Begabt, bekannt, arrogant

Am 21. März 2021 starb Adam Zagajewski.

Er war zweifelsohne ein herausragender Dichter. Nach Außen gab Adam Zagajewski zudem gekonnt den besonnenen und vornehmen Poeten. Für das traditionelle Polen und seine Menschen jedoch empfand der sonst so umsichtige Feinarbeiter des Wortes lediglich Verachtung.

Dabei war er nur ein Funke eines großen Problems. Durch die politische Landschaft Polens verläuft nämlich seit dem 19. Jahrhundert eine dicke Trennlinie. Sie spaltet das Land in eine „weltoffene“ Intelligenz, die seit Generationen Polen nach dem Kopieren-Einsetzen-Prinzip modernisieren möchte. Die „Weltoffenen“, zu denen Zagajewski zählte, schämen sich zutiefst des angeblichen Provinzialismus der Bevölkerungsmehrheit, über die sie immer wieder überheblich ihre Verachtung und Häme ausschütten.

Das Kolonialfeldwebel-Syndrom

Die Scham der „Modernisierer“ erweckt alles, was sie für „uneuropäisch“ halten. Da ist die verbreitete Religiosität mit all ihren ins Auge stechenden Merkmalen. Das Festhalten an der traditionellen Familie. Die polnische Geschichte, die sich in der vermeintlich sinnlosen Aufopferung in den Freiheitskämpfen erschöpft.

Da Polen angeblich zumeist von nicht, bzw. nicht genügend „modernisierten“ Menschen bewohnt wird, ist es für die „Modernisierer“ „uninteressant, trostlos, provinziell“. So formulierte es einer von ihnen, Andrzej Stasiuk, ein in Deutschland viel gefeierter Schriftsteller und um eine brutale Polen-Schelte nie verlegen.

„Die Welt ist an Polen nicht interessiert. Wieviel kann man sich anhören über Marie Curie-Skłodowska und Johannes Paul II., umso mehr als für den Zweiten das Verfallsdatum schon allmählich abzulaufen scheint. Wir haben natürlich Auschwitz, ein Objekt von Weltrang, aber das haben uns die Deutschen gebaut. So gesehen gibt es bei uns nichts Besonderes“, so Stasiuk, („Gazeta Wyborcza“, 30.04.2021).

Viele der „Modernisierer“: Künstler, Wissenschaftler, Ingenieure, Manager, Sportler, Journalisten leiden am Kolonialfeldwebel-Syndrom

Keiner hasste seine schwarzen, halbnackten Miteingeborenen, die vor ihren palmenblattgedeckten Lehmhütten im Rhythmus der Tam-Tams hüpften mehr, als der schwarze Kolonialfeldwebel. Stets brav und treu zu Diensten, auf der aufgeblähten Brust an der Kolonialuniform die Tapferkeitsmedaille tragend, wähnte er sich den Weißen gleich.

Leider kamen ihm immer wieder seine „peinlichen“, „wilden“ Landsleute in die Quere. Von den Kolonialherren verachtet, verhöhnt und ausgebeutet, „blamierten“ sie ihn. Sie führten ihm immer wieder schmerzhaft und demütigend die eigene Herkunft und Zugehörigkeit vor Augen , die er zu verdrängen suchte. Umso tiefer buckelte er nach oben und umso heftiger trat er nach unten.

So ist es auch mit den Eingeborenen in Andrzej Stasiuks „uninteressantem, trostlosem, provinziellem“ Polen. Sie machen alles falsch: sie wählen falsch, sie wollen keine islamischen Migranten aufnehmen, sie reden von der Tötung ungeborener Kinder, sie wollen ihre Steinkohlebergwerke nicht von heute auf morgen schließen und, und, und… Die „Modernisierer“ schämen sich zutiefst für dieses „peinliche“ Polen. Soziologen sprechen von einer „Pädagogik der Scham“, und die wirkt.

Dieses „peinliche“ Polen ist ein Stachel im Fleisch Stasiuks und vieler anderer, mit Preisen, Stipendien und Lesereisen entlohnter polnischer Künstler, Wissenschaftler, Sportler etc. Folglich ziehen sie in Wort und Schrift über das eigene Land her und das deutsche u. a. ausländische Publikum nimmt es wohlwollend wahr.

Das gehört zum Geschäft, bringt noch mehr Preise, Stipendien, Lesereisen, Auflagen und Aufträge ein. Wer sich vor das vermeintlich „peinliche“ Polen stellt, mag er noch so begabt sein, vergibt die Chance auf diese Meriten des Erfolgs.

Auch Adam Zagajewski litt an diesem Syndrom, machte sich das Benehmen der daran Leidenden zu eigen. Was nicht die Tatsache verschleiern soll, dass er als ein ernsthafter Anwärter auf den Literaturnobelpreis galt. Leider stand die nicht selten erlesene Qualität seines literarischen Schaffens im krassen Widerspruch zum erbärmlich arroganten Niveau seiner politischen Stellungnahmen.

Sein Urteil über Polens ehemalige Ministerpräsidentin Beata Szydło von 2019 soll hier nur als Beispiel angeführt werden: „Frau Szydło ist das Ideal der Menschlichkeit für eine halbe Million Menschen.“ (Szydło hatte bei den Europawahlen 2017 historisch das landesweit mit Abstand beste Ergebnis von 525.000 Stimmen erzielt – Anm. RdP). „Sie spricht keine Fremdsprachen, sie kleidet sich schrecklich, sie redet wie eine Kindergärtnerin in depressivem Zustand, offensichtlich treibt sie keinen Sport und liest keine Abhandlungen von Carl Schmitt, wie es ihr geheimnisvollerer Chef (Jarosław Kaczyński – Anm. RdP) tut, aber sie gefällt.“

Von seinen Verehrern, die ansonsten auf Schritt und Tritt Frauenfeindlichkeit und männlichen Chauvinismus wittern, bekam Zagajewski für diese Aussage viel Beifall.

Und Polen heutzutage? „Polen ist schrecklich“. „Ein Auswurf Europas“. „In der Provinz geht es noch zu wie im 19. Jahrhundert“. „Die Kirche ist eine Katastrophe“ usw., usf.

Im Viehwaggon nach Gleiwitz

Er kam, knapp zwei Monate nach Kriegsende, im Juni 1945 in Lwów/Lemberg zur Welt. Im Juli 1944 hatte die Rote Armee die deutschen Truppen aus der polnischen Stadt verdrängt. Zusammen mit der Hälfte des polnischen Staatsgebietes aus der Vorkriegszeit wurde Lwów 1945 der Sowjetunion zugeschlagen. Mit Repressalien, brutalem Entzug ihrer Existenzgrundlagen und Gewalt, trieben die Sowjets die polnischen Bewohner in das neue, kommunistische Polen.

Was damals in Lemberg vor sich ging, können Sie hier in unserem Beitrag „Das Ende des polnischen Lwów“ nachlesen.

Lwów 30. Juli 1944. Tribüne vor der Oper während der Kundgebung für die „befreiten Volksmassen“.

Die Polen in Lwów hatten viel durchgemacht: „die grausame Wehrmacht in kleidsamen Uniformen,/ der niederträchtige NKWD kommt, rote Sterne/ versprechen Freundschaft, bringen aber Verrat“, dichtete Zagajewski Jahrzehnte später.

Viele von ihnen verdrängten das sich anbahnende Unheil: „Sie sehen das nicht, sehen es fast nicht,/ haben so viele Dinge zu erledigen, man muss/ Kohle für den Winter besorgen, einen guten Arzt finden“, und so geht es weiter, immer weiter, das Leben verrinnt in alltäglichen Mühen, selbst die Toten „sind ständig verspätet, hoffnungslos verspätet,/ so wie wir, genau wie wir, wie ich“. Bis nur noch eine Möglichkeit blieb der Unerträglichkeit des Seins unter den Sowjets zu entkommen: sich für den Abtransport anzumelden.

Ulica Piaskowa im polnischen Lwów vor dem Zweiten Weltkrieg.

Auch der Familie Zagajewski blieb im Oktober 1945 nichts anderes übrig als ihre Wohnung in der ulica Piaskowa 10 (heute Piskowa, Sandstrasse) zu räumen. Mit dem viermonatigen Adam auf dem Arm und seiner älteren Schwester Ewa an der Hand, gelangten Vater Tadeusz, Mutter Ludwika, der Großvater und zwei Tanten nach einer viele Tage dauernden Bahnfahrt in einem Viehwaggon nach Gleiwitz.

Seit einigen Monaten hieß die Stadt offiziell Gliwice. Vor dem Zweiten Weltkrieg lag sie auf der deutschen Seite, direkt an der Grenze, die Oberschlesien in einen deutschen und in einen polnischen Teil spaltete. Hier täuschten die Nazis am Abend des 31. August 1939 den „polnischen Bandenüberfall auf den Sender Gleiwitz“ vor, der ihnen den Vorwand zum Einmarsch in Polen liefern sollte.

In der viertgrößten Stadt Oberschlesiens wohnten bis in die späten Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts, trotz der Massenflucht vor der Roten Armee und trotz der Aussiedlungen unmittelbar nach dem Krieg, immer noch etliche Deutsche, nun mit polnischer Staatsangehörigkeit. Als Spätaussiedler durften sie ab Mitte der Fünfzigerjahre nach und nach in die Bundesrepublik ausreisen.

„Meine ersten Worte waren auf Deutsch“

Adams Kindermädchen war eine von ihnen. „Eine reizende junge Frau, die zur Freundin der Familie wurde. Meine Eltern sagten mir immer, die ersten Worte, die ich sprach, waren auf Deutsch, weil ich mit dem Kindermädchen so viel Zeit verbrachte“, erinnerte sich Zagajewski Jahrzehnte später in einem Zeitungsinterview. Sein Großvater, ein polnischer k.u.k-Beamter aus der Zeit vor 1918, als Lwów österreichisch war, sprach hervorragend Deutsch und setzte das Werk des Kindermädchens fort.

Gliwice in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts.

Später kokettierte Zagajewski in Deutschland publikumswirksam damit, er habe Deutsch mühevoll, von Grund auf, bei der Lektüre von Günter Grass „Blechtrommel“ gelernt. Das sollte Anfang der Sechzigerjahre geschehen sein. Damals hatte die Parteipropaganda im kommunistischen Polen das Buch als dekadent und die Polen beleidigend eingestuft. Nur einige wenige deutschsprachige, eingeschmuggelte Exemplare kursierten im Untergrund. An eine polnische Übersetzung war damals nicht zu denken.

„Deutsch lernen mit Oskar Matzerath, mit wilder, überbordender Literatur also, die die Anstrengung mit Genuss belohnt“, tönte es aus dem deutschen Blätterwald in einem der vielen hochtrabenden Nachrufe auf den Dichter. Eine selbstgemachte Legende begleitete Zagajewski ins Jenseits, von ihm erdichtet für die in der FAZ abgedruckte „Lobrede auf einen strengen Deutschlehrer“ Günter Grass, als dieser 1999 den Literaturnobelpreis verliehen bekam.

Die deutsche Sprache und die deutsche Lebensweise begleiteten ihn von klein auf in Gliwice. „Ich bin in einer ehemalig deutschen Stadt aufgewachsen; fast alles in der Welt meiner Kindheit sah deutsch aus und roch auch so. Der Kohl schien deutsch zu sein, die Bäume und Mauern erinnerten an Bismarck, die Drosseln sangen mit teutonischem Akzent. Meine Schule hätte in jedem Berliner Vorort stehen können; der preußische Backsteinbau war rot wie die Lippen der Wagner-Sänger.“

1953 mit Mutter Ludwika und Schwester Ewa in Gliwice.

Dem Großvater und den Eltern war das triste, von Industrie und rußgeschwärzter, behäbiger wilhelminischer Architektur geprägte Gliwice schlicht zuwider. Die Sehnsucht nach der verlorenen Lemberger Heimat überschattete alles. „Meine Mutter weinte als sie durch Gliwice ging“, erinnerte sich Zagajewski. Er war auch viel mit dem Großvater unterwegs. „In Wirklichkeit spazierten wir durch zwei verschiedene Städte. Ich lief durch Gliwice, er durch Lemberg“.

Der junge Zagajewski hatte keine Erinnerungen an Lwów. Gliwice war im Grunde seine Geburtsstadt. Ohne Berührungsängste tauchte er in sie ein, fand sie rätselhaft, spannend, konnte sie aufgrund seiner erlernten Deutschkenntnisse entschlüsseln, nachvollziehen. interpretieren. Das vermochten die meisten polnischen Neuankömmlinge nicht. Sie wollten es auch gar nicht, nach dem Horror der deutschen Besatzungszeit.

Zagajewskis Deutsch wurde noch besser, nachdem er gut ein Jahr, von März 1979 bis September 1981 in Westberlin gelebt hatte. Ausgestattet mit einem üppigen Literaturstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) konnte er sich ohne Weiteres einen gebrauchten VW-Käfer und einen dreimonatigen Abstecher in die USA leisten.

Seit der Westberliner Zeit war Zagajewski in den westdeutschen Literaturbetrieb fest eingebunden. Seine welthaltigen und gedankenvollen“ Gedichte, wie sie die deutsche Kritik charakterisierte, aber auch seine Essays wurden fortlaufend übersetzt, verlegt und zumeist enthusiastisch besprochen. Im Juni 2015 wurde er sogar in die Reihen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen, obwohl er ausschließlich auf Polnisch dichtete.

Zagajewski, das Hätschelkind der Partei auf Abwegen

Als er 1979 auf der Großstadtinsel Westberlin ankam, war ihm seit etwa vier Jahren jedwede öffentliche Aufmerksamkeit im kommunistischen Polen versagt geblieben. Zagajewski hatte bereits seit Ende 1975 und dann bis etwa 1988, als das System zunehmend schwächelte, Publikationsverbot im kommunistischen Polen. Er war aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen worden und hatte seine Stelle als Marxismus-Dozent verloren. Sein Name durfte in den Medien nicht erwähnt werden.

Das war die gängige Strafe für Autoren, wenn sie politisch ausbüxten. Und als Mitunterzeichner des Protestbriefes von 59 Intellektuellen, die sich Ende 1975 gegen die von den regierenden Kommunisten fest ins Auge gefassten Verfassungsänderungen stellten, zählte Zagajewski nun zu diesem Kreis.

Polens kommunistische Verfassung stammte aus dem Jahr 1952. Jetzt ging es darum die „führende Rolle der kommunistischen Partei im Staate“ und das „dauerhafte und unverbrüchliche Bündnis mit der Sowjetunion“ nachträglich darin aufzunehmen und diese beiden Prinzipien somit in den Rang unumstößlicher Verfassungsnormen zu hieven.

Ob in der Verfassung verankert oder nicht, die Partei entschied sowieso über alles, und Polen war damals ohnehin eine sowjetrussische Kolonie. Dennoch stießen die geplanten kommunistischen Verfassungsnovellen Ende 1975 auf tatkräftigen Widerstand regimekritischer Intellektueller und der katholischen Kirche.

Verhindern konnten sie es nicht. In einer Diktatur ist es jedoch stets wichtig Zeichen zu setzen, Zeugnis abzulegen, den aufrechten Gang zu gehen, in der Hoffnung, die eingeschüchterte Gesellschaft wird sich das irgendwann auch trauen. Knapp fünf Jahre später, im Sommer 1980, waren die Polen  so weit, sie erstreikten sich Solidarność .

Als Zagajewski Ende 1975 den Protestbrief der 59 unterschrieb, war er dreißig Jahre alt. Damals ein schon durchaus bekannter, moderner Dichter, der sich hoffnungsfroh auf den Kommunismus eingelassen hatte und sich nun von ihm düpiert sah.

Daraus zog er mit seiner Unterschrift die Konsequenzen. Das Publikationsverbot in Kauf nehmend, meldete sich Zagajewski Ende 1975 bewusst vom offiziellen Literaturbetrieb ab und begab sich in die Grauzone des Samisdat (aus dem Russsichen: Eigenauflage, Selbstverlag), die sich in Polen in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre schnell ausbreitete.

Zunächst auf Schreibmaschinen mit Durchschlägen abgetippt, später auf primitiven Matrizendruckern vervielfältigt, kreisten unter der Hand immer mehr Einzeltexte, Broschüren, in grobe Pappdeckel gebundene Bücher, Periodika mit Inhalten die offiziell nicht erlaubt waren. Oft nur schwer leserlich, weil notgedrungen auf schlechtem Papier klein gedruckt, um mehr Inhalt unterzubringen, bildeten sie den „zweiten Umlauf“. Er unterspülte zunehmend das staatliche Meinungsmonopol, auch wenn die Staatssicherheit alles in ihrer Macht stehende tat, um das zu verhindern.

Untergrundzeitschrift „Zapis“.

Zagajewski war einer der Begründer und Redakteure der wichtigsten kulturpolitischen Zeitschrift des „zweiten Umlaufs“, „Zapis“ („Niederschrift“). Er unterschrieb weitere Protestschreiben, hielt im Auftrag des 1978 ins Leben gerufenen Verbandes Wissenschaftlicher Kurse (TKN) Vorlesungen in Privatwohnungen vor älteren Schülern und Studenten.

Diese unabhängige Bildungsinitiative entstand, um die unzähligen, ideologisch bedingten Auslassungen, Verdrehungen und Fälschungen im offiziellen Geschichts- und Literaturunterricht zu korrigieren. Es war kein ungefährliches Unterfangen. Die Staatssicherheit sprengte die Veranstaltungen, wenn sie von ihnen erfuhr. Teilnehmer wurden eingeschüchtert, Wohnungsinhaber mit Geldstrafen belegt, Referenten vorläufig festgenommen und dauerhaft bespitzelt. Die organisierten Repressalien trugen den Stasi-Decknamen „Pegasus“.

Vor allem jedoch schrieb Zagajewski weiterhin seine Gedichte und Essays. Sie erschienen im „zweiten Umlauf“ und, in den Westen hinausgeschmuggelt, in polnischen Exilverlagen in Paris und London. Das originelle Werk des Dichters und Dissidenten aus dem kommunistischen Polen weckte Neugier jenseits des Eisernen Vorhangs. Erste Übersetzungen brachten dem Autor Devisen-Tantiemen ein, von denen er auskömmlich existieren konnte, trotz des Publikationsverbotes in Polen.

Hinzu kamen erste, mehr oder minder dotierte ausländische Literatur-Auszeichnungen. Zudem unterstützte Vater Tadeusz, ein angesehener Professor für elektrische Installationen an der Technischen Hochschule in Gliwice seinen Sohn regelmäßig. Etwas Geld gab es auch für das Korrigieren der Druckvorlagen bei der katholischen Monatszeitschrift „Więź“ („Bindung“).

Die Staatssicherheit behielt von nun an ein wachsames Auge auf Zagajewski. Im Jahr 1976 legte sie eine Akte über ihn an (Vorgang „Cichy“ – „der Stille“) und ließ ihn durch Informelle Mitarbeiter (IM’s) bespitzeln.

So lebte Zagajewski fünf Jahre lang in Kraków, bis ihm die Behörden im März 1979 erlaubten, als DAAD-Stipendiat, nach Westberlin zu gehen, in der Hoffnung, er werde ihnen den Gefallen tun und für immer im Westen bleiben.

Über Zagajewskis Dissidenten-Zeit wissen wir gut Bescheid. In den folgenden Jahrzehnten ließ er sich in Interviews immer wieder gerne ausführlich darüber aus. Wenn es jedoch um die Zeit davor ging, gab er sich ausgesprochen wortkarg und nebulös, wiegelte ab und verharmloste.

Die Partei züchtet eine neue Elite

Mit achtzehn Jahren ging der Gliwicer Abiturient Adam Zagajewski 1963 nach Kraków, in die Stadt der Jagiellonen Universität, um Psychologie und Philosophie zu studieren. Später beschrieb er, wie er sich mit einer Sondergenehmigung in der Jagiellonen-Bibliothek durch verbotene Literatur las, darunter die Essays und Gedichte des polnischen Exilpoeten und späteren, Literaturnobelpreisträgers von 1980, Czesław Miłosz. Ein weiterer Beweis seines Ungehorsams sollte damit erbracht werden.

Doch in Wirklichkeit durchlebte Zagajewski zwischen Mitte der Sechziger und Anfang der Siebzigerjahre eine Phase der Begeisterung für den Marxismus. Er ging zudem jahrelang den Kommunisten willig zur Hand bei ihrem Bestreben eine neue, junge kommunistische intellektuelle Elite heranzuzüchten.

Der Massenterror, die Verherrlichung der Stoßarbeit, der pompöse sozialistische Realismus als einzige zulässige Stilrichtung in Literatur, Dichtung, Malerei, Musik, Bildhauerei, Architektur hatten nach Stalins Tod 1953 im ganzen Ostblock rasch ausgedient. In Polen brachte das politische Tauwetter Mitte der Fünfzigerjahre den Eispanzer des dogmatischen Kommunismus am weitesten zum Schmelzen.

Trotz aller Abschottung, auch ohne Fax, Internet, Handy und Satelliten-TV, schwappten nun die westlichen Moden und Trends auf die polnische Jugend jener Zeit in einem Ausmaß über, der die nachstalinistische Parteiführung unter Władysław Gomułka händeringend nach neuen Formen der ideologischen Vereinnahmung suchen ließ.

Amerikanischer Jazz und die britische Beatmusik, der französische Nouveau Roman, die französische Nouvelle Vague (Neue Welle), der späte italienische Neorealismus und New-Hollywood im Kino, Becketts Theater des Absurden und vieles mehr, was aus dem Westen an geistigen Anregungen kam, saugten die jungen angehenden oder gerade gewordenen polnischen Intellektuellen förmlich in sich auf. Damit einher ging ein lockerer Lebensstil, viel aufgesetzter Nihilismus, eine offen zur Schau getragene Distanz zum kommunistischen System.

Die polnischen Genossen wollten nicht nur zu Verboten greifen, wie es in Ulbrichts DDR oder in der Tschechoslowakei üblich war. Eine neue, geistige Elite sollte der beunruhigenden Entwicklung Einhalt gebieten. Junge, leger auftretende, Pfeife rauchende, langhaarige Brillenträger: Dichter, Schriftsteller, Philosophen, Künstler, allesamt „moderne Marxisten“, die sich in Hochschulkreisen als Meinungsführer hervortaten, gingen seit Anfang der Sechzigerjahre den kommunistischen Kulturfunktionären reihenweise auf den Leim.

Marxismus aller Schattierungen stand damals hoch im Kurs in den Hörsälen und Studentencafés von Paris, Rom, Frankfurt am Main. Polens linke junge Elite, die sich auch das zum Vorbild nahm, war so ein gefundenes Fressen für die gewieften Apparatschiks.

Sie verlangten kein stumpfsinniges Nachbeten leninistischer Dogmen mehr. Wer den Theorien der Italo-Marxisten Antonio Labriola und Antonio Gramsci, dem Schaffen György Lucács, der Frankfurter Schule oder gar der von Stalin verfemten Rosa Luxemburg nachhing, durfte das ruhig im stillen Kämmerlein und in verqualmten Studentenbuden tun. Was davon nach Außen drang bestimmte ohnehin die Zensur.

„Im russischen Birkenwald“. Auf der Startbahn zur Dichterkarriere

Die Partei streckte den jungen Dichtern ihre Hand entgegen. Ein weitgespanntes Netzwerk von Poesiewettbewerben sollte möglichst unauffällig parteigenehme Talente herausfiltern, fördern, formen. Was man in solchen Wettbewerben gewinnen konnte war für junge, erfolgshungrige Lyriker sehr verlockend: ein Stipendium, die Veröffentlichung des ersten Gedichtbandes, die Publikation des Poesiedebüts in einer angesehenen Literaturzeitschrift. Das waren die Startbahnen zu Dichterkarrieren.

Ausgerichtet haben diese Wettbewerbe bezeichnenderweise Institutionen, wie die Gesellschaft für Polnisch-Sowjetische Freundschaft, das Lenin-Museum in Warschau, das Warschauer Haus der Sowjetischen Kultur, das Museum der Geschichte der Arbeiterbewegung, der Zentralrat der Gewerkschaften oder gar die Politische Hauptverwaltung der Armee.

Gefragt waren keine einprägsamen revolutionären Reimereien. Der „revolutionäre Inhalt“ durfte ruhig „modern“ sein, verpackt in Blankverse, verklausuliert, gespickt mit Parabeln, freien Assoziationen, Andeutungen. Wie in Zagajewskis Gedicht „Die Paradoxa der Eleaten“, in dem er die Allmacht der bolschewistischen Revolution besingt, die angeblich im Nu Probleme bewältigt, vor denen zuvor die geballte Intelligenz der Menschheit versagt hat:

„In einem alten Film aus der Zeit der Revolution/ bewegen sich die Soldaten/ mit dem unbedarften Schritt Chaplins/ der ein Schauspieler ist/ Schnell durchschreiten sie die Leinwand/ mit den Armen wackelnd/ Doch sie sind es/ die die Paradoxa der Eleaten gelöst haben/ Im russischen Birkenwald/ hat Achilleus die Schildkröte eingeholt (…).“

Eine andere Hauptperson der Neuen Welle, wie sich die modernen Dichter-Marxisten nannten, Julian Kornhauser, besang Lenin, der im Pariser Exil „das Haus auf Zehenspitzen verläßt, um die Frau des künftigen Bildungsministers (und seines bolschewistischen Kampfgefährten Lunatscharski – Anm. RdP) nicht zu wecken.“

Derselbe Kornhauser dichtete: „Um Gottes Willen tötet Rosa Luxemburg/ auf eine Weise die zu Studien über den Realismus der Revolution/ veranlasst, stecht die Augen mit dem ungewöhnlichen Glanz/ Deutschlands aus, reißt die Haare aus, deren laue Weichheit/ dazu dienen wird übernatürliche Kräfte nachzuweisen/ zertretet das von Lenin geküsste Gesicht (…).“

Stanisław Barańczak, eine weitere wichtige Gestalt der „modernen“ marxistischen Neuen Welle, verkündete 1971 in dem Manifest der Dichtergruppe mit dem Titel „Mißtrauisch und Eingebildet“: „Der Marxismus ist die romantischste Philosophie aller Zeiten.“, „Es ist die lebendigste Philosophie, die jemals entstanden ist.“, „Im marxistischen System stellt die Dialektik das Regelwerk der Entwicklung ausnahmslos aller Bereiche bereit, angefangen beim materiellen Dasein bis hin zur Gesellschaft und dem Denken.“

Wen die wachsamen Juroren durch das Sieb der staatlich gelenkten Dichterwettbewerbe durchrutschen ließen, der konnte weiterhin für sich allein an seinen Strophen feilen.

Wer sich „modern engagiert“ zeigte, wurde eingeladen zu „Dichtersymposien“, veranstaltet vom kommunistischen Jugendverband ZMS und zu „Beratungen der Jungliteraten mit der Leitung der Kulturabteilung des Zentralkomitees“ der kommunistischen Partei. In Berichten von diesen Veranstaltungen aus den Jahren 1968 bis 1973 tauchen immer wieder dieselben Namen von Rednern und den aktivsten Diskussionsteilnehmern auf: Barańczak, Zagajewski, Kornhauser, Karasek u. e. m.

Studentenunruhen in Warschau im März 1968.

Jahre später zeigte sich Zagajewski immer wieder bestürzt über die brutale Unterdrückung der studentischen Massenproteste im März 1968 in Warschau, Krakau und einigen anderen Städten sowie die darauf folgenden Repressalien. Wie sich damals diese Bestürzung und die gleichzeitige vertrauensvolle Nähe zum Regime vereinbaren ließen, blieb Zagajewskis Geheimnis.

Dozent für Marxismus, Dichter für Propaganda

Sehr weit konnte es seinerzeit jedenfalls mit der Jahrzehnte später immer wieder beteuerten Distanz zum System nicht gewesen sein. Zagajewski trat in die regierende kommunistische Polnische Vereinigte Arbeiterpartei ein. Mit gerade einmal 24 Jahren bekam er 1969 eine Stelle am Lehrstuhl für Marxistische Philosophie am Institut der Sozialwissenschaften der Krakauer Akademie für Bergbau und Hüttenwesen.

Hauptgebäude der Krakauer Akademie für Bergbau und Hüttenwesen. Erbaut 1935.

Marxistische Philosophie war, genauso wie Russisch, im kommunistischen Polen ein Pflichtfach in allen Studienrichtungen und ein wichtiges Mittel der ideologischen Abrichtung der Jugend. Ob angehender Tierarzt, Volkswirt oder Astronom, ohne eine belegte Marxismus-Prüfung gab es kein Diplom. Zagajewski wurde damals dafür bezahlt, künftigen Ingenieuren die allseits nicht gemochte Ideologie einzutrichtern.

Marxismus-Dozent Adam Zagajewski Anfang der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts.

Wer heute in den vergilbten Ausgaben der in Krakau erscheinenden Zeitschrift „Student“ (Motto auf der Titelseite: „Wir kämpfen für das Wohl des sozialistischen Vaterlandes“) von Anfang der Siebzigerjahre blättert, findet hie und da einen Beitrag des Marxismus-Dozenten Zagajewski. Neben extrem hochgestochenen Kurzessays über Gabriel Marcel und Marcel Proust, gibt es auch aktuell Politisches.

Arbeiterrevolte in den Küstenstädten im Dezember 1970. Panzer auf dem Langen Markt in Gdańsk.

Mitte Dezember 1970 brachen in Polens Küstenstädten Elbląg/Elbing, Gdańsk/Danzig, Gdynia und Szczecin/Stettin schwere Arbeiterunruhen aus. Eine starke Lebensmittelpreiserhöhung kurz vor Weihnachten brachte das Fass der allgemeinen Unzufriedenheit mit dem miserablen Lebensstandard zum Überlaufen. Nach dem massiven Einsatz von Polizei und Militär gab es an die siebzig Tote zu beklagen. Parteichef Władysław Gomułka, der den Schießbefehl gegeben hatte, war nach vierzehn Jahren im Amt nicht mehr zu halten, er musste gehen. Mit dem Machtantritt seines Nachfolgers Edward Gierek wurde das Land von einer Aufbruchsstimmung erfasst.

Zagajewski schrieb in der März-Ausgabe 1971 des „Student“, er habe im Dezember 1970 in Krakau, wo es keine Unruhen gegeben hatte, in seiner Hochschule, „Marxismus-Unterricht erteilt. Wir haben uns nicht etwa mit Platon oder Descartes beschäftigt, womit man den Dezember-Sturm hätte bequem aussitzen können, sondern mit Marx. Der Marxismus musste unter diesen Umständen die Prüfung vor den Studenten bestehen. Ist er ein probates Mittel für die Analyse der Ereignisse und Ausgangspunkt für eine Erneuerung oder ist er nur ein Ammenmärchen der Propaganda?“ Zagajewskis weiteren Ausführungen kann man entnehmen, der Marxismus taugt viel.

In der Mai-Ausgabe von 1971 ist der Zagajewski-Text „Was hat sich bei Dir verändert?“ der „Student“-Aufmacher.

„Der Prozess der Veränderungen hat begonnen. Von dieser Perspektive aus gesehen ist die soziale Ungeduld etwas Wertvolles. Sie ist die Garantie dafür, dass der Trend zur Veränderung aufrechterhalten bleibt. Einer Veränderung, die nicht emotional veranlagt sein sollte, sondern mit Bedacht und staatsbürgerlicher Verantwortung angegangen wird.“

Und weiter: „Es gibt viel zu erörtern. Neben solch grundsätzlichen Fragen, wie die führende Rolle der Partei, wie das Konzept der sozialistischen Demokratie und die Schaffung eines besseren Klimas im öffentlichen Leben (…) muss man schöpferisch über das Modell des Kommunismus und seine Umsetzung in unserem Land diskutieren. Alle bereiten sich vor auf diese große und zugleich diszipliniert geführte Diskussion.“

Die größte Sorge des Genossen Zagajewski war damals, wie man liest, dass bloß nichts der Kontrolle der Partei entgleitet. Disziplin ist alles.

Noch im April 1974, gut ein Jahr vor seinem Bruch mit dem System, veröffentlichte Zagajewski, ausdrücklich vorgestellt als Mitglied der kommunistischen Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, in der Studenten-Illustrierten „Itd.“ (deutsch „usw.“) das Gedicht „Melodie“. Es wurde interpretiert als eine verklausulierte Lobeshymne auf die angebliche Redefreiheit, die nach Giereks Machtantritt ausgebrochen sei.

„Man hat erlaubt zu reden. Das trockene Klappern der Zungen/ füllte alle Luftgefäße./ Sie flatterten schnell, quasi vorsorglich./ Mit freudiger Lebhaftigkeit die erstarrte Substanz bewegend,/ die hartnäckige Gallerte, auf deren Oberfläche/ sich seit Jahren Rinnsale gebildet haben,/ provisorische Bahnen. Verschlungen zu entfernten/ Knoten legten sie für lange Zeit jedwede/ Hoffnung auf Besserung trocken, und doch kam sie in Gang,/ die Blockaden wurden schnell durchrieben, (…).“

21.03.1975. Redaktionssitzung der Beilage „Młoda Kultura“. Von links i. B.: Ryszard Krynicki, Adam Zagajewski, Tadeusz Nyczek, Stanisław Barańczak.

So viel Zuneigung und Loyalität Zagajewskis, Barańczaks, Kornhausers und der anderen Partei-Poeten der Neuen Welle wurde belohnt. Im Jahr 1971 bewilligte die Partei Geld und Papier (auch Zeitungspapier war im Kommunismus ein knappes Gut) für die Zeitschrift „Nowy Wyraz“ („Neuer Ausdruck“), von nun an eine Tribüne der Warschauer Neue-Welle-Gruppe. Die Krakauer Mitwirkenden um Zagajewski und Kornhauser bekamen im Jahr darauf eine ständige Beilage zur Zeitschrift „Student“ mit dem Titel „Młoda Kultura“ („Junge Kultur“).

Vom roten Glauben abgefallen

Zu der Zeit gerade einmal um die 25 Jahre alt, konnten sich die marxistischen Jungpoeten wichtig fühlen. Sie wurden hofiert, gedruckt, finanziell anständig honoriert und sogar mit knappen Konsumgütern, die man fast auschließlich auf staatliche Zuteilung bekam (Farbfernsehern, dem Kleinwagen Polski Fiat 126p, Neubauwohnungen) bedacht. Manch einer richtete sich in diesem goldenen Käfig dauerhaft häuslich ein, besang im Gegenzug in Poesie und Prosa seine Ketten.

Einige, wie Barańczak, Zagajewski, Kornhauser fielen Mitte der Siebzigerjahre vom kommunistischen Glauben ab. Jung, unerfahren, politisch naiv, hatten sie auf den Marxismus vertraut und darauf, der Kommunismus in Polen werde unter Parteichef Edward Gierek demokratischer, menschenfreundlicher, bunter, weniger bürokratisch, ökonomisch leistungsfähiger.

Oktober 1956. Hunderttausende bejubeln in Warschau den neuen Parteichef Władysław Gomułka.

Gierek hatte Władysław Gomułka beerbt, dem im Oktober 1956 Hunderttausende zugejubelt hatten, in der Hoffnung er werde einen „polnischen Weg zum Sozialismus einschlagen“. Mit der Zeit verwandelte sich Gomułka jedoch in einen greisen, starrsinnigen, labernden Apparatschik, den im Dezember 1970 eine blutige Arbeiterrevolte zum Sturz brachte.

Vermeintlicher Reformer Edwad Gierek besucht ein Bergwerk.

Gierek trat sein Amt im Dezember 1970 an, direkt nach dem Arbeiteraufstand in den Küstenstädten. Dem bisherigen oberschlesischen Parteifürsten eilte der Ruf eines „Machers“ und Pragmatikers voraus. Gierek nährte die Hoffnungen auf Reformen und mehr Wohlstand gewaltig, und bekam mit diesen Verheißungen die politisch explosive Lage im Land in den Griff.

Umso gewaltiger war einige Jahre später die Enttäuschung, als der dünne Zuckerguss der mit Westkrediten finanzierten neuen Prosperität wegschmolz und das ganze Elend des Systems wieder zum Vorschein kam: die polizeilich überwachte Bevormundung, gepaart mit katastrophalen Versorgungsengpässen.

Marxismus an der Fleischtheke. Polen Mitte der Siebzigerjahre.

Die offensichtliche Nicht-Reformierbarkeit des Kommunismus war zugleich eine Bankrotterklärung seiner theoretischen Grundlage, des Marxismus. Er war kein „probates Mittel für die Analyse der Ereignisse und Ausgangspunkt für eine Erneuerung“ mehr, wie ihn der Marxismus-Dozent Zagajewski noch im März 1971, zu Beginn der Gierek-Zeit, gepriesen hatte.

Inzwischen gab es nichts mehr zum Preisen. Zagajewski sah das ein und zog daraus die Konsequenzen. Zwischen Ende 1975, als er den Verfassungs-Protestbrief unterschrieb und dem Frühjahr 1979, als er als DAAD-Stipendiat nach Westberlin gehen durfte, betätigte er sich im Krakauer Dissidentenmilieu mit dem Eifer eines zum Antikommunismus frischbekehrten Neophyten.

Über die politischen Gedichte des jungen Zagajewski und seiner Freunde hatte in jener Zeit der spätere Literaturnobelpreisträger von 1980, Czesław Miłosz aus dem amerikanischen Exil einen herben Verriss geschrieben. Er verlangte, dass sie auf „metaphysische Distanz“ zur Wirklichkeit gehen sollten. Das sei die Vorbedingung für gute Poesie.

Flaneur der Gedanken

Der Tadel wirkte. Der gescheiterte Marxist Zagajewski ließ sich jedoch nicht in reine Mystik, in endlose Betrachtungen vom Sinn des Seins locken. Er fand seine eigene Poetik auf der Suche nach kleinen Offenbarungen, Geistesblitzen, Augenblicksideen bei der Betrachtung irgendeines Details des Alltags, etwa wenn er das Quietschen einer Straßenbahn hörte. „Die Blätter der Pappeln zittern./ Nur der Wind ist reglos.“ Das gefiel dem Publikum und entzückte die Kritik.

Flaneur der Gedanken. Adam Zagajewski in Paris 1989.

In Westberlin lernte Zagajewski ein anderes Leben kennen und wollte es von nun an nicht missen. Dort nahm er die Pose des melancholischen Flaneurs der Gedanken an, in der er sich am meisten gefiel.

„Ich kann mich gut daran erinnern, wie sehr mir das Fieber des oppositionellen Lebensstils in den ersten Wochen und Monaten in Berlin gefehlt hat. Ich habe das intensive Leben der Opposition nicht deswegen hinter mir gelassen, weil ich mich in ihm nicht wohlgefühlt hätte. Ich begann jedoch zu verstehen, dass es gut wäre, ein zurückgezogenes Leben auszuprobieren, ohne dabei das politische Engagement abzulehnen. Berlin wurde zu einem wichtigen Ort für meine Weiterentwicklung, ich war damals noch jung und ungeformt. Und es war eben Berlin, das mir dabei half, die Form für meine Zurückgezogenheit herauszufinden.“

Im entspannten, bequemen westlichen Wohlstandsdasein bestens angekommen, ganz auf das Schreiben von Gedichten und Essays konzentriert, betrachtete Zagajewski aus der Ferne den ersten, historischen Besuch des polnischen Papstes im Juni 1979 in seiner Heimat, desgleichen die Streiklawine und die Entstehung der Solidarność im Spätherbst 1980.

Und so sollte es die folgenden zwanzig Jahre weitergehen. Ganz auf sich bezogen, würdigte Zagajewski nur ab und zu das dramatische Geschehen in Polen eines flüchtigen, hinnehmenden Blickes aus seinen lauschigen Dichterlogen in Paris oder in Amerika.

Vorher aber ging der ohnehin bereits verlängerte Westberliner Stipendienaufenthalt im September 1981 zu Ende. Zagajewski kehrte nach Krakau zurück, tauchte jedoch nur ungern ein in die heftige politische Aufgeregtheit der letzten Wochen vor der unerwarteten Verkündung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981. Die Grenzen wurden geschlossen. Der für wenige Monate geplante Zwischenstopp im tristgrauen kommunistischen Polen verlängerte sich nun auf mehr als ein Jahr.

Kein verfolgter Dichter, doch ein Emigrant

Für Zagajewski war das eine Ewigkeit. Er hatte es eilig. Denn einige Zeit zuvor hatte sich eine gegenseitige Sympathie aus der Jugendzeit in ein voneinander Entzücktsein verwandelt. Die hübsche, talentierte Geigenspielerin Maja Wodecka und der junge Marxist Zagajewski waren sich Mitte der Sechzigerjahre beim Psychologiestudium an der Jagiellonen Universität schon einmal begegnet, hatten sich jedoch bald wieder aus den Augen verloren.

Maja Wodecka auf der Titelseite der Zeitschrift „Film“. März 1970.

Ein Starregisseur jener Zeit, Janusz Morgenstern, entdeckte die Schönheit zufällig und besetzte sie 1967 in einer kleinen Nebenrolle in seinem Spielfilm „Jowita“. Weitere Filme folgten. Wodecka, ein geborenes schauspielerisches Talent, begeisterte Kritiker und Publikum.

Sie wollte jedoch die große Karriere, die ihr bevorstand gegen eine noch größere in Frankreich eintauschen, und scheiterte. Von ihrem französischen Ehemann geschieden, die Tochter alleine erziehend, versuchte sie sich in Paris als Chefin einer kleinen Import-Export-Firma, später als Psychotherapeutin.

Zagajewski und Ehefrau in Kraków 2015.

Ende 1982 ließen die Behörden Zagajewski ziehen. Er war kein verfolgter Dichter, doch ein Emigrant. Nach Paris ging er Maja Wodeckas wegen. Geheiratet haben sie erst 1990. Dass er auf diese Weise auch der freudlosen Betrübtheit des Daseins im Kommunismus entkommen war, spielte für ihn eine erhebliche Rolle.

Zagajewski fand Arbeit an Universitäten. Es gelang ihm die eigene Sprache in der Ferne lebendig zu halten und Aufmerksamkeit zu wecken für Gedichte, die nur in Übersetzungen erschienen und Erfahrungen ausdrückten, die die Bewohner der Gastländer oft nicht kannten. Er erreichte auf diese Weise einen weitgehend stillen, stabilen Ruhm und wurde bis zuletzt, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, geradezu überhäuft mit Dichterpreisen.

Die Stille um Zagajewski zerbarst für eine Weile im September 2001, kurz nach dem Terrorangriff auf die Twin Towers in New York. Ein Redakteur des legendären Kulturmagazins „The New Yorker“ stieß auf sein damals unbekanntes Gedicht „Versuch’s, die verstümmelte Welt zu besingen“. Es beschloss die viel beachtete 9/11-Sonderausgabe des Magazins.

„(…) und die Blätter wirbeln um die Narben der Erde/ besinge die verstümmelte Welt/ und die graue Feder, die die Drossel verlor“. Das Gedicht ging um die Welt, als eine lyrische Antwort auf die Katastrophe und zugleich als ein poetischer Aufruf, auch eine verstümmelte Welt zu besingen.

Festigkeit und Verblendung

Zagajewski kehrte erst 2002 aus seinem Exil nach Kraków zurück. Vorher unterrichtete er eine Weile „Creative Writing“ in Houston. Die eigene Erfahrung als dichtender Marxismus-Dozent im kommunistischen Polen vor Augen, gab er seinen Studenten immer wieder den Rat, bloß keine politischen, dafür gute Gedichte zu schreiben.

„Creative Writing“-Dozent Adam Zagajewski mit Studenten der Universität Houston 2005.

Dass er sich letztendlich an seine eigene Empfehlung nicht hielt, betrübte viele Bewunderer seines Talents, als sie im Januar 2016 in der „Gazeta Wyborcza“ sein Agitprop-Kampfgedicht „Einige Ratschläge an die neue Regierung“ sahen.

Zagajewskis Unverbrüchlichkeit im Kampf gegen „das Regime“ trieb bisweilen seltsame Blüten. Mit dem Mut eines gut Betuchten, der er inzwischen geworden war, trat Zagajewski im August 2020, unter Protest, aus dem Verband der Polnischen Schriftsteller aus.

Die Verbandsleitung hatte in seinen Augen „die Unverfrorenheit“ gehabt einen Zuschuss des „Regime-Kulturministeriums“ anzunehmen, um einige Buchtitel drucken lassen zu können. Es handelte sich, wie es seitens des Verbandes hieß, um ansprechende Gedichte und Prosa von weniger bekannten Autoren, die keine Verleger fanden und teilweise materielle Not litten.

Der Ästhet und Feingeist stürzte sich auch immer wieder in Interviews mit dem rhetorischen Furor eines Kampfhahnes auf Jarosław Kaczyński. Er fand ihn „abstoßend“, „widerwärtig“, „unerträglich“ u.s.w.

Zagajewskis Lust dem ungeliebten Politiker unbedingt zuzusetzen gipfelte im Februar 2017 in einem offenen Brief an den Krakauer Erzbischof. Er möge dafür sorgen, dass Jarosław Kaczyński nicht mehr das Grab seines tödlich verunglückten Zwillingsbruders in der Kathedrale auf dem Wawelhügel aufsuchen darf. Das sei nämlich „politischer Missbrauch“.

Von uns gegangen ist, so gesehen, ein geistreicher Poet und ein scharfsinniger Essayist, der politisch auf Festigkeit schwor und der Verblendung zum Opfer fiel.

© RdP




Ein Beigeschmack von Rufmord

Am 16. November 2020 starb Kardinal Henryk Gulbinowicz.

Was ihm widerfuhr harrt einer fairen Aufklärung. Noch bis kurz vor dem Tod wegen seiner aufrechten Haltung während der Verhängung des kommunistischen Kriegsrechts geehrt und verehrt, jahrzehntelang als leutselig, gutherzig und lebensklug gemocht und bewundert, wurde Kardinal Henryk Gulbinowicz als Stasi-Zuträger und Sexualtäter verstohlen zu Grabe getragen. Parteienübergreifend sind gewichtige Stimmen laut geworden, man habe alle Zweifel an seiner Schuld zu seinen Ungunsten ausgelegt.

Als volksnah, leutselig, gutherzig und lebensklug gemocht und bewundert. Kardinal Emeritus Henryk Gulbinowicz vor dem Anpfiff des Spiels WKS Śląsk Wrocław gegen Cracovia Kraków am 18. März 2012 im Fußballstadion von Wrocław, mit Wrocławs damaligen Oberbürgermeister Rafał Dutkiewicz.

Der Vatikan hat dem 97-Jährigen und damit dem zweitältesten Kardinal der Welt, zehn Tage vor seinem Tod, am 6. November 2020, eine Reihe von „Disziplinarmaßnahmen“ auferlegt.

Der frühere Erzbischof von Wrocław/Breslau sollte keine Gottesdienste mehr zelebrieren und nicht länger an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen dürfen. Ihm wurde das Tragen der Bischofsinsignien: des Bischofsstabes, des Brustkreuzes, des Bischofsrings, der Mitra verboten. Ebenso wurde ausgeschlossen, dass es nach seinem Tod in der Kathedrale eine Trauerfeier für ihn gibt und er dort beigesetzt wird.

Zudem sollte Gulbinowicz der „Sankt-Josef-Stiftung“ eine „angemessene“ Spende zukommen lassen. Von der Polnischen Bischofskonferenz für Opfer sexueller Gewalt gegründet, bietet sie seit 2020 Unterstützung durch Psychologen, Pädagogen, Juristen und Priester an und engagiert sich in der Prävention. Soweit bekannt, hat der Sterbende von alldem nichts mehr wahrgenommen.

Der 80-Millionen-Coup und der Kardinal

Anfang Dezember 1981 war die politische Atmosphäre in Polen zum Zerreißen gespannt. Leergefegte Regale in den Läden, keine Medikamente zu kaufen, tagelanges Anstehen nach Benzin, Polizeiprovokationen gegen Solidarność, ungestüme Drohgebärden der staatlichen Propaganda und schneidige Ankündigungen der Gewerkschaft, sich notfalls mit einem Generalstreik zur Wehr setzen zu wollen. Seit längerem schon auf Kollisionskurs, rasten die beiden Antagonisten, Solidarność und der kommunistische Staat, immer schneller aufeinander zu.

Polen Ende 1981. Anstehen vor leeren Läden und Tankstellen.

Dazwischen befanden sich Millionen, zunehmend physisch und psychisch erschöpfter, orientierungsloser Menschen. Sie, mit einer staatlich
gelenkten Konfrontationspolitik zu zermürben, in die Resignation zu drängen, das sollte den Nährboden der Begeisterung austrocknen, auf dem Solidarność seit dem Streiksommer von 1980 gediehen war. Was den Kommunisten dann auch weitgehend gelungen ist.

Der Zusammenstoß schien unvermeidlich. Wann? Wie? Die Antwort brachte der 13. Dezember 1981 mit der unerwarteten Ausrufung des von langer Hand vorbereiteten Kriegsrechts durch die kommunistischen Machthaber unter General Jaruzelski.

Armee und Polizei legten das Land in Ketten. Solidarność wurde verboten. Gefängnisse und Internierungslager füllten sich mit Regimegegnern. Der Generalstreik blieb aus.

Dezember 1981. Polen unter dem Kriegsrecht.

Bevor die Panzer tatsächlich auffuhren, war vielen, die damals in den Solidarność-Strukturen tätig waren, bewusst, dass es brenzlig werden könnte.

Am 3. Dezember 1981 frühmorgens, zehn Tage vor Ausrufung des Kriegsrechts, betraten drei leitende Solidarność-Funktionäre der Region Niederschlesien die fünfte Filiale der Polnischen Nationalbank NBP in Wrocław/Breslau. Sie befindet sich bis heute  in einem ehemaligen deutschen Bankgebäude, in der Straße der Opfer von Auschwitz (ulica Ofiar Oświęcimskich), unweit vom Ring, dem mittelalterlichen Marktplatz in der Oder-Metropole.

Gebäude der Polnischen Nationalbank in Wrocław heute.

Der Termin war am Vortag vereinbart worden, und Filialdirektor Jerzy Aulich gab der Bitte der Kunden nach, die Polizei nicht zu benachrichtigen, obwohl sie beim Abheben exorbitant großer Summen aus Sicherheitsgründen eigentlich immer dabei sein musste. Dieses Entgegenkommen sollte Aulich schon kurz darauf den Job kosten.

Abheben des Solidarność-Geldes am 3. Dezember 1981 in Wrocław. Szene aus dem Spielfilm „80 Millionen“ von 2011.

Es waren 80 Millionen Zloty, was nach dem damaligen Schwarzmarktkurs (1$ = 180 Zloty) knapp einer halben Million Dollar entsprach. Der offizielle Kurs (1$ = 40 Zloty) war zu dieser Zeit ein rein fiktiver Wert und nicht ausschlaggebend. Nur unter der Hand, zu dem horrenden Schwarzmarktpreis, konnte der Normalpole den begehrten Greenback erstehen und mit ihm in den Besitz von all den schönen, modernen Konsumwaren gelangen, die es nur in den Pewex-Valutaläden zu kaufen gab. Am Bankschalter war der Dollar, genauso wie die D-Mark oder das britische Pfund, in der ganzen kommunistischen Zeit grundsätzlich nicht zu bekommen.

Gesichter des Kommunismus. Devisenschieber vor dem Sitz der Polnischen Nationalbank in Warschau.

Ein durchschnittliches Jahresgehalt betrug im damaligen kommunistischen Polen etwa 70.000 Zloty, wofür man im trist grauen Dezember 1980 nicht einmal 400 Dollar beim Devisenschieber erstehen konnte. Heute, kaufkraftbereinigt, würden die damaligen 80 Millionen Zloty etwa 2 Millionen Dollar entsprechen.

So viele Mitgliedsbeiträge hatte die Solidarniość von Niederschlesien auf ihrem Konto angehäuft. In der richtigen Annahme, dass im Falle eines Notstandes, das Konto sofort gesperrt worden wäre, wurde der ganze Betrag abgehoben und in drei großen Koffern mit einem Privatauto fortgeschafft. Unterwegs in einen zweiten Wagen umgeladen, brachten ihn zwei Solidarność-Leute ins erzbischöfliche Palais auf der Dominsel.

Das Erzbischöfliche Palais (links) auf der Dominsel von der Oder aus gesehen. Unten die Auffahrt zum Palais.

Die Ordensschwestern an der Rezeption riefen den ahnungslosen Erzbischof Gulbinowicz (Kardinal wurde er erst 1985) an: „Zwei Herren bitten Exzellenz herunterzukommen“. „Was sind das für Herren?“ „Wir kennen sie nicht“.

Innenhof vom Palais aus gesehen.

Gulbinowicz ging hinunter. Er kannte die beiden vom Sehen und wusste, dass sie Solidarność-Funktionäre waren. Er nahm sie mit nach oben, drehte das Radio laut auf und fragte in seiner unverkennbar östlichen Wilnaer Satzmelodie: „Was wollt ihr?“

„Wir haben Geld gebracht“. „Was für Geld? Gestohlen?“ „Nein“ „Eigenes Geld?“ „Eigenes“. „Von wo?“ Gulbinowicz zuckte nicht einmal mit der Wimper als er von den 80 Millionen in drei Koffern hörte. „Zloty?“, vergewisserte er sich noch. „Zloty“. „Echt?“ „Echt“. „Und was soll ich damit?“ „Aufbewahren“. „Ist euch niemand hinterhergefahren?“ „Nein“. „Dann lasst es hier stehen und haut ab“.

Gulbinowicz stoppte die beiden jedoch als sie bereits in seiner Bürotür standen: „Ihr braucht noch eine Quittung“. „Nein, lieber nicht, könnte in falsche Hände geraten“. „Und wenn ich sterbe?“ Gulbinowicz ließ nicht locker, bis man sich einigte die Quittung in einen der Koffer zu legen.

Die Echtheit dieses Dialogs ist verbrieft, genauso wie die Ereignisse, die darauf folgten. Jahrelang schöpfte die Untergrund-Solidarność aus den drei Koffern Hilfsgelder für Ehefrauen und Kinder ihrer Mitglieder, die in Gefängnissen und Internierungslagern saßen. Auch wer sich verstecken musste, wurde aus dieser Quelle versorgt. Es war Geld da, für Tonnen illegal beschaffter Druckschwärze, für Papier und die Bezahlung der Drucker. Junge Männer stellten Flugblätter, Zeitschriften im Handformat, aber auch verbotene Bücher tage- und nächtelang in stickigen Kellern auf primitiven Vervielfältigungsgeräten her.

Gulbinowicz ließ die verschlossenen Koffer erst einmal auf dem Gang stehen, um glaubhaft zu machen, dass sie „wiedergefundene deutsche Kirchenarchivalien enthielten und bald abgeholt würden“. Eines Nachts haben sie der Erzbischof und sein Sekretär dann gut versteckt.

Erzbischof Gulbinowiczs ausgebrannter Ford Granada.

Die Staatssicherheit tobte nach dem 80-Millionen-Coup. Sie vermutete das Geld im Bischofspalais, aber eine Hausdurchsuchung wollte sie nicht riskieren. Würde die Stasi das Geld nicht finden, wäre sie blamiert. Hätte sie es gefunden, müssten die Kommunisten einen Erzbischof verhaften und vor Gericht stellen. Das Welt-Echo wäre verheerend. Die Geheimpolizei rächte sich lieber mit Schikanen.

Wie wir heute aus Stasi-Akten wissen, haben zwei Stasi-Beamte, Grosman und Pełka, im Mai 1984 Gulbinowiczs Auto bei seinem Besuch im niederschlesischen Złotoryja/Goldberg in Brand gesteckt. Auf Gulbinowicz waren in Wrocław, wohin er 1976 als Erzbischof gekommen war, bis zum Ende des Kommunismus 1989, nicht gleichzeitig aber insgesamt, vierzig Zuträger der polnischen Staatssicherheit, Laien wie Geistliche, angesetzt.

Schirmherr des Widerstandes

Sofort nach der Verhängung des Kriegsrechts rief Gulbinowicz das Erzbischöfliche Wohltätigkeitskomitee ins Leben. Mit ihm entstand ein beachtliches, regionales, ehrenamtliches Verteilungsnetzwerk von Hilfsgütern, die damals in gewaltigem Ausmaß nach Polen flossen: Lebensmittel, Hygieneartikel, Medikamente, Kleidung.

Die Spender wollten sichergehen, dass ihre Hilfe nicht dem Regime, sondern den Bedürftigen zugutekommt. Die Kirche sollte dafür sorgen und sie tat es, ohne Lagerhallen, Kühlhäuser und Transportkolonnen zu haben. Auch wenn es mal galt fünf Tonnen tiefgefrorene Butter in 25-Kilo-Blöcken, die jemand mit einem Kühl-Lkw auf die Reise nach Polen geschickt hatte, kurzerhand zu entladen, mit Hackmessern und Äxten zu portionieren und unter die Leute zu bringen, bevor sie ranzig wurde, die Kirche kümmerte sich auch darum.

Erzbischof Gulbinowicz segnet eine Solidarność-Betriebsfahne vor der Verhängung des Kriegsrechts.

Der Erzbischof selbst erstritt sich Einlass in niederschlesische Gefängnisse und Internierungslager, durchforstete sie regelrecht, zelebrierte dort Messen, nahm Beichten ab, trug ihm zugeflüsterten Bitten, Beschwerden und Botschaften nach außen und gab sie weiter. Er protestierte und intervenierte bei den Behörden. Die Priester seiner Diözese hatten es ihm gleich zu tun. Das schuf eine Öffentlichkeit, die der kommunistischen Willkür hinter den Gefängnismauern Grenzen setzte.

Gulbinowicz war auch Schirmherr vieler unabhängiger Kulturaktivitäten, die in dem sonst gleichgeschalteten Kriegsrecht-Polen, nur auf kirchlichem Terrain stattfinden konnten. Künstler, die den offiziellen Kulturbetrieb boykottierten oder Berufsverbot hatten, gaben Konzerte, inszenierten Theateraufführungen, organisierten Lyrik-Abende, stellten ihre Bilder aus. Ohne „Danke“ zu sagen, wechselten nicht wenige von ihnen nach dem Ende des Kommunismus an die vorderste Front der Kämpfer gegen „Klerikalismus“ und katholische Tradition.

Solidarność-Proteste und Unruhen in Wrocław am 31.08.1982

Es war zu einem erheblichen Teil Gulbinowicz zu verdanken, dass Wrocław, trotz aller Repressalien und der Resignation, die viele in Polen erfasste, eine der Hochburgen der Untergrund-Solidarność blieb, weil er ihr, Kraft seines enormen Ansehens und seiner Popularität, Schutz bot. Was sich damals im Einzelnen in Wrocław ereignete, können Sie ausführlich in dem Nachruf auf Kornel Morawiecki nachlesen, den legendären Begründer der „Kämpfenden Solidarność“ in Wrocław und Vater des polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki.

„Der Unverbrüchliche“ (bitte hier klicken).

Zeuge des Grauens

Henryk Gulbinowicz. Wilnaer Gymnasiast 1938.

Im polnischen Wilno, heute in Litauen, 1923 auf die Welt gekommen, verbrachte der kleine Henryk die Kindheit unweit der Stadt, im Dorf Szukiszki, wo sein Großvater Ende des 19. Jahrhunderts ein kleines Gut gekauft hatte. „Arbeitsam, naturnah, solide, gottesfürchtig und patriotisch ist es bei uns zu Hause zugegangen“, erinnerte sich Gulbinowicz Jahrzehnte später. Im September 1938 schickten ihn die Eltern auf das Wilnaer Jungengymnasium der Jesuitenpadres.

Wilno in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Henryk Gulbinowicz wuchs zu einem echten „Wilniuk“, „Wilnaer“ auf. Es war ein Menschenschlag, den die jahrhundertelange wechselvolle Geschichte des Polentums in Litauen geformt hatte. Frohnaturen, in der Tiefe ihrer Herzen stets wachsam und vorsichtig, wenn es galt sich auf Fremde einzulassen. Schwer durchschaubar, robust im Einstecken und bauernschlau.

Diese Eigenschaften wurden überlebenswichtig in den dunklen Zeiten, die im Herbst 1939 für die Polen (zwei Drittel) und später auch für die Juden (ein Drittel der Bevölkerung) in Wilno und Umgebung anbrachen. Die Rote Armee, die in Absprache mit Hitler am 17. September 1939 Polen überfiel, besetzte Wilno zwei Tage später.

Sowjeteinmarsch in Wilno am 19. September 1939.

Fünf Wochen dauerten Raub, Repressalien und Übergriffe der Sowjets an. Am 26. Oktober 1939 fand die Übergabe der Stadt an das noch halbwegs unabhängige Litauen statt. Die Sowjets hatten kurz zuvor im Land, genauso wie in Lettland und Estland, die Errichtung ihrer Militärstützpunkte erzwungen. Stalin, dem es ein diebisches Vergnügen bereitete seinen verunsicherten Opfern Galgenfristen zu gewähren, um sie im Unklaren zappeln zu sehen, zeigte sich auch den Litauern gegenüber auf diese für ihn typische, pervertierte Art generös.

26. Oktober 1939. Ein litauischer (links) und ein sowjetischer Offizier durchsägen den Grenzschlagbaum. Die Sowjets übergeben das fünf Wochen zuvor von ihnen besetzte polnische Wilnaer Land an Litauen.

Etwa ein halbes Jahr lang waren die neuen Besatzer der Stadt damit beschäftigt, sie und ihre Bewohner gründlich zu lithuanisieren. Henryk Gulbinowicz, der nie mit dem ethnischen Litauen etwas zu tun hatte und kein Wort Litauisch sprach, hieß jetzt, laut einem neuen Ausweis, Henrikas Gulbinovičius. Wo sie nur konnten, haben die Litauer alles Polnische schikaniert und ausgemerzt, aber, so der Kardinal Jahrzehnte später, wenigstens füllten sich die Läden nach den sowjetischen Raubzügen schnell wieder mit Waren und es gab genügend Lebensmittel zu kaufen.

Litauischer Einmarsch in Wilno am 26 Oktober 1939. Banner-Aufschrift: „Die Einwohner von Wilno begrüßen die litauische Armee“.

Stalin ließ den Litauern sieben Monate lang ihren Spaß am „wiedererlangten“ Wilno. Dann verwandelte er, unter Gewaltandrohung, die drei baltischen Staaten kurzerhand in Sowjetrepubliken. Am 15. Juni 1940 war die Rote Armee zurück in Wilno. Am 14. Juli 1940 fuhren von dort die ersten Viehwaggons mit Tausenden, überwiegend polnischen Deportierten, in Richtung Sibirien ab, zur Vernichtung durch Holzfällen und Arbeit unter Tage.

Auf nach Wilno. Die Rote Armee überschreitet die litauische Grenze am 15. Juni 1940. Links im Bild ein litauischer Grenzpfosten.

Ein knappes Jahr später wich der rote Terror dem braunen. Am 24. Juni 1941 nahm die Wehrmacht Wilno ein. Die spontanen litauischen Judenpogrome der ersten Tage nach dem deutschen Einmarsch waren der Einstieg in die Hölle. Allein im bewaldeten Stadtteil Ponary, brachten Deutsche Sonderkommandos und die litauische Hilfspolizei zwischen Sommer 1941 und Sommer 1944 schätzungsweise an die 72.000 Juden und mehr als 2.000 Polen um.

Deutscher Einmarsch in Wilno am 24. Juni 1941. Unten: Litauischer Hilfspolizist bei den Massenmorden in Ponary.

Mitte Juli 1944 erlebte der 21-jährige Gulbinowicz den dritten Einmarsch der Sowjets in Wilno. Die Deutschen leisteten heftigen Widerstand. Die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa – AK) im Untergrund zog alle ihre verfügbaren Kräfte, etwa 4.500 Mann, in und um die Stadt zusammen. Sie wollte Wilno während des bereits begonnenen Abzugs deutscher Dienststellen, noch vor den Sowjets befreien, um anschließend, als Hausherr, die Rote Armee im Namen der polnischen Exilregierung in London vor Ort zu begrüßen.

Sowjeteinmarsch in Wilno im Juli 1944.

Die deutschen Truppen, mit schweren Waffen ausgestattet, die die AK nicht besaß, erwiesen sich als zu stark. Erst das Eintreffen der Russen, denen sich die Polen zur Seite stellten, brachte den Durchbruch. Die Sowjets nahmen die Hilfe der ortskundigen polnischen Kämpfer gern in Anspruch, um sie gleich nach dem Ende der Kämpfe zu entwaffnen und entweder umzubringen oder ins Innere der Sowjetunion zu deportieren.

Aus Wilno vertrieben

Das hautnah miterlebte Grauen der Kriegsjahre 1939-1944 bestärkte Gulbinowicz darin, sich ganz und gar Gott zu verschreiben. Er trat Im Oktober 1944 in das Wilnaer Priesterseminar ein.

Henryk Gulbinowicz. Priesterseminarist in Wilno 1944.

Die Stadt befand sich damals schon seit etwa vier Monaten fest in sowjetischer Hand. Die Sowjets und ihre litauischen kommunistischen Helfer waren felsenfest entschlossen, den polnischen Charakter von Wilno auszuradieren.

Wer Widerstand, egal ob friedlich oder bewaffnet, leistete, starb einen qualvollen Tod in den Folterkammern der Geheimpolizei NKWD oder landete in einem Viehwaggon der Deportationszügen nach Sibirien. Zehntausende wurden in das neuentstehende kommunistische Polen abgeschoben, das die Hälfte des polnischen Staatsgebietes aus der Vorkriegszeit, darunter das Wilnaer Land, an die Sowjets hatte abtreten müssen.

Wilno 1945. Sowjets erfassen Polen vor der Abschiebung.

Am 20. Februar 1945 umstellte der NKWD das Wilnaer Priesterseminar. Ein Offizier erklärte den ins Refektorium zusammengetriebenen Seminaristen und Dozenten, die Lehranstalt sei hiermit geschlossen. Sie sollten ihre Sachen packen und sofort verschwinden. Man erwarte, dass sie sich in die Deportationslisten nach Polen eintragen lassen und mit den nächsten Bahntransporten ausreisen.

Die sowjetrussische Bürokratie mit ihrer peniblen Überprüfung, damit bloß kein Nicht-Pole in einen Deportationstransport geriet, zusätzlich ein Mangel an Viehwaggons, verlangsamten die Abschiebungen. Derweil wurde der Andrang der verzweifelten Menschen immer größer. Um sie zur Ausreise zu bewegen, jagten die Sowjets Polen aus ihren Wohnungen, und brachten dort neue Siedler unter. Sie schlossen reihenweise polnische Einrichtungen, deren Mitarbeiter dadurch ihr Einkommen verloren, ebenso wie die polnischen Arbeiter, die man massenweise entließ und die Bauern, die man von ihren Höfen vertrieb.

Wilnaer Bahnhof 1945. Polen verlassen ihre Heimat.

Gulbinowicz musste sich bis Ende August 1945 irgendwie durchschlagen, bis er endlich im dreihundert Kilometer entfernten Białystok ankam. Im doppelten Boden seines Holzkoffers schmuggelte der Priesteranwärter einiges an liturgischen Geräten. Kurz vor der Deportation hatte er es noch geschafft das Abitur in Wilno abzulegen. Die Jesuitenpadres vom Wilnaer Jungengymnasium, die auch schon aus ihrer Schule geworfen worden waren und auf den Abtransport warteten, hatten die Prüfungen in kleinen Gruppen konspirativ durchgeführt.

Wie sich die Vertreibung der polnischen Bevölkerung durch die Sowjets 1944 und 1945 im Einzelnen abspielte, können Sie in dem Beitrag „Das Ende des polnischen Lwów“ lesen (bitte hier klicken).

Erzdiözese dreigeteilt

Der ebenfalls ausgewiesene Wilnaer Erzbischof Romuald Jałbrzykowski (fonetisch Iaubschikowski) verlegte die Kurie und das Priesterseminar ins polnische Bialyskok, das damals zur Erzdiözese Wilno gehörte. Da sich der Vatikan konsequent weigerte die Einverleibung der drei baltischen Staaten als Sowjetrepubliken in die UdSSR anzuerkennen, blieb die Erzdiözese Wilno weiterhin formell in gleicher Weise bestehen wie vor dem Zweiten Weltkrieg.

Verwaltet wurde sie seit 1945 von Białystok aus durch einen apostolischen Administrator. Bis zu seinem Tod 1955 war das Erzbischof Jałbrzykowski. Nach dem Tod von dessen Nachfolger ernannte Papst Paul VI. Henryk Gulbinowicz im Januar 1970 zum Bischof und betraute ihn mit diesem Posten, den dieser bis zu seinem Wechsel nach Wrocław Ende 1975 bekleidete.

Gulbinowicz konnte als Administrator, wie alle anderen, die das Amt bekleideten, nur in dem in Polen verbliebenen Zipfel der Erzdiözese Wilno seines Amtes walten. Mit knapp 54.000 Quadratkilometern Fläche war die Diözese einst die größte im Vorkriegspolen gewesen. Davon verblieben lediglich ca. 6.000 Quadratkilometer in Polen. Nicht ganz 10.000 Quadratkilometer befanden sich in der Litauischen Sowjetrepublik und etwa 38.000 Quadratkilometer im sowjetischen Weißrussland.

Fünfundvierzig Jahre lang, von 1945 bis 1990, verweigerten die Sowjets polnischen Geistlichen die Einreise auf ihr Gebiet. Erst 1991, nach dem Wiederentstehen des unabhängigen Litauens und der staatlichen Verselbständigung Weißrusslands, passte der Vatikan die Grenzen der Wilnaer Erzdiözese der neuen politischen Karte an. Der apostolische Administrator in Białystok wurde somit überflüssig.

„Wilno, für mich die geliebte Stadt.“

Gulbinowicz hat niemals, auch nicht in den kommunistischen Zeiten, als es ein Tabuthema war, ein Hehl daraus gemacht, wie sehr sein Herzblut an Wilno hing. Wie sehr, dass kann man z.B. in einem Gratulationsbrief, den er als Kardinal 2004 zum 60. Ehejubiläum an das Ehepaar Trojanowski richtete, das die Ereignisse, so wie ihn, aus Wilno nach Wrocław verschlagen hatte, nachlesen.

„Seien Sie stolz auf die Zeit, in der Sie in Wilno in der Heimatarmee gedient haben. (…) Alle Mühen, Leiden und Opfer, die Sie aus Liebe zu Gott, zum Vaterland und zur eigenen Nation erbracht haben, wird Ihnen der Allmächtige im Himmel anrechnen.

Der zehnjährige Henryk Gulbinowicz auf Spaziergang in Wilno mit Tante Anna Grajewska, 1936.

Wilno, das ist für mich die geliebte Stadt, in der ich geboren wurde und viele Schuljahre verbracht habe. Eine Stadt, die ich gut kenne, weil ich in Zarzecze (fonetisch Saschetsche, Stadtteil, heute Užupis – Anm. RdP) in der Popławskastraße (heute Paupio – Anm. RdP) gewohnt habe. Ich kenne auch Łosiówka (Stadtteil, existiert nicht mehr – Anm. RdP), wo Sie gelebt haben und die von dort stammenden tapferen polnischen AK-Jungs, die bei den Kämpfen um die Stadt im Juli 1944 zeigten was sie konnten. Damals fiel mein bester Freund, Kozierowski, mit dem ich in eine Klasse im Gymnasium der Jesuitenpadres gegangen bin. Ruhm unseren Helden!“

Die Stasi spinnt ihr Netz

Nach fünf Jahren am Priesterseminar empfing Gulbinowicz im Juni 1950 in Białystok die Priesterweihe.

Henryk Gulbinowicz hatte kurz zuvor die Priesterweihe empfangen. Białystok am 18. Juni 1950.

Seine Vorgesetzten schickten ihn gleich danach zum Studium der Moraltheologie an die Katholische Universität Lublin (KUL) wo er bis 1955 blieb. Er erlebte eine von den regierenden Kommunisten schwer bedrängte, bespitzelte und ständig von der Schließung bedrohte Hochschule. Doch die KUL überdauerte die Zeit der roten Sintflut als einzige katholische Universität im ganzen kommunistischen Machtbereich zwischen Elbe und Nordkorea.

Katholische Universität Lublin in den 50er Jahren.

Die ersten dreißig Nachkriegsjahre verbrachte Gulbinowicz in Białystok (1945 bis 1950), an der KUL in Lublin (1950-1955), in Olsztyn/Allenstein (1955 bis 1969) und wieder in Białystok (1970 bis 1975), als apostolischer Administrator der Erzdiözese Wilno.

Die Staatssicherheit legte seine Akte 1951 an. Im kommunistischen Polen hatten mit der Zeit jeder Priesteranwärter, Priester, jeder Mönch und jede Nonne eine Stasiakte. Sie wanderte ihnen von einer regionalen Stasidienststelle zur anderen hinterher, sobald der Betroffene seinen seelsorgerischen Standort wechselte.

Die Akte Gulbinowicz ist nicht, wie viele andere, 1990 dem Akten-Vernichtungsfeldzug der alten Stasi-Garde zum Opfer gefallen und, soweit man das einschätzen kann, vollständig erhalten geblieben.

Man kann ihr entnehmen, dass Gulbinowicz den Kommunisten vor allem wegen seiner Jugendarbeit nicht passte. Er war Seelsorger der Medizinstudenten in Białystok. Die Medizinische Hochschule gehörte zur St. Rochus-Gemeinde, wo er zwischen 1956 und 1959 Pfarrer war. In Olsztyn wiederum, hielt er Vorlesungen am Priesterseminar Hosianum, wurde 1962 dessen Konrektor und 1968 Rektor. Der damalige Allensteiner Bischof machte Gulbinowicz zudem zum Seelsorger der örtlichen Wissenschaftlermilieus.

Jugend und Hochschulwesen, das waren Bereiche, in denen die Kommunisten die Kirche ganz und gar nicht haben wollten. Heute wissen wir, dass die Stasi in Białystok drei Zuträger in der Umgebung Gulbinowiczs platzierte. In Olsztyn spionierten ihn bereits sechzehn, teilweise direkt angesetzte, IMs aus.

Gulbinowiczs Stasi-Akte.

Die Stasi verfügte über ein breit gefächertes Gulbinowicz-Dossier, als ab Mitte 1969 in Białystok die Neubesetzung des Postens des apostolischen Administrators der Erzdiözese Wilno anstand. Kardinalprimas Stefan Wyszyński (1901 – 1981), das wusste die Stasi, empfahl Papst Paul VI. (1897 – 1978) Gulbinowicz als den geeigneten Kandidaten.

Der „operative Dialog“

Im November 1969 erschien Oberstleutnant Józef Maj von der Warschauer Stasi-Zentrale beim Noch-Rektor des Allensteiner Priesterseminars und künftigen apostolischen Administrator Henryk Gulbinowicz. So begann der bis 1985 andauernde sogenannte „operative Dialog“ zwischen der Stasi und Gulbinowicz.

Ein „operativer Dialog“, so die Umschreibung des Instituts des Nationalen Gedenkens (IPN), der polnischen Gauck-Behörde, war eine präzise durchdachte und vorbereitete Abfolge von Gesprächen zwischen speziell dazu geschulten Stasi-Beamten und einer von ihnen ausspionierten Persönlichkeit, die man nicht einfach so zum Bespitzeln anwerben konnte.

Die Gespräche verliefen in höflicher, angenehmer Atmosphäre. Man tauschte Meinungen aus, diskutierte Standpunkte, redete über dies und das. In Gulbinowiczs Fall handelte es sich hierbei um ein psychologisches Duell und ein gegenseitiges Sich-Belauern.

Das Ziel der Stasi war die „Loyalisierung“. Sie wollte ihrem Gegenüber das Gefühl vermitteln, sie nehme seine Meinung ernst, teile sie manchmal sogar, gebe sie nach oben weiter. Die Staatssicherheit zeigte sich konstruktiv und vernünftig. Eine gewisse Vertrautheit sollte Partnerschaft vortäuschen, Entgegenkommen erwirken, eine Dankesschuld aufkommen lassen.

Wir wissen es heute, aber Gulbinowicz konnte nicht wissen, wie durchdacht und von langer Hand geplant ihm da eine Falle gestellt wurde, in die nicht wenige ahnungslos getappt sind.

Gulbinowicz blieb für die Stasi ein potentieller Staatsfeind, den es zu überwachen galt. Er hat nie eine IM-Verpflichtung unterschrieben, keine Berichte verfasst, kein Geld entgegengenommen. Und die Ausbeute an Fakten, die für die Stasi von Relevanz gewesen wären, war nach diesen Gesprächen eher dürftig, wie die verfassten Stasi-Berichte beweisen.

Der bauernschlaue Gulbinowicz entfaltete die ganzen Fähigkeiten eines „Wilniuk“. Er war zuvorkommend, scherzte viel, machte Komplimente, achtete aber sehr darauf was er sagte, so die Stasi-Berichte. Manchmal lachte er jovial und rief, augenzwinkernd Entsetzen vortäuschend: „Genug, ich rede zu viel!“.

Der „operative Dialog“ wurde intensiver, nachdem der neugeweihte Bischof Gulbinowicz in Białystok als apostolischer Administrator der Wilnaer Erzdiözese im Januar 1970 antrat. Der Bischof hoffte vor allem darauf durch die Gespräche Baugenehmigungen für neue Kirchen zu erhalten.

Solche Baugenehmigungen waren ein sehr knappes Gut. Ganze Trabantenstädte entstanden vielerorts in Polen auf der grünen Wiese, in denen es keine Kirchen gab. Der Weg zur Sonntagsmesse, zum Religionsunterricht, den die Kommunisten aus den staatlichen Schulen auf die Nachmittage in die Kirchen verbannt hatten, der Weg des Pfarrers zum Schwerkranken mit der letzten Ölung usw., das alles dauerte immer länger und wurde immer beschwerlicher. Und darum ging es.

Es war eine der vielen kommunistischen Repressalien und Gängelungen, die auch Gulbinowicz im „operativen Dialog“ nicht aufzuweichen vermochte. Er bekam keine Baugenehmigungen. Auch nicht, als er Entgegenkommen zeigte und auf Bitten seiner „Dialogpartner“ den schon vorbereiteten Hirtenbrief zum 50. Jahrestag des Bestehens der Erzdiözese Wilno (1925-1975) in den örtlichen Kirchen nicht verlesen ließ.

Jegliche Erinnerung an die ehemaligen polnischen Ostgebiete sollte nach dem Willen der polnischen Kommunisten und der Sowjets, die jenseits der Grenze in Sowjet-Litauen die katholische Kirche noch viel brutaler unterdrückten, getilgt werden. So haben seine „Dialogpartner“ in Białystok Gulbinowicz, der damals wohl noch einige Illusionen hegte und auf seine Bauernschläue vertraute, eines Besseren belehrt.

Ränke hinter den Kulissen. Wie Henryk Gulbinowicz Erzbischof von Wrocław wurde

Mit dem Tod von Kardinal Bolesław Kominek, des Verfassers des bedeutenden „Aufrufs der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder zur Versöhnung“ vom November 1965, verwaiste im März 1974 der Bischofsstuhl im Erzbistum Wrocław. Angesichts starker Personalkonflikte in der Kurie von Wrocław, war Kardinalprimas Stefan Wyszyński der Meinung, dass der neue Metropolit von außerhalb kommen müsse.

Die damals geltende Regelung sah vor, dass der Primas den staatlichen Behörden drei Kandidaturen unterbreitete, von denen diese dann eine akzeptierten. Der Primas wollte in Wrocław einen Erzbischof seines Vertrauens haben. Die Kommunisten dagegen, stets darauf bedacht durch Bespitzelung, Erpressung und Provokationen, in der Kirche möglichst viel Zwietracht zu säen, bevorzugten, wie konnte es anders sein, Kandidaten, die sie als „nicht-Wyszyński-hörig“ einstuften.

Der Konflikt um die Neubesetzung des Breslauer Bischofsstuhls geriet zu einem heftigen, knapp zwei Jahre andauernden, Tauziehen hinter den Kulissen. Vier Mal unterbreitete Wyszyński seine Kandidaturen und vier Mal wurden sie in Warschau in toto abgelehnt. Zwischendurch versuchten die Kommunisten den Vatikan zu überreden, Wyszyński zu umgehen, und den Breslauer Metropoliten aus ihrer eigenen Dreier-Liste auszuwählen. Alle drei Kandidaten galten als „nicht-Wyszyński-hörig“. Heute ist bekannt, dass zwei von ihnen, was weder der Vatikan noch der polnische Kardinalprimas damals wissen konnten, registrierte Stasi-IMs waren. Der Vatikan ließ sich nicht ködern.

Anfang Oktober 1975 unterbreitete Wyszyński zum fünften Mal eine Kandidatenliste, auf der sich jetzt auch der apostolische Administrator der Erzdiözese Wilno mit Sitz in Białystok, Bischof Henryk Gulbinowicz, befand. Die Kommunisten reagierten positiv.

In einer internen Stasi-Analyse, die der Einwilligung vorausging, sprach für Gulbinowicz, dass er sich auf den „operativen Dialog“ einließ. Außerdem sei er stets bemüht gewesen, das Verhältnis zu staatlichen Behörden von Spannungen freizuhalten, Gesetze, und Anordnungen zu befolgen, wozu er auch den örtlichen Klerus anhielt.

Auf die andere Waagschale legten die Stasi-Kirchenaufseher, dass Gulbinowicz sich vehement der „neuen vatikanischen Ostpolitik“ des damaligen „Außenministers“ des Heiligen Stuhls, Kardinal Agostino Casaroli (1914-1998) widersetzte. Casarolis Idee war es, weitgehende Kompromisse mit den Machthabern des Ostblocks einzugehen, unter Umgehung der örtlichen Kirchenstrukturen. In Polen untergrub eine solche Politik die Autorität von Kardinalprimas Stefan Wyszyński, was den Kommunisten nur recht sein konnte. Auch sprach Gulbinowiczs immer wieder bekundetes Interesse für das schwere Schicksal der Katholiken in Sowjetrussland gegen ihn.

Aus weiß wird schwarz oder: Eine Stasi-Akte wird umgedeutet

Am Ende überwog das „Positive“ und Gulbinowicz konnte Anfang 1976 seinen neuen Kirchenposten in Wrocław übernehmen. Seitdem wurde es für die Stasi-Leute immer schwieriger einen Termin zum Fortsetzten des „operativen Dialogs“ bei ihm zu bekommen. Der von den Kommunisten als weitgehend „loyalisert“ eingestufte Kirchenmann sah wohl ein, dass er an den Rand des Vertretbaren gelangt war, auch wenn er kein IM war und stets auf der Hut blieb. Erschwerend kam hinzu, dass er gegenüber Kardinalprimas Wyszyński, der ihn sehr schätzte, nie ein Wort über den „operativen Dialog“ verloren hatte.

6. Februar 2007. Kardinal Gulbinowicz wird der Status eines Geschädigten zuerkannt. Rechts im Bild Janusz Kurtyka, damaliger Leiter des Instituts für Nationales Gedenken IPN.

Die Befreiung aus dieser Verstrickung erfolgte stufenweise. Ein wichtiger Einschnitt war das geradezu euphorische Engagement Gulbinowiczs für die Solidarność nach ihrem Entstehen im September 1980. Davon, wieviel er für sie tat nachdem das Kriegsrecht am 13. Dezember 1981 verhängt wurde, war schon eingangs die Rede. Den Schlusspunkt setzte die Entführung und Ermordung des Warschauer Arbeiterpriesters Jerzy Popiełuszko im Oktober 1984 durch die polnische Stasi. Danach war der Kardinal für die Stasi endgültig nicht mehr zu sprechen. Seit diesem Zeitpunkt gibt es in der Akte Gulbinowicz nur noch Berichte über die Bespitzelung seiner Person.

24. Februar 2009. Staatspräsident Lech Kaczyński verleiht Kardinal Gulbinowicz die höchste polnische Auszeichnung, den Orden des Weißen Adlers.

Diese Akte wurde lange hin und her gewälzt, bevor Kardinal Gulbinowicz im Februar 2007 offiziell vom Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) den Status eines Geschädigten zuerkannt bekam. Sie wurde noch einmal diskret hervorgeholt, bevor ihm Staatspräsident Lech Kaczyński im Februar 2009 die höchste polnische Auszeichnung, den Orden des Weißen Adlers, verlieh. Diejenigen, die sie damals studierten, meinten nichts Ehrenrühriges in ihr gefunden zu haben.

Rafał Łatka, Filip Musiał, „Der Dialog sollte fortgesetzt werden… Operative Gespräche der Staatssicherheit mit Pfarrer Henryk Gulbinowicz 1969-1985. Eine Fallstudie“, IPN-Verlag 2020.

Das änderte sich erst im Juni 2019, als plötzlich die IPN-Historiker Dr. Rafał Łatka und Dr. Filip Musiał auf den Plan traten. Sie haben die Akte und weitere, teilweise noch nicht bekannte, Gulbinowicz betreffende Bestände aus dem Stasi-Fundus ausgewertet, den „operativen Dialog“ genau rekonstruiert und ein Buch darüber geschrieben, das der IPN-Verlag kurz danach veröffentlichte.

Dr. Łatka formulierte scharf, und was er sagte schlug ein wie eine Bombe: Gulbinowiczs Biografie müsse umgeschrieben werden, denn ein tiefer Schatten liege auf ihr. Und das seien die „operativen Gespräche“. Gulbinowicz war illoyal, so Łatka, sein Handeln schädigte die Kirche.

Und konkret? Łatka schob die Einzelheiten erst einige Wochen später nach und fasste seine Vorwürfe in drei Punkten zusammen.

1. Gulbinowicz ließ sich auf vertrauliche Gespräche mit der Stasi ein, obwohl die polnische Bischofskonferenz dies untersagt hatte.

2. Er versuchte durch diese Gespräche, hinter dem Rücken der Bischofskonferenz, gute Beziehungen zum örtlichen Verwaltungsapparat aufzubauen.

3. Aus den Gesprächen konnte die Stasi den Schluss ziehen, dass nicht alle Bischöfe mit Kardinalprimas Wyszyński einer Meinung waren.

Es war nichts Neues dabei, außer einer neuen Auslegung altbekannter Tatsachen, diesmal nur zu Ungunsten des Betroffenen.

Filip Musiał, Rafał Łatka. Buchpräsentation am 20. November 2020 in Warschau.

Seit Mitte 2019 haben weder die beiden Autoren, noch irgendjemand anderes weitere, wirklich stichhaltige, bisher unbekannte Beweise dafür erbracht, dass Gulbinowiczs Biografie in puncto seiner Stasi-Kontakte umgeschrieben werden müsste. Doch dem medialen Chaos reißerischer Schlagzeilen, plakativer Berichte, überspannter Auslegungen entstieg plötzlich ein Stasi-Spitzel-Kardinal, ein angeblich einwandfrei überführter falscher Held. Der schwerkranke Emeritus ließ noch erklären, er werde gegen solche Behauptungen gerichtlich vorgehen, aber die Kraft dazu hatte er nicht mehr.

Die Verlautbarung der Warschauer Apostolischen Nuntiatur (Vatikan-Botschaft) vom 6. November 2020 über die gegen Gulbinowicz verhängten Disziplinarmaßnahmen enthielt keine Begründung. Einen Tag später druckte „L’Osservatore Romano“, die Zeitung des Vatikanstaates, eine kurze Notiz über die Disziplinarmaßnahmen, in der es hieß, einer der Gründe sei die „Zusammenarbeit mit der Staatsicherheit“ gewesen. Worauf hatte sich die Redaktion bei dieser Behauptung gestützt? Inoffiziell war zu erfahren: Auf die Berichte polnischer Medien.

„Die Behauptung von der (Gulbinowiczs – Anm. RdP) Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit ist gelogener Nonsens. So wie sie medial verbreitet wird, entbehrt sie jeglicher Bestätigung durch den Stand der Forschung“, schrieben Ende November 2020 fünfzig ehemalige hohe Breslauer Untergrund-Solidarność-Aktivisten, viele von ihnen einstige politische Häftlinge, heute angesehene Kommunalpolitiker, Wissenschaftler, Geschäftsleute, die oft zutiefst verfeindeten politischen Lagern angehören. Ihren offenen Brief richteten sie an den Apostolischen Nuntius (Vatikan-Botschafter) und die wichtigsten polnischen Bischöfe.

Wie war das mit dem Sex?

„Was die Unsittlichkeitsvorwürfe angeht, die öffentlich erhoben werden, so gibt es, außer einer einzigen fraglichen Aussage, nichts Konkretes“, heißt es in dem offenen Brief weiter.

Gulbinowiczs Stasi-Akte wurde zwischen 1951 und 1989, also immerhin achtunddreißig Jahre lang geführt. Nur an einer Stelle, und zwar kurz bevor der „operative Dialog“ im Herbst 1969 seinen Anfang nahm, werden dort Gerüchte erwähnt, der damalige Rektor des Priesterseminars in Olsztyn unterhalte sexuelle Kontakte zu jungen, erwachsenen Männern. Sonderbarerweise überging die Stasi dieses Gerede, ging ihm nicht nach, obwohl sie für gewöhnlich geradezu darauf erpicht war, Geistliche auf diese Weise erpressen zu können. War da etwa nichts?

Fast zeitgleich mit der fraglichen Umdeutung von Gulibinowiczs Stasi-Akte durch die Historiker Łatka und Musiał im Juni 2019, trat im Mai 2019 Karol Chum auf den Plan. Er behauptete Gulbinowicz habe ihn vor drei Jahrzehnten sexuell missbraucht.

Karol Chum alias Przemysław Kowalczyk.

Der im Januar 1974 geborene Dichter und ein Selbstdarsteller, der auf Facebook fortlaufend detailliert schildert, was er zum Frühstück gegessen hat und was seine Magenspiegelung ergab, bekennt sich offen zu seiner Homosexualität und bedient sich mit Vorliebe der Vulgärsprache. Karol Chum (von englisch „cum“, Sperma) ist sein Pseudonym. Sein wirklicher Name lautet Przemysław Kowalczyk.

Der in Wrocław geborene und, nach eigenen Angaben, aus schwierigen Familienverhältnissen stammende Przemysław besuchte ab September 1988 das Kleine Priesterseminar des Franziskanerordens (entspricht dem Gymnasium) im nicht weit entfernten Legnica/Liegnitz. Am 7. Januar 1989, nachdem er Weihnachten und Neujahr zu Hause verbracht hatte, wurde Kowalczyk, so seine Darstellung, gebeten auf dem Rückweg nach Legnica von der Kurie in Wrocław ein Paket mitzubringen.

Przemysław Kowalczyk 1989.

Da es noch nicht fertig gepackt war, habe man ihm angeboten, die Nacht in der Kurie zu verbringen. Als er schon im Bett war, habe Gulbinowicz „sein Zimmer, ohne zu klopfen, betreten“, sein Geschlechtsteil für drei bis vier Minuten „massiert“ und sei dann „wieder gegangen.“

Wegen Verjährung sah die Staatsanwaltschaft davon ab, ein Untersuchungsverfahren einzuleiten. Belastende Zeugen, nach denen linke Medien händeringend gesucht haben, gibt es nicht. Ordensschwestern, die bis 2004, als der Kardinal emeritiert wurde, in der Kurie arbeiteten, sagen, dass, außer Papst Johannes Paul II., dem französischen Kardinal Roger Etchegaray, dem italienischen Professor Antonio Grassi und einigen Familienangehörigen des Kardinals, niemand im Bischofspalast übernachtet habe. Es kam so selten vor, sagten sie, dass man sich jeden Einzelnen gut merken konnte.

Warum Kowalczyk, der kurz nach dem vermeintlichen Vorfall in der Kurie das Kleine Priesterseminar verließ, so lange mit seiner Offenbarung gewartet habe? Er entgegnet, er habe seine Geschichte zum ersten Mal vor 22 Jahren der Homosexuellen-Nischen-Monatszeitung „Inaczej“ („Anders“) erzählt. Damals jedoch kannte er angeblich den Namen des vermeintlichen Täters noch nicht.

Nach dem Grund seines Weggangs vom Seminar gefragt, holten die Franziskaner im Juni 2019 seine Akte aus dem Archiv. Es hieß, Kowalczyk habe Bücher aus der Seminar-Bibliothek gestohlen.

So gesehen kann man sagen, er sei sich treu geblieben. Der heute 47-Jährige hat nämlich ein beachtliches Strafregister angehäuft. Gerichte in Warschau, Lubliniec/Lublinitz (Oberschlesien), Kraśnik (Südostpolen), Września/Wreschen (bei Poznań/Posen) und Wrocław haben ihn, einige sogar zweimal, zwischen 2005 und 2014 zu etlichen Geld und Freiheitsstrafen verurteilt. Er hat gestohlene Personalausweise auf seinen Namen umgeschrieben. Er bot Handys im Internet an und stellte sie Kunden, die sie bezahlt hatten nicht zu. Er beging mehrere Kleindiebstähle. Er entwendete hochgiftiges Quecksilber in großer Menge. Er nahm von einer Frau Geld für 1,5 Tonnen Zucker an, den er nicht besaß. Er hatte eine Sammlung kinderpornografischer Bilder auf seinem Computer, was pädophile Neigungen ahnen lässt, u. e. m.

Man kann es denjenigen, die Kardinal Gulbinowicz in Schutz nehmen nur schwer verübeln, wenn sie Kowalczyk, alias Chum, angesichts all der Tatsachen einen geltungssüchtigen Kleinganoven nennen. Umso mehr, als seine Aussage bisher die einzige ist, auf der die Beschuldigungen wegen Unsittlichkeit gegen Kardinal Gulbinowicz aufgebaut sind. Seit Mitte 2019 sind keine weiteren bekannt geworden.

Warum tat der Vatikan was er tat?

Angesichts der ausgesprochen dünnen Beweislage stellt sich die Frage, warum der Vatikan den im Sterben liegenden Kardinal dermaßen hart diszipliniert hat, ohne ein Wort offizieller Begründung von sich zu geben?

Stanisław Huskowski.

Stanisław Huskowski, einer der Solidarność-Leute, die die 80 Millionen Zloty im Dezember 1980 zu Gulbinowicz brachten und Mitunterzeichner des offenen Briefes, hat da eine Theorie:

„Ich schließe nicht aus, dass der Vatikan Kardinal Gulbinowicz nicht wegen bewiesener Vergehen bestraft hat, sondern wegen des ganzen Aufhebens um seine Person. Vielleicht ist man zu der Überzeugung gekommen, dass in der Lage, in der sich im Augenblick die Kirche befindet, nachdem verschiedene Pädophilie-Fälle bekannt geworden sind, man an den Tag legen muss, dass es auch ohne überzeugende Beweise im Interesse der Kirche liege, zu zeigen, dass gewisse Verhaltensweisen mit glühenden Eisen ausgebrannt werden.“

Doch Huskowski und die anderen Autoren des offenen Briefes wollen das so nicht stehen lassen: „Wir fordern Beweise, die auf eindeutigen Tatsachen und nicht auf Vermutungen oder Unterstellungen beruhen.(…) Wir fordern Aufklärung und wir haben ein Recht darauf.“

Die Totenmesse für Kardinal Henryk Gulbinowicz  fand, unter Auschluss der Öffentlichkeit, in der Breslauer Namen-Jesu-Universitätskirche statt.  Er wurde im Familiengrab auf dem Kommunalfriedhof von Olsztyn beigesetzt.

© RdP




Meister befremdlicher Klänge

Am 29. März 2020 starb Krzysztof Penderecki.

Ob Fan oder Verächter zeitgenössischer Musik, den Namen Penderecki kennt jeder. Gut sechzig Jahre lang begeisterte und verstörte der Komponist die Musikwelt. Einmal eingeschlagene Wege änderte er erneut, widersprach sich in seiner Musik und ließ sich durch Moden und Ismen nicht beeindrucken. Musikalisch machte er stets „sein Ding“, politisch drehte er sein Fähnlein nach dem Wind.

Am Ende seines Schaffensweges stand Krzysztof Penderecki da, als der traditionellste Avantgardist zeitgenössischer Musik. Er betrat diesen Weg mit dem Schlachtruf „Ich will den Klang von jeglicher Tradition befreien!“ Bei den Donaueschinger Musiktagen präsentierte er 1961 sein Orchesterwerk „Fluorescences“, „in dem“, so die Kritiker, „selbst die Noten grafische Purzelbäume schlugen“.

Ein Jahr zuvor hatte das „Klagelied – Den Opfern von Hiroshima“ Premiere. Zweiundfünfzig Streicher spielten knapp acht Minuten lang höchstmögliche Töne mit unregelmäßigen Bogen-Bewegungen. Sie zupften und schlugen die Saiten ihrer Geigen, Bratschen und Kontrabässe mit der Hand oder klopften mit der Rückseite des Streichbogens auf den Resonanzkörper.

Auf diese Weise schuf Penderecki seine Tonballungen („Cluster“ mit sehr eng beieinander liegenden Intervallen). Diese schichtete er zu „Klangflächen“, die er wiederum miteinander vermischte oder ineinanderfließen ließ. Eine seiner bekanntesten Tonballungen findet sich am Ende des Hiroshima-Klageliedes. Dort hat er die Streicherstimmen so dicht aufeinander gestapelt, dass das menschliche Ohr sie nur noch als lärmende „Geräuschmasse“ wahrnehmen kann. Sein Bestreben, auf ungewöhnliche Weise mit gewöhnlichen Instrumenten ungewöhnliche Klänge zu erzeugen, kam so vollends zur Geltung. Sonorismus wurde diese Stilrichtung in der Neuen Musik genannt.

„Klagelied – Den Opfern von Hiroshima“ . Partitur.

Als Penderecki 1960 ein dickes Konvolut mit der Partitur des „Klageliedes“ an den westdeutschen Musik-Verleger Hermann Moeck nach Celle schickte, verschwand die Sendung spurlos. Der Komponist musste die Partitur aus dem Gedächtnis neu niederschreiben.

Nach Monaten kam heraus, der Zoll, und in Wirklichkeit die polnische Staatssicherheit, hatte das Musikwerk aus dem Verkehr gezogen. Man nahm an, bei den seltsamen Aufzeichnungen könne es sich um einen Geheimcode handeln, mit dem Spionagenachrichten an westliche Geheimdienste überbracht werden sollten. Seit diesem Ereignis wird kolportiert, Penderecki habe später beide Partituren miteinander verglichen. Es heißt, sie sollen identisch gewesen sein.

Penderecki experimentierte bis Mitte der Siebzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts mit immer exotischeren Klängen, Instrumenten, Orchesteraufstellungen und Formen. Seine zeitgenössische Hardcore-Musik galt schon bald als ebenbürtig dem Schaffen der damaligen „Klangpäpste“ der musikalischen Avantgarde: Pierre Boulez, Luigi Nono, Karlheinz Stockhausen.

Kindheitserlebnisse

Der Komponist, der aus dem kommunistischen Osten kam, den Eisernen Vorhang durchbrach und zu einem weltweiten künstlerischen Höhenflug ansetzte, erblickte das Licht der Welt 1933 in Dębica, einer Kleinstadt an der Straße von Kraków/ Krakau Richtung Osten, nach Rzeszów.

Der Markt in Dębica vor dem Ersten Weltkrieg.

Damals schon waren die Pendereckis vermögende Leute. Krzysztofs Urgroßvater Johann Berger, ein deutscher Protestant und Gärtner, zog gegen Mitte des 19. Jahrhunderts von Breslau nach Dębica. Das Städtchen befand sich zu jener Zeit in Galizien, dem österreichischen Teilungsgebiet Polens. Es lockte der Posten des Oberförsters auf den riesigen Gütern des polnischen Grafen Raczyński.

Großvater Robert Berger war Zeichen- und Geometrielehrer, später Direktor der Grundschule. Noch vor dem Ersten Weltkrieg gründete Robert Berger mit einigen Bekannten eine Kreditgesellschaft. Aus ihr ging 1925, zur Zeit der Zweiten Polnischen Republik, die Genossenschaftsbank Dębica hervor. Ihr Direktor war bis zum Kriegsausbruch 1939 Robert Berger, ein zudem talentierter Hobbymaler und ein passionierter Geiger.

Robert Bergers Tochter, Zofia Berger heiratete den Dębicer Rechtsanwalt Tadeusz Penderecki, dessen Großeltern aus Armenien nach Dębica gekommen waren und dort eine neue Heimat gefunden hatten. Im November 1933 wurde der Sohn Krzysztof geboren.

Penderecki gestand in seinen letzten Interviews, er habe lange die Kindheit verdrängt. Zu aufregend und anstrengend war jahrelang das Hier und Jetzt des Weltbürgers gewesen. Erst im hohen Alter gab er seine Kindheitserinnerungen preis und öffnete damit eine Fundgrube an Fakten und Erlebnissen, die ihn für sein Leben geprägt hatten.

Da lag, gegenüber der Bank, die sein Vater gebaut hatte, die Kaserne des 5. Kavallerie-Schützen-Regiments der polnischen Armee. Der kleine Krzysztof zerrte sein Kindermädchen immer wieder an den Eisengitterzaun, um sich am Spiel der Militärkapelle sattzuhören. Die Musiker probten dort für die Konzerte, die sie jeden Sonntag, nach dem Hochamt, vor der Pfarrkirche gaben.

Pendereckis große Schwäche für Blechblasinstrumente war geboren und sollte ein auffälliges Merkmal seiner Musik werden. Man warf ihm vor, vieles in seinem Schaffen gerate zu pompös und feierlich. Er aber blieb dem „Glanz des Blechs“ verfallen. Vier Werke für Blasorchester waren das Ergebnis, aber auch die 7. Sinfonie „Die sieben Tore Jerusalems“ aus dem Jahr 1996 verrät seine große Vorliebe für das „Blech“.

Familienfoto der Pendereckis. Ganz hinten Mutter Zofia und Vater Tadeusz. Vor ihnen die Großmutter und Großvater Robert Berger. In der Mitte der kleine Krzysztof, rechts von ihm der ältere Bruder.

Da war Großvater Robert Berger, der dem Enkelsohn Goethe, Rilke, Eichendorff auf Deutsch vorlas oder aus dem Gedächtnis aufsagte. „Ich hatte einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Der Großvater aber hat mich ausgewählt, sich mir gewidmet. Er hat mir systematisches Lernen beigebracht, hat mir bei den Hausaufgaben geholfen, für mich Aufgaben in Mathematik, Physik und Chemie gelöst, Fächern, die ich nicht ausstehen konnte.“

Ein Meisterwerk der Gartenkunst

Der Großvater, Sohn eines Gärtners und Oberförsters, weckte in dem Kleinen zudem die Begeisterung für die Botanik. „Wir sind gewandert und ich musste Bäume und Sträucher anhand ihrer Blätter erkennen“, erinnerte sich Penderecki Jahrzehnte später.

Auch diese Kindheitserlebnisse holten ihn ein. Im Musikgeschäft bestens etabliert und damals schon vielfacher Dollarmillionär, kaufte Penderecki 1973 das durch die kommunistische Kollektivierung bereits Ende der Vierzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts ruinierte Gut Lusławice in der Gemeinde Zakliczyn. Es liegt eine Autostunde östlich von Kraków.

Der Maestro schrieb seine Werke nur in Auftrag. Rundfunkanstalten, Städte wie Jerusalem, die ihre Jubiläen mit seiner Musik schmücken wollten, internationale Organisationen wie die UNO oder das Internationale Olympische Komitee, reiche Musikvereine, wie die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien standen bei ihm Schlange. Die Preise für seine Kompositionen waren stets ein streng gehütetes Geheimnis. Es hieß, die Honorare für kleinere Formate würden bei sechsstelligen Dollar- oder Eurobeträgen beginnen.

Enorme Tantiemen, gut dotierte Künstlerpreise, Dirigenten-Sonderhonorare kamen hinzu. Von Filmregisseuren umgarnt, schrieb Penderecki zudem die Filmmusik zu William Friedkins „Der Exorzist“,  Stanley Kubricks „Shining“, Peter Weirs „Fearless – Jenseits der Angst“ oder Martin Scorseses „Shutter Island“. Die dröhnende, schillernde, verstörende musikalische Untermalung von Horrorbildern aus Pendereckis Hand brachte dem Meister Millionen. Lusławice konnte getrost Unsummen verschlingen.

Penderecki vor dem wiederaufgebauten Gutshaus in Lusławice.

Das prächtig wiederaufgebaute Gutshaus wird mittlerweile von einem Park umgeben, den Penderecki, durch ständigen Zukauf von Land, von fünf auf dreißig Hektar erweitert und durch gewaltige Erd- und Drainagearbeiten neu geformt hat. Es ist ein Meisterwerk der Gartenkunst, bepflanzt mit gut 1.700 Baum- und Straucharten, deren Setzlinge der Maestro aus allen Kontinenten mitbrachte und die sich zu den kläglichen Resten des einstigen Prachtgartens mit seinen Eichen, Kastanien und Eschen gesellten.

Stanisław Dudek, Pendereckis Landschaftsgärtner und mehrere Gartenarbeiter, hatten stets das ganze Jahr über alle Hände voll zu tun. Anfang April und Ende September/ Anfang Oktober nahm sich der Meister selbst immer eine Auszeit, um seinen Leuten beim Einpflanzen neuer Bäume und Gewächse auf die Finger zu schauen.

Der Garten von Lusławice. Ansichten.

Gut achtzig Ahorn– und mehr als vierzig Buchenarten sind in diesem Park vertreten, aber auch Amur-Korkbäume, japanische Lärchen, chinesische Birken-Pappeln, Korea-Tannen. An eine Allee nordamerikanischer Tulpenbäume schließen sich kanadische Riesenmammutbäume an. Ganz in der Nähe wächst ein Dickicht aus chinesischen Gewürzsträuchern.

Ein japanischer Garten und ein Labyrinth aus fünfzehntausend Hainbuchen gehören ebenso zu diesem Ensemble. „Labyrinth das ist Suche, das ist Irren, auf Umwegen zum Ziel gelangen, das ist das Wesen der künstlerischen Schöpfung“, sagte Penderecki auf seinen Buchen-Irrgarten angesprochen.

Philharmonie im Garten

Europäisches Krzysztof Penderecki Musikzentrum. Ansichten.

Im Jahr 2013 konnte der Maestro in Lusławice einen weiteren Traum verwirklicht sehen. Anne-Sophie Mutter spielte zur Eröffnung des Europäischen Krzysztof Penderecki Musikzentrums. Auf dem Parkgelände, für umgerechnet gut 15 Millionen Euro errichtet, beherbergt der Bau einen Konzertsaal für 650 Zuhörer mit einer zweihundert Quadratmeter großen Bühne. Probesäle für Orchester und Ballett sowie Tonnen modernster Ton- und Beleuchtungstechnik stehen Nachwuchskünstlern aus der ganzen Welt zur Verfügung. Zum Vergleich: die Krakauer Philharmonie hat nur 49 Plätze mehr.

Für die etwa zehntausend Quadratmeter erlesen moderner Architektur kam gröβtenteils der polnische Staat auf. EU-Gelder wurden hinzugezogen. Penderecki steuerte das Grundstück und einen kleinen Teil der Baukosten bei, und schuf sich so ein bleibendes Denkmal. Als eine „Nationale Kultureinrichtung“ eingestuft, wird das Musikzentrum bisher überwiegend vom polnischen Staat, mit einer kleinen Beteiligung der Krzysztof-Penderecki-Akademie, finanziert.

Frau Penderecka

Elżbieta Penderecka.

Mittlerweile ist zu hören, dass die Familie des Verstorbenen mit dem Gedanken spielt, Lusławice dem Staat zu verkaufen, der das Anwesen in ein Krzysztof-Penderecki-Museum umwandeln soll. Eine diesbezügliche Absichtserklärung  haben noch Penderecki  selbst und Kulturminister Prof. Piotr Gliński Mitte Mai 2019 unterschrieben. Der Minister kam deswegen nach Lusławice. Noch ist nichts entschieden, aber klar ist auch, dass die erste Kustodin des Museums Elżbieta Penderecka, die zweite Ehefrau des Komponisten wäre.

Kulturminister Prof. Piotr Gliński  (zweiter von rechts) Mitte Mai 2019 zu Besuch in Lusławice.

Bevor sie 1965 geheiratet haben, kannten sie sich zehn Jahre lang. Penderecki war mit ihrem Vater Leon Solecki, dem Konzertmeister der Krakauer Philharmonie befreundet. So eng, dass beide Familien seit 1957 immer wieder gemeinsam Urlaub machten. Solecki brachte seine Ehefrau und die zehnjährige Tochter Elżbieta mit. Penderecki kam mit seiner ersten Frau, der Pianistin Barbara Graca und Beata, der Tochter aus dieser Ehe.

Beim dritten Urlaub, 1963, an der Ostsee soll es zwischen der 17-Jährigen und dem 30-jährigen Musiker „gefunkt“ haben. Ihre Ehe hielt mehr als ein halbes Jahrhundert, bis zu seinem Tod. Elżbieta wurde Mutter ihrer beiden Kinder, seine Sekretärin, seine Lebensberaterin, seine Managerin und schließlich eine einflussreiche Kulturunternehmerin.

Sie organisierte etliche Konzerte und Festivals, unter anderem seit 1997 in jedem Jahr das Beethoven Oster-Festival, das zunächst in Krakau und seit 2004 in Warschau stattfindet, und zwar stets in prominenter Besetzung: Yehudi Menuhin, Mstislaw Rostropowitsch, Jessye Norman, Simon Estes u. v. a.

Anders als ihr Mann, der sich auf diesem Gebiet eher in Zurückhaltung übte, machte Elżbieta Penderecka aus ihrem Herzen politisch nie eine Mördergrube. Im Jahr 2005 unterstützte sie im Wahlkampf offen Lech Kaczyński, der damals die Präsidentenwahl gewann.

Fünf Jahre später, nach seinem Tod beim Flugzeugunglück von Smolensk, trat sie in das Lager der radikalen Gegner seines Bruders Jarosław Kaczyński über. Den Doppelsieg der Nationalkonservativen (Präsidentschafts- und Parlamentswahlen) im Jahr 2015 empfand sie als eine Katastrophe und konnte sich damit erklärterweise nicht abfinden.

Ausgerechnet den regierenden Nationalkonservativen einen guten Kaufpreis und die enorme dauerhafte staatliche Finanzierung des künftigen Penderecki-Museums abzutrotzen, scheint ihr hingegen keine Probleme zu bereiten.

Musik und Botanik

Die Liebe zu Bäumen hielt ganz selbstverständlich Einzug in Pendereckis Schaffen. Im Jahr 2005 wurde die 8. Symphonie „Lieder der Vergänglichkeit“, ein Auftragswerk des Luxemburgischen Kultusministeriums, uraufgeführt. Großväterliche Gedichtsstunden und gemeinsame botanische Wanderungen fanden so eine späte musikalische Fortsetzung.

Krzysztof Penderecki. Liebe zu Bäumen .

Von einem Symphonieorchester betont modern, aber nicht avantgardistisch begleitet, singen Solisten und Chor Gedichte von Eichendorff, Brecht („Der brennende Baum“), Rilke, Kraus, Hesse, Goethe („Sag‘ ich’s euch, geliebte Bäume?“), und von von Arnim („O grüner Baum des Lebens“). Hermann Hesses berühmte Verse von der „Vergänglichkeit“ geben wohl am treffendsten die Idee des Werkes wieder. Es ist den „leidenden und verängstigten“ Bäumen gewidmet. In Wirklichkeit gibt es vor allem die Gedanken und Empfindungen eines Menschen wieder, den die eigene Vergänglichkeit beschäftigt:

„Vom Baum des Lebens fällt
Mir Blatt um Blatt,
O taumelbunte Welt,
Wie machst du satt,
Wie machst du satt und müd,
Wie machst du trunken!
Was heut noch glüht
Ist bald versunken.“

„Die deutsche Literatur war ein Teil meiner Kindheit“, gestand Penderecki immer wieder, gefragt nach den Quellen seines künstlerischen Wirkens. Derjenige jedoch, der ihm diesen Zugang verschaffte, Großvater und Bankdirektor Robert Berger, das schob der Komponist stets nach, „war ein inständiger polnischer Patriot.“

Die grausame Zeit

„Alle seine Söhne und meine Onkel“, so Penderecki weiter, „kämpften seit 1914 in Józef Piłsudskis Legionen. Einer von ihnen ist damals gefallen. Im Zweiten Weltkrieg wurde Sohn Stefan in Warschau, im Gestapo-Gefängnis in der Pawia-Straße, in einer der regelmäßig dort stattfindenden Massenerschießungen hingerichtet. Sohn Mieczysław geriet als polnischer Offizier 1939 in sowjetische Gefangenschaft. Die Sowjets haben ihn 1940 zusammen mit Tausenden anderer polnischer Offiziere in Katyn ermordet. Der älteste Sohn kämpfte im Warschauer Aufstand“ (01.08. bis 03.10.1944 – Anm. RdP).

Anfang September 1939, als deutsche Truppen im Anmarsch waren, ergriff die Familie die Flucht. Dębica wurde seit dem 1. September 1939 um elf Uhr fast pausenlos von der deutschen Luftwaffe bombardiert. Hauptziel war der Bahnhof, ein wichtiger Knotenpunkt auf der Eisenbahnstrecke Kraków-Lwów/Lemberg. Drei Wochen später, nach dem Ende der Kampfhandlungen in Polen, kamen die Pendereckis zurück und fanden eine ausgeplünderte Wohnung vor. Dębicer Schurken hatten sich über das herrenlose Eigentum der vielen Geflohenen, die verwaisten Ämter und Läden hergemacht.

Am 8. September 1939 nahmen deutsche Truppen Dębica ein. Die Stadt hieß fortan Dembitz und teilte das Schicksal des übrigen besetzten Polens. Die ersten Repressalien richteten sich, wie überall, gegen die polnische Intelligenz. Lehrer, Ärzte, Priester, Unternehmer, Beamte, Richter wurden verhaftet und in den umliegenden Wäldern ermordet. Bald darauf kamen die knapp dreitausend Dębicer Juden an die Reihe. Das örtliche Ghetto wurde im April 1943 endgültig „aufgelöst“.

Penderecki, bei Kriegsbeginn sechs Jahre alt, sprach als Erwachsener von einer „grausamen Zeit“, die man „wie durch ein Wunder“ überlebt habe, ohne auf die Einzelheiten einzugehen. Auch die Befreiung war nicht so, wie man sie sich erhofft hatte. Ein paar Sowjets, die bei den Pendereckis in Dębica Quartier bezogen hatten, verbannten die Familie in die obere Etage. Sie heizten mit ihren Büchern oder benutzten die Seiten um sich Machorka-Zigaretten zu drehen, sie verkauften die Wohnungseinrichtung auf dem Trödel, aber immerhin teilten sie mit der Familie ihre kargen Essensrationen.

Ein Koffer voller „Frühwerke“

Schon bei Kriegsausbruch 1939 gingen die großen Notensammlungen des Großvaters und des Vaters verloren. Zwei Jahre zuvor bekam Krzysztof vom Vater eine Geige und regelmäßig privaten Geigenunterricht. „Ich kannte die Noten ehe ich richtig lesen und schreiben konnte“, so Pendereckis Kindheitserinnerung. In Kriegszeiten und auch danach musste er sich, mangels gedruckter Exemplare, seine Etüden selbst notieren. Auf diese Weise begann Pendereckis Komponieren.

Der junge Penderecki.

Professor Skołyszewski, bei dem er in Kraków als Jugendlicher privaten Kompositionsunterricht nehmen sollte, brachte er einen Koffer voller Etüden und „Frühwerke“ mit. „Der Professor nahm sich einige Tage, um sich alles anzuschauen und sagte beim nächsten Treffen, ich sei »musikalisch geziert«. Er hatte recht und verordnete mir einen soliden Kurs in der Kontrapunktlehre. Das setzte sich beim Studium an der Krakauer Musikhochschule fort. Es war mühsam aber sehr nützlich“, erinnerte sich der Komponist später.

Als Penderecki 1958 sein Studium abschloss und die Hochschule ihm, einem 25-Jährigen, aufgrund seiner enormen Fähigkeiten eine Professur für Komposition anbot, war der Stalinismus mit seinem marxistisch-dogmatischen Kunstverständnis gerade vorüber. Die Zensur der Kunst wurde deutlich gelockert. Lieder für die Volksmassen und Märsche waren kaum mehr gefragt. In das vom politischen Tauwetter erfasste Polen drang tröpfchenweise die Kunde von den modernen Musikströmungen im Westen ein.

Penderecki gehörte zu denen, die besonders aufmerksam aufhorchten. Er wollte unbedingt experimentieren und er wollte unbedingt in den Westen, um sich ein Bild von dem Neuen zu machen, stellte Anträge auf einen Pass und bekam immer wieder Absagen. So erging es damals, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, den meisten Polen im Kommunismus.

Schlag auf Schlag zum Ritterschlag

Um endlich herauszukommen bediente sich Penderecki schließlich einer List, die jedoch nur mit seinem Talent gelingen konnte. Beim Warschauer Wettbewerb junger polnischer Komponisten reichte er 1959 anonym drei Werke ein: „Strophen“, „Emanationen“ und „Aus den Psalmen Davids“. Zur Tarnung schrieb er eine Partitur mit der linken, die zweite mit der rechten Hand, die dritte ließ er von einem Fremden abschreiben und gewann so den ersten, zweiten und dritten Preis. Der erste Preis war ein einjähriges Stipendium in Darmstadt.

Aus dem kommunistischen Osten angereist und nicht selten wie ein Ankömmling vom Planeten Mars in Musikkreisen herumgereicht, knüpfte er Bekanntschaften, Beziehungen und beeindruckte mit seinen Partituren, die man ihm bei den Donaueschinger Musiktagen, dem Mekka der musikalischen Avantgarde, förmlich aus den Händen riss.

Seine Werke waren ein wichtiger Bestandteil der polnischen Avantgarde. Zu ihr zählten Anfang der Sechzigerjahre auch der polnische Film, das Theater, die Plakatkunst, Fotografie, Grafik. Kenner im Westen waren begeistert. Auf dieser Welle ritt Penderecki.

Nun ging es für ihn Schlag auf Schlag. Den Ritterschlag erteilte ihm Herbert von Karajan, als er mit den Berliner Philharmonikern Ende der Sechziger Pendereckis „Polymorphia für 48 Streichinstrumente“ und „De natura sonoris“ spielte. Es waren die modernsten Stücke, die Karajan je in Angriff nahm. Mit etwa 35 Jahren war Penderecki international etabliert.

Paradoxerweise hatte sich der Neutöner zu jener Zeit bereits von der kakofonen Avantgarde mit einem Paukenschlag verabschiedet. Mit der 1966 im Dom zu Münster uraufgeführten „Lukas-Passion“. Penderecki hatte erkannt, dass er sich in einer Sackgasse befand. Die Dissonanz stieß an ihre Grenzen. Mit noch mehr Klang-Radikalismus konnte er nur noch ins Abseits des weltweiten Musikbetriebs geraten. Das wäre geschäftsschädigend gewesen. So direkt konnte er das natürlich nicht sagen, also formulierte Penderecki es folgendermaßen:

„Die musikalische Welt von Stockhausen, Nono, Boulez und Cage war für uns Junge – von der Ästhetik des sozialistischen Realismus als offiziellem Kanon in unserem Land Umgebenen – eine grandiose Befreiung. Ich erkannte jedoch schnell, dass diese Neuheit, dieses Experimentieren und formale Spekulieren eher zerstörerisch als schöpferisch ist. Meine Rückkehr zur Tradition hat mich vor der versteinernden Avantgarde gerettet.“

So wie er einst die Neue Musik verkörperte, personifizierte Penderecki nun die Abkehr von ihr. Für seine einstigen Fans und Weggenossen war das schlichtweg Verrat. Als „Penderadetzky“ wurde er verspottet.

Die „normale“ Musikwelt dagegen empfing ihn mit Fanfaren. Mit seinem berühmten Namen, der nun für eine gemäßigte Klangmoderne stand, konnte man das gesetztere Publikum an die Philharmonie-Kassen locken. Es gab eine enorme Nachfrage nach einer musikalischen Synthese aus neoromantischer Tradition und Innovation. Der nicht mehr so radikale Penderecki kam diesem Bedarf mit seiner handwerklichen Brillanz und Bravour bestens entgegen.

Johannes Paul II und Krzysztof Penderecki.

Von jetzt an spielte sich sein Komponistendasein zumeist auf der Himmelsleiter ab. Hingebungsvoll widmete er sich dem Kanon aus biblisch-liturgischen Themen: Grablegung Christi, Wiederauferstehung, das Apostolische Glaubensbekenntnis, Stabat Mater, Agnus Dei u. v. m.

Penderecki-Briefmarke von 2013 zum 80. Geburtstag.

Das Agnus Dei wurde Bestandteil seines „Polnischen Requiems“, in dem er wichtige Persönlichkeiten der polnischen Geschichte verewigte: u. a. Kardinal Stefan Wyszyński, Pater Maximilian Kolbe, Papst Johannes Paul II., aber auch die Opfer des Warschauer Aufstandes, die in Katyń ermordeten polnischen Offiziere. Die Uraufführung fand 1984 in Stuttgart statt.

Gesinnungsakrobat

Das Ende 1980 entstandene „Lacrimosa“, das ebenfalls im Polnischen Requiem seinen Platz fand, widmete er Lech Wałęsa. Dennoch brachte Penderecki es im April 1982 fertig, sich mit General Wojciech Jaruzelski zu treffen, um sein Verständnis für die Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 und das Verbot der Gewerkschaft Solidarność kundzutun. Wałęsa war zu dieser Zeit interniert. Rufschädigend war dieses Verhalten schon.

Krzysztof Penderecki und General Jaruzelski im Dezember 1983. Penderecki nimmt den staatlichen Kulturpreis entgegen.

Dennoch pflegte der Komponist fortan den Umgang mit dem kommunistischen Diktator. Zum 50. Geburtstag, 1983, nahm er den Kultur-Staatspreis aus dessen Händen entgegen. Jaruzelski und Ehefrau beehrten Penderecki bei der Warschauer Premiere der polnischen Fassung seiner Oper „Die schwarze Maske“ im September 1988.

Die sporadischen Kontakte waren stets freundlich. Zwar war Penderecki nie ein kommunistischer Vorzeige-Staatskünstler, aber er verhielt sich loyal, hat sich nie dazu hinreißen lassen, gegen die Niederträchtigkeiten und Verbrechen des Kommunismus aufzuschreien. Im Weltmaßstab inszenierte er sich als der große katholische Komponist, fand aber öffentlich kein kritisches Wort zu der Kirchenverfolgung im eigenen Land, sei es nur zu dem politischen Mord an Pfarrer Jerzy Popiełuszko und anderen katholischen Priestern in Jaruzelski-Zeiten.

Pendereckis Stasi-Akte.

Nur ein einziges Mal, im Dezember 1979, setzte er, als Rektor der Musikakademie, seine Unterschrift unter einen Appell der Krakauer Studenten an die Behörden, eine nichtkommunistische Studentenorganisation gründen zu dürfen. Eine Delegation drang in sein Arbeitszimmer vor und der so überraschte Penderecki willigte ein. Das war‘s dann aber auch.

Pendereckis Stasi-Akte. „Wurde operativ genutzt wegen oft unternommener Auslandsreisen. Unterlagen deponiert im Archiv der Abteilung C (Staatssicherheit – Anm, RdP) der Hauptkommandantur der Bürgermiliz in Kraków.“

Im März 2017, als der Sonderfonds der geheimsten der geheimen Unterlagen der polnischen Staatssicherheit endlich freigegeben wurde, tauchte auch Pendereckis Stasi-Akte auf, oder besser gesagt, das was von ihr nach der Massenvernichtung der Stasi-Archive 1989 und 1990 durch die Beamten übriggeblieben ist.

Die Stasi war im November 1962 auf ihn zugekommen, mit dem Angebot, bei seiner Reise nach Schweden den einen oder anderen Auftrag zu erledigen. Es ging um das Aushorchen prominenter antikommunistischer Auslandspolen. Der Stasi-Hauptmann Stanisław Żak (fonetisch Schack) notierte nach dem Gespräch, Penderecki sei „positiv eingestellt zu der jetzigen Wirklichkeit“ und erkläre sich bereit „uns, entsprechend seinen Möglichkeiten, zu helfen.“

Daraus wurde nichts. Der stets vorsichtige Penderecki fand in Schweden „keine Zeit“. Als er sie später auch in Westdeutschland, Italien und Frankreich nicht fand, schloss die Stasi im März 1972 seine Akte und schickte sie ins Archiv. Keine Verpflichtungserklärung und kein Bericht von ihm, wenn es sie überhaupt gegeben hatte, was Penderecki immer heftig bestritt, ist erhalten geblieben.

Michael-und- Stanislausbasilika. Pendereckis künftige Grablege in Kraków.

Viele haben nach der Verhängung des Kriegsrechts am 13.Dezember 1981 und dem Verbot der Solidarność, aus Protest, Orden, die ihnen die kommunistische Volksrepublik Polen verliehen hatte, zurückgegeben. Penderecki behielt sie alle. Ob sie ihm auf roten Samtkissen bei seiner Beerdigung hinterhergetragen werden? Wir wissen es nicht.

Michael-und- Stanislausbasilika. Innenraum.

Die Urne mit seiner Asche wurde einstweilig in der Krakauer St. Florianskirche untergebracht. Dort wartet sie auf eine feierliche Beisetzung, sobald die Corona-Epidemie vorbei sein wird. Sie soll in dem um 1880 entstandenen Nationalen Pantheon verdienter Polen, in der Krypta der Michael-und- Stanislausbasilika, erfolgen.

Michael-und- Stanislausbasilika. Krypta der Verdienten.

Viele prominente Polen sind dort bestattet, unter anderem die Dichter Adam Asnyk und zuletzt Czesław Miłosz (2004), die Schriftsteller Józef Ignacy Kraszewski und Stanisław Wyspiański, die Maler Henryk Siemiradzki und Jacek Malczewski, der Komponist Karol Szymanowski.

Krzysztof Penderecki, auch er nur ein Mensch, ist auf jeden Fall mehr als künstlerisch verdient und prominent genug, um dort die letzte Ruhestätte zu finden.

© RdP




Der unbequeme Polenadvokat

Am 2. Mai 2020 starb Stefan Hambura.

Sein Markenzeichen war die nach oben offene Maulwurfbrille mit dem seltsam geschwungenen Designergestell. Stefan Hambura war Anwalt mit einem gewissen Hang zur Selbstdarstellung und ein Störenfried. Er wurde nicht müde durch sein Poltern die institutionellen Tretmühlen der polnisch-deutschen Verständigung aus dem Takt zu bringen. Er riss das Pflaster ab, mit dem sie die wunden Stellen im polnisch-deutschen Verhältnis zu kaschieren versuchten.

Kein Wunder, dass sich in beiden Ländern die Trauer nach seinem plötzlichen Tod stellenweise sehr in Grenzen hielt. Vor allem dort, wo man in Ministerien, Botschaften, Konsulaten, Austauscheinrichtungen, an wissenschaftlichen Instituten für die polnisch-deutschen Beziehungen verantwortlich zeichnet und meistens nur seine Ruhe haben möchte. Dort galt Hambura als ein lästiger Quälgeist. Er störte die Routine. Regelmäßig brachte er die Versöhnungs-Bürokraten in Erklärungsnöte, zwang sie zum Tätigwerden in Bereichen, die sie geflissentlich übersahen, in denen man sich keine Meriten erwerben, dafür aber sehr schnell die Finger verbrennen konnte.

Dazu verkörperte Hambura geradezu mustergültig ein Paradoxon, das immer wieder mal vorkommt und stets für Verwirrung sorgt. Ein Deutscher aus Polen wurde zu einem polnischen Patrioten in Deutschland. Seine Gegner schimpften ihn gar einen polnischen Nationalisten.

Der Deutsche in Polen

Als Stefan Hambura 1961 in Gleiwitz auf die Welt kam, hieß die Stadt schon seit sechzehn Jahren, seit 1945, Gliwice. Vor dem Zweiten Weltkrieg lag sie auf der deutschen Seite, direkt an der Grenze, die Oberschlesien in einen deutschen und in einen polnischen Teil spaltete. Hier täuschten die Nazis am Abend des 31. August 1939 den „polnischen Bandenüberfall auf den Sender Gleiwitz“ vor, der ihnen den Vorwand zum Einmarsch in Polen liefern sollte.

In der viertgrößten Stadt Oberschlesiens wohnten in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts, trotz der Flucht vor der Roten Armee und trotz aller Aussiedlungen unmittelbar nach dem Krieg, immer noch nicht wenige Deutsche, nun mit polnischer Staatsangehörigkeit. Die Familie des Buchhalters Hambura gehörte dazu.

Unter den Nachbarn der Hamburas gab es immer mehr zugezogene Polen aus anderen Landesteilen, mit ihren eigenen Kriegserlebnissen. Auf Deutsche und Deutschland war man in Gliwice, wie anderswo, nicht gut zu sprechen, und die kommunistischen Behörden trugen dazu wesentlich bei.

Stefan Hambura in ganz jungen Jahren.

Deutsch als Fremdsprache wurde damals in diesen Gegenden an den Schulen grundsätzlich nicht unterrichtet. Stefan und sein Bruder sprachen den polnisch-oberschlesischen Dialekt, die „godka“, in dem nicht wenige Germanismen vorkommen. Aber wenn die Eltern wollten, dass die Kinder nicht verstehen sollten worüber sie redeten, dann sprachen sie Deutsch. Einige Male setzte der Vater dazu an, den Söhnen Deutsch mit Hilfe eines Fremdsprachenlehrbuchs beizubringen. Spätestens aber nach zwanzig Lektionen schlief die Sache in der Alltagsroutine wieder ein, so die Erinnerung des Anwalts Hambura an seine Kindheit.

Jedes Mal wenn beide Söhne in eine Kinder-Sommerfreizeit fuhren, beschworen sie die Eltern: „Auch wenn euch die Erzieherinnen Bonbons geben und gut zureden, sagt lieber nicht, dass wir nach Deutschland wollen“. Doch das war ohnehin bekannt. Seit Mitte der Sechzigerjahre reichten die Hamburas einen Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik nach dem anderen ein, „zwecks Familienzusammenführung“.

Europa war damals gespalten, der Eiserne Vorhang sehr dicht. Im kommunistischen Polen galt zu dieser Zeit schon die offizielle Auslegung, dass es, bis auf wenige Ausnahmen, keine Deutschen mehr im Land gäbe. Sie seien 1945 vor den Sowjets geflohen oder zwischen 1945 und 1949, gemäß dem Potsdamer Abkommen, zwangsweise ausgesiedelt worden. Überdies gab es die Spätaussiedlerwelle zwischen 1955 und 1959, als im Zuge des politischen Tauwetters nach dem Ende des Stalinismus noch einmal knapp 300.000 Deutsche das Land verlassen durften.

Der Rest, konzentriert vor allem im Oppelner- und im oberschlesischen Raum, das waren, nach offizieller Lesart, „Autochthone“ (= Alteingesessene). Es galt, sie in die polnische Nation, durch Kindergarten, Schule, Militär, Arbeitsplatz, „nach Jahrhunderten der Germanisierung“, wieder einzugliedern. Bei der jungen Generation zeigte dieses Vorhaben im Laufe der Zeit durchaus Erfolge.

Gliwice um 1970.

Die Kinder und Jugendlichen sprachen ja fließend polnisch und die Welt ihrer polnischen Altersgenossen war, oft zum Leidwesen der Eltern und Großeltern, ganz und gar die Ihre. Die sprachliche und bewusstseinsmäßige Anpassung der Kinder an die polnische Umgebung war eine Tatsache, der sich Vater Hambura mit seinem Deutsch-Heimunterricht mit wenig Erfolg zu widersetzen versuchte. Das verstärkte bei den Älteren generell die Neigung zur Umsiedlung, ehe ihnen die Jüngsten womöglich ganz und gar ins Polnische entglitten.

Der Traum vom goldenen Westen

Eins jedoch machte die Eingliederung in Polen schwierig, oft gar unmöglich. Es galt sich in die Welt des Kommunismus einzufügen, in der es weder Wohlstand noch Freiheit gab. Beides verhieß aber das Wirtschaftswunderland Bundesrepublik, in dem auf jeden, der seine deutsche Herkunft nachweisen konnte, der deutsche Pass und die üppigen Segnungen des Wohlfahrtsstaates warteten.

Folglich war der Drang, dorthin zu gelangen, enorm, doch das kommunistische Polen wollte dieses zehntausendfache Misstrauensvotum seiner „Autochthonen“ aus Prestige- und aus wirtschaftlichen Gründen nicht hinnehmen. Schließlich waren es oft teuer ausgebildete Ingenieure, Techniker, Facharbeiter, Mediziner, die weggehen wollten. Stefan Hambura zum Beispiel machte eine Lehre zum Fernmeldetechniker.

Wer also einen Ausreiseantrag stellte, musste auf Entlassung, den Verlust beruflicher Aufstiegsmöglichkeiten, auf Verwaltungsschikanen gefasst sein. Manche schreckte das ab. Viele nahmen es hin und stellten immer wieder neue Ausreiseanträge.

Antikommunistisch und fest im katholischen Glauben verankert, die Hamburas waren in dieser Hinsicht keine Ausnahme unter ihresgleichen. Stefan war Messdiener und beim Religionsunterricht eifrig dabei. Seitdem die Kommunisten 1961 die Katechese endgültig aus den Schulen verbannt hatten, durfte sie nur nachmittags in den Kirchen stattfinden.

Eltern, die ihre Kinder dort hinschickten, legten in den Augen der Kommunisten ein eindeutiges politisches Zeugnis ab. Auch das blieb oft nicht ohne Folgen, in einem totalitären Staat, der alles nach seinem Gutdünken zuteilen oder verweigern konnte: eine Wohnung, einen Reisepass, einen Kindergarten- oder einen Studienplatz, eine Kur oder ein Telefon zu Hause, auf das man normalerweise bis zu zwanzig Jahre lang wartete, aber mancher „Verdiente“ bekam es eben schneller.

Angekommen

Stefan Hambura hob im Familienarchiv sorgfältig sein Tagebuch des Religionsschülers auf, in dem Pfarrer Kazimierz Mol die Anwesenheit in jeder Unterrichtstunde mit Unterschrift und Stempel bestätigte. Die letzte Bestätigung fiel auf den 5. Dezember 1978. Am 12. Dezember sollte das Thema lauten „Der Herr ist nahe“. Da aber waren die Hamburas schon im niedersächsischen Friedland angekommen, dem Erstaufnahmelager für Spätaussiedler.

Nach gut zehn Jahren des Antragstellens in Gliwice durften sie endlich raus. Ihr Weg führte sie weiter ins NRW-Aussiedlerlager Unna-Massen. Dort galt es einige Monate lang abzuwarten, bis alle Formalitäten erledigt, eine Wohnung, die Schule für die Söhne, ein Job für den Vater gefunden waren. Für die beiden jungen Hamburas und ihresgleichen war in Unna-Massen ausgiebiger Deutsch-Unterricht angesagt. In den Pausen aber, so Stefans Erinnerung an diese Zeit, wurde nur Polnisch oder Russisch gesprochen.

Er war fleißig, ehrgeizig, wissbegierig und die technische Mittelschule, in die Stefan Hambura in Polen gegangen war, kann auch nicht schlecht gewesen sein, wenn er problemlos am Gymnasium in Duisburg, wo sich die Familie niederließ, aufgenommen wurde, das Abitur bestand und das Jurastudium an der Bonner Universität bewältigte. Dazwischen lag noch ein Jahr Pflicht-Wehrdienst bei der Bundeswehr.

In all diesen Jahren lernte der Deutsche aus Polen am eigenen Leibe die Geringschätzung kennen, die den Polen in Deutschland oftmals entgegengebracht wird. Man hielt ihn für einen von ihnen. Dort, wohin die politische Korrektheit nicht vordringt: auf dem Schul- und auf dem Kasernenhof, in der Soldatenstube, beim Kommilitonen-Gelage, bei den Aushilfsjobs, mit denen er sich das Studium mitfinanzierte, sparte man ihm, dem vermeintlichen Polen gegenüber, nicht mit Sticheleien, Spott, Hohn, Herabsetzung.

Am Beginn seiner Verteidiger-Laufbahn versuchte Hambura, der sein tägliches Brot mit Zivil- und Wirtschaftsfällen verdiente, sich ebenfalls als Anwalt von Vertriebenen und Spätaussiedlern zu etablieren. Im Jahr 2003 vertrat er eine Deutsche aus Dortmund, die ihr Wohnhaus in Gliwice zurückbekommen und verkaufen wollte. Weder dieses noch einige weitere, ähnliche Mandate, die er übernahm, waren von Erfolg gekrönt.

Außerdem hatten die Flüchtlinge und Spätaussiedler noch in den Neunzigerjahren sowie um die Jahrtausendwende genügend, weit mächtigere Fürsprecher: den politisch einflussreichen Bund der Vertriebenen (BdV), die Landsmannschaften, Vertriebenen-Politiker, wie Herbert Czaja, Herbert Hupka, Erika Steinbach, Hartmut Koschyk oder solche, die ihnen politisch den Rücken stärkten, wie Alfred Dregger, jahrelang Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion und der prominenteste Vertreter der nationalkonservativen CDU-„Stahlhelm-Fraktion“. Auch Bundeskanzler Helmut Kohl legte lange Zeit, wenn nicht Sympathien, so auf jeden Fall Respekt vor den Vertriebenen an den Tag. Die zwei bis drei Prozent Stimmen, die bei ihnen noch Anfang der Zweitausenderjahre zu holen waren, konnten wahlentscheidend sein.

Fachmann für hoffnungslose „Polen-Fälle“

Teilweise ganz ohne eigenes Zutun öffnete sich derweil vor dem Anwalt Hambura eine „Marktlücke“, die seine deutschen Kollegen ohne polnischen Hintergrund nicht abzudecken vermochten. Dazu bedurfte es nicht nur bester Polnischkenntnisse, sondern einer besonderen Feinfühligkeit, die auf Anhieb Vertrauen erzeugt.

Anwälte gab und gibt es in der Bundesrepublik mehr als genug, aber in dieser besonderen Kategorie agierte Stefan Hambura am Anfang weitgehend allein auf weiter Flur. Inzwischen gibt es in Hamburg, Berlin, Köln Sozietäten mit polnischsprachigen Anwälten, die sich solcher Fälle annehmen.

Die Polen, die bei ihm landeten, waren oft einfache, schwer arbeitende Leute, die nicht viel Deutsch sprachen, unversehens in die Mühlen der deutschen Bürokratie gerieten und oft weder ein noch aus wussten. Hambura wurde so zum bekanntesten Fachmann für vertrackte und hoffnungslose „Polen-Fälle“.

In jener Zeit war er schon einige Jahre verheiratet mit Grażyna, einer Polin die er in Bonn in der Kirche kennengelernt hatte. Sie arbeitete als Kirchenjuristin im Erzbistum Köln und gab ihre Stelle auf, als die Familie in die neue-alte Hauptstadt Berlin zog, wo sich der Anwalt mehr Chancen auf beruflichen Erfolg ausmalte. Sie hat die polnische, er hatte die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie sprach mit den beiden Kindern, die zwei Staatsangehörigkeiten haben, nur Polnisch, er nur Deutsch. „Damit in ihren Köpfen Ordnung herrsche“, so Hambura in einem Zeitungsgespräch.

Zu ihm kamen vor allem polnische Elternteile, die sich nach Scheidungen von deutschen Partnern benachteiligt fühlten, weil deutsche Behörden grundsätzlich nur deutschen Müttern bzw. Vätern das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder übertragen. Noch schwieriger und dramatischer waren und sind die Wegnahmen polnischer Kinder durch Jugendämter in der Bundesrepublik. Diesen Behörden hängt der Ruf an, durch ihre oft rabiaten Praktiken, die Elternrechte auszuhebeln.

Lesen Sie dazu: „Deutsche Jugendämter, polnisches Leid“

Hungern und kämpfen für die polnische Minderheit

Eine zweite wichtige polnisch-deutsche Angelegenheit, der sich Hambura restlos verschrieben hatte, war, dabei zu helfen, dass die Polen in Deutschland den Status einer nationalen Minderheit zurückbekommen. Umso mehr, als die Deutschen in Polen diesen Status innehaben.

Der Erste (und letzte) Kongress der Polen in Deutschland am 6. März 1938 im Berliner Theater des Volkes mit ca. 5.000 Delegierten.

Die Polen waren als nationale Minderheit in Deutschland bis zum 7. September 1939 anerkannt. Unmittelbar nach dem Überfall auf Polen hatte Hitler, per Führererlass, diese Anerkennung widerrufen und den Bund der Polen in Deutschland verboten. Am 3. Juni 1940 beschlagnahmte das Dritte Reich alle Immobilien, Bank- und sonstige Vermögen der polnischen Minderheitsorganisationen.

Briefmarke von 1972 anlässlich des 50. Entstehungsjubiläums des Bundes der Polen in Deutschland, mit dem Emblem der Organisation. Es zeigt den Verlauf der Weichsel als Zeichen für das polnische Volk und die Lage der Stadt Kraków als Zeichen für die polnische Kultur.

Etwa 2.000 ihrer Funktionäre und prominenten Mitglieder, allesamt deutsche Staatsbürger, wurden verfolgt, jeder zweite von ihnen überlebte die KZ-Haft nicht. Eine kollektive Rehabilitierung und Entschädigung per Gesetz, wie im Falle der Homosexuellen oder der Wehrmacht-Deserteure, fand nicht statt. Die bedauernde Erwähnung in der Entschließung des Bundestages vom 10. Juni 2011 musste ausreichen.

Bis heute weigert sich die Bundesrepublik beharrlich, Hitlers Beschluss rückgängig zu machen. Eine der Begründungen lautet, die Polen in Deutschland bewohnen kein zusammenhängendes Gebiet. Das tun die Sinti und Roma auch nicht, dennoch hat Deutschland ihnen 1998 den Minderheitenstatus zuerkannt, der auch den Dänen, den Friesen und den Sorben in Deutschland zusteht. Außerdem, so die offizielle deutsche Haltung, bestehe das Hauptproblem darin, dass fast alle Polen oder deren Vorfahren durch Migration in das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland gelangt seien. Nicht viel anders verhält es sich mit den Sinti und Roma.

Briefmarke von 1982 anlässlich des 60. Entstehungsjubiläums des Bundes der Polen in Deutschland. Links: Stanisław Sierakowski, erster Vorsitzender des Bundes (1922-1933). Ermordet von den Nazis im Oktober 1939 mit seiner Frau, Tochter und deren Ehemann. Rechts: Pfarrer Bolesław Domański, Vositzender des Bundes in den Jahren 1933-1939. Starb im April 1939 eines natürlichen Todes.

Der Minderheitenstatus verpflichtet die Bundes- und Landesverwaltungen die Pflege der Kultur und der Sprache der anerkannten Minderheiten fortlaufend zu finanzieren. Das geht aus internationalen Verträgen hervor. Da die Polen als Minderheit nicht mehr anerkannt werden, sind ihre Einrichtungen auf gelegentliche, nach freiem Ermessen gewährte, bescheidene und zeitbeschränkte Projektfinanzierungen aus verschiedenen Töpfen angewiesen. So kann man keine stabilen Strukturen aufbauen.

Postkarte von 2017 anlässlich des 95. Entstehungsjubiläums des Bundes der Polen in Deutschland mit dem Konterfei Pfarrer Bolesław Domańskis.

Anders die Deutschen in Polen, wo der Staat und die Kommunen allein das Schulwesen der deutschen Minderheit pro Jahr mit umgerechnet 14 Millionen Euro finanzieren. Dazu kommen noch einige weitere Millionen für die Kulturförderung.

Bei einer Veranstaltung der polnischen Minderheit in Berlin in Juni 2011.

Hambura wollte es genau wissen. Er forderte Akteneinsicht bei den deutschen Behörden. Ging in Archive, rekonstruierte das Geschehen um das Verbot der polnischen Minderheit von 1939 und die Enteignungen von 1940. Er brachte Fakten ans Tageslicht und ins öffentliche Bewusstsein.

Das war um 2008. Danach wurde knapp zehn Jahre lang verhandelt, getagt, polnischerseits gefordert, deutscherseits mal viel versprochen, mal abgewiegelt. Hambura war oft mit von der Partie, sah frustriert zu.

Stefan Hambura während seines Hungerstreiks in Warschau im Mai 2017.

Am Ende tat er das, worin er ein Meister war. Er hängte die Sache an die ganz große Glocke. Zuerst schrieb er im Februar 2017 einen offenen Brief an Angela Merkel: „Seit dem Jahr 2009 gibt es kaum Fortschritte in den Fragen der Polnischen Minderheit in Deutschland. Ich möchte Sie, sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin, daher bitten, die Angelegenheit der Polnischen Minderheit in Deutschland zur „Chefsache“ zu erklären und diese schnellstmöglich zu lösen.“ Im Mai in Warschau und im Oktober 2017 in Berlin trat er dann in mehrtägige Hungerstreiks.

„Da muss man was machen“

Es hieß, Hambura trete zu theatralisch auf, wenn er etwas durchsetzen wolle. Nicht wenige störten sich, wie sie sagten, an seiner großtuerischen Art. Er wurde bezichtigt sich in Szene zu setzen aus rein geschäftlichen Überlegungen, gehöre doch das Klappern zum Handwerk.

Wer ihn näher kannte, der kannte auch seinen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und seinen fast schon reflexartigen Hang überall dort helfen zu wollen, wo er die elementare Fairness verletzt sah. „Da muss man was machen“, den Satz hat er oft wiederholt.

Mit seinem Mandanten Adam Kowalewski im Warschauer Gerichtsgebäude im September 2018. Kowalewskis Vater wurde in Auschwitz pseudomedizinischen Experimenten unterzogen.

Viele seiner Mandate übte er umsonst aus. Zum Beispiel die von Kindern polnischer KZ-Häftlinge, die auf Entschädigung für psychische Leiden und materielle Nachteile klagten, die ihnen die Verfolgung und der Tod der Mutter oder des Vaters zugefügt hatten. Deutsche Gerichte haben alle diese Klagen abgewiesen. In seiner Bonner Zeit vermittelte Hambura schwer kranke polnische Kinder zu Operationen in deutschen Fachkliniken, sammelte Geld dafür und steuerte eigenes bei.

Hamburas Tatendrang schien unerschöpflich zu sein. Er war ein Hansdampf in den holprigsten, verwinkeltesten polnisch-deutschen Gassen. Jugendämter. Polnische Minderheit in Polen. Deutsche Reparationen für Polen. Die „Polnische Treuhand“ als Antwort auf die „Preußische Treuhand“, die von Polen Entschädigungen für das nach 1945 zurückgelassene deutsche Eigentum forderte. In Berlin, die Errichtung eines Dokumentationszentrums für polnisches Leid im Zweiten Weltkrieg als Antwort auf den Bau des von Erika Steinbach forcierten Zentrums „Flucht und Vertreibung“.

Stefan Hambura vor der Deutschen Botschaft in Warschau am 1. Oktober 2018.

Stefan Hambura stand bei all diesen Initiativen an vorderster Front. Oft mit einem Megafon in der Hand, wie am 1. Oktober 2018 vor der deutschen Botschaft in Warschau, als viele Dutzend geladener Gäste, die Einladungen in der Hand, nach und nach durch das Eingangstor gelassen wurden, um am Empfang des Botschafters zum Tag der Deutschen Einheit teilzunehmen. Transparente und großformatige Fotos des zerstörten Warschau, wenige Meter vom Botschafts-Zaun entfernt, beeinträchtigten die Idylle des lauen Herbstabends an den kalten Buffets, genauso wie Hamburas Megafon-Ansprache über Deutschlands materielle und moralische Schuld gegenüber Polen.

Zwischen den Mühlsteinen der Politik

Kein Wunder, dass maßgebliche Personen und Institutionen in Deutschland, die sich mit Polen beschäftigen, Hambura mit hartnäckiger Nichtbeachtung straften. Nach ihm gefragt, sagte der Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt der Zeitung „Rzeczpospolita“, er glaube, Hamburas Tätigkeit sei nicht wichtig genug, um sie zu kommentieren.

Folglich war Hambura auch für sämtliche deutsche Medien in all den langen Jahren weitgehend ein Niemand. Als ihm, 2013, der „Spiegel“ ausnahmsweise einen Artikel widmete, hieß es, in Deutschland gelte Hambura als „so etwas wie der juristische Sachwalter der polnischen Nationalkonservativen. Geführt wird dieses Lager von Jarosław Kaczyński.“

Diese Beobachtung drängte sich durchaus auf, nur wäre es der Redlichkeit halber angebracht gewesen hinzuzufügen, wie und warum Hambura geradezu in diese Rolle hineingedrängt wurde. Alle anderen wichtigen politischen Kräfte in Polen wollten sich nämlich auf keinen Fall mit Deutschland anlegen.

Angela Merkel und Donald Tusk.

Am wenigsten die Bürgerplattform des damaligen polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk. Er war und ist der politische Ziehsohn Angela Merkels, dem die Kanzlerin 2014 seinen Traum EU-Ratspräsident zu werden, als Gegenleistung für seine unverbrüchliche Deutschland-Treue, erfüllt hat.

Zwischen 2008, als die Tusk-Partei Bürgerplattform die vorgezogenen Parlamentswahlen gewann und Jarosław Kaczynski als Regierungschef abservierte, und Herbst 2015, als die Kaczyński-Partei Recht und Gerechtigkeit wieder an die Macht kam, war Hambura auch für das offizielle Polen ein Nobody. Polnische Botschaften und Konsulate in Deutschland, die der Anwalt um Amtshilfe für seine polnischen Mandanten bat, durften sich nicht mit ihm einlassen.

Genauso wie ihre deutschen Kontrahenten sahen die Tusk-Leute ebenso wenig eine Veranlassung all die heiklen Themen, die Hambura aufgriff auch nur zu berühren. Nichts und niemand sollte den angeblich blauen Himmel der polnisch-deutschen Versöhnung trüben.

Deutschen Politikern und Beamten gegenüber saß damals eine besondere Spezies polnischer Offizieller. Oft waren es einstige polnische Teilnehmer an gemeinsamen, gut dotierten Forschungs- und Austauschprojekten. Ehemalige, wohl entlohnte polnische Gastprofessoren an deutschen Universitäten. Vormalige polnische Praktikanten in deutschen Behörden, wie dem Bundestag, dem Auswärtigen Amt usw. Sie alle verdankten Deutschland einiges und hofften oft auf mehr.

Angetrieben durch deutsche Fördergelder drehte sich seit 1990 munter das Karussell der von Deutschland für die Polen konzipierten und bezahlten Konferenzen, Projekte, Austausche und Studienreisen. So schuf sich Deutschland seine Dialogpartner. Leute wie Hambura, die Sand ins Getriebe streuten, gehörten isoliert.

Blauäugig, wie er am Anfang war, suchte Hambura die Nähe dieser Leute. Er sah in ihnen die Sachwalter polnischer Interessen, so wie er es verstand. Die Lektion, die sie ihm erteilten war für ihn sehr bitter. „Anwalt Hambura, die stumme Glocke“, höhnte 2010 die „Gazeta Wyborcza“.

„Ein Jemand, wie der Anwalt Hambura, der aus welchen Gründen auch immer, sich als Deutscher erklärt hat, sollte nicht den Super-Polen spielen. Vielleicht sollte man in seiner Lage ein Europäer sein, der sich um Versöhnung bemüht, anstatt Gereiztheit zu schüren. Ich bin nicht der Meinung, dass ein deutscher Anwalt, wie Herr Hambura, ein Mitgestalter der polnischen Außenpolitik sein sollte, umso weniger, paradoxerweise, der einer Partei wie Recht und Gerechtigkeit“, so die 2010 geäußerte Meinung von Dr. Kazimierz Wóycicki, einst Direktor der polnischen Kulturinstitute in Düsseldorf und Leipzig und seinerzeit einer der Sprachführer der Deutschland-Politik Donald Tusks.

Bei einer Veranstaltung der nationalkonservativen „Gazeta Polska“ im Sommer 2019.

Hambura hat diese Verschmähungen bis in seine letzten Tage nicht verarbeitet.

Die Einzigen, die ihn ernst nahmen und zu schätzen wussten waren die Nationalkonservativen, also ließ er sich ein mit ihnen. Bei ihnen saß er in den Tagungspräsidien, hielt gut besuchte Vorträge, spürte Dankbarkeit und Zustimmung. In ihren Medien erklärte er den Polen Deutschland.

Diese Kontakte gingen auf Hamburas, mit der Zeit sehr eng gewordene, Bekanntschaft mit dem späteren Professor Mariusz Muszyński zurück. Sie entstand Ende der Neunzigerjahre, als Muszyński die Rechtsabteilung an der polnischen Botschaft in Berlin leitete. Hambura schrieb damals ab und an Gutachten für die Botschaft.

Professor Mariusz Muszyński.

Muszyński, der aus seiner nationalkonservativen Gesinnung kein Hehl machte, erlebte einen kurzfristigen politischen Höhenflug zwischen 2005 und 2007, zur Zeit der ersten Regierung von Recht und Gerechtigkeit unter Ministerpräsident Jarosław Kaczyński. Muszyński wurde Berater der damaligen Außenministerin Anna Fotyga und Bevollmächtigter der polnischen Regierung für die, in jenen zwei Jahren eher angespannten, polnisch-deutschen Beziehungen.

Zwar wurde Muszyński Ende 2008, sofort nach der Machtübernahme der Regierung Donald Tusk, abgesetzt. Er blieb jedoch als Deutschland-Kenner der Mann, der die Deutschland-Sicht der in die Oppositions-Bänke verwiesenen Nationalkonservativen prägte. Er ist heute Richter am Verfassungsgericht.

Hambura übernahm Muszyńskis Agenda und Sichtweise der wunden polnisch-deutschen Punkte. Einige Male rief er Organisationen ins Leben, um seine Anliegen besser durchzusetzen. Da waren der Verband der durch Jugendämter geschädigten polnischen Eltern, eine Partei der Polen mit dem Namen Europäische Initiative in Deutschland, der Weltkongress der Auslandspolen. Die beiden ersten gingen bald ein. Den Weltkongress gibt es noch, aber seinem großen Namen ist er bis jetzt eher nicht gerecht geworden. Hambura fand keine Partner, denen er diese Strukturen anvertrauen konnte, von einer Dauerfinanzierung ganz zu schweigen.

Das Smolensk-Engagement

In Polen wurde er 2007 bekannt, als Anwalt von Anna Walentynowicz. Die Kranführerin von der Danziger Lenin-Werft ist neben Lech Wałęsa die wohl bekannteste Symbolfigur der Solidarność-Bewegung. Der Regisseur Volker Schlöndorff verarbeitete ihre Lebensgeschichte im Spielfilm „Strajk – Die Heldin von Danzig“, und zwar so, dass Walentynowicz ihren guten Ruf gründlich ruiniert sah, sollte der Film als ihr Portrait in die Kinos gelangen.

Oben: Anna Walentynowicz während des Streiks in der Danziger Lenin-Werft im August 1980. Im Hintergrund Lech Wałęsa. Unten: Katharina Thalbach im Film „Stajk – die Heldin von Danzig“.

Dank Hamburas Vermittlung kam es zu einem Vergleich. Der Filmproduzent ließ verlautbaren, dass die Titelgestalt eine fiktive Person sei, für deren Darstellung man einige wenige Fragmente aus Walentynowiczs Vita herangezogen habe. Außerdem spendete die Produktionsfirma, wie von der zunehmend extrem kurzsichtigen Walentynowicz gefordert, 50.000 Euro für die Augenklinik der Medizinischen Akademie in Gdańsk.

Drei Jahre später, am 10. April 2010 kam Anna Walentynowicz bei der Flugzeug-Katastrophe von Smolensk ums Leben. Mit ihr fanden weitere 95 Menschen den Tod, darunter Polens Staatspräsident Lech Kaczyński, der Zwillingsbruder von Jarosław, und seine Ehefrau.

Man kannte sich bereits, und so bat Walentynowiczs Sohn Janusz Hambura erneut um juristischen Beistand.

Die Russen hatten die Leichen und Leichenteile der Verunglückten nach dem Absturz in Müllsäcke und dann in Stahlbehälter gepackt, diese verlötet und in Särge gelegt. Sie durften in Warschau nicht mehr geöffnet werden. Mit der Zeit kamen bei vielen Familien immer mehr Zweifel auf, ob in den Gräbern, die sie pflegen, tatsächlich ihre Angehörigen liegen.

Oben: Stefan Hambura bei der Graböffnung von Anna Walentynowicz im Juni 2013. Unten: Beim anschließenden Pressegespräch in Begleitung von Walentynowiczs Sohn Janusz (links) und Enkelsohn Piotr.

Die Tusk-Regierung, die die Untersuchung der Katastrophe und das Flugzeugwrack den Russen überlassen hatte, wollte die Exhumierungen nicht zulassen. Hambura setzte sie für Janusz Walentynowicz und die Angehörigen des ehemaligen Dissidenten Stefan Melak, der ebenfalls mit an Bord war, durch.

Nach der Graböffnung stellte sich heraus, dass statt Walentynowicz ein anderes Opfer der Katastrophe unter ihrem Namen bestattet worden war. Es bedurfte weiterer Exhumierungen um ihren Körper zu finden. Knapp zweieinhalb Jahre nach ihrem Tod, im September 2012, fand Anna Walentynowicz endlich ihre letzte Ruhe. Ihr Leichnam, so das Autopsie-Protokoll, wurde in Moskau, wohin die Toten aus Smolensk zuerst gebracht wurden, „geschändet“. In anderen Gräbern fand man „überschüssige“ Gliedmaßen, Köpfe.

Die Smolensk-Katastrophe beschäftigte Hambura erneut zwischen 2016 und 2019. Ein knappes Dutzend Familien der Smolensk-Opfer hatte vor dem Kreisgericht Warschau Privatklage gegen fünf Beamte aus der Umgebung von Donald Tusk erhoben, die seinerzeit mit der Vorbereitung des tragischen Fluges beschäftigt waren. Hambura vertrat dort abermals die Familien Walentynowicz und Melak, wieder einmal umsonst.

Im Warschauer Gerichtssaal am 24. April 2018. Anwalt Hambura (links im Bild) versus Donald Tusk (im Zeugenstand).

Als Vertreter der Kläger nahm er im Gerichtssaal, gemeinsam mit anderen Anwälten, u. a. den ehemaligen Ministerpräsidenten und damaligen EU-Ratsvorsitzenden Donald Tusk sowie den ehemaligen Außenminister Radosław Sikorski bei deren Befragung ins Kreuzfeuer. Sie zahlten es ihm mit gehässigen Kommentaren auf Twitter heim. Das Gericht verurteilte zwei der angeklagten Beamten zu zehn, beziehungsweise sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung. Sie waren die einzigen, die für diese Tragödie zur Verantwortung gezogen wurden.

Das Ende der Quirligkeit

Während dieses Prozesses erlangte der Berliner Anwalt in Polen eine Bekanntheit, die ihm in Deutschland niemals zuteil wurde. Daneben fand er noch Zeit um Vorlesungen an der Schule des deutschen Rechts der Juristischen Fakultät der Universität Warschau zu halten. Mit Prof. Mariusz Muszyński schrieb Hambura seit dem Jahr 2000 gemeinsam Bücher mit Kommentaren zu den EU-Verträgen. Seine Berliner Anwaltskanzlei ließ er dabei keinesfalls verwaisen.

Seine Quirligkeit versetzte Beobachter und Bekannte stets aufs Neue in Erstaunen. Freunde rieten ihm, sich zusätzlich als Zugschaffner ausbilden zu lassen. Er könnte sich so ein Zubrot verdienen. Der Berlin-Warszawa-Express, mit dem er unentwegt zwischen den beiden Hauptstädten pendelte, galt als sein zweites Zuhause.

Der tödliche Herzinfarkt, der ihn Ende April 2020 in Warschau ereilte, war der Preis für ein intensiv gelebtes, prallgefülltes Leben.

Bestattet wurde Stefan Hambura dort, wo er, der deutsche Anwalt aus Berlin, inzwischen auf jeden Fall hingehört: auf dem Powązki-Friedhof in Warschau, wo diejenigen ruhen, die sich Polen verschrieben haben.

© RdP




Kommunist mit Skrupeln

Am 3. März 2020 starb Stanisław Kania.

Berühmt wurde Stanisław Kania dank dem, was er nicht getan hat. Dass er sich 1981 bis zuletzt gegen die Einführung des Kriegsrechts in Polen gesträubt hat, wird ihm, sehr zu recht, in den polnischen Geschichtsbüchern zugutegehalten.

Er stand nur ein Jahr lang, von September 1980 bis Oktober 1981, im Rampenlicht der großen Politik als Erster Sekretär des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP). Es waren dramatische zwölf Monate des Tauziehens um eine friedliche oder gewaltsame Lösung der polnischen Krise.

Die freie Gewerkschaft Solidarność stand damals im Zenit ihrer Macht. Die Sowjets drohten mit dem Einmarsch. „Befreundete“ kommunistische Scharfmacher wie Honecker, der Tschechoslowake Husak oder der Bulgare Schiwkow, aber auch heimische Hardliner, forderten ein unbarmherziges Durchgreifen. Das hochverschuldete Land war bankrott. Vor leeren Läden harrten hunderttausende von Menschen aus, warteten darauf, dass irgendetwas geliefert wurde. Die Preise wuchsen schnell, die Inflation fraß Löhne und Erspartes auf. Polen glich einem Pulverfass. In einer solchen Lage kommunistischer Parteichef zu sein, war wahrlich kein Vergnügen.

Ochsentour zum Olymp

Bis Kania nach dem Zepter auf dem roten Olymp der Macht greifen konnte, durchlief er die Ochsentour eines Apparatschiks, wie sie im kommunistischen Bilderbuch steht. Unscheinbar, zäh, linientreu, bauernschlau, gewieft und schnell geübt in den Diadochenkämpfen um Einfluss, Macht, Karrieresprünge, arbeitete sich Kania fünfunddreißig Jahre lang hoch. So mancher Konkurrent, der ihm im Wege stand und auf die Aura der Gutmütigkeit, die Kania umgab hereinfiel, musste schmerzhaft erfahren, dass der Gutherzige nie ohne Dolch im Gewande in den Labyrinthen der Macht unterwegs war. Schließlich brachte er zwei seiner Vorgänger, Władysław Gomułka und Edward Gierek, als sie politisch ins Taumeln gerieten, mit zu Fall.

Beim Dorfschmied in der Lehre

Blick auf Wrocanka in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts.

Auf die Welt kam er 1927 im Dorf Wrocanka, im heutigen äußersten Südosten Polens. Damals verlief die Grenze zur Sowjet-Ukraine zweihundert Kilometer weiter östlich als heute, bis die Sowjets sie dann im September 1939 überschritten, um Polen gemeinsam mit Hitler aufzuteilen.

Die Eltern hatten einen Bauernhof von gerade einmal eineinhalb Hektar Fläche. Stanisław wuchs als Einzelkind auf. Bruder und Schwester starben noch als Säuglinge. Vater Józef, begabt im Selbststudium, brachte es immerhin zum Gemeindesekretär.

Kanias Geburtshaus in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts.

Im Ersten Weltkrieg, als diese Gegend des dreigeteilten Polens zu Österreich gehörte, wurde der Vater in die K.-u.-k.-Armee eingezogen, kämpfte an der italienischen Front, geriet in Gefangenschaft. Aus einem norditalienischen Kriegsgefangenenlager wurde er, gemeinsam mit Tausenden anderer Polen, durch die Behörden in Richtung Frankreich entlassen. Dort konnten sie sich 1917 einer kurz zuvor aufgestellten polnischen Armee anschließen. Mit ihr kam Kanias Vater 1919 ins gerade wiedererstandene Polen und kämpfte im polnisch-sowjetischen Krieg. Polen gewann ihn im Herbst 1920 und konnte so seine 1918, nach 123 Jahren der Teilungen, gerade wiedergewonnene Unabhängigkeit retten.

Vater Józef Kania.

Dass sich ausgerechnet sein Sohn, knapp dreißig Jahre später, als Kommunist in den Dienst der Sowjets stellte und ihnen bei der Unterdrückung Polens zur Hand ging, musste der Vater nicht mitansehen. Er starb 1931, als Stanisław vier Jahre alt war.

Der Junge absolvierte nur die örtliche Vier-Klassen-Elementarschule, ging beim Dorfschmied in die Lehre und verrichtete, gemeinsam mit Mutter Katarzyna, alle Arbeiten auf dem ärmlichen Hof. Als im September 1939 der Krieg ausbrach, war er zwölf. Mit siebzehn trat er 1944 dem örtlichen Untergrund bei, half beim Drucken von Flugblättern, überbrachte als Kurier Nachrichten.

Mutter Katarzyna Kania.

Den Sowjets zu Diensten

Im Herbst 1944 durchlebte die Gegend eine schwere Zeit. Die Sowjets stoppten im August 1944 ihre Sommeroffensive. Wrocanka lag nun auf der deutschen Seite im Frontbereich. Wehrmacht und SS begannen die Bevölkerung zu vertreiben. Dörfer wurden zuerst planmäßig ausgeplündert, damit ausgebombte Deutsche im Reich wieder zu Hausrat und Kleidung kamen, und anschließend dem Erdboden gleichgemacht.

Wrocanka entging diesem Schicksal nur knapp. Mitte Januar 1945 begannen die Sowjets ihren letzten großen Vorstoß, der im Mai 1945 in Berlin zum Stehen kommen sollte. Am 19. Januar 1945 rollten Sowjetpanzer durch Kanias Heimatdorf.

In ihrem Tross rückten bald darauf sowjetische Sicherheitsbehörden und ihre polnischen Helfer an. Örtliche Kommunisten und ihre Mitläufer, oft der Bodensatz der Gesellschaft, der nun als das „Proletariat“ zu Amt und Würden kam, entfalteten schnell ihre Terrorherrschaft.

Stanisław Kania der junge Parteiaktivist.

Aus dem Mitläufer Stanisław Kania wurde alsbald ein heißsporniger Aktivist. Schon im März 1945, gerade achtzehn geworden, trat er der kommunistischen Partei bei und tat sich in Wrocanka und Umgebung bei allen landesweiten rücksichtslosen kommunistischen Aktionen hervor. Bei der brutalen Einschüchterung der Opposition. Bei der Fälschung des Volksreferendums im Juni 1946 und der Parlamentswahlen im Januar 1947. Bei der 1948 einsetzenden, gewaltsamen Kollektivierung der Landwirtschaft. Die Folterkeller der politischen Polizei UB im ganzen Land, so auch in Wrocankas Kreisstadt Jasło, konnten die Opfer kaum fassen.

(Zwangs)Vereinigungsparteitag der polnischen Sozialisten und Kommunisten in der Halle der Warschauer Technischen Hochschule, Dezember 1948. Die PVAP wird gegründet.

Im Dezember 1948 wurde dem Jugendaktivisten und kleinem Apparatschik aus der tiefen Provinz eine besondere Ehre zuteil. Er war Delegierter beim (Zwangs)Vereinigungsparteitag der polnischen Sozialisten und Kommunisten und durfte dabei sein, in der Halle der Warschauer Technischen Hochschule, als die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) aus der Taufe gehoben wurde.

Briefmarken zum Gründungsparteitag der PVAP 1948.

Knapp zwei Jahre später, im September 1950, schaffte Kania den erträumten Sprung nach Warschau, den einzigen Ort, an dem an eine landesweite Karriere zu denken war. Zuerst landete er für zwei Jahre auf der Parteischule des Zentralkomitees der PVAP. Dort bekam er den ideologischen Schliff, unabdingbar für höhere Weihen. Im Abschlusszeugnis wurden ihm „politische Schärfe“, ein „starkes Klassenbewusstsein“ und „sehr gute Entwicklungsperspektiven“ bescheinigt. Das Abitur hatte er an einem Warschauer Lyzeum für Berufstätige 1958 nachgeholt.

Kanias Arbeitsplatz zwischen 1968 und 1981. Das Gebäude des Zentralkomitees der PVAP in Warschau.

Jetzt konnte und durfte Kania die Laufbahn des Berufsfunktionärs einschlagen. Sie führte ihn, über verschiedene Funktionen in der Warschauer Zentrale des kommunistischen Jugendverbands und im Parteiapparat der Hauptstadt, im November 1968 in die wichtigste Parteibehörde, das Zentralkomitee. Dass er dort gleich einen Schlüsselposten bekam sagt viel aus darüber, wie gut vernetzt er schon damals sein musste.

Parteiaufseher der Agenten und Uniformträger

Die einem Nicht-Kenner nichts sagende „ZK-Abteilung für Verwaltung“, der er nun vorstand, war in Wahrheit eine der wichtigsten Schaltstellen im kommunistischen Polen. Sie übte die Parteikontrolle über Armee, Polizei, Geheimpolizei, auch die Justiz und den Strafvollzug aus, war ebenfalls zuständig für die katholische Kirche. Auf Kanias Schreibtisch landeten die geheimsten Geheimakten des Regimes.

1968. Ein Orden von Parteichef Władysław Gomułka. Stanisław Kanias Start in die Parteikarriere.

Wer, wie Kania, nicht nur ein beliebig auswechselbarer „Parteibeamter“ sein wollte, sondern ein gewichtiger Parteipolitiker, der musste unbedingt Mitglied sein in dem wichtigsten Parteigremium zwischen den Parteitagen, dem Zentralkomitee (ZK; nicht zu verwechseln mit dem ZK-Apparat wo Kania die „Abteilung Verwaltung“ leitete).

Das Gremium zählte (die Zahl schwankte) zwischen 100 und 150 Vollmitglieder und etwa einhundert Kandidaten. Das ZK wurde auf dem Parteitag gewählt. Es selbst wiederum wählte dann den Parteichef (den Ersten Sekretär) und das meistens zehn- bis zwölfköpfige Politbüro. Die Mitgliedschaft im ZK-Gremium und ein hoher Posten im ZK-Apparat waren eine solide Basis für den Sprung ins Politbüro, das eigentliche Machtzentrum der Partei.

Briefmarken zum IV. Parteitag der PVAP 1964.

Kania wurde auf dem IV. Parteitag der PVAP im Juni 1964 Kandidat und auf dem V. Parteitag 1968 Vollmitglied des ZK.

Briefmarken zum V. Parteitag der PVAP 1968.

Damals begann der Stern des Parteichefs Władysław Gomułka zu sinken. Gomułka war im Oktober 1956 an die Macht gekommen. Er war umgeben vom Nimbus des Märtyrers, der von den polnischen Stalinisten auf Geheiβ Moskaus drei Jahre lang (1951-1954) eingesperrt war, und des Nationalkommunisten, der einen eigenen, polnischen Weg zum Sozialismus einschlagen würde.

Warschau, Oktober 1956. Gomułkas erste Rede nach dem Machtantritt. Der Jubel war unermesslich.

Der Stalinismus war endlich vorbei und Polen lag im Oktober 1956 Gomułka zu Füβen, doch dieser wollte der Liberalisierung und Demokratisierung schnell enge Grenzen setzten. So naiv, wie Gorbatschow dreiβig Jahre später, war er nicht. Die „führende Rolle der Partei“ anzutasten, wäre der Beginn einer Entwicklung gewesen, an deren Ende das Ende der Parteidiktatur gestanden hätte. Demokratie und Sozialismus, das war ein unlösbarer Widerspruch. Entweder das eine oder das andere, das wusste der Machtmensch Gomułka sehr gut.

Es gelang ihm, die im Oktober 1956 entfesselten Geister (freizügigere Medien, Arbeiterselbstverwaltung, die wieder millionenfach zur Schau gestellte Kirchentreue der Polen u. e. m.) nach und nach wieder in die Flasche zu bekommen. Der ehrgeizige Kania war einer derjenigen im Parteiapparat, die Gomułka dabei gern behilflich waren.

Es folgten die Sechzigerjahre, die Zeit der Stagnation, der Resignation und der wachsenden Wirtschaftsprobleme in Polen.

Dezember 1970. An der Küste wird geschossen

Am Sonnabend, dem 12. Dezember 1970 verkündeten Rundfunk und Fernsehen, dass am Montag eine drastische Lebensmittelpreiserhöhung in Kraft treten werde. Die Staatskasse war leer und der zunehmend sklerotische Gomułka, der längst den Bezug zur Realität verloren hatte, wollte sie durch eine radikale Kürzung der staatlichen Subventionierung der Lebensmittelpreise kurz vor Weihnachten wieder auffüllen.

Gdańsk im Dezember 1970. Das Parteigebäude brennt.

Gdańsk im Dezember 1970. Arbeiter tragen einen toten Kameraden durch die Stadt.

Gdańsk im Dezember 1970. Zusammenstöβe zwischen der Miliz und Protestierenden.

Am Montag, dem 14. Dezember 1970 kam es daraufhin in Gdańsk und in dem nahegelegenen Gdynia zu ersten Arbeitsniederlegungen. Arbeiter zogen friedlich vor die Danziger Parteizentrale und forderten Verhandlungen, doch niemand wagte sich zu ihnen hinaus. Am Nachmittag kam es dann zu ersten Straβenschlachten mit der Miliz. Die Lawine kam ins Rollen.

Gdańsk im Dezember 1970. Ein Toter wird geborgen.

Gdańsk im Dezember 1970. Panzer auf dem Langen Markt und in der Langen Gasse. Rechts der Neptun-Brunnen.

Gdańsk im Dezember 1970. Zivile Opfer der Proteste. Fotos aus den Akten der polnischen Stasi.

Beschleunigt hat sie eine folgenschwere Entscheidung, die am Dienstag, dem 15. Dezember 1970 gefallen war. In einem Konferenzraum im Warschauer ZK-Gebäude versammelte sich um neun Uhr der engste Machtzirkel des kommunistischen Polen: Parteichef Gomulka, der Staatsratsvorsitzende (Staatspräsident) Spychalski, Ministerpräsident Cyrankiewicz, die drei einflussreichsten Politbüromitglieder: Jaszczuk, Moczar und Strzelecki, Verteidigungsminister General Jaruzelski, Innenminister Świtała, Polizeichef General Pietrzak. Dass Kania hinzugebeten wurde, zeigt wie bedeutend schon damals seine Stellung im kommunistischen Machtapparat war.

Der übernächtigte und gereizte Gomułka äußerte gleich zu Beginn, dass die Ordnungskräfte Schießbefehl bekommen sollen. Niemand in der Runde widersprach. Auch nicht, als Gomułka die Verlegung von zwei Panzer-Divisionen von Koszalin/Köslin und Elbląg/Elbing nach Gdańsk anordnete.

Am selben Tag und am Tag darauf töteten Polizei und Armee in Gdańsk, Gdynia, Szczecin und Elbląg insgesamt 41 Menschen. In Gdańsk und Szczecin gingen die örtlichen Parteizentralen in Flammen auf. Zu einem regelrechten Massaker kam es am 16 Dezember 1970 an der S-Bahn-Haltestelle „Gdynia-Werft“, wo die Armee direkt in eine Menschenmenge schoss, die zur Arbeit gefahren kam.

Kanias erster „Tyrannenmord“

Es roch nach Bürgerkrieg, die Lage drohte außer Kontrolle zu geraten. Nicht auszudenken, wenn der Funke der Revolte nach Oberschlesien überspringen würde. So mancher nüchtern denkende Apparatschik in Warschau bekam es mit der Angst zu tun. Mit Gewalt war der Krise nicht mehr beizukommen. Nur der politische „Tyrannenmord“ und ein Entgegenkommen gegenüber den aufgebrachten Arbeitern, zu dem der altersstarrsinnige Gomułka nicht fähig war, konnte sie beenden.

Eine Ermunterung zum Handeln war ein vertraulicher Brief der sowjetischen Führung an das polnische Politbüro , den der sowjetische Botschafter in Warschau spät abends am Freitag, dem 18. Dezember 1970 überreichte. Erst 1991 öffentlich geworden, enthielt das Schreiben eine vielsagende Schlusspassage: „Welche politischen und ökonomischen Maßnahmen in der bestehenden Lage unternommen werden sollten, das muss allein die PVAP entscheiden. Wichtig ist, dass das schnell geschieht.“

In dem Brief fiel der Name Gomułka kein einziges Mal. Im Klartext: die Sowjets signalisierten, dass sie an ihm nicht festhielten.

Spätestens seit Mittwoch, dem 16. Dezember 1970 begann sich hinter dem Rücken Gomułkas ein Komplott gegen ihn herauszukristallisieren. Zuerst nur hinter vorgehaltener Hand, in Andeutungen und Halbsätzen, dann immer offener, denn die Zeit drängte, das Blut floss, die Revolte dauerte an, sprachen die Verschwörer von der Notwendigkeit Gomułka und die kleine Gruppe seiner letzten Getreuen abzusetzen. Allen war dabei klar, dass nur einer den guten Ruf, die Machtbasis und das Händchen dazu hatte, die dramatische Lage zu meistern: der oberschlesische regionale Parteichef Edward Gierek.

Edward Gierek. Der Macher aus Oberschlesien.

Gierek genoss den Ruf eines Technokraten und Modernisierers, dem ein Gulasch-Kommunismus vorschwebt, wie ihn die Ungarn damals einzuführen begannen. Er verstand es die oberschlesischen Bergleute, Stahlkocher, Chemiearbeiter, Maschinenbauer, aber auch die vielen Techniker und Ingenieure, die in der Region den Ton angaben, mit mehr Neubauwohnungen, einer besseren Versorgung mit Lebensmitteln und Konsumgütern, auf die das übrige Polen mit Neid blickte, bei Laune zu halten.

Gierek, der in seiner Jugend im belgischen Bergbau gearbeitet hatte und Französisch sprach, wurde nachgesagt, er wünsche jeden Morgen die aktuelle Ausgabe der Zeitung „Le Monde“ auf seinem Kattowitzer Schreibtisch vorzufinden. Dieser Mann sollte das Ruder übernehmen, dem Arme-Leute-Sozialismus Gomulkas ein Ende setzen, das Land erneuern.

Als der sowjetische Botschafter den Brief aus Moskau Ministerpräsident Cyrankiewicz am Freitag, dem 18. Dezember 1970 übereichte, da Gomułka, schwer erkältet und erschöpft, ihn nicht empfangen konnte, brachen Stanisław Kania und noch einer der Verschwörer in einem Mercedes aus dem Fuhrpark des ZK mit Chauffeur von Warschau in das knapp dreihundert Kilometer entfernte Katowice auf.

Kurz nach Mitternacht vom 18. auf den 19. Dezember 1970 begannen in Giereks Kattowitzer Villa die alles entscheidenden Gespräche. Am Ende konnten die beiden Emissäre froh sein. Der Gastgeber, den vorher schon einige Parteigrößen telefonisch aus Warschau sondiert und ihm gut zugeredet hatten, willigte nach anfänglichem Zögern und Zaudern ein.

Am Sonntag, dem 20. Dezember 1970 versammelten sich in Warschau die etwa zweihundert Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees. Nachdem die Sowjets dezent ihr O.K. signalisiert hatten, wurde der kranke Gomułka in Abwesenheit abgewählt. Edward Gierek trat seine Nachfolge an.

Böses Erwachen aus süßen Träumen

Ein Aufatmen ging durch das Land, auf dem die zunehmend sklerotische Gomułka-Herrschaft wie Blei gelastet hatte. Der neue, knapp fünfzehn Jahre jüngere Parteichef, schneidig im Auftreten, nicht allzu dogmatisch, dialogbereit und einnehmend, wie es schien, zog die Polen in seinen Bann. Eine Woge der Zuversicht hob die Stimmung im Land. Polen lag Gierek zu Füßen, beinahe genauso wie 1956, als es Gomułka, dem nun verjagten Hoffnungsträger von damals, den Weg zur Macht mit Blumenteppichen schmückte.

Giereks Polen. Die Panzer sind vom Neptunbrunnen in Gdańsk verschwunden. Angerollt ist der „polnische Volkswagen“, der Fiat 126p.

Giereks ganzer Stolz, das erste polnische Massenauto, der Fiat 126p schaffte es, als er an der Macht war, dreimal auf einer Briefmarke verewigt zu werden (von oben): 1973,1979, 1980.

Bis Mitte der 1970er Jahre versank Polen in einem süβen Konsumtraum, verkörpert durch Coca-Cola, Marlboro-Zigaretten und dem „polnischen Volkswagen“, dem kleinen Fiat 126, finanziert von der Gierek-Mannschaft mit westlichen Krediten. Gewaltige Investitionen in der Industrie und in der Infrastruktur wurden zudem getätigt, westliche Technologien und Maschinen im großen Stil gekauft.
Doch unter den starren Bedingungen der kommunistischen Planwirtschaft, endete das ehrgeizige Vorhaben in einer Katastrophe. Die im Westen geliehenen Devisen waren ausgegeben worden für eine Modernisierung, die kaum hochwertige Produkte hervorgebracht hatte, mit denen man eigentlich die Schulden zurückzahlen wollte.

Kania und seinem engen politischen Verbündeten General Wojciech Jaruzelski, Politbüromitglied und Verteidigungsminister, gefiel die wachsende Abhängigkeit des kommunistischen Polen vom Westen ganz und gar nicht. Dass sie damit recht behielten, dürfte sie im Nachhinein kaum gefreut haben.

Etwa 1975 nämlich war der Traum vorbei, die Volksrepublik Polen zahlungsunfähig und die Arbeiterschaft wieder auf den Straβen, wie in der Stadt Radom im Juni 1976, wo eine Arbeiterrevolte eine erneute landesweite drastische Lebensmittelpreiserhöhung verhinderte. Parteichef Gierek wollte sie durchsetzen um, wie sein Vorgänger Gomułka im Dezember 1970, die ruinös hohe Subventionierung von Grundnahrungsprodukten einzuschränken.

Arbeiterrevolte in Radom Juni 1976. Briefmarke von 2006.

Giereks Vorhaben wurde nach einem Tag zurückgenommen. Die Rache dafür waren Massenverhaftungen und „Gesundheitspfade“ auf den überfüllten Polizeistationen und in den Gefängnissen. Immer wieder wurden die Opfer durch lange Gassen knüppelschwingender Beamter gejagt. Schauprozesse folgten. Entlassungen und andere Schikanen trieben Hunderte eingeschüchterter Opfer von Radom in Armut und Verzweiflung.

Das rief in Warschau oppositionelle Anwälte, Wissenschaftler, Kulturschaffende, Studenten, Priester auf den Plan, die Geld sammelten, für Rechtsbeistand sorgten und vor allem das Ausland informierten. Das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) entstand.

So nahm im Sommer und Herbst 1976 eine für das Regime hochgefährliche Entwicklung ihren Lauf. Die zumeist vom Land stammende, entwurzelte Arbeiterschaft der ersten Generation, kam plötzlich mit freiheitlichem, oppositionellem Gedankengut in Berührung.

Und es reifte die Einsicht, dass von Verzweiflung befeuerte Straßenunruhen ein ums andere Mal verpuffen würden.
Es ist der Gewaltverzicht. Es sind Streiks auf dem Betriebsgelände, wo sich die Arbeiterschaft regelrecht verschanzen muss, und nicht das Steinewerfen auf Panzer. Es sind Streikkomitees mit klar formulierten Forderungen. Nur das ebnet den Weg zu freien Gewerkschaften, ohne die alle durch Proteste abgetrotzten Zugeständnisse und Freiheiten am Ende von den Kommunisten mit Gewalt, List, Lug und Trug nach und nach erstickt werden. Diese Strategie sollte vier Jahre später Solidarność, die erste freie Gewerkschaft im Ostblock hervorbringen,

März 1977. Parteichef Gierek gratuliert zum 50. Geburtstag. Kania lächelt skeptisch hinter dem Rücken des Parteichefs.

Stanisław Kania stieg derweil weiter auf in der Parteihierarchie. Im April 1971 verließ er den ZK-Abteilungsleiterposten und wurde ZK-Sekretär. Im Dezember 1971, auf dem VI. Parteitag der PVAP, zusätzlich Kandidat des Politbüros. Im Dezember 1975, auf dem VII. Parteitag, gelangte er endlich auf den Olymp, wurde Vollmitglied des Politbüros.

Briefmarken zum VI. Parteitag der PVAP 1975.

„Nicht schießen!“

Kania war jetzt ein mächtiger Parteiboss, aber nach außen blieb er wenig bekannt, denn er zog es vor, wie seine Klientel, im Hintergrund zu bleiben. Sein Aufgabenbereich blieb seit 1968 nämlich unverändert: Parteiaufsicht über Armee, Polizei, Geheimdienste, Justiz- und Justizvollzug, Religionspolitik.
Er hatte dafür zu sorgen, dass sich der Gewaltapparat nicht etwa verselbständigt, dass er wachsam bleibt, als „Schwert und Schild der Partei“ jederzeit in der Lage, gegen „Klassenfeinde“ und „Konterrevolution“ vorzugehen. So war er über die Polizei-Exzesse in Radom bestens informiert. Er hat sie nicht unterbunden.

Parteiaufseher Kania bei einer Parteikonferenz des Wehrkreises Pommern Mitte der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts.

Wehrlose „Feinde des Sozialismus“ zusammenknüppeln, das hielt Stanisław Kania für richtig und für gerechtfertigt. Andere Repressalien auch. Was er kategorisch ablehnte, war das Schießen. Als die ersten Nachrichten von den Unruhen in Radom am 25. Juni 1976 in Warschau eintrafen, gab Parteiaufseher Kania dem Innenminister und dem Polizeichef die Anweisung: Ordnungskräfte tragen in Radom keine Schusswaffen.

Das Blutvergießen in den polnischen Küstenstädten im Dezember 1970 hatte ihn nämlich zutiefst schockiert. Entsetzt erzählte er im kleinen Kreis, dass damals mehr Panzer und gepanzerte Fahrzeuge im Einsatz waren, als bei den Sowjets in der größten Panzerschlacht des Zweiten Weltkrieges am Kursker Bogen im Sommer 1943. Wird erst einmal das Feuer auf Demonstranten eröffnet, entgleitet der Politik die Kontrolle über die Ereignisse, so Kania. Blutverschmierte Fahnen oder Kleidungsstücke werden schnell zu Ikonen des Widerstandes, Hysterie und Verbissenheit nehmen überhand.

Ab dem Sommer 1980 hatte er ein zweites Mal die Gelegenheit, seine Überzeugung unter Beweis zu stellen. Giereks erneuter Versuch, die Lebensmittelpreise anzuheben, war der Funke, der das Pulverfass der Unzufriedenheit in Polen zur Explosion brachte.

Von Lublin, im Südosten des Landes, wo sie Mitte Juli 1980 aufkam, gelangte die Streikwelle Anfang August nach Warschau. Am 14. August 1980 erreichte sie, mit dem Ausstand in der Lenin-Werft in Gdańsk, die Ostseeküste. Kurz darauf ergoss sie sich auf etwa 200 Betriebe in der Stadt und Umgebung.

Die Tragödie des Dezember 1970 noch gut im Gedächtnis, dachten die Streikenden nicht daran, auf die Straße zu gehen. In den besetzten Fabriken wähnten sie sich sicher. Das überregionale Streikkomitee in Gdańsk, mit Sitz in der Lenin-Werft, übernahm faktisch die Macht in der Region. Dort wurde entschieden, ob die Straßenbahnen und Busse fahren sollen oder nicht. Ob Alkohol verkauft werden darf. Welche lebenswichtigen Betriebe weiterarbeiten müssen u. e. m.

Wie einst sein Vorgänger Władysław Gomułka, zog sich der zunehmend depressive und ratlose Parteichef Edward Gierek immer mehr aus dem laufenden Geschehen zurück. Bei Kania derweil, zum „Koordinator des Vorgehens der Partei und der Verwaltung in Anbetracht der sozialen Unruhen“ ernannt, liefen alle Fäden des Krisenmanagements zusammen. Er hatte den Überblick, er traf die wichtigsten Entscheidungen und wuchs so mit jedem Tag mehr in die Rolle des faktischen Parteichefs. Doch zaubern konnte auch er nicht.

Ende August 1980 war Polens kommunistische Parteiführung schachmatt gesetzt. Die Streiks weiteten sich inzwischen auf Oberschlesien, das industrielle Herz Polens, aus. Das Land befand sich in einem Generalstreik. Die Arbeiterschaft, von führenden oppositionellen Intellektuellen beraten, verlangte die Zulassung freier Gewerkschaften und ließ sich von dieser Forderung auch durch großzügige materielle Zugeständnisse nicht abbringen. Ihre Entschlossenheit war enorm, eine Ermüdung nicht in Sicht. Parteipropaganda war wirkungslos. Gewaltanwendung kam nicht in Frage.

Was blieb, war die Einsicht in die Notwendigkeit und Kania stellte sich an die Spitze der Einsichtigen.

Am 30. August 1980 trat das Zentralkomitee der PVAP in Warschau zusammen und folgte mehrheitlich der Empfehlung des Politbüros, die Kania vor dem Gremium vortrug. Der Forderung der Streikenden nach freien Gewerkschaften solle stattgegeben werden. Die Niederlage hat Kania als einen historischen, wegweisenden nationalen Kompromiss ausgegeben. Jedem, der die eiserne Machtlogik der Kommunisten kannte, war jedoch klar, dass es sich hier nur um ein vorläufiges Zugeständnis handelte, das bei der ersten sich bietenden Gelegenheit rückgängig gemacht würde.

Mikrophon und den historischen Kugelschreiber in der einen Hand, die unterschriebenen Verträge in der anderen. Lech Wałęsa verkündet : „Wir werden freie Gewerkschaften haben“.

Noch am 30. August 1980 wurden die Vereinbarungen mit den Streikenden in Szczecin unterzeichnet. Am Tag darauf in Gdańsk trugen jubelnde Arbeiter Lech Wałęsa auf den Schultern ans Werktor. Den Riesenkugelschreiber, darauf das Konterfei des Papstes, mit dem er die Vereinbarungen unterschrieben hatte, in der Luft schwingend, sollte er den dort versammelten Massen den Sieg verkünden. Am 3. September folgte das Abkommen in Oberschlesien.

Zwischen allen Stühlen

Am 5. September 1980, spät in der Nacht, trat wieder das gut zweihundertköpfige Zentralkomitee zusammen. Der schwer herzkranke Parteichef Edward Gierek war nicht zugegen, als es Stanisław Kania zu dessen Nachfolger wählte.

Das Parteiorgan „Trybuna Ludu“ verkündet: Stanisław Kania ist Erster Sekretär des ZK der PVAP geworden.

Kania stand in den folgenden zwölf Monaten an der Spitze der Partei. Es war die wohl stürmischste Zeit in der polnischen Nachkriegsgeschichte. Auf kurze Perioden der Entspannung folgten dramatische Zuspitzungen und Krisen. Das Land balancierte am Abgrund einer politischen und wirtschaftlichen Katastrophe.

Drei Kraftzentren prallten immer wieder heftig aufeinander.

Da war die Gewerkschaft Solidarność, die sich mit ihren etwa zehn Millionen Mitgliedern, real gesehen, in eine landesweite, antikommunistische, basisdemokratische, friedliche Volksbewegung verwandelte. Sie umfasste alle politischen Strömungen: von den Sozialismus-Verbesserern bis zu den Nationalkonservativen, was zu immer heftigeren Richtungskämpfen führte.

Da war die kommunistische Partei, die PVAP, die zunehmend an Einfluss verlor. Von ursprünglich drei Millionen Mitgliedern sind 1980 und 1981 knapp eine Million ausgetreten. Einem mit der Zeit immer schwächeren Reformflügel, dem die Umwandlung der PVAP in eine sozialdemokratische Partei vorschwebte, stand ein immer stärkerer Flügel von Hardlinern gegenüber. Er rekrutierte sich aus dem Parteiapparat, intellektuellen Parteidogmatikern, aus Armee, Polizei, Staatssicherheit. Sie forderten und schürten durch gezielte Provokationen eine gewaltsame Beseitigung der Solidarność.

Zu schwach, um sich durchzusetzen, setzten die Hardliner auf den dritten mächtigen Faktor, das kommunistische Ausland. In den Afghanistankrieg verwickelt, wollten die Sowjets eine Intervention in Polen zwar, wenn möglich, vermeiden, wohlwissend, dass dies blutige Kämpfe in Polen und schwere Wirtschaftssanktionen des Westens nach sich ziehen würde. Sie hielten sich aber diese Option offen. Da waren zudem die entsetzen kleinen kommunistischen Machthaber, wie Honecker in der DDR und Husak in der Tschechoslowakei, die nicht müde wurden, Moskau von der Notwendigkeit eines Einmarsches in Polen zu überzeugen.

Polen 1981, Vor dem Metzgerladen.

Polen 1981. Anstehen vor leeren Läden.

Hinzu kam die dramatische Versorgungslage. Gut dreißig Jahre nach dem Krieg wurden in Polen Lebensmittelmarken und Bezugsscheine auf Wodka und Schuhe eingeführt. Zudem kam eines der strengst gehüteten Geheimnisse des Regimes ans Tageslicht. Polen stand im Westen mit dreißig Milliarden Dollar in der Kreide. Es war ein unvorstellbar hoher Schuldenberg in Anbetracht der Tatsache, dass der ganze polnische Export damals einen Wert von knapp zwei Milliarden Dollar pro Jahr hatte.

Charakterstärke

Auf diesem Minenfeld bewegte sich Stanisław Kania und bewies Charakterstärke. Seine Position: keine Maßnahmen, die ein Blutvergießen nach sich ziehen würden. Kein Ausnahmezustand also und kein Einmarsch der Sowjets und ihrer Helfer in Polen. Solidarność muss mit politischen Mitteln in die Schranken der kommunistischen Staatsordnung gewiesen werden.

Vorne von links: Kania, der sowjetische Verteidigungsminister Ustinow und Jaruzelski bei Manövern des Warschauer Paktes in Polen 1979.

Von rechts: DDR-Verteidigungsminister Hoffmann, Kania, Ustinow und Jaruzelski (5. v. r.) auf dem „Feldherrenhügel“. Manöver des Warschauer Paktes in Polen 1979.

Der gewaltige Druck, dem Kania widerstehen musste, ist nur schwer vorstellbar. Anfang Dezember 1980 etwa waren die Vorbereitungen zu einem Einmarsch in Polen praktisch abgeschlossen. Sowjetunion, Tschechoslowakei und die DDR konzentrierten um Polen herum eine gewaltige Streitmacht, die unter dem Vorwand einer Militärübung nur noch auf den Marschbefehl wartete.

Warschauer-Pakt-Beratungen in Moskau am 5. Dezember 1980. Oben polnische Delegation. Kania zweiter v. l.

Kania und Jaruzelski wurden derweil für den 5. Dezember 1980 nach Moskau einbestellt, um an einer Beratung der Warschauer-Pakt-Staaten teilzunehmen. Die Vorwürfe, die sie sich dort anhören mussten, konnten aus der Sicht der kommunistischen reinen Lehre kaum schwerwiegender sein. Sie hätten vor der Konterrevolution kapituliert, durch ihre Untätigkeit den Sozialismus verraten, dem Imperialismus Vorschub geleistet.

Oktober 1980. Kania (rechts vorgebeugt)  gegenüber von Breschnew (dritter v. l.) im Kreml.

In einem Vier-Augen-Gespräch gelang es dann Kania, den gesundheitlich schon schwer angeschlagenen Sowjetführer Breschnew von dem Einmarsch abzubringen. Plastisch schilderte er ihm, was sich in Polen danach abspielen und welchen Schaden das dem Prestige der UdSSR zufügen würde. „Ein Meer von Blut wird fließen.“ „Gut“, sagte Breschnew laut Gesprächsprotokoll. „Wir werden nicht einmarschieren. Wenn sich jedoch die Lage verkompliziert, dann kommen wir, aber nicht ohne Deine Zustimmung.“

In den nächsten Monaten sollten weitere Gespräche dieser Art folgen. Breschnew rief immer wieder an und drohte unverhohlen. Im April 1981 zog erneut die Gefahr einer „Militärübung“ herauf, die als Vorwand zum Einmarsch dienen sollte. Wieder kam es zu dramatischen Gesprächen mit der Sowjetführung, dieses Mal in einem Sonderzug, mit dem das altersschwache sowjetische Politbüro aus Moskau nach Brest an der polnischen Grenze anreiste.

Derweil wurde die Lage im Lande immer desolater. Die Läden leergefegt, kilometerlange Autoschlangen vor den Tankstellen, das Geld von Tag zu Tag wertloser. Die Hardliner provozierten zudem Dutzende von Konflikten, um ja keine Ruhe im Lande aufkommen zu lassen. Solidarność antwortete mit Streiks und Protestaktionen.

Unter diesen Umständen trat in Warschau Mitte Juli 1981 der IX. Außerordentliche Parteitag der PVAP zusammen. Es war zum ersten Mal keine feierliche Zeremonie mit langatmigen Reden, Jubelrufen und rhythmischem Klatschen, wo alles im Vorfeld geregelt ist und per Handzeichen aller Delegierten abgesegnet wird.

Ein scharfer politischer Kampf zwischen Reformern und Hardlinern beherrschte vom ersten Tag an das Geschehen. Die Diskussionen waren heftig, eine Kampfabstimmung jagte die andere, nichts war vorhersehbar. Am Ende siegte das Zentrum und mit ihm Kania. Die Radikalen beider Seiten hatten das Nachsehen.

Nach der Wahl zum Ersten Sekretär des ZK der PVAP auf dem IX. Parteitag im Juli 1981. Jaruzelski applaudiert.

Stanisław Kania war der erste Parteichef, der in einer Geheimabstimmung auf einem kommunistischen Parteitag den Sieg davontrug. Er gewann als der Befürworter des Dialogs und des Ausgleichs, auf den damals noch viele in Polen hofften.

Doch die Entwicklung ging in die entgegengesetzte Richtung. Solidarność gab sich auf ihrem ersten Kongress im September 1981 sehr kämpferisch. Die dort verabschiedete Botschaft an die Arbeiter Osteuropas, in der ihr Recht auf freie Gewerkschaften angemahnt wurde, reizte die Sowjets bis zur Weißglut. Der polnische Bazillus musste endlich beseitigt werden. Sie waren Kanias Beteuerungen vom Dialog und einer politischen Lösung leid und ignorierten ihn zunehmend.

Derweil erschien General Wojciech Jaruzelski immer mehr auf dem Plan. Der Verteidigungsminister war seit Februar 1981 auch Ministerpräsident. Jaruzelski war die letzte Hoffnung der Russen, dass es ohne ihren Einmarsch gelingt, die Lage in Polen in den Griff zu bekommen. Der General wollte sie nicht enttäuschen und opferte dafür, ohne Bedenken, die langjährige, gedeihliche politische Zusammenarbeit mit Kania.

Unter Jaruzelskis Regie arbeiteten insgeheim bereits verschiedene Dienststellen an den Plänen zur Einführung des Kriegsrechts. Es sollte schlagartig ausgerufen werden. Massenverhaftungen von Solidarność-Aktivisten, Lahmlegung des Telefonnetzes, nächtliche Ausgangssperre, Schließung der Grenzen, eine massive Präsenz von Armee und Polizei auf den Straßen, Brechen jeglichen Ungehorsams mit Waffengewalt und etliche weitere Maßnahmen sollten den Widerstand im Keim ersticken und eine Rückkehr zur kommunistischen „Normalität“ einleiten. All das geschah am 13. Dezember 1981.

Stanisław Kania unterschrieb sein politisches Todesurteil am 13. September 1981. Die engste Führungsriege von Armee, Staatssicherheit, Partei und Regierung versammelte sich an diesem Tag in Warschau, um die endgültigen Pläne zur Einführung des Kriegsrechts zu begutachten und zu akzeptieren. Kania war der der einzige, der sich dagegen aussprach.

So schnell hatte der politische Wind gedreht. Nur knapp drei Monate, nachdem er als Mann des Dialogs an die Spitze der Partei gewählt worden war, stand Kania mit seinen Überzeugungen allein da. Konfrontation war angesagt. Am 17. Oktober 1981 wählte ihn das Zentralkomitee ab. General Jaruzelski, Verteidigungsminister und Ministerpräsident, konnte seine Ämterkollektion um den Posten des Parteichefs erweitern.

Sechs Jahre auf der Anklagebank

Kania war 54 Jahre alt, als er aufs Altenteil abgeschoben wurde und schnell in Vergessenheit geriet. Zwei Mal trat er wieder in Erscheinung. Im Jahr 1991, kurz nach dem Ende des Kommunismus, erschien sein Buch „Die Konfrontation aufhalten“, in dem er seinen politischen Werdegang und seine Sicht des politischen Geschehens in Polen 1980 und 1981 darlegt.

Im April 2007 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen neun ehemalige führende kommunistische Politiker wegen „widerrechtlicher Einführung des Kriegsrechts zwecks Beseitigung der Gewerkschaft Solidarność“. Darunter waren die Generäle Jaruzelski, Kiszczak, Milewski, Siwicki und Tuczapski, deren Teilnahme an der Vorbereitung und Einführung des Kriegsrechts keinem Zweifel unterlag. Dass sich jedoch ausgerechnet Kania unter den Angeklagten wiederfand, versetzte die Öffentlichkeit in Staunen.

Auf der Anklagebank in Warschau im September 2006. Von links: Jaruzelski, Kania, die Generäle Tuczapski und Siwicki.

Der Prozess ging durch zwei Instanzen und dauerte bis Mai 2013. Als das endgültige Urteil gesprochen wurde, waren acht Angeklagte entweder verstorben oder man hatte die Anklage gegen sie wegen Prozessunfähigkeit fallengelassen. Auf der Anklagebank saß nur noch Stanisław Kania. Er wurde im Januar 2012 freigesprochen. Erst ab dann konnte er das Rentnerleben ungestört genießen.

Kania allein auf der Anklagebank bei der Urteilsverkündung im Januar 2012.

Er war ein überzeugter Kommunist, Verfechter einer verbrecherischen Ideologie, die ohne rücksichtslose Anwendung von Gewalt nicht denkbar ist. Er glaubte, dass dem nicht so sein muss, und wurde gnadenlos eines Besseren belehrt.

Stanisław Kania ist auf dem Warschauer Powązki-Friedhof bestattet. Sein Grabnachbar ist General Jaruzelski.

© RdP




Hirte der Triebe

Am 15. November 2019 starb Erzbischof Juliusz Paetz.

Scham hindert Schande, doch Scham ist eine Tugend, die ihm offensichtlich nicht eigen war. Als wäre nichts gewesen, hat Erzbischof Juliusz Paetz seine Kirche und die katholische Öffentlichkeit in Polen lange Jahre hindurch in einen Zustand peinlicher Berührtheit versetzt. Er beherrschte hervorragend die Kunst der Verdrängung, seine zügellosen homosexuellen Triebe vermochte er jedoch nicht zu bändigen.

Goldene Königskapelle im Dom von Poznań. Links das Denkmal von Fürst Mieszko I. und König Bolesław des Tapferen, die beide auf der Dominsel begraben sein sollen.

Im Schatten alter, wiet ausladender Baumkronen erstreckt sich auf der Dominsel von Poznań die Wiege des christlichen Polens. Hier stand die Fürstenpfalz Mieszko I., der 966 sich, und damit ganz Polen, taufen lieβ. Hier befand sich seine Kapelle, das erste christliche Gotteshaus auf polnischem Boden. Hier soll er beigesetzt worden sein. Pietät, Würde und Anstand sind an diesem historischen Ort keineswegs fehl am Platze.

Altarraum mit Kanzel im Dom von Poznań.

Kaum einen Steinwurf von der Kathedrale entfernt, erhebt sich heute auf der Dominsel der Bischofspalast. An ihn angeschlossen ist das Gebäude der Diözesankurie. Unweit davon befindet sich die Kirche der Allerheiligsten Jungfrau Maria, das älteste gotische Gotteshaus der Stadt. Daneben das Diözesanmuseum in der einstigen Lubranski-Akademie, der ersten Hochschule Poznańs vom Anfang des 16. Jahrhunderts. Zum etwa zweihundert Meter entfernten Erzbischöflichen Priesterseminar gelangt man durch eine Unterführung, die die benachbarte Schnellstraβe unterquert.

Der Dom und im Vordergrund die Kirche der Allerheiligsten Jungfrau Maria.

„Roma“ rückwärts lesen

Erzbischof Paetz schaute hier des Öfteren unangemeldet vorbei und nahm stets am liebsten die Schlafsäle der Priesteranwärter in Augenschein. Nach mehreren peinlichen Vorfällen verbot der Rektor Dr. Tadeusz Karkosz (er starb 2015) dem Erzbischof, das Seminar ohne Vorankündigung zu betreten. Normalerweise wären danach die Tage eines Priesters im Amt des Rektors gezählt. Doch nichts geschah. Hat das schlechte Gewissen Gutes bewirkt oder lieβ der Hierarch nur Vorsicht walten?

Das Erzbischöfliche Priesterseminar in Poznań.

Wie auch immer es gewesen sein mag, wahr ist, dass er, je älter er wurde, sich umso weniger im Griff hatte. Pädophilie konnte man ihm nicht vorwerfen, denn nicht Kinder, sondern junge Männer trafen seinen Geschmack. Kein Priesteranwärter war sicher vor seinen Avancen, Umarmungen, Zudringlichkeiten, vieldeutigen Anspielungen, Anzüglichkeiten. Angeboten, sich mal abends zu treffen. „Lustigen“ Geschenken, wie rote Schlüpfer mit der Aufschrift „Roma“ und dem Hinweis, das Wort rückwärts zu lesen.

Es ist die Norm, dass etwa ein Drittel der Priesteranwärter das Seminar vorzeitig verlässt. Die Anforderungen sind für sie zu hoch, der Glaube nicht ausreichend gefestigt, weltliche Verlockungen zu groβ. Wie viele sind nur seinetwegen gegangen, wie viele haben sich missbrauchen lassen?

Das erzbischöfliche Palais in Poznań.

Vielen graute es vor den Vieraugengesprächen mit dem Erzbischof. Jeder Seminarist muss ein solches Gespräch, Scrutinum genannt, dreimal während seiner Ausbildung absolvieren. Verhaltensregeln wurden unter der Hand weitergegeben. Bei der Begrüβung, die Hand so steif wie möglich geben und sie sofort zurückziehen. Blickkontakt meiden. Sich bei zweideutigen Bemerkungen, Anspielungen dumm stellen usw.

Auch wenn manches Detail von kirchenfeindlichen Medien erfunden oder aufgebauscht sein könnte, das meiste, leider, sind verbriefte Tatsachen.

All das spielte sich im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ab. Als Juliusz Paetz im April 1996 das prestigeträchtige Amt des Metropoliten von Poznań übernahm, blickte er bereits, mit 61 Jahren, auf einen ereignis- und erfolgreichen Werdegang im Dienste der Kirche zurück.

Der Bamberger

Er kam 1935 in Poznań zur Welt, in einer Familie der sogenannten Posener Bamberger. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten der Groβe Nordische Krieg und nachfolgende Seuchen die ländliche Bevölkerung in der Umgebung von Poznań dezimiert. Felder lagen brach. Ratsherren beschlossen, katholische Siedler aus der Umgebung von Bamberg in Oberfranken zu holen und ihnen den Ackerbau anzuvertrauen. Zwischen 1719 und 1753 wurden insgesamt etwa einhundert Familien mit fünfhundert Mitgliedern angesiedelt.

Posener Bamberger in ihren Trachten auf dem Alten Markt in Poznań.

Die Bamberger pflegten zwar weiterhin ihren eigenen Lebensstil und  behielten bis heute ihre Festtrachten, polonisierten sich jedoch vollends und waren loyale Staatsbürger seit der Wiedergründung des polnischen Staates 1918, nach 123 Jahren der Teilungen. Unter der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg weigerten sie sich zumeist, die Deutsche Volksliste zu unterschreiben. Viele wurden deswegen enteignet, brutal schikaniert, oft in Konzentrationslager verschleppt.

Nicht anders erging es Juliusz‘ Vater, einem Metzger, der am Rande der Stadt einen kleinen Schlachthof und eine Fleischerei betrieb. Der Junge war neun, als im Februar 1945 der Krieg mit schweren Kämpfen der Sowjets um die Stadt und enormen Zerstörungen in Poznań zu Ende ging.

Die vier Söhne des Metzgermeisters Paetz  haben es im Leben zu was gebracht. Juliusz zum Erzbischof, die anderen sind heute gut situiert und bestens eingebunden in die städtische Elite. Einer als Arzt, der zweite als Notar und der dritte als Rechtsanwalt. Dieser Umstand hat sich für Erzbischof Paetz als sehr nützlich erwiesen, als es eng für ihn wurde. Die Elite der Stadt hielt ihm die Treue.

Mit vierzehn kam Juliusz auf das vierjährige Kleine Seminar in Poznań. Es gab damals in Polen fast fünfzig solcher katholischen Schulen mit Internat für Knaben, die später Priester werden wollten. Viele mit langer Tradition. Im Nachkriegspolen waren sie den Kommunisten ein Dorn im Auge. Sie entzogen Jugendliche der kommunistischen Staatserziehung, beeinflussten sie „feindlich“. Zwischen 1952 und 1962 schlossen die Behörden alle Kleinen Seminare. In Poznań geschah das 1960.

Poznań, Lublin, Rom

Zu der Zeit war Juliusz Paetz bereits seit einem Jahr Priester. Dem vorausgegangen war ein fünfjähriges Lernen am Erzbischöflichen Priesterseminar auf der Posener Dominsel. Nur zwei Jahre lang war er anschließend als Vikar an zwei Posener Gemeinden tätig. Dann schickte ihn der damalige Erzbischof von Poznań zum Theologiestudium an die Katholische Universität Lublin, bis 1990 die einzige katholische Universität im ganzen kommunistischen Machtbereich zwischen Elbe und Pjöngjang in Nordkorea. Von Polens Kommunisten schwer drangsaliert, stand sie oft kurz vor der Schlieβung, aber sie überdauerte.

Weitere zwei Jahre vergingen und Pfarrer Juliusz Paetz konnte ab 1962 das Studium in Rom an den Päpstlichen Universitäten Gregoriana und Heiliger Thomas von Aquin fortsetzen. Er durfte sich deswegen ausgesprochen glücklich schätzen.

Denn auch der einst als liberal und reformfreudig geltende Parteichef Władysław Gomułka, den bei seinem Machtantritt 1956 ganz Polen bejubelt hatte, begann nämlich ab Ende der 50er-Jahre, die Kirche, die einzige noch verbliebene unabhängige Institution in Polen, heftig zu bekämpfen. Die kurze „Verschnaufpause“ zwischen 1956 und 1958 war vorbei. Die Schlieβung der noch verbliebenen Kleinen Seminare, die Verbannung des Religionsunterrichts aus den Schulen, das massenweise Abhängen von Kreuzen in öffentlichen Gebäuden, die strikte Nichterteilung von Baugenehmigungen für Kirchen, während die Städte sprunghaft wuchsen, das waren nur einige der vielen Symptome des neuen Kirchenkampfes der Kommunisten.

Dazu gehörte aber auch die drastische Einschränkung der, ohnehin nie üppigen, Ausgabe von Auslandspässen an Priester. Sogar dem Primas von Polen, Kardinal Stefan Wyszyński, verweigerten die Behörden einige Male die Reise nach Rom. Wem oder welchen Umständen verdankte ausgerechnet Pfarrer Paetz in dieser schweren Zeit die Gunst der Kommunisten? Wir wissen es nicht.

Nach dem Studium blieb Paetz in Rom. Zuerst arbeitete er neun Jahre lang im Generalsekretariat der Bischofssynode. Ab 1976 stand Paetz als einziger polnischer Prälat im päpstlichen Vorzimmer unmittelbar im Dienst der Päpste Paul VI., Johannes Paul I. und Johannes Paul II.

Er begrüβte Gäste und leistete denen Gesellschaft, die auf die Audienz beim Papst warteten. Es waren fast ausnahmslos Spitzenpolitiker aus der ganzen Welt, namhafte Künstler, Wissenschaftler, Sportler. Er begleitete Johannes Paul II. bei seinen ersten Auslandsreisen, auch als er zum ersten Mal als Papst im Juni 1979 Polen besuchte.

In jener Zeit nahm nachweislich die polnische Staatssicherheit Kontakt zu Paetz auf. Die wenigen Unterlagen hierzu, die die massenhafte Vernichtung der polnischen Stasi-Dokumente zwischen 1989 und 1990 überdauert haben, belegen, dass er 1978 als Quelle „Fermo“ registriert und bis 1980 abgeschöpft wurde. Knapp neunzig Prozent der Informationen, die „Fermo“ weitergab, stufte die Stasi damals als wichtig ein.

Paetz beteuerte später, er habe nie bewusst mit der Stasi zusammengearbeitet. Die Einstufung als Quelle und nicht als IM könnte dafür sprechen. Die polnischen Stasi-Leute agierten in Rom gut getarnt als Diplomaten, Mitarbeiter des Römischen Büros der Fluggesellschaft LOT, polnische Wissenschaftler-Stipendiaten an italienischen Universitäten usw. Es gab viele Kontakte zu polnischen Geistlichen im Vatikan. Einige von ihnen waren Stasi-Agenten, andere wiederum  wurden abgeschöpft, ohne es zu wissen. War das so bei Paetz? Auch hier gibt es keine gesicherte Antwort.

Ins Abseits befördert?

Seine vatikanische Karriere endete 1983. Der polnische Papst Johannes Paul II. erteilte ihm die Bischofsweihe und machte Paetz zum Bischof in Łomża (fonetisch Lomscha), einer Provinzstadt mit sechzigtausend Einwohnern im Nordosten Polens. War das eine echte Beförderung oder nur eine Beförderung ins Abseits?

Wojciech Polak, Erzbischof von Gniezno und Primas von Polen, und Marcin Przeciszewski am 29. November 2019 in Wrocław.

Völlig unerwartet, am 29. November 2019, knapp zehn Tage nach Erzbischof Paetz‘ Tod, äuβerte sich dazu Marcin Przeciszewski (fonetisch Pschetsischewski), der Leiter der polnischen Katholischen Nachrichtenagentur. Dies geschah während einer Podiumsdiskussion, bei einer öffentlichen katholischen Tagung in Wrocław.

„Erzbischof Paetz hatte eine wahrlich hohe Stellung im Vatikan inne und ging nach Łomża in die Verbannung. Das war ein grundlegender Fehler, weil seine (homosexuellen – Anm. RdP) Neigungen im Vatikan erkannt worden waren. Der Vatikan wollte ihn loswerden. Das war einer der Gründe für die Ernennung“, sagte Przeciszewski.

Mit auf dem Podium saβ Wojciech Polak, Erzbischof von Gniezno und Primas von Polen. Er reagierte nicht darauf, was als sehr vielsagend ausgelegt wurde.

Diezöse Łomża

Das Sich-Herantasten an die unangenehme Wahrheit dauerte damals, aus heutiger Sicht, lange. Für viele viel zu lange. Warum?

„Sünde verteidigen heiβt selber sündigen“ (Sprichwort)

Bischof Paetz empfängt Johannes Paul II. in Łomża während der päpstlichen Pilgerfahrt nach Polen im Juni 1991.

Juliusz Paetz konnte ein umgänglicher, zuvorkommender Mensch und ein engagierter Seelenhirte sein. Ein Pfarrer aus Łomża berichtete der Zeitung „Rzeczpospolita“ („Republik“), die den Skandal 2002 öffentlich machte anonym:

„Er hat schnell die meisten Priester und Gläubigen für sich gewonnen. Er war höflich, freundlich, einfühlsam. Er besuchte unermüdlich Klöster und soziale Einrichtungen der Kirche. Er kam schon mal zu einem runden Pfarrergeburtstag, auch wenn er weitab von seinem Bischofspalast gefeiert wurde. Er fuhr zu Beerdigungen, wenn die Mutter oder der Vater eines Pfarrers gestorben war, führte Trauerzüge an. Übernahm ein Kaplan eine Pfarrei, führte Paetz ihn persönlich ein.“

Dieser gute Ruf eilte ihm voraus, als er 1996 das Bistum in Łomża verlieβ, um in Poznań Metropolit zu werden.

Dort schlug ihm damals eine allgemeine Begeisterung entgegen. Paetz war gebürtiger Posener, dazu noch ein Nachkomme der Posener Bamberger, durch seine Verwandten bestens vernetzt in der örtlichen Elite.

Diese Elite, angeführt von dem (2015 verstorbenen) Oligarchen und reichsten Mann Polens, Jan Kulczyk, hielt eisern zu ihm. Sie veröffentlichte einen offenen Brief, wenige Tage nachdem die Tageszeitung „Rzeczpospolita“ („Republik“) am 23. Februar 2002, in einem Bericht mit dem Titel „Sünde im erzbischöflichen Palais“, das Doppelleben des Erzbischofs öffentlich gemacht hatte.

„Angeklagt wurde ein Mensch, der allgemeine Hochachtung genieβt, dessen Verdienste um die Wissenschaft und Kultur in Poznań unbestritten sind. Er spielt eine wichtige Rolle im Leben unserer Stadt und Region. Er regt an und vereinigt viele Milieus im gestalterischen und fruchtbaren  Handeln zum Allgemeinwohl der Menschen in Poznań und Groβpolen. Derweil erwecken Ton und Inhalte verschiedener Presse-, Rundfunk- und Fernsehberichte den Eindruck, als wären die Bezichtigungen zweifelsfrei bewiesen. Das muss unseren entschiedenen Widerspruch wecken“, hieβ es in dem Schreiben.

Paetz-Förderer Jan Kulczyk.

Unterschrieben hatten, neben Kulczyk, u. a. die Rektoren aller  staatlichen Hochschulen in Poznań: der Universität, der Technischen Hochschule, der Wirtschaftsuniversität, der Musikhochschule, der Medizinischen Universität, der Hochschule für Landwirtschaft, der Kunsthochschule, dazu noch der Direktor der Oper u. e. m.

„Sumpfland-Midas“. Nachruf auf Jan Kulczyk ist hier zu lesen.

Da sind auch viele Gläubige, die es einfach nicht fassen konnten, dass ihr Hirte auf Irrwege geraten sein sollte. Bis heute weigern sie sich, die schwierige Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen.

Da sind schlieβlich einige wichtige Kirchenhierarchen. Sie duckten sich, mieden den Zusammenstoβ mit ihrem – aufgrund seiner Popularität und seiner bewährten Kontakte im Vatikan – einflussreichen Amtsbruder. Trotz aller Beschwerden, Hinweise und Indizien. Hierzu gehören die drei Stellvertreter von Paetz (Weihbischöfe) und der damalige apostolische Nuntius (Vatikan-Botschafter) in Warschau, Bischof Józef Kowalczyk, der alle Versuche, die Sache nach Rom weiterzuleiten, blockiert hat.

Die Gerechten geben nicht auf

Den Blockierern gegenüber stand jedoch eine zunehmend gröβere Schar von Kirchenleuten, die den unzüchtigen Erzbischof endlich gebändigt sehen wollte. Zum einen aus moralischen Gründen, zum anderen, um die Kirche zu schützen, weil es nur eine Frage der Zeit war, bis seine Ausschweifungen öffentlich würden. Die Sache zog ja im innerkirchlichen Bereich schließlich immer weitere Kreise.

Einige hochrangige geistliche Posener Wissenschaftler sprachen Paetz unter vier Augen auf seine Neigungen an. Er war beherrscht, so hörte man hinterher, verhielt sich wie ein Diplomat. Zwar spülte er die Fakten weich, leugnete sie jedoch nicht. Auch der in den Posener Kirchenkreisen angesehene Ultrakonservative, Prof. Maciej Giertych, sprach bei Paetz vor. Alles vergebens. Die Klagen der Priesteranwärter wurden nicht weniger.

Anfang September 2001 schrieben einige hochrangige Geistliche einen Brief an die polnischen Bischöfe, die damals als Delegierte der Polnischen Bischofskonferenz zur Bischofssynode nach Rom reisen sollten. Zu den Unterzeichnern gehörten der Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Poznań; Pfarrer Prof. Tomasz Więcławski, Pfarrer Dr. Jacek Stępczak, Chefredakteur des sehr populären örtlichen Diözesan-Wochenmagazins „Przewodnik Katolicki“ („Katholischer Leitfaden“); der Rektor des Erzbischöflichen Priesterseminars, Dr. Tadeusz Karkosz,  und der führende, sehr angesehene örtliche Aktivist der Anti- Abtreibungsbewegung Paweł Wosicki. Ihr Fazit: „Der Diözesanbischof stelle durch sein Benehmen eine ernsthafte Gefahr für die Diözese dar.“

Daraufhin rief Erzbischof Paetz Anfang Oktober 2001 die vierzig Dekane der Diözese Poznań zu einer dringenden Sitzung ein. (Ein Dekan beaufsichtigt im Auftrag des Bischofs jeweils zehn Gemeinden). Er verlieβ die Versammlung nach einigen Minuten. Die drei Weihbischöfe baten die Anwesenden, eine Erklärung zugunsten des Erzbischofs zu unterzeichnen.

Sie sollte am nächsten Sonntag in allen Kirchen der Diözese verlesen werden. Zwei Tage später jedoch lieβ man die Unterzeichner wissen, die Erklärung werde nicht verlesen. Sie wurde in den Vatikan geschickt, sozusagen als eine Gegendarstellung zu dem Brief an die Delegierten zur Synode in Rom. Die Dekane fühlten sich hintergangen. Vier von ihnen legten ihr Amt nieder.

Als sich Chefredakteur Stępczak weigerte, die Erklärung im „Przewodnik Katolicki“ abzudrucken, feuerte ihn der Erzbischof  kurzerhand und verbat ihm jegliche seelsorgerische Tätigkeit in der Diözese. Pfarrer Stępczak ging als Missionar nach Zambia.

Im Verlauf des Oktober sowie November 2001 schrieben weitere besorgte Kirchenleute und katholische Intellektuelle Briefe an Nuntius Stanisław Kowalczyk in Warschau mit der Bitte, die Angelegenheit an den Papst weiterzuleiten. Als weiterhin nichts geschah, beschloss Theologiedekan Prof. Tomasz Więcławski, Prof. Wanda Półtawska in Kraków in die Sache einzuweihen.

Prof. Wanda Półtawska

Die namhafte Psychiaterin, eine ehemalige KZ-Inhaftierte, an der deutsche Ärzte grausame medizinische Experimente durchgeführt hatten, kannte Karol Wojtyła seit fünfzig Jahren und war seine engste Vertraute. Sie brachte den Brief Prof. Więcławskis unmittelbar zum Papst nach Rom und las ihn beim Abendessen, dem damals gesundheitlich schon schwer angeschlagenen, Kirchenoberhaupt  vor. Johannes Paul II. zeigte sich tief erschüttert über Paetzs Verhalten und darüber, dass man den Skandal vor ihm verheimlicht hatte.

Der Erzbischof geht, der Erzbischof bleibt

Nur eine Woche später, am 29. November 2001, kam ein zweiköpfiger Untersuchungsausschuss aus dem Vatikan nach Poznań. Ein Woche lang verhörten die beiden Kontrolleure von früh bis spät in die Nacht die Priesteranwärter. Haarsträubendes soll ans Tageslicht gekommen sein. Was genau? Verhörprotokolle und Abschlussbericht wurden bis heute nicht veröffentlicht.

Die Gerüchteküche kochte derweil immer heftiger, bis am 23. Februar 2002 der „Rzeczpospolita“-Bericht den Skandal zur Explosion brachte. Am Karfreitag, dem 28. März 2002, nahm Johannes Paul II. den Rücktritt des Erzbischofs an.

Paetz verabschiedete sich mit einem Brief an die Gläubigen, in dem er behauptete, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe, Priesteranwärter sexuell belästigt zu haben, stellten „eine Fehlinterpretation meiner Güte und Spontaneität dar“.

Seitdem war Juliusz Paetz Erzbischof-Senior der Diözese Poznań. Der Vatikan hatte schriftlich festgehalten, dass er keine Predigten halten, keine Firmungen, Priester-, Kirch- und Altarweihen vornehmen dürfe. Dieses Verbot galt nicht auβerhalb der Diözese Poznań.

Paetz derweil tat nach seinem Rücktritt von Anfang an so, als wäre nichts geschehen. Er lebte keinesfalls zurückgezogen, sondern wohnte weiterhin auf der Dominsel und scheute keineswegs die Öffentlichkeit. Im Gegenteil, er suchte sie. So war er weiterhin Gast bei den Premiere-Aufführungen in der Posener Oper, saβ oft in der Loge zwischen dem Oligarchen Kulczyk und dem von der Regierung Tusk ernannten Regierungspräsidenten.

Das hörte erst 2015 auf, als Kulczyk unerwartet starb und die Tusk-Partei Bürgerplattform die Parlamentswahlen verlor. Der von der neuen Regierung ernannte Regierungspräsident mied den Skandal-Geistlichen demonstrativ. Bis zuletzt jedoch sah man Paetz bei Empfängen, Vernissagen, Einweihungen. Die Reichen, Schicken und Schönen von Poznań blieben ihm treu.

Erzbischof Stanisław Gądecki.

Man sah auf Anhieb, dass Paetz besessen davon war rehabilitiert zu werden, die Liturgie wieder zelebrieren zu dürfen. Siebzehn Jahre lang war er emeritiert, und so lange dauerte der kalte Kleinkrieg zwischen ihm und seinem Nachfolger, Erzbischof Stanisław Gądecki (fonetisch Gondetzki), der nicht bereit war, über das skandalträchtige Verhalten von Paetz hinwegzusehen.

Immer wieder musste Gądecki, der bis heute von den Posener Eliten abgelehnt und nirgendwo eingeladen wird, Paetz ausrichten lassen, er möge sich  an die ihm auferlegten Einschränkungen halten. Manchmal blieb Gądecki keine andere Wahl, als seinem umtriebigen Vorgänger das Erscheinen zu wichtigen Kirchenanlässen ausdrücklich zu verbieten.

Paetz wurde nicht müde, seine Beziehungen im Vatikan für eine Rücknahme der Verbote zu nutzen, und 2010 sah es so aus, als hätte er sein Ziel erreicht. Damals reiste Bischof Gądecki nach Rom und teilte Papst Benedikt XVI. mit, er werde im Falle einer Rehabilitierung von Paetz zurücktreten. Der Papst, der in die Angelegenheit nicht eingeweiht zu sein schien, gab ihm sofort recht.

Danach musste die Kirche den umtriebigen Emeritus noch zweimal öffentlich ermahnen. Im Jahr 2013 sah sich der damals sehr einflussreiche vatikanische Kardinalstaatssekretär Tercisio Bertone gezwungen, Paetz zu bitten, sein Leben „in Klausur, Einkehr und mit Gebeten zu fristen“. Drei Jahre später, unmittelbar vor den groβen Feierlichkeiten zum 1050. Jahrestag der Taufe Polens in Poznań, verkündete das Pressebüro der Polnischen Bischofskonferenz, Paetz solle von der Teilnahme Abstand nehmen.

Statt in der Gruft an der frischen Luft

Nach Paetz‘ Tod begann ein drei Tage lang andauerndes heftiges Ringen hinter den Kulissen darum, wo er bestattet werden sollte. Als dem emeritierten Diözesanbischof stand ihm eine letzte Ruhestätte im Dom zu. Darauf drängte die Familie, und auch die Kurienmitarbeiter neigten, unter Berufung auf kirchliche Vorschriften, erst einmal dazu.  Das war die Situation am Freitag, dem 15. November 2019.

Paetz‘ Grab.

Am Samstagabend, dem 16. November, machte ein Brief, veranlasst von namhaften Posener Priestern und Laien aus dem nationalkonservativen Lager, die Runde, in dem vor den katastrophalen Folgen für das Ansehen der Kirche bei einer Bestattung im Dom gewarnt wurde. Bischof Gądecki, der schon vorher Bedenken hatte, schloss sich dem Appell an.

 

Am Montag, dem 18. November, gab es eine Totenmesse im Dom, die Bischof Gądecki zelebrierte und an der nur die Familie teilnehmen durfte. Außenstehende wurden von eigens bestellten Wachleuten an den Eingängen abgewiesen. Anschlieβend wurde der Sarg zum städtischen Friedhof gebracht und im Familiengrab beigesetzt.

„Alte Sünde macht oft neue Schande“, sagt das Sprichwort. Oft, aber zum Glück nicht immer.

© RdP

 

 




Der Unverbrüchliche

Am 30. September 2019 starb Kornel Morawiecki.

Er hatte dem Kommunismus den Krieg erklärt. Ein gutmütiger, scheu und schüchtern wirkender Mann. Mahatma Gandhi jedoch war nicht sein Vorbild im antikommunistischen Untergrundkampf der Achtzigerjahre in Polen. Er und diejenigen, die er in seinen Bann zog, lehnten Waffengewalt ab, kämpften aber ansonsten mit harten Bandagen.

Die spannende Geschichte der Solidarność Walcząca (fonetisch waltschontsa), der Kämpfenden Solidarność nahm ihren Anfang im Frühsommer 1982 in Wrocław/Breslau, etwa ein halbes Jahr nach der Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 und dem Verbot der Solidarność. Eine Gruppe von Gewerkschaftlern, Studenten, jungen Arbeitern und oppositionellen Geistesschaffenden verweigerte damals der regionalen Geschäftsführung der Solidarność im Untergrund die Gefolgschaft und rief eine eigene, radikal antikommunistische Gruppe ins Leben, um dem Jaruzelski-Regime zuzusetzen.

Kornel Morawiecki. Briefmarke von 2021.

Es bedurfte einer Führungspersönlichkeit, die den entscheidenden Schritt wagte und andere mitriss. Der Mann der Stunde war ein Physiker, hieβ Kornel Morawiecki und hatte schon damals, 1982, viel Erfahrung im oppositionellen Handeln.

Kindheit in Ruinen

Kornel Morawiecki kam 1941 im deutsch besetzten Warschau zur Welt. Die Eltern hatten im Sommer 1939, unmittelbar vor Kriegsausbruch, geheiratet. Beide waren Lehrer, entstammten Familien mit ausgeprägten patriotischen Traditionen. Vater Michał gehörte der Untergrund-Heimatarmee (AK) an, hatte aber an dem am 1. August 1944 ausgebrochenen, zwei Monate lang dauernden Warschauer Aufstand nicht teilgenommen.

Die Familie wohnte damals auf dem östlichen Weichselufer, im Stadtteil Praga, wo die Kämpfe am 1. August 1944 nur kurz aufflackerten und die Aufständischen, angesichts der deutschen Übermacht, schnell wieder abtauchten. Kurz nachdem deutsche Truppen sämtliche Weichselbrücken gesprengt hatten, besetzten Mitte September 1944 die Sowjets Praga.

Auf dem westlichen Weichselufer derweil, dauerte der Aufstand noch bis zur Kapitulation am 2. Oktober 1944 an. Den westlichen Teil der Stadt machten anschlieβend, nach Vertreibung der restlichen Zivilbevölkerung, deutsche Brand- und Sprengkommandos innerhalb von dreieinhalb Monaten planmäβig dem Erdboden gleich. Auf dem Ostufer wütete zu dieser Zeit bereits der sowjetische Polizeiterror. Die Sowjets setzten erst am 17. Januar 1945 auf das Westufer der Weichsel über und „befreiten“ das von den Deutschen geräumte Ruinenmeer.

Kornel Morawiecki wuchs im Schatten dieser Ereignisse auf, in einer vom Krieg beinahe ausgelöschten, völlig ausgeplünderten Stadt. Ihre Ruinen wurden nun mit roten Fahnen und Spruchbändern drapiert. Der Stalinismus mit seiner brutalen Propaganda und seinem brutalem Terror ergriff Besitz von Polen.

Kornel lebte gemeinsam mit den Eltern und zwei jüngeren Geschwistern in einer 22 Quadratmeter groβen Wohnung in der Minskastrasse. In ihren vier Wänden lebte auch, in leisen Gesprächen und Erzählungen bewundert, betrauert, beschworen, das alte, freie, stolze Polen weiter, das sich nun, wieder einmal, diesmal von den Sowjets gedemütigt, kettenrasselnd auf dem Weg der Geschichte dahinschleppte. So empfanden es die Menschen damals.

Auf nach Wrocław

Der achtzehnjährige Abiturient wollte Matrose werden, wurde jedoch wegen einer Herzschwäche abgelehnt. Arzt zu werden war ihm ebenfalls nicht vergönnt. Er fiel bei der Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium durch. Also machte er sich 1958 auf nach Wrocław, um Physik zu studieren.

Der Fachbereich Physik in Wrocław, sowohl an der Universität, wie auch an der Technischen Hochschule, gilt auch heute noch als einer der besten im Lande. Morawiecki wurde an der Uni 1964 zum Doktorandenstudium zugelassen, verteidigte dort 1970 seine Doktorarbeit über die Quantenfeldtheorie.

Held der Liebe

In Wrocław nahm auch das ereignisreiche Liebesleben des späteren Freiheitshelden seinen Anfang. Bereits 1959 heiratete der achtzehnjährige, eben erst eingeschriebene Physik-Student, die elf Jahre ältere Chemie-Lehrerin Jadwiga. Sie kannten sich vorher gerade zwei Monate lang und blieben bis Anfang der Achtzigerjahre zusammen, bekamen fünf gemeinsame Kinder. Das vierte von ihnen, der 1968 geborene Mateusz, ist seit 2017 polnischer Ministerpräsident.

Kornel Morawiecki 1968 in Wrocław mit Ehefrau Jadwiga und drei der vier gemeinsamen Kinder. Mateusz, der spätere Ministerpräsident liegt im Kinderwagen.

Als am 13. Dezember 1980 General Jaruzelski das Kriegsrecht verhängte, tauchte Kornel, bis zu seiner Verhaftung, für knapp sieben Jahre unter. Unterschlupf fand er zu Anfang bei der bildhübschen Gewerkschafts-Aktivistin Hanna Łukowska-Karnej.

Hanna Łukowska-Karnej

Ihre Liebesbeziehung dauerte fast zehn Jahre lang und unterbrach in dieser Zeit seine frühere Liaison mit der fünfzehn Jahre jüngeren Anna, die er 1976 kennengelernt hatte. Zu Anna kehrte Kornel Morawiecki Anfang der Neunzigerjahre zurück und lebte mit ihr bis zu seinem Tod zusammen. Der gemeinsame Sohn Jerzy kam 1995 auf die Welt, Kornels sechstes Kind. Annas Identität hat er öffentlich nie preisgegeben.

Kornel Morawiecki mit Ehefrau Jadiwga am 2. Juni 2019 im Innenhof des Warschauer Königsschlosses bei der Eröffnung einer Ausstellung aus Anlass des 40. Jahrestages des ersten Besuches von Johannes Paul II. in Polen.

Von Ehefrau Jadwiga, der Mutter seiner fünf Kinder, lieβ sich Morawiecki nicht scheiden. Der Boulevardzeitung „Super Express“ gestand er 2017, er liebe immer noch alle drei Frauen: Jadwiga, Hanna und Anna.

Held der Freiheit

Das 1945, bei den drei Monate andauernden Kämpfen schwer zerstörte Wrocław, mit seiner danach kunterbunt zusammengewürfelten neuen polnischen Bevölkerung, der die ausgesiedelten Deutschen hatten Platz machen müssen, war lange Zeit kein Schauplatz gröβerer antikommunistischer Streiks oder Demonstrationen, wie z.B. Poznań, Szczecin oder Warschau 1956. Dafür versuchten dort viele politisch Verfolgte aus anderen Teilen Polens im Nachkriegsdurcheinander unterzutauchen.

Erst im März 1968 kam es auch in Wrocław zu erheblichen Studentenunruhen, wie auch in Warschau, Kraków, Gdańsk. Es ging um Meinungs- und Pressefreiheit, um die Autonomie der Universitäten.

Kornel Morawiecki. Passfoto aus den Sechzigerjahren.

Der Doktorand Morawiecki beteiligte sich an den Studentenstreiks. Als der Widerstand erbarmungslos gebrochen wurde, druckte er mit einigen Kollegen mit primitivsten Mitteln Protest-Flugblätter gegen die Repressalien der Staatsgewalt, vor allem gegen die massenweisen Rausschmisse aus der Uni, Zwangsrekrutierungen in die Armee, Entlassungen von rebellischen Professoren. Seinen Mut stellte Morawiecki unter Beweis, als er die Flugblätter auch während der offiziellen kommunistischen Feierlichkeiten zum 1.Mai in die Menge warf.

Ähnliches unternahm Morawieckis Gruppe noch einige weitere Male. So nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Armeen am 21. August 1968 in der Tschechoslowakei zur Beseitigung des Prager Frühlings. Nach der Selbstverbrennung Jan Palachs im Januar 1969 in Prag, aus Protest gegen den Einmarsch. Nach den Massakern an streikenden Arbeitern in Gdańsk, Gdynia und Szczecin im Dezember 1970.

Erster Besuch von Johannes Paul II. in Polen im Juni 1979. „Glaube und Unabhängigkeit“. Transparent der Morawiecki-Gruppe bei einer der Papst-Messen.

Als der gerade gewählte polnische Papst im Juni 1979 zum ersten Mal nach Polen kam, reisten sie ihm hinterher und entfalteten bei jeder Papstmesse unter freiem Himmel ein groβes weiβ-rotes Transparent mit dem Schriftzug „Glaube und Unabhängigkeit“. Heute klingt das alles harmlos, damals konnte solch eine Aktion schnell im Gefängnis oder mit schweren Verletzungen enden. „Unbekannte“ Polizei-Täter hatten für gewöhnlich Knüppel und Schlagringe zur Hand.

Morawiecki wechselte zwischenzeitlich von der Universität zur Breslauer Technischen Hochschule. Das Institut für Mathematik und Informatik blieb sein Arbeitsplatz bis zur Pensionierung 2009.

Der Macher

Seine kleine Gruppe hatte einige einfache, gut versteckte Druckgeräte zusammengetragen. Die selbstgemachte Druckerschwärze wurde von Hand aufgetragen. Zum Drucken diente eine einfache Gummirolle, „modernere“ Geräte verfügten über eine Kurbel. Was dabei herauskam war, wegen Papiermangel, meistens dichtest bedruckt, blass, schwer leserlich, aber es war das freie Wort.

Im Herbst 1979 baten einige Breslauer Dissidenten Morawiecki in ihrer Verzweiflung um Hilfe. Sie begannen gerade das illegale „Biuletyn Dolnośląski“, das „Niederschlesische Bulletin“ herauszugeben. Es war eine Chronik der laufenden Ereignisse, zusätzlich versehen mit Meinungsartikeln, die alle drei, vier Wochen erscheinen sollte. Die Gruppe hatte keine Erfahrung mit dem Drucken, die Anfangsschwierigkeiten waren enorm.

Morawiecki lieβ sich nicht lange bitten. Ab der zweiten Ausgabe war er mit dabei, schon Anfang 1980 als Chefredakteur. Das Bulletin erschien regelmäβig, die Auflage mancher Ausgaben betrug bis zu zehntausend Exemplare.

Untergrunddruckerei,

Nach der groβen Streikwelle im Sommer 1980 entstand die Gewerkschaft Solidarność. Eine sehr bewegte Zeit nahm in Polen ihren Anfang: Streiks, Demonstrationen, eine Explosion freier Diskussionen und Debatten. Der Zerfall der regierenden kommunistischen Partei und zugleich groβe Befürchtungen vor einem sowjetischen Einmarsch. Immer mehr Freiheit und ein immer längeres Anstehen nach praktisch allem, was man zum Leben braucht. Leere Läden.

Das „Niederschlesische Bulletin“ und mit ihm unzählige andere Publikationen der Solidarność kreisten damals ungehindert im ganzen Land, auch wenn sie offiziell nicht zugelassen waren.
Anders als die meisten Solidarność-Funktionäre blieb Morawiecki vorsichtig. Seine Druckgeräte arbeiteten weiterhin im Verborgenen, sein gut getarntes Netz von Verstecken und konspirativen Wohnungen wuchs.

Er wurde nicht müde die Breslauer Solidarność-Führung aufzufordern für den Fall eines russischen Einmarsches oder eines harten Durchgreifens Jaruzelskis vorzusorgen, ein Funktionieren im Untergrund vorzubereiten. Doch nichts geschah.

„Für unsere und eure Freiheit“

So lautete der Schlachtruf der polnischen Freiheitskämpfer, die vor allem im 19. Jahrhundert oft in fremden Ländern, wie Ungarn, Italien, Frankreich an Aufständen und Freiheitskriegen teilnahmen, in der Hoffnung, es werde auch der polnischen Sache zugutekommen. Morawiecki verkörperte dieses Denken.

Weitere Führungspersönlichkeiten der damaligen polnischen Bürgeropposition, wie Jacek Kuroń oder Adam Michnik, träumten von einer „Finnlandisierung“ Polens. Wie damals Finnland, sollte Polen, nach ihrer Vorstellung, von Moskaus Gnaden, im Inneren Marktwirtschaft und Demokratie praktizieren dürfen, nach Auβen aber treu der Sowjetunion beistehen und den Sowjets erlauben sich in innerpolnische Belange einzumischen. Nur, warum und wozu sollte Moskau seiner polnischen Kolonie plötzlich so viel Autonomie gewähren und damit gleichzeitig den Ostblock destabilisieren?

Morawiecki hingegen sprach klare Worte: ohne das Ende des Kommunismus in Russland, kein Ende des Kommunismus in Polen. Das Ziel ist die volle Unabhängigkeit Polens. Noch vor der Entstehung der Solidarność, Anfang 1980, hatte er versucht die polnische Opposition zu einer gemeinsamen Verurteilung des russischen Einmarsches in Afghanistan im Dezember 1979 zu bewegen. Es gelang, aber die Bedenken und Befürchtungen der anderen waren enorm.

Kurz danach begann Morawiecki Flugblätter auf Russisch zu drucken, um sie in die sowjetischen Militärgarnisonen in Polen zu schmuggeln. Konspirativ behilflich war ihm dabei der sowjetische Austauschwissenschaftler in Wrocław Nikolaj Iwanow, heute Professor an der Universität in Opole/Oppeln. In Niederschlesien waren die meisten Sowjetischen Truppen in Polen stationiert. Dort, in Legnica/Liegnitz, befand sich auch ihr Oberkommando.

Seine Kämpfende Solidarność (KS) sollte ab 1982 Kontakte zu Dissidenten in fast allen Ostblockstaaten knüpfen auch weit hinein in die damalige Sowjetunion, bis in den Kaukasus. Die KS druckte eine Zeitlang das Info-Bulletin „Názory“ („Meinungen“) auf Tschechisch und brachte es über die nahegelegene Grenze in die Tschechoslowakei, schmuggelte Flugblätter in die sowjetische Ukraine, in die baltischen Sowjetrepubliken, nach Georgien und Armenien.

Morawiecki hatte die Idee den Koran auf Russisch zu drucken. Kuriere der KS, zumeist als Touristen getarnt, schafften ihn in die vom Islam geprägten Teile der Sowjetunion, nach Kasachstan und Aserbaidschan, wo der Islam, wie jede Religion in der UdSSR, verfolgt wurde. Jadwiga Chmielowska aus Sosnowiec/Sosnowitz, die die „Ostarbeit“ in der KS wesentlich mitgestaltete fragte man einmal im Nachhinein, warum nicht die Bibel dorthin gebracht wurde. „Weil wir keine Missionare sondern Saboteure waren“, lautete die Antwort.

Jadwiga Chmielowska

Morawiecki setze sich als Delegierter sehr energisch beim 1. Landeskongress der Solidarność in Gdańsk, im September 1981, für die Verabschiedung der „Botschaft an die Arbeiter Osteuropas“ ein. Solidarność tat darin kund, dass sie alle Bestrebungen unterstütze freie Gewerkschaften in anderen Ostblockländern zu gründen.

Die Brisanz all dieses Tuns in Zeiten der fast kompletten Abschottung des Ostblocks vom Westen, in Zeiten ohne Internet, Fax, Handy, Satelliten-TV, ist heute schwer vorstellbar. Damals war das politisches Dynamit. Solche Aktionen trafen nicht nur die polnischen Kommunisten, sondern vor allem die Sowjets ins Mark. Das Ausbreiten der „polnischen Seuche“ auf den gesamten Ostblock wollten sie auf keinen Fall zulassen.

Das „Niederschlesische Bulletin“ mit der Nachricht von der Verhaftung Kornel Morawieckis am 15. September 1981.

Die polnische Staatssicherheit verhaftete Morawiecki am 15. September 1981. Zu erwarten waren ein Prozess wegen Anstiftung zum Hochverrat und eine lange Haftstrafe. Die niederschlesische Solidarność drohte daraufhin mit einem unbefristeten Generalstreik in der Region. Morawiecki wurde freigelassen.

Der Kämpfer

Drei Monate später, am 13. Dezember 1981, verhängte General Jaruzelski das Kriegsrecht in Polen. Der Sicherheitsapparat, die Miliz (Polizei), die Armee erwiesen sich dabei als weitgehend unberührt von den vielen Auflösungserscheinungen des kommunistischen Systems in Polen, die es in den sechzehn Monaten der Solidarność, seit dem Sommer 1980, zweifelsohne gab.

Die meisten Solidarność-Anführer hatten die Gefahr unterschätzt. Sie wähnten sich sicher. Die „Atombombe“ des Generalstreiks, den sie jederzeit ausrufen konnten, werde die Kommunisten von jeglicher Gewaltanwendung abhalten. Doch die handstreichartig, präzise durchgeführte Operation der Einführung des Kriegsrechts setzte diese Strategie auβer Kraft. Allein schon der Umstand, dass es den Kommunisten gelungen war bis zuletzt die Geheimhaltung zu wahren, zeugte von der ungebrochenen Vitalität des Sicherheitsapparates.

Fast die gesamte Landesführung der Solidarność, die zu einer zweitägigen Plenarsitzung nach Gdańsk gekommen war, wurde nachts im Hotel festgenommen. Die Landesweite Blitzverhaftung von etwa zehntausend Aktivisten, die aufgefahrenen Panzerkolonnen, Militärposten und Straβenblockaden auf Schritt und Tritt, die Scharen schwer bewaffneter Bereitschaftspolizisten, die sofort verhängte Sperrstunde, das Abschalten des gesamten Telefonnetzes usw. legten das Land und den friedlichen Widerstand weitgehend lahm.

Im Untergrund

Morawiecki und seine Gruppe waren darauf vorbereitet. Die Miliz hatte zwar auch die Tür zu seiner Wohnung mit Äxten zertrümmert, aber angetroffen hatte sie ihn nicht. Er war gerade dabei, irgendwo in der Stadt, ein weiteres Kopiergerät für den Ernstfall, der soeben eingetreten war, zu verstecken.

Morawiecki tauchte unter. Während alle Solidarność-Büros von der Miliz verwüstet und besetzt gehalten wurden, lief seine konspirative Maschinerie umgehend an. Schon am 14. Dezember erschien die erste Ausgabe der Untergrundzeitung der Breslauer Solidarność „Z dnia na dzień“ („Von einem Tag auf den anderen“). Das stärkte den Widerstandsgeist in der Stadt erheblich.

Sehr schnell jedoch, verwandelten sich die Meinungsverschiedenheiten zwischen Morawiecki und dem charismatischen Breslauer Solidarność-Chef Władysław Frasyniuk, der ebenfalls den Verfolgern entkommen war und im Untergrund agierte, zu einem unüberbrückbaren Konflikt.
Frasyniuk wollte die Untergrundmedien stärken und den Widerstand gegebenenfalls durch Besetzungsstreiks in den Betrieben ausüben, um so die Kommunisten zum Nachgeben zu bewegen. Sein wichtigstes Argument: Solidarność verdankt ihr groβes Ansehen in der Welt dem ausnahmslos gewaltlosen Kampf den sie führt.

Es kam zum Bruch. Morawiecki war das zu wenig. Vor allem die Jugend wollte auf die Barrikaden, so seine Diagnose. Und bevor sie sich zum Terrorismus hinreiβen ließe, solle man ihren Eifer für schärfere Formen des zivilen Widerstandes nutzen.

Demonstrationen und Ausschreitungen in Wrocław am 31. August 1982.

Morawiecki gründete im Juni 1982 mit seinesgleichen die Kämpfende Solidarność (KS). Groβe, gut vorbereitete, friedliche Straβendemonstrationen sollten Zeugnis ablegen vom Widerstandswillen der Nation. Friedlich ging es aber nie zu. Stets schritt die brutale, landesweit verhasste Bereitschaftspolizei ZOMO ein. Die KS war entschlossen ihr Paroli zu bieten. Ausgestreute Stahlkrampen durchbohrten immer wieder die Reifen der Wasserwerfer und Einsatzwagen. Stahlkugeln aus Katapulten durchlöcherten die Hartplastikschilder der Polizei. Steine flogen von den Dächern, Straβenbarrikaden gingen in Flammen auf.

Die erste groβe Straβenschlacht tobte am 31. August 1982 bis tief in die Nacht hinein in Wrocław. Schätzungsweise fünfzigtausend junge Demonstranten waren auf den Beinen. Es war der zweite Jahrestag der Unterzeichnung der Verträge in der Danziger Werft, die Lech Wałęsa mit seinem Riesenkugelschreiber 1980 unterschrieben hatte. Sie beendeten seinerzeit den landesweiten Streik und ebneten den Weg zur Gründung der ersten freien Gewerkschaft im kommunistischen Machtbereich. Mit der Einführung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 wurde Solidarność verboten. Die Wiederherstellung der freien Gewerkschaft war die wichtigste Forderung der Opposition.

Groβe Demonstrationen und schwere Zusammenstöβe mit der ZOMO gehörten seitdem fast schon zum Breslauer Alltag.

An der stillen Front

Die Kämpfende Solidarność wurde von der polnischen Staatsicherheit verbissen gejagt. Sie galt als dermaβen gefährlich, dass auch die DDR-Stasi und der sowjetische KGB ihre Ermittlungsgruppen nach Wrocław schickten. Mit Zustimmung der polnischen Genossen fahndeten sie dort auf eigene Faust. Die KS zu zerschlagen gelang ihnen jedoch nicht.

Grund dafür war der streng konspirative Aufbau der Organisation, vor allem die sogenannte Fragmentierung. Es waren kleine, lose miteinander und mit der Leitung um Morawiecki verknüpfte Grüppchen hochmotivierter Aktivisten. Besonders abgeschirmt waren die Druckereien. Niemand, auch Morawiecki wusste nicht alles. Wenn also bei Vernehmungen von Verhafteten etwas herauskam, riss schon bald der Faden ab, den die Ermittler nachverfolgen wollten.

Kornel Morawiecki zur Fahndung ausgeschrieben wegen Teilnahme an illegalen Gewerkschaftsstrukturen. Zeitungsauschnitt von 1982.

Morawiecki selbst nutzte in Wrocław, in den knapp sieben Jahren seines Lebens im Untergrund, insgesamt etwa vierzig Wohnungen als Unterschlupf, die sich die jeweiligen Hausherren zeitweise mit ihm teilten.. Keine von ihnen flog auf. Dort wo er, oft auf einem Feldbett in der Ecke, schlief hielt er keine Treffen ab. Dazu diente oft eine in demselben oder benachbarten Treppenaufgang gelegene Wohnung. Morawiecki sollte sich so wenig wie möglich auf den Straβen der Stadt aufhalten, wo jede Milizpatrouille und jeder Stasi-Agent ein Foto von ihm dabei hatte.

Derweil war die Durchdringung der „regulären“ Untergrund-Solidarność in Wrocław mit Stasi-Agenten- und Zuträgern sehr groβ. Schon 1982 konnte die Stasi in kurzen Zeitabständen die Chefs der regionalen Strukturen der Untergrund-Solidarność Władysław Frasyniuk, Piotr Bednarz und zum Schluss Józef Pinior verhaften. Kornel Morawiecki dagegen war nicht zu fassen.

Sein Sohn Mateusz, seit 2017 polnischer Regierungschef, wurde mehrere Male von Stasi-Leuten überfallen und verprügelt. Einmal entführten sie ihn in den Wald, drückten ihm die Pistole an die Schläfe, drohten ihn zu erschieβen und seine Schwester zu vergewaltigen. Er sollte den Aufenthaltsort des Vaters preisgeben, den er aber nicht kannte. Verprügelt lieβen sie ihn zurück.

Nikolai Iwanow

Der einstige sowjetische Austauschwissenschaftler in Wrocław, Nikolai Iwanow erinnerte sich Jahre später: „In der »Kämpfenden Solidarność« herrschten strenge Disziplin und Konspiration. Ich habe Morawiecki alle paar Monate getroffen. Einfach war das nicht. Ich ging in eine Kirche, die mir im letzten Augenblick mitgeteilt wurde. Dort sprach mich jemand an, ich solle in das und das Auto, das in der Nähe parkte einsteigen. Wir fuhren irgendwohin. Ich wechselte den Wagen. Dann noch einmal. Ich landete in irgendeiner undefinierbaren Wohnung. Nach etwa einer Stunde erschien Morawiecki dort. Ich wusste im Nachhinein nie, wo ich gewesen bin.“

Wie es heiβt, traf sich Morawiecki im Untergrund mit etwa 1.500 Personen.

„Die KS“, so Iwanow weiter, „war besser organisiert als die Staatsicherheit und sie hatte eine solide Anti-Stasi-Abwehr. Niemand bekam für seine Untergrundarbeit Geld. Alle machten mit aus Überzeugung, für die Demokratie, für die Freiheit. Daraus ergab sich die Kraft dieser Organisation.“

Die Anti-Stasi-Abwehr der KS war eine konzeptionelle Hinterlassenschaft der polnischen Heimatarmee (AK) im Untergrund aus dem Zweiten Weltkrieg. Damals galt es gegen die Gestapo zu bestehen, die, manchmal leider durchaus erfolgreich, mit ihren Fahndungsmethoden, Provokationen und dem grausamen Foltern von Verhafteten, den polnischen Untergrund zu zerschlagen suchte.

Es gab damals noch einige wenige Veteranen der Heimatarmee, die sich damit auskannten, die man fragen konnte. Und so wurden die Beobachter der Stasi ohne ihr Wissen selbst beobachtet, fotografiert und in Katalogen registriert. Es gab Aufstellungen von Autos und Autokennzeichen, die die Stasi benutzte. Das professionelle Erkennen und „Abschütteln“ von Beobachtern und Verfolgern fand fast täglich Anwendung. Falschinformationen wurden der Stasi zugespielt und es gelang in der Breslauer Staatsicherheit drei Informanten (die sogenannte Charukiewicz-Gruppe) zu gewinnen, die vor Razzien und anderen geplanten Fahndungsmaβnahmen warnten.

Solidarność Walcząca – Kämpfende Solidarność. Briefmarke von 2017.

Zugleich wurden Geräte entwickelt, mit denen man den Funkverkehr der Miliz und der Staatssicherheit abhören konnte. Während der sechzehn Monate ihres legalen Wirkens 1980-1981 waren viele junge Ingenieure und Techniker in die Solidarność eingetreten. Darunter waren der Fernsehtechniker Jacenty Lipiński, die Elektroniker Tadeusz Świerczewski und Ryszard Maj, der Physiker Jan Pawłowski. Sie konstruierten Scanner und Empfangsgeräte, die die Stasi-Abwehr so effektiv machten.

Erst im April 1982, nach gut drei Monaten des Kriegsrechts, begann die Stasi den Verdacht zu schöpfen, sie werde abgehört. Ab dann wechselte sie oft die Frequenzen und die Agenten begannen Codewörter zu benutzen. Jan Pawłowski, bei dem alle Fäden der Abhörtätigkeit, die an verschiedenen Punkten der Stadt durchgeführt wurde, zusammenliefen, hatte die Aufgabe sie zu entschlüsseln.

„Er geht zum Eisen“ bedeutete „zum Hauptbahnhof“, „zum Gummi“ – zum Busbahnhof. „Objekt Weiβ“ war das Hotel „Wrocław“. „Objekt Grau“ – Hotel Monopol. „Chefarzt“ war der Stasi-Offizier der die Aktion befehligte. „Sanitäter“ waren die ihm unterstehenden Beamten usw. Nicht alles lieβ sich aufklären, aber meistens waren die KS-Leute gut im Bilde darüber was die Stasi so trieb.

Die Stasi bläst zur Treibjagd

Die Erfolglosigkeit der jahrelangen Fahndung nach Morawiecki brachte die Stasi-Chefs in Warschau zur Weiβglut. Innenminister General Czesław Kiszczak versah den Bericht über die Lage in der Breslauer Stasi mit dem wütenden Vermerk: „Der Verrat hat sich in unsere Reihen eingeschlichen!“.

Kurz darauf, Mitte 1986, lieβ er mehrere Dutzend Stasibeamte der Breslauer Dienststelle feuern. Er handelte wahllos, denn die Mitglieder der  „Charukiewicz-Gruppe“ blieben auf ihren Posten.

Auβerdem schickte Kiszczak eine fast hundertköpfige Sonderermittlungsgruppe nach Wrocław. Sie fahndete autonom und durfte keinerlei Kontakte zu den örtlichen Stasi-Beamten unterhalten.

Die Sonderermittler beobachteten rund um die Uhr mehrere Dutzend Orte, von denen sie meinten, Morawiecki könnte dort auftauchen. Sie mieden jeglichen Funkkontakt, benutzten stattdessen Telefonzellen.

Am späten Abend des 9. November 1987 schnappte die Falle zu. Morawiecki fuhr in die Zelinskiegostrasse, wo er zwei Schwestern in ihrer Wohnung vereidigen sollte, die als Druckerinnen für die KS arbeiteten. Die Stasi-Abwehr der Kämpfenden Solidarność hatte den Ort vor Morawieckis Ankunft überprüft, aber die Falle nicht bemerkt. Sie wusste nicht, dass die Stasi im Bilde darüber war womit sich die Schwestern beschäftigten.

Der Pathos der Eidesformel gab die Stimmung jener Zeit wieder: „Ich gelobe vor Gott und Vaterland für eine freie und unabhängige Polnische Republik zu kämpfen. Ich gelobe zu kämpfen für Solidarität zwischen Menschen und Völkern. Ich gelobe die Ideen unserer Bewegung weiter zu entwickeln, sie nicht zu verraten und die mir anvertrauten Aufgaben gewissenhaft zu erfüllen.“

Morawiecki ging etwa fünfzig Meter vom Auto zum Treppenaufgang eines riesigen zehnstöckigen Plattenbaus. Die Stasi-Beamten erkannten sein Gesicht im Nachtsichtgerät. Einige Minuten später stürmte ein Einsatzkommando die Wohnung.

Verhaftet, abgeschoben…

Ein Hubschrauber brachte Morawiecki am nächsten Morgen nach Warschau. Dort wurde er ins zentrale Untersuchungsgefängnis in der Rakowieckastrasse eingeliefert und in einer Einzelzelle untergebracht. Keine Verhöre fanden statt. Nichts passierte, bis ihn Mitte April 1988 der namhafte Verteidiger in politischen Prozessen, Rechtsanwalt Jan Olszewski im Gefängnis aufsuchte.

Kornel Morawiecki (r.) und sein Anwalt Jan Olszewski. Wiedersehen nach Jahren. Inzwischen ruhen sie in Nachbargräbern auf dem Warschauer Powązki-Friedhof.

Die Zeichen standen schon damals auf Veränderung. Das kommunistische System bröckelte in Polen immer schneller. Die wirtschaftliche Lage war dramatisch schlecht. Mit Gewalt konnte man nicht mehr viel ausrichten.

Es gab schon die ersten vertraulichen, indirekten Gespräche zwischen Vertretern von Regierung und Partei und der zwar immer noch illegalen Solidarność-Führung, die aber inzwischen nicht mehr belangt wurde. Ihre Mitglieder saβen nicht mehr im Gefängnis, agierten öffentlich. Die Bischöfe waren die Nachrichtenüberbringer in diesem Dialog. Der Vorbereitungsprozess zu den Verhandlungen am Runden Tisch, die knapp ein Jahr später, am 6. Februar 1989 beginnen sollten, war bereits im Gange.

Möglichst viel an Privilegien und Geld in die neue Epoche hinüberretten, und sich aus der Verantwortung für das ruinierte Land davonstehlen, das wollen Jaruzelski und seine Leute. Die Solidarność-Gruppe um Lech Wałęsa, Adam Michnik, Jacek Kuroń, Tadeusz Mazowiecki, Bronisław Geremek war bereit ihnen das zu garantieren.

Der unverbrüchliche Morawiecki mit seiner Untergrund-KS passte nicht mehr in die neue Zeit, genauso wenig wie ein aufsehenerregender politischer Prozess, der schwer zu vereinbaren wäre mit dem von den Kommunisten nun immer wieder beschworenen Geist der nationalen Versöhnung.

Anwalt Olszewski überbrachte Morawiecki ein Angebot. Er werde freigelassen, müsse aber direkt aus dem Gefängnis heraus auβer Landes gehen, vorläufig ohne Recht auf Rückkehr.

In den nächsten Tagen pilgerten Kirchenleute und Anwalt Olszewski immer wieder zu Morawiecki und redeten auf ihn ein zu emigrieren. Der Gefängnisdirektor bestellte den Gefangenen zu sich. Er eröffnete ihm, dass sein bester Freund und Kampfgefährte, der vor kurzem verhaftete Andrzej Kołodziej, mit dem er gemeinsam auβer Landes gehen sollte, Krebs habe und nur im Westen wirksam behandelt werden könne.

Kornel Morawiecki. Papstaudienz im Vatikan am 3. Mai 1988.

Morawiecki gab nach. Am 30. April 1988 landeten die beiden in Rom und wurden von polnischen Priestern in Empfang genommen. Am 3. Mai hatte Morawiecki eine Audienz bei Papst Johannes Paul II. Einen Tag später flog er nach Frankfurt am Main und von dort mit der Lufthansa nach Warschau.

Die Staatssicherheit erwartete ihn schon an der Gangway mit einem Kameramann, der alles aufnehmen sollte. Der Film hat in den Stasi-Archiven überdauert. Man sieht wie er in einen separaten Bus gelotst und in einen Warteraum des Flughafens gebracht wird. Am Ende bringen ihn die Beamten mit Gewalt in eine LOT-Maschine nach Wien.

Der Stasi-Film ist hier zu sehen. 

… verstoβen…

Morawiecki gelang die Rückkehr nach Polen bereits im August 1988. Mit einem falschen Pass passierte er im Auto eines Bekannten von Wien aus die polnische Grenze und tauchte wieder in Wroclaw unter. Die Stasi fahndete nur noch halbherzig nach ihm. Der Kommunismus schwächelte an allen Ecken und Enden, fast nichts funktionierte mehr. Wer klug war im Lager der Noch-Machthaber, der legte sich jetzt nicht mehr mit der Opposition an, die vielleicht schon bald das Land regieren würde.

Morawiecki und seine KS lehnen den faulen Kompromiss mit den Kommunisten rundweg ab. Für die Solidarność-Chefs, wie Lech Wałęsa, der schon damals in panischer Angst lebte, seine Stasi-Spitzeltätigkeit könnte auffliegen, wie Morawieckis Breslauer Gegenspieler Władysław Frasyniuk, wie Adam Michnik und Bronisław Geremek, den Vordenkern der „Versöhnung“ mit den Kommunisten ohne diese für ihre Missetaten zur Rechenschaft zu ziehen, für all diese Leute war Morawiecki schon damals ein „Spinner“ und „Extremist“.

Noch gut dreiβig Jahre später, nur einen Tag nach Morawieckis feierlicher Beerdigung am 5. Oktober 2019, wird ihn Lech Wałęsa öffentlich aufs Übelste beschimpfen. „Ich habe Morawiecki vergeben. Sie machen aus ihm einen Helden und er hat inmitten des Kriegsrechts, als wir von allen Seiten angegriffen wurden, die Kämpfende Solidarność gegründet. Was war das? Das war Verrat. Ein Verräter! Das ist die Wahrheit. Wir vergeben ihm. Ich habe darüber nie gesprochen. Ich wusste, dass er nicht viel ausrichten wird, dass er nicht viel kann. Wir haben ihn ignoriert. Aber heute machen sie aus ihm einen Helden!“

Groβe Teile der alten Solidarność-Elite haben sich in der neuen Wirklichkeit auf hohen staatlichen Posten und in den Vorstandsetagen gut eingerichtet. Versöhnt mit ihren einstigen kommunistischen Gegnern, oft hohen Stasi-Beamten, die ihre Parteibücher gegen Scheckbücher eingetauscht haben, predigten und praktizierten sie gemeinsam einen Vulgärliberalismus, der Millionen von Menschen nichts Gutes brachte: erzwungene Auswanderung, Massenarbeitslosigkeit, eine räuberische Privatisierung, explodierende Kriminalität und Korruption, den Niedergang der Provinz mit geschlossenen Polizeistationen, Postämtern, Gesundheitszentren, gekappten Bus- und Bahnverbindungen. Das waren die ersten etwa fünfzehn Jahre nach dem Kommunismus.

… und wiederentdeckt

Morawiecki konnte sich in dieser neuen Wirklichkeit nicht zurechtfinden. All die Parteien, die er gründete oder denen er beitrat scheiterten an der allgemeinen Apathie, an der Abwendung von der Politik, an dem täglichen Kampf ums Überleben oder um etwas mehr Konsum.

Kornel Morawiecki im Wahlkampf vor den Präsidentschaftswahlen 1990 auf dem Langen Markt in Gdańsk.

Er lebte fast gänzlich vergessen in Wrocław, hatte ein karges Auskommen als Dozent an der Technischen Hochschule.

Dafür machte Sohn Mateusz Karriere als Wirtschaftsexperte und Banker. Die Erlebnisse aus der Jugendzeit, das Werk des Vaters brachten den Sohn auf natürliche Weise mit dem nationalkonservativen Lager in Polen zusammen.

Sein Wissen, das er sich an den Universitäten in Wrocław, Connecticut, Basel, Hamburg, Frankfurt am Main erwarb, seine Weltgewandtheit, Intelligenz und sein Patriotismus beeindruckten Jarosław Kaczyński tief. Stundenlang diskutierten die beiden noch vor 2015, als Recht und Gerechtigkeit in der Opposition ausharrte, wie man Polen aus der Falle des Billiglohnlandes und der Stagnation auf mittlerem Niveau, ohne Chancen auf eine innovative Modernisierung, befreien könnte.

Mateusz Morawiecki verschmähte 2015 den hervorragend bezahlten Posten des Vorstandsvorsitzenden der drittgröβten Bank Polens, der WBK, und ging in die Politik als Wirtschaftsminister nachdem Recht und Gerechtigkeit 2015 die Parlamentswahlen gewann.

Warschau am 12. Dezember 2017 im Sejm. Der Sohn wird Ministerpräsident, der Vater gratuliert.

In denselben Parlamentswahlen erlangte Vater Kornel einen Sitz im Sejm als Abgeordneter der Kukiz’15-Bewegung. Als Alterspräsident hielt er eine vielbeachtete Eröffnungsrede im neugewählten Abgeordnetenhaus. Mit ihr meldete er sich zurück in der kollektiven Erinnerung der Nation.

Den Antisystem-Verband, konservativ in der Weltanschauung, radikal liberal im Wirtschaftsprogramm, hatte der Rock-Musiker Paweł Kukiz, ein Hansdampf in allen Gassen, gegründet. Die am Anfang sehr erfolgreiche Bewegung, die 2015 immerhin 42 Mandate gewann, erwies sich jedoch sehr bald als nicht überlebensfähig.

Kornel Morawiecki verlieβ Kukiz‘ 15 ziemlich schnell und gründete den Abgeordnetenzirkel „Wolni i Solidarni“ („Die Freien und die Solidarischen“). Jetzt standen Vater und Sohn auf der höchsten politischen Bühne in Polen. Fotografen lieβen sich keine Gelegenheit entgehen, die beiden bei ihren kurzen Begegnungen im Plenum des Sejm zu fotografieren.

Seine Beerdigung war ein erhebender Staatsakt, an dem Zehntausende von Polen teilnahmen. Fast vergessen, wurde Kornel Morawiecki kurz vor seinem Tod als ein groβer Vorkämpfer für ein solidarisches und freies Polen wiederentdeckt. Bescheiden und unverbrüchlich im Leben, nahm er nach seinem Tod den ihm gebührenden Platz im Pantheon der groβen Polen ein.

© RdP




Roter Prinz auf edlen Abwegen

Am 28. April 2019 starb Karol Modzelewski.

Er kam als Russe in Moskau zur Welt und wurde in Warschau als Pole zu Grabe getragen. Sein Leben handelte davon, wie ein Spross der „roten Bourgeoisie“ und fanatischer Jungkommunist sich in eine Symbolfigur des linken Aufruhrs gegen den real existierenden Kommunismus verwandelte und den Namen „Solidarność“ erfand.

Undank ist der Welten Lohn

Karol Modzelewski hat einen weiten politischen Weg zurückgelegt. Sein radikales Linkssein in Polen hat ihm zumeist Enttäuschungen eingebracht. Er hatte sich einen anderen Wandel erhofft. Für den Kapitalismus hätte er nie im Leben achteinhalb Jahre in kommunistischen Gefängnissen zugebracht, beteuerte Modzelewski immer wieder öffentlich.

Zuteil geworden ist ihm, was Polens romantischer Dichterfürst Adam Mickiewicz geradezu prophetisch in seinen „Lausanner Dichtungen“ (1839-1840) vorhersah:

„Fratzen, die im Namen des Volkes brüllen,

                                                                            werden dem Volke langweilig,

und die Gesichter, die das Volk belustigen,

                                                                                  werden vergessen eiligst.

Arme, die fürs Volk ringen,

                                                                                wird das Volk abschlagen,

und den vom Volk geliebten Namen

                                                                           wird sich das Volk versagen.

Alles wird vergehen. Nach dem Getöse, dem Rausch, der Pein,

werden andere Menschen das Erbe antreten:

                                                                      schweigsam, beschränkt, klein.“

(Übersetzung RdP)

Sowjetische Kindheit

Karol Modzelewski erblickte als Kirill Budnewitsch in Moskau das Licht der Welt, und zwar im schrecklichen Jahr 1937, „in dem alles möglich war, sogar dass jemand nicht verhaftet wurde“, so der Schriftsteller Ilja Ehrenburg. Auf Geheiβ Stalins durchzog damals eine Woge von Massenverhaftungen und Massenmorden die Sowjetunion. Das Land, bereits einiges an Grausamkeiten gewöhnt, wurde nun in einem noch nicht dagewesenen Ausmaβ „von Schädlingen gesäubert“.

Kirill Budnewitsch mit Mutter Natalia 1939.

Kirill Budnewitsch war knapp drei Wochen alt, als der NKWD seinen russischen Vater Alexander, einen angehenden Ingenieur und Fähnrich der Roten Armee, in der Kommunalwohnung, in der die Familie untergebrach war, abholte. Vor der Revolution hatte die Wohnung einem reichen Moskauer Kaufmann gehört.

Alexander Budnewitsch.

Jetzt hausten in den fünf Zimmern fünf Familien. Den gröβten Raum, geteilt durch Vorhänge und Wandschirme, belegten die Budnewitschs: der kleine Kirill, seine Eltern, Groβvater und Groβmutter, Tante Lola, Onkel Nikolai und Katia, das Kindermädchen. Gut dreiβig Personen lebten in der Wohnung, benutzten eine Küche, das Bad, die Toilette. Alles war öffentlich in dieser Hölle auf Erden, die das Zuhause sein sollte. Onkel Nikolai, das erfuhr Modzelewski erst Jahre später, hatte seinen Vater denunziert, um mehr Platz im gemeinsamen Zimmer zu schaffen.

Alexander Budnewitsch hatte Glück, wurde „nur“ zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Zuerst musste er Bäume fällen. Genug zu essen gab es nur für die, welche die gigantische tägliche Arbeitsnorm bewältigten. „Schmarotzer“ und „Schwächlinge“ gingen an Unterernährung elend zugrunde. Primitivstes Werkzeug, zerlumpte Kleidung, Arbeitsunfälle zuhauf, Mitgefangenen-Terror, Erschieβungen für Vergehen, wie unerlaubtes Kartenspiel. Budnewitsch entkam dem sicheren Tod. Als angehender Ingenieur durfte er sich in einem Konstruktionsbüro des Straflagers nützlich machen.

Seine Frau Natalia, geb. Wilder (1912-1992), eine russische Jüdin, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin, fuhr zu ihm, wenn es eine Besuchserlaubnis gab, nach Baschkirien, gut fünfzehnhundert Kilometer von Moskau entfernt. Dass sie seit 1939 mit dem polnischen Kommunisten Zygmunt Modzelewski liiert war, sagte sie ihrem Ehemann nicht.

Modzelewski gehörte zu den etwa einhundert von knapp viertausend polnischen Kommunisten in der Sowjetunion, die Stalins Säuberungen überlebt hatten. Er war glimpflich davon gekommen, mit „nur“ zwei Jahren Untersuchungshaft, und wurde anschließend zu den treusten der treuen polnischen Stalinisten gerechnet. Leute wie ihn nahmen die Russen 1944/1945 in ihrem Tross mit nach Polen, damit sie dort unter deren Aufsicht ihrer polnischen Kolonie den Kommunismus aufzwingen konnten.

Zuvor jedoch kam es 1941 zu Hitlers Überfall auf die Sowjetunion. Vier Jahre verbrachte der kleine Kirill in einem Heim für Kinder ausländischer Kommunisten, etwa eintausend Kilometer östlich von Moskau. Die Erziehung war streng sowjetisch, die Mutter sah er sehr selten.

Aus Kirill wird Karol

Stiefvater Zygmunt Modzelewski als Politoffizier 1943.

Modzelewski war inzwischen Kirills Adoptivvater geworden. Die Ehe seiner Lebensgefährtin Natalia hatten die Behörden, ohne Wissen des inhaftierten („unbekannt verzogenen“) Ehemannes Alexander Budnewitsch, „annulliert“, die neue Ehe mit Modzelewski „registriert“. Eheschlieβungen und Scheidungen waren damals in der Sowjetunion eine schlichte Formalität.

Modzelewski war polnischer Funktionär in Moskau. Im Mai1943 beorderten ihn die Sowjets nach Seltzy, einem Dorf in der Nähe der Groβstadt Rjasan, knapp zweihundert Kilometer südöstlich von Moskau, an der Oka gelegen. Dort entstand die 1. Polnische Infanteriedivision, das Fundament einer künftigen polnischen kommunistischen Armee, die an der Seite der Sowjets in Polen einmarschieren sollte. Modzelewski wurde Hauptmann und Politoffizier.

Formierungslager der 1. Polnischen Infanteriedivivision in Seltzy 1943.

Als die Einheit im Herbst 1943 an die Front zog musste er nicht mit und erhielt im Januar 1945 die Ernennung zum Botschafter. In Moskau vertrat Modzelewski nun die von den Sowjets ins Leben gerufene provisorische polnische Marionettenregierung. Die Rote Armee stand zu der Zeit bereits kurz vor Warschau.

Kirill kam zurück nach Moskau. Die Familie Modzelewski wohnte im Botschaftsgebäude bis zum Sommer 1945. Der Krieg war seit Anfang Mai zu Ende. Zygmunt Modzelewski wurde nun nach Warschau geschickt, um den Posten des Auβenministers zu übernehmen. Aus dem russischen Jungen Kirill Budnewitsch wurde der Pole Karol Modzelewski.

Der Vater, die Lager und der Wodka

Seinen leiblichen Vater sollte er nur zwei Mal zu Gesicht bekommen. „Mutter nahm mich 1947 mit nach Moskau. Ich war knapp zehn. Wir sind in die Wohnung der Cousins meines Vaters gegangen, für mich zu völlig fremden Leuten. Sie zeigten mir einen Mann in verschossenem Armeemantel und sagten: »Das ist dein Vati. Jetzt musst Du entscheiden, ob du mit Vati in Russland oder mit Mutti in Warschau leben willst.« Ich bekam schreckliche Angst. An mehr kann ich mich nicht erinnern“, so Karol Modzelewski im Nachhinein.

Karol Modzelewski mit seiner Mutter in Moskau 1947.

Ein Wiedersehen gab es im Januar 1956, erneut in Moskau. „Er kam aus Baschkirien, wo er in einem petrochemischen Betrieb arbeitete. Er hat über seine Lagerzeit erzählt. Ich konnte nicht „Vater“ zu ihm sagen, obwohl er es sich sehr wünschte. Budnewitsch war ein fremder Mann für mich. Nur seine Lagerberichte haben mich interessiert. Er sagte, er habe eine neue Ehefrau in Baschkirien, eine Russin, und einen Sohn, also habe ich einen Bruder, Wladimir. Kurz darauf ist er gestorben. Mit 51 Jahren. Die Lager haben ihn umgebracht. Die Lager und der Wodka. Das war so in der Sowjetunion.“

Der gerechte Heiβsporn

Adoptivvater Zygmunt starb 1954. Bis 1951 war er Auβenminister, danach Rektor der Parteihochschule. In dem damals fürchterlich zerstörten Warschau, wo Menschen überwiegend in Kellern und Ruinen hausten, bewohnte die dreiköpfige Familie Modzelewski, abgeschirmt und bewacht, eine Neunzimmervilla in guter Lage.

Stiefvater und Auβenminister Zygmunt Modzelewski (l.) beim ersten Besuch Walter Ulbrichts in Warschau im Oktober 1948.

Dem „roten Prinzen“ Karol fehlte es an nichts und genau das war ihm peinlich. Der glühende Jungkommunist glaubte an die Idee, doch die stand in einem krassen Widerspruch zu seiner persönlichen Situation.

Jahrzehnte später beschrieb er ein bezeichnendes Ereignis aus seiner Jugendzeit. Man darf ihm glauben.

Es muss etwa 1951 gewesen sein, zur Zeit des tiefsten Stalinismus, als sich zwischen ihm und seinen Schulfreunden Tadeusz und Andrzej eine Grundsatzdiskussion ergab. Andrzej, Sohn einer damals namhaften Schriftstellerin, war in der Klasse Chef des kommunistischen Jugendverbandes ZMP, Tadeusz ein Arbeitersohn aus einfachen Verhältnissen.

Tadeusz schrieb ein Kampfgedicht gegen die sozialen Ungleichheiten im damaligen Polen. Sie saβen bei Karol zuhause. Andrzej, der ZMP-Klassenvorsitzende, machte Tadeusz klar, dass alle Produktionsmittel staatlich seien, dass es zwar noch soziale Unterschiede gäbe, aber keine Klassenunterschiede mehr. Schlieβlich habe die Partei alle Fabrik- und Groβgrundbesitzer verjagt.

Tadeusz darauf: „Aber Karol hat doch eine Villa“. Andrzej schwieg eine Weile, bis ihm die rettende Idee kam: „Schau mal, an diesem Schreibtisch ist ein kleines Metallschild befestigt: »Gehört zum Inventar des Auβenministeriums. Nummer sowieso«. Siehst du, nicht einmal dieser Schreibtisch gehört Karol“.

Stiefvater und Auβenminister Zygmunt Modzelewski spricht am 23. September 1948 von der UN-Generalversammlung im Pariser Palais de Chaillot über den Entwurf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die die Kommunisten nie eingehalten haben.

Tadeusz gab sich geschlagen, der „rote Prinz“ hingegen hegte weiterhin Bedenken. Im Januar 1953 darauf angesprochen, dass die gerade durchgeführte Aufhebung der Lebensmittelmarken gepaart war mit einer kräftigen Preiserhöhung, aber die Löhne die gleichen geblieben seien, sagte der Stiefvater: „Es geht darum, dass die Leute mehr arbeiten und weniger essen“.

„Er sprach wie der Klassenfeind“, so Karol Jahre später. „Ein ZK-Mitglied darf so nicht reden! Man hörte allerorten und ständig, der Klassenkampf verschärfe sich, Feinde nisten sich überall ein. Ist mein Stiefvater etwa auch ein Feind? Ich habe mir eingeredet, ich hätte mich verhört.“

Hoffnung kommt auf

Das Ende des Stalinismus, den „Polnischen Oktober“ 1956, erlebte Modzelewski als Student der Geschichte an der Warschauer Universität. Dramatisches ereignete sich in jenem denkwürdigen Oktober in Polen. Während das ZK tagte und den seit 1948 inhaftierten, dann ins politische Abseits gedrängten Nationalkommunisten Władysław Gomułka (1905-1982) zum Parteichef wählte, landete in Warschau unerwartet eine sowjetische Delegation mit Parteichef Nikita Chruschtschow an der Spitze.

Hoffnungsträger Władysław Gomułka bei der Kundgebung vor dem Warschauer Kulturpalast am 24. Oktober 1956. Polen lag ihm zu Füβen, vierzehn Jahre später jagten ihn Arbeiterproteste davon.

Gerüchte, sowjetische Truppen hätten ihre Stützpunkte in Westpolen verlassen und bewegten sich auf Warschau zu, erwiesen sich als wahr. Während in Budapest bereits der Aufstand gegen die Sowjets in vollem Gange war, schickten sich Teile der Armee und die Warschauer Arbeiterschaft an, die Stadt zu verteidigen. Im letzten Augenblick gelang es Gomułka Chruschtschow umzustimmen. Es sollte kein Blutvergieβen geben. Die russischen Panzer kehrten um, Chruschtschow flog nach Hause. Hunderttausende jubelten Gomułka bei einer Kundgebung vor dem Warschauer Kulturpalast zu.

Lechosław Goździk spricht zu den Arbeitern.

Modzelewski fuhr in jenen Tagen immer wieder nach Żerań (fonetisch Scheran). In diesem Warschauer Auβenbezirk, wo sich eine groβe Pkw-Fabrik befand, zog der charismatische, junge Arbeiterführer Lechosław Goździk (fonetisch Gosdsick, 1931-2008) Arbeiter und Intellektuelle gleichermaβen in seinen Bann.

Die wichtigste Losung und Hoffnung auf eine Demokratisierung des Systems in jener Zeit lautete „Arbeiterselbstverwaltung“. Wie in dem bis vor Kurzem noch verfemten, abtrünnigen Jugoslawien Titos sollten auch in Polen die Belegschaften den Direktor wählen, über Produktion, Löhne und Investitionen bestimmen.

Wahlen zum Arbeiterrat in einer Ziegeleifabrik in Zielonka bei Warschau im November 1956. Schon bald wird die Parteibürokratie die Arbeiterselbstverwaltung unterwandern und entmachten.

Es gab im „polnischen Oktober“ 1956 auch eine zweite politische Richtung: die Rückkehr zur traditionellen Demokratie, zur polnischen Tradition, zu mehr Unabhängigkeit von Moskau. Das wollten die Menschen auf der Straβe, aber das war nicht Modzelewskis Richtung. Die polnische Tradition lehnte er als klerikal und reaktionär ab. Er und seine Mitstreiter von der Uni, allen voran sein Freund Jacek Kuroń (1934-2004), fühlten sich als marxistische Revolutionäre.

Der antikommunistische Kommunist

Ihre Anschauungen bezogen sie aus Leo Trotzkis Gedanken von der „verratenen Revolution“. Aus Rosa Luxemburgs kritischen Schriften über die bolschewistische Revolution. Vom jugoslawischen Reformkommunisten Milovan Djilas (1911-1995), dessen tiefgehende Analyse des bürokratischen Kommunismus sowjetischer Prägung „Die neue Klasse“ 1957 wie eine Bombe einschlug. Auch in Polen, wohin die ersten Exemplare zuerst auf Englisch, Französisch und Deutsch, bald auch auf Polnisch auf illegalen Wegen gelangt waren.

Die erste polnische Ausgabe von Milovan Djilas „Die neue Klasse“ von 1958. In Paris herausgegeben, nach Polen geschmuggelt.

Diese Ideen erlaubten den Studenten Modzelewski, Kuroń, dem Ökonomen Włodzimierz Brus (1921-2007), dem Philosophen Bronisław Baczko (1924-2016) und anderen Regimekritikern von der Warschauer Universität gegen das System zu sein, ohne die marxistische Analyse und die politische Sprache, die marxistischen Symbole und Schlagworte preisgeben zu müssen. Sie hingen an ihnen und sie bekämpften das System mit seinen eigenen Waffen, stellten die „wahre Diktatur des Proletariats“, „die Arbeiterdemokratie“ der „Diktatur der Parteibürokratie“ entgegen. Sie wollten den Kommunismus nicht abschaffen, nur erneuern, „revidieren“.

Beide oppositionellen Richtungen: die „nationale“ und die „revisionistische“ liefen auf dasselbe hinaus: die Beseitigung des Allerheiligsten im Kommunismus: der „führenden Rolle der Partei“. Gomułka, ganz der Machtpolitiker, gestützt auf den Partei- und Polizeiapparat, setzte all diesen Träumereien und Hoffnungen bald ein Ende.

Noch beseelt von diesen Hoffnungen, trat Modzelewski im März 1957 der kommunistischen Partei bei. Als überzeugter Revolutionär dachte er nicht daran, den Glauben an die Erneuerung aufzugeben. Auch wenn sich ringsherum Resignation, Zynismus und die „kleine Stabilisierung“, wie sie in Polen genannt wurde, breitmachten. Kein Massenterror mehr, mehr Freiheit in der Kunst. Eine leichte Öffnung nach Westen: Film, Theater, Literatur, Jazz. Ein wenig mehr Konsum. Viele richteten sich in dem neuen, etwas gröβeren Käfig ein.

Der begabte Student Karol Modzelewski wurde 1962 Doktorand am Historischen Institut der Warschauer Universität. Sein Doktorvater, der angesehene Professor Aleksander Gieysztor (1916-1999), verhalf ihm zu einem damals sehr raren Privileg: einem Forschungsaufenthalt in Italien.

Karol Modzelewski 1962.

Modzelewski knüpfte dort Kontakte zu der groβen, vor Aktivitäten nur so schäumenden, trotzkistischen Bewegung und ihrem Guru Livio Maitan (1923-2004). Nach der Rückkehr hinter den etwas durchlässiger gewordenen eisernen Vorhang gab er an der Weichsel sein Wissen bereitwillig weiter, vor allem bei Vorträgen und Diskussionen im Politischen Klub der Warschauer Universität und im Klub des Schiefen Rades, so genannt nach des Krummen-Rades-Gasse in der Warschauer Altstadt, wo er entstanden war. Es handelte sich um letzte Foren der freien politischen Diskussion nach dem Oktober 1956. Beide wurden 1963 verboten.

Livio Maitan in den sechziger Jahren.

Adam Michnik (geb. 1946), damals Gymnasialschüler und schon sehr aktiv im Warschauer Revisionisten-Milieu, schrieb im Nachhinein: „Modzelewskis Auftritte waren hervorragend, mitreiβend. Er sprach klar, stets darum bemüht, verstanden zu werden. Er war glaubwürdig und authentisch. Seine Popularität wuchs und wuchs. Mit Nachdruck verurteilte er die Allmacht des Parteiapparates, erklärte das Konzept der Arbeiterräte, geiβelte soziale Ungleichheiten und Einschränkungen der Meinungsfreiheit“.

Brief an die Partei

Nach dem Verbot des Politischen Klubs an der Warschauer Universität protestierten Modzelewski und Kuroń in einer „Denkschrift“ dagegen. Sie enthielt zugleich eine Beschreibung der Zustände in Polen, aus der hervorging, dass eine Parteibürokratie das Land regiert und die Arbeiterklasse ausbeutet. Beide schloss man daraufhin im November 1964 aus der kommunistischen Partei aus. Modzelewski flog zudem von der Universität.

Karol Modzelewski (M.) und Jacek Kuroń (vorne r. im Bild) 1964.

Daraufhin reichten Modzelewski und Kuroń im Februar 1965 im Parteibüro und im Büro des kommunistischen Jugendverbandes der Universität ihren offenen „Brief an die Partei“ ein. Er solle, so ihre Forderung, allen Partei- und Jugendverbandsmitgliedern unterbreitet werden, damit sie sich selbst eine Meinung von den Autoren und ihren Auffassungen bilden können.

Warschauer Universität in den sechziger Jahren.

Der gut einhundert Seiten umfassende „Brief“, im schwer zugänglichen marxistischen Jargon verfasst, war ihr Protest gegen den Parteiausschluss. Zugleich stellte er eine niederschmetternde Diagnose der Parteiherrschaft und ihrer Folgen dar und beinhaltete ein ganzheitliches Konzept der Errichtung einer Arbeiterdemokratie in Polen.

Arbeiterräte wählen einen Zentralen Arbeiterrat anstelle eines Parlaments. Arbeiter genieβen Meinungsfreiheit, dürfen streiken und linke Parteien gründen, die miteinander konkurrieren. „Konservative, reaktionäre, klerikale Kräfte“ haben kein Recht, sich politisch zu betätigen. Dafür sorgt eine Arbeitermiliz. Die Armee wird durch eine Milizarmee ersetzt, bestehend aus bewaffneten Arbeitern. So nahm auf dem Papier nach und nach die Utopie Gestalt an.

„Der zunehmend dumpfe Gomułka-Sozialismus war schlimm, aber er war Gold wert im Vergleich zu dem, was uns widerfahren wäre, wären diese Leute an die Macht gekommen: etwas Vergleichbares wie die chinesische Kulturrevolution mit ihren wütenden Roten Garden“, so die Bewertung des konservativen Publizisten, Wissenschaftlers und Politikers Prof. Jacek Bartyzel (geb. 1956) in einem 2018 verfassten Essay.

Bereits vorher, 1995, zeigte sich Modzelewski vom Trotzkismus längst geheilt. „Ich mag diesen Text überhaupt nicht mehr. Er war abgehoben, weltfremd und ist für mich heute ganz und gar unannehmbar. Ich kann ihn nicht lesen. Das ist sehr traurig, aber es ist nun mal ein Teil meiner Biografie.“

Im Frühjahr 1965 jedoch schlug der „Brief an die Partei“ wie ein Bombe ein, auch wenn er nur in siebzehn Kopien existierte: abgetippt mit Kohlepapierdurchschlägen und einige von Hand abgeschrieben. Die meisten von ihnen konnte die Staatssicherheit abfangen. Kopiergeräte, Faxe, Internet, Handys, Satelliten TV, Kabelfernsehen, PC gab es damals noch nicht. Erst im Januar 1966 gelang es, den Text auf einem Mikrofilm in den Westen zu schmuggeln.

Karol Modzelewski. Polizeifotos nach der ersten Verhaftung im März 1965.

Die Behörden entfesselten eine heftige Propagandakampagne. Aus dem Kontext herausgerissene Fragmente wurden zitiert und feindselig kommentiert. Doch für die Menschen auf der Straβe waren Kuroń und Modzelewski unerschrockene junge Helden, die dem System die Stirn geboten hatten. Was sie im Einzelnen verbreiteten, war egal. Hauptsache, sie hatten es denen da oben gezeigt.

Die Partei nahm die Gelegenheit wahr, um ein Exempel zu statuieren. Alle „revisionistischen Aufwiegler“ sollten in die Schranken gewiesen werden. Beide Autoren wurden Mitte März 1965 verhaftet. Mitte Juli 1965 hat ein Gericht in Warschau, unter Ausschluss er Öffentlichkeit, Kuroń und Modzelewski wegen „Anfertigung und Verbreitung von Abhandlungen, die für den polnischen Staat schädlich“ seien, zu drei beziehungsweise zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Sie saβen ihre Urteile zusammen mit Kriminellen ab, wurden von Gefängnis zu Gefängnis verlegt, arbeiteten in Anstaltswäschereien und Schlossereien, lernten manchmal sehr schmerzhaft die Kehrseite der Gesellschaft kennen. Gebrochen hat sie das nicht. Ein Jahr der Strafen hat man ihnen erlassen. Zu heftig waren die internationalen Proteste. Kuroń kam im Frühjahr, Modzelewski im Herbst 1967 frei.

Ein zweites Mal ins Gefängnis

Die politische Landschaft, die sie nun vorfanden war gekennzeichnet von heftigen politischen Debatten an der Warschauer Universität. Studenten und Dozenten, auch viele Professoren, gaben nicht klein bei. Die Partei ebenso wenig.

Die Philosophen Leszek Kołakowski (1927-2009) und Krzysztof Pomian (geb. 1934) wurden aus der Partei entfernt, weil sie eine Gedenkveranstaltung zum 10. Jahrestag des polnischen Oktober 1956 an der Uni organisierten. Das rief Proteste hervor. Eine heftige Diskussion entfachte das 1965 erschienene Buch „Marxismus und das menschliche Individuum“ des Philosophen Adam Schaff (1913-2006).

Philosoph Adam Schaff.

Schaff ging es um den Menschen und dessen Streben nach Glück. Gewährt die sozialistische Gesellschaft dem Einzelnen wirklich bessere Chancen, ein weniger eingeschränktes, ein erfüllteres und würdigeres Leben zu führen? Hat der Marxismus, den man mit Theorien über Massen und Klassen, Kollektiv und Gewalt verbindet, das Glück des Einzelnen nicht vernachlässigt oder vergessen? Wie steht es mit der Freiheit des Einzelnen und wie mit der Freiheit von Religion, Wissenschaft und Kunst in einer Gesellschaft, die sich im Übergang vom Kapitalismus zu dem, was ihr als Sozialismus vorschwebt, diktatorischer Maßnahmen bedient? Dies waren in jener Zeit sehr heikle Fragen.

Studentenunruhen in Warschau im März 1968.

Anfang März 1968, nach weiteren Maβregelungen, Strafmaβnahmen und Repressalien der Behörden, entlud sich der schwelende Konflikt in tagelangen Unruhen und Studentendemonstrationen, vor allem in Warschau, aber auch in Kraków und Gdańsk. Eingefordert wurden vor allem die Meinungsfreiheit und eine freie Entfaltung der Kultur.

Die sogenannten „März-Ereignisse“ erfassten die Partei, groβe Teile des Kulturlebens, den Hochschulbereich. Der Protest wurde brutal niedergeknüppelt. Eine spürbare Verschärfung der Hochschul- und Kulturpolitik, der Zensur waren die Folgen. Das Land versank in Apathie. Eine, wie auch immer geartete, Erweiterung der Freiheit schien unmöglich.

Modzelewski, eine der Leitfiguren des Protestes, bekam dreieinhalb Jahre Gefängnis, die er bis auf den letzten Tag absitzen musste. Als er im Herbst 1971 freikam, war Polen schon ein ganz anderes Land.

Weg von der Politik, hin zum Mittelalter

Viele seiner Freunde waren gezwungen, ins Ausland zu gehen. Der Prager Frühling wurde im Sommer 1968 durch den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen gewaltsam beendet. Der Arbeiteraufstand vom Dezember 1970 fegte Parteichef Władysław Gomułka von der politischen Bühne. Sein Nachfolger, Edward Gierek, hatte es verstanden, neue Hoffnungen auf mehr Mitbestimmung und Wohlstand zu wecken.

Die intellektuelle Opposition war zerschlagen, leckte ihre Wunden. Die aus den Gefängnissen entlassenen Anführer der März-Rebellion von 1968 gingen arbeiten, nahmen das Studium wieder auf, agierten sehr vorsichtig.

„Nach zwei Gefängnisaufenthalten hatte ich einen solchen Hunger nach wissenschaftlicher Arbeit, dass mich Treffen im alten Kreis der Kollegen, die sich notgedrungen in Begegnungen nach dem Motto »wisst Ihr noch, als wir…« verwandelten, überhaupt nicht interessierten“, schrieb Modzelewski in seinen Erinnerungen.

Adam Michnik sah das ähnlich: „Karol ist damals zu seinen »März-Freunden« auf Distanz gegangen. Ich habe seine Einschätzungen nicht geteilt, dass Giereks Politik Aussicht auf Erfolg habe und dass die März-Unruhen von 1968 für die polnische Kultur und Wissenschaft zu hohe Schäden nach sich gezogen hätten. Ich war überzeugt, vielleicht zu Unrecht, dass Karol schlicht und einfach genug hatte von einem Leben, in dem man ständig mit einer Festnahme, Hausdurchsuchung und einem neuen Prozess rechnen musste“.

Modzelewski verschwand nach Wrocław, ans Institut für die Geschichte der Materiellen Kultur der Polnischen Akademie der Wissenschaften. 1974 erlangte er den Doktortitel, habilitierte vier Jahre später und begann sich einen Namen als Kenner des frühen Mittelalters zu machen. In seinem wichtigsten Werk „Das barbarische Europa. Zur sozialen Ordnung von Germanen und Slawen im frühen Mittelalter“ (deutsche Ausgabe 2011) konnte er nachweisen, dass der Beitrag der „barbarischen Völker“, der Germanen und der Slawen, zu dem, was in Europa in der Zeit der Völkerwanderung und des frühen Mittelalters entstand, deutlich gröβer war, als es die Wissenschaft bis dahin angenommen hatte.

Dieser Beitrag, so Modzelewskis These, wurde zugunsten des griechisch-römischen und des christlichen Erbes unterschätzt oder sogar übersehen. Der Professorentitel wurde ihm 1990 verliehen.

Stratege der Solidarność

Während Modzelewski in Wocław das Frühmittelalter erforschte, gärte und rumorte es im Lande zunehmend. Giereks Wirtschaftspolitik endete in der Zahlungsunfähigkeit Polens. Intellektuelle protestierten immer lauter gegen Bevormundung und Zensur. In Radom brach im Juli 1976 eine Arbeiterrevolte gegen die drastische Lebensmittelpreiserhöhung aus. Im Sommer 1980 erfasste schlieβlich eine gewaltige Streikwelle das Land. Gierek wurde gestürzt. Solidarność entstand und Modzelewski war wieder dabei. Gegen die eigene Natur kam er nicht an.

Karol Modzelewski als Pressesprecher der Solidarność Ende 1980.

In dem Abkommen, das Arbeiterführer Lech Wałęsa am 31. August 1980 in der Werft von Gdańsk mit Vertretern der Regierung unterschrieb, war die Gründung freier Gewerkschaften verbrieft. Modzelewski war klar, dass die Gewerkschaft, wenn sie den Kommunisten Paroli bieten will, sie stark sein muss.

Darum musste es eine allpolnische Gewerkschaft sein, mit einer Zentrale und einer Leitung, und nicht eine lose Föderation unzähliger Regionalgewerkschaften. Nur so könne man vermeiden, dass die neue Gewerkschaftsbewegung von innen manipuliert und entzweit würde. Nur ein solidarisches Zueinanderhalten verleihe der Gewerkschaft die nötige Kraft. Darum sollte sie Solidarność heiβen, so Modzelewskis Forderungen.

Dafür kämpfte er im September 1980 in Gdańsk wie ein Löwe, gegen den Widerstand vieler Aktivisten des gerade siegreich beendeten Streiks und ihrer Berater, denen angesichts der alles lähmenden kommunistischen Machtkonzentration jeder Zentralismus zuwider war. Er setzte sich durch. Der Beschluss, den er entworfen hatte, wurde am 17. September 1980 angenommen.
Modzelewski wurde Mitglied des Leitungsgremiums, des sogenannten Landesausschusses der Solidarność und dessen Pressesprecher. Tatsächlich zählte er zu den wichtigsten Vordenkern und Strategen der Bewegung.

In der riesigen Volksbewegung, in die sich die Solidarność mit ihren etwa zehn Millionen Mitgliedern verwandelte, tobten heftige Richtungskämpfe. Was soll Solidarność fordern und wie weit soll sie gehen? Die Diskussion darüber gestaltete sich schwierig.

Da war, zum einen, die ausgeprägte Basisdemokratie. Da waren, zum anderen, die Intrigen der regierenden Kommunisten, die durch ständiges Sabotieren getroffener Vereinbarungen Streiks und Streikdrohungen heraufbeschworen, um die Gewerkschaft und die Bevölkerung zu zermürben. Die Versorgungskrise und das stundenlange Anstehen vor den leeren Läden taten das Übrige. Zudem drohten unentwegt die Sowjets. Gut getarnte Spitzel und Provokateure der Staatssicherheit schürten Konflikte und extreme Tendenzen in der Gewerkschaft. Doch auch ohne sie gab es genügend Macht- und Geltungssucht, die sich in den Gewerkschafts- und intellektuellen Beratergremien breitmachte. Zudem wollten „Radikale“ auf die Barrikaden gehen, „Realisten“ versuchten immer wieder aufs Neue die kochenden Gemüter im Lande zu beruhigen.

Im streng zentralisierten und schwerfälligen kommunistischen Staatsgebilde war die freie Gewerkschaft Solidarność ein Fremdkörper. Sie konnte und wollte sich nicht in diesen Mechanismus einfügen, denn das wäre ihr Ende gewesen. Wo war die Lösung?

Die Errichtung einer parlamentarischen Demokratie, die Beseitigung des Kommunismus kamen damals, 1980/ 1981, in Zeiten Breschnews und Honeckers, nicht in Frage. Die Parteiherrschaft musste bestehen bleiben. Das Machtfundament für eine dauerhafte, institutionelle Anwesenheit der Solidarność sah Modzelewski unter solchen Umständen in der Arbeiter- und in der kommunalen Selbstverwaltung. Auf Staatsebene regiert die Partei, unten, in den Betrieben und Kommunen, entfaltet sich die Volksdemokratie.

Es war auf jeden Fall ein originelles und aufbauendes Konzept. Es setzte jedoch die Kompromissbereitschaft der Kommunisten voraus. Ob sie zu jener Zeit dazu gewillt und fähig waren, ist sehr zu bezweifeln. Deren Ideen für den „Dialog“ mit Solidarność lieβen sich damals auf drei Schlagworte zurückführen: abwarten, zermürben, zerschlagen.

Anfang April 1981 legte Modzelewski seine Pressesprecher-Funktion im Landesausschuss der Solidarność nieder. Kurz vorher hatte ein informeller Zirkel aus „eingeweihten“ Funktionären und Beratern um Lech Wałęsa entschieden, dass ein geplanter Generalstreik abgesagt würde. Modzelewski hielt die Entscheidung für richtig. Die Art jedoch, wie sie getroffen wurde, unter Umgehung des in den Statuten vorgesehenen Weges, war für ihn unannehmbar.

„Lech Wałęsa ist das Symbol, die Galionsfigur der Bewegung, der König. So ist es nun mal, so hat es sich ergeben. Den König umgibt ein Hofstaat, und es gibt noch ein Parlament, den Landesausschuss. Da der König zum Absolutismus neigt, regiert der Hofstaat und nicht das Parlament. Das ist eine Absage an demokratische Regeln“, begründete Modzelewski seinen Rücktritt.

Karol Modzelewski im Gefängnis 1983.

Er blieb einfaches Mitglied des Landesausschusses, der am 12. Dezember 1981 im Grand-Hotel in Sopot tagte. Die Bereitschaftspolizei ZOMO umstellte in der Nacht zum 13. Dezember 1981 das Gebäude. General Jaruzelski rief das von langer Hand insgeheim vorbereitete Kriegsrecht aus. Die sechzehn Monate des Engagements vom September 1980 bis Dezember 1981, dieses Mal für die Solidarność, kosteten Modzelewski weitere zweieinhalb Jahre Gefängnis.

Zuerst wurden die Solidarność-Führung und ihr Beratergremium interniert. Im November 1982 erlieβ die kommunistische Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen Modzelewski, Kuroń, Michnik und zwölf weitere hochrangige Solidarność-Leute. Ihnen sollte ein Prozess wegen Hochverrats gemacht werden. Aufgrund heftiger internationaler Proteste lieβen Jaruzelskis Leute diese Idee kleinlaut fallen. Im Juli 1984 kamen die Eingesperrten frei.

Abkehr vom Kommunismus, aber wie?

Der Kommunismus in Polen war zu dem Zeitpunkt schon sehr mürbe, seine Jahre waren gezählt. Als Gorbatschow preisgab, die Sowjets können und werden ihren Vasallen in Osteuropa nicht beistehen, kam das Ende. In Polen vollzog sich die Abkehr vom Kommunismus friedlich. Am Runden Tisch, der von Februar bis April 1989 tagte. An den Wahlurnen am 4. Juni 1989, als sich die halbfreien Wahlen in ein antikommunistisches Plebiszit verwandelten. Im Parlament, wo Anfang September 1989 der erste nichtkommunistische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki vereidigt wurde.

Das Land war in einer derart desolaten wirtschaftlichen Lage, dass die neue Regierung den einzigen Ausweg darin sah, die Notbremse zu ziehen. Schmerzhaft, aber kurz sollte der Eingriff sein, den man den Balcerowicz-Plan nannte.

Die Erfolge stellten sich bald ein: die gigantische Inflation wurde gebändigt, der Zloty wurde zu einer konvertierbaren Währung, die Läden quollen über vor Waren, das BIP stieg langsam wieder an. Gleichzeitig explodierte jedoch die Arbeitslosigkeit. Armut, Kriminalität und Korruption griffen heftig um sich. Groβe Teile der Industrie lagen still, ausgeliefert einer diebischen Privatisierung.

Heute sind das längst vergangene Zeiten. Der Balcerowicz-Plan hat am Ende, zum groβen Teil, seine Richtigkeit unter Beweis gestellt. Polen entging so z.B. dem Schicksal der Ukraine, wo die Reformen so lange hinausgezögert und verwässert wurden, bis das Land dauerhaft in einer schweren Krise versank.

Modzelewski sah am Anfang nur die Kehrseite des Balcerowicz-Plans und war verbittert. „Ich entledige mich meiner Solidarność-Biografie nicht. Wenn ich jedoch das Finale betrachte, das bekanntlich ein Werk krönt, glaube ich Grund zu haben, mich zu schämen“, schrieb er 1993 in seinem viel beachteten Essay „Wohin vom Kommunismus aus?” (deutsche Ausgabe 1996).

Karol Modzelewski und Jacek Kuroń nach der Auszeichnung mit dem Orden des Weißen Adlers durch den Postkommunistischen Staatspräsidenten Aleksander Kwaśniewski (r.) im März 1998.

Gut zehn Jahre später, 2008, brachte er jedoch den Mut auf, sich öffentlich zu korrigieren: „Theoretisch hätte man die Umstellung schonender durchführen können, aber 1989 stürzte das Gebäude der kommunistischen Diktatur ganz und gar ein. Damit das nicht auch dauerhaft mit der Wirtschaft passierte, war schnelles Handeln angesagt. Die sozialen Kosten waren enorm, aber wir haben das Jammertal schnell durchquert, sind nicht auf Dauer dort steckengeblieben.“

Eine unappetitliche Verbrüderung

So sprach ein prominenter, inzwischen gut situierter Auβenseiter, der sich wieder, vor allem, der Erforschung des Mittelalters und der Lehre an der Warschauer Universität widmete, sich mit wachsendem Alter gern auszeichnen und würdigen lieβ und der immer wieder öffentlich Stellung zur aktuellen Politik bezog.

Die polnische Tradition blieb für ihn bis zum Ende klerikal, reaktionär, bedrohlich. Die Gegner von einst, die Kommunisten, scheinen ihm letztendlich allemal vertrauter und geistig näher gewesen zu sein.

Prof. Karol Modzelewski nimmt 2006 eine hohe Geldprämie und ein Diplom in staatlicher Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen vom damaligen Ministerpräsidenten Jarosław Kaczyński entgegen.

Jedenfalls war jeder Versuch, Stasi-Zuträger und ihre Untaten offenzulegen, in seinen Augen ein Attentat auf den politischen Anstand, die Menschenrechte und die Toleranz. Die Herabsetzung der hohen Renten der Stasibeamten (gut 25 Jahre nach dem Ende des Kommunismus) auf das polnische Normalmaβ, auf dem sich seit eh und je die Renten ihrer Opfer befanden, empfand er als schreiendes Unrecht. Genauso bewertete er die Idee, ehemalige Parteifunktionäre im demokratischen Polen politisch zu isolieren, keine gemeinsame Sache mit ihnen zu machen. So etwas konnten nur „polnische Antikommunisten mit bolschewistischen Fratzen“ fordern.

Modzelewski und seine Weggefährten, wie Adam Michnik, wie der 2004 verstorbene Jacek Kuroń und Dutzende anderer einstiger Revisionisten haben sich in dem Kompromiss, den sie mit den Kommunisten am Runden Tisch 1989 eingegangen sind, gut eingerichtet. Sie haben sich mit ihnen verbündet und ihnen vergeben, auch wenn die Stasi-Leute und Parteifunktionäre nicht im Geringsten Reue oder Einsicht in ihre Schuld an den Tag legten, noch Besserung gelobten. War ihr Aufbegehren gegen die Kommunisten letztendlich nur ein Streit in der Familie? Sie haben sie integriert, man macht seitdem gemeinsam Geschäfte und Politik.

Karol Modzelewski spricht bei einer Demonstration gegen die nationalkonservative Regierung im Frühjahr 2016.

Damit haben sie einen tiefen Graben quer durch die polnische Politik gezogen. Von ihrer Warte aus gesehen sind diejenigen, die solche Kompromisse ablehnen, schlicht Populisten und Feinde der Demokratie.

Karol Modzelewski war ein mutiger Mann, der für seine Überzeugungen knapp ein Zehntel seines Lebens hinter Gittern verbracht hat. Er war ein intelligenter und letztendlich auch ein einsichtiger Politiker.

Meistens jedoch brauchte er viel Zeit, um zu erkennen, dass er falsch lag: als junger stalinistischer Eiferer, als Trotzkist, als er Edward Gierek einen Vertrauenskredit gewährte, als er den Balcerowicz-Plan rundum ablehnte. Die Zeit, zu der Einsicht zu gelangen, dass sich die bedingungslose Aussöhnung mit kommunistischen Tätern, Einpeitschern und Profiteuren einfach nicht gehört, war ihm nicht mehr gegeben.

Karol Modzelewski wurde am 8. Mai 2019 auf dem Warschauer Friedhof Powązki (fonetisch Powonski), unweit der Grabstätte seines Freundes und Weggefährten Jacek Kuroń, atheistisch beigesetzt.

© RdP




Fels in der Brandung

Am 7. Februar 2019 starb Jan Olszewski.

Er strahlte Würde aus, war höflich, gutmütig, behäbig und altmodisch. Seine Anzüge und Brillengestelle hinkten der aktuellen Mode mindestens fünfzehn Jahre hinterher. Doch wer sich von alldem täuschen lieβ und ihn nicht für voll nahm, der wurde schnell eines Besseren belehrt.

Seine wohlformulierten, zielgenauen Spitzen waren berühmt, seine Plädoyers lieβen so manchen kommunistischen Richter zusammenzucken. Dem Anwalt, Journalisten und Politiker Jan Olszewski gelang Beachtliches. Gradlinig und mit reiner Weste ging er beinahe ein halbes Jahrhundert lang seinen Weg im kommunistischen Polen.

Keine öffentlichen Äußerungen, die man ihm vorhalten könnte, wie dem ersten (1989-1990) nichtkommunistischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki, der in der Stalinzeit der frühen Fünfzigerjahre in Presseartikeln die brutalen, kommunistischen Kirchenverfolgungen rechtfertigte. Keine Kungeleien mit der Staatssicherheit, auf die sich etwa der katholische Politiker und spätere Parlamentspräsident (1991-1993) Wiesław Chrzanowski einlieβ. Keine gutbezahlte Spitzeltätigkeit, wie die des späteren Arbeiterführers Lech Wałęsa (IM Bolek) zwischen 1970 und 1976.

Nichts dergleichen lässt sich den knapp drei Metern Akten entnehmen, die die polnische Stasi über Olszewski angehäuft hat. Stattdessen ein durchdachter, beharrlicher, Jahrzehnte dauernder Einsatz für ein unabhängiges Polen und die Menschen, die es, wie er, anstrebten.

Jung gewohnt, alt getan

Jan Olszewski kam 1930 in einer Gegend Warschaus auf die Welt, wo es nicht leicht war sich gute Manieren und intellektuellen Schliff anzueignen. Der Stadtteil Bródno (fonetisch Brudno) auf dem östlichen Weichselufer, eine kopfsteingepflasterte Arbeitersiedlung mit Holzhäusern, ohne Kanalisation, dafür übersät mit vielen Sandkuhlen und Lehmgruben, lag damals an der Peripherie der Groβstadt.

Bródno in Olszewskis Kindheit.

Der Vater, in zweiter Generation Eisenbahner und Sozialist, nahm den kleinen Janek mit zu Versammlungen, Arbeiterfesten, Fortbildungen. Was dort verkündet und vorgelebt wurde, dafür stand der groβe Jan sein Leben lang ein: soziale Gerechtigkeit, parlamentarische Demokratie, polnischer Patriotismus und polnische Unabhängigkeit, ein schlicht praktizierter katholischer Glaube und die klare Ablehnung des Kommunismus.

Olszewski war neun als der Krieg im September 1939 begann. Groβ genug um die Schrecken der drei Wochen lang (8. – 28.09.) dauernden deutschen Belagerung Warschaus bewusst wahrzunehmen. Die Hauptstadt lag unter schwerem Dauerbeschuss. „Ich hatte schreckliche Angst vor den Toten, die überall herumlagen“, so seine Erinnerung.

Tote Zivilisten nach einem deutschen Luftangriff auf das belagerte Warschau 1939.

Im vierten Besatzungsjahr, 1942, gelangte der Zwölfjährige durch vertrauliche Verbindungen in die Grauen Reihen (Szare Szeregi). So nannte sich der Polnische Pfadfinderverband im Untergrund. Konspirativ, ohne Uniformen, verknüpfte er die normale Ausbildung mit der sogenannten kleinen Sabotage. Parolenmalen auf Mauern und Zäunen („Deutschland kaputt!“). Nägelstreuen auf Fahrbahnen (Polen durften in der Besatzungszeit ohnehin keine Autos besitzen). Heimlich Flugblätter verteilen usw.

„Kleine Sabotage“ in Warschau unter deutscher Besatzung.

Olszewski war vierzehn, als am 1. August 1944 der Warschauer Aufstand ausbrach. Der Kampf auf dem westlichen Warschauer Ufer der Weichsel dauerte 63 Tage.

Auf dem östlichen Ufer, Praga genannt, wo sich auch Bródno befindet, war er nach drei Tagen zu Ende. In Anbetracht der riesigen deutschen Übermacht zerstreuten sich die Aufständischen und tauchten unter. Sechs Wochen lang, so beschreibt es Olszewski, dauerte anschlieβend der deutsche Terror.

Praga war Frontgebiet. Über den Fluss waren die schweren Kämpfe auf dem westlichen Ufer zu sehen und zu hören. Dorthin zogen sich am 13. September 1944 deutsche Truppen zurück und sprengten hinter sich alle vier Weichselbrücken.

Den Sowjets ausgeliefert

Kurz darauf zogen die Sowjets in Praga ein. Olszewski war Zeuge von Verhaftungswellen und brutalen Übergriffen. Die sowjetische Geheimpolizei NKWD stürmte in Bródno das Haus des Bruders seines Vaters, Remigiusz Olszewski. Den gut achtzigjährigen Groβvater Olszewskis prügelten sie dabei aus dem Haus. Er erfror in der kalten Herbstnacht. Remigiusz starb in einem Viehwaggon auf dem Weg nach Sibirien.

Der braune Terror war dem roten gewichen, während auf dem westlichen Ufer die Aufständischen bis zur Kapitulation am 3. Oktober 1944 weiterkämpften und vergebens auf wirksame sowjetische Unterstützung hofften.

Erst am 17. Januar 1945 setzten die Sowjets an das andere Ufer über und „befreiten“ das menschenleere Ruinenmeer. Gut drei Monate lang hatten sie vorher von der östlichen Flussseite aus tatenlos zugesehen, wie die Deutschen nach dem Ende des Aufstands zuerst alle etwa zweihunderttausend verbliebenen Einwohner vertrieben und danach den ausgestorbenen Westteil der Stadt planmäβig dem Erdboden gleichmachten.

Deutsches Brandkommando. Systematische Zerstörung Warschaus Oktober 1944 bis Mitte Januar 1945.

Mit fünfzehn Jahren erlebte Olszewski eine Gesellschaft, deren Zustand nach 1945 der Historiker und Literaturkritiker Jan Józef Lipski so beschrieb: „Der Schock nach dem Ende des Krieges war für Polen schrecklich. Polen, das erste Land, das sich Hitler entgegengestellt hatte. Die Polen, ein Volk, das an vielen Fronten des Krieges gekämpft hat. Polen, ein Land, das einen mächtigen Staat und eine Armee im Untergrund aufbaute. Es wurde von den eigenen Verbündeten, Groβbritannien und den USA, an den sowjetischen Angreifer ausgeliefert. Es war ein schreckliches Erlebnis und eine Demütigung, mit einer Schlinge um den Hals an den Sattel des Siegers geknüpft, in sein eurasisches Imperium gezerrt zu werden.“

Das letzte Aufbäumen

Drei Jahre lang dauerte es, bis die polnischen Kommunisten und ihre sowjetischen Auftraggeber es schafften 1948 das Land mit brutaler Gewalt nach stalinistischem Vorbild gleichzuschalten. Die Polen setzten in jener Zeit all ihre Hoffnung die Sowjetisierung abzuwenden, auf die einzige legale Oppositionskraft, die Bauernpartei PSL. Briten und Amerikaner hatten bei den Sowjets durchgesetzt, dass PSL-Chef Stanislaw Mikołajczyk aus dem Londoner Exil nach Warschau zurückkehren und in die von Kommunisten beherrschte Regierung als stellvertretender Ministerpräsident eintreten durfte. Es sollte freie Wahlen geben.

Stanisław Mikołajczyks (i. d. Mitte mit Blumenstrauß) Rückkehr im Juni 1945 versetzte Polen in einen Freudentaumel.

Mikołajczyks Rückkehr im Juni 1945 versetzte Polen in einen Freudentaumel. Sein Auto wurde auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt angehalten und von der Menge getragen. Olszewski, der einstige konspirative Pfadfinder der Grauen Reihen, pinselte nachts wieder Parolen an Häuserwände, verteilte Flugblätter, diesmal gegen die Kommunisten. Er bewachte mit anderen Freiwilligen die Warschauer Redaktion und Druckerei der „Gazeta Ludowa“ („Volkszeitung“), der einzigen unabhängigen Zeitung im damaligen Polen, um sie vor kommunistischen Übergriffen zu schützen. Im November 1947 wurde sie verboten

Ohnmächtig sahen die Briten und Amerikaner aus der Ferne zu, wie die Sowjets und ihre polnischen Handlanger die PSL erbarmungslos nach und nach ausschalteten. Bei den für den 19. Januar 1947 angesetzten, massiv gefälschten Parlamentswahlen bekam die PSL angeblich nur 10,3 Prozent der Stimmen. In Wirklichkeit, das kam erst nach 1989 heraus, waren es knapp 70 Prozent. Bald darauf wurde die PSL verboten. Mikołajczyk flüchtete im letzten Augenblick mit Hilfe der Warschauer US-Botschaft in den Westen.

Schauprozesse und Stalinhuldigungen. Stalinismus in Polen.

Die finstere Nacht des Kommunismus, der Schauprozesse, der Stalinhuldigungen, der unentwegten, allgegenwärtigen ideologischen Abrichtung breitete sich auch über Polen aus.

Nischendasein eines Einzelgängers

Dennoch gelang es Jan Olszewski, fintenreich und von viel Glück begleitet, zuerst das Abitur zu machen und dann, zwischen 1949 und 1953, das Jurastudium an der Warschauer Universität zu absolvieren. Ohne dem kommunistischen Jugendverband, geschweige denn der Partei beizutreten, ohne sich für die Propaganda und ihre Massenveranstaltungen vereinnahmen zu lassen. Es war ein ärmliches Nischendasein eines Einzelgängers, ohne Stipendium, stets vom Rauswurf bedroht, den er einige Male gerade so, durch seine sehr guten Leistungen, abwehren konnte.

Für Hochschulabgänger galt im kommunistischen Polen die sogenannte Arbeitsplatz-Pflichtzuweisung (nakaz pracy). Für drei Jahre gab man von Amtswegen vor, wo die Absolventen arbeiten sollten. Wiederum meinte es das Glück gut mit Olszewski. Anstatt in die tiefe Provinz, wurde er in ein, fernab jeder Wichtigkeit vor sich hin dämmerndes, Dezernat des Justizministeriums gesteckt.

Als Olszewski im Herbst 1953 seinen Juraabschluss machte, war Stalin seit gut einem halben Jahr tot. Nach einem Jahr der Verschärfung der Repressalien (u.a. wurde im September 1953 der Primas von Polen Kardinal Wyszyński verhaftet) machte sich sehr langsam aus Richtung Moskau ein politisches Tauwetter breit, wo Nikita Chruschtschow den verdeckten Machtkampf um die Stalinnachfolge gewonnen hatte. 1955, gegen Ende der Pflichtjahre Olszewskis im Justizministerium, war das Eis fast schon gebrochen. Nach dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 und Chruschtschows schnell publik gewordener Geheimrede, in der er mit den Verbrechen des Stalinismus abgerechnet hatte, gab es dann kein Halten mehr.

Und wieder stirbt die Hoffnung

Diesmal hieβ Polens Hoffnungsträger und Reformkommunist Władysław Gomułka. Ende der Vierzigerjahre aller Ämter enthoben, verhaftet und nur knapp einem Schauprozess entkommen, sollte er nun einen „polengerechten“ Sozialismus schaffen: ohne Kollektivierung der Landwirtschaft, nationalpatriotisch, mit einer ausgeprägten Arbeiterselbstverwaltung, statt wirtschaftlicher Zentralplanung, mit Kunst- und Medienfreiheit.

Hoffnungsträger Władysław Gomułka im Oktober 1956. Polen lag ihm zu Füβen.

Letztere praktizierte, sehr ausgiebig, die Wochenzeitschrift „Po Prostu“ („Ohne Umschweife“), früher das hölzerne Organ des kommunistischen Jugendverbandes, jetzt die wichtigste Tribüne der Reformer. Olszewski ging im Herbst 1955 hin und fand seinen Platz in der Redaktion, in der es zuging wie in einer Zentrale der Revolution.

„Po Prostu“-Redaktion.

„Po Prostu“. Titelseite.

Der berühmteste Artikel Olszewskis, gemeinsam geschrieben mit weiteren zwei Kollegen, trug den Titel „Den Leuten von der Heimatarmee entgegenkommen“ („Na spotkanie ludziom z AK“) und erschien im März 1956. Zehntausende Untergrundkämpfer der Heimatarmee (Armia Krajowa – AK), die während des 2. Weltkrieges der legalen polnischen Regierung im Londoner Exil unterstanden, hatten für ein freies und demokratisches Polen gekämpft. Nach dem Krieg wurden sie von den Kommunisten verfolgt, eingesperrt, hingerichtet, schikaniert, der Existenzgrundlage beraubt, dazu auf Schritt und Tritt als „Verräter an der Sache des Volkes“, „Dreckige Gnome der Reaktion“ verunglimpft. Das, so die Autoren, war ein schreiendes Unrecht.

Kommunistisches Plakat von 1945. „Der Riese und (unten) der dreckige Gnom der Reaktion“ .

„Po Prostu“, mit 150.000 Exemplaren verkaufter Auflage viel gelesen und beachtet, entwickelte sich zunehmend zu einem wichtigen politischen Machtfaktor im Kampf um Reformen. Gomułka, der im Oktober 1956, getragen von einer Woge der Begeisterung, an die Spitze der Partei trat, begann sehr schnell damit das Blatt auszubremsen. Im Oktober 1957, begleitet von heftigen und brutal auseinandergetriebenen studentischen Straβenprotesten, wurde die Zeitschrift auf Geheiβ der Partei eingestellt.

Die Freiräume schrumpften schnell. Einer der letzten war der Klub des Schiefen Rades. So genannt nach des Krummen-Rades-Gasse in der Warschauer Altstadt, wo er 1955 entstanden war. Er galt nach der Schlieβung von „Po Prostu“ als eines der letzten Foren der freien politischen Diskussion. Zu den Klubtreffen an jedem Donnerstag um 18.00 Uhr kamen Massen von Zuhörern. Jan Olszewski war im Klubvorstand und mit ihm, etliche ehemalige „Po Prostu“-Kollegen.

Die Schlieβung des Klubs 1962 markierte das endgültige Ende des politischen Tauwetters im kommunistischen Polen, das im Oktober 1956, mit dem Machtantritt Gomułkas, seinen Höhepunkt erreicht hatte. Die uneingeschränkte Parteiherrschaft war wiederhergestellt.

Verteidiger in Zeiten des Unrechts

Mitte 1959 bekam Jan Olszewski die Zulassung als Rechtsanwalt. Im kommunistischen Machtbereich durfte der Beruf nicht selbständig, sondern musste in staatlich vorgegebenen Sozietäten ausgeübt werden. Olszewski arbeitete in der Sozietät Nr. 25, die ihren Sitz am Warschauer Plac Zbawiciela (Erlöserplatz) hatte und im Ruf stand, die Crème de la Crème der hauptstädtischen Anwaltschaft zu versammeln.

Rechtsanwalt Jan Olszewski in den Sechzigerjahren.

Im kommunistischen Polen war die Zahl der Anwälte staatlicherseits begrenzt, aber die Rechtsanwaltschaft genoss immerhin eine gewisse Autonomie. Die meisten Berufsbelange regelten die Anwälte im Rahmen ihrer Selbstverwaltung, die das Justizministerium und die Partei aus der Ferne aufmerksam beobachteten und bei der sie, falls notwendig, hie und da eingriffen. Ein ständiges Ringen um die Grenzen der anwaltlichen Autonomie spielte sich ab.

Olszewski gehörte zu einer kleinen, in der Öffentlichkeit hochangesehenen Gruppe von Anwälten, die sich nicht scheute Mandate in politischen Prozessen zu übernehmen. 1964 verteidigte er den Schriftsteller Melchior Wańkowicz, der wegen seiner Kontakte zum polnischsprachigen amerikanischen Sender Radio Free Europe vor Gericht stand. Ebenfalls zu seinen Mandanten zählten die jungen Trotzkisten Jacek Kuroń und Karol Modzelewski, die 1964 in einem offenen Brief die Parteiführung mangelnder Marxismustreue bezichtigten. Zu seinen Klienten gehörte auch Janusz Szpotański, der wegen antikommunistischer Satire 1968 zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Und Adam Michnik, eine der zu drei Jahren Haft verurteilten Führungspersonen der Studentenproteste vom März 1968 sowie weitere Teilnehmer der Unruhen.

Ein Warnschuss sollte für Olszewski die zeitweilige (1968-1970) Entziehung der Zulassung als Anwalt sein. Ihn dauerhaft aus dem Beruf zu verbannen, wagten die Kommunisten dann doch nicht. Zu groβ war seine Autorität, zu gut sein Ruf, umso mehr, als er in politischen Prozessen seine Mandanten ohne ein Honorar verteidigte.

Ab Mitte 1970 durfte Olszewski wieder die Anwaltsrobe tragen. Sofort übernahm er ein Mandat im groβen politischen Prozess der Mitglieder der konspirativen Jugendorganisation Ruch („Bewegung“), die antikommunistische Parolen an Häuserwände malte, Flugblätter herstellte und geplant hatte ein Lenin-Museum in der Nähe von Kraków in Brand zu stecken.

Unruhen im Dezember 1970. Panzer auf dem Langen Markt in Gdańsk.

Im Dezember 1970 fegten schwere Arbeiterunruhen in den Küstenstädten Szczecin, Gdynia, Gdańsk und Elbląg den inzwischen greisen, sklerotischen und allgemein verhassten Parteichef Gomułka von seinem Posten. Die Unruhen waren durch eine starke Erhöhung der Lebensmittelpreise ausgelöst worden, die der neue Parteichef und Hoffnungsträger Edward Gierek wieder zurücknahm.

Parteichef und Hoffnungsträger Edward Gierek.

Bis Mitte der 1970er Jahre versank Polen in einem süβen Konsumtraum, verkörpert durch Coca-Cola, Marlboro-Zigaretten und dem „polnischen Volkswagen“, dem kleinen Fiat 125, finanziert von der Gierek-Mannschaft mit westlichen Krediten. Etwa 1975 war der Traum vorbei, die Volksrepublik Polen zahlungsunfähig und die Arbeiterschaft wieder auf den Straβen, wie in der Stadt Radom im Juni 1976. Auch die Intellektuellen protestierten erneut.
Festnahmen- und Verhaftungswellen rollten durch das Land.

Olszewskis Ratgeber „Der Bürger und die Staatssicherheit“.

Olszewski kam damals auf die Idee, den Ratgeber „Der Bürger und die Staatsicherheit“ zu verfassen. Stasi und Miliz hielten sich oft nicht einmal an die eigenen kommunistischen Gesetzte und Regularien im Umgang mit festgenommenen Oppositionellen. Olszewskis Fibel, im Untergrund massenweise gedruckt und vervielfältigt, half den sonst oft eingeschüchterten und hilflosen Opfern sich der Willkür entgegenzusetzen.

Wenig reden, Beistand leisten

Olszewski unterschrieb zwar Protestbriefe, unterstützte mit Rat und Tat verschiedene demokratische Initiativen, ohne jedoch öffentlich groβ in Erscheinung zu treten. Keine Interviews für ausländische Medien, keine Teilnahme an Protestaktionen. Olszewski verstand sich als ein Berater, der dem gewaltlosen antikommunistischen Widerstand juristischen Beistand leistete.

Wie wichtig dieser Beistand war, zeigte sich im Frühherbst 1980. Nach den Arbeiterprotesten im ganzen Land, die wieder einmal durch Lebensmittelpreiserhöhungen ausgelöst wurden und dieses Mal Parteichef Edward Gierek stürzten, entstand Solidarność, die erste freie Gewerkschaft im Ostblock. Olszewski war es, der die Delegierten aus Hunderten von Betrieben, die am 17. September 1980 in Gdańsk zusammenkamen, um über die Zukunft der gerade entstandenen Bewegung zu beraten, davon überzeugte, keine Regionalgewerkschaften, sondern eine landesweite Gewerkschaft zu gründen.

Nur so sei man stark genug, den Regierenden die Stirn zu bieten. Olszewski entwarf auch die Solidarność-Satzung und stand einer Gruppe von Juristen vor, die die Registrierung der Gewerkschaft beim Woiwodschaftsgericht in Warschau vornahm.

Olszewski bei der Registrierung der Gewerkschaft Solidarność beim Woiwodschaftsgericht in Warschau mit Lech Wałęsa und Solidarność-Berater Tadeusz Mazowiecki.

Nach sechzehn Monaten des „Solidarność-Freiheitskarnevals“ verhängte General Jaruzelski am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht in Polen. Solidarność wurde verboten, die volle Parteiherrschaft mit Hilfe von Panzern wiederhergestellt.

Wieder verbrachte Olszewski die Zeit bis 1989 als Verteidiger von Oppositionellen. Als Nebenkläger vertrat er die Familie von Pfarrer Jerzy Popiełuszko bei dem Prozess seiner Stasi-Mörder in Toruń 1984 bis 1985. Sein Schlussplädoyer (das Verfahren wurde im Rundfunk übertragen) hinterlieβ einen tiefen Eindruck.

Olszewski als Nebenkläger vertrat die Familie von Pfarrer Jerzy Popiełuszko bei dem Prozess seiner Stasi-Mörder in Toruń 1984 bis 1985.  Mit Rechtsanwaltskollegen Andrzej Grabiński (l.) und Edward Wende.

Im Auftrag der Kirche vermittelte er zwischen der Untergrund-Solidarność und den Behörden, half mit, den politischen Weg zu den Gesprächen am runden Tisch (6. Februar bis 5. April 1989) zu bahnen. Am Ende dieser Gespräche stand der Anfang vom Ende der kommunistischen Volksrepublik Polen: halbfreie Wahlen am 4. Juni 1989 und die Bildung der ersten nichtkommunistischen Regierung am 12. September 1989.

Probleme mit Wałęsa

Doch in der siegreichen Solidarność entbrannte ein schwerer Konflikt. Lech Wałęsa fühlte sich von Tadeusz Mazowiecki und der Beratergruppe um Prof. Bronisław Geremek, Adam Michnik und Jacek Kuroń übergangen. Wałęsa saβ in der Solidarność-Zentrale in Gdańsk, während die anderen in Warschau die groβe Politik machten. Mazowiecki als Regierungschef, Kuroń als Sozialminister, Michnik als Abgeordneter und Chefredakteur der nun führenden Zeitung des Landes „Gazeta Wyborcza“, Geremek als Solidarność-Fraktionschef im Sejm. Wałęsa dachte, er könnte Politik per Telefonanweisungen machen, doch keiner der Erwähnten nahm seine Anrufe entgegen.

Grollend drängte Wałęsa nun darauf, den im Juli 1989 gemäβ den Vereinbarungen am runden Tisch zum Staatspräsidenten gewählten General Jaruzelski durch zeitnah durchzuführende  Präsidentschaftswahlen abzusetzen. Diese fanden im Dezember 1990 statt und Wałęsa wurde Staatschef.

Vereidigung von Staatspräsident Lech Wałęsa vor dem Sejm und Senat am 22. Dezember 1990.

Olszewski unterstütze ihn in dem Konflikt. Er war überzeugt davon, Wałęsa werde seine Wahlversprechen einhalten und eine radikale Entfernung von kommunistischen Kadern, Stasi-Leuten und Stasi-Zuträgern aus dem Staatswesen vornehmen.

Niemand im Solidarność-Lager war sich damals bewusst, dass Wałęsa ein düsteres Geheimnis hütete. Zwischen 1970 und 1976 hatte er seine Arbeitskollegen in der Danziger Werft als Stasi-IM Bolek bespitzelt und denunziert und hatte dafür nachweislich Geldbeträge erhalten. Von der Angst getrieben enttarnt zu werden, tat Wałęsa genau das Gegenteil von dem, was er versprochen hatte.

Er umgab sich in seiner Präsidialkanzlei und in dem Teil des Staatsapparates, auf den er Einfluss hatte, mit zwielichtigen Figuren aus dem ehemaligen Partei- und Stasiapparat.
Daraufhin wandten sich seine bisher engsten Berater, die Brüder Kaczyński von ihm ab. Dasselbe taten viele andere Persönlichkeiten aus dem Solidarność-Lager. So auch Olszewski.

Mehr noch. Erschrocken von der Vorstellung, die Russen, die von seiner Spitzeltätigkeit ganz bestimmt wussten, könnten ihn durch gezielte Indiskretionen auffliegen lassen, begann Wałęsa Polens Bestreben der Nato und der EU beizutreten zu untergraben. Der KGB hatte in der kommunistischen Zeit Einblick in alle polnischen Stasi-Unterlagen, zog nach Herzenslust Kopien oder lieβ sich Mikrofilme anfertigen. Im Fall des weltberühmten Friedensnobelpreisträgers und Arbeiterführers Wałęsa war er ganz bestimmt auf dem Laufenden.

Und so ging Wałęsa, mir nichts, dir nichts, mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit eine Nato-2 und eine EU-2 für die ostmitteleuropäischen Staaten zu schaffen. Er sprach sich auch dafür aus, die russischen Armeestützpunkte in Polen in polnisch-russische Joint Ventures zu verwandeln. Das würde die russische Anwesenheit in Polen auf Dauer zementieren und den Nato-Beitritt endgültig begraben.

Der Politiker

Das war der Stand der Dinge, als Ende Oktober 1991 die ersten völlig freien Parlamentswahlen in Polen stattfanden. Möglichst viele politische Kräfte sollten bei diesen Wahlen berücksichtigt werden und so zogen neunundzwanzig Parteien in den 460-köpfigen Sejm ein. Darunter auch die Zentrumsvereinigung der Brüder Kaczyński mit dem Abgeordneten Jan Olszewski.

Unter diesen Umständen eine handlungsfähige Regierung zu bilden schien ein Ding der Unmöglichkeit, doch das Wunder geschah. Mitte Dezember entstand, nach vielem Hin und Her, ein Fünf-Parteien-Kabinett mit einer wackeligen Mehrheit und Jan Olszewski an der Spitze. Staatspräsident Wałęsa lieβ die Koalition zähneknirschend gewähren.

Bis heute war es die kurzlebigste polnische Regierung. Sie überdauerte nur 167 Tage (21. Dezember 1991 bis 4. Juni 1992). Doch keine Regierung vor und nach ihr, hat sich so tief in der neuesten politischen Geschichte Polens eingeprägt.

Olszewski verliest seine Regierungserklärung im Sejm am 21. Dezember 1991.

Olszewski brach mit dem hyperliberalen Programm seiner Vorgänger in der Wirtschaftspolitik und beschritt neue Wege in der Innen- und Auβenpolitik. Einstellung der raubbauartigen Privatisierung der Industrie. Der Satz aus seiner Regierungserklärung „Die unsichtbare Hand des Marktes ist oft die Hand eines Diebes“ gehört in Polen seither zu den geflügelten Worten.

„Wir wollen eine Marktwirtschaft, die in einem genau abgesteckten rechtlichen Rahmen funktioniert, damit christliche Familienwerte und die Werte anderer menschlicher Gemeinschaften geschützt bleiben. (…) Die Privatisierung darf nicht weiterhin ein Vorgang sein, der Reiche noch reicher macht und Arme noch mehr verarmen lässt“, hieβ es in Olszewskis Regierungserklärung vom 21. Dezember 1991.

Eine radikale Säuberung der Geheimdienste, der Armee, der Polizei und der staatlichen Verwaltung von alten kommunistischen Kadern sollte stattfinden. Ein klarer Kurs hin zu Nato- und EU-Mitgliedschaft wurde eingeschlagen. Alles was Lech Wałęsa nicht wollte.

Der vom ersten Augenblick an schwelende Konflikt loderte zum ersten Mal am 22. Mai 1992 auf. Wałęsa war seit einem Tag in Moskau, um gemeinsam mit Präsident Jelzin den polnisch-russischen Vertrag über Freundschaft und gut nachbarschaftliche Zusammenarbeit zu unterschreiben, der noch vor Olszewskis Amtsantritt ausgehandelt worden war. Ein Punkt, war die Umwandlung der russischen Armeestützpunkte in Polen in russisch-polnische Joint Ventures.

Staatspräsidenten Wałęsa und Jelzin in Moskau. Mai 1992.

Olszewski zögerte nicht, Wałęsa nach Moskau ein chiffriertes Telegramm zu schicken, das dem Staatspräsidenten unmittelbar vor der Unterzeichnung diskret zugestellt wurde. Darin stand, die Regierung entziehe Wałęsa die Unterzeichnungsvollmachten, sollte er den Joint-Venture-Punkt nicht aus dem Vertrag entfernen. Wutschnaubend bat Wałęsa Jelzin um Nachverhandlungen. Die Joint Ventures verschwanden aus dem Text, aber Wałęsa schwor damals Rache.

Die Möglichkeit ergab sich beinahe umgehend. Am 28. Mai 1992 stimmte der Sejm dem Ad-hoc-Antrag eines Abgeordneten zu, die Regierung zu verpflichten, in den damals nicht zugänglichen Stasi-Archiven innerhalb von sechs Tagen zu überprüfen, ob es im Kabinett und im Parlament Stasi-IMs gab.

Innenminister Antoni Macierewicz und seine Mitarbeiter erfüllten diesen Auftrag in hektischer Tag- und Nachtarbeit. Am 3. Juni 1992 brachte Macierewicz die Liste in einem versiegelten Umschlag in den Sejm. Lange blieb sie nicht geheim. Vierundsechzig Namen standen drauf. Ein zweiter Umschlag enthielt zwei Namen: den Wałęsas und den des Parlamentspräsidenten Wiesław Chrzanowski.

In einer Blitzaktion organisierte Wałęsa eine parteienübergreifende Koalition der Angst, die noch in derselben Nacht in einer Abstimmung die Regierung Olszewski zu Fall brachte. Es galt, die Büchse der Pandora schleunigst zu schlieβen, was auch gelang. Erst gut zehn Jahre später wurde eine polnische Gauck-Behörde gegründet, das Institut des Nationalen Gedenkens, und die Stasi-Archive wurden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Sofort danach befahl Wałęsa seinen Vertrauensleuten die eigentlich unzugänglichen polnischen Stasiarchive zu durchforsten. Er lieh sich seine Stasiakten aus und gab sie nach einiger Zeit mit herausgerissenen Seiten zurück. Doch alle Hinweise auf seine Spitzeltätigkeit, verstreut über verschiedene Dienststellen, Kataloge und Karteien konnte er nicht vernichten.

Wałęsa konnte auch nicht wissen, dass sein Partner bei den Gesprächen am runden Tisch, Innenminister und Stasi-Chef, General Czesław Kiszczak  die wichtigsten Beweise gegen ihn bei seiner Entlassung einfach mit nach Hause genommen hatte. All diese Unterlagen kamen nach und nach zum Vorschein und fügten sich etwa 2016 zu einem Bild, das keinen Zweifel mehr daran lässt. Wałęsa hat zwischen 1970 und 1976 seine Kollegen von der Werft gegen Spitzelhonorare denunziert, auch wenn er es vehement abstreitet. So gesehen blieb Olszewskis Sturz auf Dauer wirkungslos.

Das Symbol

Olszewski versuchte sich danach noch einige Male in der Politik. Ohne Erfolg. Je weiter jedoch seine kurze Regierungszeit zurücklag, umso deutlicher sah man, wie wichtig sein Anliegen war, die tiefe Verstrickung des kommunistischen mit dem neuen Polen zu beseitigen. Es war weitestgehend gelungen die DDR-Kader und Strukturen vom wiedervereinigten Deutschland fernzuhalten. Ob in der Justiz, in den Medien oder in der Wirtschaft. In Polen wurde diese Selbstverständlichkeit, bis heute, noch lange nicht umgesetzt.

Olszewski war der Jurist, Journalist und Politiker, der sich von den Kommunisten nie hatte korrumpieren lassen. Deswegen schlug ihm so viel Ablehnung und Hass all jener entgegen, die den Verlockungen und Drohungen der Kommunisten nicht gewachsen waren. Olszewski wurde mit der Zeit zur Symbol- und Leitfigur all derer, die sich nicht mit einem Polen zufriedengeben wollten, in dem Stasi-Agenten und Partei-Kader unter dem Deckmantel der Demokratie weiterhin das Sagen haben.

Beisetzungsfeierlichkeiten Jan Olszewskis. Staatspräsident Andrzej Duda hielt die Trauerrede in der Warschauer Kathedrale. Zehntausende gaben Olszewski das letzte Geleit.

Bescheiden, zurückhaltend, aber im Kern unverbrüchlich in seiner Haltung lebte er weitgehend zurückgezogen und in den letzten Lebensjahren, schwer krank, in Warschau. Zehntausende, die seine Auffassung vom Anstand in der Politik teilten, gaben ihm das letzte Geleit.

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Pudding mit Kanten

Am 13. Januar 2019 starb Paweł Adamowicz.

Sein Tod war schrecklich. Umso überwältigender gerieten die Lobreden, die Paweł Adamowicz auf seinem letzten Weg begleiteten. Sie waren gut gemeint, aber sie hatten nicht viel zu tun mit dem wahren Leben eines Haudegen-Politikers, der es gut verstand sich sympathisch zu geben und grob zu agieren, der heftig austeilte und auf gleiche Weise einstecken musste. Sein politischer Kompass war sein überdimensionaler Ehrgeiz.

Während eines Wohltätigkeitskonzertes unter freiem Himmel, sprang am Abend des 13. Januar 2019 im Stadtzentrum von Gdańsk ein 27-jähriger Mann auf die Bühne. Mit einem knapp fünfzehn Zentimeter langen Messer stach er auf den Stadtpräsidenten von Gdańsk ein.

Der 53-jährige Paweł Adamowicz hatte, wie wir heute wissen, keine Chance. Von den insgesamt fünf Stichen, trafen ihn drei in Bauch und Brustkorb. Das Herz und fast alle inneren Organe wurden schwer verwundet. Zweimal gelang es dem Opfer Stiche abzuwehren. Schnitte am linken Handgelenk zeugten davon. Bis weit in den nächsten Tag hinein kämpften Ärzte um Paweł Adamowiczs Leben. Vergebens.

Von der Bühne, auf der sich Musiker und Offizielle tummelten, hallte lauter Gesang, bengalische Feuer wurden gerade gezündet. Adamowicz stand in einer schlecht beleuchteten Ecke. Das Geschehen ging zuerst im Krach und Lichtergewitter unter, aber der Mörder lief nicht davon. Er griff zum Mikrofon, um seine Botschaft zu verkünden. Er räche sich auf diese Weise an der einstigen Regierungspartei Bürgerplattform, die ihn unschuldig ins Gefängnis gesteckt habe. Erst dann konnte er überwältigt werden.

Der Täter Stefan W. ist psychisch schwer gestört, leidet an paranoider Schizophrenie, neigt zu Gewaltausbüchen, hat nie regelmäβig gearbeitet und lieβ sich von seiner Mutter durchfüttern. Er verlieβ im Dezember 2018 das Gefängnis, nachdem er eine fünfeinhalbjährige Haftstrafe bis auf den letzten Tag abgesessen hatte. Verurteilt hatte man ihn wegen vier Überfällen auf Bankfilialen, bei denen er geringe Geldbeträge erbeutete.

Mit Adamowicz wurde eine allseits bekannte politische Persönlichkeit, geradezu eine Institution, ermordet. Zwanzig Jahre lang war er Oberbürgermeister von Gdańsk. Nach den letzten Kommunalwahlen im Herbst 2018 begann seine sechste Amtsperiode. Zudem gehörte er zu den unerbittlichsten Widersachern der jetzigen polnischen Regierung, gegen die er heftig wetterte. Deswegen, und aufgrund gewichtiger Korruptionsvorwürfe, die er nicht glaubhaft widerlegen konnte, geriet Adamowicz in den letzten Jahren immer wieder in die Schlagzeilen.

Auf den Apostelnamen getauft

Er kam 1965 zur Welt, mitten in der Innenstadt von Gdańsk, in der ulica Mniszki, der einstigen Nonnengasse, wohin seine Eltern 1946 aus der zwangsweise an die Sowjetunion abgetretene Stadt Wilno/Wilna umgesiedelt wurden.

In solchen Familien kam der Kommunismus keinen Fuβbreit über die Türschwelle. Schwer gezeichnet von ihren Erfahrungen mit den Sowjets im nun abgetrennten polnischen Osten, pflegten die Adamowiczs in ihren vier Wänden die nationale Tradition, das Gedenken an die Opfer sowjetischer Verbrechen, die 1940 in Katyń und anderswo ermordet wurden oder durch die Hölle der Verbannung nach Sibirien gingen. Der Glaube war das Fundament, und es verstand sich von selbst, dass die beiden Söhne auf die Namen der Apostel Piotr und Paweł (Peter und Paul) getauft wurden.

Brigittenkirche in Gdańsk.

Nebenan befand sich die Brigittenkirche, wo der rührige Henryk Jankowski, der spätere Beichtvater von Lech Wałęsa, Gemeindepfarrer war. Das Gotteshaus galt schon in den Siebzigerjahren als ein Hort der Opposition. Paweł und sein vier Jahre älterer Bruder Piotr waren dort Messdiener.

Pawel Adamowicz. Ferien in der Hohen Tatra 1979.

Seit der Verhängung des Kriegsrechts in Polen am 13. Dezember 1981, bis zum Ende des Kommunismus 1989, war Jankowskis Pfarrhaus das informelle internationale Informationszentrum der verbotenen Gewerkschaft Solidarność. Zähneknirschend mussten das die kommunistischen Behörden hinnehmen.

Vor der Pfarrei der Brigittenkirche, November 1988 (v. l. n. r.) : Pfarrer Henryk Jankowski, Premierministerin Margaret Thatcher, Lech Wałęsa.

Hier hielt, so die offizielle Propaganda, „der einfache Werft-Elektriker“ Lech Wałęsa Pressekonferenzen ab, gab Interviews. Hier war die Anlaufstelle westlicher Korrespondenten und Diplomaten, die Kontakt zu Solidarność suchten. Hier empfing Wałęsa prominente Gäste, wie u. a. 1987 den damaligen US-Vizepräsidenten George Bush und 1988 die britische Premierministerin Margaret Thatcher. Vor der Pfarrei rief im August 1989 Norbert Blüm seinen historischen Satz aus: „Marx ist tot, Jesus lebt!“. Paweł Adamowicz war stets in den Nähe.

Geschniegelt und gestriegelt

Als im Spätsommer 1980 die landesweiten Streiks mit der Gründung der Solidarność, der ersten freien Gewerkschaft im ganzen kommunistischen Machtbereich endeten, war Adamowicz fünfzehn Jahre alt und gerade Schüler am unweit gelegenen Nikolaus-Kopernikus-Lyzeum geworden.

Sechzehn Monate lang, bis Dezember 1981, als das Kriegsrecht verhängt und Solidarność verboten wurde, brodelte, wie im ganzen Land, auch an seiner Schule das oppositionelle Tun. Adamowicz nahm eine leere Vitrine, die in einem der Schulkorridore an der Wand hing, in Beschlag und begann mit einigen Mitschülern regelmäβig eine Wandzeitung mit dem Titel „Godło“ („Das Wahrzeichen“) zu veröffentlichen.

Das Kriegsrecht setze all dem am 13. Dezember 1981 ein Ende. Bruder Piotr wurde interniert und kam erst im August 1982 wieder frei. Paweł nahm die Miliz zum ersten Mal während einer groβen Protestdemonstration gegen das Solidarność-Verbot Anfang Mai 1982 fest.

Paweł Adamowicz (l.) bei der Papst-Messe am 12.06.1987 für ca. eine Million Menschen in Gdańsk beim Besuch Johannes Paul II.

Bruder Piotr war in jenen Jahren eine umtriebige und bedeutende Person in den Danziger Oppositionskreisen. Paweł dagegen mochte es beschaulicher. Er widmete sich dem Vertrieb von Untergrundpublikationen. Sein Metier waren Selbstbildungszirkel, wo sich wissbegierige junge Leute trafen, um mit Hilfe oppositioneller Historiker, Soziologen, Ökonomen Lücken in ihrem Wissen zu füllen, die das offizielle Bildungssystem hinterlieβ, weil es hunderte von Tabuautoren und Tabuthemen gab, wie die Katyń-Morde der Sowjets.

Paweł verkörperte damals den Musterschüler. Beste Noten, stets geschniegelt und gestriegelt, höflich, hochgewachsen, etwas unbedarft und schüchtern, schnell errötend, intelligent, belesen, aber auch jeder Zeit da für andere. „Baby face“ nannten sie ihn damals oder „budyń“ („Pudding“). So jemand wie er damals, wird auch heute noch gerne zum Kassenwart oder zum Klassensprecher gewählt.

Paweł Adamowicz, Chef des studentischen Streikkomitees an der Universität Gdańsk. Mai 1988.

So trat er im Mai 1988 zum ersten Mal vor einem breiten Publikum in Erscheinung. Kommilitonen setzten auf seine Besonnenheit und wählten Paweł Adamowicz zum Chef des studentischen Streikkomitees an der Universität Gdańsk, wo er Jura studierte. Der Streik war ein Zeichen der Solidarität mit den Arbeitern der Danziger Lenin-Werft, die wieder einmal die Arbeit niedergelegt hatten, um die Wiederzulassung der Solidarność zu erzwingen. Der Streik scheiterte. Wer hätte damals gedacht, dass schon ein gutes Jahr später der kommunistische Spuk in Polen vorbei sein würde.

Nun machten Leute wie Adamowicz atemberaubende Karrieren. Um sich dem Geist der Zeit gewachsen zu zeigen, wählte der gewendete Senat der Universität Gdańsk den 25-jährigen Magister 1990 zum Prorektor für Studentenfragen. Im gleichen Jahr schaffte Adamowicz bei den ersten freien Kommunalwahlen den Sprung in den Stadtrat von Gdańsk.

Pharao Adamowiczs Pyramiden

Noch versuchte er sich als Rechtsberater zu etablieren, aber die Politik ergriff zunehmend Besitz von ihm. Vier Jahre später wurde er erneut Ratsherr und der Stadtrat wählte ihn zum Vorsitzenden. Nach weiteren vier Jahren, 1998, wählten ihn die Ratsherren zum Stadtpräsidenten, wie die Oberbürgermeister in Polen heiβen. Als im Jahr 2002 die Stadtoberhäupter zum ersten Mal direkt gewählt wurden, war Adamowicz wieder der Sieger. So sollte es noch 2006, 2010, 2014 und 2018 sein.

Am Anfang der Neunzigerjahre kam der wirtschaftliche Zusammenbruch. Ein Staatsbetrieb nach dem anderen ging Pleite, mit dabei die Werft, die ruhmreiche Wiege der Solidarność. Die Arbeitslosigkeit stieg gewaltig, nur wenige Heimwehtouristen aus Deutschland bevölkerten die wiederaufgebaute Rechtstadt, wie die Altstadt in Gdańsk heiβt. Die Stadtkasse war so leer, dass die Straβenbeleuchtung um 22 Uhr gelöscht werden musste.

Heute sind das längst vergangene Zeiten. Gdańsk boomt, wie alle anderen Groβstädte in Polen. Der EU-Beitritt, viele Standortvorteile, die Beibehaltung der eigenen Währung, die Emsigkeit der Polen u. e. m. befeuern bis dato die anhaltend gute Konjunktur.

Adamowicz vor dem Amber-Stadion in Gdańsk.

Ausgezahlt hat sich in all den Jahren Adamowiczs Hartnäckigkeit Gdańsk zu einem der Austragungsorte der Fuβball-EM 2012 zu machen. In seine Amtszeit fiel die gelungene verkehrstechnische Anbindung der früher schwer erreichbaren, teilweise brachliegenden Hafenflächen an der Toten Weichsel, unter der seit 2016 ein Tunnel verläuft.

Adamowicz im Tunnel unter der Toten Weichsel. April 2016.

Zu Adamowiczs Hinterlassenschaften gehören jedoch auch monumentale Monsterbauten, in denen er sich, einem Pharao gleich, verewigen wollte. Da ist das tiefschwarz-klobige Gebäude des Shakespeare-Theaters, im Volksmund „Krematorium“ genannt. Mit seinen kolossalen Ausmaβen (ein Volumen von 53.000 Kubikmetern, die Nutzfläche beträgt über 12.000 Quadratmeter) erdrückt es geradezu die prächtige Rechtstadt mit der Marienkirche.

Das Shakespeare-Theater.

Um die Ecke, gegenüber vom Goldenen Tor, verstellt seit Mai 2018 den Blick auf die Rechtstadt das 33 Meter hohe Forum-Gdańsk-Handelszentrum, ebenfalls ein Lieblings-Projekt Adamowiczs. Volumen gut 700.000 Kubikmeter, Nutzfläche knapp 150.000 Quadratmeter. Die Aufstellung lieβe sich fortsetzten.

Das sonderbare Aktienportfolio

Der Bauboom, der vor einigen Jahren Gdańsk erfasste, hat sich inzwischen in Bauwut verwandelt. Adamowicz, so der Vorwurf der Opposition und der Denkmalschützer, lieβ in Gdańsk die Baulöwen zunehmend schalten und walten wie sie wollten. Hing das damit zusammen, dass der Stadtpräsident bis kurz vor den letzten Kommunalwahlen (im Herbst 2018) 37.000 Aktien der Firma Robyg im Wert von umgerechnet ca. 36.000 Euro besaβ? Anfang 2019 betrieb Robyg acht Groβbaustellen in Gdańsk.

Adamowicz war zudem bis zuletzt Besitzer von 1.100 Aktien der Firma Budimex für weitere umgerechnet gut 53.000 Euro. Budimex will im Stadtteil Zaspa/Zaspe, entgegen heftigen Protesten der Anwohner, die Landebahn des 1974 stillgelegten Flughafens überbauen.

Das Tryton Business House. Im Vordergrund Denkmal für die 1970 gefallenen Werftarbeiter (Fragment).

Des Weiteren hatte Adamowicz in seinem Portfolio 17.000 Aktien der Firma Echo Investment für umgerechnet ca. 20.000 Euro. Diese baute gegenüber der stillgelegten Werft das Tryton Business House mit 25.000 Quadratmetern Nutzfläche.

Auf den Interessenkonflikt angesprochen, antwortete Adamowicz allen Ernstes, für ihn sei das bis dato ein Verlustgeschäft gewesen. Die Aktien von Budimex und Echo Investment seien, seit ihrem Kauf im April 2018 beziehungsweise im November 2017, nämlich im Kurs gefallen. Auβerdem handle er im Geiste des Wirtschaftspatriotismus, wenn er Aktien polnischer Unternehmen erwerbe.

Viel eigenes Geld übersehen

Adamowiczs Vermögen vergröβerte sich rasch. Im Dezember 2005 kaufte das Ehepaar Paweł und Magdalena Adamowicz zwei Wohnungen in der Wohnanlage Neptun Park in Stadtteil Jelitkowo/Glettkau. Eine dritte erwarb Adamowiczs Schwiegermutter Janina Abramska.

Ihre Versicherungsagentur Olympia bekam von der Stadt, neben anderen lukrativen Aufträgen, das zeitlich uneingeschränkte Exklusivrecht zum Abschluss von Vermögens-, Verkehrs– und Haftpflichtversicherungen mit der Verwaltung der Pommerischen Sonderwirtschaftszone, die über 35 Unterzonen in ganz Polen verfügt.

Wohnanlage Neptun Park. Apartment.

Die Wohnungen wurden von den Dreien noch vor Baubeginn gekauft und zwar sehr günstig. In einer ruhigen Traumlage, unweit von einem Goldsandstrand, mitten im Grün, bekam das Ehepaar Adamowicz für beide Wohnungen umgerechnet gut 65.000 Euro Rabatt. Die Schwiegermutter knapp 41.000 Euro. Kurioserweise erhielt der Investor von Neptun Park genau drei Wochen später die Erlaubnis das wertvolle Grundstück dichter und höher zu bebauen, als in der ursprünglichen Baugenehmigung vorgesehen.

Alle ranghohen staatlichen und kommunalen Beamten in Polen, ausnahmslos alle kommunalen Mandatsträger, Abgeordnete, Staatsanwälte und neuerdings auch Richter sind verpflichtet am Jahresanfang eine Vermögenserklärung abzulegen, die im Internet allgemeinzugänglich ist. Die Angaben werden auf ihren Wahrheitsgehalt vom Zentralen Antikorruptionsbüro (CBA) überprüft.

Im Falle Adamowiczs stellte sich nach und nach heraus, dass er im Januar 2009 sowie im Februar 2010, zusätzlich zu den fünf Wohnungen und zwei Baulandparzellen, die er bereits besaβ, zwei weitere Wohnungen gekauft hatte, sie in den entsprechenden Vermögenserklärungen jedoch nicht aufführte. Zudem waren alle Angaben über Ersparnisse niedriger als bei der Überprüfung festgestellt.

In der Erklärung für 2011 blieben Geldanlagen von umgerechnet 77.000 Euro unerwähnt, plus knapp 6.000 Euro Mieteinnahmen. Im Jahr 2012 ebenfalls gut 20.000 Euro plus knapp 5.000 Euro Mieteinnahmen sowie gut 7.000 Euro für Anteile an dem Investmentfond ARKA BZ WBK. Für die Jahre 2011 und 2012 ergab sich daraus, so das CBA, eine Steuerminderung von umgerechnet knapp 31.000 Euro.

Adamowicz lieβ wissen, er habe sechsunddreiβig Bankkonten und da könne schon mal was durcheinandergeraten. Auβerdem habe er einmal gemachte Fehler von einem Jahr auf das nächste, durch das Abschreiben der Vermögenserklärungen, weitergegeben.

Bereits im Oktober 2013, zwei Jahre vor dem Wahlsieg von Recht und Gerechtigkeit, benachrichtigte das Zentrale Antikorruptionsbüro (CBA) die Staatsanwaltschaft. Im März 2016 stellte das Amtsgericht Gdańsk das Verfahren gegen Adamowicz wegen „Geringfügigkeit und bisheriger Straffreiheit des Angeklagten“ ein.

Paweł Adamowicz vor Gericht. April 2018.

Das Urteil rief damals, gelinde gesagt, erhebliches Staunen hervor und bestätigte in den Augen der Skeptiker, dass Gdansker Justizwesen sei tief verstrickt in örtliche Seilschaften. Die Staatsanwaltschaft reichte beim übergeordneten Distriktgericht Beschwerde ein. Ihr wurde, nach langem Zögern und Vertagen, stattgegeben. Ab September 2017 verhandelte das Amtsgericht Gdańsk, in einer anderen Zusammensetzung, den Fall neu, ohne sich allzu sehr zu beeilen. Nach dem Tod des Angeklagten wird das immer noch laufende Verfahren eingestellt.

Aus der eigenen Partei verbannt

Der Korruptionsverdacht, der auf Adamowicz lastete, entzweite ihn nach und nach mit seiner Partei, der 2001 gegründeten Bürgerplattform seines Schulkameraden Donald Tusk. Im März 2015 wurde er als Parteimitglied suspendiert. Seine Mitgliedschaft erlosch ein Jahr später.

Die Bürgerplattform wollte auf keinen Fall, dass Adamowicz bei den Kommunalwahlen im Herbst 2018 noch einmal für das Oberbürgermeisteramt kandidiert. Es war nicht etwa die Empörung über sein Finanzgebaren, sondern die blanke Angst, weitere Enthüllungen oder gar eine Verurteilung im laufenden Gerichtsverfahren könnten die Partei, mit der Adamowicz allgemein in Verbindung gebracht wurde, in ihrer Hochburg Gdańsk schwer schädigen.

Kommunalwahlen 2018. Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt in Gdańsk (v. l. n. r.): Jarosław Wałęsa (Bürgerplattform), Paweł Adamowicz, Kacper Płażyński (Recht und Gerechtigkeit).

Doch Adamowicz blieb stur. Er gründete sein eigenes Wahlkomitee. Die Bürgerplattform schickte gegen Adamowicz einen eigenen Kandidaten ins Rennen, den Sohn von Lech Wałęsa, Jarosław. Nach seiner Ermordung beweihräuchert die Bürgerplattform Adamowicz wieder. Noch drei Monate zuvor, während des Kommunalwahlkampfes, beschimpfte sie ihn als korrupt und unfähig.

Dasselbe taten noch im Herbst 2018 ausgiebig Medien, wie die „Gazeta Wyborcza“, die ihn nach seinem Tod plötzlich als  Opfer einer jahrelangen  „Hetzkampagne“ staatlicher Behörden und nationalkonservativer Medien darstellen.

Jarosław Wałęsa schied im ersten Wahlgang aus. In der Stichwahl am 4. November 2018 gewann Adamowicz gegen Kacper Płażyński (fonetisch Puaschinski), den von Recht und Gerechtigkeit aufgestellten Kandidaten.

Warum war er so erfolgreich?

Adamowicz hatte offensichtlich einen Freibrief von seinen Wählern bekommen. Egal wie dubios er sich benahm, sie hielten ihm die Treue. Warum, dass bedürfte vertiefter soziologischer Untersuchungen, aber einige wichtige Ursachen liegen auf der Hand.

Je länger er regierte, umso enger war das Geflecht aus Seilschaften, Abhängigkeiten, Schweigegeboten und Ängsten, umso gröβer das allgemeine Verlangen alles lieber beim Alten zu belassen.

Die Stadt mit knapp einer halben Million Einwohnern gibt jedes Jahr umgerechnet 900 Millionen Euro aus. Von den 275.000 Einwohnern Gdańsks im arbeitsfähigen Alter bekommt fast jeder Dritte sein Gehalt von der Stadt mit ihren 27 kommunalen Betrieben, dazu den Grundschulen, Kindergärten, Kultureinrichtungen, teilweise dem Gesundheitswesen usw., oder er lebt von städtischen Aufträgen. Man rechne die Familienmitglieder hinzu. Auf sie konnte Adamowicz auf jeden Fall zählen.

Zudem verwandelte sich der einst brave Provinzpolitiker nach und nach in einen hartgesottenen Macher, einen Meister der Machtspiele: des Verteilens, des Austeilens, des Gegeneinander-Ausspielens.

Vor allem jedoch stand Adamowicz mit seinen provinziellen Minderwertigkeitskomplexen, und dem Umgang mit ihnen, stellvertretend für sehr viele seine Wähler. Wie könnte man sie überwinden? Indem man den Ballast „des Polentums“ über Bord wirft.

„Das Polentum verdummt uns, macht uns blind, führt uns ins Reich der Mythen. (…). Es ist selbst ein Mythos. Ja, das Polentum assoziiert man mit Niederlage, mit Pech, mit Gewitterstürmen. Es kann ja auch nicht anders sein. Polentum das ist Abnormität.“ Diese öffentliche Feststellung seines Idols und politischen Förderers Donald Tusk aus dem Jahr 1989, von der er sich nie distanziert hat, verinnerlichte Paweł Adamowicz zunehmend.

 Oberpatrizier der Freien Stadt Danzig

Paweł Adamowicz in Danziger Patriziertracht.

Je länger Adamowicz amtierte, umso mehr berief er sich auf die Hansezeit, als sich die reiche Stadtrepublik Gdańsk zwar im polnischen Staatsverband befand, aber seine inneren Angelegenheiten selbst regelte und sogar einmal Krieg gegen Polen führte. Zwar ergaben sich die Macht und der Reichtum Gdańsks aus seiner Lage und wären nicht denkbar ohne das polnische Hinterland, die Warenströme (Holz, Getreide, Salz, Teer, Honig, Tuchwaren usw.), die über die Weichsel von Polen kamen und nach Polen gingen. Doch diesen Aspekt überging die städtische Geschichtspolitik lieber mit Schweigen.

Museum der Freien Stadt Danzig.

Mit der Zeit entdeckte Adamowicz zudem die zwischen 1919 und 1939 existierende Freie Stadt Danzig (FSD) für sich. Es war zwar ein krisenschürendes, künstliches politisches Gebilde, geschaffen durch den Versailler Vertrag, und Polen gegenüber, das dort einige Vorrechte hatte, sehr feindselig eingestellt. Obendrein träumte die überwiegend deutsche Bevölkerung der FSD nur von einem: „heim ins Reich“. Hitler erfüllte ihr diesen Wunsch. Dankbar breitete sie vor seinem offenen Mercedes auf dem Langen Markt im September 1939 einen Blumenteppich aus. Die Polen der Freien Stadt wurden kurz darauf fast ausnahmslos im nahegelegenen Vernichtungslager Stutthof ausgerottet.

Enthüllung des „Grenz-Straβenrondells Freie Stadt Danzig Republik Polen (1920-1939)“.

Grenzstein FSD Polen in Kokoszki.

Mit Adamowicz lebte die FSD in verklärter Form wieder auf. Ein Museum direkt am Grünen Tor wurde eingerichtet. Straβenbahnen bekamen den weiβ-blauen Anstrich aus der FSD-Zeit. Nach dem ehemaligen Grenzübergang von der FSD nach Polen, im Stadtteil Kokoszki/Kokoschken, lieβ Adamowicz ein Straβenrondell benennen. Ein aus dem Museum geholter Grenzstein mit einem eingeritzten „P“ für Polen und FD „Freie Stadt Danzig“, markiert den alten Grenzverlauf. Seine Idee die gesamte Grenze der FSD mit nachgemachten Grenzsteinen abzustecken war dann doch zu viel des Guten und wurde vorerst verworfen.

Straβenbahn mit weiβ-blauem Anstrich aus der FSD-Zeit.

Dafür ist die Idee Straβenbahnen nach verdienten Alt-Danzigern zu benennen Adamowicz übel aufgestoβen, als herauskam, dass einer der Namensgeber, der Biochemiker und Nobelpreisträger Adolf Butenandt, ein Nazi war.

Nach Adolf Butenandt benannte Straβenbahn.

Polnische Armee raus, Migranten rein

Dessen ungeachtet träumte Adamowicz seinen Autonomietraum weiter, ohne dabei jedoch, da war er klug genug, die rote Linie zu überschreiten und ihn etwa öffentlich zu seinem Programm zu erheben. Doch die Indizien dafür, dass sein Glaube an die eigene politische Gröβe und Bedeutung schnell wuchs, häuften sich und das gefiel seinen Parteigängern.

Im Oktober 2016, auf einem der Höhepunkte der Auseinandersetzung um die Justizreform, lud Adamowicz die Richter des Verfassungsgerichts ein, in Gdańsk den 30. Jahrestag der Gründung des Gerichtes zu feiern. Während der von der deutschen Adenauer-Stiftung mitfinanzierten Veranstaltung rief er im Artushof die unverhüllte Drohung an die Adresse der Warschauer Behörden aus: „Wenn die Regierung schwächelt, nicht gut funktioniert, dann übernimmt die kommunale Selbstverwaltung ihre Funktionen, sie steht als Ersatz bereit“.

Feierlichkeiten auf der Westerplatte im Morgengrauen des 1. September 2018. Die Armee war dabei.

Weitere verbale Kraftproben fanden 2017 und 2018 statt, jeweils vor dem Jahrestag des Kriegsausbruchs am 1. September 1939. Die Feierlichkeiten finden auf der Westerplatte statt. Adamowicz provozierte wieder einmal gezielt die traditionsbewussten Polen. Er forderte, die polnische Armee solle nicht länger an den Feierlichkeiten teilnehmen, das sei nicht mehr zeitgemäβ, stattdessen solle sie Pfadfindern Platz machen.

Dezember 2018. Stadtpräsident Adamowicz übergibt der tschetschenischen Vorsitzenden die Gründungsurkunde des städtischen Migrantenrates.

Im Juni 2017 verkündete er, seine Stadt werde Migranten aufnehmen, also eine Maβnahme ergreifen, die allein in die Zuständigkeit der Zentralregierung in Warschau fällt.

Den Worten folgten keine Taten, aber die von Adamowicz wohlüberlegt betriebene mediale Verwandlung seiner Person in einen gewichtigen Gegenspieler des „Regimes“ in Warschau, wie er zu sagen pflegte, machte weitere Fortschritte.

Lenin und EU

Adamowiczs „Stadtrepublik“ sollte „hanseatisch“, „europäisch“, „weltoffen“, „tolerant“ und „multikulturell“ sein. Geflaggt wurde in Gdańsk in den letzten Jahren am liebsten mit der roten Danziger Zwei-Kreuze-Fahne und dem EU-Banner. Immer öfter gesellte sich die Regenbogenfahne dazu.

Stadtpräsident Adamowicz bei einer Homosexuellen-Veranstaltung im Mai 2018.

Derselbe Stadtpräsident, der noch 2005 eine Homosexuellen-Kundgebung nicht zulieβ, nahm 2017, wie selbstverständlich, die Regenbogenflagge schwingend, an einem Gay-Pride-Marsch teil.

Adamowicz setzte sich lautstark und medienwirksam für das Verbot der nationalradikalen Splittergruppe ONR ein, die einmal durch Gdańsk mit weiβ-roten Fahnen marschierte.

Solidarność-Mitglieder beseitigen im August 2012 den Namen „Lenin“ vom Werft-Eingangstor.

Gleichzeitig beharrte er darauf, dass auf dem historischen Einfahrtstor zur stillgelegten Danziger Werft, wie zu kommunistischen Zeiten, die riesige Aufschrift „Lenin-Werft“ prangte. Erboste Solidarność-Aktivisten haben ihm den „Lenin“ zweimal mit Schweiβbrennern vom Tor abgetrennt. Dann endlich gab der Lenin-Fan Adamowicz auf.

EU-Befürworter Paweł Adamowicz.

Bei der Umsetzung seiner Ambitionen spielte das „Europäische“, als das Gegenprojekt zu dem Traditionell Polnischen, eine wichtige Rolle. Mit dem Europäischen Zentrum der Solidarność (EZS), einem überdimensionierter Kasten mit rostiger Fassadenverkleidung und einer Nutzfläche von gut 25.000 Quadratmetern wollte sich Adamowicz sein wichtigstes Denkmal setzten. Hier wurde der Sarg mit seinem Leichnam aufgebahrt.

Gepflegt wird hier, in der ständigen Ausstellung, und vor allem in den öffentlichen Veranstaltungen, eine ausgesprochen einäugige Sichtweise der Gewerkschaft, deren wichtiges Fundament die polnische Volksfrömmigkeit war. Im EZS jedoch herrschen eine aufdringliche, linksliberale politische Korrektheit und Pädagogik vor. Viel Gender-Ideologie, eine geradezu kindisch naive Verherrlichung der EU vermischen sich mit einer hymnischen Verklärung des heute nur noch clownesk wirkenden Polterrentners Lech Wałęsa. So jedenfalls sehen es viele Solidarność-Veteranen und so sieht es die heutige Leitung der Gewerkschaft, die zwar Vertreter im Stiftungsrat hat, ansonsten jedoch um das EZS einen weiten Bogen macht.

Sarg mit dem Leichnam des ermordeten Stadtpräsidenten im EZS.

Auf tragische Weise gestorben ist ein ambitionierter und machtbewusster Politiker, der Konflikten nicht auswich und sie bis zum Letzten austrug. Ruhe geben war nicht seine Art. Möge er sie jetzt finden.

© RdP




Der Poltergeistliche

Am 27. Dezember 2018 starb Bischof Tadeusz Pieronek.

Die Tugend der Mäβigung bei der Strafpredigt war ihm nicht gegeben. Bischof Tadeusz Pieronek wurde nicht müde, Feuer, Schwefel und Schande gegen Polens regierende Nationalkonservative und alles was sie taten heraufzubeschwören. Aus Nachsicht nun Mäβigung walten zu lassen, wäre in seinem Fall jedoch verhängnisvoll. Schlieβlich ist nichts erfolgreicher als der Exzess, wenn jemand so sehr geltungs- und mediensüchtig ist, wie es der Verblichene war.

Held der Schreckensberichte

Zur Geltung verhalf dem Bischof die geballte Macht der Anti-Recht-und-Gerechtigkeit-Medien, sowohl der polnischen, wie die „Gazeta Wyborcza“, als auch der polnischsprachigen, die in groβer Zahl von ausländischen, überwiegend deutschen Medienunternehmen betrieben werden.

Fernsehteams aus Deutschland und Frankreich konnten jederzeit mit Pieronek rechnen, wenn sie ihre maβlos überzogenen Schreckensberichte im heutigen Polen drehten, dem angeblichen Hort des Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus, Klerikalismus, der allgemeinen Unterdrückung und des heldenhaften zivilen Widerstandes, der in Wirklichkeit ein normaler Protest war, weder helden- noch massenhaft, dafür sehr hysterisch. Die Gegenseite kam in diesen Berichten gar nicht erst zu Wort.

Bischof Pieronek am Grab des verunglückten Staatspräsidenten Lech Kaczyński und seiner Gattin in der Wawel-Krypta. „Die gehören nicht hierher“.

Das Gefühl von Peinlichkeit schien dem Seelenhirten Pieronek dabei immer mehr abhandenzukommen. Noch im Frühjahr 2018, vor laufender TV-Kamera von France 3, am Grab des verunglückten Staatspräsidenten Lech Kaczyński und seiner Gattin stehend, wetterte der Geistliche gegen den für die beiden „unpassenden“ Bestattungsort in der königlichen Krakauer Wawel-Krypta und gegen das in Polen angeblich herrschende autoritäre Regime.

Das vermeintliche „Regime“, dem Bischof Pieronek stets unerbittlich die Leviten las, hat ihn deswegen nie im Geringsten belangt, ebenso wenig wie einen der Künstler, Wissenschaftler, Journalisten, Politiker, die in den Schreckensreportagen ausländischer Medien über Polen, gemeinsam mit ihm, ihre Jeremiaden anstimmten, frei nach Friedrich Schiller: „Alles in Polen hat sich in Prosa und Versen verschlimmert. Ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit!“.

Mehr noch. Einer der führenden Vertreter des „Regimes“, Polens Staatspräsident Andrzej Duda, auch er in Kraków zu Hause, twitterte kurz nach Pieroneks Tod: „Wir haben uns gekannt und waren in vielen Angelegenheiten verschiedener Meinung, vor allem was die Politik angeht. Wir hatten oft unterschiedliche Ansichten, aber ich habe für den Herrn Bischof stets Achtung empfunden. (…) Sein Tod ist ein Verlust für die Kirche in Polen.“ Ob ausgerechnet diese Würdigung dem unversöhnlichen Gottesmann im Jenseits gefallen hat?

Ans Dritte Reich angeschlossen

Er gelangte dorthin nach einem langen Leben, dass 1934 seinen Anfang im Dorf Radziechowy, Landkreis Żywiec, nahm, etwa einhundert Kilometer südöstlich von Kraków, im heutigen Dreiländereck Polen-Slowakei-Tschechien.

Vater Władysław Pieronek (1896-1947). Haus in Radziechowy.

Der Vater war einst Gemeindevorstand, Eigentümer eines Gemischtwarenhandels, und ein vermögender Mann für ein Dorf, das damals in einem eher ärmlichen Teil Polens lag. Fleiβ und eisernes Sparen erlaubten dem Ehepaar Pieronek zehn Kinder groβzuziehen und ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen. Tadeusz war das achte Kind in der Geschwisterreihe.

Die Familie drängte sich in einer engen Wohnung in der ersten Etage des zweistöckigen Hauses, das der Vater über Jahre mühsam gebaut hatte. Unten war der Laden. Zwei Zimmer der ersten Etage wurden an junge Lehrer vermietet. Ganz oben befand sich das Warenlager.

September 1939. Deutsches Flugzeug, polnische Flüchtlingskolonnen.

Anfang September 1939 flüchteten die Pieroneks mit Tausenden anderer Zivilisten vor den schnell vorrückenden deutschen Truppen. Nach Tagen des Herumirrens im dichten Flüchtlingsstrom, der sich über die Landstraβen wälzte, immer wieder von deutschen Flugzeugen beschossen, kehrten sie erschöpft nach Hause zurück.

„Saybusch-Aktion“. Vertreibung der polnischen Bevölkerung.

Ihre Heimat wurde bereits im Oktober 1939 als Teil des sogenannten Regierungsbezirks Kattowitz (hierbei handelte es sich um den östlichen, polnischen Teil Oberschlesiens) an das Dritte Reich angeschlossen. Żywiec hieβ ab jetzt Saybusch. Im Landkreis sollten Deutsche aus dem Baltikum, der Bukowina, aus Wolhynien und dem Balkan, die Hitler „heim ins Reich“ befohlen hatte, eine neue Heimat finden.

Höfe, Wohnungen, Werkstätten, Läden wurden den deutschen Umsiedlern in Aussicht gestellt. Es galt diese Versprechen einzulösen, als im Morgengrauen des 20. September 1940 deutsche Räumkommandos mit der Aussiedlung der Polen begannen. Die „Aktion Saybusch“ lief an. Innerhalb von zwanzig Minuten durfte jeder Auszusiedelnde nur ein Gepäckstück zum Mitnehmen richten. Stunden später zogen Deutsche in ihre Unterkünfte ein.

„Saybusch-Aktion“. „Heim ins Reich“ geholte Deutsche ziehen ein.

Über Sammellager wurden bis 1944 etwa fünfzigtausend Polen aus dem Landkreis Żywiec in das sogenannte Generalgouvernement (so hieβen die Gebiete des besetzten Polens mit Warschau und Kraków, die nicht ans Reich angegliedert wurden) gebracht. Dort wurden sie zumeist auf freiem Feld abgesetzt und sich selbst überlassen.

Wohlwissend, dass auch sie dieses Schicksal ereilen wird, brachten die Pieroneks ihre Kinder bei Verwandten und Bekannten unter. Tadeusz und sein zwei Jahre älterer Bruder Mieczysław fanden Unterschlupf beim Bruder der Mutter, einem Priester in Kęty (deutsch Kenty). Es ist eine Kleinstadt zwischen Żywiec und Oświęcim, an dessen Rand sich das Vernichtungslager Auschwitz befand.

Bis Oświęcim sind es von Kęty aus nur zwanzig Kilometer. „Wir konnten Auschwitz riechen. Ein süβlicher Geruch lag in der Luft. Wir wussten was sich dort abspielt. Nicht in allen Einzelheiten, aber wir wussten es“, erinnerte sich der Bischof Jahrzehnte später in einem Interview. „In Oświęcim auf der Straβe habe ich einige Male Gefangenenkolonnen gesehen, SS-Männer, Hunde“.

Die Berufung

Im April 1945, der Krieg erreichte inzwischen die Vororte von Berlin, trafen nach und nach im ruinierten Haus in Radziechowy die verstreuten Kinder und die Eltern Pieronek ein. Es glich einem Wunder, alle hatten überlebt.

Je mehr sich nun der Kommunismus in Polen unter den sowjetrussischen Fittichen ausbreitete, umso schwieriger wurde das Leben der Pieroneks in Radziechowy. Das neue Regime gängelte die Privatwirtschaft immer heftiger: willkürlich auferlegte Sondersteuern, ständige Kontrollen und Durchsuchungen, Preisvorgaben die jeglichen Gewinn verschlangen. So sah die von den Kommunisten ausgerufene „Schlacht um den Handel“ aus, in der auch Tadeuszs Vater nicht bestehen konnte. Sein Laden wurde 1949 verstaatlicht. Die Kommunisten hatten die Schlacht gewonnen, nur gab es, so lange sie regierten, also bis 1989, kaum etwas zu kaufen.

Immerhin durfte Tadeusz, das Kind eines „Dorfbonzen“, die Grundschule beenden und 1951 das Abitur im Gymnasium von Żywiec machen. Dass er aufs Priesterseminar in Kraków gehen würde war für ihn seit Langem beschlossene Sache. Das tiefreligiöse Elternhaus, wo das Praktizieren des Glaubens so selbstverständlich war wie das Atmen, aber auch die Kriegserlebnisse, die Repressalien des Kommunismus formten seine Berufung.

Katholische Universität Lublin 1961.

Im Jahr 1957 zum Priester geweiht, studierte Pieronek bis 1961 Kirchenrecht an der Katholischen Universität Lublin (KUL). Bis Anfang der Neunzigerjahre war das die einzige verbliebene katholische Hochschule mit universitärem Charakter im ganzen kommunistischen Machtbereich von der Elbe bis Pjöngjang in Nordkorea.

Die Gängelungen und Repressalien der kommunistischen Verwaltung waren zeitweise so heftig, dass die Schlieβung der KUL nur eine Frage von Wochen, gar Tagen zu sein schien. Doch die Hochschule überdauerte. Dort verteidigte Pieronek seine Dissertation und erhielt Anfang der sechziger Jahre den Doktortitel.

Katz-und-Maus-Spiel mit der Stasi

Zu jener Zeit wurde die polnische Stasi auf ihn aufmerksam. Die geheimpolizeiliche Überwachung der katholischen Kirche im kommunistischen Polen war beinahe lückenlos. Jeder Geistliche, ob Pfarrer, Mönch oder Nonne, jeder Angestellte der Kirche, ob Organist oder Küster, hatte eine Geheimdienstakte, die ihm von Stasi-Dienststelle zu Stasi-Dienststelle folgte, jedes Mal wenn er versetzt wurde. Spitzel wurden mit Hilfe von Erpressung, Geld, oder durch gekonntes Ausnutzen von Minderwertigkeitskomplexen und Ambitionen angeworben und auf kirchliche Einrichtungen und Würdenträger angesetzt.

Eine gute Gelegenheit Kirchenleute in ihre Dienststellen zu locken und dort unter Druck zu setzen, boten der polnischen Stasi Reisepass-Angelegenheiten. Die Reisen ins kapitalistische Ausland waren damals, seit dem politischen Tauwetter vom Oktober 1956, immerhin möglich, aber sie wurden sehr streng reglementiert.

Die Kirche schickte ihre Geistlichen nach Rom zum Studium an die Päpstliche Lateranuniversität oder auf Missionen in die Dritte Welt. Folglich reichten sie Gesuche ein, man möge ihnen einen Reisepass ausstellen. Regelmäßig folgte erst einmal eine Ablehnung. Die Reisewilligen wurden zum „klärenden Gespräch“ in die örtliche Passbehörde, die in die Zuständigkeit der Stasi fiel, gebeten. Ausgestattet mit IM-Berichten über die Stärken und Schwächen der Antragssteller konnten Stasi-Offiziere diese gezielt ausfragen, einschüchtern, durch weitere Absagen und Vorladungen zermürben, um sie letztendlich als Spitzel anzuwerben. Nicht selten gelang das.

Im Jahr 1961 wollte Pfarrer Tadeusz Pieronek den Bruder seines Vaters, Paweł Pieronek, der in Detroit in den USA lebte und ein Fotoatelier betrieb, besuchen. Die Stasi zog wieder einmal alle Register und Pfarrer Pieronek willigte ein. Unter der Nummer 2718 und dem Tarnnamen „Felix“ wurde er in die geheime Spitzelkartei der Lubliner Woiwodschafts-Stasibehörde eingetragen. Man wurde sich einig, dass es dazu keiner Verpflichtungserklärung bedürfe. Im Oktober 1961 konnte er reisen.

So begann ein einige Jahre andauerndes Katz-und-Maus-Spiel Pieroneks mit der polnischen Stasi, was man anhand seiner Stasi-Unterlagen zurückverfolgen kann. „Als Gegenleistung für die Ausreiseerlaubnis hatte er sich bereiterklärt uns Auskünfte über antikommunistische Aktivisten und Strukturen unter den USA-Polen zu liefern“, heiβt es in einem Stasi-Bericht.

Sitz der Römischen Rota, der Palazzo della Cancelleria.

Doch, anstatt nach ein paar Wochen nach Polen zurückzukehren, flog Pieronek von den USA aus nach Rom, um beim Gericht der Römischen Rota, der zweithöchsten Spruchkammer der katholischen Kirche, ein zweijähriges Praktikum anzutreten. Erst jetzt merkten die Stasi-Leute, dass das sein eigentlicher Reisegrund gewesen war.

Als Diplomaten der polnischen Botschaft getarnte Agenten der polnischen Stasi machten ihn 1962 in Rom ausfindig und erinnerten an seine „Pflichten“. Pieronek erschien daraufhin 1962 und 1963 ein paar Mal zu konspirativen Treffen, plauderte einige Interna aus, über Verhaltensweisen, Vorhaben und Positionen einzelner polnischer Bischöfe, die am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnahmen.

Polnische Bischöfe (v. l. n. r.) Antoni Baraniak, Karol Wojtyła, Primas Stefan Wyszyński, Bolesław Kominek beim Zweiten Vatikanischen Konzil.

Die Kommunisten in Moskau und im übrigen Ostblock betrachteten die beabsichtigten Reformen in der katholischen Kirche als sehr gefährlich, könnten sie am Ende die Kirche doch attraktiver und dadurch einflussreicher werden lassen. Das Ausspionieren des Konzils hatte also oberste Priorität und Pieronek war bei Weitem nicht die einzige polnische Stasi-Informationsquelle in Rom.

Im Nachhinein erst merkten die Stasi-Leute, dass Pieronek sie ein zweites Mal hinters Licht geführt hatte. Nach eineinhalb Jahren der Abwesenheit von Polen wollte er im Sommer 1963 wenigstens für kurze Zeit nach Hause, die Familie sehen. Damit die Behörden ihn wieder nach Rom fahren lassen würden, täuschte er vor, weiterhin Spitzel sein zu wollen. Wieder aus Polen in Rom angekommen, verweigerte er jedoch jegliche weitere Zusammenarbeit.

Pfarrer Tadeusz Pieronek Anfang der Sechzigerjahre in Rom.

Mehr noch. Aus anderen Spitzelquellen erfuhr die Stasi, dass Pieronek, noch vor seiner USA-Reise im Herbst 1961, die Stasi-Anwerbung seinen Vorgesetzten gemeldet hatte. Auch hatte er wesentlich dazu beigetragen kirchenintern einige polnische Geistliche in Rom als Stasi-Zuträger zu entlarven.

Der geistigen Enge des kommunistischen Polens der Sechzigerjahre entkommen, genoss er es die damalige Welthauptstadt der Mode und Kultur, das Rom Fellinis, Marcello Mastroiannis und Sophia Lorens erleben zu können, ohne sich jedoch davon vereinnahmen zu lassen.  Ausgestattet mit einem Pass des Vatikanstaates, damit ihn die Stasi zu Hause  wegen der vielen Stempel in seinem polnischen Reisedokument nicht belangen konnte, bereiste er Europa, unternahm zwei ausgedehnte Rundreisen durch die USA.

Vor allem jedoch studierte er und begleitete seinen Krakauer Bischof Karol Wojtyła bei dessen Aufenthalten in Rom.  Dort war er sein persönlicher Sekretär. Pieronek war dabei als Wojtyła 1977 den Kardinalshut in Empfang nahm, war zugegen bei Wojtyłas Gesprächen mit Papst Paul VI, er begleitete ihn bei seinen Reisen durch Italien.  Er meinte aus der damals entstandenen Nähe zum späteren Papst den Rückhalt in den innerkirchlichen Machtkämpfen zu haben, die er künftig entfachen sollte.

In jenen Jahren fertigte die polnische Stasi mehre Charakteristiken Pieroneks an. Er sei sehr pflichtbewusst, zudem ein hervorragender Kirchenjurist, dem viele Karrieretüren offen stünden. Dazu gescheit, gelehrig, aufgeweckt, fröhlich, kein Dogmatiker. Neigt jedoch zu Hochmut, Überheblichkeit und Geltungssucht.

Letztgenannte Eigenschaften wogen gut vier Jahrzehnte später so schwer, dass er ins Abseits geriet. Groll und Verbitterung darüber, verleiteten ihn in den letzten Lebensjahren zu immer radikaleren politischen Stellungnahmen und Verhaltensweisen.

Jahre des Aufstiegs

Noch überwogen jedoch offensichtlich die positiven Charaktereigenschaften. Nach der Rückkehr aus Rom 1965 begannen für Pfarrer Dr. Tadeusz Pieronek lange Jahre des Aufstiegs als Kirchenjurist und Wissenschaftler. Er habilitierte 1975. Den Professorentitel bekam er 1987 verliehen.

Hohe Ämter in der Krakauer Bischofskurie und leitende Beraterfunktionen im polnischen Episkopat paarten sich mit wissenschaftlichen Würden an allen polnischen kirchlichen theologischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Pieronek wurde nach und nach zum Mitherausgeber aller wichtigen polnischen kirchenjuristischen und theologischen Zeitschriften. Man wählte ihn zum Vorsitzenden der Polnischen Theologischen Gesellschaft u. v. m.

Bis zum Ende des Kommunismus in Polen 1989 behielt ihn die Stasi im Visier, aber sie konnte nichts gegen ihn ausrichten. Pieroneks wissenschaftliche Kompetenz, sein wachsendes Ansehen und sein durch und durch anständiger Lebenswandel machten ihn gegen Erpressungsversuche immun.

Pieroneks Sternstunde schlug Anfang der Neunzigerjahre. Er war maβgeblich an der Vorbereitung des Konkordats beteiligt, das im Juli 1993 zwischen Polen und dem Vatikan geschlossen wurde. Der Unterzeichnung folgte eine fast fünf Jahre lang dauernde heftige innenpolitische Auseinandersetzung um die Ratifizierung des Abkommens. Polens Postkommunisten, im Herbst 1993 an die Macht gekommenen, blockierten sie.

Der eloquent und einnehmend auftretende Pieronek war damals eines der wichtigsten medialen Gesichter der Kirche in diesem Streit. Da sprach nicht mehr nur der Fachmann für Kirchenrecht, sondern (seit 1992) der Weihbischof der Diözese Sosnowiec/Sosnowitz und vor allem (seit 1992) der Generalsekretär der Polnischen Bischofskonferenz.

Eitler Medienstar

Die Bischöfe, die ihn in dieses Amt wählten, mögen gedacht haben: er ist noch nicht alt (59 Jahre), gebildet, aber als hoher Würdenträger unerfahren. Man kann ihn leicht steuern. Das jedoch war eine Fehleinschätzung. Der intelligente und schlagfertige Pieronek legte einen Ehrgeiz an den Tag, den niemand so erwartet hatte.

Er entfesselte sofort einen nicht enden wollenden Kleinkrieg um Zuständigkeiten und Personalentscheidungen gegen den Vorsitzenden der Bischofskonferenz und Primas von Polen, Kardinal Józef Glemp. Nach Auβen drang damals kaum etwas davon. Beide Kirchenmänner waren klug genug, den Konflikt nicht auβer Kontrolle geraten zu lassen, aber die Spannungen, das wissen wir heute, waren enorm.

Sie wurden zum ersten Mal sichtbar, als Pieronek 1999 alles daran setzte Kardinal Glemps Wiederwahl zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz zu verhindern. Er war damals nur noch Mitglied, nicht mehr Generalsekretär des Gremiums, und er ging mit seinem Anliegen an die Presse. Diese für Kirchenkreise, wo auf Diskretion sehr geachtet wird, geradezu rabiate Vorgehensweise wurde Pieronek zum Verhängnis. Er scheiterte kläglich.

Das wichtigste Pfund mit dem Pieronek in seiner Zeit als Generalsekretär der Polnischen Bischofskonferenz wucherte, war seine, für damalige Kirchenverhältnisse, enorme Medienpräsenz. Eloquent, kompetent, dynamisch kam er daher, machte vor den Kameras und Mikrofonen eine gute Figur. Man sah, er gefiel sich in dieser Rolle.

Pieronek machte vor den Kameras und Mikrofonen eine gute Figur, und er gefiel sich in dieser Rolle.

Zunehmend selbstverliebt, vergaβ der neue Medienstar jedoch Distanz zu wahren. Bischof Pieronek wurde Teil der Medienwelt und erlag, wie viele weltliche Politiker auch, der Illusion sie dauerhaft in seinem Sinn beeinflussen zu können. Die Zuneigung der linksliberalen Medien, die in den Neunzigerjahren in Polen den Ton angaben, beeindruckte ihn sehr.

Er trug seine Kumpanei mit Adam Michnik, Chefredakteur der eindeutig kirchenfeindlichen „Gazeta Wyborcza“, offen zur Schau. Er wurde Mitglied im Rat der von George Soros finanzierten, alles andere als kirchenfreundlichen, Batory-Stiftung. Beeinflusst hat er sie dadurch nicht im Geringsten, aber sie beeinflussten ihn. Vor allem übernahm er ihre Sichtweise der polnischen Politik und ihre krassen Freund-Feind-Bilder.

Viel gewollt, wenig bewirkt

Mit seiner Idee von der Schaffung moderner, starker Kirchenmedien in Polen erlitt Pieronek Schiffbruch. Auf sein Betreiben hin, wurden fast alle kleinen Diözesan-Rundfunksender zu einem groβen katholischen Radio zusammengelegt: locker, flockig, unkompliziert, mit viel Musik. Was er nicht bedacht hatte: auf dem Gebiet der Unkompliziertheit waren andere Radiosender schon damals viel weiter. Pieroneks Radio musste, mangels Geld, an einen ausländischen Investor verkauft werden, der die letzten katholischen Sendungen umgehend aus dem Programm nahm.

Die von Pieronek aus der Taufe gehobene Katholische Informations-Agentur (KAI) besteht noch, aber ihre Bedeutung auf dem Medienmarkt blieb gering. Eine katholische Zeitung, ein katholischer Fernsehsender, die er angedacht hatte, sind nie entstanden.

Der ehrgeizige Bischof Pieronek scheiterte dort, wo der Redemptoristen-Pater Tadeusz Rydzyk in Toruń/Thorn Erfolg hatte. Aus Spenden finanziert, schuf er Radio Maryja, den TV-Sender Trwam, die Tageszeitung „Nasz Dziennik“ und eine Medienhochschule, die katholische Journalisten ausbildet. Je mehr Erfolg diese sehr traditionell ausgerichteten Medien hatten, umso heftiger wetterten der gescheiterte „liberale Bischof“ und seine medialen linken Verbündeten gegen sie.

„Bischof Ohneland“

Er war sich sicher, 1998 die Wiederwahl zum Generalsekretär der polnischen Bischofskonferenz in der Tasche zu haben, ohne zu merken, dass er als Selbstdarsteller für die Kirche zunehmend zu einer Belastung wurde. Die Niederlage versetzte seinen Ambitionen einen mächtigen Dämpfer.

Aus Angst in der Provinz ausharren zu müssen, lieβ er sich daraufhin von seinen Pflichten in der Diözese Sosnowiec, für die er ohnehin nie Zeit hatte, entbinden und wurde zu einem „Bischof Ohneland“. Die Ernennung zum Rektor der Päpstlichen Theologischen Akademie in Kraków (1998 – 2004) entsprach bei Weitem nicht seinen Ambitionen.

Mit 71 Jahren wurde Bischof Pieronek 2005 zum Senior-Domherrn im Domkapitel der Königlichen Basilika und Erzkathedrale der Heiligen Stanislaus und Wenzeslaus auf dem Wawelhügel in Kraków gewählt, was einer Pensionierung gleichkam.

Krass, krasser, Pieronek

Der pensionierte Bischof empörte sich immer wieder über die angebliche „Politisierung der Kirche, die ihre Sympathien für die Nationalkonservativen kaum verbergen kann“, und verwandelte sich derweil endgültig in einen Politiker im permanenten Unruhestand. Es war ihm ein Bedürfnis zu beweisen, dass er noch Geltung hat, dass seine Meinung wichtig sei, dass es Medien gibt, die seine Meinung lautstark kolportieren und ein Publikum, das sie ernst nimmt.

Er geiβelte kollektiv seine Amtsbrüder, sie entsagten angeblich der Bescheidenheit und dabei bewohnte er selbst auf Kosten der Kirche ein Luxusapartment auf dem Wawel. Er forderte vehement, Polen solle Migranten aufnehmen. Dass Kirche und Regierung viel leisten in Syrien, dem Libanon und in Jordanien, um das Los der Kriegsflüchtlinge vor Ort zu lindern überging er stets mit Schweigen.

Nur einmal widerfuhr dem Bischof eine Entgleisung, die ihm seine Bewunderer sehr übel nahmen. Im Januar 2010 äuβerte er in einem Interview, der Holocaust werde als „Propagandawaffe benutzt, um Vorteile herauszuschlagen, die oft ungerechtfertigt seien.“ Zwar zog er diese Behauptung schnell zurück und verurteilte in der drauffolgenden Zeit den Antisemitismus immer wieder ausdrücklich. Doch mehr als ein Jahr lang stellten ihn, die ihm sonst so gewogenen Medien unter Quarantäne.

Pieronek hielt sich aus tiefster Überzeugung an die Kirchendoktrin. Seine ablehnenden Äuβerungen zum Feminismus, zur künstlichen Befruchtung, zur Tötung ungeborener Kinder, zur „Homoehe“ lieβ man ihm zähneknirschend durchgehen, schlieβlich war er katholischer Bischof. Er revanchierte sich mit der Gleichsetzung seines Landes mit Nordkorea, bemühte gern Hitler und Stalin, wenn es galt die Lage in Polen zu schildern.

„In Polen herrscht ein schwül-stickiges Klima. Man riecht überall den Gestank von Faschismus, Rassismus, Kommunismus und Nationalismus. Wir werden eines Tages daran ersticken.“

„Bald wird es in jedem Städtchen ein Denkmal Lech Kaczyńskis (des 2010 verunglückten Staatspräsidenten – Anm. RdP) geben müssen, so wie es in der Sowjetunion Stalin-Denkmäler gab, und in jeder Wohnung ein Portrait Lech Kaczyńskis, vor dem man sich wird verbeugen müssen so wie in Nordkorea.“

„Wir sind am Ende des Weges angekommen. Es herrscht zwar keine formal ausgerufene Diktatur, aber das was wir in Polen haben, weist alle Merkmale einer Diktatur auf.“

Die Sozialprogramme der Regierung, so seine Meinung, „das neue Kindergeld in Höhe von 500 Zloty, der soziale Wohnungsbau, das Schulausstattungsgeld zu Beginn des Schuljahres über 300 Zloty, die Lohnerhöhungen für Lehrer, das alles dient einzig und allein der Wählerbestechung. (…) Als Hitler an die Macht kam hat die Mehrheit der Deutschen auch geglaubt, dass seine Politik ihren Bedürfnissen entspricht.“

„Das war eine Verzweiflungs- aber auch eine Heldentat“. So kommentierte Pieronek die Selbstverbrennung eines offenbar geistesgestörten Mannes am 19. Oktober 2017 im Stadtzentrum von Warschau, der verkündet hatte, er tue es aus Protest gegen die Regierungspolitik. In diesem Fall fand es die Bischofskonferenz für angebracht, sich von diesen Äußerungen offiziell zu distanzieren.

Die Regierung „ordnet die Behinderten einer Menschenkategorie zu, die vegetieren und letztendlich sterben soll. Das wäre das Beste für die Regierenden“, so Pieroneks Kommentar zu dem Protest einer Gruppe von Eltern mit behinderten Kindern im Parlament im Frühjahr 2018. Sie kampierten einige Wochen lang in der Parlamentslobby und forderten mehr Betreuungsgeld.

Bischof Tadeusz Pieronek wühlte Polen immer wieder auf. Er erregte Anstoβ und trug, leider, erheblich zur Verschärfung der politischen Debatte in Polen bei, weil er nicht fähig war seine Gefühlsausbrüche zu bändigen.

War er sich dessen bewusst? Eine Anekdote, die er immer wieder erzählte, klingt aufschlussreich: „Bischof Pieronek war gestorben und ging in Richtung Paradies. Plötzlich blieb er vor einer halboffenen Tür stehen und sah Petrus, der ziemlich beschäftig zu sein schien. Ein Engel flog herbei und verkündete streng: »Polnische Bischöfe werden hier nicht aufgenommen.« Das war Bischof Pieronek sehr unangenehm. Da sah ihn Petrus. Er eilte herbei und sagte: »Tadeusz? Komm rein, du bist doch kein richtiger Bischof.«“

Tadeusz Pieronek fand seine letzte Ruhestätte in der Bischofskrypta der Krakauer Peter-und-Paul-Kirche. Das „Regime“, dass er stets aufs heftigste bschimpfte, wurde bei den Trauerfeierlichkeiten durch den stellvertretenden Ministerpräsidenten und Wissenschaftsminister Jarosław Gowin vertreten.

© RdP




Jazz, Drugs und ein Symbol

Am 29. Juli 2018 starb Tomasz Stańko.

Die rühmende, doch leider allzu oft überstrapazierte Behauptung, ein Jazzmusiker habe einen eigenen Klang entwickelt, an dem man ihn jeder Zeit sofort erkennen könne, traf in seinem Fall uneingeschränkt zu. Tomasz Stańko war zweifelsohne einer der größten Jazzer, Komponisten und Bandleader Polens. Als Jazztrompeter erlangte er weltweit Berühmtheit.

Fachleute ergingen sich seit Jahren in langen Elogen auf Stańkos Art Trompete zu spielen. „Das Instrument sei für ihn ein Mittel zur Übertragung und Erweiterung jener Möglichkeiten gewesen, wie sie die menschliche Stimme bietet – ausdrucksstark, inhaltsvoll und vor allem emotional“, hieß es.

„Er setzte nicht auf virtuose Technik.“ Sein Spiel war vielmehr „von einer unpolierten, naturbelassenen Rauheit, die seinen eigenen Stil, abseits der Mainstream-Konvention schuf und vor allem für eine unnachahmliche Atmosphäre und Bewegtheit der Musik sorgte.“

Sie verflocht „slawische Melancholie und den Blues“ miteinander. Stańkos eigene Klänge „waren von einzigartiger, dunkler, manchmal melancholischer Strahlkraft. Er spielte hervorragend und er spielte anders als die Amerikaner. Damit hat er Amerika erobert, das gelobte Land des Jazz, wo die Originalität so sehr zählt.“

Offenbarung im Rotunda Klub

Der Weg dorthin begann im März 1958. Tomasz Stańko, damals Schüler an der Musikmittelschule in Kraków, gelang es eine Eintrittskarte zum Konzert des schon damals weltberühmten US-Jazzpianisten Dave Brubeck und seines Quartetts im Studentenklub Rotunda zu ergattern. Für den Fünfzehnjährigen aus dem gut einhundertfünfzig Kilometer östlich gelegenen Rzeszów war Brubecks Klavierspiel mit seinen Blockakkorden und ungeraden Taktarten geradezu eine Offenbarung.

Dave Brubeck mit Ehefrau (links i. B.) auf dem Krakauer Hauptmarkt. März 1958.

Der 1942 geborene Sohn einer Lehrerin und eines Juristen, der mit sieben Jahren aus der Provinzstadt Rzeszów zu Verwandten nach Kraków geschickt wurde, um an einer Musikgrundschule das Geigenspiel zu erlernen, verwandelte sich in einen eingefleischten Jazzfan und aufstrebenden Jazzmusiker.

In der Zeit des Stalinismus, zwischen 1948 und 1956, war der Jazz im kommunistischen Polen faktisch verboten. Nach der Zeit der Unterdrückung und der Verfemung als ideologisches Zersetzungswerkzeug des US-Imperialismus, brach der Jazz sich nach 1956 auf der Welle der „Erneuerung“ Bahn, befreite sich aus dem Katakombendasein.

Beseelt von der Freude am Individuellen, Kreativen, nicht Vorgeschriebenen explodierte geradezu, mitten in der kommunistischen Tristesse, eine moderne und muntere Musikerbewegung. Vereint durch die Begeisterung für den Cool Jazz und den Hard Bop, beherrschten die Vorreiter des polnischen Jazz ihre Instrumente hervorragend und knüpften stark an die slawische Melodik an. Eine neue Stilrichtung entwickelte sich daraus nicht, aber auf jeden Fall eine musikalische Erscheinung, die den Jazz als solchen bis heute erheblich bereichert.

Die herrschenden Kommunisten betrachteten den Jazz nun als eines der Ventile der kleinen Freiheiten, durch die man den in Polen stets starken Druck der Unzufriedenheit kontrollierbar ableiten konnte.

Die künstlerischen Fackelträger dieser Bewegung waren seit den fünfziger und sechziger Jahren, teilweise bis ins zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, die Pianisten Krzysztof Komeda, Mieczysław Kosz, Adam Makowicz und Andrzej Trzaskowski, die Saxophonisten Zbigniew Namysłowski, Jan Wróblewski, Janusz Muniak, die Geiger Michał Urbaniak und Zbigniew Zeifert sowie der Trompeter Tomasz Stańko, auch er ein Symbol der goldenen Ära des polnischen Jazz.

Fünfundfünfzig Jahre auf den Brettern.

Als er 1969 sein Studium an der Krakauer Musikhochschule absolvierte, war Stańko bereits ein bekannter Jazzmusiker. Der Start in die groβe Jazzkarriere fand 1963 statt. Damals stand er auf der Bühne des Warschauer Jazz Jamboree-Festivals, einer der wichtigsten europäischen Veranstaltungen dieser Art, die inzwischen Kultstatus erlangt hatte. Stańko war so gut, dass er schon damals mit den Besten des Landes spielen durfte, im Quartett des Pianisten Krzysztof Komeda. Ab dann stand er fünfundfünfzig Jahre lang unaufhörlich auf den Brettern, und blies seine Trompete.

Seit Stańko 1964 zum ersten Mal in den Westen fuhr, zu Konzerten in Belgien und Skandinavien, später immer wieder in die USA, hatte er auf Konzerttouren und Jazzfestivals Umgang mit den Besten der Jazzszene. „Es gibt keine bessere Art noch besser zu werden als mit den Meistern zu spielen“, diese Binsenweisheit war ihm stets der Wegweiser.

Sein furioser Auftritt bei den Westberliner Jazztagen 1970 brachte den Durchbruch und 1975 stieg Stańko in die Aristokratie des Jazz auf. Die namhafte Plattenfirma ECM entschied sich das Album „Balladyna“ seines damaligen Quartetts aufzunehmen. Vier weitere ECM-Scheiben sollten folgen.

Stańko verschrieb sich zunehmend dem Free Jazz in seiner extremsten Form. Den Höhepunkt erreichte diese Entwicklung Mitte der Achtzigerjahre, als er das „Freelectronic“-Quartett gründete. Seine Auftritte beim Jazz de Monrteux 1987 und beim Le Mans Jazz Festival 1988 markieren, wie es heiβt, durch ausgefeilte elektroakustische Effekte, den Beginn einer neuen Free Jazz-Ära.

„Wahnsinn hat mich in Beschlag genommen“

Stańko war damals Ende vierzig und nicht zu bremsen. Bis zum Umfallen spielte er Konzerte diesseits und jenseits des Atlantiks, berauscht nicht nur vom Erfolg. „Der Wahnsinn hat mich in Beschlag genommen. Ich habe mir die Taschen vollgestopft mit Haschischbrocken, Pfeifen, Amphetaminen, Pillen, Flachmännern“, berichtete er Jahre später.

Künstlerisch ging Stańko keine Kompromisse ein, blieb sich selbst treu, zornig und stur. Seine wilden Jahre waren voller Musik, die Anerkennung fand, und voller böser Exzesse. Demolierte Hotelzimmer. Sexorgien. Wilde Autorallyes durch finnische Wildnis mit seinem Freund, dem Jazzschlagzeuger, Konzert- und Rauschpartner Edward Vesala. Eine illegale, nächtliche Jamsession im indischen Tadsch Mahal-Mausoleum… Vesalas Tod 1999 brachte die Ernüchterung.

Stańko in seinen „wilden“ Achtzigerjahren.

Ehe gescheitert. Stańko mit Ehefrau Joanna und Tochter Anna Mitte der Siebzigerjahre.

Lange vorher jedoch ging die Ehe mit seiner Jugendliebe Joanna in die Brüche. Mit Tochter Anna nahm er erst Kontakt auf als sie sechzehn war. Anna war seine letzte Managerin und saβ an seinem Sterbebett.

Stańko mit Tochter Anna.

„Ich habe die Avantgarde verlassen, um als Klassiker zu enden“, sagte er in einem seiner letzten Interviews. Stańko brauchte viel Zeit, um zu der Überzeugung zu kommen, dass letztendlich nur die Musik zählt. „Wie soll man sich heute noch von den anderen unterscheiden? Wir alle tragen Ringe in den Ohren oder in der Nase. Wir sind alle tätowiert und wir spielen ähnliche Musik. Früher brauchtest du nur ein guter Musiker zu sein und konntest dich ansonsten austoben. Jetzt musst du selbst organisieren, musst auf deine Manager aufpassen, musst sorgsam deine Karriere planen. Es ist zudem sehr schwer geworden Musik zu verkaufen, weil es auf dem Markt Unmengen an hervorragender Musik gibt. Ich hatte es in meinen Anfängen viel leichter.“

Spät erwachsen geworden

Knapp vor der Jahrausendwende schaffte er es endlich seine Laster über Bord zu werfen, fand sein seelisches Gleichgewicht wieder beim unermüdlichen Joggen durch diverse Warschauer Parks. Von seiner Dachterrassenwohnung aus, unweit der Weichsel, genoss Stańko oft stundenlang den weiten Blick, stets begleitet von einer Kanne besten Tees, des einzigen Genussmittels, das er sich noch gönnte. „Ich bin erst mit gut fünfzig Jahren erwachsen geworden und habe mich aus der Umarmung des Teufels gelöst“, gab Stanko in einem Rundfunkinterview zu Protokoll.

Sein Ruf als auβergewöhnlicher Jazztrompeter, der Solokonzerte gab, war inzwischen unerschütterlich und belegt durch die hervorragende CD „Music from Tadj Mahal and Karla Caves“. Stańko wandte sich nun vom elektroakustischen Free Jazz ab, hin „zur Sanftheit, zur Vereinfachung, zur Kommunikationsfreudigkeit“, wie er es selbst formulierte.

New York von unschätzbarem Wert

Ein neuer Schub der Schaffenskraft ergriff von ihm Besitz, und die sehr wählerische ECM nahm ihn gern unter Vertrag. Die Platten, die er Ende des zwanzigsten, Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts für die ECM aufnahm, festigten seine Stellung in der Jazztrompeter-Weltliga. „Leosia“ wurde zur besten europäischen Jazz-CD des Jahrzehnts gekürt. Mit „Soul of Things“ eroberte er an der Spitze seines Quartetts mit sehr jungen polnischen Musikern noch einmal Amerika. „December Avenue“ war 2017 dann sein letztes CD-Album.

Tomasz Stańko in New York 2010.

Sein Talent hat ihn reich gemacht. Im Jahr 2008 kaufte Stańko ein Apartment unweit des Central Parks in New York und lebte eine Zeit lang mal dort, mal in Warschau. New York inspirierte ihn. „Diese Stadt vibriert, pulsiert unentwegt, verleiht Lebensenergie, bringt einen auf neue Ideen. Nach so vielen Jahren des Spielens ist das für mich von unschätzbaren Wert.“

Sein Land war ihm zuwider

So originell seine Musik war, so schablonenhaft und typisch für viele polnische Künstler, Wissenschaftler, Aktivisten, Erfolgsmenschen war seine tiefempfundene Scham für das eigene Land. Stańko kam jahrzehntelang zwar kaum mit der polnischen Wirklichkeit eines Billiglohnlandes, aus dem zwei Millionen Menschen innerhalb kurzer Zeit auf der Suche nach Arbeit geflohen sind, in Berührung. Für ihn, den Bewohner der New Yorker und Warschauer Lofts waren die Polen nur „rückständig“, wofür die Ergebnisse der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von 2015, in seinen Augen, den endgültigen Beweis erbracht hatten.

Tomasz Stańko (in der Mitte) 2011 mit seinem politischen Idol Staatspräsident Bronisław Komorowski (links i. B.) nach der Ordensverleihung.

Vergeblich war sein starkes Engagement auf der Seite des kläglich gescheiterten Staatspräsidenten Bronisław Komorowski, der 2015 für eine zweite Amtsperiode gewählt werden wollte und dem Newcomer Andrzej Duda unterlag. Dass die Polen Duda sowie andere „Mutanten“ und „grausame Kanaillen“ seines Schlags, wie Stańko es zu formulieren pflegte, an die Macht gebracht haben, erfüllte ihn mit tiefer Abscheu.

Staatspräsident Andrzej Duda lieβ sich dadurch nicht beirren. Kurz nachdem die Nachricht von Tode Stańkos eintraf, twitterte das Staatsoberhaupt: „Heute früh ist Herr Tomasz Stańko von uns gegangen. Er war eine groβe Gestalt des polnischen Jazz, ein hervorragender Musiker mit groβen Verdiensten für die polnische Kultur. Solche Menschen sterben nicht, sie leben weiter ich ihren Werken. Ruhe in Frieden.“

Tomasz Stańko wurde auf dem Warschauer Powązki-Friedhof bestattet.

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