Groβstädte in Polen. Der EU-Beitritt, viele Standortvorteile, die Beibehaltung der eigenen Währung, die Emsigkeit der Polen u. e. m. befeuern bis dato die anhaltend gute Konjunktur.

Adamowicz vor dem Amber-Stadion in Gdańsk.

Ausgezahlt hat sich in all den Jahren Adamowiczs Hartnäckigkeit Gdańsk zu einem der Austragungsorte der Fuβball-EM 2012 zu machen. In seine Amtszeit fiel die gelungene verkehrstechnische Anbindung der früher schwer erreichbaren, teilweise brachliegenden Hafenflächen an der Toten Weichsel, unter der seit 2016 ein Tunnel verläuft.

Adamowicz im Tunnel unter der Toten Weichsel. April 2016.

Zu Adamowiczs Hinterlassenschaften gehören jedoch auch monumentale Monsterbauten, in denen er sich, einem Pharao gleich, verewigen wollte. Da ist das tiefschwarz-klobige Gebäude des Shakespeare-Theaters, im Volksmund „Krematorium“ genannt. Mit seinen kolossalen Ausmaβen (ein Volumen von 53.000 Kubikmetern, die Nutzfläche beträgt über 12.000 Quadratmeter) erdrückt es geradezu die prächtige Rechtstadt mit der Marienkirche.

Das Shakespeare-Theater.

Um die Ecke, gegenüber vom Goldenen Tor, verstellt seit Mai 2018 den Blick auf die Rechtstadt das 33 Meter hohe Forum-Gdańsk-Handelszentrum, ebenfalls ein Lieblings-Projekt Adamowiczs. Volumen gut 700.000 Kubikmeter, Nutzfläche knapp 150.000 Quadratmeter. Die Aufstellung lieβe sich fortsetzten.

Das sonderbare Aktienportfolio

Der Bauboom, der vor einigen Jahren Gdańsk erfasste, hat sich inzwischen in Bauwut verwandelt. Adamowicz, so der Vorwurf der Opposition und der Denkmalschützer, lieβ in Gdańsk die Baulöwen zunehmend schalten und walten wie sie wollten. Hing das damit zusammen, dass der Stadtpräsident bis kurz vor den letzten Kommunalwahlen (im Herbst 2018) 37.000 Aktien der Firma Robyg im Wert von umgerechnet ca. 36.000 Euro besaβ? Anfang 2019 betrieb Robyg acht Groβbaustellen in Gdańsk.

Adamowicz war zudem bis zuletzt Besitzer von 1.100 Aktien der Firma Budimex für weitere umgerechnet gut 53.000 Euro. Budimex will im Stadtteil Zaspa/Zaspe, entgegen heftigen Protesten der Anwohner, die Landebahn des 1974 stillgelegten Flughafens überbauen.

Das Tryton Business House. Im Vordergrund Denkmal für die 1970 gefallenen Werftarbeiter (Fragment).

Des Weiteren hatte Adamowicz in seinem Portfolio 17.000 Aktien der Firma Echo Investment für umgerechnet ca. 20.000 Euro. Diese baute gegenüber der stillgelegten Werft das Tryton Business House mit 25.000 Quadratmetern Nutzfläche.

Auf den Interessenkonflikt angesprochen, antwortete Adamowicz allen Ernstes, für ihn sei das bis dato ein Verlustgeschäft gewesen. Die Aktien von Budimex und Echo Investment seien, seit ihrem Kauf im April 2018 beziehungsweise im November 2017, nämlich im Kurs gefallen. Auβerdem handle er im Geiste des Wirtschaftspatriotismus, wenn er Aktien polnischer Unternehmen erwerbe.

Viel eigenes Geld übersehen

Adamowiczs Vermögen vergröβerte sich rasch. Im Dezember 2005 kaufte das Ehepaar Paweł und Magdalena Adamowicz zwei Wohnungen in der Wohnanlage Neptun Park in Stadtteil Jelitkowo/Glettkau. Eine dritte erwarb Adamowiczs Schwiegermutter Janina Abramska.

Ihre Versicherungsagentur Olympia bekam von der Stadt, neben anderen lukrativen Aufträgen, das zeitlich uneingeschränkte Exklusivrecht zum Abschluss von Vermögens-, Verkehrs– und Haftpflichtversicherungen mit der Verwaltung der Pommerischen Sonderwirtschaftszone, die über 35 Unterzonen in ganz Polen verfügt.

Wohnanlage Neptun Park. Apartment.

Die Wohnungen wurden von den Dreien noch vor Baubeginn gekauft und zwar sehr günstig. In einer ruhigen Traumlage, unweit von einem Goldsandstrand, mitten im Grün, bekam das Ehepaar Adamowicz für beide Wohnungen umgerechnet gut 65.000 Euro Rabatt. Die Schwiegermutter knapp 41.000 Euro. Kurioserweise erhielt der Investor von Neptun Park genau drei Wochen später die Erlaubnis das wertvolle Grundstück dichter und höher zu bebauen, als in der ursprünglichen Baugenehmigung vorgesehen.

Alle ranghohen staatlichen und kommunalen Beamten in Polen, ausnahmslos alle kommunalen Mandatsträger, Abgeordnete, Staatsanwälte und neuerdings auch Richter sind verpflichtet am Jahresanfang eine Vermögenserklärung abzulegen, die im Internet allgemeinzugänglich ist. Die Angaben werden auf ihren Wahrheitsgehalt vom Zentralen Antikorruptionsbüro (CBA) überprüft.

Im Falle Adamowiczs stellte sich nach und nach heraus, dass er im Januar 2009 sowie im Februar 2010, zusätzlich zu den fünf Wohnungen und zwei Baulandparzellen, die er bereits besaβ, zwei weitere Wohnungen gekauft hatte, sie in den entsprechenden Vermögenserklärungen jedoch nicht aufführte. Zudem waren alle Angaben über Ersparnisse niedriger als bei der Überprüfung festgestellt.

In der Erklärung für 2011 blieben Geldanlagen von umgerechnet 77.000 Euro unerwähnt, plus knapp 6.000 Euro Mieteinnahmen. Im Jahr 2012 ebenfalls gut 20.000 Euro plus knapp 5.000 Euro Mieteinnahmen sowie gut 7.000 Euro für Anteile an dem Investmentfond ARKA BZ WBK. Für die Jahre 2011 und 2012 ergab sich daraus, so das CBA, eine Steuerminderung von umgerechnet knapp 31.000 Euro.

Adamowicz lieβ wissen, er habe sechsunddreiβig Bankkonten und da könne schon mal was durcheinandergeraten. Auβerdem habe er einmal gemachte Fehler von einem Jahr auf das nächste, durch das Abschreiben der Vermögenserklärungen, weitergegeben.

Bereits im Oktober 2013, zwei Jahre vor dem Wahlsieg von Recht und Gerechtigkeit, benachrichtigte das Zentrale Antikorruptionsbüro (CBA) die Staatsanwaltschaft. Im März 2016 stellte das Amtsgericht Gdańsk das Verfahren gegen Adamowicz wegen „Geringfügigkeit und bisheriger Straffreiheit des Angeklagten“ ein.

Paweł Adamowicz vor Gericht. April 2018.

Das Urteil rief damals, gelinde gesagt, erhebliches Staunen hervor und bestätigte in den Augen der Skeptiker, dass Gdansker Justizwesen sei tief verstrickt in örtliche Seilschaften. Die Staatsanwaltschaft reichte beim übergeordneten Distriktgericht Beschwerde ein. Ihr wurde, nach langem Zögern und Vertagen, stattgegeben. Ab September 2017 verhandelte das Amtsgericht Gdańsk, in einer anderen Zusammensetzung, den Fall neu, ohne sich allzu sehr zu beeilen. Nach dem Tod des Angeklagten wird das immer noch laufende Verfahren eingestellt.

Aus der eigenen Partei verbannt

Der Korruptionsverdacht, der auf Adamowicz lastete, entzweite ihn nach und nach mit seiner Partei, der 2001 gegründeten Bürgerplattform seines Schulkameraden Donald Tusk. Im März 2015 wurde er als Parteimitglied suspendiert. Seine Mitgliedschaft erlosch ein Jahr später.

Die Bürgerplattform wollte auf keinen Fall, dass Adamowicz bei den Kommunalwahlen im Herbst 2018 noch einmal für das Oberbürgermeisteramt kandidiert. Es war nicht etwa die Empörung über sein Finanzgebaren, sondern die blanke Angst, weitere Enthüllungen oder gar eine Verurteilung im laufenden Gerichtsverfahren könnten die Partei, mit der Adamowicz allgemein in Verbindung gebracht wurde, in ihrer Hochburg Gdańsk schwer schädigen.

Kommunalwahlen 2018. Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt in Gdańsk (v. l. n. r.): Jarosław Wałęsa (Bürgerplattform), Paweł Adamowicz, Kacper Płażyński (Recht und Gerechtigkeit).

Doch Adamowicz blieb stur. Er gründete sein eigenes Wahlkomitee. Die Bürgerplattform schickte gegen Adamowicz einen eigenen Kandidaten ins Rennen, den Sohn von Lech Wałęsa, Jarosław. Nach seiner Ermordung beweihräuchert die Bürgerplattform Adamowicz wieder. Noch drei Monate zuvor, während des Kommunalwahlkampfes, beschimpfte sie ihn als korrupt und unfähig.

Dasselbe taten noch im Herbst 2018 ausgiebig Medien, wie die „Gazeta Wyborcza“, die ihn nach seinem Tod plötzlich als  Opfer einer jahrelangen  „Hetzkampagne“ staatlicher Behörden und nationalkonservativer Medien darstellen.

Jarosław Wałęsa schied im ersten Wahlgang aus. In der Stichwahl am 4. November 2018 gewann Adamowicz gegen Kacper Płażyński (fonetisch Puaschinski), den von Recht und Gerechtigkeit aufgestellten Kandidaten.

Warum war er so erfolgreich?

Adamowicz hatte offensichtlich einen Freibrief von seinen Wählern bekommen. Egal wie dubios er sich benahm, sie hielten ihm die Treue. Warum, dass bedürfte vertiefter soziologischer Untersuchungen, aber einige wichtige Ursachen liegen auf der Hand.

Je länger er regierte, umso enger war das Geflecht aus Seilschaften, Abhängigkeiten, Schweigegeboten und Ängsten, umso gröβer das allgemeine Verlangen alles lieber beim Alten zu belassen.

Die Stadt mit knapp einer halben Million Einwohnern gibt jedes Jahr umgerechnet 900 Millionen Euro aus. Von den 275.000 Einwohnern Gdańsks im arbeitsfähigen Alter bekommt fast jeder Dritte sein Gehalt von der Stadt mit ihren 27 kommunalen Betrieben, dazu den Grundschulen, Kindergärten, Kultureinrichtungen, teilweise dem Gesundheitswesen usw., oder er lebt von städtischen Aufträgen. Man rechne die Familienmitglieder hinzu. Auf sie konnte Adamowicz auf jeden Fall zählen.

Zudem verwandelte sich der einst brave Provinzpolitiker nach und nach in einen hartgesottenen Macher, einen Meister der Machtspiele: des Verteilens, des Austeilens, des Gegeneinander-Ausspielens.

Vor allem jedoch stand Adamowicz mit seinen provinziellen Minderwertigkeitskomplexen, und dem Umgang mit ihnen, stellvertretend für sehr viele seine Wähler. Wie könnte man sie überwinden? Indem man den Ballast „des Polentums“ über Bord wirft.

„Das Polentum verdummt uns, macht uns blind, führt uns ins Reich der Mythen. (…). Es ist selbst ein Mythos. Ja, das Polentum assoziiert man mit Niederlage, mit Pech, mit Gewitterstürmen. Es kann ja auch nicht anders sein. Polentum das ist Abnormität.“ Diese öffentliche Feststellung seines Idols und politischen Förderers Donald Tusk aus dem Jahr 1989, von der er sich nie distanziert hat, verinnerlichte Paweł Adamowicz zunehmend.

 Oberpatrizier der Freien Stadt Danzig

Paweł Adamowicz in Danziger Patriziertracht.

Je länger Adamowicz amtierte, umso mehr berief er sich auf die Hansezeit, als sich die reiche Stadtrepublik Gdańsk zwar im polnischen Staatsverband befand, aber seine inneren Angelegenheiten selbst regelte und sogar einmal Krieg gegen Polen führte. Zwar ergaben sich die Macht und der Reichtum Gdańsks aus seiner Lage und wären nicht denkbar ohne das polnische Hinterland, die Warenströme (Holz, Getreide, Salz, Teer, Honig, Tuchwaren usw.), die über die Weichsel von Polen kamen und nach Polen gingen. Doch diesen Aspekt überging die städtische Geschichtspolitik lieber mit Schweigen.

Museum der Freien Stadt Danzig.

Mit der Zeit entdeckte Adamowicz zudem die zwischen 1919 und 1939 existierende Freie Stadt Danzig (FSD) für sich. Es war zwar ein krisenschürendes, künstliches politisches Gebilde, geschaffen durch den Versailler Vertrag, und Polen gegenüber, das dort einige Vorrechte hatte, sehr feindselig eingestellt. Obendrein träumte die überwiegend deutsche Bevölkerung der FSD nur von einem: „heim ins Reich“. Hitler erfüllte ihr diesen Wunsch. Dankbar breitete sie vor seinem offenen Mercedes auf dem Langen Markt im September 1939 einen Blumenteppich aus. Die Polen der Freien Stadt wurden kurz darauf fast ausnahmslos im nahegelegenen Vernichtungslager Stutthof ausgerottet.

Enthüllung des „Grenz-Straβenrondells Freie Stadt Danzig Republik Polen (1920-1939)“.

Grenzstein FSD Polen in Kokoszki.

Mit Adamowicz lebte die FSD in verklärter Form wieder auf. Ein Museum direkt am Grünen Tor wurde eingerichtet. Straβenbahnen bekamen den weiβ-blauen Anstrich aus der FSD-Zeit. Nach dem ehemaligen Grenzübergang von der FSD nach Polen, im Stadtteil Kokoszki/Kokoschken, lieβ Adamowicz ein Straβenrondell benennen. Ein aus dem Museum geholter Grenzstein mit einem eingeritzten „P“ für Polen und FD „Freie Stadt Danzig“, markiert den alten Grenzverlauf. Seine Idee die gesamte Grenze der FSD mit nachgemachten Grenzsteinen abzustecken war dann doch zu viel des Guten und wurde vorerst verworfen.

Straβenbahn mit weiβ-blauem Anstrich aus der FSD-Zeit.

Dafür ist die Idee Straβenbahnen nach verdienten Alt-Danzigern zu benennen Adamowicz übel aufgestoβen, als herauskam, dass einer der Namensgeber, der Biochemiker und Nobelpreisträger Adolf Butenandt, ein Nazi war.

Nach Adolf Butenandt benannte Straβenbahn.

Polnische Armee raus, Migranten rein

Dessen ungeachtet träumte Adamowicz seinen Autonomietraum weiter, ohne dabei jedoch, da war er klug genug, die rote Linie zu überschreiten und ihn etwa öffentlich zu seinem Programm zu erheben. Doch die Indizien dafür, dass sein Glaube an die eigene politische Gröβe und Bedeutung schnell wuchs, häuften sich und das gefiel seinen Parteigängern.

Im Oktober 2016, auf einem der Höhepunkte der Auseinandersetzung um die Justizreform, lud Adamowicz die Richter des Verfassungsgerichts ein, in Gdańsk den 30. Jahrestag der Gründung des Gerichtes zu feiern. Während der von der deutschen Adenauer-Stiftung mitfinanzierten Veranstaltung rief er im Artushof die unverhüllte Drohung an die Adresse der Warschauer Behörden aus: „Wenn die Regierung schwächelt, nicht gut funktioniert, dann übernimmt die kommunale Selbstverwaltung ihre Funktionen, sie steht als Ersatz bereit“.

Feierlichkeiten auf der Westerplatte im Morgengrauen des 1. September 2018. Die Armee war dabei.

Weitere verbale Kraftproben fanden 2017 und 2018 statt, jeweils vor dem Jahrestag des Kriegsausbruchs am 1. September 1939. Die Feierlichkeiten finden auf der Westerplatte statt. Adamowicz provozierte wieder einmal gezielt die traditionsbewussten Polen. Er forderte, die polnische Armee solle nicht länger an den Feierlichkeiten teilnehmen, das sei nicht mehr zeitgemäβ, stattdessen solle sie Pfadfindern Platz machen.

Dezember 2018. Stadtpräsident Adamowicz übergibt der tschetschenischen Vorsitzenden die Gründungsurkunde des städtischen Migrantenrates.

Im Juni 2017 verkündete er, seine Stadt werde Migranten aufnehmen, also eine Maβnahme ergreifen, die allein in die Zuständigkeit der Zentralregierung in Warschau fällt.

Den Worten folgten keine Taten, aber die von Adamowicz wohlüberlegt betriebene mediale Verwandlung seiner Person in einen gewichtigen Gegenspieler des „Regimes“ in Warschau, wie er zu sagen pflegte, machte weitere Fortschritte.

Lenin und EU

Adamowiczs „Stadtrepublik“ sollte „hanseatisch“, „europäisch“, „weltoffen“, „tolerant“ und „multikulturell“ sein. Geflaggt wurde in Gdańsk in den letzten Jahren am liebsten mit der roten Danziger Zwei-Kreuze-Fahne und dem EU-Banner. Immer öfter gesellte sich die Regenbogenfahne dazu.

Stadtpräsident Adamowicz bei einer Homosexuellen-Veranstaltung im Mai 2018.

Derselbe Stadtpräsident, der noch 2005 eine Homosexuellen-Kundgebung nicht zulieβ, nahm 2017, wie selbstverständlich, die Regenbogenflagge schwingend, an einem Gay-Pride-Marsch teil.

Adamowicz setzte sich lautstark und medienwirksam für das Verbot der nationalradikalen Splittergruppe ONR ein, die einmal durch Gdańsk mit weiβ-roten Fahnen marschierte.

Solidarność-Mitglieder beseitigen im August 2012 den Namen „Lenin“ vom Werft-Eingangstor.

Gleichzeitig beharrte er darauf, dass auf dem historischen Einfahrtstor zur stillgelegten Danziger Werft, wie zu kommunistischen Zeiten, die riesige Aufschrift „Lenin-Werft“ prangte. Erboste Solidarność-Aktivisten haben ihm den „Lenin“ zweimal mit Schweiβbrennern vom Tor abgetrennt. Dann endlich gab der Lenin-Fan Adamowicz auf.

EU-Befürworter Paweł Adamowicz.

Bei der Umsetzung seiner Ambitionen spielte das „Europäische“, als das Gegenprojekt zu dem Traditionell Polnischen, eine wichtige Rolle. Mit dem Europäischen Zentrum der Solidarność (EZS), einem überdimensionierter Kasten mit rostiger Fassadenverkleidung und einer Nutzfläche von gut 25.000 Quadratmetern wollte sich Adamowicz sein wichtigstes Denkmal setzten. Hier wurde der Sarg mit seinem Leichnam aufgebahrt.

Gepflegt wird hier, in der ständigen Ausstellung, und vor allem in den öffentlichen Veranstaltungen, eine ausgesprochen einäugige Sichtweise der Gewerkschaft, deren wichtiges Fundament die polnische Volksfrömmigkeit war. Im EZS jedoch herrschen eine aufdringliche, linksliberale politische Korrektheit und Pädagogik vor. Viel Gender-Ideologie, eine geradezu kindisch naive Verherrlichung der EU vermischen sich mit einer hymnischen Verklärung des heute nur noch clownesk wirkenden Polterrentners Lech Wałęsa. So jedenfalls sehen es viele Solidarność-Veteranen und so sieht es die heutige Leitung der Gewerkschaft, die zwar Vertreter im Stiftungsrat hat, ansonsten jedoch um das EZS einen weiten Bogen macht.

Sarg mit dem Leichnam des ermordeten Stadtpräsidenten im EZS.

Auf tragische Weise gestorben ist ein ambitionierter und machtbewusster Politiker, der Konflikten nicht auswich und sie bis zum Letzten austrug. Ruhe geben war nicht seine Art. Möge er sie jetzt finden.

© RdP




Der Poltergeistliche

Am 27. Dezember 2018 starb Bischof Tadeusz Pieronek.

Die Tugend der Mäβigung bei der Strafpredigt war ihm nicht gegeben. Bischof Tadeusz Pieronek wurde nicht müde, Feuer, Schwefel und Schande gegen Polens regierende Nationalkonservative und alles was sie taten heraufzubeschwören. Aus Nachsicht nun Mäβigung walten zu lassen, wäre in seinem Fall jedoch verhängnisvoll. Schlieβlich ist nichts erfolgreicher als der Exzess, wenn jemand so sehr geltungs- und mediensüchtig ist, wie es der Verblichene war.

Held der Schreckensberichte

Zur Geltung verhalf dem Bischof die geballte Macht der Anti-Recht-und-Gerechtigkeit-Medien, sowohl der polnischen, wie die „Gazeta Wyborcza“, als auch der polnischsprachigen, die in groβer Zahl von ausländischen, überwiegend deutschen Medienunternehmen betrieben werden.

Fernsehteams aus Deutschland und Frankreich konnten jederzeit mit Pieronek rechnen, wenn sie ihre maβlos überzogenen Schreckensberichte im heutigen Polen drehten, dem angeblichen Hort des Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus, Klerikalismus, der allgemeinen Unterdrückung und des heldenhaften zivilen Widerstandes, der in Wirklichkeit ein normaler Protest war, weder helden- noch massenhaft, dafür sehr hysterisch. Die Gegenseite kam in diesen Berichten gar nicht erst zu Wort.

Bischof Pieronek am Grab des verunglückten Staatspräsidenten Lech Kaczyński und seiner Gattin in der Wawel-Krypta. „Die gehören nicht hierher“.

Das Gefühl von Peinlichkeit schien dem Seelenhirten Pieronek dabei immer mehr abhandenzukommen. Noch im Frühjahr 2018, vor laufender TV-Kamera von France 3, am Grab des verunglückten Staatspräsidenten Lech Kaczyński und seiner Gattin stehend, wetterte der Geistliche gegen den für die beiden „unpassenden“ Bestattungsort in der königlichen Krakauer Wawel-Krypta und gegen das in Polen angeblich herrschende autoritäre Regime.

Das vermeintliche „Regime“, dem Bischof Pieronek stets unerbittlich die Leviten las, hat ihn deswegen nie im Geringsten belangt, ebenso wenig wie einen der Künstler, Wissenschaftler, Journalisten, Politiker, die in den Schreckensreportagen ausländischer Medien über Polen, gemeinsam mit ihm, ihre Jeremiaden anstimmten, frei nach Friedrich Schiller: „Alles in Polen hat sich in Prosa und Versen verschlimmert. Ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit!“.

Mehr noch. Einer der führenden Vertreter des „Regimes“, Polens Staatspräsident Andrzej Duda, auch er in Kraków zu Hause, twitterte kurz nach Pieroneks Tod: „Wir haben uns gekannt und waren in vielen Angelegenheiten verschiedener Meinung, vor allem was die Politik angeht. Wir hatten oft unterschiedliche Ansichten, aber ich habe für den Herrn Bischof stets Achtung empfunden. (…) Sein Tod ist ein Verlust für die Kirche in Polen.“ Ob ausgerechnet diese Würdigung dem unversöhnlichen Gottesmann im Jenseits gefallen hat?

Ans Dritte Reich angeschlossen

Er gelangte dorthin nach einem langen Leben, dass 1934 seinen Anfang im Dorf Radziechowy, Landkreis Żywiec, nahm, etwa einhundert Kilometer südöstlich von Kraków, im heutigen Dreiländereck Polen-Slowakei-Tschechien.

Vater Władysław Pieronek (1896-1947). Haus in Radziechowy.

Der Vater war einst Gemeindevorstand, Eigentümer eines Gemischtwarenhandels, und ein vermögender Mann für ein Dorf, das damals in einem eher ärmlichen Teil Polens lag. Fleiβ und eisernes Sparen erlaubten dem Ehepaar Pieronek zehn Kinder groβzuziehen und ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen. Tadeusz war das achte Kind in der Geschwisterreihe.

Die Familie drängte sich in einer engen Wohnung in der ersten Etage des zweistöckigen Hauses, das der Vater über Jahre mühsam gebaut hatte. Unten war der Laden. Zwei Zimmer der ersten Etage wurden an junge Lehrer vermietet. Ganz oben befand sich das Warenlager.

September 1939. Deutsches Flugzeug, polnische Flüchtlingskolonnen.

Anfang September 1939 flüchteten die Pieroneks mit Tausenden anderer Zivilisten vor den schnell vorrückenden deutschen Truppen. Nach Tagen des Herumirrens im dichten Flüchtlingsstrom, der sich über die Landstraβen wälzte, immer wieder von deutschen Flugzeugen beschossen, kehrten sie erschöpft nach Hause zurück.

„Saybusch-Aktion“. Vertreibung der polnischen Bevölkerung.

Ihre Heimat wurde bereits im Oktober 1939 als Teil des sogenannten Regierungsbezirks Kattowitz (hierbei handelte es sich um den östlichen, polnischen Teil Oberschlesiens) an das Dritte Reich angeschlossen. Żywiec hieβ ab jetzt Saybusch. Im Landkreis sollten Deutsche aus dem Baltikum, der Bukowina, aus Wolhynien und dem Balkan, die Hitler „heim ins Reich“ befohlen hatte, eine neue Heimat finden.

Höfe, Wohnungen, Werkstätten, Läden wurden den deutschen Umsiedlern in Aussicht gestellt. Es galt diese Versprechen einzulösen, als im Morgengrauen des 20. September 1940 deutsche Räumkommandos mit der Aussiedlung der Polen begannen. Die „Aktion Saybusch“ lief an. Innerhalb von zwanzig Minuten durfte jeder Auszusiedelnde nur ein Gepäckstück zum Mitnehmen richten. Stunden später zogen Deutsche in ihre Unterkünfte ein.

„Saybusch-Aktion“. „Heim ins Reich“ geholte Deutsche ziehen ein.

Über Sammellager wurden bis 1944 etwa fünfzigtausend Polen aus dem Landkreis Żywiec in das sogenannte Generalgouvernement (so hieβen die Gebiete des besetzten Polens mit Warschau und Kraków, die nicht ans Reich angegliedert wurden) gebracht. Dort wurden sie zumeist auf freiem Feld abgesetzt und sich selbst überlassen.

Wohlwissend, dass auch sie dieses Schicksal ereilen wird, brachten die Pieroneks ihre Kinder bei Verwandten und Bekannten unter. Tadeusz und sein zwei Jahre älterer Bruder Mieczysław fanden Unterschlupf beim Bruder der Mutter, einem Priester in Kęty (deutsch Kenty). Es ist eine Kleinstadt zwischen Żywiec und Oświęcim, an dessen Rand sich das Vernichtungslager Auschwitz befand.

Bis Oświęcim sind es von Kęty aus nur zwanzig Kilometer. „Wir konnten Auschwitz riechen. Ein süβlicher Geruch lag in der Luft. Wir wussten was sich dort abspielt. Nicht in allen Einzelheiten, aber wir wussten es“, erinnerte sich der Bischof Jahrzehnte später in einem Interview. „In Oświęcim auf der Straβe habe ich einige Male Gefangenenkolonnen gesehen, SS-Männer, Hunde“.

Die Berufung

Im April 1945, der Krieg erreichte inzwischen die Vororte von Berlin, trafen nach und nach im ruinierten Haus in Radziechowy die verstreuten Kinder und die Eltern Pieronek ein. Es glich einem Wunder, alle hatten überlebt.

Je mehr sich nun der Kommunismus in Polen unter den sowjetrussischen Fittichen ausbreitete, umso schwieriger wurde das Leben der Pieroneks in Radziechowy. Das neue Regime gängelte die Privatwirtschaft immer heftiger: willkürlich auferlegte Sondersteuern, ständige Kontrollen und Durchsuchungen, Preisvorgaben die jeglichen Gewinn verschlangen. So sah die von den Kommunisten ausgerufene „Schlacht um den Handel“ aus, in der auch Tadeuszs Vater nicht bestehen konnte. Sein Laden wurde 1949 verstaatlicht. Die Kommunisten hatten die Schlacht gewonnen, nur gab es, so lange sie regierten, also bis 1989, kaum etwas zu kaufen.

Immerhin durfte Tadeusz, das Kind eines „Dorfbonzen“, die Grundschule beenden und 1951 das Abitur im Gymnasium von Żywiec machen. Dass er aufs Priesterseminar in Kraków gehen würde war für ihn seit Langem beschlossene Sache. Das tiefreligiöse Elternhaus, wo das Praktizieren des Glaubens so selbstverständlich war wie das Atmen, aber auch die Kriegserlebnisse, die Repressalien des Kommunismus formten seine Berufung.

Katholische Universität Lublin 1961.

Im Jahr 1957 zum Priester geweiht, studierte Pieronek bis 1961 Kirchenrecht an der Katholischen Universität Lublin (KUL). Bis Anfang der Neunzigerjahre war das die einzige verbliebene katholische Hochschule mit universitärem Charakter im ganzen kommunistischen Machtbereich von der Elbe bis Pjöngjang in Nordkorea.

Die Gängelungen und Repressalien der kommunistischen Verwaltung waren zeitweise so heftig, dass die Schlieβung der KUL nur eine Frage von Wochen, gar Tagen zu sein schien. Doch die Hochschule überdauerte. Dort verteidigte Pieronek seine Dissertation und erhielt Anfang der sechziger Jahre den Doktortitel.

Katz-und-Maus-Spiel mit der Stasi

Zu jener Zeit wurde die polnische Stasi auf ihn aufmerksam. Die geheimpolizeiliche Überwachung der katholischen Kirche im kommunistischen Polen war beinahe lückenlos. Jeder Geistliche, ob Pfarrer, Mönch oder Nonne, jeder Angestellte der Kirche, ob Organist oder Küster, hatte eine Geheimdienstakte, die ihm von Stasi-Dienststelle zu Stasi-Dienststelle folgte, jedes Mal wenn er versetzt wurde. Spitzel wurden mit Hilfe von Erpressung, Geld, oder durch gekonntes Ausnutzen von Minderwertigkeitskomplexen und Ambitionen angeworben und auf kirchliche Einrichtungen und Würdenträger angesetzt.

Eine gute Gelegenheit Kirchenleute in ihre Dienststellen zu locken und dort unter Druck zu setzen, boten der polnischen Stasi Reisepass-Angelegenheiten. Die Reisen ins kapitalistische Ausland waren damals, seit dem politischen Tauwetter vom Oktober 1956, immerhin möglich, aber sie wurden sehr streng reglementiert.

Die Kirche schickte ihre Geistlichen nach Rom zum Studium an die Päpstliche Lateranuniversität oder auf Missionen in die Dritte Welt. Folglich reichten sie Gesuche ein, man möge ihnen einen Reisepass ausstellen. Regelmäßig folgte erst einmal eine Ablehnung. Die Reisewilligen wurden zum „klärenden Gespräch“ in die örtliche Passbehörde, die in die Zuständigkeit der Stasi fiel, gebeten. Ausgestattet mit IM-Berichten über die Stärken und Schwächen der Antragssteller konnten Stasi-Offiziere diese gezielt ausfragen, einschüchtern, durch weitere Absagen und Vorladungen zermürben, um sie letztendlich als Spitzel anzuwerben. Nicht selten gelang das.

Im Jahr 1961 wollte Pfarrer Tadeusz Pieronek den Bruder seines Vaters, Paweł Pieronek, der in Detroit in den USA lebte und ein Fotoatelier betrieb, besuchen. Die Stasi zog wieder einmal alle Register und Pfarrer Pieronek willigte ein. Unter der Nummer 2718 und dem Tarnnamen „Felix“ wurde er in die geheime Spitzelkartei der Lubliner Woiwodschafts-Stasibehörde eingetragen. Man wurde sich einig, dass es dazu keiner Verpflichtungserklärung bedürfe. Im Oktober 1961 konnte er reisen.

So begann ein einige Jahre andauerndes Katz-und-Maus-Spiel Pieroneks mit der polnischen Stasi, was man anhand seiner Stasi-Unterlagen zurückverfolgen kann. „Als Gegenleistung für die Ausreiseerlaubnis hatte er sich bereiterklärt uns Auskünfte über antikommunistische Aktivisten und Strukturen unter den USA-Polen zu liefern“, heiβt es in einem Stasi-Bericht.

Sitz der Römischen Rota, der Palazzo della Cancelleria.

Doch, anstatt nach ein paar Wochen nach Polen zurückzukehren, flog Pieronek von den USA aus nach Rom, um beim Gericht der Römischen Rota, der zweithöchsten Spruchkammer der katholischen Kirche, ein zweijähriges Praktikum anzutreten. Erst jetzt merkten die Stasi-Leute, dass das sein eigentlicher Reisegrund gewesen war.

Als Diplomaten der polnischen Botschaft getarnte Agenten der polnischen Stasi machten ihn 1962 in Rom ausfindig und erinnerten an seine „Pflichten“. Pieronek erschien daraufhin 1962 und 1963 ein paar Mal zu konspirativen Treffen, plauderte einige Interna aus, über Verhaltensweisen, Vorhaben und Positionen einzelner polnischer Bischöfe, die am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnahmen.

Polnische Bischöfe (v. l. n. r.) Antoni Baraniak, Karol Wojtyła, Primas Stefan Wyszyński, Bolesław Kominek beim Zweiten Vatikanischen Konzil.

Die Kommunisten in Moskau und im übrigen Ostblock betrachteten die beabsichtigten Reformen in der katholischen Kirche als sehr gefährlich, könnten sie am Ende die Kirche doch attraktiver und dadurch einflussreicher werden lassen. Das Ausspionieren des Konzils hatte also oberste Priorität und Pieronek war bei Weitem nicht die einzige polnische Stasi-Informationsquelle in Rom.

Im Nachhinein erst merkten die Stasi-Leute, dass Pieronek sie ein zweites Mal hinters Licht geführt hatte. Nach eineinhalb Jahren der Abwesenheit von Polen wollte er im Sommer 1963 wenigstens für kurze Zeit nach Hause, die Familie sehen. Damit die Behörden ihn wieder nach Rom fahren lassen würden, täuschte er vor, weiterhin Spitzel sein zu wollen. Wieder aus Polen in Rom angekommen, verweigerte er jedoch jegliche weitere Zusammenarbeit.

Pfarrer Tadeusz Pieronek Anfang der Sechzigerjahre in Rom.

Mehr noch. Aus anderen Spitzelquellen erfuhr die Stasi, dass Pieronek, noch vor seiner USA-Reise im Herbst 1961, die Stasi-Anwerbung seinen Vorgesetzten gemeldet hatte. Auch hatte er wesentlich dazu beigetragen kirchenintern einige polnische Geistliche in Rom als Stasi-Zuträger zu entlarven.

Der geistigen Enge des kommunistischen Polens der Sechzigerjahre entkommen, genoss er es die damalige Welthauptstadt der Mode und Kultur, das Rom Fellinis, Marcello Mastroiannis und Sophia Lorens erleben zu können, ohne sich jedoch davon vereinnahmen zu lassen.  Ausgestattet mit einem Pass des Vatikanstaates, damit ihn die Stasi zu Hause  wegen der vielen Stempel in seinem polnischen Reisedokument nicht belangen konnte, bereiste er Europa, unternahm zwei ausgedehnte Rundreisen durch die USA.

Vor allem jedoch studierte er und begleitete seinen Krakauer Bischof Karol Wojtyła bei dessen Aufenthalten in Rom.  Dort war er sein persönlicher Sekretär. Pieronek war dabei als Wojtyła 1977 den Kardinalshut in Empfang nahm, war zugegen bei Wojtyłas Gesprächen mit Papst Paul VI, er begleitete ihn bei seinen Reisen durch Italien.  Er meinte aus der damals entstandenen Nähe zum späteren Papst den Rückhalt in den innerkirchlichen Machtkämpfen zu haben, die er künftig entfachen sollte.

In jenen Jahren fertigte die polnische Stasi mehre Charakteristiken Pieroneks an. Er sei sehr pflichtbewusst, zudem ein hervorragender Kirchenjurist, dem viele Karrieretüren offen stünden. Dazu gescheit, gelehrig, aufgeweckt, fröhlich, kein Dogmatiker. Neigt jedoch zu Hochmut, Überheblichkeit und Geltungssucht.

Letztgenannte Eigenschaften wogen gut vier Jahrzehnte später so schwer, dass er ins Abseits geriet. Groll und Verbitterung darüber, verleiteten ihn in den letzten Lebensjahren zu immer radikaleren politischen Stellungnahmen und Verhaltensweisen.

Jahre des Aufstiegs

Noch überwogen jedoch offensichtlich die positiven Charaktereigenschaften. Nach der Rückkehr aus Rom 1965 begannen für Pfarrer Dr. Tadeusz Pieronek lange Jahre des Aufstiegs als Kirchenjurist und Wissenschaftler. Er habilitierte 1975. Den Professorentitel bekam er 1987 verliehen.

Hohe Ämter in der Krakauer Bischofskurie und leitende Beraterfunktionen im polnischen Episkopat paarten sich mit wissenschaftlichen Würden an allen polnischen kirchlichen theologischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Pieronek wurde nach und nach zum Mitherausgeber aller wichtigen polnischen kirchenjuristischen und theologischen Zeitschriften. Man wählte ihn zum Vorsitzenden der Polnischen Theologischen Gesellschaft u. v. m.

Bis zum Ende des Kommunismus in Polen 1989 behielt ihn die Stasi im Visier, aber sie konnte nichts gegen ihn ausrichten. Pieroneks wissenschaftliche Kompetenz, sein wachsendes Ansehen und sein durch und durch anständiger Lebenswandel machten ihn gegen Erpressungsversuche immun.

Pieroneks Sternstunde schlug Anfang der Neunzigerjahre. Er war maβgeblich an der Vorbereitung des Konkordats beteiligt, das im Juli 1993 zwischen Polen und dem Vatikan geschlossen wurde. Der Unterzeichnung folgte eine fast fünf Jahre lang dauernde heftige innenpolitische Auseinandersetzung um die Ratifizierung des Abkommens. Polens Postkommunisten, im Herbst 1993 an die Macht gekommenen, blockierten sie.

Der eloquent und einnehmend auftretende Pieronek war damals eines der wichtigsten medialen Gesichter der Kirche in diesem Streit. Da sprach nicht mehr nur der Fachmann für Kirchenrecht, sondern (seit 1992) der Weihbischof der Diözese Sosnowiec/Sosnowitz und vor allem (seit 1992) der Generalsekretär der Polnischen Bischofskonferenz.

Eitler Medienstar

Die Bischöfe, die ihn in dieses Amt wählten, mögen gedacht haben: er ist noch nicht alt (59 Jahre), gebildet, aber als hoher Würdenträger unerfahren. Man kann ihn leicht steuern. Das jedoch war eine Fehleinschätzung. Der intelligente und schlagfertige Pieronek legte einen Ehrgeiz an den Tag, den niemand so erwartet hatte.

Er entfesselte sofort einen nicht enden wollenden Kleinkrieg um Zuständigkeiten und Personalentscheidungen gegen den Vorsitzenden der Bischofskonferenz und Primas von Polen, Kardinal Józef Glemp. Nach Auβen drang damals kaum etwas davon. Beide Kirchenmänner waren klug genug, den Konflikt nicht auβer Kontrolle geraten zu lassen, aber die Spannungen, das wissen wir heute, waren enorm.

Sie wurden zum ersten Mal sichtbar, als Pieronek 1999 alles daran setzte Kardinal Glemps Wiederwahl zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz zu verhindern. Er war damals nur noch Mitglied, nicht mehr Generalsekretär des Gremiums, und er ging mit seinem Anliegen an die Presse. Diese für Kirchenkreise, wo auf Diskretion sehr geachtet wird, geradezu rabiate Vorgehensweise wurde Pieronek zum Verhängnis. Er scheiterte kläglich.

Das wichtigste Pfund mit dem Pieronek in seiner Zeit als Generalsekretär der Polnischen Bischofskonferenz wucherte, war seine, für damalige Kirchenverhältnisse, enorme Medienpräsenz. Eloquent, kompetent, dynamisch kam er daher, machte vor den Kameras und Mikrofonen eine gute Figur. Man sah, er gefiel sich in dieser Rolle.

Pieronek machte vor den Kameras und Mikrofonen eine gute Figur, und er gefiel sich in dieser Rolle.

Zunehmend selbstverliebt, vergaβ der neue Medienstar jedoch Distanz zu wahren. Bischof Pieronek wurde Teil der Medienwelt und erlag, wie viele weltliche Politiker auch, der Illusion sie dauerhaft in seinem Sinn beeinflussen zu können. Die Zuneigung der linksliberalen Medien, die in den Neunzigerjahren in Polen den Ton angaben, beeindruckte ihn sehr.

Er trug seine Kumpanei mit Adam Michnik, Chefredakteur der eindeutig kirchenfeindlichen „Gazeta Wyborcza“, offen zur Schau. Er wurde Mitglied im Rat der von George Soros finanzierten, alles andere als kirchenfreundlichen, Batory-Stiftung. Beeinflusst hat er sie dadurch nicht im Geringsten, aber sie beeinflussten ihn. Vor allem übernahm er ihre Sichtweise der polnischen Politik und ihre krassen Freund-Feind-Bilder.

Viel gewollt, wenig bewirkt

Mit seiner Idee von der Schaffung moderner, starker Kirchenmedien in Polen erlitt Pieronek Schiffbruch. Auf sein Betreiben hin, wurden fast alle kleinen Diözesan-Rundfunksender zu einem groβen katholischen Radio zusammengelegt: locker, flockig, unkompliziert, mit viel Musik. Was er nicht bedacht hatte: auf dem Gebiet der Unkompliziertheit waren andere Radiosender schon damals viel weiter. Pieroneks Radio musste, mangels Geld, an einen ausländischen Investor verkauft werden, der die letzten katholischen Sendungen umgehend aus dem Programm nahm.

Die von Pieronek aus der Taufe gehobene Katholische Informations-Agentur (KAI) besteht noch, aber ihre Bedeutung auf dem Medienmarkt blieb gering. Eine katholische Zeitung, ein katholischer Fernsehsender, die er angedacht hatte, sind nie entstanden.

Der ehrgeizige Bischof Pieronek scheiterte dort, wo der Redemptoristen-Pater Tadeusz Rydzyk in Toruń/Thorn Erfolg hatte. Aus Spenden finanziert, schuf er Radio Maryja, den TV-Sender Trwam, die Tageszeitung „Nasz Dziennik“ und eine Medienhochschule, die katholische Journalisten ausbildet. Je mehr Erfolg diese sehr traditionell ausgerichteten Medien hatten, umso heftiger wetterten der gescheiterte „liberale Bischof“ und seine medialen linken Verbündeten gegen sie.

„Bischof Ohneland“

Er war sich sicher, 1998 die Wiederwahl zum Generalsekretär der polnischen Bischofskonferenz in der Tasche zu haben, ohne zu merken, dass er als Selbstdarsteller für die Kirche zunehmend zu einer Belastung wurde. Die Niederlage versetzte seinen Ambitionen einen mächtigen Dämpfer.

Aus Angst in der Provinz ausharren zu müssen, lieβ er sich daraufhin von seinen Pflichten in der Diözese Sosnowiec, für die er ohnehin nie Zeit hatte, entbinden und wurde zu einem „Bischof Ohneland“. Die Ernennung zum Rektor der Päpstlichen Theologischen Akademie in Kraków (1998 – 2004) entsprach bei Weitem nicht seinen Ambitionen.

Mit 71 Jahren wurde Bischof Pieronek 2005 zum Senior-Domherrn im Domkapitel der Königlichen Basilika und Erzkathedrale der Heiligen Stanislaus und Wenzeslaus auf dem Wawelhügel in Kraków gewählt, was einer Pensionierung gleichkam.

Krass, krasser, Pieronek

Der pensionierte Bischof empörte sich immer wieder über die angebliche „Politisierung der Kirche, die ihre Sympathien für die Nationalkonservativen kaum verbergen kann“, und verwandelte sich derweil endgültig in einen Politiker im permanenten Unruhestand. Es war ihm ein Bedürfnis zu beweisen, dass er noch Geltung hat, dass seine Meinung wichtig sei, dass es Medien gibt, die seine Meinung lautstark kolportieren und ein Publikum, das sie ernst nimmt.

Er geiβelte kollektiv seine Amtsbrüder, sie entsagten angeblich der Bescheidenheit und dabei bewohnte er selbst auf Kosten der Kirche ein Luxusapartment auf dem Wawel. Er forderte vehement, Polen solle Migranten aufnehmen. Dass Kirche und Regierung viel leisten in Syrien, dem Libanon und in Jordanien, um das Los der Kriegsflüchtlinge vor Ort zu lindern überging er stets mit Schweigen.

Nur einmal widerfuhr dem Bischof eine Entgleisung, die ihm seine Bewunderer sehr übel nahmen. Im Januar 2010 äuβerte er in einem Interview, der Holocaust werde als „Propagandawaffe benutzt, um Vorteile herauszuschlagen, die oft ungerechtfertigt seien.“ Zwar zog er diese Behauptung schnell zurück und verurteilte in der drauffolgenden Zeit den Antisemitismus immer wieder ausdrücklich. Doch mehr als ein Jahr lang stellten ihn, die ihm sonst so gewogenen Medien unter Quarantäne.

Pieronek hielt sich aus tiefster Überzeugung an die Kirchendoktrin. Seine ablehnenden Äuβerungen zum Feminismus, zur künstlichen Befruchtung, zur Tötung ungeborener Kinder, zur „Homoehe“ lieβ man ihm zähneknirschend durchgehen, schlieβlich war er katholischer Bischof. Er revanchierte sich mit der Gleichsetzung seines Landes mit Nordkorea, bemühte gern Hitler und Stalin, wenn es galt die Lage in Polen zu schildern.

„In Polen herrscht ein schwül-stickiges Klima. Man riecht überall den Gestank von Faschismus, Rassismus, Kommunismus und Nationalismus. Wir werden eines Tages daran ersticken.“

„Bald wird es in jedem Städtchen ein Denkmal Lech Kaczyńskis (des 2010 verunglückten Staatspräsidenten – Anm. RdP) geben müssen, so wie es in der Sowjetunion Stalin-Denkmäler gab, und in jeder Wohnung ein Portrait Lech Kaczyńskis, vor dem man sich wird verbeugen müssen so wie in Nordkorea.“

„Wir sind am Ende des Weges angekommen. Es herrscht zwar keine formal ausgerufene Diktatur, aber das was wir in Polen haben, weist alle Merkmale einer Diktatur auf.“

Die Sozialprogramme der Regierung „das neue Kindergeld in Höhe von 500 Zloty, der soziale Wohnungsbau, das Schulausstattungsgeld zu Beginn des Schuljahres über 300 Zloty, die Lohnerhöhungen für Lehrer, das alles dient einzig und allein der Wählerbestechung. (…) Als Hitler an die Macht kam hat die Mehrheit der Deutschen auch geglaubt, dass seine Politik ihren Bedürfnissen entspricht.“

„Das war eine Verzweiflungs- aber auch eine Heldentat“. So kommentierte Pieronek die Selbstverbrennung eines offenbar geistesgestörten Mannes am 19. Oktober 2017 im Stadtzentrum von Warschau, der verkündet hatte, er tue es aus Protest gegen die Regierungspolitik. In diesem Fall fand es die Bischofskonferenz für angebracht, sich von diesen Äußerungen offiziell zu distanzieren.

Die Regierung „ordnet die Behinderten einer Menschenkategorie zu, die vegetieren und letztendlich sterben soll. Das wäre das Beste für die Regierenden“, so Pieroneks Kommentar zu dem Protest einer Gruppe von Eltern mit behinderten Kindern im Parlament im Frühjahr 2018. Sie kampierten einige Wochen lang in der Parlamentslobby und forderten mehr Betreuungsgeld.

Bischof Tadeusz Pieronek wühlte Polen immer wieder auf. Er erregte Anstoβ und trug, leider, erheblich zur Verschärfung der politischen Debatte in Polen bei, weil er nicht fähig war seine Gefühlsausbrüche zu bändigen.

War er sich dessen bewusst? Eine Anekdote, die er immer wieder erzählte, klingt aufschlussreich: „Bischof Pieronek war gestorben und ging in Richtung Paradies. Plötzlich blieb er vor einer halboffenen Tür stehen und sah Petrus, der ziemlich beschäftig zu sein schien. Ein Engel flog herbei und verkündete streng: »Polnische Bischöfe werden hier nicht aufgenommen.« Das war Bischof Pieronek sehr unangenehm. Da sah ihn Petrus. Er eilte herbei und sagte: »Tadeusz? Komm rein, du bist doch kein richtiger Bischof.«“

Tadeusz Pieronek fand seine letzte Ruhestätte in der Bischofskrypta der Krakauer Peter-und-Paul-Kirche. Das „Regime“ wurde bei den Trauerfeierlichkeiten durch den stellvertretenden Ministerpräsidenten und Wissenschaftsminister Jarosław Gowin vertreten.

© RdP




Das Wichtigste aus Polen 9. Dezember – 22. Dezember 2018

Kommentator Witold Krzesiński und Janusz Tycner diskutieren die wichtigsten Ereignisse der letzten Zeit in Polen ♦ UNO-Klimakonferenz  in Katowice.  Wie das Kohleland Polen aus der Not eine Tugend machte und warum der polnische Kohleausstieg so schwierig ist ♦ Der Untergang der Partei Nowoczesna (Die Moderne) ♦ Hat viele Pfunde zum Wuchern: Wie sich die Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit für die Europa- und Parlamentswahlen rüstet. ♦ Macron-Dämmerung von Polen aus  gesehen.