Das Schicksal der Familie Ulma

Am Jahrestag des Ghettoaufstandes in Warschau, wird auch der Polen gedacht, die Juden vor dem Holocaust retteten.

Vor dem Krieg war Józef Ulma ein angesehener und allseits beliebter Bauer in seinem Dorf Markowa bei Łańcut, im heutigen Südostpolen. Als Erster gründete er eine Gärtnerei für Obstsetzlinge. Er brachte den Leuten vor Ort die neusten Methoden der Apfelbaumveredelung bei, züchtete Seidenspinnerraupen und Bienen, bekam Auszeichnungen auf regionalen Landwirtschaftsausstellungen. Seine Leidenschaft galt ebenfalls der Fotografie. Ob Hochzeit, Taufe, eine Beerdigung oder nur für ein Passfoto, Józef Ulma war immer zur Stelle, wenn es darum ging Bilder zu machen. Und das zum Selbstkostenpreis. Mit seiner Frau Wiktoria hatte er sechs Kinder. Im Frühjahr 1944 erwartete sie ihr Siebentes.

Das letzte Foto der Familie Ulma.
Das letzte Foto der Familie Ulma.

Während der deutschen Besatzung versteckten die Ulmas, seit Mitte 1942, in ihrem bescheidenen Haus acht Juden. Als sie sie aufnahmen, wussten sie was sie riskierten. Vor ihren Augen hatten deutsche Gendarmen kurz zuvor die meisten der 120 Juden aus Markowa ermordet. Das Haus der Ulmas stand abseits, doch es gelang nicht ihr Geheimnis zu bewahren.

Das Haus der Ulmas in Markowa.
Das Haus der Ulmas in Markowa, Schauplatz des Verbrechens.

Der Denunziant, Włodzimerz Leś, war ein Ukrainer, der bei der polnischen Polizei in Łańcut diente. Leś war vor dem Krieg mit der jüdischen Familie Schall befreundet. Er gewährte ihnen sogar, gegen Bezahlung, eine Zeitlang Unterschlupf bei sich zu Hause. Als die Deutschen jedoch begannen diejenigen, die Juden versteckten, bei Entdeckung an Ort und Stelle gemeinsam mit ihren Schützlingen zu ermorden, jagte Leś die Schalls fort, jedoch nicht ohne ihr ganzes Vermögen zu behalten. Die Schalls fanden Unterschlupf bei den Ulmas, klopften aber einige Male nachts bei Leś an und forderten ihren Besitz zurück. Das wurde ihnen, der Familie Goldmann, die ebenfalls von den Ulmas versteckt wurde, und den Helfern selbst, zum Verhängnis.

Am 23. März 1944 bekamen vier polnische Fuhrleute die Anweisung mit ihren Pferdewagen um Mitternacht vor der Gendarmeriewache in Łańcut zu sein. Die Aktion leitete der Gendarmeriekommandant von Łańcut, der deutsche Hauptmann Eilert Dieken persönlich. Bei Tagesanbruch des 24. März 1944 rückte der Trupp im Haus der Ulmas an. Die Fuhrleute wurden angewiesen, mit ihren Wagen in einiger Entfernung zu warten.

Bald darauf fielen die ersten Schüsse. Zuerst wurden die beiden Brüder Goldmann und ihre Schwester Golda ermordet. Danach riefen die Gendarmen die Fuhrleute heran, sie sollten bei dem Massaker zusehen. Auf diese Weise sollten weitere Polen vom Verstecken von Juden abgeschreckt werden. Als nächster fand einer der Brüder Schall den Tod, dann dessen Frau Lea mit der kleinen Tochter sowie zwei weitere Angehörige der Familie Schall. Anschlieβend kamen der 44-jährige Józef Ulma und seine zwölf Jahre jüngere, hochschwangere Frau Wiktoria an die Reihe, am Ende ihre schreienden und wimmernden Kinder: Stanisława (Stasia), Barbara (Basia), Włodzimierz (Władek), Franciszek (Franek), Antoni (Antos) und Maria (Marysia).

Nun herrschte Stille. Sechzehn Leichen lagen im und vor dem Haus. Die Gendarmen riefen den Dorfschulzen von Markowa, Teofil Kielar herbei, damit er für das Verscharren der Toten sorge, und widmeten sich selbst dem Plündern. Im Licht der Taschenlampen wurden die Opfer durchsucht. Dieken und sein Stellvertreter Joseph Kokott teilten sich die gefundenen Schmuckstücke. Eine der jüdischen Frauen trug eine Schachtel mit Juwelen bei sich. Die übrigen Gendarmen plünderten das Haus. Truhen, Betten, Geschirr, Vorräte türmten sich auf den Fuhrwerken.

Derweil mussten die zwischenzeitlich herbeigerufenen Dorfbewohner eine tiefe Grube ausheben. Als einer von ihnen einen der Gendarmen bat, die Polen und die Juden separat beerdigen zu dürfen, schoss der Gendarm auf ihn, verfehlte jedoch den Mann, der Schütze war schon zu betrunken. Letztendlich willigten die Gendarmen doch noch ein und es wurden zwei Gruben ausgehoben.

Derweil ging Dieken zur Wache der polnischen Polizei des Dorfes und drohte den Kommandanten zu erschieβen, wenn er weiterhin das Verstecken von Juden auf seinem Gebiet toleriere. Die Aktion endete unweit des Tatortes mit einem Besäufnis der Täter, denen der Dorfschulze drei Liter Wodka bringen musste.

Fünf Tage nach dem Mord gruben Nachbarn nachts die Leichen der Ulmas aus und bestatteten sie auf dem Dorffriedhof. Die ermordeten Juden hat man 1947 auf dem Friedhof für Kriegsopfer im benachbarten Ort Jagiele beigesetzt.

Im Jahr 1995 wurden Józef und Wiktoria Ulma posthum mit dem israelischen Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ geehrt, vergeben an Menschen, die ihr Leben einsetzten, um Juden vor der Ermordung zu retten. Von den 24.811 Personen, die ihn bis Ende 2013 zugesprochen bekamen, kommen die meisten (6.454) aus Polen.

Das Denkmal in Markowa.
Das Denkmal in Markowa.

Am 24. März 2004, dem 60. Jahrestag des Geschehens, wurde in Markowa ein kleines Denkmal zu Ehren der Familie Ulma und ihrer Schützlinge enthüllt. Ein Museum das an diejenigen Polen erinnert, die Juden während des Zweiten Weltkrieges retteten, soll den Namen der Familie Ulma tragen. Seine Einweihung wird im März 2016 in Markowa stattfinden.

Das Museum der polen die Juden gerettet haben in Markowa. Entwurf.
Das Museum der Polen die Juden gerettet haben in Markowa. Entwurf.

Museum in Markowa. Satnd der Arbeiten Anfang 2015.
Museum in Markowa. Stand der Arbeiten Anfang 2015.

Den Denunzianten Włodzimierz Leś hat ein Standgericht der polnischen Heimatarmee für sein Verbrechen im Namen der Republik Polen zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde auf offener Straße in Łańcut im September 1944 vollstreckt. Den Gendarmen Joseph Kokott verurteilte ein polnisches Gericht 1958, nach der Überstellung aus der Tschechoslowakei, zum Tode. Die Strafe wurde auf dem Gnadenwege in Lebenslänglich umgewandelt. Kokott starb 1980 in einem polnischen Gefängnis. Hauptmann Eilert Dieken versah nach dem Krieg den Dienst als Kriminalkommissar in Essen. Gegen ihn wurde wegen seiner Verbrechen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, doch ohne Folgen. Dieken starb ohne jemals gerichtlich belangt zu werden.

Zu dem Thema Polen und Juden während der deutschen Besatzungszeit empfehlen wir Ihnen folgende interessante und informative Artikel und Rundfunksendungen:

Famile Ulma? Falscher Mythos. Schämt euch, ihr Polen!

„Die halbe Wahrheit ist nicht die Wahrheit“

und

„Defiance – jüdischer Widerstand, polnische Debatte“

@ RdP 




Weiss, weisser, deutsch

Noch gibt es kein Heilmittel gegen die polnische Waschpulverparanoia.

Praktisch, solide, zuverlässig. Deutsche Marken genießen einen sehr guten Ruf in Polen. Das gilt vor allem, ganz klar, für Autos Made in Germany. Doch die Wertschätzung der Automobile wird noch übertroffen von dem felsenfesten Glauben vieler Polen an die ungemeine Reinigungskraft der Wasch- und Putzmittel, die direkt aus Deutschland kommen.

Wer als Deutscher nach Polen reist und auch nur ein kleines bisschen Polnisch versteht, der wird sich fragen, was es auf sich hat mit Läden, die mit der groβen Aufschrift „Chemia z Niemiec“ auf sich aufmerksam machen. Wörtlich übersetzt heiβt das „Chemie aus Deutschland“, doch wer reinschaut merkt sofort, dass es sich hier ausschließlich um Haushaltschemie handelt und dabei durchweg um Produkte, die unmittelbar aus Deutschland eingeführt wurden.

Lupenrein

Dieser Handel, früher nur auf Märkten und in Vorstädten anzutreffen, hat inzwischen in elegante Galerien, wie der Warschauer Blue City, Einzug gehalten. In Anlehnung an den in Deutschland so beliebten Begriff „lupenrein“, nennt sich die Ladenkette „Laboratorium Pani Domu“ – „Laboratorium der Hausfrau“ und hat schon vier Filialen in den gröβten hauptstädtischen Einkaufszentren errichtet. Weitere sollen folgen.

Am Eingang in die Boutique für Haushaltschemie- liegen auf Tischchen bunte „Sprudelbomben“. In die Badewanne geworfen setzten sie Düfte und Öle frei, enthärten das Badewasser, glätten die Haut und heben gar die Stimmung. Die Regale biegen sich unter penibel aufgestellten Plastikflaschen, Zerstäubern, Waschmittelpackungen von Persil, Ariel, Vizir, Perwoll. Bis unter die Decke ragt imposant eine Pyramide aus Sechs-Kilogramm-Omo-Boxen. Daneben findet man in Hülle und Fülle Waschkapseln, Geschirrspültabs, Spülmittel, Duftsprays, das eine oder andere zum Fensterputzen, zum Entfernen von Bratresten im Backofen, zum Badewannenschrubben.

Und zwischen all dem, von weitem sichtbar, das Glaubensbekenntnis: „Wenn Du deutsches Waschpulver verwendest, benötigst Du 30% weniger Pulver, dank höherer Konzentration. Damit die Wäsche sauber wird reichen nur 66 Gramm. Von dem für den polnischen Markt hergestellten Äquivalent hingegen werden 100 Gramm benötigt. 6 Kilogramm deutschen Waschmittels reichen für neunzig Waschmaschinenfüllungen, mit einem für den polnischen Markt hergestellten Waschmittel kannst Du nur sechzigmal waschen.“

„Waschen auch Sie mit deutschem Waschpulver?“ Die ältere Verkäuferin macht einen sehr überzeugenden Eindruck, wenn sie darauf antwortet: „Ausschlieβlich! Und das sage ich nicht, weil ich hier arbeite“. Es folgt ein weiteres Glaubensbekenntnis aus ihrem Mund, dass da lautet: Waschmittel, die für den polnischen Markt hergestellt werden, bestehen hauptsächlich aus Soda und Kreide. Die deutschen hingegen beinhalten „intelligente Substanzen“, deren komplizierte Namen sie in einem Atemzug aufzählt. „Sie waschen hervorragend bei jedem Härtegrad des Wassers, der Duft hält länger an. Kaufen Sie. Die Sechs-Kilo-Packung kostet 60 Zloty“ (gut 13 Euro) Die gleiche Packungsgröße kostet im normalen Laden etwa 40 Zloty (knapp 9 Euro). „Das ist nicht teuer“, meint die Verkäuferin. „Rechnen Sie mal die Qualität dagegen“.

Sauber und rein

Viele Polen meinen „nicht nur sauber sondern rein“ waschen und putzen zu müssen, wie die Deutschen. Immer mehr Polen wollen auch daran verdienen. Die Zahl, vor allem der Kleinimporteure, wächst. Mit jenseits der Oder gekauften Waschmitteln vollbeladen, gelangen Kleintransporter und Minibusse in die hintersten Winkel des Landes. Deutsche Supermärkte und Discounter an der polnischen Grenze verkaufen inzwischen nur drei Waschmittelkartons pro Händler, weil sonst der Nachschub für normale Kunden ins Stocken gerät. Viele polnische Wiederverkäufer haben daraufhin deutsche Groβhandlungen ausfindig gemacht und sind mittlerweile dort zufriedene Kunden geworden.

Alles was sie herankarren gelangt meistens in Buden und Stände auf den Märkten und an Straβenrändern. Die Preise sind um ein Drittel höher als für herkömmliche Produkte. Am günstigsten bekommt man sie bei fliegenden Händlern, die direkt vom LKW herunter und aus Kleintransportern verkaufen.

Reiner geht’s nicht

Die Litanei der Vorzüge der „echten deutschen“ Fabrikate, die Händler und ihre Kunden herunterbeten, ist lang. Wie Jurek, ein beleibter Mittfünfziger, der seine “Chemia z Niemiec“- Bude an der Schnellstraße Warschau – Lublin schwarz, rot und gold angestrichen hat. Der Renner ist bei ihm, neben Waschpulver und Geschirrspültabs, deutsches Mottenpapier, das, wie er sagt, die Insekten „im Nu totmacht“. Alle Wasch- und Putzmittel reichen länger, wirken besser, schonen das Gewebe und, Jurek hebt die Hand zum Schwur, „es gibt keine Probleme mit den Abflussrohren“. Sie waren bei ihm oft verstopft, bis der Klempner weiβe Ablagerungen ausfindig machte. Schuld daran, Jurek ist davon felsenfest überzeugt, war das falsche, nicht deutsche Waschmittel.

Auf etlichen Internetforen zum Thema „Chemia z NIemiec“ werden die wenigen Zweifler verhöhnt und durch Erfahrungsberichte zum Schweigen gebracht. Die gängige These: Westfirmen packen weniger Wirkstoffe in ihre Erzeugnisse, akzeptieren im Stillen eine mindere Qualität, damit sich die armen Osteuropäer ihre Markenprodukte auch leisten können.

Die Hersteller werden nicht müde zu dementieren. Henkel Polska lieβ vor kurzem verlautbaren, dass es so etwas wie „deutsches Persil“ nicht gibt, weil das Waschpulver für Ost und West im Henkel-Werk in Racibórz/Ratibor hergestellt und von dort in ganz Europa vertrieben wird.

Es ist ein Glaubenskrieg der hier stattfindet. Die einen glauben an die Reinigungskraft deutscher Haushaltschemie, die anderen nicht. Gespeist wird das Ganze, behaupten Psychologen, aus Minderwertigkeitskomplexen.

Wie auch immer, der Mythos „Chemia z Niemiec“ ist, vorläufig wenigstens, ungebrochen.

© RdP




Das wichtigste aus Polen 5. April – 11. April 2015

Kommentator Janusz Tycner und Joachim Ciecierski gehen auf die wichtigsten Ereignisse der Woche in Polen ein: Im Präsidentschaftswahlkampf holt Herausforderer Andrzej Duda weiterhin auf. 5. Jahrestag der Flugzeugkatastrophe von Smoleńsk. Immer noch mehr Fragen als Antworten.




Donald der Gehorsame

100 Tage EU-Ratspräsident Tusk. Alle enttäuscht nur Frau Merkel nicht.

Der offizielle Jubel kannte keine Grenzen als Donald Tusk im September 2014 EU-Ratspräsident wurde. Es soll, so hat man tatsächlich behauptet, ein Ereignis gewesen sein, das sich gerade noch so mit der Wahl des Krakauer Erzbischofs Karol Wojtyła zum Papst vergleichen lieβ. Im Oktober 1978 hieβ es in Rom „habemus Papam“. Jetzt hieβ es in Warschau allen Ernstes „habemus Praesidentem Europae“.

So formulierte es damals der, nie um eine Peinlichkeit verlegene, Auβenminister Sikorski. Andere Politiker aus dem Regierungslager und regierungstreue Medien verkündeten mit Emphase, der „König Europas“ sei gerade gekürt worden. Die damals allgemein wie selbstverständlich verwendete Bezeichnung „Präsident Europas“ klang dagegen geradezu bescheiden.

Ereignis von epochaler Bedeutung

Diejenigen Polen, die anhaltend an tiefen Minderwertigkeitskomplexen leiden, und das ist ein nicht geringer Teil der Nation, konnten sich wieder einmal kurz aufrichten. Ähnlich wie in jenen Momenten, wenn es einem polnischen Sportler oder Team ausnahmsweise mal gelingt eine Goldmedaille oder einen Meistertitel zu erlangen. Oder, so geschehen im Sommer 2009, als der farblose Jerzy Buzek, an den sich heute in Europa kaum jemand mehr erinnert, für zweieinhalb Jahre EU-Parlamentspräsident wurde, und dann im Sommer 2011, als Polen die damals noch im Rotationsprinzip halbjährlich wechselnde und fast bedeutungslose EU-Ratspräsidentschaft übernahm. Beide Male waren das in der offiziellen Darstellung der Tusk-Regierung „Ereignisse von epochaler Bedeutung“.

Überhört oder niedergejubelt wurde von der Regierungspropaganda bei der Wahl Tusks zum EU-Ratspräsidenten der Einwand, es stimme doch sehr nachdenklich, dass kein(e) sich im Amt befindliche Regierungschef(in) Westeuropas, auch nicht Frau Merkel oder David Cameron, sich darum gerissen haben, „König(in) von Europa“ zu werden.

Polnischer Jubel 1: Tusk, der neue König Europas.
Tusk-Jubel 1: „Tusk, der neue König Europas “ (links Frau Mogherini).

„Wir können stolz sein!“, verkündete „Fakt“, Springers polnische „Bild-Zeitung“. „Zehn Jahre nach unserem EU-Beitritt wurde ein Pole EU-Ratschef, informell der Präsident der ganzen Union! Kein polnischer Politiker wagte es jemals von der Position zu träumen, die jetzt Donald Tusk einnehmen wird“.

Tusk-Jubel 2: Tusk erwartet in Brüsel Luxus. Der König Europas mietet eine Wohnung für (umgerechnet) viertausend Euro.
Tusk-Jubel 2: „Tusk erwartet in Brüsel Luxus. Der König Europas mietet eine Wohnung für (umgerechnet) viertausend Euro“.

Schwache einhundert Tage

Nun, nach einhundert Tagen seines Amtierens in Brüssel, konnten sich auch Tusks gröβte polnische Enthusiasten nicht dazu durchringen Begeisterung an den Tag zu legen. Diesmal zierte sein Gesicht weder die Titelseite der linken Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ („Wahlzeitung“), noch die des linken Wochenblattes „Polityka“. „Gazeta Wyborcza“ versteckte ihre erste Bilanz des „Königs von Europa“ auf Seite sechs unter der Überschrift „Tusks schwache hundert Tage“.

Tusk-Jubel 3: "Donald Tusk hat mit seiner neuen Frisur alle überrascht"
Tusk-Jubel 3: „Donald Tusk hat mit seiner neuen Frisur alle überrascht. Neuer Stil des Königs von Europa.“

Besser angebracht wäre sicherlich der Titel „Donald der Schweigsame“, weil der „Präsident Europas“ kaum zu vernehmen ist. Niemand weiβ, was „Unser Mann in Brüssel“ von der Umsetzung der Vereinbarungen von Minsk im Ukraine-Konflikt hält. Niemand kennt seine Meinung über die Idee der Briten, Waffen in die Ukraine zu liefern. Journalisten haben keine Chance ihn danach zu fragen, weil der neue EU-Ratsvorsitzende die Medien scheut, wie der Teufel das Weihwasser.

Tusk-Jubel 4 "Der König Europas. Doald Tusk zum  Präsidenten Europas gewählt. Er wird nach Polen als Millionär zurückkehren. Überzeuge Dich selbst davon wie die Erste Dame (Tuskas Frau) feiert. Die Meinungen der Welt zu Tusks Wahl."
Tusk-Jubel 4: „Der König Europas. Donald Tusk zum Präsidenten Europas gewählt. Er wird nach Polen als Millionär zurückkehren. Überzeuge Dich selbst davon, wie die Erste Dame (Tusks Frau) feiert. Die Meinungen der Welt zu Tusks Wahl.“

Seine Verteidiger behaupten nun allen Ernstes, dass der „Präsident Europas“ sich ohne Absprache mit den 28 Staats- und Regierungschefs der EU nicht zum Ukraine-Konflikt äuβern kann und darf. Die Erklärung, warum jedoch Angela Merkel und François Hollande sich mit den übrigen 26 EU-Staaten nicht im Geringsten absprechen müssen, wenn sie zu Putin aufbrechen und mit ihm, im Namen der EU, Vereinbarungen treffen, bleiben die Tusk-Fürsprecher schuldig.

Tusk kenne eben die Rangordnung, hege keine Illusionen, wer in Wirklichkeit die EU regiere und ihre Auβenpolitik gestalte, lautet ein weiteres Argument. Wie denn das? Ist Tusk plötzlich nicht mehr der „Präsident“, der „König Europas“, der er noch im September 2014 angeblich gewesen ist?

Der osteuropäische Musterschüler

In Ernst Hemingways berühmter Novelle müht sich der alte Mann sehr lange damit ab, den Fisch ins Boot zu bekommen, und als er ihn endlich dort hat, sieht er ein von anderen Fischen abgenagtes Skelett. Tusk ergeht es nicht anders, nur, dass ihm das nichts ausmacht.

Die Wahl ins EU-Amt war die Krönung seiner langjährigen Träume von einer groβen europäischen Karriere. Den Anlauf, den er dazu benötigte, war verhältnismäβig kurz und leicht.

Die polnische "Bild-Zeitung"-Ausgabe. Groβer Erfolg Donald Tusks! Der wichtigste Mann in Europa. Wird er Polen helfen? Ab Dezember wird es bei den Sitzungen des Europäischen Rates zwei polen geben (mit Ministerpräsidentin Kopacz).
Tusk-Jubel 5. „Fakt“, die polnische „Bild-Zeitung“: „Groβer Erfolg Donald Tusks! Der wichtigste Mann in Europa. Wird er Polen helfen? Ab Dezember wird es bei den Sitzungen des Europäischen Rates zwei Polen geben (mit Ministerpräsidentin Kopacz).

In Deutschland hat man im Herbst 2005 geradezu hysterisch auf den Sieg der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), sowohl in den Präsidentschafts- wie auch in den Parlamentswahlen reagiert. Jeder, der die „schrecklichen“ Zwillingsbrüder Lech (Staatspräsident) und Jarosław (Ministerpräsident) Kaczyński entmachtete, und ihre selbstbewuβte und eigensinnige Europa- und Russlandpolitik zu Fall brachte, konnte auf die Dankbarkeit Angela Merkels zählen.

Tusk, der es geschafft hatte, im Herbst 2007, bei vorgezogenen Parlamentswahlen, die Regierung von Jarosław-Kaczyński abzulösen und dessen Bruder Lech auf dem Posten des Staatspräsidenten zunehmend zu isolieren, bis der am 10. April 2010 in der Smolensk-Flugzeugkatastrophe ums Leben kam, war Frau Merkel von Anfang an sympathisch. Umso mehr, als er gerne bereit war einzugestehen, dass für alle polnisch-deutschen Konflikte und Irritationen der Jahre 2005 bis 2007 allein sein Land, Polen die Schuld trug.

Deutsche "Bild-Zeitung" ausgabe. Tusk verglichen mit einem kleinen Ganoven, der dem Mafioso Vito Corleone die Hand küsst.
Deutsche „Bild-Zeitung“ online.. Tusk verglichen mit einem kleinen Ganoven, der im Film „Der Pate“ Mafioso Vito Corleone die Hand küsst.

Genauso verfuhr Tusk im Verhältnis zu Moskau, doch erwies sich der von ihm umgarnte Partner Wladimir Putin weit weniger loyal. Putin nahm Tusks Huldigungen und Zugeständnisse (u.a. die vollständige Übertragung der Untersuchungen des Flugzeugabsturzes von Smolensk an die Russen) gerne entgegen, und vertröstete ihn mit vagen Versprechungen, die er nicht einzulösen gedachte.

Tusk schlüpfte derweil gekonnt in die Rolle des osteuropäischen EU-Musterschülers. Zu Höherem geweiht wurde er 2010 in Aachen, bei der Verleihung des Karlspreises. Die Laudatio zu seinen Ehren hielt Angela Merkel persönlich. Der Lissabonner Vertrag, der die gescheiterte EU-Verfassung ersetzte und im Dezember 2009 in Kraft trat, hat jedoch Tusks heutiges Amt deutlich geschwächt.

Brav sein ist alles

Für den Vorsitzenden der EU-Kommission (heute Jean-Claude Juncker) wurde eine fünfjährige Amtsperiode beibehalten. Dem in seiner Art neu geschaffenen Amt des EU-Ratspräsidenten (heute Tusk) wurde jedoch nur eine zweieinhalbjährige Amtsperiode zugebilligt, mit der Möglichkeit sie einmal zu verlängern. Je kürzer aber die Amtsperiode, umso schwächer die politische Position des jeweiligen Amtsinhabers.

Tusk hat das nicht gestört, seine Entschlossenheit EU-Karriere zu machen nicht gemindert. Den Absprung nach Brüssel betrachtete er als die beste Rettung vor den wachsenden politischen Schwierigkeiten in Polen, und als ein Heilmittel gegen seine Amtsmüdigkeit als Ministerpräsident. Er hat lange Zeit falsche Fährten gelegt, behauptet er denke gar nicht daran nach Brüssel zu gehen, weil er zu Hause noch viel zu tun habe. Insgeheim lernte er intensiv Englisch, bekam von Frau Merkel fortlaufend diskrete Ratschläge und Anweisungen, was er zu tun und zu lassen habe, um seine Chancen nicht zu gefährden.

Tusk ist heute 58 Jahre alt. Sein Plan: fünf Jahre lang, bis Ende 2019, in Brüssel ausharren. Im Frühjahr 2020, noch vom Glorienschein des ehemaligen „Präsidenten Europas“ umgeben, die Wahlen gewinnen und polnischer Staatspräsident werden.

Dazu bedarf es aber Mitte 2017 unbedingt einer Verlängerung der Amtsperiode um 2,5 Jahre. Frau Merkels Wort wird dabei, wie bei der Ernennung im Sommer 2014, das gröβte Gewicht haben. Brav sein, der politischen Ziehmutter keine Schwierigkeiten machen, keine kesse Lippe riskieren, das sind für Donald Tusk die Schlüssel zum eigenen Wohlergehen. Die ersten einhundert Tage seiner Amtsperiode haben gezeigt, dass er diese Taktik ganz und gar beherzigt hat.

Die Frage nach dem EU-Gemeinwohl, nach konstruktiven Zielen, die es zu erreichen gilt, stellt sich für Tusk nicht. Ernsthafte Überlegungen zu den Problemen Europas? Fehlanzeige.

Macht war für Tusk immer nur ein Selbstzweck und sie durfte den Rotwein- und Zigarrengenieβer nicht zu sehr belasten. Der Ministerpräsident verlieβ Warschau für gewöhnlich am Donnerstagnachmittag an Bord einer Maschine in Richtung Sopot/ Zoppot, wo er ein Haus hat, und er erschien nicht vor Montagnachmittag wieder im Dienst. Diesen Rhythmus versucht er so gut es geht auch in Brüssel beizubehalten.

Wie es um sein EU-Amt bestellt sein würde, konnte man derweil schon im Juni 2014 absehen. Aus Anlass des 70. Jahrestages der alliierten Landung in der Normandie, hatten Merkel und Frankreichs Staatspräsident Hollande beschlossen sich mit Putin und dem ukrainischen Ministerpräsidenten in Deauville zu treffen. Der damalige EU-Ratspräsident (Van Rompuy) und die EU-Chefdiplomatin (Frau Ashton) wurden nicht dazu geladen.

Schnell zur Sache

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde klar, wer in der EU die Entscheidungen fällt. Niemand stellte laut die Frage, wozu eigentlich die EU die beiden neuen Ämter geschaffen hat. Eine ehrliche Antwort lautet bis dato: zur Dekoration.

Noch zur Zeit des Tusk-Vorgängers, Herman Van Rompuys, haben sich Deutschland und Frankreich immerhin bemüht, den von ihnen erzwungenen Lösungen einen europäischen Anstrich zu geben. Inzwischen hat das keine Bedeutung mehr. Vor allem deutsche Politiker sind es müde um den heiβen Brei herumzureden. Man möchte schnell zur Sache kommen, und EU-Ratspräsident Tusk spurt.

Tusk dzwoneczek foto

Amersten abend des zweitägigen EU-Gipfels, es war der 19. März 2015, rief er, wie befohlen, einen Mini-Gipfel zum Thema Griechenland ein. Teilnehmer waren: Frau Merkel, François Hollande, Ministerpräsident Tsipras sowie Vertreter der wichtigsten EU-Finanzinstitutionen.

Da konnte der belgische Regierungschef Charles Michel vor der geschlossenen Tür noch so laut toben und Tusk beschimpfen: „Was sind das für Ideen? Weder Deutschland, noch Frankreich haben ein Mandat, um Belgien zu vertreten. Wollen Sie die Union in wichtige und weniger wichtige Länder spalten?“

Da konnte der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann Tusk darauf hinweisen, dass er wenigstens den Vorsitzenden des EU-Paralaments Martin Schulz hätte dazu einladen sollen. Tusk begnügte sich mit einer 47-sekündigen Erklärung in „holprigem“ (so die Presseagentur AP), schwer verständlichem Englisch darüber, was hinter geschlossenen Türen zu Griechenland gesagt wurde.

Sehr bezeichnend war auch der Besuch des „Präsidenten Europas“ bei US-Präsident Obama in Washington am 9. März 2015. Irgendeine eigene Aussage, eine Idee Tusks zum geplanten Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa, zu den wichtigsten Problemen der Weltpolitik? Fehlanzeige. Stattdessen Smalltalk, Shakehands, gemeinsames Foto, aber keine, wie sonst üblich, gemeinsame Pressekonferenz mit Obama. Keine Erwähnung des Besuches in einem der wichtigen amerikanischen TV-Sender, kein Kommentar oder Artikel in der „New York Times“ (dort erschien ein Tusk-Interview vor dem Besuch), in der „Washington Post“, im „Wall Street Journal“.

Kein Ansehen, keine Macht

Die Show wurde Tusk zudem von Peter Wittig gestohlen, dem deutschen Botschafter in Washington, der ausgerechnet am Tag des Washington-Besuches von Tusk das Medieninteresse auf sich zog, als er öffentlich enthüllte, unter welchen Umständen sich Obama entschlossen hatte, keine „todbringenden Verteidigungswaffen“ in die Ukraine zu liefern. Die Entscheidung war, so Wittig, auf Betreiben Deutschlands beim Merkel-Besuch im Weiβen Haus am 9. Februar 2015 gefallen. Der deutsche Botschafter machte damit der amerikanischen Öffentlichkeit auf einen Schlag klar, wer in der EU die Politik macht und wer nur repräsentiert.

„Undurchsichtig, unsichtbar, nebulös, stammelnd“, so umschrieben ausländische Korrespondenten in Brüssel Tusks Wirken, als polnische Medien sie nach ihrer Einschätzung der ersten einhundert Tage des neuen EU-Ratspräsidenten fragten. Viel mehr fiel den Brüsseler Journalisten zu Tusk nicht ein.

„Viel Ansehen, keine Macht“, so umschreiben EU-Kenner die Funktion des EU-Ratspräsidenten. Der EU-Rat, das sind die Gipfeltreffen der Regierungschefs der EU-Staaten, die einige Male im Jahr stattfinden, bei denen manchmal wichtige Entscheidungen getroffen werden. Der EU-Ratspräsident soll sie vorbereiten und ihren Verlauf überwachen, mitunter vermitteln.

Tusks Vorgänger Van Rompuy, der flieβend Englisch und Französisch (letzteres beherrscht Tusk überhaupt nicht) sprach, viel Diplomatie- und Verwaltungserfahrung hatte, hat diese Aufgabe zuverlässig und geschickt gemeistert. Sein Nachfolger hat diese Erfahrung und Routine nicht. Aber er braucht sie auch nicht zu haben. Hauptsache Frau Merkel ist mit seinen Handreichungen zufrieden. Nur das zählt.

@ RdP




2015 polnische Missionare

Auf allen Kontinenten.

Den im April 2015 veröffentlichten Angaben der Polnischen Bischofskonferenz zufolge, arbeiten Missionare und Missionarinnen aus Polen in 97 Ländern der Welt, darunter: 828 in Afrika, wovon die meisten in Kamerun – 125, Zambia – 77, auf Madagaskar – 58 und in Tansania – 65; 786 in Mittel- und Südamerika, wovon die meisten in Brasilien – 260, Bolivien – 119, Argentinien – 121 und Peru – 63; 314 in Asien und Vorderasien, wovon die meisten in Kasachstan – 108, Israel – 53, Japan – 29, auf den Philippinen – 29 und in Usbekistan – 17; 70 in Ozeanien, wovon die meisten in Papua-Neuguinea – 66 und 17 in Nordamerika. Unter den insgesamt 2015 polnischen Missionaren gibt es 1023 Mönche (von denen 18 Bischöfe sind), 640 Nonnen, 302 Diözesanpriester und 50 Laien. Männerorden, die die meisten Missionare entsandt haben: die Verbisten – 209, die Franziskaner-Konventualen – 90, die Franziskaner – 75, die Salesianer – 74 und die Pallottiner – 72. Die meisten Missionarinnen haben die Franziskanerinnen Missionarinnen Marias – 54, die Dienerinnen des Heiligen Geistes – 50 und die Schwestern von der Heiligen Elisabeth – 42 in die Welt geschickt. Unter den Diözesanpriestern kommen die meisten aus den Diözesen: Przemyśl- 18, Katowice – 14, Kraków – 14 und Lublin – 14. Das Durchschnittsalter aller polnischen Missionare und Missionarinnen beträgt 46 Jahre.

©RdP




Polnische Reisepässe – weniger Einlässe

Polen benötigen mehr Visa als Deutsche.

Fast die ganze Welt steht offen vor den Briten, Finnen und Schweden. Ohne Visa können sie in 173 Staaten einreisen. An zweiter Stelle befinden sich US-Amerikaner, Dänen, Deutsche und Luxemburger, die eine visafreie Einreise in 172 Staaten haben. Platz drei nehmen Belgier, Holländer und Italiener ein – 171.
Für die Polen besteht kein Visumzwang in 153 Ländern, was sie auf Rang 13. der Aufstellung platziert. Das geht aus einem Bericht des polnischen Auβenministeriums hervor.

Ein ungarischer Pass öffnet sofort die Türen zu 157 Staaten. Pässe aus Tschechien, der Slowakei und Slowenien gewähren uneingeschränkten Einlass in 155 Länder. Dicht hinter Polen befinden sich Estland, Hongkong und Lettland – 152.

Am schwierigsten haben es die Afghanen, die ohne Visum nur in 28 Staaten der Welt einreisen dürfen, die Iraker – in 31, Pakistani und Somalier – in 32.

Am empfindlichsten trifft die Polen die Tatsache, dass sie sich, als letzte EU-Bürger neben den Rumänen und den Bulgaren, immer noch den umständlichen und sehr teuren US-amerikanischen Einreisevisa-Prozeduren in Polen unterziehen müssen. Die Zahl der Polen, die ihren Aufenthalt in den USA eigenmächtig verlängern und/oder unerlaubterweise arbeiten, sinke zwar kontinuierlich, liege aber immer noch über den festgelegten Grenzen. Aus diesem Grund, so amerikanische Stellen, sei es noch zu früh für die Aufhebung des Visumszwangs für polnische Bürger. US-Amerikaner können seit 1992 ohne Visum nach Polen reisen.

@ RdP




Kapital adieu

In Polen verdient, nach Hause mitgenommen.

Ausländische Banken, Versicherungen, Logistikunternehmen, Telekommunikationsfirmen, Discounterketten verdienen in Polen prächtig. Die Gewinne wandern jedoch zumeist ab in ihre Heimatländer und Stammhäuser. Die Wochenzeitung „Niedziela“ („Der Sonntag“) vom 3. Januar 2015 widmete dem unverändert aktuellen Problem einen kurzen, bündigen und sehr eindeutigen Artikel.

Seit Beginn der Transformation 1989 gelangte ausländisches Kapital in Höhe von 444 Mrd. Euro nach Polen, schreibt die Zeitschrift. Gleichzeitig verlieβ polnisches Kapital in einer Höhe von 94 Mrd. Euro das Land. Per Saldo entstand somit ein Überhang an ausländischem Kapital von 350 Mrd. Euro. Das entspricht dem Gegenwert des polnischen Bruttosozialprodukts (BSP) eines Jahres.

Das ausländische Geld wurde vor allem in die industrielle Fabrikation, sowie in das Banken- und Versicherungswesen investiert. Besonders schmerzhaft dabei war der Ausverkauf der prosperierenden polnischen Banken.

Haben wir diese groβe Kapitalspritze gut genutzt? Erhebliche Zweifel sind angebracht, angesichts eines eher moderaten Wirtschaftswachstums (meistens um die 3% p.a. – Anm. RdP), einer groβen Arbeitslosigkeit (meistens nicht unter 10% – Anm. RdP) , einer gigantischen Arbeitsemigration (gut 2 Mio. Menschen, die dauerhaft das Land seit 1990 verlassen haben – Anm. RdP), immer weiter auseinanderklaffen der Einkommensunterschiede, einer fortschreitenden sozialen Ausgrenzung groβer Bevölkerungsgruppen und eines bleibenden Innovationsrückstandes. (…)

Ausländische Investitionen werfen, das ist klar, Gewinne an Ausländer ab. Bei Direktinvestitionen sind das die Dividenden. Im Falle von Wertpapieren und Krediten sind es die anfallenden Zinsen. Im Jahr 2014 betrugen die Abflüsse aus allen ausländischen Investitionen in Polen 18,2 Mrd. Euro. Soviel haben bei uns die westlichen Investoren in nur zwölf Monaten verdient. Im Jahre 2006 betrug dieser Negativsaldo für die polnische Wirtschaft 11,5 Mrd. Euro. In sieben Jahren stieg er somit um sage und schreibe 58% an. Das ist ein beunruhigendes Tempo. Die Folge: das Volkseinkommen, das es in Polen selbst zu verteilen gilt, ist um 4% kleiner als das (in Polen durch In- und Ausländer erwirtschaftete – Anm. RdP) Bruttoinlandsprodukt (BIP). (…)

Wir haben es also nicht geschafft das Fremdkapital für ein dynamisches Wachstum des BIP zu nutzen. Anders war es in den westeuropäischen Ländern, die dank des Marshall Plans ein hohes Wirtschaftswachstum erlebt haben.

Bei uns haben die ausländischen Direktinvestitionen nicht die erwarteten Ergebnisse gebracht, und dass obwohl ausländische Firmen einen 45-prozentigen Nachlass in der Körperschaftssteuer und staatliche Subventionen in den Sonderwirtschaftszonen nutzen konnten. Ausländische Arbeitgeber profitierten auch durch die niedrigen polnischen Löhne. (…)

Im Jahr 2013 verzeichneten die ausländischen Firmen einen Reingewinn von 11,8 Mrd. Euro. Ein ausländisches Unternehmen kann seine Gewinne wieder in Polen investieren oder sie auβer Landes bringen. Das erste wäre ein Grund zur Freude, denn man kann davon ausgehen, dass das Geld dem Land zugutekommt. Doch die Ausländer haben auch das Recht die Gewinne zu transferieren. Der Preis für den Beitritt (1996 – Anm. RdP) zur Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) war die völlige Liberalisierung des Kapitaltransfers.

Polen hat keine Möglichkeit den Transfer von Gewinnen ausländischer Investoren zu beschränken, und diese bevorzugen die Gewinnausfuhr. 2013 haben sie 7,8 Mrd. Euro Gewinne aus Direktinvestitionen ins Ausland überwiesen. Tendenz steigend, was nicht gerade als ein Vertrauensbeweis für wirtschaftlichen Perspektiven unseres Landes gewertet werden kann. (…) Das meiste Geld floss nach Deutschland, Holland und Luxemburg. (…)

Der Zufluss ausländischer Investitionen hat Polen nicht das erhoffte Wirtschaftswunder gebracht. (…) Gebracht hat es dafür den Effekt des sich entfernenden Leuchtens am Horizont. Je mehr ausländisches Kapital hereinströmt, umso gröβer die Abwanderung der Gewinne ohne dass sich die ökonomische Situation spürbar verbessert. Wir können nur hoffen, dass wir nicht in den endlosen Kreislauf eines eher bescheidenen Wachstums geraten, wie das vielen Ländern Afrikas und Südamerikas widerfahren ist.

RdP




DAS WICHTIGSTE AUS POLEN 29. MÄRZ – 4. APRIL 2015

Kommentator Janusz Tycner und Joachim Ciecierski gehen auf die wichtigsten Ereignisse der Woche in Polen ein: Gerichtsurteil gefährdet Meinungsfreiheit. Wahlkampfthemen und Wahlkampfstil der beiden wichtigsten Anwärter auf das Amt des Staatspräsidenten im Mai 2015: Bronislaw Komorowski und Andrzej Duda. Euro wird wichtigstes Wahlkampfthema. Reibungslose Durchführung der Präsidentschaftswahlen in Frage gestellt. 




Verfechter des Nachgebens

Deutsche „Russlandversteher“ mit polnischen Augen gesehen.

Unter der Überschrift „Verfechter des Nachgebens“ kommentiert der angesehene sicherheitspolitische Analytiker Przemysław Żurawski vel Grajewski den Aufruf von 65 deutschen Intellektuellen (u.a. Mario Adorf, Luitpold Prinz von Bayern, Roman Herzog, Otto Schily, Gerhard Schröder, Horst Teltschik) vom 4. Dezember 2014 zum Dialog mit Russland. „Dieser Aufruf“, schreibt Grajewski in der Tageszeitung „Gazeta Polska Codziennie“ („Die Polnische Zeitung Täglich“) vom 9. Dezember 2014, „strotz nur so von Entstellungen und falschen Behauptungen“.

Der Text, mit dem er scharf ins Gericht geht, hat folgenden Wortlaut

Eine prägnante Einschätzung der „Gattung“ deutscher „Russlandversteher“ gab aus diesem Anlass der ZEIT-Herausgeber Josef Joffe

Die polnische Einschätzung liest sich, nach dem Grajewski die wichtigsten Thesen des Aufrufs wiedergegeben hat, so:

Przemysław Zurawski vel Grajewski
Przemysław Zurawski vel Grajewski

„(…) Der Aufruf der 65 legt kein gutes Zeugnis über die intellektuelle Verfassung der deutschen Elite ab. Die Vielzahl der Verzerrungen, in einem von solch namhaften Leuten signierten Text, spottet jeder Beschreibung. Jedenfalls entsprechen die Behauptungen der Unterzeichner nicht der Wahrheit in Bezug auf Ereignisse und Entscheidungen, die vor noch gar nicht langer Zeit stattgefunden haben oder stattgefunden haben sollen. (…)

Eine falsche Auslegung der Wirklichkeit

Zwischen 1989 und 2004 haben die einst von den Sowjets in den Jahren 1939 – 1945 unterjochten Völker Mitteleuropas ihre Freiheit wiedergewonnen“, schreibt Grajewski und bemerkt, dass durch die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs Hitler Stalin und die Sowjets nach Mittteleuropa geholt hat. Deswegen seien die Deutschen „das letzte Volk, das ein moralisches Recht habe zu bedauern, dass diese Völker die Ergebnisse der einstigen deutschen Politik rückgängig gemacht haben. (…)

Die Triebfeder für die Nato- und die EU-Osterweiterung lag in Mitteleuropa, nicht in Brüssel, Berlin oder Washington. Wir haben die Nato und die EU zu überzeugen versucht, dass sie uns aufnehmen sollen, und nicht umgekehrt. Es war unser politischer Wille, der sich letztendlich durchgesetzt hat. (…) Immer noch fällt es aber manchen an deutschen Universitäten ausgebildeten Intellektuellen und Politikern schwer zu verstehen, dass es zwischen Deutschland und Russland jemanden gibt, der seine eigenen Interessen, seinen politischen Willen und ein eigenes Handlungspotential hat.

Sie sind offensichtlich nicht fähig eine Wechselbeziehung zu verstehen und aus ihr Schlüsse zu ziehen“, schreibt Grajewski und erläutert, dass die Vormachtstellung Russlands in Europa als Folge des endgültigen Untergangs der polnischen Adelsrepublik nach der dritten Teilung Polens 1795 entstand. Es ist also nur allzu verständlich, dass, so lange es unabhängige Staaten auf dem Gebiet des ehemaligen Russisch-Polens gibt, eine solche Position russischer Vormacht nicht haltbar sei. „Wer diese Position anerkennt und unterstützt, arbeitet gegen die Interessen der Völker dieser Staaten (…) Wenn die Ukraine die russische Einflusszone verlässt, dann untergräbt das die Position Moskaus in Europa. Diese beiden Angelegenheiten sind miteinander nicht vereinbar: die Unabhängigkeit der Ukraine (Polens, der baltischen Staaten und Weiβrusslands) mit der Vormachtstellung Russlands auf unserem Kontinent.

Ein Deutschland, so Grajewski weiter, das die russischen Ambitionen unterstützt, würde sich in einen offenen Gegner unserer Freiheit verwandeln, und so sollte es behandelt werden. Die Deutschen Intellektuellen sollten ihre Regierung davor warnen, und nicht dazu ermuntern.

Eine falsche Auslegung der Tatsachen

Die Unterzeichner irren hinsichtlich der Tatsachen. (…) Es stimmt nämlich nicht, dass der Westen nicht für eine „Vertiefung der Zusammenarbeit mit Moskau“ gesorgt hätte. Schon im November 1993 haben Staatspräsident Boris Jelzin, der Europäische Rat und die Europäische Kommission angekündigt ein System regelmäβiger Konsultationen zwischen Russland und der EU zu schaffen. 1994 wurde ein »Partnerschafts- und Kooperationsabkommen« (PKA) unterzeichnet. Das war der Beginn des Aufbaus eines strukturellen Dialoges zwischen Moskau und Brüssel. Die damals geschaffene Struktur umfasste:

● die Russland-EU-Gipfeltreffen, die seit 1998 jedes halbe Jahr einberufen wurden;
● einen Partnerschaftsrat, der einmal im Jahr unter Teilnahme des russischen und aller EU-Auβenminister tagte. 2003, auf dem EU-Russland-Gipfel in Rom, wurde er in einen Ständigen Partnerschaftsrat umgewandelt. Seine erste Tagung fand im April 2004 statt;
● einen EU-Russland Kooperationsausschuss, der nach Bedarf (seit April 1998 praktisch einmal im Jahr) auf der Ebene höherer Beamter tagt und die Treffen des Ständigen Partnerschaftsrates vorbereitet, in dem er u. a. Unterausschüsse und Arbeitsgruppen zur Lösung konkreter Fragen einsetzt;
● einen parlamentarischen Kooperationsausschuss EU-Russland, bestehend aus Mitgliedern des Europäischen Parlaments und der Duma. Seine erste Sitzung fand vom 1. bis 3. Dezember 1997 statt.

Eine solch ausgebaute Dialogstruktur hat die EU mit keinem anderen Land der Welt. Unter den einstigen Nachfolgestaaten der Sowjetunion bekam Russland zudem die gröβte EU-Finanzhilfe in den 90er Jahren“, stellt Grajewski fest, und schreibt weiter:

„Ähnlich verhielt sich die Nato. 1994 rief die Allianz die »Partnerschaft für den Frieden« ins Leben, an der auch Russland teilnahm.1997 wurde ein ständiger Nato-Russland-Rat ins Leben gerufen. 2002 verlieh man ihm eine neue, für Russland bequemere Struktur: anstatt »19+1« (also die 19 Nato-Staaten plus Russland) waren es nun »20«, d. h. Moskau beteiligte sich ab jetzt an der Diskussion, noch bevor die Nato-Staaten eine gemeinsame Position in einer Angelegenheit ausgearbeitet haben“.

Die Unterzeichner des Aufrufs der 65, so Grajewski, entstellen die Tatsachen auch, wenn sie schreiben: „Jeder außenpolitisch versierte Journalist wird die Furcht der Russen verstehen, seit NATO-Mitglieder 2008 Georgien und die Ukraine einluden, Mitglieder im Bündnis zu werden“. In Wirklichkeit, erinnert Grajewski, „wurde der Heranführungsplan (Membership-Action-Plan, MAP) für die Ukraine und Georgien auf dem Nato-Gipfeltreffen in Bukarest im April 2008 zwar diskutiert, aber wegen des Widerstandes Deutschlands und Frankreichs den beiden Staaten nie unterbreitet, was Russland zum Angriff auf Georgien im August 2008 ermunterte. (…)

Im Jahr 1996 wurde Russland in den Europarat aufgenommen, trotz massenhafter Verletzungen der Menschenrechte in Tschetschenien. 1997 wurde Russland Mitglied der G7, die somit zur G8 erweitert wurde. 2012 wurde Russland Mitglied in der Welthandelsorganisation (WTO). Es ist Mitglied vieler kleinerer Organisationen, wie z. B. des Rates der Ostseestaaten.

Russland will keine Zusammenarbeit

(…) Die Moskau zur Verfügung gestellten Foren der Zusammenarbeit dienten jedoch ausschlieβlich der Förderung russischer Interessen. Wenn man Russland aufforderte, es solle die Regeln der mitunterzeichneten Verträge befolgen, bezichtigte Russland den Westen der Einmischung in innere Angelegenheiten oder der Verletzung russischer Einflusszonen“, fasst Grajewski zusammen und gelangt zu dem Fazit:

„Die Deutschen sind nicht fähig zu einer politischen Konfrontation mit Russland wenn es um die Interessen Mitteleuropas geht. Umgekehrt, sie würden gerne mit unseren Interessen bezahlen um ihre Ruhe zu haben. Die von Berlin dominierte EU „präzisierte“ gerade (wie das polnische Auβenministerium es formulierte) Sanktionen, mit denen die russische Ölbranche und die russischen Banken belegt wurden. Russland darf wieder lang- und mittelfristige Kredite in der EU aufnehmen. Es darf auch wieder neue Fördertechnologien kaufen. Zum Glück sind es nicht die EU-Sanktionen, die Russland in die Knie zwingen, sondern es ist der Druck der USA, Kanadas, Australiens, Groβbritanniens und der reichen arabischen Staaten. Putin hat Barack Obama in Syrien der Lächerlichkeit preisgegeben und beendete den von Obama verkündeten »Reset« in den Beziehungen zu Russland. Er hat viele Australier in dem über der Ukraine abgeschossenen malaysischen Verkehrsflugzeug ermordet. Er hat die in Kanada sehr einflussreiche ukrainische Diaspora gegen sich aufgebracht. Er hat sich die Saudis zu Feinden gemacht, in dem er sich auf die Seite des syrischen Diktators Baschar al-Assad stellte. Jetzt zahlt er dafür und er wird verlieren, egal was die deutschen »Intellektuellen« denken.“

RdP




Ostern in Polen

Das Fest wird noch immer von der Auferstehung Christi beherrscht, nicht vom Osterhasen.

Egal ob streng oder nur „lau“ katholisch, wichtig für die meisten Polen sind an Ostern allein der Leidensweg und die Auferstehung Christi, die überlieferten Bräuche, die Familie und die sich unter den Speisen biegenden Tische.

Die Karwoche

Von der abendlichen Messe am Gründonnerstag bis zur Ostervigil in der Nacht vom Karsamstag zum Ostersonntag schweigen die Kirchenglocken. Die Kerzen sind gelöscht, die Tabernakel leer, die Kruzifixe verhüllt. In den brechend vollen Kirchen gedenken die Menschen dem Triduum sacrum Paschale (poln. triduum paschalne), den „österlichen heiligen drei Tagen“, an denen Christus gefangengenommen, das Martyrium des Kreuzweges, der Kreuzigung, den Tod über sich ergehen lieβ und die Auferstehung feierte.

Es ist eine Zeit der Dunkelheit und Trauer, die ihren Höhepunkt am Karfreitag findet, der in Polen, anders als in Deutschland, kein gesetzlicher Feiertag ist. In vielen Wohnungen sind die Spiegel verhängt, es wird gefastet.

Der Ostersonnabend vergeht mit Festvorbereitungen in den Familien, es wird gekocht und gebacken. Wer kleine Kinder hat, geht mit ihnen die Christusgräber in den umliegenden Kirchen besuchen. Es müssen auch die Osterkörbe gerichtet werden, damit sie in der Kirche geweiht werden können: ein bunt gefärbtes Ei, etwas Wurst, Salz, Pfeffer, Meerrettich, rote Beete, ein kleines Stück Kuchen, drapiert auf weißem Leinen und mit Weidenkätzchen geschmückt.

Ostersonntag

Es gibt auch nicht das geringste Anzeichen dafür, dass die Polen davon ablassen könnten, ganz früh am Ostermorgen, oder schon in der Osternacht ihre Pfarrkirchen zu den Auferstehungsandachten (rezurekcja genannt) bis zum Bersten zu füllen. Als Symbol einer ohne das Licht des Glaubens düsteren Welt beginnen sie in völliger Dunkelheit. Bald bricht das Osterfeuer die Finsternis, immer mehr Lichter werden an der Osterkerze entzündet, die durch die Kirche getragen wird. Frohe Gesänge, mit allen Registern aufbrausender Orgelklang, Glockenläuten und Böllerkrachen künden von der Freude der Auferstehung Christi. Dreimal zieht eine Freudenprozession um die Kirche.

Endlich ist die Fastenzeit vorbei, alles eilt nach Hause zum großen Osterfrühstück. Bevor man sich an den Tisch setzt nimmt jedes Familienmitglied von den gesegneten, geteilten Eiern. Jeder geht auf jeden zu, man umarmt sich, spricht Glück- und Segenswünsche aus, teilt sich jedes Mal ein Stückchen vom Ei, wie zu Weihnachten die geweihten Oblaten, mit demjenigen dem man gratuliert.

Frühstück ist nur ein Tarnname für das was nun folgt. Wie bei allen Familienfeiern in Polen biegen sich die Tische. Eine Fülle kalter Speisen werden zur traditionellen Ostertafel gereicht: verschiedene Wurst- und Fleischsorten, Schinken, das Osterbrot mit dem Kreuz, das entweder gebackene oder aus Zucker gefertigte Lamm, rote Beete und Meerrettich, die klassische Sauermehlsuppe „żurek wielkanocny“ und natürlich die speziellen Kuchensorten: babka (ein Hefekuchen), sernik (Käsekuchen), makowiec (Mohnkuchen) und mazurek, dessen Beschreibung den Rahmen dieses Textes sprengen würde, so dass wir Sie lieber gleich weiter an die Quelle des Wissens verweisen wollen.

Ostermontag – śmigus dyngus, der Tag des Wassers

Am Ostermontag ist es vorbei mit der Feierlichkeit. Zum Spaziergang sollte man entweder wachsam um sich schauen und gut zu Fuß sein, oder selbst bei Sonnenschein regenfeste Kleidung tragen. Es ist „śmigus dyngus“, der Tag des Wassergießens, jeder der vorbei kommt, wird vor allem von jungen Leuten erbarmungslos mit Wasserpistolen, Wasserbeuteln, Schöpfkellen voll Wasser und sogar ganzen Eimern voll Wasser traktiert. Es ist der Tag mit dem höchsten Wasserverbrauch im ganzen Jahr.

Dieser Brauch hat sehr alte Wurzeln, er stammt aus dem Jahre 966, als der polnische Herrscher Mieszko I. am Ostemontag getauft und Polen damit zum Christentum bekehrt wurde.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen, wie man in Polen sagt, „Wesołego Alleuja“ – „Ein fröhliches Halleluja“.

Lesenswert auch: „Nix frei. An Karfreitag arbeiten die Polen“.

@ RdP




Ein Priester kauft Windeln

Der Szczeciner Pfarrer Tomasz Kancelarczyk hat Hunderte von Leben gerettet.

(…) Mein erster Fall, das war eine Abiturientin aus gutem Hause, sehr in die Gemeindearbeit eingebunden. Über ihre Schwangerschaft hat sie niemandem etwas erzählt. Sie hatte auch schon einen Termin für den Eingriff. Ihre beste Freundin kam damit zu mir, und ich, naiv wie ich war, und meiner seelsorgerischen Überzeugungsfähigkeiten völlig gewiss, wurde eines Besseren belehrt.

Das Mädchen hörte sich an, was ich zu sagen hatte, und erklärte mir dann geradeheraus, dass sie das Kind niemals gebären werde. Sie war sich da hundertprozentig sicher. Meine Beteuerungen, sie werde Hilfe bekommen, das Kind sei doch kein Hindernis beim Studium und im weiteren Leben, trafen auf taube Ohren. Wir hatten einige Gespräche. Nichts half. Ich hab‘s dann aufgegeben. Was kann ein Priester da noch ausrichten? Das Kind wird er ganz bestimmt nicht austragen können.

Einige Tage später, ich stand vor dem Altar, überkam mich mit unglaublicher Wucht der Gedanke, wenn ich nicht alles tue. was in meiner Macht steht, um diese Abtreibung zu verhindern, dann bin ich ein Feigling und werde dem Mädchen das Leben ruinieren.

Dem Mädchen?

Sie müsste mit der Gewissheit leben, ihr Kind umgebracht zu haben. Das war eine kluge, empfindsame junge Frau. Es galt ihr Kind und sie selbst zu retten. Das Trauma nach einer Abtreibung ist keine Erfindung devoter Frömmlerinnen. Das ist ein schrecklicher Zustand der Depression, des Hasses, der Ängste, der Schuldgefühle, die viele Frauen überkommt und oft bis an ihr Lebensende nicht mehr loslässt.

Ich bin noch einmal zu ihr gefahren und habe alles auf eine Karte gesetzt. „Ich werde es nicht zulassen. Ich fahre jetzt zu Deinen Eltern. Du wirst es nicht tun“. Dann passierte etwas schreckliches. Ihr schönes Gesicht entstellte sich zu einer hasserfüllten Fratze. Ich bekam Angst. Wir sind mit Krach auseinandergegangen.

Ich verspürte einen tiefen Schmerz darüber, dass das Kind umgebracht wird. Ich war in einen Kampf auf Leben und Tod verwickelt. Verzweifelt habe ich mich ans Telefon gesetzt und alle Orden, die ich kannte angerufen, mit der Bitte um Gebete für die Rettung des Kindes. Auch ich habe innbrünstig gebetet. Eine Woche verging. Es klingelt an der Tür. Ich mache auf, vor mir steht „meine“ Abiturientin. Sie lacht, strahlt vor Glück. „Ich werde gebären“. Das Kind kam auf die Welt, sie hat sich das Leben eingerichtet. Das Kind bedeutet ihr alles, auch ihre Familie ist verrückt nach ihm.

Was muss man tun, um eine Frau und ihr Kind zu retten?

Nach so vielen Jahren weiβ ich, dass man auf drei Ebenen gleichzeitig handeln muss. Wichtig ist, ein konkretes Hilfsangebot zu machen und es umzusetzen. Genauso wichtig ist das Gebet. Zugleich muss man deutlich machen, was in Wirklichkeit eine Abtreibung ist, und welch unschätzbaren Wert das Leben hat.

Haben die „Märsche für das Leben“ einen Sinn?

Ja. Es wird öffentlich ein Zeugnis abgelegt, auf diese Weise werden die Öffentlichkeit, und vor allem die jungen Menschen, geprägt. Doch die Märsche dürfen kein Ziel an sich sein. Die Vereinigung Civitas Christiana hat mich in Szczecin 2006 zum ersten Mal zur Teilnahme eingeladen. Damals habe ich in einer Berufsschule Religion unterrichtet. Meine Schüler waren bei Leibe keine braven Kinder. Dennoch sind wir zusammen hingegangen und trafen auf ein Häuflein trauriger älterer Damen. Die Jungs fühlten sich dabei unwohl, ich übrigens auch (…)

Marsz dla życia foto 2

Marsz dla życia foto 1
Zwanzigtausend Menschen nahmen im Mai 2014 am Szczeciner Marsch für das Leben teil.

Ein Jahr später haben wir die Vorbereitung des Marsches praktisch an uns gerissen, mit viel Phantasie und Energie. Die jungen Leute hatten viele gute Ideen. Es ging fröhlich und bunt zu, es herrschte eine ganz andere Atmosphäre, und es kamen zweitausend Leute! Von Jahr zu Jahr wurden es immer mehr. Im Mai 2014 marschierten schon zwanzigtausend Menschen gemeinsam mit uns. Doch der Marsch, auch wenn die Vorbereitungen wochenlang dauern, ist ein leichtes Unterfangen. Ein Kind zu retten ist viel schwieriger.

Warum?

Man muss starke Nerven haben und oft ein enormes Tempo an den Tag legen. Man wird zu so einer Art Anti-Abtreibungs-Bereitschaftsdienst. Als immer mehr Anrufe kamen, dass wieder einmal eine Frau „ein Problem“ hat und es loswerden will, wurde mir klar, dass ein jeder solcher Alarm irgendwie anders ist, eine andere Vorgehensweise und Hilfestellung verlangt. (…) Manchmal muss man wie ein Priester handeln, manchmal wie ein Psychologe, ein anderes Mal wie die Sozialhilfe, nicht selten wie ein Fuchs.

Fuchs?

Sagen wir: unkonventionell handeln. Ein Problem ist immer: wie komme ich mit dem Mädchen ins Gespräch? Wenn das gelingt, dann haben wir den ersten Anhaltspunkt, und die Chance ein Leben zu retten wächst enorm.

Welche Frauen entscheiden sich für die Abtreibung?

Vor allem fehlt ein positiv eingestellter Mann an ihrer Seite. Entweder war gelegentlicher Sex im Spiel oder ein Mann, mit dem die Frau schon länger zusammenlebt, und der dann plötzlich fragt: bist Du sicher, dass es mein Kind ist? Viele Männer überlassen „groβzügig“ und „modern“ die Entscheidung der Frau: mach was Du willst. In jedem Fall ziehen, das fehlende Sicherheitsgefühl, die Angst, die Wut auf den Mann, die unheilvolle Entscheidung abzutreiben nach sich.

Die Mädchen stammen aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen. Manchmal sind sie ungebildet und arm. Manchmal sind es Frauen in gehobener Stellung mit einem guten Einkommen. Vor nicht langer Zeit bekam ich die Nachricht von einem Mannequin das abtreiben wollte. Klar: Angst vor einem Bruch der Karriere, einer entstellten Figur. Es gelang ihr zu helfen. Sie gebar, wurde wieder schlank. Das Kind ist ihr Ein und Alles. Sie ist wieder zurück auf dem Laufsteg.

Oft sind es Teenager. Blanke Verzweiflung! „Die Eltern werden mich umbringen!“ Gewiss, meistens sind die Eltern wütend, aber das geht schnell vorbei, und als Groβeltern schäumen sie nur so über vor Freude. Die Leute wollen oft die Schwangerschaft nicht, aber das Kind, das Ergebnis dieses Zustandes, macht sie glücklich.

Wie weit reicht Ihr Aktionsradius?

Er erstreckt sich auf ganz Polen. Wenn die Mädchen auβerhalb von Szczecin wohnen, dann setzten wir uns ins Auto und fahren los. Wenn es wirklich am anderen Ende des Landes ist, dann suchen wir nach Mitarbeitern der Bruderschaft der Kleinen Füβe (Bractwo Małych Stópek). Es gibt dreitausend von ihnen im ganzen Land. Das Internet ist ein groβer Segen für die Pro-Life-Bewegung. Es eint die Menschen zugunsten einer guten Sache. Ich kann auch immer auf die Leute von der Gemeinschaft Hauskirche (Wspólnota Kościół Domowy) zählen. Wenn zu einer Frau, die ihr ungeborenes Kind töten will, eine einfühlsame, wohlwollende Person kommt, mit einem konkreten Hilfsangebot, dann ist die Chance groβ, dass die Frau ihre Entscheidung ändert. Ausschlaggebend ist die psychologische Unterstützung, dabei muss es nicht unbedingt ein Diplom-Psychologe sein. Ich sage meinen Mitarbeitern: „Wir alle retten diese Kinder. Auf jede mögliche Weise“.

Was sind das für Organisationen, von denen Sie sprechen?

Ich bin kein Roboter. Es kamen immer mehr schwierige Fälle hinzu, aber ich konnte stets auf die Unterstützung der Vereinigung Civitas Cristiana in Szczecin zählen. Ohne ihre Arbeit, ihr Engagement würden sich meine Möglichkeiten schnell erschöpfen. Dabei gibt es immer mehr Bedarf. Deswegen haben wir die Bruderschaft ins Leben gerufen, die eine Stiftung betreibt. Zur Bruderschaft stoβen Menschen aus dem ganzen Land. Wir sammeln Geld, das den Frauen zu Gute kommt. Wir verteilen auch „Hänschen“ („Jaśki“) – Modelle eines zehnwöchigen Menschen, und silberfarbene kleine Füβe. Auβerdem „betreiben“ wir eine „Gebets-Babyklappe“.

Małe stópki foto

 

Ach so, Nonnen beten und Frauen treiben nicht ab?

Ja, so kann man das sagen. Es passiert, dass wir auf Frauen in der frühen Schwangerschaft treffen, ihnen Angebote unterbreiten, die ihre Probleme lösen und sie dennoch dabei bleiben abzutreiben. Mir ist dann immer schrecklich zumute. Ich weiβ, diese Frau wird gleich den gröβten Fehler ihres Lebens begehen. Sie wird Pillen schlucken und in häuslicher Abgeschiedenheit ein mehrwöchiges totes Kind gebären und seinen Leichnam „entsorgen“. In meiner ganzen Hilflosigkeit schreibe ich E-Mails an Ordensgemeinschaften. Es sind sage und schreibe 83 die uns unterstützen. Alle beten für diese Frau und für gewöhnlich mit Erfolg.

Kleben Sie Plakate mit toten Kindern, Opfern von Abtreibungen?

Nein, aber ich verurteile solche Plakate nicht, weil sie viele Menschen sehr nachdenklich stimmen. Abtreibung ist wahrlich keine „Auflösung eines Kindes im Nebel“.

Ich jedoch habe eine andere Methode gewählt. Wir haben mit der Bruderschaft eine Ausstellung für Gymnasiasten vorbereitet, die eine positive Botschaft vermittelt. Auf einem Plakat ist ein Junge mit einem Ball zu sehen, darunter die Information wann ein Kind im Mutterleib zu treten beginnt. Auf einem anderen ein Mädchen mit einem Kamm und die Mitteilung, wann im Mutterleib die Haare des Kindes zu wachsen beginnen. Die Plakate erläutern, dass ab dem 21. Tag nach der Empfängnis der Mensch bereits ein schlagendes Herz hat, dass er Schmerz empfindet usw.

Die heutige Jugend ist auf vielen Gebieten sehr bewandert, aber über die Entwicklung des Menschen weiβ sie erschreckend wenig. Man muss es ihr beibringen. Wenn man den jungen Leuten zeigt, wie ein Kind im Mutterleib aussieht, wie es wächst, dann wird ihnen niemand mehr einreden können, es handle sich um einen „nicht identifizierbaren Gewebeklumpen“.

Sie sprachen von den „Hänschen“. (…)

Die haben eine enorme Wirkung. Vor einiger Zeit wurde ich ins Fernsehen eingeladen, um über den Schutz des ungeborenen Lebens zu sprechen. Ich habe auch die „Hänschen“ mitgenommen, sie auf den Tisch im Studio gelegt, und sie dort nach dem Ende des Gespräches liegen gelassen. Nach mir sollten Befürworterinnen der Abtreibung diskutieren. Sie wurden geradezu hysterisch als sie die Modelle eines zehn Wochen alten Menschen sahen, forderten, die „Abtreibungsfigürchen“ sofort zu entfernen. Auch die kleinen Füβe verfehlen nicht ihre Wirkung. (…) Wenn wir sagen: „Töte nicht“, dann müssen wir auch vor Augen führen, wen konkret man nicht töten darf.

Pfarrer Kancelarczyk mit einem „Hänschen".
Pfarrer Kancelarczyk mit einem „Hänschen“.

Ist es nicht seltsam, dass man im 21. Jahrhundert nicht wissen kann, wie ein werdender Mensch aussieht?

Aber so ist es. Ich war einmal mit einem Vortrag in einer Schule. Ich habe die „Hänschen“ verteilt, erzählt. Beiläufig sah ich, wie eines der Mädchen das Modell mit zitternden Händen anfasste. Nach der Stunde kam sie heulend zu mir. Sie war in der zehnten Woche schwanger und hatte sich schon für die Abtreibung entschieden. Das Modell hat ihr die Augen geöffnet.

Abtreibungsbefürworter werden sagen, Sie üben Druck und psychische Gewalt aus.

Dann muss ich Ihnen folgende Geschichte erzählen. Vor einiger Zeit bekam ich eine Nachricht von einer Pro-Life-Aktivistin aus Norwegen, dass eine Frau in Szczecin Hilfe braucht. Wir haben sie gefunden. Diese Frau suchte zunächst einen Sponsor für ihre Abtreibung. Ein Herr erklärte sich bereit den Eingriff zu bezahlen, doch die Frau hat es sich anders überlegt. Sie entschied sich für das Kind. Der Sponsor hat sich von ihr abgewandt. Seine Hilfe beschränkte sich auf das Töten. So sieht das aus. Die Abtreibungsbefürworter beschäftigen sich mit den Ungeborenen auf die Weise, dass sie aus ihnen Tote machen. Wir helfen den Lebenden.

Haben Sie mit diesem Abtreibungssponsor gesprochen?

Er hat mich angerufen und sagte, er arbeite für die (rabiat antikatholische – Anm. RdP) Zeitschrift „Fakty i Mity“ („Fakten und Mythen“). Ich habe ihm geantwortet, dass ich für Jesus Christus tätig bin. So haben wir miteinander geplaudert. Es war ein wertvolles Gespräch, weil ich ihm von Fortgang des Geschehens berichten konnte: das Mädchen gebar ihr Kind, ist glücklich, der Kleine entwickelt sich prächtig.

Mir ist zu Ohren gekommen, dass finanzielle Hilfe für Frauen, die sich noch nicht entschieden haben, gleichzusetzen sei mit dem „Erkaufen“ ihrer Kinder und das sei unmoralisch.

Dann muss ich noch eine Geschichte erzählen. Wir hatten erfahren, dass eine schwangere Frau die Abtreibung vornehmen will. Wir gingen zu ihr. Eine winzige, kalte Einzimmerwohnung mit riesigen Mietrückständen. Ein Bild des Jammers. Die Frau schlief auf dem Fuβboden, ihr älteres Kind auf einem verfallenen Möbelstück. Es war zu spät für irgendwelche Diskussionen, die Suche nach dem Vater, Moralpredigten. Fast zeitgleich, so wollte es der Zufall, bekam ich einen Anruf von jemandem der Möbel loswerden wollte. Blitzschnell haben wir die Wohnung renoviert, die Möbel reingestellt. Wir haben die Frau mit der Gemeinschaft Hauskirche zusammengebracht, damit ihr, wenn nötig, immer geholfen werden konnte.

Sie stammte aus einem geradezu pathologischen Milieu. Es reichte aber aus, ihr nur die Hand hin zu strecken, um sie dort rauszuholen. Als sie Geburtswehen bekam, rief sie mich mitten in der Nacht an. Ich habe sie ins Krankenhaus gebracht. Und jetzt die Frage: haben wir ihr Kind wirklich „gekauft“?

Von Zeit zu Zeit veröffentlichen Sie auf Facebook einen Appell, zehn Zloty für Windeln zu spenden.

Das reicht für zwanzig Windeln. Windeln sind mein Symbol. Wenn ein Mädchen weint, da es nicht weiter weiβ, kein Geld hat, dann sagen wir ihr: „Gut, Dein Kind bekommt von uns Windeln für ein ganzes Jahr im Voraus“. Das wirkt. Die bedürftigen Frauen bekommen von uns auch den Kinderwagen, Kleidung, Pflegeprodukte für das Kleine. Wenn sie nicht selbst stillen kann, auch Babynahrung. Doch das mit den Windeln wirkt am meisten.

Es war schon komisch, als ich das erste Mal Windeln für ein ganzes Jahr im Voraus einkaufen gegangen bin. Eine Familie aus dem Bekanntenkreis hat mir aufgeschrieben wieviel Windeln das sein müssen. Beim Discounter habe ich den gröβten Wagen vollgebackt. Den Priesterkragen habe ich anbehalten. An der Kasse habe ich natürlich ein Ehepaar aus unserer Gemeinde getroffen. „Herr Pfarrer, gibt es in Ihrem Leben etwas wovon wir nichts wissen?“, haben sie höflich gefragt. Anschließend haben sie noch ein Paar Packungen Windeln auf den Wagen gelegt.

Sie haben den Fuchs erwähnt.

Sie meinen die unkonventionellen Hilfsmethoden. Es gibt sie. Manche Frauen sind buchstäblich von der Angst gelähmt, für rationale Argumente völlig unzugänglich. Einmal habe ich ein Komplott mit einem Mädchen geschmiedet, dessen Freundin unbedingt abtreiben wollte. Sie hatte schon die nötigen Pillen dazu.

Wir haben uns angeblich zufällig in einer Ladengalerie getroffen: ich, das Mädchen und ihre schwangere Freundin. Wir unterhielten uns über das Wetter und andere harmlose Dinge. Beim Abschiednehmen „habe ich mich erinnert“, etwas ganz besonderes auf meinem Handy zu haben. „Da sich gerade die Gelegenheit bietet, das ist meine Patentochter“, und ich zeige einen kleinen Film von der Ultraschalluntersuchung. „Anna strampelt, ihr Herz schlägt schon. Ist das nicht wunderbar?“ Drei Tage später ruft meine Mitverschwörerin an: „Die Freundin hat die Pillen weggeworfen“ (…) Ein anderes Mal, als ein weiteres Mädchen schrecklich weinte und klagte, dass das Kind keinen Vater haben wird, und deswegen will sie es weg machen lassen, habe ich, ganz spontan gesagt: „Dann werde ich das Kind als meins eintragen lassen.“

Ganz schön mutig.

Ja, obwohl die Vaterschaft eines Priesters nur eine geistige sein sollte, bin ich aufs Ganze gegangen. Es hat auch geholfen. Das Mädchen kam zur Besinnung, vielleicht bekam sie es auch mit der Angst zu tun, wegen dieser Vaterschaft. Sie hat das Kind auf die Welt gebracht. Es hat keinen Vater, aber es existiert.

Dürfen Sie sich so sehr engagieren?

Es gibt Grenzen, die man nicht überschreiten darf. Die Pro-Life-Arbeit kann kein Ersatz für die biologische Vaterschaft sein. Da muss ein Priester sehr aufpassen und Distanz wahren. Doch ist es so verwunderlich, wenn ein Mann mit Priesterkragen gerührt ist, wenn er vor der Abtreibung gerettete Zwillinge sieht? Winzig, jeder etwa zwei Kilo schwer, rosig, strampelnd. Übrigens musste man für sie zweimal so viel Windeln anschleppen.

Ist es so verwunderlich, wenn ein Mann mit Priesterkragen gerührt ist, wenn er vor der Abtreibung gerettet Zwillinge sieht?
Ist es so verwunderlich, wenn ein Mann mit Priesterkragen gerührt ist, wenn er vor der Abtreibung gerettete Zwillinge sieht?

Haben Sie mit den biologischen Vätern der Kinder zu tun?

Manchmal. Das bedarf meistens einer sehr groβen Beherrschung, um so einem Kerl nicht einfach eine herunterzuhauen, damit er zur Besinnung kommt und Verantwortung übernimmt. Einem von ihnen habe ich sein ungeborenes Kind gezeigt. Er fing an zu schluchzen. Er wollte diese Schwangerschaft nicht. Später konnte er vor lauter Stolz auf den Sohn kaum laufen. (…)

Das Gespräch, das wir, mit freundlicher Genehmigung, leicht gekürzt wiedergeben, erschien in der Tageszeitung „Rzeczpospolita“ („Die Republik“) vom 6. Dezember 2014.

RdP




Amber Gold Affäre. Freibrief zum Betrug

Erste Bilanz. Hauptverdächtige vom Gefängniswärter geschwängert.

Der Sommer 2012 stand in Polen ganz im Zeichen der Amber Gold Affäre. Knapp drei Jahre später zieht die Staatsanwaltschaft in Łódź, die in diesem Fall ermittelt, eine erste Bilanz ihrer Tätigkeit. Mit einer Anklageerhebung wird bis Mitte 2015 gerechnet.

Nach Meinung der Ermittlungsbehörde war Amber Gold mit Sitz in Gdańsk von Anfang an eine Schattenbank, deren Geschäftsmodell auf einem Anlagesystem mit Schneeballcharakter beruhte. Amber Gold gelang es, Anlagen von etwa 18 Tausend Personen mit einem Gesamtwert von 851 Mio. Zloty (ca. 213 Mio. Euro) anzuhäufen. Die 2009 gegründete Firma gab vor, auf Anlagegold und andere Edelmetalle spezialisierte Investmentfonds zu betreiben, und versprach den zumeist älteren Anlegern bis zu 16,5 Prozent Zinsen pro Jahr zu zahlen. Physisches Gold besaβ sie dabei lediglich im Wert von knapp 10 Mio. Zloty (ca. 2,5 Mio. Euro). Die Schattenbank meldete am 13. August 2012 Konkurs an.

Zur Amber Gold Affäre empfehlen wir Ihnen die folgende Sendung.

Inzwischen wurden 19 Tausend Zeugen, dabei handelt es sich zum größten Teil um Geschädigte, verhört. Die schriftlichen Unterlagen umfassen 51 Tausend Blatt. 28 Fachleute aus dem Beratungsunternehmen Ernst &Young erstellten im Auftrag der Staatsanwaltschaft ein 230 Seiten starkes Gutachten. Demnach wurde Amber Gold nicht von auβen finanziert, bekam keine Zuschüsse, Subventionen oder Kredite und betrieb keine Geldwäsche.

Amber Gold betrieb 60 Filialen im ganzen Land, beschäftigte rund 400 Mitarbeiter und war Hauptgesellschafter, und somit wichtigster Investor, der Fluglinien OLT Express Germany, OLT Express Poland sowie OLT Express Regional, die 2011 im groβen Stil ins Fluggeschäft in Polen eingestiegen sind. Obschon nur einige Monate am Markt, waren diese Billigfluglinien zu einem ernsten Konkurrenten der größten polnischen Fluggesellschaft LOT geworden, und hatten sie zu deutlichen Preissenkungen auf parallel betriebenen Strecken gezwungen.

Regisseur Wajda, Oberbürgermeister Adamowicz, Tusk-Junior

Amber Gold und seine Fluglinien machten durch eine auffällige Werbekampagne, sowie das Sponsern des von Andrzej Wajda gedrehten Spielfilms über Lech Wałęsa und des Zoos von Gdańsk, von sich reden. Nach dem Konkurs von Amber Gold gab Wajda das erhaltene Geld zurück.

Bis heute bleibt die Frage offen, wieso man diese Schattenbank so lange gewähren lieβ. Die Firma betrieb Bankgeschäfte ohne eine Banklizenz zu besitzen. Die von ihr versprochenen Riesengewinne legten einen Betrug nahe. Obwohl schon im Jahr 2010 die polnische Finanzmarktaufsicht KNF (Komisja Nadzoru Finansowego) auf ihrer Webseite vor Amber Gold warnte, genoss das Unternehmen die oft zur Schau getragene Gunst, vor allem, der Danziger Regionalpolitiker der regierenden Bürgerplattform (PO) mit Oberbürgermeister Paweł Adamowicz an der Spitze.

Der Sohn von Ministerpräsident Donald Tusk, Michał (Jahrgang 1982), war PR-Berater der Fluggesellschaft OLT Express. Diese Tätigkeit wurde als möglicher Interessenskonflikt in Bezug auf seine Beschäftigung beim Flughafen Gdańsk ausgelegt, mit dem OLT die Landegebühren aushandelte. Hat Tusk Junior die als streng gehütetes Handelsgeheimnis geltende Höhe der Landegebühren anderer Fluggesellschaften auf dem Flughafen Gdańsk an OLT weitergegeben? Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren gegen ihn vor einem Jahr ein.

Kriminelle Vergangenheit? Macht nichts

Auch Hinweise auf die zwielichtige Vergangenheit des Amber Gold Gründers und Geschäftsführers Marcin P. (Jahrgang 1984) blieben knapp vier Jahre lang unbeachtet. Bereits im Jahr 2008 war er (unter dem Namen Marcin Stefanski) wegen Veruntreuung mit seinem damaligen Finanzdienstleistungsunternehmen Multikasa zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Daraufhin nahm er den Namen seiner Frau an. Im Juni 2010 wurde P.  dann wegen Krediterschleichung bei der GE Bank in 57 Fällen verurteilt, die Strafe wurde wiederum zur Bewährung ausgesetzt.

Trotz aller Indizien und Hinweise blieben die Finanzmarktaufsicht, die Polizei, die Staatsanwaltschaft und alle anderen Behörden zwischen 2009 und 2012 untätig, lieβen Anleger in die Falle laufen.

Wie man heute weiβ, haben Marcin P. und seine Frau Katarzyna, die sich ebenfalls seit August 2012 in Untersuchungshaft befindet, etwa 300 Mio. Zloty (gut 75 Mio. Euro) der Anlagegelder für die Finanzierung der Fluglinien verbraucht. Etwa 214 Mio. (gut 53 Mio. Euro) verschlang die Firma (Gehälter, Werbung, Kauf von Liegenschaften). Das Ehepaar zahlte sich selbst Gehälter in Höhe von knapp 19 Mio. Zloty (nicht ganz 5 Mio. Euro) aus.

Ende März 2015 wurde gemeldet, dass Katarzyna P., die sich im Frauen-Untersuchungsgefängnis in Łódź befindet, eine Liaison mit einem der Gefängniswärter eingegangen ist und von ihm geschwängert wurde. Dennoch will die Staatsanwaltschaft beim bevorstehenden Haftprüfungstermin für sie, wie für ihren Mann, um die Verlängerung der Untersuchungshaft um weitere drei Monate nachsuchen.

Da es sich bei Amber Gold um keine Bank handelte, unterlagen die Einlagen somit auch keinen staatlichen Sicherheitsgarantien. Die Veräuβerung der durch den Konkursverwalter sichergestellten Werte (eine umfangreiche Autoflotte, Edelmetalle im Wert von knapp 5 Mio. Euro, zwei Liegenschaften des Ehepaares P.) werden den Anlegern die entstandenen Verluste lediglich zu einem kleinen Bruchteil ersetzen können.

© RdP