Polen im Leben der Queen

Margaret Thatcher ebnete den Weg.

Jahrelang distanzierte sich die am 8. September 2022 verstorbene Königin Elisabeth II., wie die meisten britischen Politiker, von Kontakten mit kommunistischen Ländern, darunter auch mit der Volksrepublik Polen. Nach dem Ende des Kommunismus änderte sich die Situation. Die Königin empfing drei aufeinanderfolgende polnische Staatspräsidenten, beehrte Polen mit einem Staatsbesuch und traf dreimal mit dem polnischen Papst Johannes Paul II. zusammen.

Begegnungen zwischen der britischen Monarchin und den Inhabern der wichtigsten Ämter in Polen wurden erst nach der politischen Wende von 1989 möglich. Eine Ausnahme von dieser Regel gestattete sich ihr Ehemann Philip, Herzog von Edinburgh, der im August 1975 nach Sopot kam, wo er als Teilnehmer eines Wettbewerbs im Gespannfahren und gleichzeitig als Präsident des Internationalen Reitsportverbandes (FEI) auftrat. Im Rahmen dieser Reise besuchte er auch Warschau und den Białowieża-Urwald. Zweifellos jedoch wurde der Weg nach Polen von der britischen Premierministerin Margaret Thatcher geebnet, die im November 1988 Warschau und Gdańsk besuchte.

Ein Bankett zu Ehren von Lech Wałęsa und der Staatsbesuch in Polen

Im April 1991 empfing Elisabeth II. den wenige Monate zuvor gewählten polnischen Staatspräsidenten Lech Wałęsa und seine Frau Danuta, auf Schloss Windsor. Ihm zu Ehren gab die Königin ein feierliches Bankett.

Polen besuchte die britische Monarchin ein paar Jahre später, am 25. bis zum 27. März 1996. Es herrschte denkbar schlechtes Frühlingswetter mit viel Regen und heftigem Wind.

Offizielle Begrüßungszeremonie im Innenhof des Präsidentenpalastes am 25. März 1996.

Am 25. März wurde Elisabeth II. im Innenhof des Präsidentenpalastes von Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski und seiner Frau offiziell begrüßt. An der Zeremonie nahmen die Spitzen des polnischen Staates teil. Die Königin wurde auf ihrem Staatsbesuch von vierzig Personen begleitet, darunter u. a. von Außenminister Malcolm Rifkind. Zu ihrem engen Gefolge gehörten zwölf Personen, darunter der persönliche Sekretär der Königin, Hofdamen, der königliche Stallmeister, ein Leibarzt, Garderobieren und ein Friseur.

Nach der Begrüßungszeremonie führte die Königin ein kurzes Gespräch mit Präsident Kwaśniewski. Orden und Geschenke wurden ausgetauscht. Die Königin verlieh dem Präsidenten den Bathorden. Aleksander Kwaśniewski überreichte Elisabeth II. die höchste Auszeichnung Polens, den Orden des Weißen Adlers.

Am selben Tag legten Elisabeth II. und der Herzog von Edinburgh einen Kranz am Grabmal des Unbekannten Soldaten nieder. Die Königin pflanzte symbolisch einen  Baum (Stieleiche) in der Nähe, um so des 400-jährigen Bestehens Warschaus als Hauptstadt zu gedenken.

Entlang eines dichten Spaliers von Warschauern und Touristen, mit denen sie mehrfach kurze Gespräche führte, machte Elisabeth II. einen Spaziergang durch die Altstadt. Anschließend besuchte sie das königliche Schloss. Dort eröffnete sie in Anwesenheit von Präsident Aleksander Kwaśniewski die Ausstellung „Adler und Löwe“ über die polnisch-britischen Beziehungen. Die Königin betonte, dass damit der 900-jährigen Kontakte zwischen den beiden Ländern gedacht werde.

Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski gab ein offizielles Abendessen zu Ehren des britischen Königspaares.

Königin Elisabeth II. und Prinz Philip gedachten ebenfalls der Opfer des Holocausts und legten einen Kranz am Mahnmal am Umschlagplatz nieder, von wo aus die Juden des Warschauer Ghettos in die Gaskammern von Treblinka abtransportiert worden waren. Am Abend fand im Präsidentenpalast ein offizielles Abendessen statt, das von Präsident Kwaśniewski zu Ehren des Königspaares gegeben wurde.

Elisabeths II. denkwürdige Sejm-Rede

Am zweiten Tag ihres Staatsbesuches hielt die Königin eine Rede vor den beiden Kammern des polnischen Parlaments.

Elisabeth II. spricht am 26. März 1996 vor dem polnischen Parlament.

„Ich bin mir bewusst, dass ich hier im Herzen der polnischen Demokratie stehe“, begann die Königin ihre Ansprache von der Rednertribüne des Sejm aus. Die Monarchin erinnerte an die reichen dynastischen, handelspolitischen und politischen Kontakte zwischen den beiden Ländern, die mit ihrem Vorfahren König Knut dem Großen begannen, der ein Neffe des polnischen Königs Bolesław des Tapferen war. Sie erinnerte auch an die Zeit des Zweiten Weltkriegs. „Wer weiß“, sagte sie, „ob die Flamme der Freiheit nicht erloschen wäre, wenn Polen uns in jenen Tagen nicht beigestanden hätte“ und gedachte so der polnischen Einheiten, die zu Lande, zu Wasser und in der Luft an der Seite der Briten gekämpft hatten.

„Der Krieg hat uns geeint, aber auch gespalten, denn das Jahr 1945 hat nicht allen die Freiheit gebracht“, erinnerte Elisabeth II. „Umso mehr freut es uns, dass Polen seine volle Souveränität wiedererlangt hat und dass Sie die Entscheidung getroffen haben, sich um die Mitgliedschaft in den europäischen und westlichen Institutionen zu bewerben“, betonte sie. „Wir unterstützen nachdrücklich die Erweiterung der Europäischen Union und der NATO, wir sind solidarisch mit Ihrem Bestreben, diesen Organisationen beizutreten, und wir sind fest davon überzeugt, dass dieses Bestreben von keinem Land mit einem Veto belegt werden kann“, so ihre Erklärung. (Polen trat1999 der Nato und 2004 der EU bei).

„Polen braucht Europa. Aber Europa braucht auch Polen“, sagte Elisabeth II. Die Sejm-Abgeordneten und die Senatoren antworteten mit Ovationen, als sie auf Polnisch sagte: „Polen soll Polen sein“.

Der Sprecher des Buckingham Palastes, Charles Anson, eröffnete an diesem Tag vor der Presse, dass die Königin ein wichtiges Teilstück ihrer Rede ausgelassen hatte. Laut dem Text, der den Journalisten zuvor übergeben worden war, handelte es sich um den folgenden Absatz: „Wir werden auch nie das Leiden des polnischen Volkes während der Nazi-Besatzung und das schreckliche Schicksal der polnischen Juden vergessen können.“ Anson behauptete, der Grund für die Auslassung sei ein „menschlicher Fehler“ gewesen. Er fügte hinzu, dass die Königin, wie sie es bereits früher geäußert hat, sich des Leidens der polnischen Nation und der jüdischen Gemeinschaft voll bewusst sei.

Geräucherter Lachs in Dillsauce

Noch vor ihrer Rede im Parlament besuchte die Königin am 26. März 1996 das Stefan-Batory-Gymnasium in Warschau. Sie sah sich eine Aufführung eines Fragments von „Pan Tadeusz“ an, das von den Schülern aufgeführt wurde. Sie sprach mit den Jugendlichen und Lehrern. Sie besuchte eine Ausstellung über die Geschichte der Schule, die speziell für ihren Besuch vorbereitet worden war. Anschließend traf sie mit einer Gruppe von Lehrern und mehreren Dutzend Schülern zusammen, die sich in ihren schulischen Leistungen besonders hervorgetan hatten.

Im Warschauer Schloss Belvedere empfing Elisabeth II. den damals schon ehemaligen Staatspräsidenten Lech Wałęsa, Er hatte sie nach Polen eingeladen, war aber zwischenzeitlich abgewählt worden.

Während ihres Aufenthalts in Warschau wohnte die Königin im Schloss Belvedere. Dort empfing sie am zweiten Tag ihres Besuchs den damals schon ehemaligen Staatspräsidenten Lech Wałęsa, auf dessen Einladung sie nach Polen gekommen war. Nach dem Treffen wiederholte Wałęsa eine Äußerung, die er bereits während seines Besuchs in Großbritannien im Jahr 1991 gemacht hatte, als er die britische Königin als Mutter der Nation bezeichnet hatte, die diese in schwierigen Situationen aufzurichten weiß. „In Demokratien wird gezögert und debattiert, und es gibt keine Kontinuität und niemanden, der den Emotionen der Wähler nicht nachgibt“, sagte Walesa.

Die Königin besuchte an diesem Tag auch den British Council. Sie enthüllte eine Gedenktafel zur Erinnerung an ihren Besuch und die Eröffnung der neuen Büros, der Bibliothek und des Sprachzentrums. Sie wohnte dem Englischunterricht bei. Im Palast auf dem Wasser im Lazienki-Park traf die Königin mit Mitarbeitern der britischen Botschaft zusammen.

Am 26. März gab das Königspaar außerdem ein Mittagessen im Hotel Bristol zu Ehren von Präsident Aleksander Kwaśniewski und seiner Frau. Anwesend waren die wichtigsten polnischen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Den Gästen wurde geräucherter Lachs in Dillsauce, gebratenes schottisches Lammfleisch in Minzsauce mit Dariole-Kartoffeln und eine delikate Ahornmousse serviert. Ausgeschänkt wurden Weiß- und Rotweine sowie drei Sorten Whisky.

Am Nachmittag legte die Königin einen Kranz am Denkmal für die im August 1944 gefallenen Piloten der Royal Air Force nieder, die Versorgungsflüge für das schwer umkämpfte Warschau absolviert hatten.

Zur gleichen Zeit besuchte Prinz Philip das Zentrum für britisches und europäisches Recht an der Universität von Warschau. Er führte Gespräche mit dem Rektor sowie mit Mitgliedern des Senats der Universität und mit Studenten. Zwischen der Universität Warschau und der Universität Cambridge (der Herzog war Kanzler der Universität) wurde ein Kooperationsabkommen unterzeichnet.

Am Abend folgte das Königspaar im Nationaltheater der Balett-Aufführung „Die unbehütete Tochter“ mit der Musik von Ferdinand Hérold. Zu diesem Anlass fand ebenfalls ein Treffen zwischen der Königin und geladenen Kulturschaffenden statt.

Ein Tag in Krakau

Am dritten Tag ihres Besuchs in Polen, dem 27. März 1996, flogen Elisabeth II. und ihr Ehemann Prinz Philip nach Krakau. Sie besuchten die Sehenswürdigkeiten der Stadt, das Königsschloss Wawel, die Kathedrale, in der Elisabeth II. mit dem Metropoliten von Krakau, Kardinal Franciszek Macharski, zusammentraf. In der Krypta der Kathedrale legte sie Blumen an den Gräbern von General Władysław Sikorski und Marschall Józef Piłsudski nieder.

Im Schneetreiben vor den Tuchhallen. Elisabeth II.  am 27. März 1996 in Krakau.

Begleitet von einer Polizeieskorte schlenderte Königin Elisabeth trotz des Schneefalls über den Krakauer Markt, wo sie von zahlreichen Einwohnern der Stadt, Pfadfindern und Studenten begrüßt wurde. Auf dem Programm standen die Tuchhallen, das Anhören des Hejnals, der zu jeder vollen Stunde vom Turm der Marienkirche geblasen wird, sowie die Besichtigung des Veit-Stoss-Altars aus dem 15. Jahrhundert in der Marienkirche. Prinz Philip besuchte parallel das ehemalige jüdische Viertel Kazimierz, das jüdische Kulturzentrum und die Remuh-Synagoge.

Von Krakau aus flog das Königspaar zurück nach Großbritannien.

Der Besuch von Lech Kaczyński

Der dritte polnische Präsident, der sich mit der britischen Monarchin traf, war Lech Kaczyński. Er und seine Frau Maria trafen am Nachmittag des 6. November 2006 zu einem offiziellen Besuch auf Einladung von Premierminister Tony Blair in London ein. Am 7. November 2006 wurden Lech und Maria Kaczyński von Königin Elisabeth II. bei einer Privataudienz im Buckingham Palast empfangen.

Staatspräsident Lech Kaczyński und Ehefrau mit Elisabeth II. bei der Privataudienz im Buckingham Palast am 7. November 2006.

„Mit tiefer Trauer habe ich vom Tod des Präsidenten Lech Kaczyński und der First Lady, Frau Kaczyński, erfahren. Aus diesem traurigen Anlass erinnere ich an die lange und achtungsvolle Karriere von Präsident Kaczyński im Dienste des Staates und an seine Rolle in der Solidarność-Bewegung. Der Tod vieler anderer führender polnischer Persönlichkeiten, darunter der des ehemaligen Staatspräsidenten im Exil Ryszard Kaczorowski, macht diese Tragödie noch einschneidender. Ich möchte dem gesamten polnischen Volk mein tiefstes Mitgefühl aussprechen“, schrieb die britische Monarchin am 10. April 2010, kurz nach der Katastrophe von Smolensk, in einem Beileidsbrief.

Begegnungen mit Johannes Paul II.

Elisabeth II. traf dreimal mit dem polnischen Papst Johannes Paul II. zusammen. Es sei daran erinnert, dass Großbritannien, nach dem Bruch mit Rom durch Heinrich VIII. im 16. Jahrhundert, die Beziehungen zum Vatikan erst 1914 wieder aufnahm und erneut eine Gesandtschaft beim Vatikan einrichtete.

Elisabeth II. war die erste britische Monarchin, die dem Vatikan einen Staatsbesuch abstattete. Das geschah am 5. Mai 1961 während des Pontifikats von Papst Johannes XXIII. Ihre erste Audienz bei Johannes Paul II. fand am 17. Oktober 1980 im Vatikan statt. Die Königin wurde dabei von ihrem Ehemann begleitet.

Viel wichtiger jedoch war das zweite Treffen, das am 28. Mai 1982 im Buckingham Palast stattfand. Der Papst besuchte Elisabeth in einer für die Briten schwierigen Zeit. Der Krieg mit Argentinien um die Falklandinseln und der interne Konflikt in Nordirland, der religiös motiviert war, dauerten noch an. Sowohl die IRA als auch die protestantischen Milizen schreckten nicht vor Gewalt zurück. Die Pilgerreise von Johannes Paul II. nach Großbritannien im Jahr 1982 war der erste Besuch eines Oberhaupts der katholischen Kirche in diesem Land seit der Reformation. Im selben Jahr wurde Sir Mark Evelyn Heath zum ersten britischen Botschafter beim Heiligen Stuhl seit 1534 ernannt.

Der Vatikan am 17. Oktober 2000. Elisabeths II. letztes Treffen mit dem polnischen Papst.

Elisabeth II. traf den polnischen Papst ein letztes Mal am 17. Oktober 2000 in der päpstlichen Privatbibliothek des Vatikans. Die Audienz dauerte etwa zwanzig Minuten. Die Königin hielt sich zu dieser Zeit zu einem viertägigen Staatsbesuch in Italien auf.

© RdP




Das Wichtigste aus Polen 30. September – 13. Oktober 2018

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Kommentator Dr. Marcin Kędzierski und Janusz Tycner diskutieren die wichtigsten Ereignisse der letzten Zeit in Polen ♦ Kommunalwahlen am 21. Oktober und 4. November. Chancen, Prognosen, Einschätzungen ♦  Die Hochschulreform ist am 1. Oktober 2018 in Kraft getreten. Ängste, Änderungen, Absichten. ♦ Brexit ante portas. Ein wichtiger EU- Verbündeter Warschaus geht von Bord. Knapp 1 Mio. Polen in Grossbritannien. Export kann einbrechen. Auch Polen bangt und fragt sich was weiter.

Lesenswert: „Manipulistan“. Kommunalwahlen 2014. Gefälscht, verzerrt, frisiert? 




Das Wichtigste aus Polen 18. Juni – 22. Juli 2017

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Kommentatorin Aleksandra Rybińska und Janusz Tycner diskutieren die  wichtigsten Ereignisse der letzten Zeit in Polen.  ♦ Die Justizreform ist unter Dach und Fach. ♦ Die Visite des britischen Thronfolgerpaares hatte auch eine politische Dimension ♦ Aus der Distanz. Was hat der Trump-Besuch in Warschau gebracht? ♦ Von Tallin via Warschau nach Sofia. Die Dreimeeresinitiative: deutsche Ablehnung und die Wirklichkeit.




Polnisch, britisch, kritisch

Lage der Polen in Groβbritannien gibt Anlass zur Sorge.

Noch ein groβer Erfolg eines polnischen Models. Marta Dyks ist das Gesicht der neuesten Werbekampagne der britischen Einzelhandelskette Marks & Spencer. Die Briten loben die Polin, mehr noch: sie wurde nicht zusammengeschlagen.” Diese Art von schwarzem Humor, wie ihn kürzlich die Zeitschrift „Polityka“ an den Tag legte, hat gerade Hochkonjunktur in Polen, denn die Polen in Groβbritannien leben seit einiger Zeit gefährlich.

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Model Marta Dyks.

Etwa achthunderttausend von ihnen sind in den letzten zehn Jahren nach Groβbritannien ausgewandert. Seit dem Sommer 2016 vergeht kaum ein Tag, an dem nicht aus irgendeiner Gegend des Landes ein Überfall auf einen Polen gemeldet wird.

Am schlimmsten traf es den 40-jährigen Arkadiusz Jóźwik (fon.: Juschwick). Mitten in Harlow prügelte ihn am Samstagabend des 27. August 2016 eine Bande von Halbstarken zu Tode. Sein Kollege erlitt lebensgefährliche Verletzungen.

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Tatort in Harlow mit Portrait der ermordeten Arkadiusz Jóźwik.

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Warschauer Behörden nehmen die Lage ernst. Der polnische Botschafter in London legte Blumen am Tatort nieder. Gleich zwei polnische Minister, für Auswärtiges und für Inneres, sind, zusammen mit dem Chef der polnischen Polizei, Anfang September an der Themse vorstellig geworden.

Polnische Medien versuchen derweil die Ursachen des Gewaltanstiegs zu ergründen, bringen Reportagen, in denen das Befinden der Polen in Groβbritannien geschildert wird.

„Zwar werden sie von den britischen Arbeitgebern und Ökonomen hochgelobt, weil sie emsig arbeiten, eigene Firmen gründen, viel Steuern zahlen, sich schnell integrieren und den britischen Wohlstand vermehren.“, schreibt die Tageszeitung „Nasz Dziennik“ („Unser Tagblatt“) vom 24./ 25.09.2016.

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Registrierte Ausländer in GB 2007-2015. Polen an der Spitze.

„Anders als Zuwanderer aus Afrika oder Nahost fallen sie dem Sozialsystem nicht übermäβig zur Last. In den britischen Kriminalitätsstatistiken rangieren sie eher im Mittelfeld. Doch gerade nach dem Brexit-Referendum im Juni 2016 werden sie mit den »Problem-Migranten« aus fernen Kontinenten in einen Topf geworfen, fallen der wachsenden Fremdenfeindlichkeit zum Opfer.“

Die meisten Polen auf den Inseln arbeiten in der Industrie (25 Prozent), im Hotel- und Gaststättengewerbe (20 Prozent), auf dem Bau (8 Prozent) sowie im Gesundheitswesen und in der Pflege (7 Prozent). Etwa 40 Prozent sind Gewerbetreibende. Polnische Arbeitsemigranten überweisen pro Jahr umgerechnet gut 3 Mrd. Euro nach Hause, Tendenz steigend. Die nächste Bevölkerungsgruppe auf der Liste, die Inder, schicken nur knapp die Hälfte davon in ihre Heimat.

Fucking Polish

„Grafschaft Essex, 30 Meilen nordöstlich von London. Klobig-moderne Nachkriegsarchitektur, die Straβen mit rotem Klinker gepflastert. Der nüchtern bescheidene Baustil spiegelt die kurze Geschichte Harlows wieder. Es ist unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, für diejenigen, die die deutschen Bombenangriffe auf London obdachlos gemacht haben.“, so beginnt der Bericht aus Harlow in Polens auflagenstärkstem Wochenmagazin „Gość Niedzielny“ („Der Sonntagsgast“) vom 18.09.2016.

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„Auch hierher kamen einige dutzend Jahre später Polen, um ihren Traum vom bescheidenen Wohlstand zu verwirklichen. Sie haben schnell Anschluss gefunden, Firmen gegründet, eine eigne Schule eingerichtet, machten den Einheimischen polnisches Brot und polnische Wurstwaren schmackhaft. In der achtzigtausend Einwohner zählenden Stadt sind die zweitausend Polen nicht zu übersehen. (…)

»Ich habe hier zwei Läden und viel Kontakt zu anderen Polen. Nach dem Brexit-Referendum sind etwa zehn Familien nach Polen zurückgekehrt«, berichtet Sebastian Chudy. Er kam 2005 nach Harlow, verdingte sich zuerst in Gewächshäusern, arbeitete sich unter vielen Entbehrungen hoch, zum Gabelstaplerfahrer, Busfahrer, Handwerker. Die Kunden berichten ihm immer wieder von unangenehmen Zwischenfällen: zerkratzen Autos, nächtlichem Hämmern gegen Wohnungstüren, Beschimpfungen auf der Straβe. Chudy selbst musste vor kurzem ein „Fucking-polish-back-to-your-country“ von der Schaufensterscheibe wischen.

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Sebastian Chudy in seinem Laden in Harlow.

Der Tatort befindet sich in der kleinen Fuβgängerzone, eingezwängt zwischen den parallel verlaufenden Straβen The Stow und Orchard Croft, nur etwa einhundert Meter entfernt von der katholischen Kirche Our Lady of Fatima. Die Sitzbank in der Mitte ist kaum mehr auszumachen unter einem Berg von Blumen. Grablichter brennen.

Die Horde von 14 bis 16-Jährigen, die Arkadiusz Jóźwik und seinen Begleiter umzingelt und niedergetrampelt haben, zählte gut zwanzig Mann. Sechs von ihnen nahm die Polizei fest, fünf sind sogleich wieder auf Kaution freigekommen. Auch der Haupttäter befindet sich inzwischen wieder auf freiem Fuβ.

Die Polen in Harlow, mit denen wir reden“, schreibt „Gość Niedzielny“, „sind entsetzt über die rasant zunehmende Verwahrlosung der englischen Jugendlichen in der Stadt und in England überhaupt. Auf Schritt und Tritt begegnet man Gruppen und Grüppchen pöbelnder, grölender, offensichtlich stets angetrunkener junger Leute, oft bis zur Unkenntlichkeit übersät mit Tätowierungen und Piercings. Ihre Kenntnisse über das Ausland beschränken sich auf Spanien, eventuell noch Griechenland, wo sie mal in den Ferien waren. Bis nach Polen reicht ihr Horizont jedoch nicht.

Bloody Poles

Beinahe ganz Südengland hat am 23. Juni 2016 für den EU-Austritt gestimmt. Die Immigranten waren ein wichtiges Argument für den Brexit, weil sie alle, ohne Ausnahme, so hieβ es, nur gekommen sind, um sich durch das britische Sozialsystem zu nassauern.

Der Anfeindungen im Vorfeld des Referendums überdrüssig, riefen die polnischen Verbände in Groβbritannien unter der Parole „Bloody Poles“ zu einem einzigartigen Streik auf. Polnische Arbeiter und Angestellte, so der Aufruf, sollten die gesetzliche Möglichkeit nutzen und sich ein paar Stunden fürs Blutspenden freinehmen. Einige Tausend Polen veröffentlichten daraufhin ihre Fotos vom Blutspenden auf Facebook.

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Bloody Poles. Polnische Blutspendeaktion in GB vor den Brexit-Referendum.

Im stattlichen Gebäude der Passmores Academy in Harlow hat die Polnische Schule der Heimatfächer (Polska Szkoła Przedmiotów Ojczystych) einige Klassenräume angemietet. Zweihundert polnische Kinder kommen jeden Samstag für einige Stunden hierher. Unterrichtet werden die polnische Sprache und Literatur, polnische Geschichte sowie Erdkunde. Die Lehrer arbeiten hier ehrenamtlich. Die Kinder, so das Anliegen, sollen in der Multi-Kulti-Welt ihre Identität bewahren können.

»Als es zu dem Mord kam, war ich gerade in Polen«, berichtet die Lehrerin Agnieszka Kozłowska, hauptberuflich bei der Saint Alban’s Catholic Academy angestellt. »Ich war entsetzt als ich den Fernsehbericht sah. Mein Gott, das ist ja unweit unserer Schule passiert. Etwas später kam die Einsicht: nicht nur in Harlow ist es nachts gefährlich.«

Der Mord hat alle Polen in Groβbritannien aufgerüttelt, aber Harlow, so die dort lebenden Polen, war nie eine gemütliche Stadt. Hier muss man nun einmal aufpassen.

Mehr Sorge bereiten ihnen indes die Brexit-Folgen. Agnieszka Kozłowska gibt zu, dass niemand in ihrer polnischen Umgebung auch nur im Geringsten daran gezweifelt hat, dass das Referendum gegen einen EU-Verbleib ausgehen würde. Trotz des entgegengesetzten Entscheides der Briten, kündigen nun nur 5 Prozent der polnischen Emigranten an auf jeden Fall in die Heimat zurückkehren zu wollen.

»Wir haben hier unsere Wohnungen und Häuser, Arbeit, Kinder, die hier zur Schule gehen. Wir haben uns hier dank harter Arbeit eingerichtet. Nur aufgrund eines solchen Zwischenfalls und einiger Pöbeleien werden wir nicht die Flucht ergreifen. Noch leben wir weitgehend normal. Erst wenn es tatsächlich zum Brexit kommt, werden wir sehen wie sich unsere Lage entwickelt.«

Poles forgive us

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Anteilnahme in Harlow.

Die Polen in Harlow sind erfreut darüber, wieviel Anteilnahme, Zustimmung und Unterstützung sie in der letzten Zeit erfahren haben. Bogusław Kot, der polnische Pfarrer an der Our-Lady-of-Fatima Kirche berichtet von vielen Anrufen und Hilfsangeboten, die er von anglikanischen Organisationen bekommen hat. Sebastian Chudy erzählt von englischen Kunden, die ihn um Vergebung für ihre Landsleute gebeten haben. Die Lehrerin Agnieszka Kozłowska war beeindruckt von den vielen Engländern, die sich dem Schweigemarsch zu Ehren des ermordeten Polen angeschlossen haben.

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Bogusław Kot, polnischer Seelsorger in Harlow.

Pfarrer Kot sprach am Ende des Schweigemarsches das Gebet. Er warnte vor Sensationshascherei und zu vielen Emotionen. Aber auch er, das gibt er offen zu, konnte nicht die Tränen unterdrücken, als Arkadiuszs Mutter heimlich zu ihm kam. Sie scheut die Öffentlichkeit. »Es gibt keine Worte, die sie trösten könnten. Nur Gott kann ihr die Kraft geben das durchzustehen. Dafür bete ich.«“

Poor leave, other stay

Knapp vierhundert Kilometer nordwestlich von Harlow, in Blackburn, bestätigt Pfarrer Robert Pytel, mit dem die Zeitung „Nasz Dziennik“ sprach, dass auch in seiner Gegend die Polen sich mehr in Acht nehmen müssen. In der Stadt mit ihren einhunderttausend Einwohnern und im Umkreis von 50 Kilometern wohnen etwa fünfzehntausend Polen, zumeist Fabrikarbeiter. In drei polnischen Wochenendschulen lernen knapp fünfhundert Kinder. Englische katholische Gemeinden, selbst vom Aussterben bedroht, gewähren den Immigranten gern Obdach für Unterricht und Gottesdienste.

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In Blackburn leben inzwischen überwiegend Pakistanis, mit denen es kaum Berührungspunkte gibt. Die englische Minderheit zieht sich immer mehr zurück, aber auch hier vergeht kaum kein Tag ohne Pöbeleien entfesselter Hooligans gegen Polen. »Um Moslems zu provozieren sind sie zu feige«, berichtet Marek Jurkowski, der in Blackburn eine Würstchenbude betreibt.

Pfarrer Pytel beobachtet zwei Verhaltensweisen. Eine Minderheit der Blackburner Polen ist dabei ihre Rückkehr in die Heimat vorzubereiten. Und bei diesem Thema ist nicht die Verschlechterung der Atmosphäre ausschlaggebend.

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Robert Pytel, polnischer Seelsorger in Blackburn.

Da ist das neue Kindergeld in Polen: 500 Zloty (ca. 120 Euro) im Monat für das zweite und jedes weitere Kind bis zum achtzehnten Lebensjahr. Hinzu kommt die Anhebung des minimalen Stunden- (auf umgerechnet 2,80 Euro) und Monatslohns (auf umgerechnet knapp 500 Euro) durch die Regierung Beata Szydło. Da sind auch die auf ein Rekordtief gefallene Arbeitslosigkeit in Polen und die hohen Lebenshaltungskosten in England, die die höheren britischen Einkommen der polnischen Kleinstverdiener auf den Inseln fast restlos auffressen.

Wer wenig verdient will gehen. Diejenigen, die sich zumindest ein kleines bisschen hochgearbeitet haben, wollen bleiben, kaufen Häuser und sparen, um die britische Staatsangehörigkeit zu beantragen. Die kostet umgerechnet eintausend Euro pro Person, vorausgesetzt man hat die zuvor abzulegende Prüfung bestanden.

Lesenswert auch: „Auswanderer. Polen hat sie wieder. Was für die Heimkehr spricht“.
© RdP




Das Wichtigste aus Polen 31. Januar – 6. Februar 2016

Kommentator Jakub Kukla und Janusz Tycner gehen auf die wichtigsten Ereignisse der Woche ein: Richtlinien der Aussenpolitik der nationalkonservativen Regierung von Aussenminister Witold Waszczykowski vor dem Sejm präsentiert, Grossbritanien Polens neuer wichtiger EU-Partner. Die offiziellen polnisch-deutschen Beziehungen von  Nüchternheit und Normalität geprägt, von Eiszeit keine Spur. Ministerpräsidentin Beata Szydło bespricht in Oslo norwegische Erdgaslieferungen nach Polen. Reform der Staatsnawaltschaft. Neues Kindergeld im Anmarsch.

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Das Wichtigste aus Polen 13. Dezember – 19. Dezember 2015

KommentatorJanusz Tycner und Joachim Ciecierski gehen auf die wichtigsten Ereignisse der Woche ein: Staatspräsident Andrzej Dudas zornige Rede zum 45. Jahrestag der Dezember-Unruhen an der polnischen Ostseeküste: die Dritte Republik hat versagt. Neues Gesetz über das Verfassungsgericht soll mehr Ausgewogenheit in die Spruchkammer bringen. Staatshaushalt 2016 unter Dach und Fach. Neue soziale Leistungen sind finanzierbar. Staatspräsident Andrzej Duda zu Besuch in Kiew. Der britische Ministerpräsident zu Besuch in Warschau. Polens Haltung: neue EU-Grenzpolizei Frontex ja, aber nicht unter Zwang. Polens Hoffnung: Brüsseler Gespräch zwischen Ministerpräsidentin Beata Szydło und Martin Schulz wird die antipolnischen Emotionen des EU-Parlamentspräsidenten zähmen.

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Das Wichtigste aus Polen 13. September – 19. September 2015

https://soundcloud.com/radiodienst-polska/das-wichtigste-aus-polen-13september-19september-2015

Staatspräsident Andrzej Duda ehrt in London polnische Flieger, die an der Luftschlacht um England 1940 teilgenommen haben und wirbt für ständige Nato-Stüzpunkte in Polen. Wahlkampfparteitage der Opposition und der Regierungspartei. Wahlkampf geht in seine heiβeste Phase über. Hitzige Flüchtlingsdebatte im Sejm. Deutsche und EU-Drohungen und Erpressungsversuche gegenüber Polen und anderen ostmitteleuropäischen Ländern häufen sich und können die EU dauerhaft zu beschädigen.