Herr aller Agenten

Am 5. November 2015 starb Czesław Kiszczak.

Das Böse hat viele Gesichter. Manchmal erscheint es in Gestalt eines gut aussehenden, beredten und höflichen kommunistischen Polizeiministers, der sich so zuvorkommend und jovial gibt, dass sogar seine Opfer diesem Charme erliegen. Prominentestes Beispiel: Adam Michnik, einst namhafter Dissident und Bürgerrechtler.

Michnik und Kiszczak lernten sich erst im Frühjahr 1989 bei den Gesprächen am runden Tisch persönlich kennen. Bald darauf begann man sich, in kleiner Runde, am Rande der Verhandlungen, zu internen Konsultationen beim Wodkatrinken zu treffen. Vor kurzem noch Kiszczaks Häftling, prostete Michnik, im Beisein Lech Wałęsas und einiger anderer Solidarność-Gröβen, dem obersten Gefängniswärter zu: „Ich trinke, Herr General, auf eine Regierung, in der Lech Wałęsa Ministerpräsident und sie Innenminister sein werden“.

Kiszczak, Michnik, Wałesa toast
Von links: Lech Wałesa, Adam Michnik und Kiszczak stoβen an. Frühjahr 1989.

Die Verbrüderung zwischen einem wesentlichen Teil der wichtigsten „Solidarność“-Aktivisten, ihren intellektuellen Beratern und dem „flexiblen“, „marktorientierten“, sprich: wetterwendischen Teil der kommunistischen Elite, nahm ihren Anfang. Dreizehn Jahre später, 2001, bescheinigte Adam Michnik seinem einstigen Peiniger „ein Mann der Ehre“ zu sein. Denselben Satz gab er dem General nach weiteren vierzehn Jahren mit auf den Weg ins Jenseits. Adam Michniks Verständnis von „nationaler Versöhnung“ war und bleibt in Polen sehr umstritten.

Kiszczak Michnik obiad
Frühjahr 1989. Mittagspause am Runden Tisch. Die Anfänge der „nationalen Versöhnung“. Von links: Tadeusz Mazowiecki, Czesław Kiszczak, Adam Michnik (stehend) und Lech Wałęsa.

 Sowjet-Freibrief für eine Stasi-Karriere

Sein ganzes Berufsleben verbrachte Kiszczak (phonetisch: Kischtschak) in den finsteren Labyrinthen der kommunistischen politischen Polizei, vor allem bei ihrem militärischen Ableger, der Armee-Staatsicherheit. In den Anfangsjahren (1945-1956) der kommunistischen Volksrepublik Polen, als Kiszczak dort seine Karriere begann, wütete diese noch grausamer als die zivile Staatssicherheit.

Czesław Kiszczak wurde 1925 im Dorf Roczyny, knapp 60 km südwestlich von Kraków, geboren. Seinen Vater, einen Hüttenarbeiter, hatte man in den 30er Jahren wegen kommunistischer Umtriebe mehrere Male entlassen.

Kiszczak war sechzehn, als ihn die Deutschen, Anfang 1941, nach einer Razzia, zur Zwangsarbeit nach Breslau/Wrocław verschleppten. Bald darauf steckten sie ihn in ein Arbeitslager in der sogenannten Błędów-Wüste, am östlichen Rand Oberschlesiens. Auf dem gut 30 Quadratkilometer groβen, sandigen Gelände übten damals Teile des Deutschen Afrikakorps für ihren Einsatz. Ein paar Hundert Polen mussten dabei niedrige Arbeiten für die Truppe verrichten. Danach brachte man sie zum Kohleabbau in die „Preussengrube“ im oberschlesischen Mechtal/Miechowice. Von dort gelang es Kiszczak ins anliegende Generalgouvernement zu fliehen. Er tauchte in Kraków unter, geriet Mitte 1944 jedoch erneut in eine deutsche Razzia und wurde wieder zur Zwangsarbeit verpflichtet, dieses Mal auf dem Eisenbahngelände in Wien-Hütteldorf.

Kiszczak Wiedeń
Mit der Eroberung Wiens durch die Sowjets 1945 begann Kiszczaks Stasi-Karriere.

Ein Kroate vermittelte ihn dort an eine kommunistische Untergrundgruppe. Als die Sowjets am 7. April 1945 einrückten, halfen Kiszczak und seine österreichischen Genossen angeblich dabei eine kleine russische Panzerkolonne, auf Umwegen, hinter die nahe gelegenen deutschen Stellungen zu bringen. Das Vorhaben gelang. Wurde Kiszczak damals von der sowjetischen politischen Polizei NKWD angeworben? Auf dem Rückweg nahm er jedenfalls das Schreiben eines hohen russischen Offiziers mit. Es öffnete ihm nicht nur den Weg durch alle russischen Kontrollen, es war auch der Passierschein für eine lebenslange Stasi-Karriere im kommunistischen Polen. Der polnische Erich Mielke war geboren.

Als er im Mai 1945 wieder zu Hause ankam, wussten die entsprechenden Dienststellen bereits Bescheid. Kiszczak durfte sofort in die kommunistische Partei (PPR) eintreten, gelangte nach Łódź, zu einem dreimonatigen Lehrgang an der Zentralen Parteischule. Er beabsichtigte zu studieren, aber die Genossen wollten ihn in der Armee haben. Ein weiterer Lehrgang, diesmal für Polit-Offiziere, folgte. Das ihm durch die Sowjets entgegengebrachte Vertrauen, war somit, im November 1945, die beste Empfehlung für die Aufnahme in die Hauptverwaltung Information (Główny Zarząd – phonetisch: Saschond – Informacji – GZI).

Bei der GZI handelte es sich um die politische Polizei der Armee, fest in der Hand sowjetischer Berater. Es war ein Terrorinstrument, ständig auf der Suche nach „inneren Feinden“, das sich unermüdlich, einem monströsen Fleischwolf gleich, eine breite, blutige Schneise durch die Reihen der Armee bahnte.

„Die Hauptverwaltung Information, das war die Stasi hoch zwei (…). Leute, die zuerst durch die Gefängnisse der zivilen Staatssicherheit (Urząd – phonetisch: Uschond – Bezpieczeństwa – UB) gegangen waren, beteten wieder dorthin zurück zu gelangen, obwohl der berüchtigte Oberst Różański (phonetisch; Ruschanski) und seine Schergen dort wüteten, denn alles war besser als die GZI. Hier saβen die allerschlimmsten Sadisten und Mörder“, so der polnische Historiker Paweł Wieczorkiewicz.

Die GZI hatte ihre Dienststellen in allen Wehrkreiskommandos, Divisions- und Brigadestäben, Garnisonen und Militärschulen. 1952, mitten im Koreakrieg, zählte die Armee des kommunistischen Polens ca. 350.000 Mann. Für die GZI arbeiteten damals etwa 4.000 Beamte und ein Netz aus rund 24.000 Zuträgern unter den Offizieren, Soldaten und Zivilangestellten der Armee. Der Dienst verhaftete zwischen 1944 und 1956 etwa 17.000 Personen, von denen nicht ganz eintausend zu Tode gefoltert oder zum Tode verurteilt und in den Folterkellern hingerichtet wurden.

Ein Lamm unter Wölfen

Sowjetische Berater brachten ihm Ende 1945 das „A und O der Spionagebekämpfung bei“, so Kiszczak Jahrzehnte später. Er habe niemals jemanden gefoltert oder verhört, lediglich Zuträger angeworben und sie überwacht. Ja, er bekam Fragmente von Verhörprotokollen auf seinen Schreibtisch, aber wie diese zustande kamen, habe er nicht gewusst. Verhört wurde in den Kellern, um dorthin zu gelangen musste man einen Passierschein haben. Was da vor sich ging wusste er nicht. Auf diese Weise wusch Kiszczak nach dem Ende des Kommunismus in Interviews und Erinnerungen seine Hände in Unschuld. Ein Lamm unter Wölfen.

Bereits in ihren Anfängen bekam die GZI eine weitere wichtige Aufgabe zugewiesen: die Bekämpfung der Heimatarmee (Armia Krajowa – AK), der Untergrundarmee, die der Exilregierung in London unterstand und für ein demokratisches Polen nach dem Krieg kämpfte. Weiterhin ging es darum, die sich zwischen 1945 und 1947 in Auflösung befindenden polnischen Streitkräfte im Westen und die weitverzweigten Strukturen der Regierung im Exil zu unterwandern.

Dies war auch Kiszczaks erster groβer Auftrag. Im November 1946 wurde der gerade 21-Jährige nach London geschickt, in die dortige „Militärmission“ der Warschauer kommunistischen Regierung. Seine Aufgabe: die diskrete Begutachtung („Filtration“) polnischer Soldaten im Exil, die sich allen Warnungen zum Trotz, für die Rückkehr ins nun kommunistische Polen entschieden hatten.

Erst Anfang November 2016 wurden im Zentralen Militärarchiv in Warschau zufällig zwei Mappen mit etwa einhundert Seiten seiner Berichte aus Londin gefunden. Sie waren nirgenwo erfaβt und eigentlich hätten sie im Archiv des Instituts des Nationalen Gedenkens sein müssen, wo alle Akten der polnischen Stasi lagern.

Es sind genaue Schilderungen der Militäterlaufbahnen der Rückkehrer bei den polnischen Streitkräften im Exil, ihrer politischen Einstellungen, ihrer Lebenssituationen. Das alles landetet in der Warschauer GZI-Zentrale  noch bevor die Betroffenen aus England in Polen eintrafen. Kiszczak unterhielt im Londoner polnischen Exilantenmilieu ein Netz von bezahlten Zuträgern. Nicht selten veranlassten seine Berichte Durchsuchungen, Beschattungen, Verhaftungen und Folter.

Der Goldjunge

In London war Kiszczak dann auch an einem gaunerhaften Bravourstück der Warschauer Geheimdienste beteiligt. Drei hohe polnische Exil-Militärs: Gen. Stanislaw Tatar, Oberstleutnant Marian Utnik und Oberst Stanisław Nowicki wurden von der polnischen Exil-Regierung in London 1945 zu Treuhändern eines Schatzes bestimmt: 350 kg Gold und 2,5 Mio. US-Dollar. Beides sollte Kriegsveteranen zugutekommen.

Dieses zur damaligen Zeit enorme Vermögen war im Zuge einer Volksspenden-Aktion, die im Vorkriegspolen zwischen 1936 und 1939 durchgeführt worden war, sowie einer weiteren Sammlung unter den Amerika-Polen in der Kriegszeit, zum Zwecke der Aufrüstung der polnischen Streitkräfte, zusammengekommen. Das in der Vorkriegszeit gesammelte Bargeld (ca. 40 Mio. Zloty, damals ≈ 10 Mio. US-Dollar) war in Polen selbst bis zum Jahre 1939 bestimmungsgemäβ ausgegeben worden. Mutige Beamte der Polnischen Nationalbank schafften es dann im September 1939, in den Wirren des deutsch-sowjetischen Überfalls auf Polen, 350 kg Gold sowie 2.400 kg Silber aus der Volks-Sammlung , unter dramatischen Umständen, auβer Landes zu bringen.

Doch die drei Treuhänder von 1945 begingen Verrat. Geködert mit dem Versprechen im kommunistischen Polen in der Armee in hohe Ämter und Würden zu kommen, überlieβen sie den Schatz den Kommunisten. Der Militärattaché des kommunistischen Polens in London, Oberst Chojecki und seine Leute, zu denen auch Kiszczak gehörte, schmuggelten den Schatz in zwei Transporten, auf dem Luftweg, von London nach Warschau.

Die drei Verräter wurden dort zunächst mit allen Ehren begrüβt, jedoch kurz darauf verhaftet und anschließend, nach monatelangen, grausamen Untersuchungen, 1951 zu hohen Haftstrafen verurteilt. 1956 wurden sie rehabilitiert und entlassen. Der Schatz, den sie treuhänderisch verwalten sollten, hatte sich zwischenzeitlich in den dunklen Kanälen der mafiaähnlichen kommunistischen Machtstrukturen in Nichts aufgelöst.

Kiszczak Stanisław Tatar
Auf der Anklagebank 1951: Gneral Stanisław Tatar…

Kiszczak Marian Utnik
…Oberstleutnant Marian Utnik…

Kiszczak Stanisław Nowicki
…und Oberst Stanisław Nowicki.

Nach der gelungenen Operation „TUN“, so benannt nach den Anfangsbuchstaben der Namen der drei Überläufer, wurde Kiszczak im August 1947 aus London in die GZI-Zentrale abgezogen. Durch die Armee wälzte sich derweil eine Säuberungswelle nach der anderen. Offiziere der polnischen Vorkriegsarmee, Militärs die während des Krieges in der Heimatarmee oder bei den polnischen Streitkräften im Exil gekämpft hatten, Armeeangehörige mit falscher sozialer (d.h. „bürgerlicher“) Zugehörigkeit wurden ausfindig gemacht, oft denunziert, verhaftet, bestialisch gefoltert, in Schau- oder Geheimprozessen verurteilt.

Auch Kiszczak denunzierte um die eigene Haut zu retten. Denn, wer nicht anschwärzte, der legte keine „revolutionäre Wachsamkeit“ an den Tag. Einige seiner Londoner Kollegen kamen ihm im Nachhinein ziemlich verdächtig vor, alle landeten daraufhin im Kerker. Das geht aus fragmentarisch erhaltenen Akten hervor.

Im Juni 1951 übernahm der 26jährige Kiszczak die GZI-Dienststelle in der 18. Infanteriedivision in Białystok und wurde somit buchstäblich Herr über Leben und Tod von gut fünftausend Offizieren und Soldaten. Ob Mannschaften oder Kommandeure, allen schlotterten die Knie, wenn der GZI-Mann sie zum Gespräch zitierte.

Kiszczak rettet Jaruzelski. Der Beginn einer innigen Freundschaft

Im Oktober 1952 wurde Kiszczak nach Warschau zurückbeordert und zum Chef der Abteilung III gemacht, zuständig für die Überwachung der gesamten GZI-Tätigkeit im Wehrkreis I (Warschau) und die Begutachtung von Offiziersanwärtern sowie Offizieren, die aus der Armee verstoβen werden sollten.

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Erfahrungsaustausch. Innenminister und Stasi-Chef Czesław Kiszczak auf Besuch beim Amtskollegen Erich Mielke (2. v. r.) in Ostberlin 1988. Rechts Erich Honecker.

Zum Überwachungsauftrag gehörte auch die Militärakademie des Generalstabes. Mitte 2000 entdeckte der polnische Historiker Wojciech Sawicki in der Gauck-Behörde Kiszczaks (dort fälschlich „Kiszak“ geschrieben) Stasiakte (Nr. 1763) und in ihr ein Schriftstück, das aufgrund eines Gespräches in Warschau entstanden sein muss. Die Quelle wird nicht erwähnt.

MfS HA II/10 ZMA 1763, s. 92:
Quelle der HA I, Bereich Aufklarung der MfNV
14.3.1986
Anlage 2 Blatt 2
Waffengeneral Czesław K i s z a k , Minister des Innern
Die Entwicklung enger Beziehungen zwischen Waffengeneral Kiszak und Armeegeneral Jaruzelski begann Anfang der 50er Jahre, als Genosse Jaruzelski als Ausbildungsoffizier an der Militärakademie des Generalstabes tätig war.
Genosse Kiszak war zu dieser Zeit als Hauptmann für die Spionageabwehr an dieser Lehreinrichtung eingesetzt. Im Jahre 1952 wurde Genosse Jaruzelski von Hauptmann Kiszak als „Inoffizieller
Mitarbeiter” gewonnen, von ihm verpflichtet und zur Erfüllung von Abwehraufgaben genutzt. Die Zusammenarbeit wurde als sehr aktiv und wertvoll eingeschätzt.
Als Ende des Jahres 1952 der ehemalige Chef der Politischen Hauptverwaltung der Polnischen Armee, General Kasimierz Witaszewski, die Forderung stellte, den Genossen Jaruzelski aufgrund seiner bürgerlichen Herkunft aus der Armee zu entlassen, beschaffte Genosse Kiszak entsprechende Beweise für eine auβerordentlich positive Grundhaltung und Einstellung des Genossen Jaruzelski zu Staat und Armee.
Im Laufe der folgenden Jahre gab es stets enge Beziehungen zwischen den Genossen Kiszak und Jaruzelski. Besonders in der Zeit seiner Tätigkeit als Chefaufklärer der Polnischen Armee, versorgte Waffengeneral Kiszak General Jaruzelski und dessen Familie mit Waren aus dem Ausland, die er als Geschenke über die im Ausland tätigen Militärattachés beschaffen ließ.
Eine besonders enge Verbindung besteht zwischen den Ehefrauen von Armeegeneral Jaruzelski und Waffengeneral Kiszak, die bedeutend dazu beitragen, dass die Beziehungen zwischen beiden Familien nicht gestört werden.“ Soweit das Stasi-Dokument.

Jaruzelski, das wissen wir aus polnischen Stasiarchiven, war bereits seit Ende März 1946 Zuträger des GZI mit dem Decknamen „Wolski“ gewesen. Das geht aus einer 2005 aufgefundenen Agentenkartei hervor. Jaruzelskis „Arbeitsakte“ als Zuträger, mit seinen Denunziationen, wurde Ende der 80er Jahre allerdings vernichtet.

Kiszczak, 1952 aufgefordert Jaruzelskis Rausschmiss zu besiegeln, hatte ihn sicherlich nicht angeworben, denn dann hätte er nichts vorzulegen, sondern seine 1946 angelegte Zuträger-Akte angefordert. Sie muss so viele überzeugende „Verdienste“ des Agenten Jaruzelski aufgewiesen haben, dass auf seine Entfernung aus der Armee, trotz „bürgerlicher Herkunft“, verzichtet wurde.

Eine Hand wäscht die andere

Zwischen 1953 und 1957 verzeichnete Kiszczaks Karriere dann einen Knick. Er landete, offensichtlich aufgrund interner Intrigen, in der Ödnis der Finanzverwaltung des Verteidigungsministeriums. Jaruzelskis dienstliches Fortkommen dagegen verlor nicht an Tempo. Er wurde im Dezember 1953 zum Oberst, im Juli 1956 zum Brigadegeneral und Chef der Verwaltung aller Akademien und Schulungseinrichtungen der polnischen Armee befördert.

Es war eine bewegte Zeit. Im März 1953 starb Stalin, im Februar 1956 rechnete Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU in Moskau mit dessen Verbrechen ab. Ein politisches Tauwetter erfasste, in unterschiedlichem Maβe zwar, den gesamten Ostblock, am stärksten Ungarn, wo es zu einem Volksaufstand kam, und Polen, wo es dem neuen Parteichef Gomułka jedoch gelang die damalige explosive Lage unter Kontrolle zu bringen.

So kehrten die sowjetischen Berater heim. Die blutige GZI wurde in den Armee Innendienst (WSW) umgewandelt, in dem sich zugleich die Funktionen der Feldjäger, des militärischen Abschirmdienstes und der Armee-Staatssicherheit vereinten. Diesen neuen Dienst, zwar immer noch repressiv, aber nicht mehr folternd und mordend, sollte Kiszczak mit aufbauen.

Kiszczak Jaruzelski
General Wojciech Jaruzelski (links) und sein Inneminister Czesław Kiszczak (rechts) 1987 bei einem Besuch in Südostpolen.

Jaruzelski, zwischen 1957 und 1965, Chef der Szczeciner Garnison, ab 1965 Chef des Generalstabes und ab 1968 Verteidigungsminister, protegierte Kiszczak nach Kräften. Das Vertrauen der Sowjets tat sein Übriges dazu. Der Armee-Finanzverwaltung entkommen, wurde Kiszczak Chef des WSW-Dienstes in der Kriegsmarine, dann WSW-Chef im Wehrkreis Schlesien, der ganz Südwestpolen umfasste und schlieβlich stellv. WSW-Chef in Warschau.

Derweil wurde Parteichef Gomułka im Dezember 1970, in Folge der schweren Unruhen in Polens Küstenstädten, gestürzt. Die Nachfolge trat Edward Gierek an. Kiszczaks groβer Aufstieg erfolgte 1972. Verteidigungsminister Jaruzelski machte seinen Getreuen zum Chef der 2. Verwaltung des Generalstabes. Hinter dieser nichtssagenden Bezeichnung verbarg sich der militärische Auslandsgeheimdienst.

Der Chefspion ist überfordert

Das war zwar viel Ehre, aber die Last des Amtes überforderte den neuen Chef. Er war ein geübter Stasi-Mann, der bis dato durch seine Spitzel zu kontrollieren hatte, ob Offiziere inkognito in der Nachbargemeinde zur Sonntagsmesse gingen oder ihre Kinder taufen ließen, wer politische Witze in der Kantine riss, wer zu viel trank oder der Spielsucht verfiel. Das alles waren „Risikofaktoren“ der damaligen Zeit.

Jetzt hofften Jaruzelski und die Sowjets, der bis dahin eher erfolglose polnische militärische Auslandsgeheimdienst werde unter Kiszczak endlich wertvolles Material aus westlichen Rüstungsschmieden und Verteidigungsministerien liefern. Doch es blieb alles beim Alten.

Der polnische Historiker Prof. Sławomir Cenckiewicz, der wohl beste Kenner der Materie, beschreibt in seinen Publikationen die Misere. 1973 stammten z. B. gut 90% aller im Westen von polnischen Militärattachés und ihren Handlangern beschafften Unterlagen (Karten, Pläne, technische Beschreibungen usw.) aus legalen Quellen (Zeitungen, Zeitschriften, Buchhandlungen, Bibliotheken). Erfolgreicher waren Kiszczaks Agenten lediglich in der Bespitzelung der Auslandspolen („Unternehmen Skorpion“) und ihrer „feindlichen, antikommunistischen Tätigkeiten“. Ein Feld, das sie gemeinsam, jedoch oft auch in Konkurrenz und Streit, mit den als Diplomaten getarnten Agenten der zivilen Stasi (SB) beackerten. Überläufer versetzten Kiszczaks Dienst immer wieder schwerste Tiefschläge. Es war eine Katastrophe.

Man kann sich vorstellen, wie froh der leidenschaftliche Stasi-Mann gewesen sein muss, als er, wieder dank Jaruzelski, im April 1979 auf den Stuhl des obersten WSW-Chefs wechseln durfte. Im Land braute sich derweil über dem Regime Ungutes zusammen. Karol Wojtyła war schon seit einem halben Jahr Papst. Das machte den Polen Mut. Das im Westen hochverschuldete kommunistische Land war wirtschaftlich am Ende. Die groβen Streiks im Sommer 1980 fegten Parteichef Edward Gierek hinweg. „Solidarność“, die erste freie Gewerkschaft im Ostblock entstand und sollte sechzehn Monate lang, bis Dezember 1981, das Geschehen im Lande bestimmen.

Der Polizeiminister

Verteidigungsminister Jaruzelski, die letzte Hoffnung der Sowjets und einheimischer Kommunisten den fortschreitenden Zerfall des Systems aufzuhalten, wurde im Februar 1981 ebenfalls Ministerpräsident und im Oktober 1981 außerdem noch Parteichef. Seinen treuen Kiszczak machte er im Juli 1981 zum Innenminister und, bald darauf, zum Mitglied des Politbüros, des höchsten Gremiums der kommunistischen Partei.

Eigentlich hätte die Bezeichnung Polizei- statt Innenminister viel besser zu Kiszczaks neuer Funktion gepasst. Ihm unterstanden die Staatssicherheit (25.000 Beamte und 90.000 Zuträger), die Miliz (Polizei, 80.000 Beamte) mit ihren brutalen, kasernierten Bereitschaftskräften (13.000), die Grenzschutztruppen (15.000), die Truppen der inneren Sicherheit (20.000), der Bahnschutz (3.000) usw. Auch den militärischen Sicherheitsapparat WSW (8.000), den er eigentlich verlassen hatte, hatte Kiszczak mittels ihm ergebener Mitarbeiter, fest im Griff.

Kiszczak w gabinecie
General Kiszczak auf dem Höhepunkt seiner Macht 1984.

Kiszczaks wichtigste Aufgabe war es, die Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 insgeheim vorzubereiten und blitzschnell umzusetzen, und so „Solidarność“ ein Ende zu bereiten.

Das gelang. Kiszczak führte die Aufsicht, als etwa zehntausend Menschen in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1981 im gesamten Land schlagartig festgenommen wurden. Ganz Polen konnte durch massive Miliz- und Armeepräsenz, Sperren, Kontrollen, die Einführung der Polizeistunde, die Abschaltung der Telefone usw. lahmgelegt werden. Aber es gab Ausnahmen. So erschoss die Polizei am 16. Dezember in der Steinkohlegrube „Wujek“ in Katowice 9 Bergleute und verwundete 24, um einen Besetzungsstreik zu beenden.

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Von der Miliz am 16. Dezember 1981 erschossene Bergleute der Grube „Wujek“.

Weitere 39 Personen kamen bis zur formellen Aufhebung des Kriegsrechts im Juli 1983 um. Meistens wurden sie im Verlauf von Demonstrationen erschossen oder auf Polizeistationen zu Tode geprügelt. Allein bei den landesweiten Protesten und Unruhen am 31. August 1982 (2. Jahrestag der Unterzeichnung der Vereinbarungen in der Lenin-Werft in Gdańsk zwischen den streikenden Arbeitern und den kommunistischen Machthabern und somit der Entstehung der zwischenzeitlich verbotenen „Solidarność“) erschoss die Miliz im niederschlesischen Lubin/Lüben drei Menschen und verwundete knapp einhundert schwer.

Kiszczak Lubin 2
Erschossene Demonstranten in Lubin am 31. August 1982.

Kiszczak Lubin 1

Später wurden die oppositionellen Priester Jerzy Popiełuszko (Oktober 1984), Stefan Niedzielak und Stanisław Suchowolec (beide im Januar 1989), Sylwester Zych (Juli 1989) ermordet, ebenso wie der Bauernführer Piotr Bartoszcze (phonetisch: Bartoschtsche) im Februar 1984. Bis auf Popiełuszko, bei dessen Entführung und Ermordung es zu einer Panne kam und die Stasi-Täter enttarnt wurden, blieben die übrigen Mörder, die ihre Opfer massakriert und deren Leichen schlicht weggeworfen hatten, „unerkannt“.

Kiszczak Popiełuszko 1

Kiszczak Popiełuszko 2
Pfarrer Jerzy Popiełuszko: lebend und nach seiner grausamen Ermordung im Oktober 1984.

Kiszczaks Sicherheitsapparat hatte auch sonst alle Hände voll zu tun. Es galt die „Solidarność“ im Untergrund zu bekämpfen und zu unterwandern, das
riesige und sehr vielfältige illegale Verlagswesen einzudämmen, den Schmuggel von Kopierern und Druckmaschinen aus dem Ausland zu unterbinden, die weitverzweigten Strukturen der Kirche zu überwachen, die zunehmend rebellische Jugend… In einem Land, in dem zu jener Zeit kaum etwas mehr funktionierte, lief Kiszczaks Überwachungsmaschinerie auf Hochtouren, aber auch sie konnte nicht zaubern.

Der dramatische wirtschaftliche Verfall des kommunistischen Polens war nur ein Teil der ökonomischen Katastrophe des gesamten Ostblocks. Präsident Reagans erfolgreiche Bestrebungen die Sowjets „totzurüsten“ und das Chaos, in das Gorbatschows „Perestroika“ die Sowjetunion stürzte, beraubten die polnischen Genossen ihrer letzten Illusionen. Auf „brüderliche“ Hilfe, wie in Ungarn 1956 oder in der Tschechoslowakei 1968, konnte man nicht mehr hoffen. Die Flucht nach vorn war angesagt.

Ein Mann des Vertrauens. Die Opposition ist beeindruckt

Jaruzelski setzte wieder einmal seinen Kiszczak in Marsch. Er war es, der die ersten Sondierungen Anfang 1988 unternahm, um herauszufinden ob und wie man mit der Untergrund-„Solidarniość“ ins Gespräch kommen könnte. Die katholische Kirche leistete wertvolle Vermittlerdienste. Kiszczak war der „Hausherr“ der Gespräche am Runden Tisch mit der Opposition. Sie begannen am 6. Februar und endeten am 4. April 1989 mit der Unterzeichnung von Vereinbarungen, die das Ende des Kommunismus in Polen einläuten sollten: Wiederzulassung der „Solidarność“, halbfreie Wahlen im Juni 1989, legale oppositionelle Medien.

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Beratungen am runden Tisch 6. Februar bis 4. April 1989.

Kiszczak, der gewiefte, souveräne Verführer, beeindruckte seine einstigen Opfer. Manche mehr, wie Adam Michnik, manche weniger, aber fast alle betrachteten ihn schon bald als den wichtigsten Garanten der getroffenen Abmachungen auf der Gegenseite. Er zeigte sich ja auch im besten Licht, gab sich seriös und verbindlich, war entgegenkommend und höflich, wenn nötig auch gesellig und gastfreundlich.

Zugleich verfügte er über das geballte, jahrzehntelang angehäufte Wissen der Stasi. Er wusste bestens Bescheid, wer unter seinen Gesprächspartnern sich irgendwann von der Stasi als Zuträger hatte anwerben lassen. Es gab sehr viele Oppositionelle, die solche peinlichen Episoden in ihrem Leben gehabt hatten. Manche denunzierten bis zuletzt, nicht wenige verweigerten sich irgendwann und wurden dadurch selbst zu Objekten der Bespitzelung und von Repressalien. Allen voran, wie wir heute wissen, gehörte Lech Wałęsa zum Kreis dieser Leute. Kiszczak war damals der Bürge dafür, dass dieses Wissen nicht nach Auβen trat, und Kiszczak hatte sie alle in der Hand.

Dass das keine Hirngespinste waren stellte sich bereits vier Monate nach Kiszczaks Tod heraus. Mitte Februar 2016 erschien beim damaligen Präsidenten des Instituts des Nationalen Gednekens in Warschau, dass die gesamten polnischen Stasiakten verwaltet, Kiszczaks Witwe Maria. Sie brachte ein Aktenstück mit, als Kostprobe. Es betraf die IM-Tätigkeit Lech Wałesas aus der ersten Hälfte der 70er Jahre.

Frau Kiszczak behauptete einige Mappen mit solchen Akten zu Hause zu haben und bot an sie dem Institut zu verkaufen. Eine kurz darauf angeordnete Durchsuchung in Kiszczaks Haus in Warschau förderte das komplette Stasi-IM-Dossier Lech Wałęsas (Deckname „Bolek“) aus den Jahren 1970 bis etwa 1975 zutage, mit seinen Berichten über Kollegen aus der Werft, Geldquittungen usw. Kiszczak hat diese Akten „privatisiert“, sie waren seine „Lebeneversicherungspolice“.

Als Staatspräsident (1990-1995) hat Lech Wałęsa  seine Vetrauten (alles ehem. Stasi-Beamte, jetzt in den Geheimdiensten des demokratschen Polens) nach diesen Akten in allen ehem. Stasi-Archiven suchen lassen. Die fragmantarischen Funde, die sie gemacht haben, konnten sie so gut es ging vernichten. Die komplette Akte lagerte bei Kiszczak .

Kiszczak w Sejmie
Kiszczak als designierter Ministerpräsident auf der Regierungsbank im Sejm im Juli 1989. Ein Kbinett zu bilden gelang  ihm nicht.

Die halbfreien Wahlen fanden im Juni 1989 statt. Kurz darauf wurde Kommunisten-Führer und „Herr über das Kriegsrecht“ Wojciech Jaruzelski, mit Hilfe von „Solidarność“-Abgeordneten, zum Staatspräsidenten gewählt. Jaruzelski bestimmte Kiszczak zum designierten Ministerpräsidenten mit dem Auftrag ein Kabinett zusammenzustellen. Doch der Kommunismus zerbrach, die beiden jahrzehntelangen Vasallen (Blockparteien) der Kommunisten (Bauernpartei und die sog. Demokratische Partei) „fassten all ihren Mut zusammen“ und stellten sich auf die Seite der „Soilidarność“. Nach mehreren Wochen musste der bisherige Polizeiminister das Handtuch werfen. Es gab für ihn keine Mehrheit im Sejm.

Im August 1989 wurde der intellektuelle Berater der „Solidarność“-Führung Tadeusz Mazowiecki der erste nichtkommunistische Ministerpräsident Polens nach 1945. Ein Koalitionskabinett entstand, in dem die Kommunisten das Verteidigungsressort (Gen. Florian Siwicki) und das Innenministerium (Gen. Czesław Kiszczak) behielten.

Kiszczak Mazowiecki
Innenminiser Kiszczak und Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki im September 1989.

Eingebettet in die neu entstehende politische Wirklichkeit, nicht, wie in der DDR, gestört von den die Stasibüros stürmenden Massen, konnte Kiszczak ein Jahr lang seinen Dienst in aller Ruhe abwickeln. Lange taten Mazowiecki & Co. so, als wüssten sie von nichts, tief im Inneren froh darüber, dass der General die stinkende Last der Vergangenheit entsorgte. Monatelang wurden aus den Stasi-Behörden im ganzen Land Tonnen von Akten zur Vernichtung in Papiermühlen und Groβöfen gefahren. Auch wurde wichtiges Archivmaterial „privatisiert“. Stasi-Offiziere nahmen es auf Mikrofilme auf oder entwendeten Akten. Es waren ihre „Überlebenspolicen“. Verbindungsoffiziere des sowjetischen KGB nahmen Filmkopien vieler später vernichteter Aktenbestände mit nach Moskau.

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Der 1984 ermordete Abiturient Grzegorz Przemyk.

Anfang Juli 1990 trat Kiszczak zurück. Es war der Inhalt eines vergessenen Panzerschrankes in der Hauptkommandantur (Präsidium) der Warschauer Miliz, der den Stasi-Chef und politischen Partner sogar für Mazowiecki und seine Leute nicht mehr tragbar erscheinen ließ. Im Mai 1990 waren dort 28 Bände Untersuchungsakten im Fall der Ermordung des 19-jährigen Warschauer Abiturienten Grzegorz Przemyk (phonetisch: Pschemik) aufgespürt worden. Beim feuchtfröhlichen Feiern nach bestandenen Prüfungen, Mitte Mai 1983 in der Warschauer Altstadt festgenommen, war Przemyk in der nahegelegenen Polizeiwache mit Gummiknüppeln so schwer zusammengeschlagen worden, dass er zwei Tage später im Krankenhaus an den Folgen starb.

Die Sache kam an die Öffentlichkeit, eine Welle wütender Proteste erfasste  die Hauptstadt. Massive Fälschungen von Beweismaterial, Einschüchterungen von Zeugen, die Kiszczak beauftragt und penibel überwacht hatte, dazu eine von ihm angeordnete landesweite Propagandakampagne, hatten dazu geführt, dass die Täter seinerzeit von der „Justiz“ „freigesprochen“ wurden. Dafür waren zwei ahnungslose Sanitäter, die das Opfer im Krankenwagen ins Hospital gebracht hatten, nach einer brutalen Untersuchung, zu jeweils 2,5 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Sie hatte man beschuldigt den Abiturienten massakriert zu haben.

Der Luxusrentner, der die Justiz abzuwimmeln wusste

Fünfundzwanzig Jahre lang lebte Kiszczak im Ruhestand, zuletzt ausgestattet mit einer Traumrente von 9.000 Zloty (ca. 2.100 Euro). Die Durchschnittsrente in Polen beträgt nach 40 Jahren Arbeit 1.600 Zloty (knapp 400 Euro). Trotz vieler Proteste, lieβ sich aus der Sicht der acht Jahre lang amtierenden Tusk-Kopacz-Regierung, „juristisch nichts daran ändern.“

Die einzige unangenehme Folge seiner langjährigen Stasi-Tätigkeit war für Kiszczak sicherlich das lästige Abwimmeln der unbedarften Versuche der Justiz, ihn zur Verantwortung zu ziehen. Dabei behilflich war ihm ein bewährtes Ärzte-Team aus dem Dunstkreis des ehem. Innenministeriums, das Kiszczak und vielen anderen kommunistischen Spitzenfunktionären, nach Bedarf, eine volle oder teilweise Prozessunfähigkeit aus gesundheitlichen Gründen bescheinigte. So z. B. attestierten ihm die Mediziner im Mai 1998 eine akute Herzinfarktgefahr, die ihm die Teilnahme am Prozess unmöglich machte. Im Dezember 1998 bestieg der rüstige General allerdings ein Flugzeug und verbrachte Weihnachten und Neujahr am Roten Meer in Ägypten.

Kiszczak z pieskiem
„Schwer krank“ und doch sehr beweglich. „Kiszczak tobt mit dem Hündchen“ heiβt es in der Schlagzeile vom Juni 2014.

Von Dezember 1991 bis Juni 2013 (22 Jahre lang) dauerten die Versuche (fünf Verfahren) den stets „schwer kranken“ Kiszczak wegen des Massakers in der Grube „Wujek“ im Dezember 1981 zur Rechenschaft zu ziehen. Nebenbei bemerkt dauerte es 28 Jahre lang (1991-2009) bis Kiszczaks Untergebene, die Milizionäre die die neun Bergleute ermordet hatten, rechtskräftig verurteilt waren. Sieben Jahre lang (2008-2015) zog sich das Verfahren ohne Ergebnis hin, in dem Kiszczak, Jaruzelski und andere angeklagt waren, das Kriegsrecht im Dezember 1981 unberechtigter Weise verhängt zu haben. Vier Jahre lang dauerte das Verfahren gegen Kiszczak wegen seiner Manipulationen zwischen 1983 und 1984 in der Untersuchung der Todesursache des Schülers Grzegorz Przemyk. Es wurde wegen Verjährung eingestellt.

Der Historiker Piotr Osęka zog nach dem Bekanntwerden von Kiszczaks Tod die Bilanz:

„Längst Rentner, gab er stets zu verstehen, dass er vielen Leuten der Opposition, die 1989 und 1990 flehend zu ihm kamen, einen Gefallen tat und ihre Stasiakten, die von ihrer Spitzeltätigkeit zeugten, vor ihren Augen einem Reiβwolf anvertraute. Das stimmt nicht. So etwas hat nie stattgefunden. Kiszczaks Sensationen waren aus den Fingern gesogen. Es waren Symptome seiner Lügensucht. Er wollte ins Wespennest stechen. Es bereitete ihm Genugtuung, dass er seine Opfer, die er einst ins Gefängnis steckte, jetzt verunsichern und gegeneinander ausspielen konnte. Als ein erfahrener Stasi-Mann war er ein Meister im Manipulieren von Menschen.“

Czesław Kiszczak starb im Alter von 90 Jahren in Warschau und wurde auf dem hauptstädtischen orthodoxen Friedhof beigesetzt.

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Hochmut kommt vor dem Erfolg

Am 25. Oktober 2015 starb Wojciech Fangor.

Seine schier grenzenlose Fantasie, seine Schaffenskraft, ein hohes Maß an Kunstverstand und sein unermüdlicher Arbeitseifer brachten ihm den wohlverdienten Titel eines Klassikers der polnischen zeitgenössischen Kunst ein.

Oft war er mit seinen Ideen, ob zu Environment- oder Op-Art-Werken, der internationalen Kunst voraus. 1970 bekam Wojciech Fangor, als bisher einziger polnischer Künstler, eine Einzelausstellung im Guggenheim-Museum in New York. Der umgängliche, eher menschenscheue Eigenbrötler konnte, wenn es darauf ankam, durchaus selbstbewusst auftreten: „Ich höre immer wieder, dass Fangor so gut sei, weil er eine Bilderschau bei Guggenheim hatte. Nein, ihr Lieben, er hatte sie, weil er so gut ist.“

Seine lange künstlerische Laufbahn bestand aus einer Vielzahl von radikalen Brüchen und Neuanfängen, einer unaufhörlichen Suche, aus Experimenten, aus Vertiefungen der Seh- und Empfindungserfahrung. Fangor ist Farbe, Form, Raum. Kubismus, Op-Art, Klassizismus.

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Fangor-Bild „SM34“ von 1974.

„Wenn ich das Thema wechsle, wechsle ich auch die Ausdrucksmittel. Das unterscheidet die Perioden meines Schaffens. Aber meine Bilder – dünn oder dick, klein oder groß, sommersprossig oder schielend – stammen, obwohl von verschiedenen Müttern, alle von einem Vater. Alle gehören zu einer Familie und existieren in ein und derselben Zeit“.

Fangor Postaci
Fangor-Huldigung an den sozialistischen Realismus: „Gestalten“ (1950).

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„Koreanische Mutter“ (1951).

Als Wojciech Fangor 1922 in Warschau auf die Welt kam, war sein Vater gerade emsig dabei sich zum Millionär emporzuarbeiten. Der agile Drogeriehändler Konrad Fangor stieg in der Zwischenkriegszeit rechtzeitig auf Buntmetalle um und belieferte polnische Waffenhersteller mit Halbzeug aus Messing, Kupfer, Blei und Aluminium. Staatliche Aufträge für seine Kunden schützten ihn vor den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die auch Polen damals schwer in Mitleidenschaft zog.

Fangor Kucie kos 1954
„Sensen werden geschmiedet“ (1954). Wandmalerei im Warschauer Museum des Aufstandes von 1863.

So konnte Fangors Mutter Wanda, eine Berufspianistin, ihren künstlerischen Neigungen nach Lust und Laune frönen: Bilder und Antiquitäten sammeln, Gedichte schreiben, durch Europa reisend Kunst genieβen. Fünfzehnjährig stand Sohn Wojciech 1937 an ihrer Seite im Spanischen Pavillon auf der Internationalen Ausstellung in Paris vor Pablo Picassos „Guernica“.

Zeichnen und Malen war seit den frühsten Jahren seine Leidenschaft. Wojciech war zwölf, als die Mutter einen Packen seiner Arbeiten zu Tadeusz Pruszkowski, einem herausragenden Porträtmaler und Hochschullehrer sowie damaligem Rektor der Akademie der Bildenden Künste (ASP) in Warschau, brachte. Pruszkowski war angetan und nahm sich des Jungen, zusammen mit seinem Akademie-Kollegen, Felicjan Kowarski, an.

Unter ihrer Anleitung tauchte Wojciech ganz und gar in die Welt der Malerei ein. Nach dem Abitur wollte er an der ASP studieren, doch die Deutschen hatten sie nach ihrem Einmarsch im September 1939, wie alle polnischen Hochschulen, geschlossen. So blieb es während der ganzen Besatzungszeit beim Privatunterricht. Der Vater wurde zwar von einem deutschen „Treuhänder“ aus seiner Firma gejagt, konnte sich aber, dank seiner guten geschäftlichen Kontakte, dennoch über Wasser halten.

Tadeusz Pruszkowski begleitete Wojciech fast bis zur Mitte des Jahres 1942. Ende Juni 1942 geriet der Professor in Warschau in eine Razzia der Gestapo und wurde erschossen, als er zu fliehen versuchte. Pruszkowski und Kowarski praktizierten beide die klassische, akademische Malerei auf sehr hohem Niveau. Fangor bereute nie bei ihnen das Handwerk gelernt zu haben, aber er wollte Neues ausprobieren.

Erst einmal jedoch  waren die Zeiten nicht danach. Nach dem Warschauer Aufstand (1.08 – 3.10.1944), der Vertreibung der verbliebenen Bevölkerung sowie der sich anschließenden planmäβigen Zerstörung der Stadt durch die Deutschen, welcher bis Mitte Januar 1945 die Russen vom anderen Weichselufer aus zugesehen hatten, bevor sie sich endlich entschlossen das Ruinenmeer zu „befreien“, kehrte Fangor in die völlig zerstörte Hauptstadt zurück. Seine Privatausbildung wurde anerkannt, bereits 1946 erhielt er sein ASP-Hochschuldiplom und bekam eine Dozentenstelle.

Fangor Strzeż tajemnicy państwowej 1951 Fangor Pozdrawiamy kobiety

Fanfor Festiwal Młodzieży 1955
Fangor-Propagandaplakate: Schütze die Staatsgeheimnisse“ (1950), „Wir grüβen Frauen die für den Frieden und das Aufblühen des Vaterlandes arbeiten‘ (1953), „5. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Warschau“ (1955).

Wie im ganzen Ostblock, so beherrschte auch im kommunistischen Nachkriegspolen der sozialistische Realismus bis Mitte der 50er Jahre die Kunstlandschaft. Der Bedarf war enorm: Transparente, Banner, Plakate, Konterfeis der „Heiligen des Kommunismus“ wie Marx, Engels, Lenin, Stalin. Dekorationen zum 1. Mai, zum 22. Juli (kommunistischer Nationalfeiertag), zum Jahrestag der russischen Oktoberrevolution usw. Fangor malte Propaganda, aber mit Talent. Seine Bilder „Gestalten“ (1950), „Koreanische Mutter“ (1951) und die Wandmalerei „Sensen werden geschmiedet“ (1954) gelten heute als mit die wichtigsten Werke des sozialistischen Realismus in der polnischen Malerei. Ebenso seine Plakate aus jener Zeit, wobei seine Filmaffiche zu den „Mauern von Malaga“ des französischen Regisseurs René Clément aus dem Jahr 1952 als ein Vorbote der später berühmt gewordenen polnischen Schule der Plakatkunst angesehen wird.

Fangor Mury Malapagi 1952
Fangor-Plakat zum Film „Mauern von Malaga“ (1952).

Mit Josef Stalins Tod 1953 und dem bis zum Herbst 1956 immer schneller um sich greifenden politischen Tauwetter, brachen auch die Dämme des aufgezwungenen sozialistischen Realismus. Endlich konnte Fangor seiner Fantasie freien Lauf lassen. Abstrakte Kunst war sein Element. Der Raum als künstlerisches Material sollte von nun an seine Kunst beherrschen.

Fangor Czarna Carmen 1959
Sozialistischer Realismus adieu. Fangor-Plakat zum Film „Carmen Jones“ (1959).

Bereits 1957 zeigte er in der Zachęta-Galerie in Warschau die zusammen mit den Architekten Oskar Hansen und Stanisław Zamecznik realisierte „Räumliche Komposition“. Im folgenden Jahr stellte er, gemeinsam mit Zamecznik, das „Studium des Raums“ im Salon der Neuen Kultur in Warschau vor. Es handelte sich um das erste Environment zwischen Elbe und Wladiwostok. Environment ist eine künstlerische Arbeit, die sich mit der Beziehung zwischen dem Gegenstand und seiner Umgebung auseinandersetzt. Die Umgebung wird zu einem Teil des Kunstwerkes.

Fangor Struktury przestrzenne 1969
Fangor-Environment „Studium des Raums“.

Schnell wurde es Fangor in Polen zu eng. In dem nach außen hin so ruhigen Einzelgänger kochte geradezu der Drang die „richtige“, weite Welt der modernen Kunst nicht nur zu erleben, sondern sie mitzugestalten. Auf den Hochmut folgte der Erfolg.

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Wojciech Fangor in seinem Atelier in Warschau 1959. Auf dem Sprung in die „richtige“, weite Welt der modernen Kunst.

1961 lieβen ihn die Behörden mit einem Stipendium des Institute for Contemporary Art in der Tasche nach Washington gehen. Es war der Beginn einer 38 Jahre lang dauernden Odyssee, die erst 1999 mit Fangors Rückkehr in die Heimat enden sollte.

Mit einem Stipendium der Ford Foundation ging er anschlieβend nach Westberlin, unterrichtete danach in der Bath Academy of Art in Corsham/Wiltshire in England. Er wohnte zwischen 1966 und 1999 in den USA, wo er an den führenden Kunsthochschulen des Landes, der Farleigh Dickinson University, Madison, N.J. und der Graduate School of Design, Harvard University, Cambridge, Massachusetts kontinuierlich Vorlesungen hielt.

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„Buc Wheat“ aus dem Zyklus Fernsehbilder.

Fangor widmete sich in den 60er und 70er Jahren ganz und gar dem Minimalismus und der optischen Kunst (Op-Art), die beim Betrachter überraschende, auch irritierende, Seheffekte erzeugt, die Vorstellung von Bewegung, Flimmern, Pulsieren sowie optische Täuschungen. Es war in Fangors Schaffen die Periode der Bilder und Nachbilder mit Kreisen, Wellen, Streifen und dunstigen, verschwommenen Rändern. Die 37 Arbeiten dieser Art, die er 1970 bei Guggenheim in New York zeigte, gelten bis heute als bahnbrechend für die Entwicklung der Op-Art als Kunstrichtung.

Mitte der 70er Jahre kehrte Fangor zur figurativen Malerei zurück. Er malte dreidimensionale Studien von Innenräumen, trat ein in den Dialog mit bekannten Werken der Kunstgeschichte, schuf eine Serie von „Fernseharbeiten“, die er mit einem Netz von Punkten/Pixeln bedeckte, wodurch der visuelle Effekt einer Fernsehübertragung erreicht wurde.

In seinen neuen Werken griff er oft auf frühere Arbeiten zurück. Er vergrößerte sie auf dem Bildschirm, wählte Fragmente aus, druckte davon große Schautafeln und überarbeitete sie, spielte mit ihnen, verband das Neue mit dem Alten.

Fangor machte Kunst nach Gefühl, aus dem Bauch heraus. Das Theoretisieren überlieβ er anderen. „Die Theorien ergeben sich aus den Bildern und nicht die Bilder aus den Theorien“, pflegte er zu sagen.

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Fangor-Bild „f27“ von 1970.

Seinen enormen Erfolg konnte er auch anhand der Preise, die seine Werke erreichten, messen. Dem Warschauer Auktionshaus Desa Unicum gelang es Anfang Oktober 2015 sein Bild „M58“ von 1970 für umgerechnet ca. 220.000 Euro zu verkaufen. Wenige Tage zuvor ging Fangors Bild „M64“ aus dem gleichen Jahr beim Auktionshaus Polswiss Art in Warschau für ca. 145.000 Euro über den Ladentisch. Preise aus den Jahren 2013-2014: „M15“ von 1970 – ca. 150.000 Euro, „M8” von 1969 – 120.000 Euro. Am 30. September 2015 schlieβlich, dieses Mal bei Christie’s in New York, bezahlte ein Bieter für einen Fangor gut 200.000 Euro.

Fangor metro
Fangor-Kunst in der Warschauer Metro.

Alle diese Werke gelangten in Museen und Privatsammlungen. Für die große Allgemeinheit zugänglich ist Fangors Schaffen nur in Warschau. Im Jahre 2007 übernahm er die grafische Gestaltung aller Stationen der 2. Strecke der Warschauer Untergrundbahn. Als die Stadt versuchte seine vorher von ihr akzeptierten und bezahlten Entwürfe zu „vereinfachen“, prozessierte er und gewann.

Nach der Rückkehr nach Polen kaufte und renovierte der Künstler aufwendig ein altes Mühlenhaus im Dorf Błędów (phonetisch: Buenduw), etwa 60 km südlich von Warschau.

Dort arbeitete er bis zuletzt, und dort starb er mit 93 Jahren. Wojciech Fangor wurde auf dem Warschauer Powązki (phonetisch: Powonski)-Friedhof beigesetzt.

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Schlächter wider Erwarten

Am 1. Oktober 2015 starb Stanisław Kociołek.

Viereinhalb Jahrzehnte lang tat Stanisław Kociołek alles, um den Verdacht von sich zu weisen, er habe im Dezember 1970, während des Arbeiteraufstandes an der polnischen Ostseeküste, vorsätzlich Menschen in die Gewehrläufe des Militärs und der Miliz getrieben.

Der 17. Dezember 1970 ist als der „Blutdonnerstag“ in die neueste polnische Geschichte eingegangen. Eine S-Bahn nach der anderen hielt ab fünf Uhr früh an der Haltestelle Gdynia Stocznia/ Gdingen Werft. Eine dichte Masse von Arbeitern, Angestellten, Berufsschülern, Studenten ergoss sich in immer neuen Wellen aus den Zügen. Alle waren auf dem Weg zu ihren Betrieben in der unmittelbaren Umgebung: zur Werft, zum Hafen, zur Handelsmarine-Schule. Der einzige Weg vom Bahnsteig dorthin, führte über eine Fuβgängerbrücke, die die benachbarte Fahrbahn überspannte.

Dröhnende Durchsagen aus einem Militärlautsprecher, die Werft sei bis auf weiteres geschlossen, versetzten die Menschen zugleich in Angst und Staunen. Ungläubig starrten sie von oben auf das waffenstrotzende Heerlager unter ihnen. Den Abgang von der Brücke versperrten Truppentransporter, Panzer, Ketten von Wachposten. Chaos und Ratlosigkeit ergriffen zunehmend Besitz von der Menge, während von hinten immer mehr Neuankömmlinge nachdrängten. Die vorderen Reihen am unteren Treppenende näherten sich mehr und mehr den Uniformierten.

Kociołek Gdynia
16. Dezember 1970.  An der S-Bahn-Haltestelle Gdynia Werft kam es nach den Schüssen auf die zur Arbeit gehenden Menschen zu schweren Zusammenstöβen mit dem Militär und der Miliz.

Als sich gegen sechs Uhr früh etwa dreitausend Menschen auf dem Bahnsteig, auf und vor der Brücke befanden, feuerte das Militär mehrere lange Maschinengewehrsalven in die Menge. Zehn Menschen waren sofort tot, viele Dutzende wurden verletzt. Die Sterbenden, die Verwundeten und die in Panik Flüchtenden stellten sich damals nur die eine Frage: „Wieso das alles? Hat uns Kociołek gestern Abend im Fernsehen nicht ausdrücklich aufgefordert an die Arbeit zurückzukehren?“

Genosse Stalin hat immer Recht

Stanisław Kociołek wurde 1933 in Warschau geboren. Ein Arbeiterkind aus armen Verhältnissen. Seine Mutter wusch von früh bis spät die Wäsche fremder Leute. Der Vater, ein Eisenbahner, war als Sympathisant der Kommunisten bekannt. Während der Bruder seines Vaters ein echter Kommunist war. Stanisławs Onkel floh Anfang der 30er Jahre in die Sowjetunion und wurde dort, kurz nach seiner Ankunft, durch einen Genickschuss liquidiert. Er war nicht der einzige.

Während der groβen Terrorwelle, erging im August 1937 nämlich auch der sogenannte „Polen-Befehl“ Nr. 00485: alle Polen seien der Spionage, Sabotage und anderer konterrevolutionärer Verbrechen schuldig, und zu beseitigen. Die „Polen-Hatz“ dauerte in der ganzen Sowjetunion bis 1938, allein die Herkunft war ausschlaggebend. Bilanz laut NKWD-Statistik: von den 139.835 verhafteten Polen wurden 111.091 erschossen, von den verbliebenen kamen die meisten innerhalb eines Jahres in Lagern um.

Zudem lieβ Stalin 1938 die Kommunistische Partei Polens (KPP), wegen angeblicher ideologischer Unzuverlässigkeit, auflösen, ihre in der Sowjetunion lebenden Führungskader, samt Familienmitgliedern, ermorden. Überlebt haben letztendlich nur die Kommunisten, die als politische Häftlinge in polnischen Vorkriegsgefängnissen saβen. Doch ob vor oder nach Stalins Säuberungen, die KPP war in der Vorkriegszeit in der polnischen Gesellschaft stets eine Randerscheinung, eine „Sekte“ ohne jeglichen ernstzunehmenden politischen Einfluss.

Der Vater Kociołeks und die Genossen, die gelegentlich vorbeikamen, munkelten viel, doch ihr Glaube an den Kommunismus, daran, dass der Genosse Stalin schon weiβ, was er tut, und die Partei immer recht behält, war unerschütterlich. All das hörte der frühreife Stanisław, aufgeweckt und belesen wie er war, von klein auf zu Hause. Seinem Vertrauen in den Kommunismus und in die Sowjetunion tat das sein ganzen Leben lang nicht den geringsten Abbruch.

Den Krieg, der am 1. September 1939 begann, überlebte die Familie in der Hauptstadt. Als im Oktober 1944, nach der Kapitulation des Warschauer Aufstandes, die Stadt von der Zivilbevölkerung geräumt wurde und die Deutschen die planmäβige Zerstörung der übriggebliebenen Bebauung in Angriff nahmen, wurde auch das Haus der Kociołeks irgendwann dem Erdboden gleichgemacht. Als Flüchtlinge kampierten sie derweil, wie Zehntausende ihresgleichen, im Durchgangslager Pruszków unweit der Stadt. Im Durcheinander auf einem Bahnsteig entkamen sie von dort, als sie mit einem Transport in Viehwaggons weggebracht werden sollten. Später erfuhr Kociołek, dass der Zug nach Auschwitz fuhr.

Das Wunderkind der Partei

Mitte Januar 1945 überquerte die Rote Armee endlich die Weichsel und „befreite“ das menschenleere Trümmerfeld Warschau, dessen Entstehung sie vier Monate lang tatenlos vom östlichen Ufer aus beobachtet hatte. Obdachlos geworden, entschieden sich die Eltern, statt in Warschau, ihr Glück in den Polen gerade zuerkannten ehemaligen deutschen Ostgebieten zu suchen. In Iława/ Eylau machte Stanisław das Abitur und absolvierte einen pädagogischen Schnellkurs. Nur so lieβ sich damals der dramatische Lehrermangel beheben. Mit gerade einmal 18 Jahren durfte er die Grundschule im nahegelegenen Dorf Piotrkowo/ Peterkau leiten.

Kociołek młody
Stanisałw Kociołek. Der junge, aufstrebende Apparatschik Mitte der 60er Jahre.

Ein Jahr später schickte ihn die örtliche Parteibehörde zum Studium an die Philosophisch-Soziologische Fakultät der Warschauer Universität. Es war die Zeit des tiefsten Stalinismus. Kinder aus bürgerlichen Familien durften nicht mehr studieren. Arbeiterkinder wie Kociołek, dazu noch vom Kommunismus begeistert, sollten die Hochschulen „erobern“.

Marxistische Analyse als einzige Forschungsmethode, brutale Gängelung der „bürgerlichen Professur“, wissenschaftliche Blitzkarrieren primitivster kommunistischer Einpeitscher, übersetzte, stumpfsinnige sowjetische Lehrbücher als einzige Wissensquelle und die „führende“ sowjetische Wissenschaft als einzige Quelle der Weisheit. So wurden die traditionellen Universitäten, einst geprägt von der Freiheit von Forschung und Lehre, in rote Kaderschmieden verwandelt.

Kociołek, der auftrumpfende kommunistische Aktivist, war in dieser Umgebung in seinem Element. Im dritten Semester, mit 20 Jahren, hatte man ihn in die Partei aufgenommen. Die Bürgen, die ihm die vorgeschriebenen Empfehlungsschreiben gaben, waren keine geringeren, als Jerzy Wiatr, der angehende führende Partei-Politologe und Julian Hochfeld, der gerade dabei war, im Parteiauftrag, die polnische Soziologie in eine marxistische Dogmenlehre zu verwandeln. Nach 1956 wechselte Hochfeld zur Fraktion der „Revisionisten“ über.

Kociołek i Gomułka
Stanisław Kociołek (rechts im Bild), damals Parteichef von Warschau, mit seinem Förderer, Parteichef Władysław Gomułka (2. v. r.) und Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz (3. v. r.) bei einer Kundgebung in der Warschauer Altstadt am 1. September 1964, zum 25. Jahrestag des Kriegsausbruchs.

Kociołek wollte Parteikarriere machen. Im politischen „Tauwetterjahr“ 1956, als nach dem Tod Stalins die Abkehr vom Stalinismus und seinen verbrecherischsten Auswüchsen begann, machte man ihn (mit 23 Jahren!) zum Chef der einige tausend Mitglieder zählenden Parteiorganisation an der Warschauer Universität.

Schnell wurde der neue Parteichef Władysław Gomułka auf den dogmatischen, linientreuen Kociołek aufmerksam. Gomułka kam im Oktober 1956 an die Macht. Er war umgeben von Nimbus des Märtyrers, der von den polnischen Stalinisten auf Geheiβ Moskaus drei Jahre lang eingesperrt war, und des Nationalkommunisten, der einen eigenen, polnischen Weg zum Sozialismus einschlagen würde.

Polen lag damals Gomułka zu Füβen, doch dieser wollte der Liberalisierung und Demokratisierung schnell enge Grenzen setzten. So naiv, wie Gorbatschow dreiβig Jahre später, war er nicht. Die „führende Rolle der Partei“ anzutasten, wäre der Beginn einer Entwicklung gewesen, an deren Ende das Ende der Parteidiktatur gestanden hätte. Demokratie und Sozialismus das war ein unlösbarer Widerspruch. Entweder das eine oder das andere, das wusste der Machtmensch Gomułka sehr gut.

Um die im Oktober 1956 entfesselten Geister (freizügigere Medien, Arbeiterselbstverwaltung, die wieder millionenfach zur Schau gestellte Kirchentreue der Polen u. e. m.) nach und nach wieder in die Flasche zu bekommen, brauchte er daher Leute wie Kociołek. Und so wurde der eloquente Betonkommunist zum „Wunderkind der Partei“. Gomułka schicke ihn überall dorthin, wo es galt den Liberalisierungsbestrebungen ein Ende zu setzten.

Zwischen 1958 und 1960 befriedete Kociołek, als ein 25 bis 27 Jahre junger Mann, erfolgreich die starken „revisionistischen“ Kräfte in der Warschauer Parteiorganisation, einer der gröβten und wichtigsten im Lande, deren Leitung er damals innehatte. Anschlieβend bändigte er die rebellischen Geister der Jugendlichen als (1960-1963) Chef des kommunistischen Jugendverbandes ZMS. Mit 31 Jahren stand er 1964 wieder an der Spitze der Warschauer Parteiorganisation. Mit 34 Jahren machte ihn Gomułka zum Parteichef von Gdańsk/ Danzig, wo er, dass muβ man ihm lassen, wesentlich zur Gründung der Universität beigetragen hat.

Im Herbst 1968 wurde Kociołek Mitglied des höchsten Parteigremiums und zugleich engsten Machtzirkels in einem kommunistischen Land. Er stieg (mit nur 35 Jahren) ins Politbüro auf. Im Sommer 1970 holte ihn Gomułka, der in Kociołek seinen Nachfolger sah, aus Gdańsk nach Warschau zurück und machte seinen „Kronprinzen“ zum stellvertretenden Regierungschef, damit der junge Apparatschik auch Verwaltungserfahrung erlangen konnte.

Selbstüberschätzung wird zum Verhängnis

Der junge Parteibonze, daran gewöhnt, dass ihm seine Untergebenen ehrfürchtig zuhören, dass ihm nie widersprochen wird, dass er immer das letzte Wort hat, überschätzte seine Überzeugungskraft, wenn es darauf ankam, sich rhetorisch gegen massiven Widerspruch durchzusetzen. Als es im Frühjahr 1968 zu Studentenprotesten- und Unruhen im ganzen Land kam, fuhr Kociołek, damals noch Danziger Parteichef, in die dortige Technische Hochschule. Hier setzte er zu einer flammenden Rede über den Ruhm des Sozialismus an, und wurde von den Studenten ausgepfiffen und ausgelacht, musste wie ein begossener Pudel abziehen. Kurz darauf begann die Miliz den Protest brutal niederzuknüppeln. Eben diese Selbstüberschätzung, sollte ihm nun zum Verhängnis werden.

Kociołek czołgi na Długim Targu
Gdańsk im Dezember 1970. Panzer auf dem Langen Markt und in der Langen Gasse. Rechts der Neptun-Brunnen.

Am Sonnabend, dem 12. Dezember 1970 verkündeten Rundfunk und Fernsehen, dass am Montag eine drastische Lebensmittelpreiserhöhung in Kraft treten werde. Die Staatskasse war leer und der zunehmend sklerotische Gomułka, der längst den Bezug zur Realität verloren hatte, wollte sie durch eine radikale Kürzung der staatlichen Subventionierung der Lebensmittelpreise kurz vor Weihnachten wieder auffüllen.

Kociołek rozruchy
Gdańsk im Dezember 1970. Zusammenstöβe zwischen der Miliz und Protestierenden.

Am Montag, dem 14. Dezember 1970 kam es daraufhin in Gdańsk und in dem nahegelegenen Gdynia zu ersten Arbeitsniederlegungen. Arbeiter zogen friedlich vor die Danziger Parteizentrale und forderten Verhandlungen, doch niemand wagte sich zu ihnen heraus. Am Nachmittag kam es dann zu ersten Straβenschlachten mit der Miliz. Die Lawine kam ins Rollen.

Kociołek zabity na dzwiach
Gdańsk im Dezember 1970. Arbeiter tragen einen toten Kameraden durch die Stadt.

Kociołek bat Gomułka nach Gdańsk gehen zu dürfen. Er, der noch vor kurzem dort Parteichef gewesen war, wisse wie man mit den Leuten vor Ort reden müsse, wie man mit politischen Mitteln Herr der Lage werden könne. Als er am Dienstag, dem 15. Dezember eintraf, dauerte der Sturm der Demonstranten auf das Parteihaus, das ebenso wie der Hauptbahnhof und einige weitere Gebäude gerade in Flammen aufging, bereits einige Zeit an. Die ersten sechs Toten waren bereits zu beklagen. Schwere Unruhen wurden auch aus Szczecin/ Stettin und Elbląg/ Elbing gemeldet.

Kociołek trup
Gdańsk im Dezember 1970. Ein Toter wird geborgen.

Durch die Unerfahrenheit der kommunistischen Machthaber bei der Lösung einer solchen Krise, spitzte sich die Lage noch zu. Keine Verhandlungen mit den streikenden Belegschaften, brutalstes Vorgehen der Ordnungskräfte, die wie wild um sich schossen und Festgenommene, oft noch Schüler, bis zur Bewusstlosigkeit zusammenschlugen. Zudem fehlte es an der notwendigen Koordination. Manche Befehle wurden den Militär- und Milizeinheiten direkt aus Warschau erteilt. In der Dreistadt (Gdańsk-Sopot-Gdynia) gab es aber ebenfalls einen militärischen Krisenstab. Hinzu kamen Kociołek und seine Begleiter, als weiteres Entscheidungszentrum. Zudem agierte ein zweiter Gomułka-Vertrauter, das Politbüromitglied Zenon Kliszko, auf eigene Faust.

Kociołek trupy
Gdańsk im Dezember 1970. Erschosssene Demonstranten.

Am 16. Dezember sendete der lokale Fernsehsender am späten Nachmittag, mit einer Wiederholung am Abend, Kociołeks Rede an die Bevölkerung. Sie war nur in Gdańsk und Umgebung zu empfangen. Kociołek sprach von Aufruhr und Rowdytum, begründete damit das Vorgehen der Ordnungskräfte, denen er Dank für ihren Einsatz zollte, appellierte an die Vernunft, stelte fest(ohne die drastischen Preiseröhungen beim Namen zu nennen), dass die Forderungen der Protesiterenden nicht erfüllbar seien und schloss mit der Aufforderung an die Bevölkerung, die Arbeit wieder aufzunehmen.

Derweil befahl Kliszko am selben Tag gegen 16 Uhr, Truppen nach Gdynia zu schicken, die dortige Werft zu schlieβen und abzuriegeln, damit auf diese Weise ein zu erwartender Streik verhindert werden könne. Anschlieβend flog Kliszko nach Warschau, um an einer für 18 Uhr anberaumten Krisensitzung mit Gomułka teilzunehmen. Das Verhängnis nahm seinen Lauf.

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Gdańsk im Dezember 1970. Das Parteigebäude brennt.

Kociołek behauptete bis zu seinem Tod, zum Zeitpunkt seines Aufrufs von Kliszkos Anordnungen nichts gewusst zu haben. Als ihm das drohende Unheil später jedoch bewusst wurde, habe er mitten in der Nacht verfügt Boten zu den Arbeiterwohnheimen zu schicken, mit der Anweisung, am nächsten Morgen doch nicht zur Arbeit zu gehen. Beweise dafür wurden bis heute nicht gefunden.

Doch wie auch immer, wäre es nicht wirksamer gewesen, beim örtlichen militärischen Krisenstab den Abzug der Einheiten aus Gdynia zu erwirken? Oder wenigstens den S-Bahn-Verkehr einzustellen? Kociołek meinte, auf diese Ideen sei er damals nicht gekommen.

Dass er vorsätzlich Menschen in den Tod geschickt hat, ist nicht anzunehmen. Einerseits war er der einzige in der Partei- und Staatsführung, der auf dem Höhepunkt der Krise zur Bevölkerung gesprochen hat. Doch durch seinen Fernsehauftritt, hat er gleichzeitig der Tragödie an der polnischen Ostseeküste 1970, sein Gesicht verliehen. Ab dem Augenblickt wurde er im Volksmund zum „Schlächter von der Küste“, zum „blutigen Kociołek“. Bis auf wenige Eingeweihte wusste bis zum Ende des Kommunismus in Polen niemand, was sich damals hinter den Kulissen abgespielt hat.

Neunzehn Jahre lang vor Gericht

Am 20. Dezember 1970 trat Parteichef Gomułka zurück. Sein Nachfolger Edward Gierek gelang es die Krise mit politischen Mitteln zu entschärfen. Das war auch das Ende der kometenhaften Karriere Kociołeks, der nun auf ein politisches Abstellgleis geriet. Bis 1978 war er polnischer Botschafter in Brüssel, dann kurz in Tunesien, von wo ihn der neue starke Mann Polens, General Jaruzelski, im Herbst 1980 wieder auf den Posten des Warschauer Parteisekretärs holte.

Es war die Zeit der ersten Solidarność, die nach den Massenstreiks des Sommers 1980, entstanden war. Der kommunistische Dogmatiker Kociołek sollte wieder einmal die Aufwiegler in den Parteireihen befrieden. Nachdem das Kriegsrecht am 13. Dezember 1981 ausgerufen wurde und der Ausbruch der Freiheit beendet war, setzte Jaruzelski Kociołek jedoch von seinem Warschauer Posten, auf dem er inzwischen zum Kristallisationspunkt unzufriedener orthodoxer Kommunisten geworden war, kurzerhand wieder ab. Kociołek war noch bis 1985 polnischer Botschafter in Moskau und wurde anschlieβend endgültig aufs Altenteil abgeschoben.

Im April 1995 begann vor dem Gericht in Gdańsk der Prozess gegen die zwölf zu jener Zeit noch lebenden Hauptschuldigen an der brutalen Bekämpfung der Arbeiterrevolte vom Dezember 1970. Angeklagt waren Stanisław Kociołek, General Wojciech Jaruzelski – damals Verteidigungsminister, Kazimierz Świtała – damals Innenminister, acht hohe Militärs – einst Kommandeure der an der Befriedungsaktion teilnehmenden Truppenteile und ein Oberst der Miliz.

Kociołek zabici
Gdańsk im Dezember 1970. Zivile Opfer der Proteste. Fotos aus den Akten der polnischen Stasi.

Der Prozess dauerte neunzehn (!) Jahre lang. Die Angeklagten legten immer wieder ärztliche Atteste vor und erschienen meistens nicht zu den Verhandlungsterminen. Das Verfassungsgericht und das Oberste Gericht wurden zwischenzeitlich eingeschaltet. Ein Beisitzer starb und das Verfahren musste neu aufgerollt werden. Anwälte legten reihum ihre Mandate nieder, ihre Nachfolger brauchten Monate, um die Akten zu lesen. 1999 wurde der Prozess nach Warschau verlegt, da die Angeklagten Probleme hatten nach Gdańsk zu kommen. Erst im Oktober 2001 gelang es dem Staatsanwalt die Anklageschrift bis zum Ende zu verlesen usw., usf.

Ausnahmslos alle Richter aus der kommunistischen Zeit konnten in Polen, im Rahmen der „nationalen Versöhnung“, gerade so als wäre nichts gewesen, ihren Beruf weiter ausüben. Eine so geprägte Justiz behandelte den Prozess gegen Leute, die an den Massakern vom Dezember 1970 (insgesamt 45 Tote, knapp 1.100 Verletzte) beteiligt waren wie eine heiβe Kartoffel, begünstigte geradezu die Verzögerungstaktik der Angeklagten und ihrer Verteidiger. Als das Warschauer Appellationsgericht im April 2014 das abschließende Urteil sprach, waren nur noch drei Angeklagte am Leben. Kociołek wurde freigesprochen, zwei Militärs bekamen jeweils zwei Jahre Haft auf Bewährung.

Stanisław Kociołek behauptete immer wieder, er trage die politische und moralische, aber keine strafrechtliche Verantwortung für das Geschehene.

Bilder der oftmals entstellten Gesichter der Toten, bei den Leichenschauen gemacht und nach 1990 in den Akten der polnischen Stasi gefunden, begleiteten Kociołek auf seinem letzten Weg, hochgehalten von schweigenden Demonstranten entlang der Warschauer Friedhofsallee, auf der die Urne mit seiner Asche zu Grabe getragen wurde.

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Sumpfland-Midas

Am 29. Juli 2015 starb Jan Kulczyk.

Aufwendiger und prunkvoller ging es kaum. Gesperrte Straβen, Polizeiketten, Spaliere von Neugierigen umgaben die Karmeliterkirche in Poznań. Im Inneren spielte Polens herausragender Pianist Janusz Olejniczak das „Wiegenlied“ von Chopin. Kammerorchester, Chor und Solisten stimmten das „Requiem“ von Gabriel Fauré an. Lech Wałęsa hielt die Trauerrede. Etwa eintausend handverlesene Trauergäste wohnten der Totenmesse in den Kirchenbänken und vor der Groβleinwand im benachbarten Zelt bei.

Mitgetrauert haben u. a. die postkommunistischen Politiker Aleksander Kwasniewski (Ex-Staatspräsident), Leszek Miller (einstiger Regierungschef), Ryszard Kalisz (ehem. Justizminister), der ehem. Finanz- und Auβenminister, und Mitbegründer der regierenden Bürgerplattform Andrzej Olechowski usw., usf. Das offizielle Polen vertrat die Gattin des scheidenden Staatspräsidenten Anna Komorowska.

Liegengebliebenes ordnen 

Der Tod ereilte Jan Kulczyk unerwartet, obwohl er ernsthaft krank war. Knapp zwei Jahre zuvor wurde in Detroit in den USA der Versuch unternommen ihm aus der Prostata Krebszellen zu entfernen. Es war ein experimenteller, medizinisch hochtechnologischer Eingriff. Jetzt wurde dieser, da erneut  Krebszellen festgestellt wurden, in Wien wiederholt. Dabei kam es  zu einer Lungenembolie und zum Kreislaufversagen.

Kulczyk wusste, dass er ernsthaft krank war. Nach Außen jedoch spielte er den etwas müde gewordenen älteren Großunternehmer, der sich aus dem Geschäft zurückziehen möchte. Im Januar 2014 übergab er seine Firma Kulczyk Investments an Tochter Dominika (Jahrgang 1977) und Sohn Sebastian (Jahrgang 1980) und begann Liegengebliebenes zu ordnen.

Er ließ den Friedhof Jeżyce (fonetisch Jeschitze), auf dem er jetzt begraben liegt, renovieren und richtete sein „Altersruhesitz“-Büro in Warschau ein. In der ersten Etage musste der Fußboden verstärkt werden. Die automatische Schiebetür  zwischen seinem Arbeitszimmer und dem Sekretariat war zu schwer, weil er sie mit Bronzereliefs des spanischen Bildhauers Joan Miró versehen ließ. Bestellt war auch schon der neue Schreibtisch, gehauen aus einem Basaltfelsen. Außerdem wartete Kulczyk ungeduldig auf sein neues Flugzeug, eine »Gulfstream G650«.

Jammern, klagen, verschweigen

Die Nachricht von seinem Tod schlug in Polen ein wie eine Bombe, und löste im staatlichen Fernsehen und in den Tusk-regierungstreuen Medien, wie der linken Zeitung „Gazeta Wyborcza“, den privaten Fernsehsendern TVN und Polsat, geradezu eine Hysterie aus.

Jerzy Jachowicz, ein aufmerksamer Beobachter der politischen Szene aus dem konservativen Lager, schrieb dazu am 2. August 2015 auf der Internetseite des Polnischen Journalistenverbandes (SDP):

„Es war, als wäre ein Vulkan ausgebrochen. Erinnerungen und Stellungnahmen, lyrisch und sentimental, quollen unablässig aus den Fersensehschirmen und Lautsprechern, wie Lava ins Tal. Kulczyk als Unternehmer, als groβer Unternehmer, als Gigant des Unternehmertums, als Familienvater, als Förderer, Wohltäter, Freund, als Quell der Lebensweisheit, als Stratege, Patriot, Messias, Erlöser des Vaterlandes.“

Noch weiter ging der für seinen Scharfsinn und seine Bissigkeit bekannte Kommentator Rafał Ziemkiewicz am 31. Juli 2015 in seiner Glosse im Internetportal Interia.pl:

„Der Tod eines Menschen ist immer ein trauriges Ereignis, doch der Tod eines sündigen Menschen ist eine wahre Tragödie, weil er ihm endgültig die Chance raubt sich zu bekehren und Buβe zu tun. Eigentlich möchte man die Trauer nicht stören und sie ausklingen lassen, aber auch die Wahrheit muss geachtet werden. Niemandes Tod darf dazu Anlass sein, offensichtliche Lügen zu dulden.“

Marek Król, einst kommunistischer Funktionär, später Groβverleger, heute Kommentator, erinnerte sich am 2. August 2015 im Internetportal „wPoilityce.pl“ („inderPolitik.pl“):

„Ich kannte ihn und traf ihn oft, zwanzig Jahre lang, bis 2010. Kulczyk war ein geradezu verführerischer, überaus liebenswürdiger Mensch. Als ein extrem reicher Mann konnte er sich diesen Luxus leisten. Ich habe ihn dafür geschätzt, dass er mir gegenüber niemals seine wahren geschäftlichen Absichten verheimlicht hat. Polen, auch wenn er das nicht offen zugab, behandelte er wie eine Kolonie, und die Politiker, mit denen er seine Geschäfte tätigte waren für ihn nur käufliche Hampelmänner. Die Erinnerungen dieser Hampelmänner an ihn ergossen sich nun über die Medien und erzeugten eine allgemeine Rührseligkeit, die im umgekehrten Verhältnis stand zu seinen Verdiensten.“

Kapitalist im Kommunismus

Jan Kulczyk wurde 1950 in Bydgoszcz/Bromberg geboren. 1968, nach dem Abitur, ging er nach Poznań, um dort Jura und Auβenhandel zu studieren. Poznań wurde seine Wahlheimat. Dort promovierte er 1975 zum Doktor der politischen Wissenschaften und des Völkerrechts mit einer Arbeit über den Grundlagenvertag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR vom 21. Dezember 1972. Dort arbeitete er eine Zeit lang an dem damals noch sehr renommierten Instytut Zachodni (Westinstitut), der wichtigsten Einrichtung der polnischen Deutschlandforschung.

Kulczyk sprach gut Deutsch, kannte sich in Deutschland bestens aus. Sein Vater, Henryk bekam eine Ausreisegenehmigung und zog bereits Mitte der 50er Jahre nach Westberlin, wo er als Kaufmann viel Geld verdiente. Zuerst vermarktete er tonnenweise polnische Pilze und Blaubeeren, später auch Volkskunst und andere Waren, die das stets devisenhungrige Land anzubieten hatte. Sohn Jan konnte, dank des schwindelerregenden Zloty/D-Mark Wechselkurses auf dem Schwarzmarkt, mit den Beträgen, die der Vater ihm zukommen lieβ, ein sorgenfreies Leben im kommunistischen Polen führen. Zu Kopf gestiegen war ihm dieser Geldsegen nicht.

Über all dem wachte das aufmerksame Auge der polnischen Staatssicherheit, dem solche Familienkonstellationen und Westkontakte stets höchst verdächtig vorkamen. Doch Vater Henryk gab sich immer loyal, unterhielt enge Beziehungen zur polnischen Militärmission in Westberlin, wahrte Distanz zu jeglichen exilpolnischen, antikommunistischen, oppositionellen Aktivitäten. Sohn Jan, der ab und an zu Besuch kommen durfte, hielt es ebenso. Nur auf diese Weise lieβ sich das lukrative Polengeschäft aufrechterhalten.

So kam die Zeit der ersten „Solidarność“, der ersten freien Gewerkschaft die in der Folge der groβen Werftarbeiterstreiks an der polnischen Küste im Sommer 1980 entstand und nach sechzehn Monaten, am 13. Dezember 1981, mit der Verhängung des Kriegsrechts in Polen, verboten wurde. Die sechzehn Monate waren eine Zeit vieler Streiks und Proteste, einer Eruption der Freiheit, wie es sie im kommunistischen Machtbereich noch nie gegeben hatte, und einer gigantischen Versorgungskrise. Mitten im Frieden gab es, auβer Essig, alles nur noch auf Marken zu kaufen: Lebensmittel, Seife, Wodka, Schuhe…

Um Abhilfe zu schaffen, erlaubten die kommunistischen Machthaber den Auslandspolen in der alten Heimat private Firmen zu gründen, die Konsumartikel für den leergefegten Markt herstellen oder importieren sollten. Sie hieβen „firmy polonijne“ (Polonia-Firmen). Polonia wird in Polen die polnische Diaspora im Ausland genannt.

Vater Henryk schenkte daraufhin Sohn Jan eine Million D-Mark und dieser gründete in Komorniki bei Poznań das Polonia-Handelsunternehmen „Interkulpol“, das Chemikalien, Baumaterial und vor allem, eimerweise, eine rosarote Handwaschpaste aus eigener Herstellung verkaufte. Es herrschte Goldgräberstimmung, denn der Markt nahm alles auf, in jeder Menge. Das einzige Problem war: für die erwirtschafteten Zloty-Millionen irgendetwas auf dem bis ins kleinste Detail staatlich regulierten polnischen Markt zu finden, was anschlieβend im Westen mit Gewinn verkauft werden konnte. Dazu bedurfte es sehr guter Beziehungen.

Für die Firmengründer gab es noch weitere Privilegien : grüne Autokennzeichen, mit denen man ohne Bezugsscheine tanken konnte und einen Reisepass, mit dem man das Land nach Belieben verlassen durfte. Der Normalbürger bekam einen Reisepass nur auf Antrag, wenn er ihn überhaupt bekam, und musste ihn nach Rückkehr wieder bei der Polizei, gegen Aushändigung des hinterlegten Personalausweises, abgeben. So lebte und genoss Jan Kulczyk das Kapitalistenleben im tristgrauen kommunistischen Polen der 80-er Jahre.

Vitamin B war seine Hefe

Die Polonia-Firmen waren zusammengefasst in der Polonia Industrie- und Handelskammer „Inter-Polcom“, in der es, wie konnte es anders sein, von verdeckten Stasi-Offizieren und deren Zuträgern nur so wimmelte. Vater und Sohn Kulczyk saβen in den Leitungsgremien der Polonia IHK. Jan war eine Zeit lang sogar ihr Vorsitzender.

Er lehnte, laut Berichten, die sich in seiner Stasi-Akte in der polnischen Gauck-Behörde befinden, die Aktivitäten der Untergrund-„Solidarność“ ab, die er als „krawallmacherisch“ und „verantwortungslos“ charakterisierte. An der Dauerhaftigkeit des Sozialismus hegte er keine Zweifel, äuβerte sich aber kritisch über den mangelnden Reformwillen der kommunistischen Machthaber auf dem Gebiet der Wirtschaft.

Ob diese Haltung echt oder nur vorgetäuscht war, sei dahingestellt. Genauso wichtig wie die enormen Profite, waren die Bekanntschaften und Kontakte, die Jan Kulczyk damals geknüpft hat.

Der Kommunismus schwächelte immer mehr, immer mehr Apparatschiks und Stasi-Leute schauten sich nach Möglichkeiten um, ihre Parteibücher gegen Scheckbücher einzutauschen. Da war z. B. Stasi-Oberst Henryk Jasik, seit 1980 jahrelang stellvertretender Leiter der polnischen Handelsvertretung in Köln, in Wirklichkeit Chef der polnischen kommunistischen Spionage in Westdeutschland. Als Geschäftsmann pflegte Kulczyk enge Kontakte zur Kölner polnischen Handelsvertretung.

Ab 1988 fungierte Jan Kulczyk als erster VW-Generalvertreter für Polen. Sein Bekannter Jasik wurde Mitte 1990 Chef des neugegründeten Verfassungsschutzamtes (UOP) des nun demokratischen Polens. Just in jener Zeit bestellte Jasiks unmittelbarer Vorgesetzter, Innenminister Milczanowski, bei Kulczyk, ohne Ausschreibung, dreitausend VW-Wagen für die polnische Polizei, im Wert von heute etwa 38 Millionen Euro. Viele Kenner der Szene behaupten, der Deal sei zwischen den beiden „Bekannten“ gelaufen.

„Zugang“ war alles

Noch gröβere Abschlüsse sollten folgen. Seine Firma „Kulczyk Holding“, später „Kulczyk Investment House“, seit einiger Zeit „Kulczyk Investment“ spezialisierte sich auf die Beteiligung an lukrativen Privatisierungen groβer polnischer Staatsfirmen.

Der Ablauf war stets der Gleiche. Kulczyk bildete ein Konsortium mit einem groβen ausländischen Konzern, wobei letzterer, dank der guten Beziehungen Kulczyks, die Gewissheit haben konnte, bei Ausschreibungen erfolgreich zu sein. Gemeinsam ging man in das Verfahren, und es gab keinen einzigen Fall, in dem Kulczyk nicht den Zuschlag bekommen hätte. „Der Einkaufspreis war stets »politisch«, der Preis beim Weiterverkauf immer »marktgerecht«“, schreibt Rafał Ziemkiewicz.

So z. B. „privatisierte“ Kulczyk die polnische staatliche Telefongesellschaft, indem er sie der staatlichen (!) France Télécom zuschanzte und dafür sorgte, dass sie das Monopol auf dem polnischen Markt für einige Jahre behielt. „Für Kulczyks Erfolg haben wir damals mit den höchsten Telefongebühren in ganz Europa bezahlt“, berichtet Marek Król.

Nach einiger Zeit verkaufte Kulczyk dann seine Anteile an den jeweiligen ausländischen Partner. Im Falle von France Télécom habe er, so heiβt es, sage und schreibe, 30 Millionen Euro verdient.

Sehr erfolgreich verliefen für Kulczyk ebenfalls die Privatisierungen des Mobilfunkanbieters Polska Telefonia Cyfrowa – mit der Deutschen Telekom, der Versicherungsgesellschaft TUiR Warta SA, der Browary Wielkopolskie (Groβpolnische Brauereien) und, im Juni 2014, des staatlichen Chemie-Konsortiums Ciech.

Umgeben waren diese Geschäfte stets von einer Aura des Zwielichtigen. Es gab Indizien, Hinweise, Anhaltspunkte für groβe und kleinere „Ungereimtheiten“, doch alle staatsanwaltlichen Untersuchungen und sogar die Nachforschungen eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses verliefen im Sande.

Als die Regierung Jarosław Kaczyński, nach ihrem ersten Wahlerfolg, in den Jahren 2005-2007 die Geschäfte des „Lieblingsprivatisierers“ ihrer Vorgänger unter die Lupe nahm, und ihn nicht mehr als Partner haben wollte, stilisierte sich Jan Kulczyk zum Opfer „politischer Verfolgungen“, und so hat man ihn auch nach seinem Tod in den zur damaligen Zeit regierungsnahen Medien dargestellt.

Mit dem Antritt der Regierung Tusk, im Spätherbst 2007, war dann alles wieder gut. Abermals standen Jan Kulczyk in Warschau alle Türen offen, und er nutzte, meistens sehr unauffällig, die Möglichkeiten, die sich ihm boten. „Ciech“, seine letzte groβe Privatisierung in Polen, steht inzwischen im Mittelpunkt einer staatsanwaltlichen Untersuchung.

Oligarch mit Stil

In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Kulczyk, von London, Genf oder Wien aus, wo er oft verweilte, seinen Erdöl- und Erdgasgeschäften in Südamerika, Afrika, ja sogar in Aserbaidschan und Afghanistan. Er baute Bürohäuser in Dubai, verwaltete seine Autobahn in Westpolen, kaufte ein Heizkraftwerk im Südosten des Landes usw., usf.

Zwischendurch stach er in See auf seiner 90 Millionen Euro teuren Yacht oder zog sich zurück in sein „Alpen-Schloss“ im schweizerischen St. Moritz. Gehauen in die Felswand des Suvretta-Hanges kostete sie etwa 185 Miillionen US-Dollar. Auf sieben Etagen, davon vier unterirdischen, erstrecken sich viertausend Quadratmeter Luxus pur.

Eine Wand des Speiseraums wurde mit vierundzwanzigkarätiger Goldfolie tapeziert. Das riesige Schwimmbad wird durch Swarovski-Kristalle beleuchtet. Die zehn Meter hohen Fenster gewähren einen atemberaubenden Blick auf das Alpen-Panorama. Die Residenz „The Lonsdaleite“ ist das mit Abstand teuerste Luxusanwesen der Schweiz. Seit Oktober 2017 steht es zum Verkauf, zusammen mit Kulczyks Privatjet »Gulfstream G650«.

Kulczyks schweizerische Residenz ist hier auf Fotos zu sehen.

Über seine Geschäfte redete Kulczyk ungern, umso lieber umgab er sich mit der Aura eines Vordenkers der menschlichen Zivilisation, lieβ die Kunde von seinem Mäzenatentum verbreiten. In dieser Hinsicht gab Kulczyk sein Geld sehr durchdacht aus. Er spendete groβzügig für die Renovierung des wichtigsten Heiligtums der polnischen Katholiken, des Klosters auf dem Hellen Berg in Częstochowa/Tschenstochau. Er gab 5 Millionen Euro für den Bau des Museums der Geschichte der Polnischen Juden in Warschau, er war Sponsor des Polnischen Olympia-Kommitees.

Jan Kulczyks mnumentales Grab auf dem Jezyce-Friedhof in Poznań.
Jan Kulczyks monumentales Grab auf dem Jeżyce-Friedhof in Poznań.

Hochintelligent, belesen, sprachgewandt, bescheiden auftretend, sich stets mild, nachdenklich und versöhnlich gebend, erinnerte er in Nichts an einen Oligarchen aus der nachkommunistischen Welt, wie man ihn sich normaler Weise vorstellt.

Doch seine geschäftlichen Erfolge ergaben sich vor allem aus der Nähe zur Politik. Daraus, „Zugang“ zu suchen und zu finden, Entscheidungsträger für sich zu gewinnen, die das Volksvermögen nach der Zeit des Kommunismus losschlugen um daraus selbst Gewinne zu erzielen. So gesehen war Kulczyk wie der legendäre König Midas, der alles was er berührte in Gold zu verwandeln vermochte.

Wie das funktionierte wird im Nachhinein immer offensichtlicher. Gut zwei Jahre nach seinem Tod müssen seine Erben dem polnischen Staat etwa eine Milliarde Zloty (ca. 240 Mio. Euro) zurückgeben. So entschied es im August 2017 die EU-Kommission. Kulczyk gehörte das 149 Kilometer lange Teilstück der Autobahn Warschau-Berlin (A 2) zwischen Konin und Nowy Tomyśl. Zehn Jahre lang erhielt er, aufgrund eines allzu „günstigen“ Vertrages mit der postkommunistischen Regierung Leszek Miller, aus Warschau zu hohe Zuschüsse für den Lkw-Verkehr auf seiner Autobahn.

Gut einen Monat vor seinem Tod verlieh ihm der damals bereits scheidendne Staatspräsident Komorowski noch das Offizierskreuz des Ordens der Wiedergeburt Polens (Polonia Restituta).

Jan Kulczyk wurde neben seinem Vater Henryk, der zwei Jahre zuvor gestorben ist, bestattet.

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Furor Polonicus

Am 24. April 2015 starb Władysław Bartoszewski.

Niemand ist so vortrefflich, dass kein Makel an ihm wäre. Władysław Bartoszewski wird in allen Nachrufen in Deutschland als ein Mann der Versöhnung und Verständigung dargestellt. Doch Bartoszewski war auch ein Mann des unerbittlichen politischen Kampfes, um ein hartes, oft sehr verletzendes Wort nicht verlegen. Er trat ein in die Geschichte als Widerstandskämpfer gegen die nazideutsche und als Oppositioneller gegen die kommunistische Tyrannei, dessen Verdienste nicht genug gewürdigt werden können. Mit ihm ist zugleich ein Parteipolitiker gestorben, der sich in den letzten Jahren seines Lebens voller Zorn und Verbissenheit mitten ins Gewirr der politischen Konfrontation in Polen stürzte. Er konnte hart austeilen, schrie aber Zeter und Mordio wenn man es ihm mit gleicher Münze zurückzahlte. Schade, dass sehr viele seiner Landsleute ihn vor allem so in Erinnerung behalten werden.

Die Enttäuschung über das einstige Idol spiegelt sich in dem Nachruf von Piotr Zaremba wider, eines sehr nachdenklichen, umsichtigen, konservativen Beobachters der polnischen politischen Szene, geschrieben für das Internetportal „wPolityce.pl“ (“inderPolitik.pl“).

„Was für eine Biografie!“

„Zum ersten Mal habe ich ihn als Gymnasialschüler 1981, während der ersten Solidarność, nicht lange vor der Verhängung des Kriegsrechts, bei einem Vortrag über die polnische Geschichte erlebt, gehalten in einem Warschauer Studentenheim. Es war eine durch und durch oppositionelle Veranstaltung. Der schnell sprechende Herr erwies sich als ein faszinierender Cicerone durch eine Welt, die mit der offiziellen Propaganda nichts zu tun hatte.

Menschen mit konservativen Überzeugungen, polnische Patrioten, die sich den besten Traditionen unserer Geschichte verpflichtet fühlen, sind heute verblüfft, wenn man sie daran erinnert, dass Bartoszewski damals einer von ihnen war. Ein halbes Jahr in Auschwitz, dann in der Heimatarmee, im Warschauer Aufstand, in Mikołajczyks Bauernpartei nach 1945, sechs Jahre in kommunistischen Kerkern, fünf Monate Internierung nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen am 13. Dezember 1981… Bartoszewski pflegte damals ausschließlich Umgang mit grundanständigen Menschen, die, wie er, viel Schlimmes im kommunistischen Polen hatten durchleiden müssen. Er zeichnete sich durch Zivilcourage aus. Was für eine wunderbare Biografie, und was ist aus ihr geworden!“, schreibt Zaremba.

Der symbolische Professor

Władysław Bartoszewski wurde 1922 in Warschau geboren. Der Vater war Bankdirektor. Das Abitur machte er im Juni 1939, am 1. September marschierten die Deutschen in Polen ein. Es war ihm nicht vergönnt jemals ein Hochschulstudium abzuschlieβen. Bartoszewski studierte während der deutschen Besatzung, ab 1941, Polonistik an der Warschauer Untergrunduniversität, es folgten zwei weitere Anläufe nach dem Krieg: ab 1948 und ab 1958. Der Ausbruch des Warschauer Aufstandes, die Verhaftung nach dem Krieg und zuletzt berufliche und familiäre Verpflichtungen machten jedoch einen Abschluss, geschweige denn das Schreiben einer Doktorarbeit und einer Habilitationsschrift, unmöglich.

Der Professorentitel, mit dem er meistens angesprochen und angeschrieben wurde, war ein symbolischer. Bartoszewski genoss es, vermied konsequent den Sachverhalt richtigzustellen und konnte sehr ungehalten werden, wenn andere es taten.

Dennoch, der beredte, vielbelesene, lebenserfahrene und hochintelligente „nur Abiturient“ war ein gefragter Dozent und Referent in Sachen Politik und neue Geschichte an der Katholischen Universität Lublin, an deutschen Universitäten wie München, Eichstätt und Augsburg. Zwölf Hochschulen in Polen, Deutschland, Israel und den USA haben ihm die Ehrendoktorwürde verliehen. Einige der in den 60er und 70er Jahren erschienenen Forschungen des begabten Autodidakten über das Grauen der deutschen Besatzung in Warschau würden ohnehin den Anforderungen, die an eine Doktorarbeit gestellt werden, mehr als genügen.

Keine Angst vor deutschen Offizieren

Der knapp volljährige Władek folgte dem Rat des Vaters und besorgte sich eine Anstellung beim Polnischen Roten Kreuz, einer der wenigen polnischen Institutionen, die die Deutschen nicht verboten hatten. Doch die Hoffnung, ein Ausweis des PRK würde ihn schützen, trog. Am 19. September 1940 wurde Bartoszewski während einer groβangelegten Razzia in seiner Wohnung in Warschau verhaftet. Mit einem Transport von gut eintausend Warschauer Männern landete er drei Tage später im Konzentrationslager Auschwitz, das damals, in seiner Anfangsphase, für Polen bestimmt war. Der zweite Abschnitt, Birkenau, in dem vor allem Juden, aber auch Zigeuner, Polen und Russen vergast wurden, war noch nicht gebaut.

Zweihundert Tage lang dauerte seine Haft, bis ihn das Rote Kreuz im April 1941 herausholen konnte. Es war ein sehr seltener Glücksfall, aber damals noch möglich.

Kaum wieder zu sich gekommen, engagierte sich Bartoszewski in den Strukturen des Polnischen Untergrundstaates, die der polnischen Exilregierung in London unterstanden. Geleitet von einem konspirativen „Beauftragten der Regierung für die Heimat“, stets auf der Hut vor der Gestapo, überwachten und beeinflussten sie, so gut sie konnten, im Verborgenen alle Lebensbereiche des besetzten Staates. Die konspirative Heimatarmee (AK) war keine „Partisanenbewegung“ sondern ein Teil der Staatsstruktur, eine Armee im Untergrund, die einer zivilen Kontrolle unterstand.

Bartoszewski wurde nach dem Krieg nicht müde, das Wissen und die Erinnerung an dieses damals im besetzten Europa einmalige Gefüge zu pflegen. Die Feststellung „Polen hatte keine Widerstandsbewegung, sondern einen Staat im Untergrund“, war ihm extrem wichtig. Die Kommunisten, die im Nachhinein der legalen Exilregierung jede Legitimation absprechen wollten, hassten ihn dafür.

Er engagierte sich im Propagandawesen des Untergrunds und war zugleich, ab September 1942, im Untergrund-„Innendepartement“ stellvertretender Leiter des Judenreferates und Mitglied des konspirativen, ehrenamtlichen Rates für Judenhilfe (Deckname „Zegota“), in dem sich viele gutwillige Menschen engagierten. Falsche Papiere wurden besorgt, jüdische Kleinkinder in Klöstern untergebracht, Netzwerke der Rettung organisiert, Informationen über den Massenmord an den Juden gesammelt und nach London weitergeleitet, wo die polnische Exilregierung die Alliierten für das Problem zu interessieren versuchte. Auf die Hilfe für Juden stand im besetzten Polen, anders als etwa im okkupierten Frankreich, Holland oder Dänemark, die sofortige Todesstrafe für die Retter und diejenigen, die gerettet werden sollten.

Deswegen rieben sich viele an der Weichsel die Augen, als sie plötzlich in einem Interview für „Die Welt“ im Februar 2011 Bartoszewskis Worte lasen: „Wenn jemand Angst hatte, dann nicht vor den Deutschen. Wenn ein Offizier mich auf der Straße sah und nicht den Befehl hatte, mich festzunehmen, musste ich nichts fürchten. Aber der polnische Nachbar, der bemerkte, dass ich mehr Brot kaufte als üblich, vor dem musste ich Angst haben“.

Schweigen in Israel

Die Organisation zur Rettung von Juden galt als einzigartig im gesamten deutsch-besetzten Europa. 1965 zeichnete die Jerusalemer Holocaust- Gedenkstätte Yad Vashem Bartoszewski mit der Medaille „Gerechter unter den Völkern“ aus. 1991 erhielt er zum Dank die Ehrenbürgerschaft Israels, wo er viele Freunde und Bewunderer hatte.

Umso mehr war man in Polen bestürzt, als Bartoszewski im Juni 2002, als polnischer Auβenminister, eine vielbeachtete Rede im israelischen Parlament hielt, ihm aber seitens etlicher Abgeordneter, mit Knesset-Vizepräsident Reuven Rivlin an der Spitze, blanker Hass entgegenschlug. Der kuriose Kernsatz in der Erwiderung Rivlins lautete: „Allein die Tatsache, dass ein Land sich unter fremder Besatzung im Zweiten Weltkrieg befand, befreit dieses Land nicht von der Verantwortung für alles, was auf seinem Territorium passierte.“

Stumm saβ Bartoszewski, ansonsten ein ungezügelter Polterer und ein Vulkan der Rhetorik, da und hörte sich an, dass die Polen dieselbe Schuld am Holocaust trifft wie die Deutschen. Wer war mehr berufen als er, würdig und besonnen auf solche Verleumdungen zu reagieren, wenigstens den Saal zu verlassen? Rivlin, 1939 in Palästina geboren, ist seit Juli 2014 israelischer Staatspräsident.

Lob für Deutschland

Beachtlich sind auch Bartoszewskis Leistungen auf dem Gebiet der Verständigung mit Deutschland, zu dem er bereits in den 80er Jahren enge Kontakte knüpfte. Als 1995 Bundeskanzler Kohl Polens damaligen Staatspräsidenten Lech Wałęsa nicht zum 50. Jahrestag des Kriegsendes nach Berlin einladen wollte, und die FAZ auf der ersten Seite höhnte: „Polen will fünfte Groβmacht sein“, sprach Bartoszewski wenige Tage vor dem 8. Mai vor dem Bundestag in Bonn. Das unwürdige Einladungsspektakel erwähnte er mit keinem Wort. Doch seine große Versöhnungsrede ging in die Geschichte ein.

Er wurde in Deutschland hofiert, bewundert, mit Auszeichnungen, Ehrentiteln und Stipendien geradezu überhäuft. Er nahm sie gerne an. Allein die Bosch-Stiftung unterstützte sein Buch über die deutsch-polnische Verständigung mit 132.000 D-Mark, heiβt es.

Doch musste er ausgerechnet auch noch die Stresemann-Medaille in Mainz im November 1996 entgegennehmen? Viele in Polen konnten ihr Befremden darüber nicht verbergen. Ohne auch nur ein kritisches Wort in seiner Dankesrede zu sagen, nahm Bartoszewski eine Auszeichnung an, die an einen Politiker erinnert, der als deutscher Auβenminister zwischen 1923 und 1929 den jungen polnischen Staat bekämpfte wo er nur konnte, der aus seiner tiefen Abneigung gegen Polen und seiner de facto auf die Beseitigung Polens abzielenden Revisionspolitik nie ein Hehl gemacht hat. Der Zollkrieg gegen Polen und Locarno sind in diesem Fall nicht die einzigen, aber die wichtigsten Stichworte.

„Im Sommer 2000“, erinnerte sich dieser Tage der Journalist Jedrzej Bielecki in der Zeitung „Rzeczpospolita“ („Die Republik“) vom 24. April, „habe ich erlebt, wie er als polnischer Auβenminister an den EU-Beitrittsverhandlungen teilnahm. Der EU-Erweiterungskommissar Günter Verheugen zählte mit monotoner Stimme alle damaligen polnischen Unzulänglichkeiten auf: Probleme mit der Bakterienzahl in der Milch, zu viel Staatsunterstützung für die Stahlwerke… Irgendwann unterbrach Bartoszewski Verheugen lautstark: »Ich habe Auschwitz ausgehalten, ich werde auch die Verhandlungen mit der EU aushalten!« Damit war das Aufzählen beendet.“, schreibt Bielecki.

Drei Tage später konnte man in derselben Zeitung ein Verheugen-Interview lesen, und in ihm die Feststellung: „Er hat nicht versucht die historische Schuld Deutschlands dazu zu benutzen, um auf mich Druck auszuüben“.

Tadel für Polen

Bartoszewski polterte oft. Nicht wenige in Polen machte das verlegen, sie fanden es unpassend. Manchmal war das ein Poltern auf wahrlich sehr dünnem Eis. Nicht gerade beliebt macht sich ein Auβenminister, der von Deutschland in den höchsten Tönen schwärmt („ein vorbildlicher europäischer Rechtsstaat, ein Land der Toleranz, von dem wir nur lernen können“), in der israelischen Knesset den Kopf in den Sand steckt, angesichts geradezu ungeheuerlicher Anschuldigungen , und im eigenen Parlament wutentbrannt der Opposition, die nach den EU-Beitrittsbedingungen fragt, entgegenschmettert: „Polen (im Polnischen ist Polska weiblich – Anm. RdP) ist eine hässliche Braut ohne Aussteuer, die nicht wählerisch sein kann.“ Bitter waren die Kommentare: „An so einer Braut kann sich ja jeder vergreifen“, schrieb der Publizist Rafal Ziemkiewicz.

Kurz nach Kriegsende ging Bartoszewski als Journalist zur „Gazeta Ludowa“ („Volkszeitung“). Es war das Presseorgan der einzigen noch zugelassenen Oppositionspartei, der Polnischen Bauernpartei unter der Leitung des aus London zurückgelehrten Exilpolitikers Stanisław Mikolajczyk. Die PB war damals eine groβe Volkspartei, die die Kommunisten Schritt für Schritt mit brutalsten Methoden vernichteten. Bartoszewski trat in die PB ein. Dafür wurde er im November 1946 verhaftet und erst im April 1948 entlassen. Die zweite Verhaftung erfolgte im Dezember 1949. Er kam erst im August 1954 wieder frei.

Menschen wie Bartoszewski konnten im kommunistischen Polen nur am Rande der Gesellschaft leben und arbeiten. Für einen Mann, der gerne im Mittelpunkt stand, war das kein angenehmer Zustand. Drei Jahrzehnte lang fristete er dieses Randdasein. Damals entstanden seine wertvollsten Bücher und Artikel, damals hielt er seine interessantesten Vorlesungen. Er und seinesgleichen wurden zum Symbol dafür, dass man auch in dem wie ein Krebsgeschwür alle Gewebe der Gesellschaft durchdringenden Kommunismus, der zumeist auf die niedrigsten Instinkte baute: Anpassung, Lüge, Denunziantentum, dennoch in Würde und mit Anstand leben konnte. Bartoszewski wurde bis 1989 ständig bespitzelt, abgehört, Provokationen ausgesetzt, das geht eindeutig aus den Akten der polnischen Stasi hervor.

Putins Klugheit

Und wieder fragt man sich, was einen Menschenrechtler und Demokraten, wie Bartoszewski bewog im März 2014, auf dem Höhepunkt der Krim-Krise, in der „Thüringer Allgemeinen“ ein Hohelied auf Wladimir Putin anzustimmen: „In einem Fernsehinterview habe ich gesagt, dass ich die Intelligenz von Herrn Putin schätze (…) Ich glaube an Putin, vielleicht mehr als viele andere. Ich schätze seine Klugheit und seine Berechenbarkeit. Berechenbarkeit gehört zum europäischen Denken.“

Verheugen erinnert sich in dem schon zitierten Interview: „Einmal sagte er mir: so viele Jahre lang hat man mir nicht erlaubt zu reden. Jetzt muss ich das nachholen, reden soviel ich nur kann“. Es war für ihn nicht immer von Vorteil.

Der Brückenbauer nach Auβen verwandelte sich im eigenen Land zunehmend in einen rhetorischen Rammbock, grob und ausfallend, grenzenlos von sich selbst überzeugt, bei Retourkutschen aber stets in seiner verdienst- und leidensvollen Biografie Schutz suchend.

Die Selbstblamage einer Koryphäe schmerzt

Piotr Zaremba erinnert in seinem Nachruf: „Noch 2006 hatten wir es mit einem Mann zu tun, der allgemein hohes Ansehen genoss. Die von ihm kurze Zeit später gnadenlos verunglimpften Brüder Kaczyński, die damals regierten, hatten ihn zum Chef des wissenschaftlichen Beirates des angesehenen Polnischen Instituts für Internationale Beziehungen gemacht. Von ihnen nahm er den hochdotierten Posten des Chefs des Aufsichtsrates der staatlichen Fluggesellschaft LOT an. In der linken „Gazeta Wyborcza“ („Wahlzeitung“) pries er den Dialog mit Deutschland, in der konservativen Presse lobte er die von der „Gazeta Wyborcza“ aufs Schärfste bekämpfte Aussonderung von ehemahligen Stasi-Spitzeln aus dem Staatsdienst und den von ihr ebenso verachteten traditionellen Patriotismus“.

bartoszewski-znaczek-pocztowy
Bartoszewski-Gedenkbriefmarke der Polnischen Post von 2015 mit Bartoszewski-Spruch „Es lohnt sich anständig zu sein“, der ihn leider vor Selbstblamage nicht bewahrt hat.

Die radikale Wende, die sich in seinem Verhalten 2007 vollzog sucht nach Erklärungen. Plötzlich erlebte Polen einen alten Mann, der sich bedingungslos auf eine Seite der politischen Auseinandersetzung stellte, und ab dann bis zuletzt auf Parteitagen von Tusks Bürgerplattform seine politischen Gegner vor johlendem Publikum aufs Übelste beschimpfte. Sie waren für ihn „Vieh“ („bydło“), „Frustrierte“, „Perverslinge“, „Spinnner“, „Trotteldiplomaten“ „vor Hass aufgebläht“, „Nerztierzüchter“ (Anspielung auf Jarosław Kaczyńskis Katze), „Fälle für den Psychiater“…

Sogar die Kommentatorin der ansonsten Kaczyński-feindlichen „Gazeta Wyborcza“ bemerkte im Oktober 2007, dass solche Worte „Bartoszewski nicht gut zu Gesichte stünden.“

Der Kommentator der „Rzeczpospolita“ schrieb damals: „Die Worte Batroszewskis haben mir weh getan, weil die Selbstblamage einer Koryphäe schmerzt. Beleidigungen sind keine Argumente. Er lieβ seinem Unmut und seiner Wut freien Lauf. Damit beschädigte er sich selbst und das Land, dem er so lange gut gedient hatte“.

Władysław Bartoszewski starb im Alter von 93 Jahren in Warschau.

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Kommunen zum Leben erweckt

Am 12. Februar 2015 starb Prof. Jerzy Regulski.

Er verkörperte eine Spezies, die im kommunistischen Polen in der Wissenschaft lange Zeit anzutreffen war. Alles an diesen Menschen schien aus der Vorkriegszeit zu sein. Ihr Auftreten und Benehmen, ihre Haltung und ihre Umgangsformen standen im schroffen Gegensatz zur allgegenwärtigen, primitiven Propaganda, zur Rüpelhaftigkeit, Tristesse und Alltagsmühsal des Lebens im Kommunismus.

Die kultivierten Damen und Herren „der alten Schule“ wahrten zu ihrer Umgebung eine gewisse Distanz, und doch waren sie bestens integriert. Eingeschüchtert und mit Doktor- bzw. Professorentiteln ausgestattet, brauchten sie den Sozialismus nicht zu rühmen. Der rote Staat lieβ sie gewähren, er benötigte ihr Fachwissen, ihre Sprachkenntnisse, ihre guten Manieren, um nach Auβen einen positiven Eindruck zu erwecken. Es genügte, dass sie sich auf ihr Fachgebiet beschränkten, ansonsten wegschauten, den Mund hielten, ihre Privilegien genossen und im Ausland eine gute Figur machten. Ganz im Sinne der Lehre Lenins über „die Fachleute, die von Dienern des Kapitalismus, zu Dienern der werktätigen Massen, zu ihren Ratgebern gemacht werden müssen.“

Abkömmling parasitärer Bourgeoisie

Jerzy Regulski wurde 1924 geboren in Zarybie, einem Vorort von Warschau, wo die Unternehmerfamilie eine Residenz bewohnte. Vater Janusz war General- und Finanzdirektor des damals gröβten polnischen Energiekonzerns Siła i Światło SA („Kraft und Licht AG“), der bis 1939 gut 30 Mio. Dollar in Polen investierte, was heute einer Summe von etwa 450 Mio. Dollar gleichkäme. Einen Namen hatte er sich aber vor allem als langjähriger Präsident des noblen Polnischen Automobil-Clubs gemacht.

Während der Belagerung Warschaus durch deutsche Truppen, zwischen dem 8. und 28. September 1939, wurde Regulski-Senior zum Kommandanten des Ordnungsdienstes berufen, der an Stelle der Anfang September 1939 aus der Stadt evakuierten Polizei, deren Aufgaben wahrnahm.

Während der Besatzungszeit unterstützte er unermüdlich Flüchtlinge und Häftlinge durch seine Arbeit in Hilfskommitees der polnischen Caritas und des Polnischen Roten Kreuzes. Als eine herausragende Persönlichkeit des „kapitalistischen Polens“ wurde er 1948 von den Kommunisten zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Zuge des langsam einsetzenden politischen Tauwetters nach dem Tode Stalins im März 1953, kam er als gebrochener Mann 1955 frei.

Sein Sohn Jerzy hatte bereits 1946, als junger Student, für ein Jahr lang Bekanntschaft mit dem kommunistischen Kerker gemacht. Schwer misshandelt und psychisch gebrochen, entließ man ihn „auf Probe“. Seitdem wurde Jerzy Regulski nicht müde Selbstkritik zu üben.

Die strikt antikommunistischen „Nationalen Streitkräfte“ (NSZ), eine starke Untergrundorganisation, in der er im Krieg Mitglied gewesen war, war für ihn nun, entsprechend der kommunistischen Propagandaauslegung, „faschistisch“. Der Warschauer Aufstand von 1944, in dem er gekämpft hatte – ein „unverantwortliches Abenteuer“. Der antikommunistische Widerstand nach 1945 – „ein Fehler“.

Kompromiss Kompromissowitsch

Diese „Läuterung“ war für den „Abkömmling der parasitären Bourgeoisie“ der Passierschein zum Studium an der Warschauer Technischen Hochschule, später sogar am Pariser Centre de Rechreche d’Urbanisme. Der studierte Bauingenieur, promovierte und habilitierte an der Architekturfakultät der Warschauer Technischen Hochschule, war Professor an der Universität Łódź, später an der Polnischen Akademie der Wissenschaften.

Kurz vor seinem Tod offenbarte Jerzy Regulski in einem Zeitungsinterview: „Das Jahr im Gefängnis hatte einen kolossalen Einfluss auf meine Weltanschauung. Dort habe ich mir meine Philosophie des Überlebens geschaffen, der Wahrung eines Gleichgewichts zwischen den eigenen Werten und dem Leben in einer Umgebung, wie sie damals war.“

Regulski sagte von sich, er sei ein Anhänger der „organischen Arbeit“ (praca organiczna). Dieser im 19. Jh. von polnischen Positivisten geprägte Begriff umschreibt eine Ideologie, die die sinnvolle Arbeit zur Stärkung der Kräfte der Nation (Bildung, Steigerung des ökonomischen Potentials) den angeblich fruchtlosen Aufständen vorzieht. Der Spielraum für organische Arbeit war jedoch im totalitären Kommunismus, der jede Eigeninitiative, jeden undogmatischen Gedanken als Bedrohung ansah, denkbar gering und lieβ Legionen von Gutwilligen „Positivisten“ schier verzweifeln. Die Kompromisse, die ihnen abverlangt wurden, machten sie letztendlich zu Mitläufern und Unterstützern des Systems.

Steckenpferd kommunale Selbstverwaltung

Während der „ersten Solidarnośc“, zwischen August 1980 und der Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981, in einer Zeit, in der die Freiheit in Polen brodelte, entdeckte Regulski sein Steckenpferd, das er bis zu seinem Tode mit Leidenschaft pflegte: die kommunale Selbstverwaltung.

Im Kommunismus war sie abgeschafft und durch ein von Oben herab staatlich kontrolliertes System der „Volksräte“ ersetzt worden. Diese hatten keine Autonomie, kein Vermögen und keine eigenen Einnahmen. Alles, auch die simpelste Fassadenrenovierung oder Straβenausbesserung, wurde in Warschau (Ost-Berlin, Budapest, Moskau usw.) bewilligt und von dort finanziert. Gepaart mit anderen Grundübeln des Kommunismus (Materialmangel, Tonnenideologie, eine alles lähmende Bürokratie usw.) führte das zu einer geradezu beklemmenden Verwahrlosung der Provinz zwischen Elbe und Wladiwostok.

Arbeiterselbstverwaltung und Gewerkschaftsrechte, das waren die Themen, die die Gemüter in der Solidarność-Bewegung, zuerst in der Legalität und dann im Untergrund, erhitzten. Kaum jemand im Polen jener Zeit war sich nach vierzig Jahren Kommunismus der Bedeutung der kommunalen Selbstverwaltung für die Demokratisierung und den Wiederaufbau des Landes bewusst. Regulski tastete sich Ende der 1980er Jahre vorsichtig an die Opposition heran. Es gelang ihm und seinen engagierten Getreuen, die im Stillen an dem Thema arbeiteten, dieser Opposition ein Bewusstsein für das Thema zu vermitteln.

Der erste nichtkommunistische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki ernannte Jerzy Regulski Ende 1989 zum Bevollmächtigten für die kommunale Verwaltungsreform. In Windeseile wurden ganze Gesetzespakete verabschiedet, und bereits am 27. Mai 1990 fanden die ersten freien Wahlen nach dem Krieg in Polen statt: zu den Gemeinderäten.

Die kommunale Selbstverwaltung zog in die Gemeinden ein. Die zweite Etappe – die Einrichtung der kommunalen Selbstverwaltung auf Kreis- und Woiwodschaftsebene konnte erst 1999 umgesetzt werden. Regulski beaufsichtigte sie als stellvertretender Innenminister in der Regierung Jerzy Buzek.

Reformbedürftige Reform

Am Ende seines Lebens wurde Jerzy Regulski zunehmend zu einem lebendigen Denkmal der Erfolgspropaganda der seit 2007 in Polen regierenden Bürgerplattform. Als Berater von Staatspräsident Komorowski, verinnerlichte er dessen These, Polen erlebe gerade sein „goldenes Zeitalter“ und jeder, der diese Meinung nicht teilt, ist ein „Querulant und Extremist“. Regulski lieβ auch keine grundlegende Kritik an seinem Werk zu.

Dabei führt die fehlende Beschränkung auf zwei Amtsperioden, gepaart mit einer weitgehenden politischen Passivität der Polen, dazu, dass die meisten (direkt gewählten) Ober- und Gemeindebürgermeister Polens seit zwölf, oft sechzehn und manchmal zwanzig Jahren ununterbrochen amtieren.

In vielen Kommunen sind Ämterpatronage und das Entstehen von Geflechten, die auf gegenseitiger Hilfeleistung und auf Gefälligkeiten beruhen, die Folge. Dieses verdeckte Zusammenwirken führt zur Vermischung von gesellschaftlichen, politischen und unternehmerischen Interessen, und es überschreitet nicht selten die Grenze zur Korruption.

Die Kommunen werden mit immer neuen Aufgaben überfrachtet, ohne dass sie von der Zentralregierung Geld dafür bekommen. Das parallele Vorhandensein von zentralstaatlichen (dem von Warschau ernannten Woiwoden-Regierungspräsidenten unterstellten) und kommunalen (dem gewählten Woiwodschaftsmarschall unterstellten) Verwaltungsstrukturen in den sechzehn Provinzen Polens, leistet einer enormen Bürokratie Vorschub. Alle diese Probleme harren einer Lösung.

Trotz alledem, es war Regulski, der den Durchbruch zur Errichtung einer kommunalen Selbstverwaltung in Polen umgesetzt hat. Das ist sein bleibender Verdienst.

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Büsserlandschaft-Bluesman

Am 29. Januar 2015 starb Jan Skrzek.

Besonders herzzerreiβend schluchzte die Mundharmonika, die er so meisterhaft beherrschte, immer dann, wenn er in seinen Bluesballaden von seinem Górny Śląsk, von Oberschlesien erzählte.

Von der langsam verödenden, sich entvölkernden Heimat („O mój Śląsku, umierasz mi w biały dzień“/Oh, du mein Schlesien, du stirbst mir am hellichten Tage„). Von Bergleuten die unter Tage zu Tode gekommen sind („To był chłop“/“Das war ein Kerl“). Vom Bier, von der Eckkneipe, von Taubenschlägen und Kohlehalden. „Kyks“, so sein Spitzname, wusste sehr gut wovon er sang, denn er schuftete eine Zeitlang als Hauer. Und so sang er in der unverwechselbaren polnisch-oberschlesischen Mundart:

Steiger, ich schäme mich ein klein wenig, ich schlage keine Kohle mehr,

Steiger, ich schäme mich ein klein wenig, ich spiele Blues, ich fühle Blues, das liegt mir sehr,

Steiger, ich schäme mich ein klein wenig, weiβe Hände, schwarzer Blues,

Steiger, ich schäme mich ein klein wenig, mit Maloche ist jetzt Schluss,

Steiger, ich schäme mich ein klein wenig, doch Deine Worte sind in meinem Ohr: „egal was Du tust, mein Junge, mach‘s richtig, und sei kein Tor.“

(Übers. RdP)

„Sztajger, jest mi trocha wstyd“/“Steiger, ich schäme mich ein klein wenig“

Blues ist die Musik der Wahrheit, sie muss sagen was Sache ist, sonst verkommt sie zu einer seelenlosen Spielerei. „Kyks“ hatte ein besonderes Gespür dafür. Seine Texte waren bitter, so wie der Anblick seiner Heimat Bitterkeit hervorruft. Auswechselbare Städte und Dörfer gehen ineinander über, hinter Grauschleiern liegen Industriegebäude und Arbeitersiedlungen aus dunkelrotem Backstein wie ausgestreut aus einem Füllhorn der Geschichte. Dazwischen, hingeworfen nach dem Zufallsprinzip, lieblos, ohne Gestalt, hässliche Wohnwaben aus Beton, Garagen, Baracken, Buden, Straßen. Der Geist des ausgehenden Industriezeitalters materialisiert sich zwischen Katowice/Kattowitz, Bytom/Beuthen, Gliwice/Gleiwitz und Jastrzębie/Jastrzemb im Süden, in einer Büßerlandschaft von oft durchdringender Traurigkeit.

Jan Skrzek (phonetisch: Skschek) wurde 1953 Mitten im Kohlerevier, in Siemianowice Śląskie/Laurahütte geboren. Der Vater Bergmann, die Mutter Hausfrau, die beiden Söhne Józef und Jan vernarrt in Rock and Roll, Beat, Blues, Jazz… Der ältere Bruder Józef Skrzek mit seiner Rock-Jazz-Band SBB (ursprünglich für „Silesian Blues Band“, später für „Szukaj, Burz, Buduj“ –„Suchen, Brechen, Bauen“ bzw. „Search, Break & Build“)  genieβt seit Jahrzehnten Kultstatus im Revier. Jan und Józef trafen sich immer wieder auf der Bühne, aber Jan ging meistens seine eigenen Wege, frönte seit Anfang der 70er Jahre mit Leidenschaft dem Blues. Immer herzlich, immer hilfsbereit, keine Allüren, keine Ansprüche, Karriere war ihm egal. Was galt, war der Spaβ am Blues. Auftritte mit führenden Blues&Jazz-Musikern und Bands, Solokonzerte, Festivals, Musik-Aufnahmen, Filme, Fernsehen, Auszeichnungen. Immer auf Achse, schnell und intensiv leben, vor allem mit seiner Leber kannte Skrzek keine Gnade…

Am 17. Januar 2015 war er, vor einem Konzert,  in seiner Wohnung mit ein paar befreundeten Musikern verabredet. Sie brachen die Tür auf, als er nicht öffnete. Noch eine Woche lang lebte Jan Skrzek nach dem Gehirnschlag auf der Intensivstation im Katowicer Universitätskrankenhaus. Er starb mit 61 Jahren. Geblieben sind seine Bluesballaden.

„To był chłop“/“Das war ein Kerl“

Nicht mehr da, der Kerl, gestern noch war er in die Kneipe mit,

was soll man sagen, ist wie im Krieg, hier gibt’s Dynamit.

Fuhr ein, ein letztes Mal, zu Hause weinen die Lieben,

so ist’s, nur die Bergmanns-Marke ist ihnen geblieben.

(Übers. RdP)

„O mój Śląsku, umierasz mi w biały dzień“/“Oh, du mein Schlesien, du stirbst mir am hellichten Tage„

Die neue Version dieses Blues hat Skrzek (am Anfang und am Ende des Clips zu sehen) vor nicht  langer Zeit mit dem in der Region bekannten Rapper Mioush aufgenommen. Die Bilder sagen alles.

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Meister des roten Charmes

Am 9. Januar 2015 starb Józef Oleksy.

Er kam stets wohlgenährt, jovial, gut gelaunt daher, umgeben von der Aura eines herzensguten Lebemannes. Der sympathische Genussmensch Józef Oleksy verkörperte geradezu perfekt die chamäleonhafte Fähigkeit vieler einstiger kommunistischer Apparatschiks sich der neuen Umgebung anzupassen. Schelmisch mit den Augen zwinkernd behauptete er sogar, selbst ein Opfer des Kommunismus zu sein.

Józef Oleksy wurde 1946 in Nowy Sącz geboren, in einer Gegend, die auch heute als eine Hochburg  des Glaubens und traditioneller sozialer Strukturen gilt. Der Vater war Tischler, die Mutter Näherin. Der kleine Józio, eines von fünf Kindern, war mit Leib und Seele Messdiener und kam nach der Grundschule, mit 14 Jahren, auf ein Knabenseminar in Tarnów für Jungs die später Priester werden wollten. Dort das Abitur zu machen, war ihm nicht gegönnt, denn 1963, eine Woche vor Beginn des neuen Schuljahres, schlossen die kommunistischen Behörden das Knabenseminar. Daher rührte sein selbstzuerkannter „Opferstatus“.

Das Abitur legte er an einem staatlichen Gymnasium in Tarnów ab und ging 1964 nach Warschau. Dort, ausgestattet mit Pluspunkten für seine soziale Herkunft als Arbeitersohn, behauptete er sich bei der Aufnahmeprüfung (14 Kandidaten auf einen Studienplatz) zur elitären Fakultät für Auβenhandel an der besten Wirtschafts-Universität des Landes, der Hochschule   für Planung und Statistik (SGPiS). Wer dorthin gelangte und sich geschickt anstellte, konnte sich seine Karriere bereits ausmalen: einen Posten im Ministerium für Auβenhandel oder in einem der staatlichen (andere gab es nicht) Auβenhandelsunternehmen, Westreisen, Devisenspesen, ein gutes Leben, aufgebaut auf dem Schwarzmarktkurs des Dollar.

Natürlich war das alles nicht ohne Parteimitgliedschaft und enge Kooperation mit der Staatssicherheit zu haben. „Ich war ein Opportunist“, gestand Oleksy selbstkritisch in seinem letzten Zeitungsinterview Ende Dezember 2014, auf dem beigefügten Foto war er schon sichtlich vom Tode gezeichnet. Der verhinderte Priester war umgeschwenkt, wurde im Studium kommunistischer Jugendfunktionär, trat 1969 in die Partei ein.

Ende der 90er Jahre kam heraus, dass er 1970 eine Verpflichtungserklärung beim Geheimdienst unterschrieben hatte, den er bis 1978 mit Informationen belieferte, über seine Umgebung, über seine Auslandsreisen in den Westen und über Leute, vor allem polnische Emigranten, die er dort traf. Als er ein Stipendium im elsäβischen Straβburg bekam, soll er die Stadt für eine künftige Einnahme durch Warschauer-Pakt-Truppen auskundschaftet haben.

Oleksy war ein klassischer Apparatschik, arbeitete in den Leitungsstrukturen der kommunistischen Studentenorganisation, ab 1977 im Zentralkomitee der herrschenden kommunistischen Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP). Dort erlebte er, gut versorgt, die stürmische Zeit der ersten Solidarność zwischen August 1980 und Dezember 1981, die Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981. Mitte 1987 wurde er in Anerkennung seiner treuen Dienste Parteichef  der kleinen Woiwodschaft (Provinz) Bielsko Biała im Osten des Landes.

„Opportunist“ zu sein bedeutete für Oleksy sich als Parteifunktionär nicht allzu weit aus dem Fenster zu lehnen. Unrecht geschehen zu lassen und wegzuschauen, nach Oben zu ducken und nach unten möglichst wenig zu treten. Das war der Typus des im Westen damals so geschätzten „liberalen“ Kommunisten.

Zusammen mit den KP-„Jungfunktionären“ Leszek Miller (Jg. 1946), Włodzimierz Cimoszewicz (Jg. 1950) und Aleksander Kwaśniewski (Jg. 1954) verwandelte Oleksy die ausgediente polnische KP, nach dem Zusammenbruch im Jahre 1989, Anfang 1990 in eine „Sozialdemokratie“.

Die vier knüpften noch während der Gespräche am Runden Tisch (Februar-April 1989) gute Kontakte zu den führenden linken Bürgerrechtlern und Dissidenten, wie Adam Michnik, Jacek Kuroń, Bronisław Geremek u. v. a. m., die auf der Seite der Solidarność damals den Ton angaben. Sie stellten den neuen „Sozialdemokraten“ und ihrer Anhängerschaft aus alten Kadern, die das Parteibuch gegen das Scheckbuch eintauschten, den Freibrief in die neue Wirklichkeit aus.

Sie sollten die Verbündeten sein im Kampf gegen den angeblich unbändigen Teufel des polnischen Nationalismus, Antisemitismus, des katholischen Fundamentalismus, den vor allem Adam Michnik und seine Gazeta Wyborcza bis heute unablässig an die Wand malen. Diese, mal sehr enge, mal lockere Allianz, durchlebte verschiedene Stadien, aber sie lebt bis heute.

Schon im September 1993 waren die (Post)Kommunisten wieder an der Regierung. Die Unstimmigkeiten im Solidarność-Lager und der tiefe wirtschaftliche Fall des Landes verhalfen ihnen damals bei den Wahlen zur Macht. Oleksy wurde Parlamentspräsident und im März 1995 Regierungschef.

Mit Lech Wałęsa, dem damaligen Staatspräsidenten, befand er sich in einem Konflikt, ihm war Oleksy nicht folgsam genug.  Laut Verfassung ernannte in jener Zeit der polnische Staatspräsident die Minister für Äuβeres, Inneres und Verteidigung. Der Ministerpräsident hatte das zu akzeptieren.

Mitte November 1995 verlor Wałęsa die Präsidentschaftswahlen für eine zweite Amtsperiode und sollte nur noch bis zur Vereidigung seines Nachfolgers, des Postkommunisten Aleksander Kwaśniewski, am 23. Dezember 1995 amtieren.

Vier Tage zuvor, am 19. Dezember 1995, lieβ der von Wałęsa seiner Zeit berufene Innenminister Milczanowski eine politische Wasserstoffbombe hochgehen. Er erstattete bei der Staatsanwaltschaft Anzeige gegen Oleksy wegen Spionage für Russland und erläuterte den Sachverhalt zwei Tage später im Parlament. Oleksys Deckname soll „Olin“ gewesen sein.

Oleksy musste zurücktreten. Sein Nachfolger wurde Włodzimierz Cimoszewicz. Wie so oft in Polen, blieb jedoch auch die Oleksy-Affäre unaufgeklärt. Jedenfalls hat die Staatanwaltschaft das Verfahren gegen ihn im April 1996 eingestellt, sprach von „ernsthaften Verfehlungen des Staatsschutzes“ und einer „gemeinen politischen Provokation“. Nur, es waren Oleksys Parteifreunde in der Staatsanwaltschaft, die das sagten.

Die Postkommunisten mussten 1997 die Macht an das Wahlbündnis Solidarność abgeben, an eine bunt zusammengewürfelte Allianz der Gewerkschaft Solidarność und einiger Dutzend mit ihr kooperierender liberaler und konservativer Kleinparteien (Ministerpräsident Jerzy Buzek). 2001 gewannen Postkommunisten  noch einmal triumphal die Wahlen und regierten Polen bis zum Herbst 2005 (Ministerpräsident Leszek Miller). Seither befindet sich die postkommunistische Allianz der Demokratischen Linken im Niedergang.

Józef Oleksy hat sich von der Olin-Affäre politisch nie wieder erholt. Er wurde zwar noch 2004 für kurze Zeit Innenminister im Kabinett Miller, dann noch einmal Parlaments- und Parteivorsitzender, sein politischer Einfluss aber war mehr als gering. Nach den von den Postkommunisten  dramatisch verlorenen Wahlen von 2005 ist er nicht einmal Abgeordneter gewesen, trat nur noch als politischer Kommentator  in Erscheinung.

Dann, im März 2007, wurden Tonaufnahmen publik, in denen Oleksy, im ungezwungenen Gespräch mit dem postkommunistischen Geschäftsmann Aleksander Gudzowaty, hemmungslos über seine Parteikollegen, u. a. den damals schon ehemaligen Staatspräsidenten Kwaśniewski, als Steuerhinterzieher, Schmiergeldempfänger und Dummköpfe herzieht. Er wurde daraufhin aus der Partei ausgeschlossen. 2010 hat man ihm vergeben und er durfte wieder eintreten.

Politisch bedeutungslos, doch stets freundlich, guter Dinge, leicht ironisch und redegewandt, wurde OIeksy in seinen letzten Lebensjahren gern von den Medien nach seiner Meinung gefragt, vor allem weil er nie um eine gute Pointe verlegen war. Sich dessen bewusst, dass er mit seinem Habitus und der hohen Tonlage seiner monotonen Stimme nur noch eine Soutane bräuchte, um einen polnischen Dorfpfarrer abzugeben, wie er im Buche steht, wurde Oleksy zuletzt nicht müde zu beteuern, wie eng verbunden er sich mit der katholischen Kirche fühle.

Im letzten Interview gefragt, ob er sich ein weltliches Begräbnis wünsche, antwortete er prompt: „Selbstverständlich ein kirchliches! Es soll die Klammer sein, die mein Leben zusammenhält.“

Bevor Józef Oleksy auf dem Warschauer Powązki-Friedhof bestattet wurde, fand in der Kathedrale der Polnischen Armee am Rande der Warschauer Altstadt ein Staatsakt statt, an dem u. a. Staatspräsident Komorowski, Ministerpräsidentin Kopacz und EU-Rastpräsident Tusk teilnahmen. Der Charme des Appratschiks wirkte bis zuletzt.

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Die älteste Polin

Am 7. Januar 2015 starb Łucja Sobolewska.

Sie wurde knapp 114 Jahre alt.

Łucja Sobolewska wurde 1901 im Dorf Kosobuszczyzna in der Nähe von Wilno/ Wilna geboren. Damals befand sich der Ort im russischen Teilungsgebiet Polens. Wilno und das Wilnaer Land, wo die Polen in jener Zeit bis zu 70% der Bevölkerung ausmachten, wurde nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1918, nach 123 Jahren der Teilungen, ein Bestandteil des polnischen Staates.

Frau Sobolewska erlebte 1939 die Besetzung ihrer Heimat durch die Sowjets, einige Wochen später die Übergabe des Gebietes an Litauen, im Juni 1940 die Einverleibung in die Sowjetunion, den deutschen Einmarsch im Juni 1941, die Rückkehr der Sowjets im Sommer 1944. Dass sie den Massenmorden und Deportationen der Sowjets und der Deutschen entkam, betrachtete sie als ein Wunder. „Einige Male mussten wir tagelang im Wald übernachten“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet wieder sowjetisch, war Bestandteil der Litauischen Sowjetrepublik.

Das kleine Gut, auf dem sie mit ihren Eltern und zwei Schwestern damals wirtschaftete, nahmen die Sowjets ihnen weg und machten es zum Bestandteil einer Kolchose. Dort mussten die Sobolewskis arbeiten. Ab 1945 wurden etwa 200.000 Polen, die den Krieg überlebt hatten, über die Grenze abgeschoben. Łucja Sobolewska kam 1957, mit der zweiten Ausweisungswelle (etwa 50.000 Polen waren davon betroffen), aus Sowjet-Litauen nach Szczecin.

Bis zu ihrem 80. Lebensjahr arbeitete sie als Aushilfskraft, sie hatte nie geheiratet und wohnte nach dem Tod der Schwestern alleine. Im Mai 2014 feierte sie ihren 113. Geburtstag. Szczecins Oberbürgermeister Piotr Krzystek gratulierte persönlich mit einem Blumenstrauβ und einem Präsentkorb. Die Jubilarin sagte damals den zahlreich in ihrer Wohnung erschienen Medienvertretern, das schönste Geschenk seien die Menschen in ihrer Umgebung, die sich um sie kümmern.

In Polen leben gut viertausend Menschen, die älter als einhundert Jahre sind. Nach Frau Sobolewskas Tod ist der älteste Pole 109 Jahre alt.

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Solidarność-Legende

Am 30. Dezember 2014 starb Marian Jurczyk.

Er war kein Volkstribun, eher ein Macher mit Kanten, an denen sich viele gestoβen haben, und einer der ganz Groβen in der Gründergeneration der „Solidarność“. Jurczyk, der Mann der ersten Stunde, wurde gefeiert, geachtet, gefürchtet. Er war aber auch ein Getriebener, von Ereignissen über die er die Kontrolle verloren hatte und von Herausforderungen, die ihn als einen Politiker der nachkommunistischen Zeit manchmal überfordert haben.

Mann der ersten Stunde

Marian Jurczyk wurde 1935 im Dorf Karczewice bei Częstochowa/Tschenstochau geboren. In dieser waldreichen Gegend gab es im Zweiten Weltkrieg eine rege Partisanentätigkeit. Am 8. September 1944 gelang es in der Nähe des Dorfes einer Kampfeinheit der Heimatarmee (Armia Krajowa) eine knapp 20 Mann zählende Patrouille der deutschen Gendarmerie zu beseitigen, die auf dem Weg zu einer Strafaktion war.

Auf der Suche nach Partisanen drangen kurz darauf deutsche Gendarmen in das Haus der Jurczyks ein. Marian sollte einen Strick holen, damit sie seinen Vater hängen konnten. Dazu kam es nicht, aber die tiefe Abneigung gegen Deutsche und Deutschland konnte er sein Leben lang nicht überwinden.

Wie Zehntausende andere Bauernsöhne suchte Jurczyk in der Zeit der forcierten, oft brutalen, kommunistischen Nachkriegsindustrialisierung sein Glück in der Groβstadt. Er kam 1954 ins ferne Szczecin/Stettin und ging zur Werft, war Kranführer, Schweiβer, Lagerverwalter.

Der miserable Lebensstandard, die kargen Löhne und die kurz vor Weihnachten, am 12. Dezember 1970, eingeführte beträchtliche Lebensmittelpreiserhöhung lösten in den polnischen Küstenstädten eine Arbeiterrevolte aus. An den Generalstreik in Szczecin schlossen sich mehrtägige schwere Unruhen an, bei denen das Parteigebäude in Flammen aufging. Es gab 16 Tote und knapp 180 Verletzte. In Gdańsk/Danzig starben 6 Menschen, in Gdynia/Gdingen 18, in Elbląg/Elbing kam 1 Person ums Leben. 5000 Polizisten und 27.000 Soldaten waren an der Küste im Einsatz. An diesem 20. Dezember 1970 musste Parteichef Władysław Gomułka zurücktreten, an seine Stelle trat Edward Gierek.

Jurczyk war damals Mitglied des Streikkomitees der Werft und blieb der Belegschaft als guter Redner und Mann der Tat in Erinnerung.

Zehn Jahre später, im Sommer 1980, waren die meisten Streikführer vom Dezember 1970 tot. Bogdan Gołaszewski hatte man bald nach dem Streik in seiner Wohnung tot aufgefunden. Todesursache: Gasvergiftung. Adam Ulfik wurde von zwei Unbekannten in seiner Wohnung überfallen. Sie betäubten ihn mit Chloroform und drehten die Gashähne auf. Ulfik wachte noch rechtzeitig auf und konnte das Fenster öffnen. 1976 kam er unter mysteriösen Umständen ums Leben. Die Todesliste umfasst noch weitere Namen. Der Chef des Streikkomitees von 1970, Edmund Bałuka, überlebte wahrscheinlich nur deswegen, weil er nach Skandinavien flüchten konnte.

Als Chef des Überbetrieblichen Streik-Koordinationskomitees (Międzyzakładowy Komitet Strajkowy – MKS), in dem 340 streikende Betriebe aus Szczecin und Umgebung vertreten waren, hegte Jurczyk im Sommer 1980 ein grundsätzliches Misstrauen, sowohl gegen oppositionelle Warschauer Intellektuelle, die sich als Berater anboten, als auch gegen westliche Journalisten. Beide Gruppen wurden im August 1980 in die Szczeciner Werft, wo sich der Sitz des MKS befand, nicht hinein gelassen, während sie in Gdańsk, wo Lech Wałęsa das Sagen hatte, hochwillkommen waren.

Am 30. August 1980, einen Tag früher als Wałęsa in Gdańsk, unterschrieb Jurczyk im Namen des MKS Szczecin Vereinbarungen mit Vertretern der kommunistischen Regierung. In dem Szczeciner Dokument, das u.a. die Gründung der „Solidarność“ zulieβ, war keine Rede von der „führenden Rolle der Partei“, die die freie Gewerkschaft respektieren werde. In den Danziger Vereinbarungen hingegen war das der Fall.

Hierin lag der Grund für die erste Missstimmung zwischen Jurczyk und Wałęsa.

Der Szczeciner galt als der Hardliner, scheute, wenigstens in Worten, die Konfrontation mit den Kommunisten nicht. Den Kult um Wałęsa betrachtete er als einer demokratischen Gewerkschaft unwürdig. Die Intellektuellen Berater Wałęsas: Jacek Kuroń, Adam Michnik, Bronisław Geremek, Tadeusz Mazowiecki u.e.m. waren, seiner Meinung nach, politische Intriganten, die die „Solidarność“ den Arbeitern entreiβen und sie für sich benutzen wollten.

Jurczyk fühlte sich Wałęsa ebenbürtig und war sein wichtigster Gegenspieler. Während des I. Landesweiten Delegiertenkongresses der „Solidarność“ im Herbst 1981 verzeichnete er bei der Vorsitzenden-Wahl das zweitbeste Ergebnis (201 Stimmen = 24,01%) nach Wałęsa (462 Stimmen = 55,2%).

Haft und Schicksalsschlag

Nach Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 wurde Jurczyk zunächst interniert und anschlieβend, im Dezember 1982, vorläufig festgenommen. Zusammen mit einigen anderen „Solidarność“-Aktivisten sollte ihm, einem „Extremisten“, der angeblich die kommunistische Staatsordnung „gewaltsam beseitigen“ wollte, der Prozess gemacht werden. Dazu kam es nicht, Jurczyk fiel im Juli 1984 unter eine Amnestie und kam frei.

Während der Haftzeit, am 5. August 1982, begingen sein 23jähriger Sohn Adam und die Schwiegertochter Dorota Selbstmord. Die Vater-Sohn-Beziehung soll von gegenseitiger Kälte geprägt gewesen sein. Als Jurczyk sich von seiner ersten Frau scheiden ließ, war sein Sohn noch ein Kleinkind. Nicht einmal zur Hochzeit Adams soll der Vater erschienen sein.

Adam sei eine labile Persönlichkeit gewesen, alkoholabhängig verkehrte er in der Drogenszene. Dorota lernte er während einer Entziehungskur in der Psychiatrie kennen, wo sie als suizidgefährdet in Behandlung war. Die beiden stritten pausenlos miteinander, trennten sich, um sich dann wenig später ewige Liebe zu schwören.

Während eines Streits sprang Dorota um ca. 1.30 Uhr in der Nacht aus dem Fenster der gemeinsamen Wohnung und starb einige Stunden später im Krankenhaus. Adam sprang am Abend des selben Tages aus der Wohnung seines Freundes, der sich gerade in der Küche aufhielt, um Tee zu machen. Er nahm sich das Leben, weil er sich den Tod seiner geliebten Frau nicht verzeihen konnte.

Zu diesem Ergebnis kam eine staatsanwaltschaftliche Untersuchung aus dem Jahr 2007. Beweise oder Indizien für einen, womöglich politisch motivierten Mord der Staatssicherheit, fand man nicht.

1982 jedoch lag dieser Verdacht sehr nahe. Jurczyk wurde zur Beerdigung in Handschellen gebracht. Mit Mühe und Not gelang es der Polizei ihn wieder vom Friedhof abzutransportieren. Schwere Ausschreitungen erschütterten Szczecin bis spät in die Nacht.

Erzrivale, Senator, Bürgermeister

Seinem Hardliner-Image treu, lehnte Jurczyk die Verhandlungen des Runden Tisches die von Februar bis April 1989 stattfanden, ab. Ebenso die damals ausgehandelte Neuzulassung der „Solidarność“. Der damit verbundene „Neuanfang“ beseitigte die 1981 existierenden Gremien und machte Wałęsa, bis zu einem Kongress (der jedoch erst im April 1990 stattfinden sollte), zu einem Quasi-„Alleinherrscher“, der über die Zusammensetzung der provisorischen Gremien entschied. Für den Erzrivalen Jurczyk war da natürlich kein Platz.

Jurczyk gründete mit Gleichgesinnten ein „Übereinkommen für Demokratische Wahlen in der »Solidarność«“ und später eine neue Gewerkschaft, die „Solidarność 80“, deren Chef er bis 1994 war. Trotz mehrerer Abspaltungen, hat sie heute noch etwa 100.000 Mitglieder.

Jurczyk wurde 1997 für die Woiwodschaft Westpommern in den Senat (eine der beiden Kammern des polnischen Parlaments) gewählt. Der damaligen Wahllosung auf seinen Plakaten („Nur er hat sich nicht verkauft“) vermochte er jedoch nicht treu zu bleiben, als er ausgerechnet eine Allianz mit den Postkommunisten einging, um sich im November 1998 vom Szczeciner Stadtrat zum Oberbürgermeister wählen zu lassen. Dieses Amt bekleidete er zweimal: von November 1998 bis Januar 2000 (das Verfassungsgericht entschied damals, dass ein Parlamentsmandat und ein kommunales Mandat gleichzeitig von ein und derselben Person nicht ausgeübt werden dürfen; Jurczyk verlieβ daraufhin das Rathaus) und von November 2002 bis Dezember 2006 (seit 2002 werden die Oberbürgermeister in Polen direkt gewählt).

In seine erste Amtsperiode als Oberbürgermeister fiel seine umstrittene Entscheidung, den von seinem Vorgänger unterzeichneten Vertrag mit der deutschen Firma „Euroinvest Saller“ über den Bau eines Handelszentrums, mit sofortiger Wirkung aufzulösen. Die Firma ging vor Gericht und bekam ihre erbrachten Vorleistungen samt Zinsen zurück. Die Staatsanwaltschaft erhob daraufhin gegen Jurczyk und seine Mitarbeiter Anklage wegen Nachlässigkeit im Amt und Verursachung eines Schadens in großer Höhe. Das Urteil für Jurczyk (zwei Jahre Haft auf Bewährung) wurde 2009, in letzter Instanz, in einen Freispruch umgewandelt.

Nichtspitzel-Spitzel

Wie alle polnischen Politiker musste auch Jurczyk unter Eid versichern, dass er kein Zuträger der Staatssicherheit gewesen ist. Das tat er 1997, als er in den Senat gewählt wurde. Die Stasi-Erklärungen der Politiker wurden damals auf ihren Wahrheitsgehalt von einem sog. Anwalt des Öffentlichen Anliegens und seiner Behörde überprüft. Einen allgemeinen Zugang zu den Stasi-Akten gab es damals noch nicht.

Später, bei der Überprüfung der Archive, kamen Akten zutage, die zeigten, dass Jurczyk im Juni 1977 eine Verpflichtungserklärung unterschrieben hatte. Er fungierte als IM „Święty“ („Der Heilige“), quittierte Geldbeträge, u.a. wie folgt: „Ich bestätige den Erhalt von 1000 Zloty von einem Mitarbeiter der Staatssicherheit, als Entgelt für die Zusammenarbeit und die Weitergabe von Informationen über Józef Szymański“. Szymański war Mitglied des Streikkomitees im Dezember 1970.

Die Stasi benutzte Jurczyk auch, um zu erfahren auf welchen Wegen die antikommunistische Zeitschrift „Szerszeń“ (“Die Hornisse“) nach Polen gelangte. Herausgeber war Edmund Bałuka, der nach Schweden geflüchtete Streikchef der Werft im Dezember 1970, 1979 brach Jurczyk seine Kontakte zur Stasi ab und wurde bald darauf selbst Objekt der Bespitzelung.

Der Anwalt des Öffentlichen Anliegens erhob gegen Jurczyk Anklage wegen so genannter Lustrationslüge. Die Höchststrafe bei diesem Vergehen: das Verbot zehn Jahre lang öffentliche Ämter zu bekleiden. Im November 1999 und März 2000 wurde Jurczyk in zwei Instanzen schuldig gesprochen. Das Oberste Gericht ordnete jedoch eine Wiederaufnahme des Verfahrens an. Ergebnis: wieder zwei Schuldsprüche im März und Juni 2001.

Jurczyks Verteidiger beantragten daraufhin die Kassation des Urteils in allen Punkten. Das Oberste Gericht folgte im Oktober 2002 diesem Antrag: Jurczyk sei zur IM-Tätigkeit gezwungen worden, seine Berichte seien „unbrauchbar“ gewesen und deswegen könne man ihn nicht als einen Stasi-IM betrachten.

Dieses in Polen sehr umstrittene Urteil war ein Freispruch zweiter, wenn nicht gar dritter Klasse. Zwar gewann Jurczyk einen Monat später, im November 2002, in Szczecin die Oberbürgermeisterwahlen, aber der Makel des Stasi-Spitzels lastete schwer auf ihm.

Beim Versuch 2006 wiedergewählt zu werden, bekam er nur noch knapp 5% der Stimmen. Verbittert und vereinsamt zog er sich daraufhin in seinen Schrebergarten zurück, wo er in einer winterfesten Laube sein Leben fristete.

Marian Jurczyk starb am 30. Dezember 2014 in Szczecin. Staatspräsident Komorowski verlieh ihm posthum das Komturkreuz des Ordens der Wiedergeburt Polens (Polonia Restituta).

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Foto-Chronist der Solidarność

Am 30. Dezember 2014 starb Bogusław Nieznalski.

Einige seiner Fotos sind Ikonen der Solidarność-Bewegung geworden.

Bogusław Nieznalski wurde 1948 in Sopot/Zoppot. Nach einer Ausbildung zum Mechaniker studierte er an der Abendfakultät der Technischen Hochschule in Gdańsk/Danzig, wo er anschlieβend bis 1990 als technischer Assistent arbeitete.

Der miserable Lebensstandard, die kargen Löhne und die kurz vor Weihnachten 1970, am 12. Dezember, eingeführte beträchtliche Lebensmittelpreiserhöhung, hatten eine Arbeiterrevolte in den polnischen Küstenstädten ausgelöst. An den Generalstreik in Gdańsk und im benachbarten Gdynia/Gdingen schlossen sich mehrtägige schwere Unruhen an, bei denen das Parteigebäude in Flammen aufging. Es gab 24 Tote. In Szczecin/Stettin starben 16 Menschen, in Elbląg/Elbing 1 Person. 5.000 Polizisten und 27.000 Soldaten waren an der Küste im Einsatz. Am 20. Dezember 1970 musste Parteichef Władysław Gomułka zurücktreten, an seine Stelle trat Edward Gierek.

Nieznalski hielt sich am 15. Dezember 1970 vor dem brennenden Parteigebäude auf. Er flüchtete vor den Polizeischüssen und beobachtete von den alten Befestigungen, oberhalb des Zentrums, das Geschehen. Damals fasste er den Entschluss, die Wirklichkeit im kommunistischen Polen fotografisch zu dokumentieren. Ein Onkel brachte ihm das Fotografieren bei.

Als Mitte August 1980 eine neue Streikwelle, diesmal ganz Polen erfasste, lief Nieznalski mit seinem Fotoapparat zum Tor Nr. 2 der Gdansker Werft. Dort traf er einen Schulkameraden, der mit einigen anderen Brotlaibe in den vom Besatzungsstreik erfassten Betrieb schleppte. Der Schulkamerad hieβ Bogdan Borusewicz und war einer der Begründer der illegalen Freien Gewerkschaften in Gdańsk. Dank ihm wurde Nieznalski vom Arbeiter-Ordnungsdienst aufs Gelände gelassen und durfte fotografieren. So wurde Nieznalski zum offiziellen Foto-Chronisten der „Solidarność“.

Er dokumentierte die Unterzeichnung der Vereinbarungen von Gdańsk am 31. August 1980 durch Lech Wałęsa mit dem, inzwischen schon legendären, riesigen Papst-Kugelschreiber. Seine Fotos zeigen alle Phasen der Errichtung des Gdansker Denkmals der Drei Kreuze für die im Dezember 1970 gefallenen Arbeiter. Nieznalski war anwesend bei der ersten Begegnung Wałęsas und einer „Solidarność“-Delegation mit Papst Johannes Paul II. im Vatikan im Januar 1981. Seine aussagestarken Bilder führen alle wichtigen Momente in der Geschichte der „Solidarność“ bis Anfang der 90er Jahre vor Augen.

Nach Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 wurde er mehrere Male bei Protesten und Unruhen festgenommen, einmal sogar, während der heftigen Demonstrationen am 31. August 1982, angeschossen.

Seine Fotos gingen um die Welt, wurden auf gut zweihundert Ausstellungen gezeigt. Nieznalski bekam viele Auszeichnungen, stand lange Jahre dem Gdansker Ableger des Verbandes Polnischer Kunstfotografen vor. Staatspräsident Lech Kaczyński verlieh ihm 2008 das Offizierskreuz des Ordens der Wiedergeburt Polens (Polonia Restituta).

Hier kann man Bogusław Nieznalskis eindrucksvolle Fotos sehen:

Internet-Ausstellung des Radiosenders Radio Maryja

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Dichter-Koryphäe

Am 26. Dezember 2014 starb Stanisław Barańczak.

Er hat sich einen groβen Namen in vierlei Hinsicht gemacht: als Dichter, als Dissident, als Literaturkritiker und als Übersetzter. Er war ohne Zweifel eine Koryphäe der modernen polnischen Literatur.

Bürgerrechtler

1946 in Poznań/Posen, in einer gutbürgerlichen Arztfamilie geboren, war er ein Kind der Volksrepublik Polen, gegen die er seit seinen Jugendjahren stets rebellierte. Begabt und belesen studierte Barańczak Polonistik an der Poznaner Adam-Mickiewicz-Universität. Die geistige Enge des Kommunismus war ihm zutiefst zuwider. Die letzten Illusionen in Bezug auf das System raubten ihm die Ereignisse des Frühjahrs 1968, als in allen polnischen Universitätsstädten Studentenunruhen ausbrachen. Beim Auseinandertreiben der Studentendemonstration in Poznań kassierte er einige schmerzhafte Schlagstockhiebe. Kurz darauf, als er als Mitglied einer Studentendelegation die Forderungen der Protestierenden nach mehr Freiheit in Forschung und Lehre im Uni-Rektorat vorbringen wollte, wurde er Zeuge äußerster Arroganz und Verachtung der Apparatschiks.

Barańczak setzte viel aufs Spiel, denn mit seinen unkonventionellen Gedichten hatte er bereits auf sich aufmerksam gemacht, bekam erste Auszeichnungen. Es war gewiss: ihm stand eine groβe literarische Karriere bevor. Schon als Student war er Chefdramaturg des Poznaner experimentellen „Theaters des Achten Tages“. Noch wurde er geduldet. Sein erstes Gedichtband „Przyczyny zgonu“ („Todesursachen“) durfte 1968 erscheinen. 1971 erhielt er den Doktortitel und bekam eine Stelle an der Poznaner Universität, obwohl er bereits 1969, nach wenigen Jahren der Mitgliedschaft, aus der herrschenden Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei ausgetreten war.

Im Jahr 1977 trat Barańczak dem Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) bei. KOR war eine Gruppe der polnischen Bürgerrechtsbewegung. Mitglieder waren namhafte Intellektuelle. Sie entstand als Reaktion auf zahllose Drangsalierungen, Schikanen und brutale Übergriffe (Verhaftungen, bestialische Misshandlungen auf Polizeistationen, Entlassungen, Verhängung hoher Haftstrafen in fingierten Strafprozessen usw.) auf Teilnehmer an Arbeiterprotesten gegen die Lebensmittelpreiserhöhungen im Juni 1976 in der Stadt Radom. Das Hauptziel war die finanzielle Unterstützung und die Bereitstellung eines Rechtsbeistands für verfolgte Arbeiter. KOR war eine der Keimzellen der späteren Gewerkschaftsbewegung „Solidarność“.

Barańczak wurde daraufhin entlassen und im Februar 1977, aufgrund eines von der Staatssicherheit konstruierten Vorwurfs der Korruption, zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Er bekam Schreib- und Veröffentlichungsverbot. Nicht der geringste Hinweis auf ihn, keine Gedichte oder andere Texte von ihm durften erscheinen.

Der Dichter lehrte ab diesem Zeitpunkt an der sog. Fliegenden Universität, deren Vorlesungen in Privatwohnungen stattfanden, nahm im Mai 1977 am Hungerstreik in der Warschauer Hl. Martin-Kirche zugunsten politischer Häftlinge teil, unterschrieb Protestaufrufe an die Behörden, war Redaktionsmitglied der illegal gedruckten Literaturzeitschrift „Zapis“ („Niederschrift“). In Poznań, wo die demokratische Opposition sehr schwach war, war Barańczak lange Zeit ihr wichtigster Brückenkopf.

Nach Gründung der „Solidarność“ im September 1980 engagierte er sich für die Arbeit der Bewegung und bekam seine Stelle an der Universität wieder. Im Januar 1981 erreichte ihn ein Angebot, so verlockend, dass er es nicht ausschlagen konnte. Er sollte die Leitung des (in Amerika einzigen) Instituts der Polnischen Literatur an der Harvard-Universität übernehmen. Aus den geplanten drei Jahren Aufenthalt wurde „lebenslänglich“, vor allem da am 13. Dezember 1981 in Polen das Kriegsrecht ausgerufen wurde.

Barańczak und sein Schaffen wurden nun zu einem Teil der polnischen Exilkultur. Sie ist seit dem Ende des 18. Jh., aufgrund der stets wiederkehrenden Massenauswanderungen auf der Suche nach Freiheit und Brot, der „zweiter Lungenflügel“ der polnischen Nationalkultur geworden. Barańczaks Gedichte und Essays erschienen in Exilverlagen und gelangten bis 1989 auf illegalen Wegen nach Polen.

Nicht zu unterschätzen sind seine Verdienste darum, der polnischen Literatur den Weg in die Verlage, die Bibliotheken Amerikas und die Köpfe der Amerikaner gebahnt zu haben.

Dichter, Literaturkritiker, Essayist

Ein Teil seines Widerstandes bestand aus seinen scharfsinnigen Analysen der sozialistischen Massenkultur. In Essays und wissenschaftlichen Texten nahm er Krimis, Abenteuerromane und andere im Parteiauftrag entstandene Arten der Populärliteratur, ihre Feind- und Leitbilder unter die Lupe. Barańczak beschrieb die Funktionsweise der Manipulation, Menschen, die kritiklos Propagandainhalte übernahmen, gab seiner Angst Ausdruck vor der stumpfsinnigen, manipulierten Masse.

Sein moralischer Standpunkt hinsichtlich der Dichtung war klar umschrieben: „Misstrauen. Kritizismus. Bloβtellung. Das alles sollte sie sein, so lange bis die letzte Lüge, der letzte Rest der Demagogie, die letzte Gewalttat von dieser Welt verschwinden“. Sein moralisch-dichterisches Manifest legte Barańczak 1971 in einem Essay mit dem bezeichnenden Titel „Nieufni i zadufani“ („Misstrauisch und eingebildet“) dar.

Ein Merkmal seiner Gedichte war die Gestaltung des sprachlichen Ausdrucks: Satzfetzen, scheinbar chaotisch aneinandergereiht, dieselben Worte, die in immer neuen Verbindungen wiederkehren. Es ging ihm darum, feste Wortverbindungen, eingeprägte Redewendungen und mit ihnen Denkschemata zu zerschlagen.

Bezeichnend in dieser Hinsicht ist das Gedicht „Blicken wir der Wahrheit ins Auge“ von 1970, in dem er, von der Redewendung ausgehend, die Überzeugung äuβert, dass die Wahrheit zu sagen, eine moralische Pflicht des Dichters sei, gegenüber den anonymen Beobachtern, der Öffentlichkeit:

„…zeigen wir uns auf der Höhe/ des Auges, wie die Kreideschrift an der Mauer, wagen wir es/ der Wahrheit ins Auge zu sehen, das nicht abläβt von uns/ das überall ist, festgetreten im Pflaster unter den Füβen/ festgeklebt im Plakat, versunken in Wolken…“

(übersetzt von Karl Dedecius).

Die Dichtung war für Barańczak vor allem ein Instrument der Verteidigung gegen die alles überflutende Propagandasprache, eine Sprache der Lüge, die es zu entlarven, zu hinterfragen, bloβzustellen galt, um Menschen zum Nachdenken zu bringen, zu zwingen sich selbst Fragen zu stellen. Eine schwere Aufgabe, wie er es in seinem Gedicht „N.N. fängt an sich Fragen zu stellen“ formulierte, in einer Zeit, in der man:

„…beim Wort „Sicherheit“/ Gänsehaut bekommt, in der das Wort „Wahrheit“1)/ ein Zeitungstitel ist, in der Wörter „Freiheit“/ und „Demokratie“ in den Dienstbereich/ eines Polizeigenerals2) fallen…“

(übersetzt von Peter Lachmann).

Die politische Komponente in seiner Dichtung verlor mit der Zeit an Bedeutung, anderes: Liebe, menschliches Verhalten in Zeiten des Überflusses, das Verhältnis zur Natur rückten in den Vordergrund.

Übersetzter

Stanisław Barańczak wird auch als ein begnadeter Übersetzter englischsprachiger Literatur in die Geschichte der polnischen Kultur eingehen. In den 90er Jahren hat er zwanzig Shakespeare-Dramen neu ins Polnische übertragen. Diesen Übersetzungen wird allerhöchste Qualität bescheinigt.

Nicht anders beurteilt werden seine Übersetzungen der Gedichte von Emily Dickinson, Elizabeth Bishop, Edgar Allan Poe, Seamus Heaney, Joseph Brodsky, Thomas Campion, John Donne, Robert Herrick, George Herbert, Henry Vaughan, John Keats, Thomas Hardy, aber auch der Liedertexte der Beatles. Barańczak wurde in den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens zu einem unermüdlichen Mittler vor allem zwischen der amerikanischen Dichtung und der polnischen Sprache.

1999 hat man bei ihm die Parkinson-Krankheit festgestellt. Seit dem zog sich Barańczak immer mehr in die Privatsphäre zurück. Er starb in den USA im Alter von 68 Jahren und wurde auf dem Mount-Auburn-Friedhof in Cambridge bei Boston begraben.

Anmerkungen:

1) Gemeint ist „Prawda“, das poln. und russ. Wort für Freiheit. „Prawda“ hieβ das Zentralorgan der sowjetischen KP.

2) Gemeint ist Mieczysław Moczar (1913-1986), kommunistischer Partisan, General der Staatssicherheit und hoher Parteifunktionär, bekannt für sein autoritäres Auftreten. „Freiheit“ und „Demokratie“ waren Bestandteile der offiziellen Bezeichnung des einzigen zugelassenen Veteranenverbandes: „Verband der Kämpfer für Freiheit und Demokratie“, dem Moczar vorstand und der ein wichtiger Bestandteil seiner Machtgrundlage war.

© RdP