Roter Prinz auf edlen Abwegen

Am 28. April 2019 starb Karol Modzelewski.

Er kam als Russe in Moskau zur Welt und wurde in Warschau als Pole zu Grabe getragen. Sein Leben handelte davon, wie ein Spross der „roten Bourgeoisie“ und fanatischer Jungkommunist sich in eine Symbolfigur des linken Aufruhrs gegen den real existierenden Kommunismus verwandelte und den Namen „Solidarność“ erfand.

Undank ist der Welten Lohn

Karol Modzelewski hat einen weiten politischen Weg zurückgelegt. Sein radikales Linkssein in Polen hat ihm zumeist Enttäuschungen eingebracht. Er hatte sich einen anderen Wandel erhofft. Für den Kapitalismus hätte er nie im Leben achteinhalb Jahre in kommunistischen Gefängnissen zugebracht, beteuerte Modzelewski immer wieder öffentlich.

Zuteil geworden ist ihm, was Polens romantischer Dichterfürst Adam Mickiewicz geradezu prophetisch in seinen „Lausanner Dichtungen“ (1839-1840) vorhersah:

„Fratzen, die im Namen des Volkes brüllen,

                                                                            werden dem Volke langweilig,

und die Gesichter, die das Volk belustigen,

                                                                                  werden vergessen eiligst.

Arme, die fürs Volk ringen,

                                                                                wird das Volk abschlagen,

und den vom Volk geliebten Namen

                                                                           wird sich das Volk versagen.

Alles wird vergehen. Nach dem Getöse, dem Rausch, der Pein,

werden andere Menschen das Erbe antreten:

                                                                      schweigsam, beschränkt, klein.“

(Übersetzung RdP)

Sowjetische Kindheit

Karol Modzelewski erblickte als Kirill Budnewitsch in Moskau das Licht der Welt, und zwar im schrecklichen Jahr 1937, „in dem alles möglich war, sogar dass jemand nicht verhaftet wurde“, so der Schriftsteller Ilja Ehrenburg. Auf Geheiβ Stalins durchzog damals eine Woge von Massenverhaftungen und Massenmorden die Sowjetunion. Das Land, bereits einiges an Grausamkeiten gewöhnt, wurde nun in einem noch nicht dagewesenen Ausmaβ „von Schädlingen gesäubert“.

Kirill Budnewitsch mit Mutter Natalia 1939.

Kirill Budnewitsch war knapp drei Wochen alt, als der NKWD seinen russischen Vater Alexander, einen angehenden Ingenieur und Fähnrich der Roten Armee, in der Kommunalwohnung, in der die Familie untergebrach war, abholte. Vor der Revolution hatte die Wohnung einem reichen Moskauer Kaufmann gehört.

Alexander Budnewitsch.

Jetzt hausten in den fünf Zimmern fünf Familien. Den gröβten Raum, geteilt durch Vorhänge und Wandschirme, belegten die Budnewitschs: der kleine Kirill, seine Eltern, Groβvater und Groβmutter, Tante Lola, Onkel Nikolai und Katia, das Kindermädchen. Gut dreiβig Personen lebten in der Wohnung, benutzten eine Küche, das Bad, die Toilette. Alles war öffentlich in dieser Hölle auf Erden, die das Zuhause sein sollte. Onkel Nikolai, das erfuhr Modzelewski erst Jahre später, hatte seinen Vater denunziert, um mehr Platz im gemeinsamen Zimmer zu schaffen.

Alexander Budnewitsch hatte Glück, wurde „nur“ zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Zuerst musste er Bäume fällen. Genug zu essen gab es nur für die, welche die gigantische tägliche Arbeitsnorm bewältigten. „Schmarotzer“ und „Schwächlinge“ gingen an Unterernährung elend zugrunde. Primitivstes Werkzeug, zerlumpte Kleidung, Arbeitsunfälle zuhauf, Mitgefangenen-Terror, Erschieβungen für Vergehen, wie unerlaubtes Kartenspiel. Budnewitsch entkam dem sicheren Tod. Als angehender Ingenieur durfte er sich in einem Konstruktionsbüro des Straflagers nützlich machen.

Seine Frau Natalia, geb. Wilder (1912-1992), eine russische Jüdin, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin, fuhr zu ihm, wenn es eine Besuchserlaubnis gab, nach Baschkirien, gut fünfzehnhundert Kilometer von Moskau entfernt. Dass sie seit 1939 mit dem polnischen Kommunisten Zygmunt Modzelewski liiert war, sagte sie ihrem Ehemann nicht.

Modzelewski gehörte zu den etwa einhundert von knapp viertausend polnischen Kommunisten in der Sowjetunion, die Stalins Säuberungen überlebt hatten. Er war glimpflich davon gekommen, mit „nur“ zwei Jahren Untersuchungshaft, und wurde anschließend zu den treusten der treuen polnischen Stalinisten gerechnet. Leute wie ihn nahmen die Russen 1944/1945 in ihrem Tross mit nach Polen, damit sie dort unter deren Aufsicht ihrer polnischen Kolonie den Kommunismus aufzwingen konnten.

Zuvor jedoch kam es 1941 zu Hitlers Überfall auf die Sowjetunion. Vier Jahre verbrachte der kleine Kirill in einem Heim für Kinder ausländischer Kommunisten, etwa eintausend Kilometer östlich von Moskau. Die Erziehung war streng sowjetisch, die Mutter sah er sehr selten.

Aus Kirill wird Karol

Stiefvater Zygmunt Modzelewski als Politoffizier 1943.

Modzelewski war inzwischen Kirills Adoptivvater geworden. Die Ehe seiner Lebensgefährtin Natalia hatten die Behörden, ohne Wissen des inhaftierten („unbekannt verzogenen“) Ehemannes Alexander Budnewitsch, „annulliert“, die neue Ehe mit Modzelewski „registriert“. Eheschlieβungen und Scheidungen waren damals in der Sowjetunion eine schlichte Formalität.

Modzelewski war polnischer Funktionär in Moskau. Im Mai1943 beorderten ihn die Sowjets nach Seltzy, einem Dorf in der Nähe der Groβstadt Rjasan, knapp zweihundert Kilometer südöstlich von Moskau, an der Oka gelegen. Dort entstand die 1. Polnische Infanteriedivision, das Fundament einer künftigen polnischen kommunistischen Armee, die an der Seite der Sowjets in Polen einmarschieren sollte. Modzelewski wurde Hauptmann und Politoffizier.

Formierungslager der 1. Polnischen Infanteriedivivision in Seltzy 1943.

Als die Einheit im Herbst 1943 an die Front zog musste er nicht mit und erhielt im Januar 1945 die Ernennung zum Botschafter. In Moskau vertrat Modzelewski nun die von den Sowjets ins Leben gerufene provisorische polnische Marionettenregierung. Die Rote Armee stand zu der Zeit bereits kurz vor Warschau.

Kirill kam zurück nach Moskau. Die Familie Modzelewski wohnte im Botschaftsgebäude bis zum Sommer 1945. Der Krieg war seit Anfang Mai zu Ende. Zygmunt Modzelewski wurde nun nach Warschau geschickt, um den Posten des Auβenministers zu übernehmen. Aus dem russischen Jungen Kirill Budnewitsch wurde der Pole Karol Modzelewski.

Der Vater, die Lager und der Wodka

Seinen leiblichen Vater sollte er nur zwei Mal zu Gesicht bekommen. „Mutter nahm mich 1947 mit nach Moskau. Ich war knapp zehn. Wir sind in die Wohnung der Cousins meines Vaters gegangen, für mich zu völlig fremden Leuten. Sie zeigten mir einen Mann in verschossenem Armeemantel und sagten: »Das ist dein Vati. Jetzt musst Du entscheiden, ob du mit Vati in Russland oder mit Mutti in Warschau leben willst.« Ich bekam schreckliche Angst. An mehr kann ich mich nicht erinnern“, so Karol Modzelewski im Nachhinein.

Karol Modzelewski mit seiner Mutter in Moskau 1947.

Ein Wiedersehen gab es im Januar 1956, erneut in Moskau. „Er kam aus Baschkirien, wo er in einem petrochemischen Betrieb arbeitete. Er hat über seine Lagerzeit erzählt. Ich konnte nicht „Vater“ zu ihm sagen, obwohl er es sich sehr wünschte. Budnewitsch war ein fremder Mann für mich. Nur seine Lagerberichte haben mich interessiert. Er sagte, er habe eine neue Ehefrau in Baschkirien, eine Russin, und einen Sohn, also habe ich einen Bruder, Wladimir. Kurz darauf ist er gestorben. Mit 51 Jahren. Die Lager haben ihn umgebracht. Die Lager und der Wodka. Das war so in der Sowjetunion.“

Der gerechte Heiβsporn

Adoptivvater Zygmunt starb 1954. Bis 1951 war er Auβenminister, danach Rektor der Parteihochschule. In dem damals fürchterlich zerstörten Warschau, wo Menschen überwiegend in Kellern und Ruinen hausten, bewohnte die dreiköpfige Familie Modzelewski, abgeschirmt und bewacht, eine Neunzimmervilla in guter Lage.

Stiefvater und Auβenminister Zygmunt Modzelewski (l.) beim ersten Besuch Walter Ulbrichts in Warschau im Oktober 1948.

Dem „roten Prinzen“ Karol fehlte es an nichts und genau das war ihm peinlich. Der glühende Jungkommunist glaubte an die Idee, doch die stand in einem krassen Widerspruch zu seiner persönlichen Situation.

Jahrzehnte später beschrieb er ein bezeichnendes Ereignis aus seiner Jugendzeit. Man darf ihm glauben.

Es muss etwa 1951 gewesen sein, zur Zeit des tiefsten Stalinismus, als sich zwischen ihm und seinen Schulfreunden Tadeusz und Andrzej eine Grundsatzdiskussion ergab. Andrzej, Sohn einer damals namhaften Schriftstellerin, war in der Klasse Chef des kommunistischen Jugendverbandes ZMP, Tadeusz ein Arbeitersohn aus einfachen Verhältnissen.

Tadeusz schrieb ein Kampfgedicht gegen die sozialen Ungleichheiten im damaligen Polen. Sie saβen bei Karol zuhause. Andrzej, der ZMP-Klassenvorsitzende, machte Tadeusz klar, dass alle Produktionsmittel staatlich seien, dass es zwar noch soziale Unterschiede gäbe, aber keine Klassenunterschiede mehr. Schlieβlich habe die Partei alle Fabrik- und Groβgrundbesitzer verjagt.

Tadeusz darauf: „Aber Karol hat doch eine Villa“. Andrzej schwieg eine Weile, bis ihm die rettende Idee kam: „Schau mal, an diesem Schreibtisch ist ein kleines Metallschild befestigt: »Gehört zum Inventar des Auβenministeriums. Nummer sowieso«. Siehst du, nicht einmal dieser Schreibtisch gehört Karol“.

Stiefvater und Auβenminister Zygmunt Modzelewski spricht am 23. September 1948 von der UN-Generalversammlung im Pariser Palais de Chaillot über den Entwurf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die die Kommunisten nie eingehalten haben.

Tadeusz gab sich geschlagen, der „rote Prinz“ hingegen hegte weiterhin Bedenken. Im Januar 1953 darauf angesprochen, dass die gerade durchgeführte Aufhebung der Lebensmittelmarken gepaart war mit einer kräftigen Preiserhöhung, aber die Löhne die gleichen geblieben seien, sagte der Stiefvater: „Es geht darum, dass die Leute mehr arbeiten und weniger essen“.

„Er sprach wie der Klassenfeind“, so Karol Jahre später. „Ein ZK-Mitglied darf so nicht reden! Man hörte allerorten und ständig, der Klassenkampf verschärfe sich, Feinde nisten sich überall ein. Ist mein Stiefvater etwa auch ein Feind? Ich habe mir eingeredet, ich hätte mich verhört.“

Hoffnung kommt auf

Das Ende des Stalinismus, den „Polnischen Oktober“ 1956, erlebte Modzelewski als Student der Geschichte an der Warschauer Universität. Dramatisches ereignete sich in jenem denkwürdigen Oktober in Polen. Während das ZK tagte und den seit 1948 inhaftierten, dann ins politische Abseits gedrängten Nationalkommunisten Władysław Gomułka (1905-1982) zum Parteichef wählte, landete in Warschau unerwartet eine sowjetische Delegation mit Parteichef Nikita Chruschtschow an der Spitze.

Hoffnungsträger Władysław Gomułka bei der Kundgebung vor dem Warschauer Kulturpalast am 24. Oktober 1956. Polen lag ihm zu Füβen, vierzehn Jahre später jagten ihn Arbeiterproteste davon.

Gerüchte, sowjetische Truppen hätten ihre Stützpunkte in Westpolen verlassen und bewegten sich auf Warschau zu, erwiesen sich als wahr. Während in Budapest bereits der Aufstand gegen die Sowjets in vollem Gange war, schickten sich Teile der Armee und die Warschauer Arbeiterschaft an, die Stadt zu verteidigen. Im letzten Augenblick gelang es Gomułka Chruschtschow umzustimmen. Es sollte kein Blutvergieβen geben. Die russischen Panzer kehrten um, Chruschtschow flog nach Hause. Hunderttausende jubelten Gomułka bei einer Kundgebung vor dem Warschauer Kulturpalast zu.

Lechosław Goździk spricht zu den Arbeitern.

Modzelewski fuhr in jenen Tagen immer wieder nach Żerań (fonetisch Scheran). In diesem Warschauer Auβenbezirk, wo sich eine groβe Pkw-Fabrik befand, zog der charismatische, junge Arbeiterführer Lechosław Goździk (fonetisch Gosdsick, 1931-2008) Arbeiter und Intellektuelle gleichermaβen in seinen Bann.

Die wichtigste Losung und Hoffnung auf eine Demokratisierung des Systems in jener Zeit lautete „Arbeiterselbstverwaltung“. Wie in dem bis vor Kurzem noch verfemten, abtrünnigen Jugoslawien Titos sollten auch in Polen die Belegschaften den Direktor wählen, über Produktion, Löhne und Investitionen bestimmen.

Wahlen zum Arbeiterrat in einer Ziegeleifabrik in Zielonka bei Warschau im November 1956. Schon bald wird die Parteibürokratie die Arbeiterselbstverwaltung unterwandern und entmachten.

Es gab im „polnischen Oktober“ 1956 auch eine zweite politische Richtung: die Rückkehr zur traditionellen Demokratie, zur polnischen Tradition, zu mehr Unabhängigkeit von Moskau. Das wollten die Menschen auf der Straβe, aber das war nicht Modzelewskis Richtung. Die polnische Tradition lehnte er als klerikal und reaktionär ab. Er und seine Mitstreiter von der Uni, allen voran sein Freund Jacek Kuroń (1934-2004), fühlten sich als marxistische Revolutionäre.

Der antikommunistische Kommunist

Ihre Anschauungen bezogen sie aus Leo Trotzkis Gedanken von der „verratenen Revolution“. Aus Rosa Luxemburgs kritischen Schriften über die bolschewistische Revolution. Vom jugoslawischen Reformkommunisten Milovan Djilas (1911-1995), dessen tiefgehende Analyse des bürokratischen Kommunismus sowjetischer Prägung „Die neue Klasse“ 1957 wie eine Bombe einschlug. Auch in Polen, wohin die ersten Exemplare zuerst auf Englisch, Französisch und Deutsch, bald auch auf Polnisch auf illegalen Wegen gelangt waren.

Die erste polnische Ausgabe von Milovan Djilas „Die neue Klasse“ von 1958. In Paris herausgegeben, nach Polen geschmuggelt.

Diese Ideen erlaubten den Studenten Modzelewski, Kuroń, dem Ökonomen Włodzimierz Brus (1921-2007), dem Philosophen Bronisław Baczko (1924-2016) und anderen Regimekritikern von der Warschauer Universität gegen das System zu sein, ohne die marxistische Analyse und die politische Sprache, die marxistischen Symbole und Schlagworte preisgeben zu müssen. Sie hingen an ihnen und sie bekämpften das System mit seinen eigenen Waffen, stellten die „wahre Diktatur des Proletariats“, „die Arbeiterdemokratie“ der „Diktatur der Parteibürokratie“ entgegen. Sie wollten den Kommunismus nicht abschaffen, nur erneuern, „revidieren“.

Beide oppositionellen Richtungen: die „nationale“ und die „revisionistische“ liefen auf dasselbe hinaus: die Beseitigung des Allerheiligsten im Kommunismus: der „führenden Rolle der Partei“. Gomułka, ganz der Machtpolitiker, gestützt auf den Partei- und Polizeiapparat, setzte all diesen Träumereien und Hoffnungen bald ein Ende.

Noch beseelt von diesen Hoffnungen, trat Modzelewski im März 1957 der kommunistischen Partei bei. Als überzeugter Revolutionär dachte er nicht daran, den Glauben an die Erneuerung aufzugeben. Auch wenn sich ringsherum Resignation, Zynismus und die „kleine Stabilisierung“, wie sie in Polen genannt wurde, breitmachten. Kein Massenterror mehr, mehr Freiheit in der Kunst. Eine leichte Öffnung nach Westen: Film, Theater, Literatur, Jazz. Ein wenig mehr Konsum. Viele richteten sich in dem neuen, etwas gröβeren Käfig ein.

Der begabte Student Karol Modzelewski wurde 1962 Doktorand am Historischen Institut der Warschauer Universität. Sein Doktorvater, der angesehene Professor Aleksander Gieysztor (1916-1999), verhalf ihm zu einem damals sehr raren Privileg: einem Forschungsaufenthalt in Italien.

Karol Modzelewski 1962.

Modzelewski knüpfte dort Kontakte zu der groβen, vor Aktivitäten nur so schäumenden, trotzkistischen Bewegung und ihrem Guru Livio Maitan (1923-2004). Nach der Rückkehr hinter den etwas durchlässiger gewordenen eisernen Vorhang gab er an der Weichsel sein Wissen bereitwillig weiter, vor allem bei Vorträgen und Diskussionen im Politischen Klub der Warschauer Universität und im Klub des Schiefen Rades, so genannt nach des Krummen-Rades-Gasse in der Warschauer Altstadt, wo er entstanden war. Es handelte sich um letzte Foren der freien politischen Diskussion nach dem Oktober 1956. Beide wurden 1963 verboten.

Livio Maitan in den sechziger Jahren.

Adam Michnik (geb. 1946), damals Gymnasialschüler und schon sehr aktiv im Warschauer Revisionisten-Milieu, schrieb im Nachhinein: „Modzelewskis Auftritte waren hervorragend, mitreiβend. Er sprach klar, stets darum bemüht, verstanden zu werden. Er war glaubwürdig und authentisch. Seine Popularität wuchs und wuchs. Mit Nachdruck verurteilte er die Allmacht des Parteiapparates, erklärte das Konzept der Arbeiterräte, geiβelte soziale Ungleichheiten und Einschränkungen der Meinungsfreiheit“.

Brief an die Partei

Nach dem Verbot des Politischen Klubs an der Warschauer Universität protestierten Modzelewski und Kuroń in einer „Denkschrift“ dagegen. Sie enthielt zugleich eine Beschreibung der Zustände in Polen, aus der hervorging, dass eine Parteibürokratie das Land regiert und die Arbeiterklasse ausbeutet. Beide schloss man daraufhin im November 1964 aus der kommunistischen Partei aus. Modzelewski flog zudem von der Universität.

Karol Modzelewski (M.) und Jacek Kuroń (vorne r. im Bild) 1964.

Daraufhin reichten Modzelewski und Kuroń im Februar 1965 im Parteibüro und im Büro des kommunistischen Jugendverbandes der Universität ihren offenen „Brief an die Partei“ ein. Er solle, so ihre Forderung, allen Partei- und Jugendverbandsmitgliedern unterbreitet werden, damit sie sich selbst eine Meinung von den Autoren und ihren Auffassungen bilden können.

Warschauer Universität in den sechziger Jahren.

Der gut einhundert Seiten umfassende „Brief“, im schwer zugänglichen marxistischen Jargon verfasst, war ihr Protest gegen den Parteiausschluss. Zugleich stellte er eine niederschmetternde Diagnose der Parteiherrschaft und ihrer Folgen dar und beinhaltete ein ganzheitliches Konzept der Errichtung einer Arbeiterdemokratie in Polen.

Arbeiterräte wählen einen Zentralen Arbeiterrat anstelle eines Parlaments. Arbeiter genieβen Meinungsfreiheit, dürfen streiken und linke Parteien gründen, die miteinander konkurrieren. „Konservative, reaktionäre, klerikale Kräfte“ haben kein Recht, sich politisch zu betätigen. Dafür sorgt eine Arbeitermiliz. Die Armee wird durch eine Milizarmee ersetzt, bestehend aus bewaffneten Arbeitern. So nahm auf dem Papier nach und nach die Utopie Gestalt an.

„Der zunehmend dumpfe Gomułka-Sozialismus war schlimm, aber er war Gold wert im Vergleich zu dem, was uns widerfahren wäre, wären diese Leute an die Macht gekommen: etwas Vergleichbares wie die chinesische Kulturrevolution mit ihren wütenden Roten Garden“, so die Bewertung des konservativen Publizisten, Wissenschaftlers und Politikers Prof. Jacek Bartyzel (geb. 1956) in einem 2018 verfassten Essay.

Bereits vorher, 1995, zeigte sich Modzelewski vom Trotzkismus längst geheilt. „Ich mag diesen Text überhaupt nicht mehr. Er war abgehoben, weltfremd und ist für mich heute ganz und gar unannehmbar. Ich kann ihn nicht lesen. Das ist sehr traurig, aber es ist nun mal ein Teil meiner Biografie.“

Im Frühjahr 1965 jedoch schlug der „Brief an die Partei“ wie ein Bombe ein, auch wenn er nur in siebzehn Kopien existierte: abgetippt mit Kohlepapierdurchschlägen und einige von Hand abgeschrieben. Die meisten von ihnen konnte die Staatssicherheit abfangen. Kopiergeräte, Faxe, Internet, Handys, Satelliten TV, Kabelfernsehen, PC gab es damals noch nicht. Erst im Januar 1966 gelang es, den Text auf einem Mikrofilm in den Westen zu schmuggeln.

Karol Modzelewski. Polizeifotos nach der ersten Verhaftung im März 1965.

Die Behörden entfesselten eine heftige Propagandakampagne. Aus dem Kontext herausgerissene Fragmente wurden zitiert und feindselig kommentiert. Doch für die Menschen auf der Straβe waren Kuroń und Modzelewski unerschrockene junge Helden, die dem System die Stirn geboten hatten. Was sie im Einzelnen verbreiteten, war egal. Hauptsache, sie hatten es denen da oben gezeigt.

Die Partei nahm die Gelegenheit wahr, um ein Exempel zu statuieren. Alle „revisionistischen Aufwiegler“ sollten in die Schranken gewiesen werden. Beide Autoren wurden Mitte März 1965 verhaftet. Mitte Juli 1965 hat ein Gericht in Warschau, unter Ausschluss er Öffentlichkeit, Kuroń und Modzelewski wegen „Anfertigung und Verbreitung von Abhandlungen, die für den polnischen Staat schädlich“ seien, zu drei beziehungsweise zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Sie saβen ihre Urteile zusammen mit Kriminellen ab, wurden von Gefängnis zu Gefängnis verlegt, arbeiteten in Anstaltswäschereien und Schlossereien, lernten manchmal sehr schmerzhaft die Kehrseite der Gesellschaft kennen. Gebrochen hat sie das nicht. Ein Jahr der Strafen hat man ihnen erlassen. Zu heftig waren die internationalen Proteste. Kuroń kam im Frühjahr, Modzelewski im Herbst 1967 frei.

Ein zweites Mal ins Gefängnis

Die politische Landschaft, die sie nun vorfanden war gekennzeichnet von heftigen politischen Debatten an der Warschauer Universität. Studenten und Dozenten, auch viele Professoren, gaben nicht klein bei. Die Partei ebenso wenig.

Die Philosophen Leszek Kołakowski (1927-2009) und Krzysztof Pomian (geb. 1934) wurden aus der Partei entfernt, weil sie eine Gedenkveranstaltung zum 10. Jahrestag des polnischen Oktober 1956 an der Uni organisierten. Das rief Proteste hervor. Eine heftige Diskussion entfachte das 1965 erschienene Buch „Marxismus und das menschliche Individuum“ des Philosophen Adam Schaff (1913-2006).

Philosoph Adam Schaff.

Schaff ging es um den Menschen und dessen Streben nach Glück. Gewährt die sozialistische Gesellschaft dem Einzelnen wirklich bessere Chancen, ein weniger eingeschränktes, ein erfüllteres und würdigeres Leben zu führen? Hat der Marxismus, den man mit Theorien über Massen und Klassen, Kollektiv und Gewalt verbindet, das Glück des Einzelnen nicht vernachlässigt oder vergessen? Wie steht es mit der Freiheit des Einzelnen und wie mit der Freiheit von Religion, Wissenschaft und Kunst in einer Gesellschaft, die sich im Übergang vom Kapitalismus zu dem, was ihr als Sozialismus vorschwebt, diktatorischer Maßnahmen bedient? Dies waren in jener Zeit sehr heikle Fragen.

Studentenunruhen in Warschau im März 1968.

Anfang März 1968, nach weiteren Maβregelungen, Strafmaβnahmen und Repressalien der Behörden, entlud sich der schwelende Konflikt in tagelangen Unruhen und Studentendemonstrationen, vor allem in Warschau, aber auch in Kraków und Gdańsk. Eingefordert wurden vor allem die Meinungsfreiheit und eine freie Entfaltung der Kultur.

Die sogenannten „März-Ereignisse“ erfassten die Partei, groβe Teile des Kulturlebens, den Hochschulbereich. Der Protest wurde brutal niedergeknüppelt. Eine spürbare Verschärfung der Hochschul- und Kulturpolitik, der Zensur waren die Folgen. Das Land versank in Apathie. Eine, wie auch immer geartete, Erweiterung der Freiheit schien unmöglich.

Modzelewski, eine der Leitfiguren des Protestes, bekam dreieinhalb Jahre Gefängnis, die er bis auf den letzten Tag absitzen musste. Als er im Herbst 1971 freikam, war Polen schon ein ganz anderes Land.

Weg von der Politik, hin zum Mittelalter

Viele seiner Freunde waren gezwungen, ins Ausland zu gehen. Der Prager Frühling wurde im Sommer 1968 durch den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen gewaltsam beendet. Der Arbeiteraufstand vom Dezember 1970 fegte Parteichef Władysław Gomułka von der politischen Bühne. Sein Nachfolger, Edward Gierek, hatte es verstanden, neue Hoffnungen auf mehr Mitbestimmung und Wohlstand zu wecken.

Die intellektuelle Opposition war zerschlagen, leckte ihre Wunden. Die aus den Gefängnissen entlassenen Anführer der März-Rebellion von 1968 gingen arbeiten, nahmen das Studium wieder auf, agierten sehr vorsichtig.

„Nach zwei Gefängnisaufenthalten hatte ich einen solchen Hunger nach wissenschaftlicher Arbeit, dass mich Treffen im alten Kreis der Kollegen, die sich notgedrungen in Begegnungen nach dem Motto »wisst Ihr noch, als wir…« verwandelten, überhaupt nicht interessierten“, schrieb Modzelewski in seinen Erinnerungen.

Adam Michnik sah das ähnlich: „Karol ist damals zu seinen »März-Freunden« auf Distanz gegangen. Ich habe seine Einschätzungen nicht geteilt, dass Giereks Politik Aussicht auf Erfolg habe und dass die März-Unruhen von 1968 für die polnische Kultur und Wissenschaft zu hohe Schäden nach sich gezogen hätten. Ich war überzeugt, vielleicht zu Unrecht, dass Karol schlicht und einfach genug hatte von einem Leben, in dem man ständig mit einer Festnahme, Hausdurchsuchung und einem neuen Prozess rechnen musste“.

Modzelewski verschwand nach Wrocław, ans Institut für die Geschichte der Materiellen Kultur der Polnischen Akademie der Wissenschaften. 1974 erlangte er den Doktortitel, habilitierte vier Jahre später und begann sich einen Namen als Kenner des frühen Mittelalters zu machen. In seinem wichtigsten Werk „Das barbarische Europa. Zur sozialen Ordnung von Germanen und Slawen im frühen Mittelalter“ (deutsche Ausgabe 2011) konnte er nachweisen, dass der Beitrag der „barbarischen Völker“, der Germanen und der Slawen, zu dem, was in Europa in der Zeit der Völkerwanderung und des frühen Mittelalters entstand, deutlich gröβer war, als es die Wissenschaft bis dahin angenommen hatte.

Dieser Beitrag, so Modzelewskis These, wurde zugunsten des griechisch-römischen und des christlichen Erbes unterschätzt oder sogar übersehen. Der Professorentitel wurde ihm 1990 verliehen.

Stratege der Solidarność

Während Modzelewski in Wocław das Frühmittelalter erforschte, gärte und rumorte es im Lande zunehmend. Giereks Wirtschaftspolitik endete in der Zahlungsunfähigkeit Polens. Intellektuelle protestierten immer lauter gegen Bevormundung und Zensur. In Radom brach im Juli 1976 eine Arbeiterrevolte gegen die drastische Lebensmittelpreiserhöhung aus. Im Sommer 1980 erfasste schlieβlich eine gewaltige Streikwelle das Land. Gierek wurde gestürzt. Solidarność entstand und Modzelewski war wieder dabei. Gegen die eigene Natur kam er nicht an.

Karol Modzelewski als Pressesprecher der Solidarność Ende 1980.

In dem Abkommen, das Arbeiterführer Lech Wałęsa am 31. August 1980 in der Werft von Gdańsk mit Vertretern der Regierung unterschrieb, war die Gründung freier Gewerkschaften verbrieft. Modzelewski war klar, dass die Gewerkschaft, wenn sie den Kommunisten Paroli bieten will, sie stark sein muss.

Darum musste es eine allpolnische Gewerkschaft sein, mit einer Zentrale und einer Leitung, und nicht eine lose Föderation unzähliger Regionalgewerkschaften. Nur so könne man vermeiden, dass die neue Gewerkschaftsbewegung von innen manipuliert und entzweit würde. Nur ein solidarisches Zueinanderhalten verleihe der Gewerkschaft die nötige Kraft. Darum sollte sie Solidarność heiβen, so Modzelewskis Forderungen.

Dafür kämpfte er im September 1980 in Gdańsk wie ein Löwe, gegen den Widerstand vieler Aktivisten des gerade siegreich beendeten Streiks und ihrer Berater, denen angesichts der alles lähmenden kommunistischen Machtkonzentration jeder Zentralismus zuwider war. Er setzte sich durch. Der Beschluss, den er entworfen hatte, wurde am 17. September 1980 angenommen.
Modzelewski wurde Mitglied des Leitungsgremiums, des sogenannten Landesausschusses der Solidarność und dessen Pressesprecher. Tatsächlich zählte er zu den wichtigsten Vordenkern und Strategen der Bewegung.

In der riesigen Volksbewegung, in die sich die Solidarność mit ihren etwa zehn Millionen Mitgliedern verwandelte, tobten heftige Richtungskämpfe. Was soll Solidarność fordern und wie weit soll sie gehen? Die Diskussion darüber gestaltete sich schwierig.

Da war, zum einen, die ausgeprägte Basisdemokratie. Da waren, zum anderen, die Intrigen der regierenden Kommunisten, die durch ständiges Sabotieren getroffener Vereinbarungen Streiks und Streikdrohungen heraufbeschworen, um die Gewerkschaft und die Bevölkerung zu zermürben. Die Versorgungskrise und das stundenlange Anstehen vor den leeren Läden taten das Übrige. Zudem drohten unentwegt die Sowjets. Gut getarnte Spitzel und Provokateure der Staatssicherheit schürten Konflikte und extreme Tendenzen in der Gewerkschaft. Doch auch ohne sie gab es genügend Macht- und Geltungssucht, die sich in den Gewerkschafts- und intellektuellen Beratergremien breitmachte. Zudem wollten „Radikale“ auf die Barrikaden gehen, „Realisten“ versuchten immer wieder aufs Neue die kochenden Gemüter im Lande zu beruhigen.

Im streng zentralisierten und schwerfälligen kommunistischen Staatsgebilde war die freie Gewerkschaft Solidarność ein Fremdkörper. Sie konnte und wollte sich nicht in diesen Mechanismus einfügen, denn das wäre ihr Ende gewesen. Wo war die Lösung?

Die Errichtung einer parlamentarischen Demokratie, die Beseitigung des Kommunismus kamen damals, 1980/ 1981, in Zeiten Breschnews und Honeckers, nicht in Frage. Die Parteiherrschaft musste bestehen bleiben. Das Machtfundament für eine dauerhafte, institutionelle Anwesenheit der Solidarność sah Modzelewski unter solchen Umständen in der Arbeiter- und in der kommunalen Selbstverwaltung. Auf Staatsebene regiert die Partei, unten, in den Betrieben und Kommunen, entfaltet sich die Volksdemokratie.

Es war auf jeden Fall ein originelles und aufbauendes Konzept. Es setzte jedoch die Kompromissbereitschaft der Kommunisten voraus. Ob sie zu jener Zeit dazu gewillt und fähig waren, ist sehr zu bezweifeln. Deren Ideen für den „Dialog“ mit Solidarność lieβen sich damals auf drei Schlagworte zurückführen: abwarten, zermürben, zerschlagen.

Anfang April 1981 legte Modzelewski seine Pressesprecher-Funktion im Landesausschuss der Solidarność nieder. Kurz vorher hatte ein informeller Zirkel aus „eingeweihten“ Funktionären und Beratern um Lech Wałęsa entschieden, dass ein geplanter Generalstreik abgesagt würde. Modzelewski hielt die Entscheidung für richtig. Die Art jedoch, wie sie getroffen wurde, unter Umgehung des in den Statuten vorgesehenen Weges, war für ihn unannehmbar.

„Lech Wałęsa ist das Symbol, die Galionsfigur der Bewegung, der König. So ist es nun mal, so hat es sich ergeben. Den König umgibt ein Hofstaat, und es gibt noch ein Parlament, den Landesausschuss. Da der König zum Absolutismus neigt, regiert der Hofstaat und nicht das Parlament. Das ist eine Absage an demokratische Regeln“, begründete Modzelewski seinen Rücktritt.

Karol Modzelewski im Gefängnis 1983.

Er blieb einfaches Mitglied des Landesausschusses, der am 12. Dezember 1981 im Grand-Hotel in Sopot tagte. Die Bereitschaftspolizei ZOMO umstellte in der Nacht zum 13. Dezember 1981 das Gebäude. General Jaruzelski rief das von langer Hand insgeheim vorbereitete Kriegsrecht aus. Die sechzehn Monate des Engagements vom September 1980 bis Dezember 1981, dieses Mal für die Solidarność, kosteten Modzelewski weitere zweieinhalb Jahre Gefängnis.

Zuerst wurden die Solidarność-Führung und ihr Beratergremium interniert. Im November 1982 erlieβ die kommunistische Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen Modzelewski, Kuroń, Michnik und zwölf weitere hochrangige Solidarność-Leute. Ihnen sollte ein Prozess wegen Hochverrats gemacht werden. Aufgrund heftiger internationaler Proteste lieβen Jaruzelskis Leute diese Idee kleinlaut fallen. Im Juli 1984 kamen die Eingesperrten frei.

Abkehr vom Kommunismus, aber wie?

Der Kommunismus in Polen war zu dem Zeitpunkt schon sehr mürbe, seine Jahre waren gezählt. Als Gorbatschow preisgab, die Sowjets können und werden ihren Vasallen in Osteuropa nicht beistehen, kam das Ende. In Polen vollzog sich die Abkehr vom Kommunismus friedlich. Am Runden Tisch, der von Februar bis April 1989 tagte. An den Wahlurnen am 4. Juni 1989, als sich die halbfreien Wahlen in ein antikommunistisches Plebiszit verwandelten. Im Parlament, wo Anfang September 1989 der erste nichtkommunistische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki vereidigt wurde.

Das Land war in einer derart desolaten wirtschaftlichen Lage, dass die neue Regierung den einzigen Ausweg darin sah, die Notbremse zu ziehen. Schmerzhaft, aber kurz sollte der Eingriff sein, den man den Balcerowicz-Plan nannte.

Die Erfolge stellten sich bald ein: die gigantische Inflation wurde gebändigt, der Zloty wurde zu einer konvertierbaren Währung, die Läden quollen über vor Waren, das BIP stieg langsam wieder an. Gleichzeitig explodierte jedoch die Arbeitslosigkeit. Armut, Kriminalität und Korruption griffen heftig um sich. Groβe Teile der Industrie lagen still, ausgeliefert einer diebischen Privatisierung.

Heute sind das längst vergangene Zeiten. Der Balcerowicz-Plan hat am Ende, zum groβen Teil, seine Richtigkeit unter Beweis gestellt. Polen entging so z.B. dem Schicksal der Ukraine, wo die Reformen so lange hinausgezögert und verwässert wurden, bis das Land dauerhaft in einer schweren Krise versank.

Modzelewski sah am Anfang nur die Kehrseite des Balcerowicz-Plans und war verbittert. „Ich entledige mich meiner Solidarność-Biografie nicht. Wenn ich jedoch das Finale betrachte, das bekanntlich ein Werk krönt, glaube ich Grund zu haben, mich zu schämen“, schrieb er 1993 in seinem viel beachteten Essay „Wohin vom Kommunismus aus?” (deutsche Ausgabe 1996).

Karol Modzelewski und Jacek Kuroń nach der Auszeichnung mit dem Orden des Weißen Adlers durch den Postkommunistischen Staatspräsidenten Aleksander Kwaśniewski (r.) im März 1998.

Gut zehn Jahre später, 2008, brachte er jedoch den Mut auf, sich öffentlich zu korrigieren: „Theoretisch hätte man die Umstellung schonender durchführen können, aber 1989 stürzte das Gebäude der kommunistischen Diktatur ganz und gar ein. Damit das nicht auch dauerhaft mit der Wirtschaft passierte, war schnelles Handeln angesagt. Die sozialen Kosten waren enorm, aber wir haben das Jammertal schnell durchquert, sind nicht auf Dauer dort steckengeblieben.“

Eine unappetitliche Verbrüderung

So sprach ein prominenter, inzwischen gut situierter Auβenseiter, der sich wieder, vor allem, der Erforschung des Mittelalters und der Lehre an der Warschauer Universität widmete, sich mit wachsendem Alter gern auszeichnen und würdigen lieβ und der immer wieder öffentlich Stellung zur aktuellen Politik bezog.

Die polnische Tradition blieb für ihn bis zum Ende klerikal, reaktionär, bedrohlich. Die Gegner von einst, die Kommunisten, scheinen ihm letztendlich allemal vertrauter und geistig näher gewesen zu sein.

Prof. Karol Modzelewski nimmt 2006 eine hohe Geldprämie und ein Diplom in staatlicher Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen vom damaligen Ministerpräsidenten Jarosław Kaczyński entgegen.

Jedenfalls war jeder Versuch, Stasi-Zuträger und ihre Untaten offenzulegen, in seinen Augen ein Attentat auf den politischen Anstand, die Menschenrechte und die Toleranz. Die Herabsetzung der hohen Renten der Stasibeamten (gut 25 Jahre nach dem Ende des Kommunismus) auf das polnische Normalmaβ, auf dem sich seit eh und je die Renten ihrer Opfer befanden, empfand er als schreiendes Unrecht. Genauso bewertete er die Idee, ehemalige Parteifunktionäre im demokratischen Polen politisch zu isolieren, keine gemeinsame Sache mit ihnen zu machen. So etwas konnten nur „polnische Antikommunisten mit bolschewistischen Fratzen“ fordern.

Modzelewski und seine Weggefährten, wie Adam Michnik, wie der 2004 verstorbene Jacek Kuroń und Dutzende anderer einstiger Revisionisten haben sich in dem Kompromiss, den sie mit den Kommunisten am Runden Tisch 1989 eingegangen sind, gut eingerichtet. Sie haben sich mit ihnen verbündet und ihnen vergeben, auch wenn die Stasi-Leute und Parteifunktionäre nicht im Geringsten Reue oder Einsicht in ihre Schuld an den Tag legten, noch Besserung gelobten. War ihr Aufbegehren gegen die Kommunisten letztendlich nur ein Streit in der Familie? Sie haben sie integriert, man macht seitdem gemeinsam Geschäfte und Politik.

Karol Modzelewski spricht bei einer Demonstration gegen die nationalkonservative Regierung im Frühjahr 2016.

Damit haben sie einen tiefen Graben quer durch die polnische Politik gezogen. Von ihrer Warte aus gesehen sind diejenigen, die solche Kompromisse ablehnen, schlicht Populisten und Feinde der Demokratie.

Karol Modzelewski war ein mutiger Mann, der für seine Überzeugungen knapp ein Zehntel seines Lebens hinter Gittern verbracht hat. Er war ein intelligenter und letztendlich auch ein einsichtiger Politiker.

Meistens jedoch brauchte er viel Zeit, um zu erkennen, dass er falsch lag: als junger stalinistischer Eiferer, als Trotzkist, als er Edward Gierek einen Vertrauenskredit gewährte, als er den Balcerowicz-Plan rundum ablehnte. Die Zeit, zu der Einsicht zu gelangen, dass sich die bedingungslose Aussöhnung mit kommunistischen Tätern, Einpeitschern und Profiteuren einfach nicht gehört, war ihm nicht mehr gegeben.

Karol Modzelewski wurde am 8. Mai 2019 auf dem Warschauer Friedhof Powązki (fonetisch Powonski), unweit der Grabstätte seines Freundes und Weggefährten Jacek Kuroń, atheistisch beigesetzt.

© RdP




Fels in der Brandung

Am 7. Februar 2019 starb Jan Olszewski.

Er strahlte Würde aus, war höflich, gutmütig, behäbig und altmodisch. Seine Anzüge und Brillengestelle hinkten der aktuellen Mode mindestens fünfzehn Jahre hinterher. Doch wer sich von alldem täuschen lieβ und ihn nicht für voll nahm, der wurde schnell eines Besseren belehrt.

Seine wohlformulierten, zielgenauen Spitzen waren berühmt, seine Plädoyers lieβen so manchen kommunistischen Richter zusammenzucken. Dem Anwalt, Journalisten und Politiker Jan Olszewski gelang Beachtliches. Gradlinig und mit reiner Weste ging er beinahe ein halbes Jahrhundert lang seinen Weg im kommunistischen Polen.

Keine öffentlichen Äußerungen, die man ihm vorhalten könnte, wie dem ersten (1989-1990) nichtkommunistischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki, der in der Stalinzeit der frühen Fünfzigerjahre in Presseartikeln die brutalen, kommunistischen Kirchenverfolgungen rechtfertigte. Keine Kungeleien mit der Staatssicherheit, auf die sich etwa der katholische Politiker und spätere Parlamentspräsident (1991-1993) Wiesław Chrzanowski einlieβ. Keine gutbezahlte Spitzeltätigkeit, wie die des späteren Arbeiterführers Lech Wałęsa (IM Bolek) zwischen 1970 und 1976.

Nichts dergleichen lässt sich den knapp drei Metern Akten entnehmen, die die polnische Stasi über Olszewski angehäuft hat. Stattdessen ein durchdachter, beharrlicher, Jahrzehnte dauernder Einsatz für ein unabhängiges Polen und die Menschen, die es, wie er, anstrebten.

Jung gewohnt, alt getan

Jan Olszewski kam 1930 in einer Gegend Warschaus auf die Welt, wo es nicht leicht war sich gute Manieren und intellektuellen Schliff anzueignen. Der Stadtteil Bródno (fonetisch Brudno) auf dem östlichen Weichselufer, eine kopfsteingepflasterte Arbeitersiedlung mit Holzhäusern, ohne Kanalisation, dafür übersät mit vielen Sandkuhlen und Lehmgruben, lag damals an der Peripherie der Groβstadt.

Bródno in Olszewskis Kindheit.

Der Vater, in zweiter Generation Eisenbahner und Sozialist, nahm den kleinen Janek mit zu Versammlungen, Arbeiterfesten, Fortbildungen. Was dort verkündet und vorgelebt wurde, dafür stand der groβe Jan sein Leben lang ein: soziale Gerechtigkeit, parlamentarische Demokratie, polnischer Patriotismus und polnische Unabhängigkeit, ein schlicht praktizierter katholischer Glaube und die klare Ablehnung des Kommunismus.

Olszewski war neun als der Krieg im September 1939 begann. Groβ genug um die Schrecken der drei Wochen lang (8. – 28.09.) dauernden deutschen Belagerung Warschaus bewusst wahrzunehmen. Die Hauptstadt lag unter schwerem Dauerbeschuss. „Ich hatte schreckliche Angst vor den Toten, die überall herumlagen“, so seine Erinnerung.

Tote Zivilisten nach einem deutschen Luftangriff auf das belagerte Warschau 1939.

Im vierten Besatzungsjahr, 1942, gelangte der Zwölfjährige durch vertrauliche Verbindungen in die Grauen Reihen (Szare Szeregi). So nannte sich der Polnische Pfadfinderverband im Untergrund. Konspirativ, ohne Uniformen, verknüpfte er die normale Ausbildung mit der sogenannten kleinen Sabotage. Parolenmalen auf Mauern und Zäunen („Deutschland kaputt!“). Nägelstreuen auf Fahrbahnen (Polen durften in der Besatzungszeit ohnehin keine Autos besitzen). Heimlich Flugblätter verteilen usw.

„Kleine Sabotage“ in Warschau unter deutscher Besatzung.

Olszewski war vierzehn, als am 1. August 1944 der Warschauer Aufstand ausbrach. Der Kampf auf dem westlichen Warschauer Ufer der Weichsel dauerte 63 Tage.

Auf dem östlichen Ufer, Praga genannt, wo sich auch Bródno befindet, war er nach drei Tagen zu Ende. In Anbetracht der riesigen deutschen Übermacht zerstreuten sich die Aufständischen und tauchten unter. Sechs Wochen lang, so beschreibt es Olszewski, dauerte anschlieβend der deutsche Terror.

Praga war Frontgebiet. Über den Fluss waren die schweren Kämpfe auf dem westlichen Ufer zu sehen und zu hören. Dorthin zogen sich am 13. September 1944 deutsche Truppen zurück und sprengten hinter sich alle vier Weichselbrücken.

Den Sowjets ausgeliefert

Kurz darauf zogen die Sowjets in Praga ein. Olszewski war Zeuge von Verhaftungswellen und brutalen Übergriffen. Die sowjetische Geheimpolizei NKWD stürmte in Bródno das Haus des Bruders seines Vaters, Remigiusz Olszewski. Den gut achtzigjährigen Groβvater Olszewskis prügelten sie dabei aus dem Haus. Er erfror in der kalten Herbstnacht. Remigiusz starb in einem Viehwaggon auf dem Weg nach Sibirien.

Der braune Terror war dem roten gewichen, während auf dem westlichen Ufer die Aufständischen bis zur Kapitulation am 3. Oktober 1944 weiterkämpften und vergebens auf wirksame sowjetische Unterstützung hofften.

Erst am 17. Januar 1945 setzten die Sowjets an das andere Ufer über und „befreiten“ das menschenleere Ruinenmeer. Gut drei Monate lang hatten sie vorher von der östlichen Flussseite aus tatenlos zugesehen, wie die Deutschen nach dem Ende des Aufstands zuerst alle etwa zweihunderttausend verbliebenen Einwohner vertrieben und danach den ausgestorbenen Westteil der Stadt planmäβig dem Erdboden gleichmachten.

Deutsches Brandkommando. Systematische Zerstörung Warschaus Oktober 1944 bis Mitte Januar 1945.

Mit fünfzehn Jahren erlebte Olszewski eine Gesellschaft, deren Zustand nach 1945 der Historiker und Literaturkritiker Jan Józef Lipski so beschrieb: „Der Schock nach dem Ende des Krieges war für Polen schrecklich. Polen, das erste Land, das sich Hitler entgegengestellt hatte. Die Polen, ein Volk, das an vielen Fronten des Krieges gekämpft hat. Polen, ein Land, das einen mächtigen Staat und eine Armee im Untergrund aufbaute. Es wurde von den eigenen Verbündeten, Groβbritannien und den USA, an den sowjetischen Angreifer ausgeliefert. Es war ein schreckliches Erlebnis und eine Demütigung, mit einer Schlinge um den Hals an den Sattel des Siegers geknüpft, in sein eurasisches Imperium gezerrt zu werden.“

Das letzte Aufbäumen

Drei Jahre lang dauerte es, bis die polnischen Kommunisten und ihre sowjetischen Auftraggeber es schafften 1948 das Land mit brutaler Gewalt nach stalinistischem Vorbild gleichzuschalten. Die Polen setzten in jener Zeit all ihre Hoffnung die Sowjetisierung abzuwenden, auf die einzige legale Oppositionskraft, die Bauernpartei PSL. Briten und Amerikaner hatten bei den Sowjets durchgesetzt, dass PSL-Chef Stanislaw Mikołajczyk aus dem Londoner Exil nach Warschau zurückkehren und in die von Kommunisten beherrschte Regierung als stellvertretender Ministerpräsident eintreten durfte. Es sollte freie Wahlen geben.

Stanisław Mikołajczyks (i. d. Mitte mit Blumenstrauß) Rückkehr im Juni 1945 versetzte Polen in einen Freudentaumel.

Mikołajczyks Rückkehr im Juni 1945 versetzte Polen in einen Freudentaumel. Sein Auto wurde auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt angehalten und von der Menge getragen. Olszewski, der einstige konspirative Pfadfinder der Grauen Reihen, pinselte nachts wieder Parolen an Häuserwände, verteilte Flugblätter, diesmal gegen die Kommunisten. Er bewachte mit anderen Freiwilligen die Warschauer Redaktion und Druckerei der „Gazeta Ludowa“ („Volkszeitung“), der einzigen unabhängigen Zeitung im damaligen Polen, um sie vor kommunistischen Übergriffen zu schützen. Im November 1947 wurde sie verboten

Ohnmächtig sahen die Briten und Amerikaner aus der Ferne zu, wie die Sowjets und ihre polnischen Handlanger die PSL erbarmungslos nach und nach ausschalteten. Bei den für den 19. Januar 1947 angesetzten, massiv gefälschten Parlamentswahlen bekam die PSL angeblich nur 10,3 Prozent der Stimmen. In Wirklichkeit, das kam erst nach 1989 heraus, waren es knapp 70 Prozent. Bald darauf wurde die PSL verboten. Mikołajczyk flüchtete im letzten Augenblick mit Hilfe der Warschauer US-Botschaft in den Westen.

Schauprozesse und Stalinhuldigungen. Stalinismus in Polen.

Die finstere Nacht des Kommunismus, der Schauprozesse, der Stalinhuldigungen, der unentwegten, allgegenwärtigen ideologischen Abrichtung breitete sich auch über Polen aus.

Nischendasein eines Einzelgängers

Dennoch gelang es Jan Olszewski, fintenreich und von viel Glück begleitet, zuerst das Abitur zu machen und dann, zwischen 1949 und 1953, das Jurastudium an der Warschauer Universität zu absolvieren. Ohne dem kommunistischen Jugendverband, geschweige denn der Partei beizutreten, ohne sich für die Propaganda und ihre Massenveranstaltungen vereinnahmen zu lassen. Es war ein ärmliches Nischendasein eines Einzelgängers, ohne Stipendium, stets vom Rauswurf bedroht, den er einige Male gerade so, durch seine sehr guten Leistungen, abwehren konnte.

Für Hochschulabgänger galt im kommunistischen Polen die sogenannte Arbeitsplatz-Pflichtzuweisung (nakaz pracy). Für drei Jahre gab man von Amtswegen vor, wo die Absolventen arbeiten sollten. Wiederum meinte es das Glück gut mit Olszewski. Anstatt in die tiefe Provinz, wurde er in ein, fernab jeder Wichtigkeit vor sich hin dämmerndes, Dezernat des Justizministeriums gesteckt.

Als Olszewski im Herbst 1953 seinen Juraabschluss machte, war Stalin seit gut einem halben Jahr tot. Nach einem Jahr der Verschärfung der Repressalien (u.a. wurde im September 1953 der Primas von Polen Kardinal Wyszyński verhaftet) machte sich sehr langsam aus Richtung Moskau ein politisches Tauwetter breit, wo Nikita Chruschtschow den verdeckten Machtkampf um die Stalinnachfolge gewonnen hatte. 1955, gegen Ende der Pflichtjahre Olszewskis im Justizministerium, war das Eis fast schon gebrochen. Nach dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 und Chruschtschows schnell publik gewordener Geheimrede, in der er mit den Verbrechen des Stalinismus abgerechnet hatte, gab es dann kein Halten mehr.

Und wieder stirbt die Hoffnung

Diesmal hieβ Polens Hoffnungsträger und Reformkommunist Władysław Gomułka. Ende der Vierzigerjahre aller Ämter enthoben, verhaftet und nur knapp einem Schauprozess entkommen, sollte er nun einen „polengerechten“ Sozialismus schaffen: ohne Kollektivierung der Landwirtschaft, nationalpatriotisch, mit einer ausgeprägten Arbeiterselbstverwaltung, statt wirtschaftlicher Zentralplanung, mit Kunst- und Medienfreiheit.

Hoffnungsträger Władysław Gomułka im Oktober 1956. Polen lag ihm zu Füβen.

Letztere praktizierte, sehr ausgiebig, die Wochenzeitschrift „Po Prostu“ („Schlicht und Einfach“), früher das hölzerne Organ des kommunistischen Jugendverbandes, jetzt die wichtigste Tribüne der Reformer. Olszewski ging im Herbst 1955 hin und fand seinen Platz in der Redaktion, in der es zuging wie in einer Zentrale der Revolution.

„Po Prostu“-Redaktion.

„Po Prostu“. Titelseite.

Der berühmteste Artikel Olszewskis, gemeinsam geschrieben mit weiteren zwei Kollegen, trug den Titel „Den Leuten von der Heimatarmee entgegenkommen“ („Na spotkanie ludziom z AK“) und erschien im März 1956. Zehntausende Untergrundkämpfer der Heimatarmee (Armia Krajowa – AK), die während des 2. Weltkrieges der legalen polnischen Regierung im Londoner Exil unterstanden, hatten für ein freies und demokratisches Polen gekämpft. Nach dem Krieg wurden sie von den Kommunisten verfolgt, eingesperrt, hingerichtet, schikaniert, der Existenzgrundlage beraubt, dazu auf Schritt und Tritt als „Verräter an der Sache des Volkes“, „Dreckige Gnome der Reaktion“ verunglimpft. Das, so die Autoren, war ein schreiendes Unrecht.

Kommunistisches Plakat von 1945. „Der Riese und (unten) der dreckige Gnom der Reaktion“ .

„Po Prostu“, mit 150.000 Exemplaren verkaufter Auflage viel gelesen und beachtet, entwickelte sich zunehmend zu einem wichtigen politischen Machtfaktor im Kampf um Reformen. Gomułka, der im Oktober 1956, getragen von einer Woge der Begeisterung, an die Spitze der Partei trat, begann sehr schnell damit das Blatt auszubremsen. Im Oktober 1957, begleitet von heftigen und brutal auseinandergetriebenen studentischen Straβenprotesten, wurde die Zeitschrift auf Geheiβ der Partei eingestellt.

Die Freiräume schrumpften schnell. Einer der letzten war der Klub des Schiefen Rades. So genannt nach des Krummen-Rades-Gasse in der Warschauer Altstadt, wo er 1955 entstanden war. Er galt nach der Schlieβung von „Po Prostu“ als eines der letzten Foren der freien politischen Diskussion. Zu den Klubtreffen an jedem Donnerstag um 18.00 Uhr kamen Massen von Zuhörern. Jan Olszewski war im Klubvorstand und mit ihm, etliche ehemalige „Po Prostu“-Kollegen.

Die Schlieβung des Klubs 1962 markierte das endgültige Ende des politischen Tauwetters im kommunistischen Polen, das im Oktober 1956, mit dem Machtantritt Gomułkas, seinen Höhepunkt erreicht hatte. Die uneingeschränkte Parteiherrschaft war wiederhergestellt.

Verteidiger in Zeiten des Unrechts

Mitte 1959 bekam Jan Olszewski die Zulassung als Rechtsanwalt. Im kommunistischen Machtbereich durfte der Beruf nicht selbständig, sondern musste in staatlich vorgegebenen Sozietäten ausgeübt werden. Olszewski arbeitete in der Sozietät Nr. 25, die ihren Sitz am Warschauer Plac Zbawiciela (Erlöserplatz) hatte und im Ruf stand, die Crème de la Crème der hauptstädtischen Anwaltschaft zu versammeln.

Rechtsanwalt Jan Olszewski in den Sechzigerjahren.

Im kommunistischen Polen war die Zahl der Anwälte staatlicherseits begrenzt, aber die Rechtsanwaltschaft genoss immerhin eine gewisse Autonomie. Die meisten Berufsbelange regelten die Anwälte im Rahmen ihrer Selbstverwaltung, die das Justizministerium und die Partei aus der Ferne aufmerksam beobachteten und bei der sie, falls notwendig, hie und da eingriffen. Ein ständiges Ringen um die Grenzen der anwaltlichen Autonomie spielte sich ab.

Olszewski gehörte zu einer kleinen, in der Öffentlichkeit hochangesehenen Gruppe von Anwälten, die sich nicht scheute Mandate in politischen Prozessen zu übernehmen. 1964 verteidigte er den Schriftsteller Melchior Wańkowicz, der wegen seiner Kontakte zum polnischsprachigen amerikanischen Sender Radio Free Europe vor Gericht stand. Ebenfalls zu seinen Mandanten zählten die jungen Trotzkisten Jacek Kuroń und Karol Modzelewski, die 1964 in einem offenen Brief die Parteiführung mangelnder Marxismustreue bezichtigten. Zu seinen Klienten gehörte auch Janusz Szpotański, der wegen antikommunistischer Satire 1968 zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Und Adam Michnik, eine der zu drei Jahren Haft verurteilten Führungspersonen der Studentenproteste vom März 1968 sowie weitere Teilnehmer der Unruhen.

Ein Warnschuss sollte für Olszewski die zeitweilige (1968-1970) Entziehung der Zulassung als Anwalt sein. Ihn dauerhaft aus dem Beruf zu verbannen, wagten die Kommunisten dann doch nicht. Zu groβ war seine Autorität, zu gut sein Ruf, umso mehr, als er in politischen Prozessen seine Mandanten ohne ein Honorar verteidigte.

Ab Mitte 1970 durfte Olszewski wieder die Anwaltsrobe tragen. Sofort übernahm er ein Mandat im groβen politischen Prozess der Mitglieder der konspirativen Jugendorganisation Ruch („Bewegung“), die antikommunistische Parolen an Häuserwände malte, Flugblätter herstellte und geplant hatte ein Lenin-Museum in der Nähe von Kraków in Brand zu stecken.

Unruhen im Dezember 1970. Panzer auf dem Langen Markt in Gdańsk.

Im Dezember 1970 fegten schwere Arbeiterunruhen in den Küstenstädten Szczecin, Gdynia, Gdańsk und Elbląg den inzwischen greisen, sklerotischen und allgemein verhassten Parteichef Gomułka von seinem Posten. Die Unruhen waren durch eine starke Erhöhung der Lebensmittelpreise ausgelöst worden, die der neue Parteichef und Hoffnungsträger Edward Gierek wieder zurücknahm.

Parteichef und Hoffnungsträger Edward Gierek.

Bis Mitte der 1970er Jahre versank Polen in einem süβen Konsumtraum, verkörpert durch Coca-Cola, Marlboro-Zigaretten und dem „polnischen Volkswagen“, dem kleinen Fiat 125, finanziert von der Gierek-Mannschaft mit westlichen Krediten. Etwa 1975 war der Traum vorbei, die Volksrepublik Polen zahlungsunfähig und die Arbeiterschaft wieder auf den Straβen, wie in der Stadt Radom im Juni 1976. Auch die Intellektuellen protestierten erneut.
Festnahmen- und Verhaftungswellen rollten durch das Land.

Olszewskis Ratgeber „Der Bürger und die Staatssicherheit“.

Olszewski kam damals auf die Idee, den Ratgeber „Der Bürger und die Staatsicherheit“ zu verfassen. Stasi und Miliz hielten sich oft nicht einmal an die eigenen kommunistischen Gesetzte und Regularien im Umgang mit festgenommenen Oppositionellen. Olszewskis Fibel, im Untergrund massenweise gedruckt und vervielfältigt, half den sonst oft eingeschüchterten und hilflosen Opfern sich der Willkür entgegenzusetzen.

Wenig reden, Beistand leisten

Olszewski unterschrieb zwar Protestbriefe, unterstützte mit Rat und Tat verschiedene demokratische Initiativen, ohne jedoch öffentlich groβ in Erscheinung zu treten. Keine Interviews für ausländische Medien, keine Teilnahme an Protestaktionen. Olszewski verstand sich als ein Berater, der dem gewaltlosen antikommunistischen Widerstand juristischen Beistand leistete.

Wie wichtig dieser Beistand war, zeigte sich im Frühherbst 1980. Nach den Arbeiterprotesten im ganzen Land, die wieder einmal durch Lebensmittelpreiserhöhungen ausgelöst wurden und dieses Mal Parteichef Edward Gierek stürzten, entstand Solidarność, die erste freie Gewerkschaft im Ostblock. Olszewski war es, der die Delegierten aus Hunderten von Betrieben, die am 17. September 1980 in Gdańsk zusammenkamen, um über die Zukunft der gerade entstandenen Bewegung zu beraten, davon überzeugte, keine Regionalgewerkschaften, sondern eine landesweite Gewerkschaft zu gründen.

Nur so sei man stark genug, den Regierenden die Stirn zu bieten. Olszewski entwarf auch die Solidarność-Satzung und stand einer Gruppe von Juristen vor, die die Registrierung der Gewerkschaft beim Woiwodschaftsgericht in Warschau vornahm.

Olszewski bei der Registrierung der Gewerkschaft Solidarność beim Woiwodschaftsgericht in Warschau mit Lech Wałęsa und Solidarność-Berater Tadeusz Mazowiecki.

Nach sechzehn Monaten des „Solidarność-Freiheitskarnevals“ verhängte General Jaruzelski am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht in Polen. Solidarność wurde verboten, die volle Parteiherrschaft mit Hilfe von Panzern wiederhergestellt.

Wieder verbrachte Olszewski die Zeit bis 1989 als Verteidiger von Oppositionellen. Als Nebenkläger vertrat er die Familie von Pfarrer Jerzy Popiełuszko bei dem Prozess seiner Stasi-Mörder in Toruń 1984 bis 1985. Sein Schlussplädoyer (das Verfahren wurde im Rundfunk übertragen) hinterlieβ einen tiefen Eindruck.

Olszewski als Nebenkläger vertrat die Familie von Pfarrer Jerzy Popiełuszko bei dem Prozess seiner Stasi-Mörder in Toruń 1984 bis 1985.  Mit Rechtsanwaltskollegen Andrzej Grabiński (l.) und Edward Wende.

Im Auftrag der Kirche vermittelte er zwischen der Untergrund-Solidarność und den Behörden, half mit, den politischen Weg zu den Gesprächen am runden Tisch (6. Februar bis 5. April 1989) zu bahnen. Am Ende dieser Gespräche stand der Anfang vom Ende der kommunistischen Volksrepublik Polen: halbfreie Wahlen am 4. Juni 1989 und die Bildung der ersten nichtkommunistischen Regierung am 12. September 1989.

Probleme mit Wałęsa

Doch in der siegreichen Solidarność entbrannte ein schwerer Konflikt. Lech Wałęsa fühlte sich von Tadeusz Mazowiecki und der Beratergruppe um Prof. Bronisław Geremek, Adam Michnik und Jacek Kuroń übergangen. Wałęsa saβ in der Solidarność-Zentrale in Gdańsk, während die anderen in Warschau die groβe Politik machten. Mazowiecki als Regierungschef, Kuroń als Sozialminister, Michnik als Abgeordneter und Chefredakteur der nun führenden Zeitung des Landes „Gazeta Wyborcza“, Geremek als Solidarność-Fraktionschef im Sejm. Wałęsa dachte, er könnte Politik per Telefonanweisungen machen, doch keiner der Erwähnten nahm seine Anrufe entgegen.

Grollend drängte Wałęsa nun darauf, den im Juli 1989 gemäβ den Vereinbarungen am runden Tisch zum Staatspräsidenten gewählten General Jaruzelski durch zeitnah durchzuführende  Präsidentschaftswahlen abzusetzen. Diese fanden im Dezember 1990 statt und Wałęsa wurde Staatschef.

Vereidigung von Staatspräsident Lech Wałęsa vor dem Sejm und Senat am 22. Dezember 1990.

Olszewski unterstütze ihn in dem Konflikt. Er war überzeugt davon, Wałęsa werde seine Wahlversprechen einhalten und eine radikale Entfernung von kommunistischen Kadern, Stasi-Leuten und Stasi-Zuträgern aus dem Staatswesen vornehmen.

Niemand im Solidarność-Lager war sich damals bewusst, dass Wałęsa ein düsteres Geheimnis hütete. Zwischen 1970 und 1976 hatte er seine Arbeitskollegen in der Danziger Werft als Stasi-IM Bolek bespitzelt und denunziert und hatte dafür nachweislich Geldbeträge erhalten. Von der Angst getrieben enttarnt zu werden, tat Wałęsa genau das Gegenteil von dem, was er versprochen hatte.

Er umgab sich in seiner Präsidialkanzlei und in dem Teil des Staatsapparates, auf den er Einfluss hatte, mit zwielichtigen Figuren aus dem ehemaligen Partei- und Stasiapparat.
Daraufhin wandten sich seine bisher engsten Berater, die Brüder Kaczyński von ihm ab. Dasselbe taten viele andere Persönlichkeiten aus dem Solidarność-Lager. So auch Olszewski.

Mehr noch. Erschrocken von der Vorstellung, die Russen, die von seiner Spitzeltätigkeit ganz bestimmt wussten, könnten ihn durch gezielte Indiskretionen auffliegen lassen, begann Wałęsa Polens Bestreben der Nato und der EU beizutreten zu untergraben. Der KGB hatte in der kommunistischen Zeit Einblick in alle polnischen Stasi-Unterlagen, zog nach Herzenslust Kopien oder lieβ sich Mikrofilme anfertigen. Im Fall des weltberühmten Friedensnobelpreisträgers und Arbeiterführers Wałęsa war er ganz bestimmt auf dem Laufenden.

Und so ging Wałęsa, mir nichts, dir nichts, mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit eine Nato-2 und eine EU-2 für die ostmitteleuropäischen Staaten zu schaffen. Er sprach sich auch dafür aus, die russischen Armeestützpunkte in Polen in polnisch-russische Joint Ventures zu verwandeln. Das würde die russische Anwesenheit in Polen auf Dauer zementieren und den Nato-Beitritt endgültig begraben.

Der Politiker

Das war der Stand der Dinge, als Ende Oktober 1991 die ersten völlig freien Parlamentswahlen in Polen stattfanden. Möglichst viele politische Kräfte sollten bei diesen Wahlen berücksichtigt werden und so zogen neunundzwanzig Parteien in den 460-köpfigen Sejm ein. Darunter auch die Zentrumsvereinigung der Brüder Kaczyński mit dem Abgeordneten Jan Olszewski.

Unter diesen Umständen eine handlungsfähige Regierung zu bilden schien ein Ding der Unmöglichkeit, doch das Wunder geschah. Mitte Dezember entstand, nach vielem Hin und Her, ein Fünf-Parteien-Kabinett mit einer wackeligen Mehrheit und Jan Olszewski an der Spitze. Staatspräsident Wałęsa lieβ die Koalition zähneknirschend gewähren.

Bis heute war es die kurzlebigste polnische Regierung. Sie überdauerte nur 167 Tage (21. Dezember 1991 bis 4. Juni 1992). Doch keine Regierung vor und nach ihr, hat sich so tief in der neuesten politischen Geschichte Polens eingeprägt.

Olszewski verliest seine Regierungserklärung im Sejm am 21. Dezember 1991.

Olszewski brach mit dem hyperliberalen Programm seiner Vorgänger in der Wirtschaftspolitik und beschritt neue Wege in der Innen- und Auβenpolitik. Einstellung der raubbauartigen Privatisierung der Industrie. Der Satz aus seiner Regierungserklärung „Die unsichtbare Hand des Marktes ist oft die Hand eines Diebes“ gehört in Polen seither zu den geflügelten Worten.

„Wir wollen eine Marktwirtschaft, die in einem genau abgesteckten rechtlichen Rahmen funktioniert, damit christliche Familienwerte und die Werte anderer menschlicher Gemeinschaften geschützt bleiben. (…) Die Privatisierung darf nicht weiterhin ein Vorgang sein, der Reiche noch reicher macht und Arme noch mehr verarmen lässt“, hieβ es in Olszewskis Regierungserklärung vom 21. Dezember 1991.

Eine radikale Säuberung der Geheimdienste, der Armee, der Polizei und der staatlichen Verwaltung von alten kommunistischen Kadern sollte stattfinden. Ein klarer Kurs hin zu Nato- und EU-Mitgliedschaft wurde eingeschlagen. Alles was Lech Wałęsa nicht wollte.

Der vom ersten Augenblick an schwelende Konflikt loderte zum ersten Mal am 22. Mai 1992 auf. Wałęsa war seit einem Tag in Moskau, um gemeinsam mit Präsident Jelzin den polnisch-russischen Vertrag über Freundschaft und gut nachbarschaftliche Zusammenarbeit zu unterschreiben, der noch vor Olszewskis Amtsantritt ausgehandelt worden war. Ein Punkt, war die Umwandlung der russischen Armeestützpunkte in Polen in russisch-polnische Joint Ventures.

Staatspräsidenten Wałęsa und Jelzin in Moskau. Mai 1992.

Olszewski zögerte nicht, Wałęsa nach Moskau ein chiffriertes Telegramm zu schicken, das dem Staatspräsidenten unmittelbar vor der Unterzeichnung diskret zugestellt wurde. Darin stand, die Regierung entziehe Wałęsa die Unterzeichnungsvollmachten, sollte er den Joint-Venture-Punkt nicht aus dem Vertrag entfernen. Wutschnaubend bat Wałęsa Jelzin um Nachverhandlungen. Die Joint Ventures verschwanden aus dem Text, aber Wałęsa schwor damals Rache.

Die Möglichkeit ergab sich beinahe umgehend. Am 28. Mai 1992 stimmte der Sejm dem Ad-hoc-Antrag eines Abgeordneten zu, die Regierung zu verpflichten, in den damals nicht zugänglichen Stasi-Archiven innerhalb von sechs Tagen zu überprüfen, ob es im Kabinett und im Parlament Stasi-IMs gab.

Innenminister Antoni Macierewicz und seine Mitarbeiter erfüllten diesen Auftrag in hektischer Tag- und Nachtarbeit. Am 3. Juni 1992 brachte Macierewicz die Liste in einem versiegelten Umschlag in den Sejm. Lange blieb sie nicht geheim. Vierundsechzig Namen standen drauf. Ein zweiter Umschlag enthielt zwei Namen: den Wałęsas und den des Parlamentspräsidenten Wiesław Chrzanowski.

In einer Blitzaktion organisierte Wałęsa eine parteienübergreifende Koalition der Angst, die noch in derselben Nacht in einer Abstimmung die Regierung Olszewski zu Fall brachte. Es galt, die Büchse der Pandora schleunigst zu schlieβen, was auch gelang. Erst gut zehn Jahre später wurde eine polnische Gauck-Behörde gegründet, das Institut des Nationalen Gedenkens, und die Stasi-Archive wurden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Sofort danach befahl Wałęsa seinen Vertrauensleuten die eigentlich unzugänglichen polnischen Stasiarchive zu durchforsten. Er lieh sich seine Stasiakten aus und gab sie nach einiger Zeit mit herausgerissenen Seiten zurück. Doch alle Hinweise auf seine Spitzeltätigkeit, verstreut über verschiedene Dienststellen, Kataloge und Karteien konnte er nicht vernichten.

Wałęsa konnte auch nicht wissen, dass sein Partner bei den Gesprächen am runden Tisch, Innenminister und Stasi-Chef, General Czesław Kiszczak  die wichtigsten Beweise gegen ihn bei seiner Entlassung einfach mit nach Hause genommen hatte. All diese Unterlagen kamen nach und nach zum Vorschein und fügten sich etwa 2016 zu einem Bild, das keinen Zweifel mehr daran lässt. Wałęsa hat zwischen 1970 und 1976 seine Kollegen von der Werft gegen Spitzelhonorare denunziert, auch wenn er es vehement abstreitet. So gesehen blieb Olszewskis Sturz auf Dauer wirkungslos.

Das Symbol

Olszewski versuchte sich danach noch einige Male in der Politik. Ohne Erfolg. Je weiter jedoch seine kurze Regierungszeit zurücklag, umso deutlicher sah man, wie wichtig sein Anliegen war, die tiefe Verstrickung des kommunistischen mit dem neuen Polen zu beseitigen. Es war weitestgehend gelungen die DDR-Kader und Strukturen vom wiedervereinigten Deutschland fernzuhalten. Ob in der Justiz, in den Medien oder in der Wirtschaft. In Polen wurde diese Selbstverständlichkeit, bis heute, noch lange nicht umgesetzt.

Olszewski war der Jurist, Journalist und Politiker, der sich von den Kommunisten nie hatte korrumpieren lassen. Deswegen schlug ihm so viel Ablehnung und Hass all jener entgegen, die den Verlockungen und Drohungen der Kommunisten nicht gewachsen waren. Olszewski wurde mit der Zeit zur Symbol- und Leitfigur all derer, die sich nicht mit einem Polen zufriedengeben wollten, in dem Stasi-Agenten und Partei-Kader unter dem Deckmantel der Demokratie weiterhin das Sagen haben.

Beisetzungsfeierlichkeiten Jan Olszewskis. Staatspräsident Andrzej Duda hielt die Trauerrede in der Warschauer Kathedrale. Zehntausende gaben Olszewski das letzte Geleit.

Bescheiden, zurückhaltend, aber im Kern unverbrüchlich in seiner Haltung lebte er weitgehend zurückgezogen und in den letzten Lebensjahren, schwer krank, in Warschau. Zehntausende, die seine Auffassung vom Anstand in der Politik teilten, gaben ihm das letzte Geleit.

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Pudding mit Kanten

Am 13. Januar 2019 starb Paweł Adamowicz.

Sein Tod war schrecklich. Umso überwältigender gerieten die Lobreden, die Paweł Adamowicz auf seinem letzten Weg begleiteten. Sie waren gut gemeint, aber sie hatten nicht viel zu tun mit dem wahren Leben eines Haudegen-Politikers, der es gut verstand sich sympathisch zu geben und grob zu agieren, der heftig austeilte und auf gleiche Weise einstecken musste. Sein politischer Kompass war sein überdimensionaler Ehrgeiz.

Während eines Wohltätigkeitskonzertes unter freiem Himmel, sprang am Abend des 13. Januar 2019 im Stadtzentrum von Gdańsk ein 27-jähriger Mann auf die Bühne. Mit einem knapp fünfzehn Zentimeter langen Messer stach er auf den Stadtpräsidenten von Gdańsk ein.

Der 53-jährige Paweł Adamowicz hatte, wie wir heute wissen, keine Chance. Von den insgesamt fünf Stichen, trafen ihn drei in Bauch und Brustkorb. Das Herz und fast alle inneren Organe wurden schwer verwundet. Zweimal gelang es dem Opfer Stiche abzuwehren. Schnitte am linken Handgelenk zeugten davon. Bis weit in den nächsten Tag hinein kämpften Ärzte um Paweł Adamowiczs Leben. Vergebens.

Von der Bühne, auf der sich Musiker und Offizielle tummelten, hallte lauter Gesang, bengalische Feuer wurden gerade gezündet. Adamowicz stand in einer schlecht beleuchteten Ecke. Das Geschehen ging zuerst im Krach und Lichtergewitter unter, aber der Mörder lief nicht davon. Er griff zum Mikrofon, um seine Botschaft zu verkünden. Er räche sich auf diese Weise an der einstigen Regierungspartei Bürgerplattform, die ihn unschuldig ins Gefängnis gesteckt habe. Erst dann konnte er überwältigt werden.

Der Täter Stefan W. ist psychisch schwer gestört, leidet an paranoider Schizophrenie, neigt zu Gewaltausbüchen, hat nie regelmäβig gearbeitet und lieβ sich von seiner Mutter durchfüttern. Er verlieβ im Dezember 2018 das Gefängnis, nachdem er eine fünfeinhalbjährige Haftstrafe bis auf den letzten Tag abgesessen hatte. Verurteilt hatte man ihn wegen vier Überfällen auf Bankfilialen, bei denen er geringe Geldbeträge erbeutete.

Mit Adamowicz wurde eine allseits bekannte politische Persönlichkeit, geradezu eine Institution, ermordet. Zwanzig Jahre lang war er Oberbürgermeister von Gdańsk. Nach den letzten Kommunalwahlen im Herbst 2018 begann seine sechste Amtsperiode. Zudem gehörte er zu den unerbittlichsten Widersachern der jetzigen polnischen Regierung, gegen die er heftig wetterte. Deswegen, und aufgrund gewichtiger Korruptionsvorwürfe, die er nicht glaubhaft widerlegen konnte, geriet Adamowicz in den letzten Jahren immer wieder in die Schlagzeilen.

Auf den Apostelnamen getauft

Er kam 1965 zur Welt, mitten in der Innenstadt von Gdańsk, in der ulica Mniszki, der einstigen Nonnengasse, wohin seine Eltern 1946 aus der zwangsweise an die Sowjetunion abgetretene Stadt Wilno/Wilna umgesiedelt wurden.

In solchen Familien kam der Kommunismus keinen Fuβbreit über die Türschwelle. Schwer gezeichnet von ihren Erfahrungen mit den Sowjets im nun abgetrennten polnischen Osten, pflegten die Adamowiczs in ihren vier Wänden die nationale Tradition, das Gedenken an die Opfer sowjetischer Verbrechen, die 1940 in Katyń und anderswo ermordet wurden oder durch die Hölle der Verbannung nach Sibirien gingen. Der Glaube war das Fundament, und es verstand sich von selbst, dass die beiden Söhne auf die Namen der Apostel Piotr und Paweł (Peter und Paul) getauft wurden.

Brigittenkirche in Gdańsk.

Nebenan befand sich die Brigittenkirche, wo der rührige Henryk Jankowski, der spätere Beichtvater von Lech Wałęsa, Gemeindepfarrer war. Das Gotteshaus galt schon in den Siebzigerjahren als ein Hort der Opposition. Paweł und sein vier Jahre älterer Bruder Piotr waren dort Messdiener.

Pawel Adamowicz. Ferien in der Hohen Tatra 1979.

Seit der Verhängung des Kriegsrechts in Polen am 13. Dezember 1981, bis zum Ende des Kommunismus 1989, war Jankowskis Pfarrhaus das informelle internationale Informationszentrum der verbotenen Gewerkschaft Solidarność. Zähneknirschend mussten das die kommunistischen Behörden hinnehmen.

Vor der Pfarrei der Brigittenkirche, November 1988 (v. l. n. r.) : Pfarrer Henryk Jankowski, Premierministerin Margaret Thatcher, Lech Wałęsa.

Hier hielt, so die offizielle Propaganda, „der einfache Werft-Elektriker“ Lech Wałęsa Pressekonferenzen ab, gab Interviews. Hier war die Anlaufstelle westlicher Korrespondenten und Diplomaten, die Kontakt zu Solidarność suchten. Hier empfing Wałęsa prominente Gäste, wie u. a. 1987 den damaligen US-Vizepräsidenten George Bush und 1988 die britische Premierministerin Margaret Thatcher. Vor der Pfarrei rief im August 1989 Norbert Blüm seinen historischen Satz aus: „Marx ist tot, Jesus lebt!“. Paweł Adamowicz war stets in den Nähe.

Geschniegelt und gestriegelt

Als im Spätsommer 1980 die landesweiten Streiks mit der Gründung der Solidarność, der ersten freien Gewerkschaft im ganzen kommunistischen Machtbereich endeten, war Adamowicz fünfzehn Jahre alt und gerade Schüler am unweit gelegenen Nikolaus-Kopernikus-Lyzeum geworden.

Sechzehn Monate lang, bis Dezember 1981, als das Kriegsrecht verhängt und Solidarność verboten wurde, brodelte, wie im ganzen Land, auch an seiner Schule das oppositionelle Tun. Adamowicz nahm eine leere Vitrine, die in einem der Schulkorridore an der Wand hing, in Beschlag und begann mit einigen Mitschülern regelmäβig eine Wandzeitung mit dem Titel „Godło“ („Das Wahrzeichen“) zu veröffentlichen.

Das Kriegsrecht setze all dem am 13. Dezember 1981 ein Ende. Bruder Piotr wurde interniert und kam erst im August 1982 wieder frei. Paweł nahm die Miliz zum ersten Mal während einer groβen Protestdemonstration gegen das Solidarność-Verbot Anfang Mai 1982 fest.

Paweł Adamowicz (l.) bei der Papst-Messe am 12.06.1987 für ca. eine Million Menschen in Gdańsk beim Besuch Johannes Paul II.

Bruder Piotr war in jenen Jahren eine umtriebige und bedeutende Person in den Danziger Oppositionskreisen. Paweł dagegen mochte es beschaulicher. Er widmete sich dem Vertrieb von Untergrundpublikationen. Sein Metier waren Selbstbildungszirkel, wo sich wissbegierige junge Leute trafen, um mit Hilfe oppositioneller Historiker, Soziologen, Ökonomen Lücken in ihrem Wissen zu füllen, die das offizielle Bildungssystem hinterlieβ, weil es hunderte von Tabuautoren und Tabuthemen gab, wie die Katyń-Morde der Sowjets.

Paweł verkörperte damals den Musterschüler. Beste Noten, stets geschniegelt und gestriegelt, höflich, hochgewachsen, etwas unbedarft und schüchtern, schnell errötend, intelligent, belesen, aber auch jeder Zeit da für andere. „Baby face“ nannten sie ihn damals oder „budyń“ („Pudding“). So jemand wie er damals, wird auch heute noch gerne zum Kassenwart oder zum Klassensprecher gewählt.

Paweł Adamowicz, Chef des studentischen Streikkomitees an der Universität Gdańsk. Mai 1988.

So trat er im Mai 1988 zum ersten Mal vor einem breiten Publikum in Erscheinung. Kommilitonen setzten auf seine Besonnenheit und wählten Paweł Adamowicz zum Chef des studentischen Streikkomitees an der Universität Gdańsk, wo er Jura studierte. Der Streik war ein Zeichen der Solidarität mit den Arbeitern der Danziger Lenin-Werft, die wieder einmal die Arbeit niedergelegt hatten, um die Wiederzulassung der Solidarność zu erzwingen. Der Streik scheiterte. Wer hätte damals gedacht, dass schon ein gutes Jahr später der kommunistische Spuk in Polen vorbei sein würde.

Nun machten Leute wie Adamowicz atemberaubende Karrieren. Um sich dem Geist der Zeit gewachsen zu zeigen, wählte der gewendete Senat der Universität Gdańsk den 25-jährigen Magister 1990 zum Prorektor für Studentenfragen. Im gleichen Jahr schaffte Adamowicz bei den ersten freien Kommunalwahlen den Sprung in den Stadtrat von Gdańsk.

Pharao Adamowiczs Pyramiden

Noch versuchte er sich als Rechtsberater zu etablieren, aber die Politik ergriff zunehmend Besitz von ihm. Vier Jahre später wurde er erneut Ratsherr und der Stadtrat wählte ihn zum Vorsitzenden. Nach weiteren vier Jahren, 1998, wählten ihn die Ratsherren zum Stadtpräsidenten, wie die Oberbürgermeister in Polen heiβen. Als im Jahr 2002 die Stadtoberhäupter zum ersten Mal direkt gewählt wurden, war Adamowicz wieder der Sieger. So sollte es noch 2006, 2010, 2014 und 2018 sein.

Am Anfang der Neunzigerjahre kam der wirtschaftliche Zusammenbruch. Ein Staatsbetrieb nach dem anderen ging Pleite, mit dabei die Werft, die ruhmreiche Wiege der Solidarność. Die Arbeitslosigkeit stieg gewaltig, nur wenige Heimwehtouristen aus Deutschland bevölkerten die wiederaufgebaute Rechtstadt, wie die Altstadt in Gdańsk heiβt. Die Stadtkasse war so leer, dass die Straβenbeleuchtung um 22 Uhr gelöscht werden musste.

Heute sind das längst vergangene Zeiten. Gdańsk boomt, wie alle anderen Groβstädte in Polen. Der EU-Beitritt, viele Standortvorteile, die Beibehaltung der eigenen Währung, die Emsigkeit der Polen u. e. m. befeuern bis dato die anhaltend gute Konjunktur.

Adamowicz vor dem Amber-Stadion in Gdańsk.

Ausgezahlt hat sich in all den Jahren Adamowiczs Hartnäckigkeit Gdańsk zu einem der Austragungsorte der Fuβball-EM 2012 zu machen. In seine Amtszeit fiel die gelungene verkehrstechnische Anbindung der früher schwer erreichbaren, teilweise brachliegenden Hafenflächen an der Toten Weichsel, unter der seit 2016 ein Tunnel verläuft.

Adamowicz im Tunnel unter der Toten Weichsel. April 2016.

Zu Adamowiczs Hinterlassenschaften gehören jedoch auch monumentale Monsterbauten, in denen er sich, einem Pharao gleich, verewigen wollte. Da ist das tiefschwarz-klobige Gebäude des Shakespeare-Theaters, im Volksmund „Krematorium“ genannt. Mit seinen kolossalen Ausmaβen (ein Volumen von 53.000 Kubikmetern, die Nutzfläche beträgt über 12.000 Quadratmeter) erdrückt es geradezu die prächtige Rechtstadt mit der Marienkirche.

Das Shakespeare-Theater.

Um die Ecke, gegenüber vom Goldenen Tor, verstellt seit Mai 2018 den Blick auf die Rechtstadt das 33 Meter hohe Forum-Gdańsk-Handelszentrum, ebenfalls ein Lieblings-Projekt Adamowiczs. Volumen gut 700.000 Kubikmeter, Nutzfläche knapp 150.000 Quadratmeter. Die Aufstellung lieβe sich fortsetzten.

Das sonderbare Aktienportfolio

Der Bauboom, der vor einigen Jahren Gdańsk erfasste, hat sich inzwischen in Bauwut verwandelt. Adamowicz, so der Vorwurf der Opposition und der Denkmalschützer, lieβ in Gdańsk die Baulöwen zunehmend schalten und walten wie sie wollten. Hing das damit zusammen, dass der Stadtpräsident bis kurz vor den letzten Kommunalwahlen (im Herbst 2018) 37.000 Aktien der Firma Robyg im Wert von umgerechnet ca. 36.000 Euro besaβ? Anfang 2019 betrieb Robyg acht Groβbaustellen in Gdańsk.

Adamowicz war zudem bis zuletzt Besitzer von 1.100 Aktien der Firma Budimex für weitere umgerechnet gut 53.000 Euro. Budimex will im Stadtteil Zaspa/Zaspe, entgegen heftigen Protesten der Anwohner, die Landebahn des 1974 stillgelegten Flughafens überbauen.

Das Tryton Business House. Im Vordergrund Denkmal für die 1970 gefallenen Werftarbeiter (Fragment).

Des Weiteren hatte Adamowicz in seinem Portfolio 17.000 Aktien der Firma Echo Investment für umgerechnet ca. 20.000 Euro. Diese baute gegenüber der stillgelegten Werft das Tryton Business House mit 25.000 Quadratmetern Nutzfläche.

Auf den Interessenkonflikt angesprochen, antwortete Adamowicz allen Ernstes, für ihn sei das bis dato ein Verlustgeschäft gewesen. Die Aktien von Budimex und Echo Investment seien, seit ihrem Kauf im April 2018 beziehungsweise im November 2017, nämlich im Kurs gefallen. Auβerdem handle er im Geiste des Wirtschaftspatriotismus, wenn er Aktien polnischer Unternehmen erwerbe.

Viel eigenes Geld übersehen

Adamowiczs Vermögen vergröβerte sich rasch. Im Dezember 2005 kaufte das Ehepaar Paweł und Magdalena Adamowicz zwei Wohnungen in der Wohnanlage Neptun Park in Stadtteil Jelitkowo/Glettkau. Eine dritte erwarb Adamowiczs Schwiegermutter Janina Abramska.

Ihre Versicherungsagentur Olympia bekam von der Stadt, neben anderen lukrativen Aufträgen, das zeitlich uneingeschränkte Exklusivrecht zum Abschluss von Vermögens-, Verkehrs– und Haftpflichtversicherungen mit der Verwaltung der Pommerischen Sonderwirtschaftszone, die über 35 Unterzonen in ganz Polen verfügt.

Wohnanlage Neptun Park. Apartment.

Die Wohnungen wurden von den Dreien noch vor Baubeginn gekauft und zwar sehr günstig. In einer ruhigen Traumlage, unweit von einem Goldsandstrand, mitten im Grün, bekam das Ehepaar Adamowicz für beide Wohnungen umgerechnet gut 65.000 Euro Rabatt. Die Schwiegermutter knapp 41.000 Euro. Kurioserweise erhielt der Investor von Neptun Park genau drei Wochen später die Erlaubnis das wertvolle Grundstück dichter und höher zu bebauen, als in der ursprünglichen Baugenehmigung vorgesehen.

Alle ranghohen staatlichen und kommunalen Beamten in Polen, ausnahmslos alle kommunalen Mandatsträger, Abgeordnete, Staatsanwälte und neuerdings auch Richter sind verpflichtet am Jahresanfang eine Vermögenserklärung abzulegen, die im Internet allgemeinzugänglich ist. Die Angaben werden auf ihren Wahrheitsgehalt vom Zentralen Antikorruptionsbüro (CBA) überprüft.

Im Falle Adamowiczs stellte sich nach und nach heraus, dass er im Januar 2009 sowie im Februar 2010, zusätzlich zu den fünf Wohnungen und zwei Baulandparzellen, die er bereits besaβ, zwei weitere Wohnungen gekauft hatte, sie in den entsprechenden Vermögenserklärungen jedoch nicht aufführte. Zudem waren alle Angaben über Ersparnisse niedriger als bei der Überprüfung festgestellt.

In der Erklärung für 2011 blieben Geldanlagen von umgerechnet 77.000 Euro unerwähnt, plus knapp 6.000 Euro Mieteinnahmen. Im Jahr 2012 ebenfalls gut 20.000 Euro plus knapp 5.000 Euro Mieteinnahmen sowie gut 7.000 Euro für Anteile an dem Investmentfond ARKA BZ WBK. Für die Jahre 2011 und 2012 ergab sich daraus, so das CBA, eine Steuerminderung von umgerechnet knapp 31.000 Euro.

Adamowicz lieβ wissen, er habe sechsunddreiβig Bankkonten und da könne schon mal was durcheinandergeraten. Auβerdem habe er einmal gemachte Fehler von einem Jahr auf das nächste, durch das Abschreiben der Vermögenserklärungen, weitergegeben.

Bereits im Oktober 2013, zwei Jahre vor dem Wahlsieg von Recht und Gerechtigkeit, benachrichtigte das Zentrale Antikorruptionsbüro (CBA) die Staatsanwaltschaft. Im März 2016 stellte das Amtsgericht Gdańsk das Verfahren gegen Adamowicz wegen „Geringfügigkeit und bisheriger Straffreiheit des Angeklagten“ ein.

Paweł Adamowicz vor Gericht. April 2018.

Das Urteil rief damals, gelinde gesagt, erhebliches Staunen hervor und bestätigte in den Augen der Skeptiker, dass Gdansker Justizwesen sei tief verstrickt in örtliche Seilschaften. Die Staatsanwaltschaft reichte beim übergeordneten Distriktgericht Beschwerde ein. Ihr wurde, nach langem Zögern und Vertagen, stattgegeben. Ab September 2017 verhandelte das Amtsgericht Gdańsk, in einer anderen Zusammensetzung, den Fall neu, ohne sich allzu sehr zu beeilen. Nach dem Tod des Angeklagten wird das immer noch laufende Verfahren eingestellt.

Aus der eigenen Partei verbannt

Der Korruptionsverdacht, der auf Adamowicz lastete, entzweite ihn nach und nach mit seiner Partei, der 2001 gegründeten Bürgerplattform seines Schulkameraden Donald Tusk. Im März 2015 wurde er als Parteimitglied suspendiert. Seine Mitgliedschaft erlosch ein Jahr später.

Die Bürgerplattform wollte auf keinen Fall, dass Adamowicz bei den Kommunalwahlen im Herbst 2018 noch einmal für das Oberbürgermeisteramt kandidiert. Es war nicht etwa die Empörung über sein Finanzgebaren, sondern die blanke Angst, weitere Enthüllungen oder gar eine Verurteilung im laufenden Gerichtsverfahren könnten die Partei, mit der Adamowicz allgemein in Verbindung gebracht wurde, in ihrer Hochburg Gdańsk schwer schädigen.

Kommunalwahlen 2018. Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt in Gdańsk (v. l. n. r.): Jarosław Wałęsa (Bürgerplattform), Paweł Adamowicz, Kacper Płażyński (Recht und Gerechtigkeit).

Doch Adamowicz blieb stur. Er gründete sein eigenes Wahlkomitee. Die Bürgerplattform schickte gegen Adamowicz einen eigenen Kandidaten ins Rennen, den Sohn von Lech Wałęsa, Jarosław. Nach seiner Ermordung beweihräuchert die Bürgerplattform Adamowicz wieder. Noch drei Monate zuvor, während des Kommunalwahlkampfes, beschimpfte sie ihn als korrupt und unfähig.

Dasselbe taten noch im Herbst 2018 ausgiebig Medien, wie die „Gazeta Wyborcza“, die ihn nach seinem Tod plötzlich als  Opfer einer jahrelangen  „Hetzkampagne“ staatlicher Behörden und nationalkonservativer Medien darstellen.

Jarosław Wałęsa schied im ersten Wahlgang aus. In der Stichwahl am 4. November 2018 gewann Adamowicz gegen Kacper Płażyński (fonetisch Puaschinski), den von Recht und Gerechtigkeit aufgestellten Kandidaten.

Warum war er so erfolgreich?

Adamowicz hatte offensichtlich einen Freibrief von seinen Wählern bekommen. Egal wie dubios er sich benahm, sie hielten ihm die Treue. Warum, dass bedürfte vertiefter soziologischer Untersuchungen, aber einige wichtige Ursachen liegen auf der Hand.

Je länger er regierte, umso enger war das Geflecht aus Seilschaften, Abhängigkeiten, Schweigegeboten und Ängsten, umso gröβer das allgemeine Verlangen alles lieber beim Alten zu belassen.

Die Stadt mit knapp einer halben Million Einwohnern gibt jedes Jahr umgerechnet 900 Millionen Euro aus. Von den 275.000 Einwohnern Gdańsks im arbeitsfähigen Alter bekommt fast jeder Dritte sein Gehalt von der Stadt mit ihren 27 kommunalen Betrieben, dazu den Grundschulen, Kindergärten, Kultureinrichtungen, teilweise dem Gesundheitswesen usw., oder er lebt von städtischen Aufträgen. Man rechne die Familienmitglieder hinzu. Auf sie konnte Adamowicz auf jeden Fall zählen.

Zudem verwandelte sich der einst brave Provinzpolitiker nach und nach in einen hartgesottenen Macher, einen Meister der Machtspiele: des Verteilens, des Austeilens, des Gegeneinander-Ausspielens.

Vor allem jedoch stand Adamowicz mit seinen provinziellen Minderwertigkeitskomplexen, und dem Umgang mit ihnen, stellvertretend für sehr viele seine Wähler. Wie könnte man sie überwinden? Indem man den Ballast „des Polentums“ über Bord wirft.

„Das Polentum verdummt uns, macht uns blind, führt uns ins Reich der Mythen. (…). Es ist selbst ein Mythos. Ja, das Polentum assoziiert man mit Niederlage, mit Pech, mit Gewitterstürmen. Es kann ja auch nicht anders sein. Polentum das ist Abnormität.“ Diese öffentliche Feststellung seines Idols und politischen Förderers Donald Tusk aus dem Jahr 1989, von der er sich nie distanziert hat, verinnerlichte Paweł Adamowicz zunehmend.

 Oberpatrizier der Freien Stadt Danzig

Paweł Adamowicz in Danziger Patriziertracht.

Je länger Adamowicz amtierte, umso mehr berief er sich auf die Hansezeit, als sich die reiche Stadtrepublik Gdańsk zwar im polnischen Staatsverband befand, aber seine inneren Angelegenheiten selbst regelte und sogar einmal Krieg gegen Polen führte. Zwar ergaben sich die Macht und der Reichtum Gdańsks aus seiner Lage und wären nicht denkbar ohne das polnische Hinterland, die Warenströme (Holz, Getreide, Salz, Teer, Honig, Tuchwaren usw.), die über die Weichsel von Polen kamen und nach Polen gingen. Doch diesen Aspekt überging die städtische Geschichtspolitik lieber mit Schweigen.

Museum der Freien Stadt Danzig.

Mit der Zeit entdeckte Adamowicz zudem die zwischen 1919 und 1939 existierende Freie Stadt Danzig (FSD) für sich. Es war zwar ein krisenschürendes, künstliches politisches Gebilde, geschaffen durch den Versailler Vertrag, und Polen gegenüber, das dort einige Vorrechte hatte, sehr feindselig eingestellt. Obendrein träumte die überwiegend deutsche Bevölkerung der FSD nur von einem: „heim ins Reich“. Hitler erfüllte ihr diesen Wunsch. Dankbar breitete sie vor seinem offenen Mercedes auf dem Langen Markt im September 1939 einen Blumenteppich aus. Die Polen der Freien Stadt wurden kurz darauf fast ausnahmslos im nahegelegenen Vernichtungslager Stutthof ausgerottet.

Enthüllung des „Grenz-Straβenrondells Freie Stadt Danzig Republik Polen (1920-1939)“.

Grenzstein FSD Polen in Kokoszki.

Mit Adamowicz lebte die FSD in verklärter Form wieder auf. Ein Museum direkt am Grünen Tor wurde eingerichtet. Straβenbahnen bekamen den weiβ-blauen Anstrich aus der FSD-Zeit. Nach dem ehemaligen Grenzübergang von der FSD nach Polen, im Stadtteil Kokoszki/Kokoschken, lieβ Adamowicz ein Straβenrondell benennen. Ein aus dem Museum geholter Grenzstein mit einem eingeritzten „P“ für Polen und FD „Freie Stadt Danzig“, markiert den alten Grenzverlauf. Seine Idee die gesamte Grenze der FSD mit nachgemachten Grenzsteinen abzustecken war dann doch zu viel des Guten und wurde vorerst verworfen.

Straβenbahn mit weiβ-blauem Anstrich aus der FSD-Zeit.

Dafür ist die Idee Straβenbahnen nach verdienten Alt-Danzigern zu benennen Adamowicz übel aufgestoβen, als herauskam, dass einer der Namensgeber, der Biochemiker und Nobelpreisträger Adolf Butenandt, ein Nazi war.

Nach Adolf Butenandt benannte Straβenbahn.

Polnische Armee raus, Migranten rein

Dessen ungeachtet träumte Adamowicz seinen Autonomietraum weiter, ohne dabei jedoch, da war er klug genug, die rote Linie zu überschreiten und ihn etwa öffentlich zu seinem Programm zu erheben. Doch die Indizien dafür, dass sein Glaube an die eigene politische Gröβe und Bedeutung schnell wuchs, häuften sich und das gefiel seinen Parteigängern.

Im Oktober 2016, auf einem der Höhepunkte der Auseinandersetzung um die Justizreform, lud Adamowicz die Richter des Verfassungsgerichts ein, in Gdańsk den 30. Jahrestag der Gründung des Gerichtes zu feiern. Während der von der deutschen Adenauer-Stiftung mitfinanzierten Veranstaltung rief er im Artushof die unverhüllte Drohung an die Adresse der Warschauer Behörden aus: „Wenn die Regierung schwächelt, nicht gut funktioniert, dann übernimmt die kommunale Selbstverwaltung ihre Funktionen, sie steht als Ersatz bereit“.

Feierlichkeiten auf der Westerplatte im Morgengrauen des 1. September 2018. Die Armee war dabei.

Weitere verbale Kraftproben fanden 2017 und 2018 statt, jeweils vor dem Jahrestag des Kriegsausbruchs am 1. September 1939. Die Feierlichkeiten finden auf der Westerplatte statt. Adamowicz provozierte wieder einmal gezielt die traditionsbewussten Polen. Er forderte, die polnische Armee solle nicht länger an den Feierlichkeiten teilnehmen, das sei nicht mehr zeitgemäβ, stattdessen solle sie Pfadfindern Platz machen.

Dezember 2018. Stadtpräsident Adamowicz übergibt der tschetschenischen Vorsitzenden die Gründungsurkunde des städtischen Migrantenrates.

Im Juni 2017 verkündete er, seine Stadt werde Migranten aufnehmen, also eine Maβnahme ergreifen, die allein in die Zuständigkeit der Zentralregierung in Warschau fällt.

Den Worten folgten keine Taten, aber die von Adamowicz wohlüberlegt betriebene mediale Verwandlung seiner Person in einen gewichtigen Gegenspieler des „Regimes“ in Warschau, wie er zu sagen pflegte, machte weitere Fortschritte.

Lenin und EU

Adamowiczs „Stadtrepublik“ sollte „hanseatisch“, „europäisch“, „weltoffen“, „tolerant“ und „multikulturell“ sein. Geflaggt wurde in Gdańsk in den letzten Jahren am liebsten mit der roten Danziger Zwei-Kreuze-Fahne und dem EU-Banner. Immer öfter gesellte sich die Regenbogenfahne dazu.

Stadtpräsident Adamowicz bei einer Homosexuellen-Veranstaltung im Mai 2018.

Derselbe Stadtpräsident, der noch 2005 eine Homosexuellen-Kundgebung nicht zulieβ, nahm 2017, wie selbstverständlich, die Regenbogenflagge schwingend, an einem Gay-Pride-Marsch teil.

Adamowicz setzte sich lautstark und medienwirksam für das Verbot der nationalradikalen Splittergruppe ONR ein, die einmal durch Gdańsk mit weiβ-roten Fahnen marschierte.

Solidarność-Mitglieder beseitigen im August 2012 den Namen „Lenin“ vom Werft-Eingangstor.

Gleichzeitig beharrte er darauf, dass auf dem historischen Einfahrtstor zur stillgelegten Danziger Werft, wie zu kommunistischen Zeiten, die riesige Aufschrift „Lenin-Werft“ prangte. Erboste Solidarność-Aktivisten haben ihm den „Lenin“ zweimal mit Schweiβbrennern vom Tor abgetrennt. Dann endlich gab der Lenin-Fan Adamowicz auf.

EU-Befürworter Paweł Adamowicz.

Bei der Umsetzung seiner Ambitionen spielte das „Europäische“, als das Gegenprojekt zu dem Traditionell Polnischen, eine wichtige Rolle. Mit dem Europäischen Zentrum der Solidarność (EZS), einem überdimensionierter Kasten mit rostiger Fassadenverkleidung und einer Nutzfläche von gut 25.000 Quadratmetern wollte sich Adamowicz sein wichtigstes Denkmal setzten. Hier wurde der Sarg mit seinem Leichnam aufgebahrt.

Gepflegt wird hier, in der ständigen Ausstellung, und vor allem in den öffentlichen Veranstaltungen, eine ausgesprochen einäugige Sichtweise der Gewerkschaft, deren wichtiges Fundament die polnische Volksfrömmigkeit war. Im EZS jedoch herrschen eine aufdringliche, linksliberale politische Korrektheit und Pädagogik vor. Viel Gender-Ideologie, eine geradezu kindisch naive Verherrlichung der EU vermischen sich mit einer hymnischen Verklärung des heute nur noch clownesk wirkenden Polterrentners Lech Wałęsa. So jedenfalls sehen es viele Solidarność-Veteranen und so sieht es die heutige Leitung der Gewerkschaft, die zwar Vertreter im Stiftungsrat hat, ansonsten jedoch um das EZS einen weiten Bogen macht.

Sarg mit dem Leichnam des ermordeten Stadtpräsidenten im EZS.

Auf tragische Weise gestorben ist ein ambitionierter und machtbewusster Politiker, der Konflikten nicht auswich und sie bis zum Letzten austrug. Ruhe geben war nicht seine Art. Möge er sie jetzt finden.

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Der Poltergeistliche

Am 27. Dezember 2018 starb Bischof Tadeusz Pieronek.

Die Tugend der Mäβigung bei der Strafpredigt war ihm nicht gegeben. Bischof Tadeusz Pieronek wurde nicht müde, Feuer, Schwefel und Schande gegen Polens regierende Nationalkonservative und alles was sie taten heraufzubeschwören. Aus Nachsicht nun Mäβigung walten zu lassen, wäre in seinem Fall jedoch verhängnisvoll. Schlieβlich ist nichts erfolgreicher als der Exzess, wenn jemand so sehr geltungs- und mediensüchtig ist, wie es der Verblichene war.

Held der Schreckensberichte

Zur Geltung verhalf dem Bischof die geballte Macht der Anti-Recht-und-Gerechtigkeit-Medien, sowohl der polnischen, wie die „Gazeta Wyborcza“, als auch der polnischsprachigen, die in groβer Zahl von ausländischen, überwiegend deutschen Medienunternehmen betrieben werden.

Fernsehteams aus Deutschland und Frankreich konnten jederzeit mit Pieronek rechnen, wenn sie ihre maβlos überzogenen Schreckensberichte im heutigen Polen drehten, dem angeblichen Hort des Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus, Klerikalismus, der allgemeinen Unterdrückung und des heldenhaften zivilen Widerstandes, der in Wirklichkeit ein normaler Protest war, weder helden- noch massenhaft, dafür sehr hysterisch. Die Gegenseite kam in diesen Berichten gar nicht erst zu Wort.

Bischof Pieronek am Grab des verunglückten Staatspräsidenten Lech Kaczyński und seiner Gattin in der Wawel-Krypta. „Die gehören nicht hierher“.

Das Gefühl von Peinlichkeit schien dem Seelenhirten Pieronek dabei immer mehr abhandenzukommen. Noch im Frühjahr 2018, vor laufender TV-Kamera von France 3, am Grab des verunglückten Staatspräsidenten Lech Kaczyński und seiner Gattin stehend, wetterte der Geistliche gegen den für die beiden „unpassenden“ Bestattungsort in der königlichen Krakauer Wawel-Krypta und gegen das in Polen angeblich herrschende autoritäre Regime.

Das vermeintliche „Regime“, dem Bischof Pieronek stets unerbittlich die Leviten las, hat ihn deswegen nie im Geringsten belangt, ebenso wenig wie einen der Künstler, Wissenschaftler, Journalisten, Politiker, die in den Schreckensreportagen ausländischer Medien über Polen, gemeinsam mit ihm, ihre Jeremiaden anstimmten, frei nach Friedrich Schiller: „Alles in Polen hat sich in Prosa und Versen verschlimmert. Ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit!“.

Mehr noch. Einer der führenden Vertreter des „Regimes“, Polens Staatspräsident Andrzej Duda, auch er in Kraków zu Hause, twitterte kurz nach Pieroneks Tod: „Wir haben uns gekannt und waren in vielen Angelegenheiten verschiedener Meinung, vor allem was die Politik angeht. Wir hatten oft unterschiedliche Ansichten, aber ich habe für den Herrn Bischof stets Achtung empfunden. (…) Sein Tod ist ein Verlust für die Kirche in Polen.“ Ob ausgerechnet diese Würdigung dem unversöhnlichen Gottesmann im Jenseits gefallen hat?

Ans Dritte Reich angeschlossen

Er gelangte dorthin nach einem langen Leben, dass 1934 seinen Anfang im Dorf Radziechowy, Landkreis Żywiec, nahm, etwa einhundert Kilometer südöstlich von Kraków, im heutigen Dreiländereck Polen-Slowakei-Tschechien.

Vater Władysław Pieronek (1896-1947). Haus in Radziechowy.

Der Vater war einst Gemeindevorstand, Eigentümer eines Gemischtwarenhandels, und ein vermögender Mann für ein Dorf, das damals in einem eher ärmlichen Teil Polens lag. Fleiβ und eisernes Sparen erlaubten dem Ehepaar Pieronek zehn Kinder groβzuziehen und ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen. Tadeusz war das achte Kind in der Geschwisterreihe.

Die Familie drängte sich in einer engen Wohnung in der ersten Etage des zweistöckigen Hauses, das der Vater über Jahre mühsam gebaut hatte. Unten war der Laden. Zwei Zimmer der ersten Etage wurden an junge Lehrer vermietet. Ganz oben befand sich das Warenlager.

September 1939. Deutsches Flugzeug, polnische Flüchtlingskolonnen.

Anfang September 1939 flüchteten die Pieroneks mit Tausenden anderer Zivilisten vor den schnell vorrückenden deutschen Truppen. Nach Tagen des Herumirrens im dichten Flüchtlingsstrom, der sich über die Landstraβen wälzte, immer wieder von deutschen Flugzeugen beschossen, kehrten sie erschöpft nach Hause zurück.

„Saybusch-Aktion“. Vertreibung der polnischen Bevölkerung.

Ihre Heimat wurde bereits im Oktober 1939 als Teil des sogenannten Regierungsbezirks Kattowitz (hierbei handelte es sich um den östlichen, polnischen Teil Oberschlesiens) an das Dritte Reich angeschlossen. Żywiec hieβ ab jetzt Saybusch. Im Landkreis sollten Deutsche aus dem Baltikum, der Bukowina, aus Wolhynien und dem Balkan, die Hitler „heim ins Reich“ befohlen hatte, eine neue Heimat finden.

Höfe, Wohnungen, Werkstätten, Läden wurden den deutschen Umsiedlern in Aussicht gestellt. Es galt diese Versprechen einzulösen, als im Morgengrauen des 20. September 1940 deutsche Räumkommandos mit der Aussiedlung der Polen begannen. Die „Aktion Saybusch“ lief an. Innerhalb von zwanzig Minuten durfte jeder Auszusiedelnde nur ein Gepäckstück zum Mitnehmen richten. Stunden später zogen Deutsche in ihre Unterkünfte ein.

„Saybusch-Aktion“. „Heim ins Reich“ geholte Deutsche ziehen ein.

Über Sammellager wurden bis 1944 etwa fünfzigtausend Polen aus dem Landkreis Żywiec in das sogenannte Generalgouvernement (so hieβen die Gebiete des besetzten Polens mit Warschau und Kraków, die nicht ans Reich angegliedert wurden) gebracht. Dort wurden sie zumeist auf freiem Feld abgesetzt und sich selbst überlassen.

Wohlwissend, dass auch sie dieses Schicksal ereilen wird, brachten die Pieroneks ihre Kinder bei Verwandten und Bekannten unter. Tadeusz und sein zwei Jahre älterer Bruder Mieczysław fanden Unterschlupf beim Bruder der Mutter, einem Priester in Kęty (deutsch Kenty). Es ist eine Kleinstadt zwischen Żywiec und Oświęcim, an dessen Rand sich das Vernichtungslager Auschwitz befand.

Bis Oświęcim sind es von Kęty aus nur zwanzig Kilometer. „Wir konnten Auschwitz riechen. Ein süβlicher Geruch lag in der Luft. Wir wussten was sich dort abspielt. Nicht in allen Einzelheiten, aber wir wussten es“, erinnerte sich der Bischof Jahrzehnte später in einem Interview. „In Oświęcim auf der Straβe habe ich einige Male Gefangenenkolonnen gesehen, SS-Männer, Hunde“.

Die Berufung

Im April 1945, der Krieg erreichte inzwischen die Vororte von Berlin, trafen nach und nach im ruinierten Haus in Radziechowy die verstreuten Kinder und die Eltern Pieronek ein. Es glich einem Wunder, alle hatten überlebt.

Je mehr sich nun der Kommunismus in Polen unter den sowjetrussischen Fittichen ausbreitete, umso schwieriger wurde das Leben der Pieroneks in Radziechowy. Das neue Regime gängelte die Privatwirtschaft immer heftiger: willkürlich auferlegte Sondersteuern, ständige Kontrollen und Durchsuchungen, Preisvorgaben die jeglichen Gewinn verschlangen. So sah die von den Kommunisten ausgerufene „Schlacht um den Handel“ aus, in der auch Tadeuszs Vater nicht bestehen konnte. Sein Laden wurde 1949 verstaatlicht. Die Kommunisten hatten die Schlacht gewonnen, nur gab es, so lange sie regierten, also bis 1989, kaum etwas zu kaufen.

Immerhin durfte Tadeusz, das Kind eines „Dorfbonzen“, die Grundschule beenden und 1951 das Abitur im Gymnasium von Żywiec machen. Dass er aufs Priesterseminar in Kraków gehen würde war für ihn seit Langem beschlossene Sache. Das tiefreligiöse Elternhaus, wo das Praktizieren des Glaubens so selbstverständlich war wie das Atmen, aber auch die Kriegserlebnisse, die Repressalien des Kommunismus formten seine Berufung.

Katholische Universität Lublin 1961.

Im Jahr 1957 zum Priester geweiht, studierte Pieronek bis 1961 Kirchenrecht an der Katholischen Universität Lublin (KUL). Bis Anfang der Neunzigerjahre war das die einzige verbliebene katholische Hochschule mit universitärem Charakter im ganzen kommunistischen Machtbereich von der Elbe bis Pjöngjang in Nordkorea.

Die Gängelungen und Repressalien der kommunistischen Verwaltung waren zeitweise so heftig, dass die Schlieβung der KUL nur eine Frage von Wochen, gar Tagen zu sein schien. Doch die Hochschule überdauerte. Dort verteidigte Pieronek seine Dissertation und erhielt Anfang der sechziger Jahre den Doktortitel.

Katz-und-Maus-Spiel mit der Stasi

Zu jener Zeit wurde die polnische Stasi auf ihn aufmerksam. Die geheimpolizeiliche Überwachung der katholischen Kirche im kommunistischen Polen war beinahe lückenlos. Jeder Geistliche, ob Pfarrer, Mönch oder Nonne, jeder Angestellte der Kirche, ob Organist oder Küster, hatte eine Geheimdienstakte, die ihm von Stasi-Dienststelle zu Stasi-Dienststelle folgte, jedes Mal wenn er versetzt wurde. Spitzel wurden mit Hilfe von Erpressung, Geld, oder durch gekonntes Ausnutzen von Minderwertigkeitskomplexen und Ambitionen angeworben und auf kirchliche Einrichtungen und Würdenträger angesetzt.

Eine gute Gelegenheit Kirchenleute in ihre Dienststellen zu locken und dort unter Druck zu setzen, boten der polnischen Stasi Reisepass-Angelegenheiten. Die Reisen ins kapitalistische Ausland waren damals, seit dem politischen Tauwetter vom Oktober 1956, immerhin möglich, aber sie wurden sehr streng reglementiert.

Die Kirche schickte ihre Geistlichen nach Rom zum Studium an die Päpstliche Lateranuniversität oder auf Missionen in die Dritte Welt. Folglich reichten sie Gesuche ein, man möge ihnen einen Reisepass ausstellen. Regelmäßig folgte erst einmal eine Ablehnung. Die Reisewilligen wurden zum „klärenden Gespräch“ in die örtliche Passbehörde, die in die Zuständigkeit der Stasi fiel, gebeten. Ausgestattet mit IM-Berichten über die Stärken und Schwächen der Antragssteller konnten Stasi-Offiziere diese gezielt ausfragen, einschüchtern, durch weitere Absagen und Vorladungen zermürben, um sie letztendlich als Spitzel anzuwerben. Nicht selten gelang das.

Im Jahr 1961 wollte Pfarrer Tadeusz Pieronek den Bruder seines Vaters, Paweł Pieronek, der in Detroit in den USA lebte und ein Fotoatelier betrieb, besuchen. Die Stasi zog wieder einmal alle Register und Pfarrer Pieronek willigte ein. Unter der Nummer 2718 und dem Tarnnamen „Felix“ wurde er in die geheime Spitzelkartei der Lubliner Woiwodschafts-Stasibehörde eingetragen. Man wurde sich einig, dass es dazu keiner Verpflichtungserklärung bedürfe. Im Oktober 1961 konnte er reisen.

So begann ein einige Jahre andauerndes Katz-und-Maus-Spiel Pieroneks mit der polnischen Stasi, was man anhand seiner Stasi-Unterlagen zurückverfolgen kann. „Als Gegenleistung für die Ausreiseerlaubnis hatte er sich bereiterklärt uns Auskünfte über antikommunistische Aktivisten und Strukturen unter den USA-Polen zu liefern“, heiβt es in einem Stasi-Bericht.

Sitz der Römischen Rota, der Palazzo della Cancelleria.

Doch, anstatt nach ein paar Wochen nach Polen zurückzukehren, flog Pieronek von den USA aus nach Rom, um beim Gericht der Römischen Rota, der zweithöchsten Spruchkammer der katholischen Kirche, ein zweijähriges Praktikum anzutreten. Erst jetzt merkten die Stasi-Leute, dass das sein eigentlicher Reisegrund gewesen war.

Als Diplomaten der polnischen Botschaft getarnte Agenten der polnischen Stasi machten ihn 1962 in Rom ausfindig und erinnerten an seine „Pflichten“. Pieronek erschien daraufhin 1962 und 1963 ein paar Mal zu konspirativen Treffen, plauderte einige Interna aus, über Verhaltensweisen, Vorhaben und Positionen einzelner polnischer Bischöfe, die am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnahmen.

Polnische Bischöfe (v. l. n. r.) Antoni Baraniak, Karol Wojtyła, Primas Stefan Wyszyński, Bolesław Kominek beim Zweiten Vatikanischen Konzil.

Die Kommunisten in Moskau und im übrigen Ostblock betrachteten die beabsichtigten Reformen in der katholischen Kirche als sehr gefährlich, könnten sie am Ende die Kirche doch attraktiver und dadurch einflussreicher werden lassen. Das Ausspionieren des Konzils hatte also oberste Priorität und Pieronek war bei Weitem nicht die einzige polnische Stasi-Informationsquelle in Rom.

Im Nachhinein erst merkten die Stasi-Leute, dass Pieronek sie ein zweites Mal hinters Licht geführt hatte. Nach eineinhalb Jahren der Abwesenheit von Polen wollte er im Sommer 1963 wenigstens für kurze Zeit nach Hause, die Familie sehen. Damit die Behörden ihn wieder nach Rom fahren lassen würden, täuschte er vor, weiterhin Spitzel sein zu wollen. Wieder aus Polen in Rom angekommen, verweigerte er jedoch jegliche weitere Zusammenarbeit.

Pfarrer Tadeusz Pieronek Anfang der Sechzigerjahre in Rom.

Mehr noch. Aus anderen Spitzelquellen erfuhr die Stasi, dass Pieronek, noch vor seiner USA-Reise im Herbst 1961, die Stasi-Anwerbung seinen Vorgesetzten gemeldet hatte. Auch hatte er wesentlich dazu beigetragen kirchenintern einige polnische Geistliche in Rom als Stasi-Zuträger zu entlarven.

Der geistigen Enge des kommunistischen Polens der Sechzigerjahre entkommen, genoss er es die damalige Welthauptstadt der Mode und Kultur, das Rom Fellinis, Marcello Mastroiannis und Sophia Lorens erleben zu können, ohne sich jedoch davon vereinnahmen zu lassen.  Ausgestattet mit einem Pass des Vatikanstaates, damit ihn die Stasi zu Hause  wegen der vielen Stempel in seinem polnischen Reisedokument nicht belangen konnte, bereiste er Europa, unternahm zwei ausgedehnte Rundreisen durch die USA.

Vor allem jedoch studierte er und begleitete seinen Krakauer Bischof Karol Wojtyła bei dessen Aufenthalten in Rom.  Dort war er sein persönlicher Sekretär. Pieronek war dabei als Wojtyła 1977 den Kardinalshut in Empfang nahm, war zugegen bei Wojtyłas Gesprächen mit Papst Paul VI, er begleitete ihn bei seinen Reisen durch Italien.  Er meinte aus der damals entstandenen Nähe zum späteren Papst den Rückhalt in den innerkirchlichen Machtkämpfen zu haben, die er künftig entfachen sollte.

In jenen Jahren fertigte die polnische Stasi mehre Charakteristiken Pieroneks an. Er sei sehr pflichtbewusst, zudem ein hervorragender Kirchenjurist, dem viele Karrieretüren offen stünden. Dazu gescheit, gelehrig, aufgeweckt, fröhlich, kein Dogmatiker. Neigt jedoch zu Hochmut, Überheblichkeit und Geltungssucht.

Letztgenannte Eigenschaften wogen gut vier Jahrzehnte später so schwer, dass er ins Abseits geriet. Groll und Verbitterung darüber, verleiteten ihn in den letzten Lebensjahren zu immer radikaleren politischen Stellungnahmen und Verhaltensweisen.

Jahre des Aufstiegs

Noch überwogen jedoch offensichtlich die positiven Charaktereigenschaften. Nach der Rückkehr aus Rom 1965 begannen für Pfarrer Dr. Tadeusz Pieronek lange Jahre des Aufstiegs als Kirchenjurist und Wissenschaftler. Er habilitierte 1975. Den Professorentitel bekam er 1987 verliehen.

Hohe Ämter in der Krakauer Bischofskurie und leitende Beraterfunktionen im polnischen Episkopat paarten sich mit wissenschaftlichen Würden an allen polnischen kirchlichen theologischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Pieronek wurde nach und nach zum Mitherausgeber aller wichtigen polnischen kirchenjuristischen und theologischen Zeitschriften. Man wählte ihn zum Vorsitzenden der Polnischen Theologischen Gesellschaft u. v. m.

Bis zum Ende des Kommunismus in Polen 1989 behielt ihn die Stasi im Visier, aber sie konnte nichts gegen ihn ausrichten. Pieroneks wissenschaftliche Kompetenz, sein wachsendes Ansehen und sein durch und durch anständiger Lebenswandel machten ihn gegen Erpressungsversuche immun.

Pieroneks Sternstunde schlug Anfang der Neunzigerjahre. Er war maβgeblich an der Vorbereitung des Konkordats beteiligt, das im Juli 1993 zwischen Polen und dem Vatikan geschlossen wurde. Der Unterzeichnung folgte eine fast fünf Jahre lang dauernde heftige innenpolitische Auseinandersetzung um die Ratifizierung des Abkommens. Polens Postkommunisten, im Herbst 1993 an die Macht gekommenen, blockierten sie.

Der eloquent und einnehmend auftretende Pieronek war damals eines der wichtigsten medialen Gesichter der Kirche in diesem Streit. Da sprach nicht mehr nur der Fachmann für Kirchenrecht, sondern (seit 1992) der Weihbischof der Diözese Sosnowiec/Sosnowitz und vor allem (seit 1992) der Generalsekretär der Polnischen Bischofskonferenz.

Eitler Medienstar

Die Bischöfe, die ihn in dieses Amt wählten, mögen gedacht haben: er ist noch nicht alt (59 Jahre), gebildet, aber als hoher Würdenträger unerfahren. Man kann ihn leicht steuern. Das jedoch war eine Fehleinschätzung. Der intelligente und schlagfertige Pieronek legte einen Ehrgeiz an den Tag, den niemand so erwartet hatte.

Er entfesselte sofort einen nicht enden wollenden Kleinkrieg um Zuständigkeiten und Personalentscheidungen gegen den Vorsitzenden der Bischofskonferenz und Primas von Polen, Kardinal Józef Glemp. Nach Auβen drang damals kaum etwas davon. Beide Kirchenmänner waren klug genug, den Konflikt nicht auβer Kontrolle geraten zu lassen, aber die Spannungen, das wissen wir heute, waren enorm.

Sie wurden zum ersten Mal sichtbar, als Pieronek 1999 alles daran setzte Kardinal Glemps Wiederwahl zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz zu verhindern. Er war damals nur noch Mitglied, nicht mehr Generalsekretär des Gremiums, und er ging mit seinem Anliegen an die Presse. Diese für Kirchenkreise, wo auf Diskretion sehr geachtet wird, geradezu rabiate Vorgehensweise wurde Pieronek zum Verhängnis. Er scheiterte kläglich.

Das wichtigste Pfund mit dem Pieronek in seiner Zeit als Generalsekretär der Polnischen Bischofskonferenz wucherte, war seine, für damalige Kirchenverhältnisse, enorme Medienpräsenz. Eloquent, kompetent, dynamisch kam er daher, machte vor den Kameras und Mikrofonen eine gute Figur. Man sah, er gefiel sich in dieser Rolle.

Pieronek machte vor den Kameras und Mikrofonen eine gute Figur, und er gefiel sich in dieser Rolle.

Zunehmend selbstverliebt, vergaβ der neue Medienstar jedoch Distanz zu wahren. Bischof Pieronek wurde Teil der Medienwelt und erlag, wie viele weltliche Politiker auch, der Illusion sie dauerhaft in seinem Sinn beeinflussen zu können. Die Zuneigung der linksliberalen Medien, die in den Neunzigerjahren in Polen den Ton angaben, beeindruckte ihn sehr.

Er trug seine Kumpanei mit Adam Michnik, Chefredakteur der eindeutig kirchenfeindlichen „Gazeta Wyborcza“, offen zur Schau. Er wurde Mitglied im Rat der von George Soros finanzierten, alles andere als kirchenfreundlichen, Batory-Stiftung. Beeinflusst hat er sie dadurch nicht im Geringsten, aber sie beeinflussten ihn. Vor allem übernahm er ihre Sichtweise der polnischen Politik und ihre krassen Freund-Feind-Bilder.

Viel gewollt, wenig bewirkt

Mit seiner Idee von der Schaffung moderner, starker Kirchenmedien in Polen erlitt Pieronek Schiffbruch. Auf sein Betreiben hin, wurden fast alle kleinen Diözesan-Rundfunksender zu einem groβen katholischen Radio zusammengelegt: locker, flockig, unkompliziert, mit viel Musik. Was er nicht bedacht hatte: auf dem Gebiet der Unkompliziertheit waren andere Radiosender schon damals viel weiter. Pieroneks Radio musste, mangels Geld, an einen ausländischen Investor verkauft werden, der die letzten katholischen Sendungen umgehend aus dem Programm nahm.

Die von Pieronek aus der Taufe gehobene Katholische Informations-Agentur (KAI) besteht noch, aber ihre Bedeutung auf dem Medienmarkt blieb gering. Eine katholische Zeitung, ein katholischer Fernsehsender, die er angedacht hatte, sind nie entstanden.

Der ehrgeizige Bischof Pieronek scheiterte dort, wo der Redemptoristen-Pater Tadeusz Rydzyk in Toruń/Thorn Erfolg hatte. Aus Spenden finanziert, schuf er Radio Maryja, den TV-Sender Trwam, die Tageszeitung „Nasz Dziennik“ und eine Medienhochschule, die katholische Journalisten ausbildet. Je mehr Erfolg diese sehr traditionell ausgerichteten Medien hatten, umso heftiger wetterten der gescheiterte „liberale Bischof“ und seine medialen linken Verbündeten gegen sie.

„Bischof Ohneland“

Er war sich sicher, 1998 die Wiederwahl zum Generalsekretär der polnischen Bischofskonferenz in der Tasche zu haben, ohne zu merken, dass er als Selbstdarsteller für die Kirche zunehmend zu einer Belastung wurde. Die Niederlage versetzte seinen Ambitionen einen mächtigen Dämpfer.

Aus Angst in der Provinz ausharren zu müssen, lieβ er sich daraufhin von seinen Pflichten in der Diözese Sosnowiec, für die er ohnehin nie Zeit hatte, entbinden und wurde zu einem „Bischof Ohneland“. Die Ernennung zum Rektor der Päpstlichen Theologischen Akademie in Kraków (1998 – 2004) entsprach bei Weitem nicht seinen Ambitionen.

Mit 71 Jahren wurde Bischof Pieronek 2005 zum Senior-Domherrn im Domkapitel der Königlichen Basilika und Erzkathedrale der Heiligen Stanislaus und Wenzeslaus auf dem Wawelhügel in Kraków gewählt, was einer Pensionierung gleichkam.

Krass, krasser, Pieronek

Der pensionierte Bischof empörte sich immer wieder über die angebliche „Politisierung der Kirche, die ihre Sympathien für die Nationalkonservativen kaum verbergen kann“, und verwandelte sich derweil endgültig in einen Politiker im permanenten Unruhestand. Es war ihm ein Bedürfnis zu beweisen, dass er noch Geltung hat, dass seine Meinung wichtig sei, dass es Medien gibt, die seine Meinung lautstark kolportieren und ein Publikum, das sie ernst nimmt.

Er geiβelte kollektiv seine Amtsbrüder, sie entsagten angeblich der Bescheidenheit und dabei bewohnte er selbst auf Kosten der Kirche ein Luxusapartment auf dem Wawel. Er forderte vehement, Polen solle Migranten aufnehmen. Dass Kirche und Regierung viel leisten in Syrien, dem Libanon und in Jordanien, um das Los der Kriegsflüchtlinge vor Ort zu lindern überging er stets mit Schweigen.

Nur einmal widerfuhr dem Bischof eine Entgleisung, die ihm seine Bewunderer sehr übel nahmen. Im Januar 2010 äuβerte er in einem Interview, der Holocaust werde als „Propagandawaffe benutzt, um Vorteile herauszuschlagen, die oft ungerechtfertigt seien.“ Zwar zog er diese Behauptung schnell zurück und verurteilte in der drauffolgenden Zeit den Antisemitismus immer wieder ausdrücklich. Doch mehr als ein Jahr lang stellten ihn, die ihm sonst so gewogenen Medien unter Quarantäne.

Pieronek hielt sich aus tiefster Überzeugung an die Kirchendoktrin. Seine ablehnenden Äuβerungen zum Feminismus, zur künstlichen Befruchtung, zur Tötung ungeborener Kinder, zur „Homoehe“ lieβ man ihm zähneknirschend durchgehen, schlieβlich war er katholischer Bischof. Er revanchierte sich mit der Gleichsetzung seines Landes mit Nordkorea, bemühte gern Hitler und Stalin, wenn es galt die Lage in Polen zu schildern.

„In Polen herrscht ein schwül-stickiges Klima. Man riecht überall den Gestank von Faschismus, Rassismus, Kommunismus und Nationalismus. Wir werden eines Tages daran ersticken.“

„Bald wird es in jedem Städtchen ein Denkmal Lech Kaczyńskis (des 2010 verunglückten Staatspräsidenten – Anm. RdP) geben müssen, so wie es in der Sowjetunion Stalin-Denkmäler gab, und in jeder Wohnung ein Portrait Lech Kaczyńskis, vor dem man sich wird verbeugen müssen so wie in Nordkorea.“

„Wir sind am Ende des Weges angekommen. Es herrscht zwar keine formal ausgerufene Diktatur, aber das was wir in Polen haben, weist alle Merkmale einer Diktatur auf.“

Die Sozialprogramme der Regierung „das neue Kindergeld in Höhe von 500 Zloty, der soziale Wohnungsbau, das Schulausstattungsgeld zu Beginn des Schuljahres über 300 Zloty, die Lohnerhöhungen für Lehrer, das alles dient einzig und allein der Wählerbestechung. (…) Als Hitler an die Macht kam hat die Mehrheit der Deutschen auch geglaubt, dass seine Politik ihren Bedürfnissen entspricht.“

„Das war eine Verzweiflungs- aber auch eine Heldentat“. So kommentierte Pieronek die Selbstverbrennung eines offenbar geistesgestörten Mannes am 19. Oktober 2017 im Stadtzentrum von Warschau, der verkündet hatte, er tue es aus Protest gegen die Regierungspolitik. In diesem Fall fand es die Bischofskonferenz für angebracht, sich von diesen Äußerungen offiziell zu distanzieren.

Die Regierung „ordnet die Behinderten einer Menschenkategorie zu, die vegetieren und letztendlich sterben soll. Das wäre das Beste für die Regierenden“, so Pieroneks Kommentar zu dem Protest einer Gruppe von Eltern mit behinderten Kindern im Parlament im Frühjahr 2018. Sie kampierten einige Wochen lang in der Parlamentslobby und forderten mehr Betreuungsgeld.

Bischof Tadeusz Pieronek wühlte Polen immer wieder auf. Er erregte Anstoβ und trug, leider, erheblich zur Verschärfung der politischen Debatte in Polen bei, weil er nicht fähig war seine Gefühlsausbrüche zu bändigen.

War er sich dessen bewusst? Eine Anekdote, die er immer wieder erzählte, klingt aufschlussreich: „Bischof Pieronek war gestorben und ging in Richtung Paradies. Plötzlich blieb er vor einer halboffenen Tür stehen und sah Petrus, der ziemlich beschäftig zu sein schien. Ein Engel flog herbei und verkündete streng: »Polnische Bischöfe werden hier nicht aufgenommen.« Das war Bischof Pieronek sehr unangenehm. Da sah ihn Petrus. Er eilte herbei und sagte: »Tadeusz? Komm rein, du bist doch kein richtiger Bischof.«“

Tadeusz Pieronek fand seine letzte Ruhestätte in der Bischofskrypta der Krakauer Peter-und-Paul-Kirche. Das „Regime“ wurde bei den Trauerfeierlichkeiten durch den stellvertretenden Ministerpräsidenten und Wissenschaftsminister Jarosław Gowin vertreten.

© RdP




Jazz, Drugs und ein Symbol

Am 29. Juli 2018 starb Tomasz Stańko.

Die rühmende, doch leider allzu oft überstrapazierte Behauptung, ein Jazzmusiker habe einen eigenen Klang entwickelt, an dem man ihn jeder Zeit sofort erkennen könne, traf in seinem Fall uneingeschränkt zu. Tomasz Stańko war zweifelsohne einer der größten Jazzer, Komponisten und Bandleader Polens. Als Jazztrompeter erlangte er weltweit Berühmtheit.

Fachleute ergingen sich seit Jahren in langen Elogen auf Stańkos Art Trompete zu spielen. „Das Instrument sei für ihn ein Mittel zur Übertragung und Erweiterung jener Möglichkeiten gewesen, wie sie die menschliche Stimme bietet – ausdrucksstark, inhaltsvoll und vor allem emotional“, hieß es.

„Er setzte nicht auf virtuose Technik.“ Sein Spiel war vielmehr „von einer unpolierten, naturbelassenen Rauheit, die seinen eigenen Stil, abseits der Mainstream-Konvention schuf und vor allem für eine unnachahmliche Atmosphäre und Bewegtheit der Musik sorgte.“

Sie verflocht „slawische Melancholie und den Blues“ miteinander. Stańkos eigene Klänge „waren von einzigartiger, dunkler, manchmal melancholischer Strahlkraft. Er spielte hervorragend und er spielte anders als die Amerikaner. Damit hat er Amerika erobert, das gelobte Land des Jazz, wo die Originalität so sehr zählt.“

Offenbarung im Rotunda Klub

Der Weg dorthin begann im März 1958. Tomasz Stańko, damals Schüler an der Musikmittelschule in Kraków, gelang es eine Eintrittskarte zum Konzert des schon damals weltberühmten US-Jazzpianisten Dave Brubeck und seines Quartetts im Studentenklub Rotunda zu ergattern. Für den Fünfzehnjährigen aus dem gut einhundertfünfzig Kilometer östlich gelegenen Rzeszów war Brubecks Klavierspiel mit seinen Blockakkorden und ungeraden Taktarten geradezu eine Offenbarung.

Dave Brubeck mit Ehefrau (links i. B.) auf dem Krakauer Hauptmarkt. März 1958.

Der 1942 geborene Sohn einer Lehrerin und eines Juristen, der mit sieben Jahren aus der Provinzstadt Rzeszów zu Verwandten nach Kraków geschickt wurde, um an einer Musikgrundschule das Geigenspiel zu erlernen, verwandelte sich in einen eingefleischten Jazzfan und aufstrebenden Jazzmusiker.

In der Zeit des Stalinismus, zwischen 1948 und 1956, war der Jazz im kommunistischen Polen faktisch verboten. Nach der Zeit der Unterdrückung und der Verfemung als ideologisches Zersetzungswerkzeug des US-Imperialismus, brach der Jazz sich nach 1956 auf der Welle der „Erneuerung“ Bahn, befreite sich aus dem Katakombendasein.

Beseelt von der Freude am Individuellen, Kreativen, nicht Vorgeschriebenen explodierte geradezu, mitten in der kommunistischen Tristesse, eine moderne und muntere Musikerbewegung. Vereint durch die Begeisterung für den Cool Jazz und den Hard Bop, beherrschten die Vorreiter des polnischen Jazz ihre Instrumente hervorragend und knüpften stark an die slawische Melodik an. Eine neue Stilrichtung entwickelte sich daraus nicht, aber auf jeden Fall eine musikalische Erscheinung, die den Jazz als solchen bis heute erheblich bereichert.

Die herrschenden Kommunisten betrachteten den Jazz nun als eines der Ventile der kleinen Freiheiten, durch die man den in Polen stets starken Druck der Unzufriedenheit kontrollierbar ableiten konnte.

Die künstlerischen Fackelträger dieser Bewegung waren seit den fünfziger und sechziger Jahren, teilweise bis ins zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, die Pianisten Krzysztof Komeda, Mieczysław Kosz, Adam Makowicz und Andrzej Trzaskowski, die Saxophonisten Zbigniew Namysłowski, Jan Wróblewski, Janusz Muniak, die Geiger Michał Urbaniak und Zbigniew Zeifert sowie der Trompeter Tomasz Stańko, auch er ein Symbol der goldenen Ära des polnischen Jazz.

Fünfundfünfzig Jahre auf den Brettern.

Als er 1969 sein Studium an der Krakauer Musikhochschule absolvierte, war Stańko bereits ein bekannter Jazzmusiker. Der Start in die groβe Jazzkarriere fand 1963 statt. Damals stand er auf der Bühne des Warschauer Jazz Jamboree-Festivals, einer der wichtigsten europäischen Veranstaltungen dieser Art, die inzwischen Kultstatus erlangt hatte. Stańko war so gut, dass er schon damals mit den Besten des Landes spielen durfte, im Quartett des Pianisten Krzysztof Komeda. Ab dann stand er fünfundfünfzig Jahre lang unaufhörlich auf den Brettern, und blies seine Trompete.

Seit Stańko 1964 zum ersten Mal in den Westen fuhr, zu Konzerten in Belgien und Skandinavien, später immer wieder in die USA, hatte er auf Konzerttouren und Jazzfestivals Umgang mit den Besten der Jazzszene. „Es gibt keine bessere Art noch besser zu werden als mit den Meistern zu spielen“, diese Binsenweisheit war ihm stets der Wegweiser.

Sein furioser Auftritt bei den Westberliner Jazztagen 1970 brachte den Durchbruch und 1975 stieg Stańko in die Aristokratie des Jazz auf. Die namhafte Plattenfirma ECM entschied sich das Album „Balladyna“ seines damaligen Quartetts aufzunehmen. Vier weitere ECM-Scheiben sollten folgen.

Stańko verschrieb sich zunehmend dem Free Jazz in seiner extremsten Form. Den Höhepunkt erreichte diese Entwicklung Mitte der Achtzigerjahre, als er das „Freelectronic“-Quartett gründete. Seine Auftritte beim Jazz de Monrteux 1987 und beim Le Mans Jazz Festival 1988 markieren, wie es heiβt, durch ausgefeilte elektroakustische Effekte, den Beginn einer neuen Free Jazz-Ära.

„Wahnsinn hat mich in Beschlag genommen“

Stańko war damals Ende vierzig und nicht zu bremsen. Bis zum Umfallen spielte er Konzerte diesseits und jenseits des Atlantiks, berauscht nicht nur vom Erfolg. „Der Wahnsinn hat mich in Beschlag genommen. Ich habe mir die Taschen vollgestopft mit Haschischbrocken, Pfeifen, Amphetaminen, Pillen, Flachmännern“, berichtete er Jahre später.

Künstlerisch ging Stańko keine Kompromisse ein, blieb sich selbst treu, zornig und stur. Seine wilden Jahre waren voller Musik, die Anerkennung fand, und voller böser Exzesse. Demolierte Hotelzimmer. Sexorgien. Wilde Autorallyes durch finnische Wildnis mit seinem Freund, dem Jazzschlagzeuger, Konzert- und Raus

Stańko in seinen „wilden“ Achtzigerjahren.

chpartner Edward Vesala. Eine illegale, nächtliche Jamsession im indischen Tadsch Mahal-Mausoleum… Vesalas Tod 1999 brachte die Ernüchterung.

Ehe gescheitert. Stańko mit Ehefrau Joanna und Tochter Anna Mitte der Siebzigerjahre.

Lange vorher jedoch ging die Ehe mit seiner Jugendliebe Joanna in die Brüche. Mit Tochter Anna nahm er erst Kontakt auf als sie sechzehn war. Anna war seine letzte Managerin und saβ an seinem Sterbebett.

Stańko mit Tochter Anna.

„Ich habe die Avantgarde verlassen, um als Klassiker zu enden“, sagte er in einem seiner letzten Interviews. Stańko brauchte viel Zeit, um zu der Überzeugung zu kommen, dass letztendlich nur die Musik zählt. „Wie soll man sich heute noch von den anderen unterscheiden? Wir alle tragen Ringe in den Ohren oder in der Nase. Wir sind alle tätowiert und wir spielen ähnliche Musik. Früher brauchtest du nur ein guter Musiker zu sein und konntest dich ansonsten austoben. Jetzt musst du selbst organisieren, musst auf deine Manager aufpassen, musst sorgsam deine Karriere planen. Es ist zudem sehr schwer geworden Musik zu verkaufen, weil es auf dem Markt Unmengen an hervorragender Musik gibt. Ich hatte es in meinen Anfängen viel leichter.“

Spät erwachsen geworden

Knapp vor der Jahrausendwende schaffte er es endlich seine Laster über Bord zu werfen, fand sein seelisches Gleichgewicht wieder beim unermüdlichen Joggen durch diverse Warschauer Parks. Von seiner Dachterrassenwohnung aus, unweit der Weichsel, genoss Stańko oft stundenlang den weiten Blick, stets begleitet von einer Kanne besten Tees, des einzigen Genussmittels, das er sich noch gönnte. „Ich bin erst mit gut fünfzig Jahren erwachsen geworden und habe mich aus der Umarmung des Teufels gelöst“, gab Stanko in einem Rundfunkinterview zu Protokoll.

Sein Ruf als auβergewöhnlicher Jazztrompeter, der Solokonzerte gab, war inzwischen unerschütterlich und belegt durch die hervorragende CD „Music from Tadj Mahal and Karla Caves“. Stańko wandte sich nun vom elektroakustischen Free Jazz ab, hin „zur Sanftheit, zur Vereinfachung, zur Kommunikationsfreudigkeit“, wie er es selbst formulierte.

New York von unschätzbarem Wert

Ein neuer Schub der Schaffenskraft ergriff von ihm Besitz, und die sehr wählerische ECM nahm ihn gern unter Vertrag. Die Platten, die er Ende des zwanzigsten, Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts für die ECM aufnahm, festigten seine Stellung in der Jazztrompeter-Weltliga. „Leosia“ wurde zur besten europäischen Jazz-CD des Jahrzehnts gekürt. Mit „Soul of Things“ eroberte er an der Spitze seines Quartetts mit sehr jungen polnischen Musikern noch einmal Amerika. „December Avenue“ war 2017 dann sein letztes CD-Album.

Tomasz Stańko in New York 2010.

Sein Talent hat ihn reich gemacht. Im Jahr 2008 kaufte Stańko ein Apartment unweit des Central Parks in New York und lebte eine Zeit lang mal dort, mal in Warschau. New York inspirierte ihn. „Diese Stadt vibriert, pulsiert unentwegt, verleiht Lebensenergie, bringt einen auf neue Ideen. Nach so vielen Jahren des Spielens ist das für mich von unschätzbaren Wert.“

 

Sein Land war ihm zuwider

So originell seine Musik war, so schablonenhaft und typisch für viele polnische Künstler, Wissenschaftler, Aktivisten, Erfolgsmenschen war seine tiefempfundene Scham für das eigene Land. Stańko kam jahrzehntelang zwar kaum mit der polnischen Wirklichkeit eines Billiglohnlandes, aus dem zwei Millionen Menschen innerhalb kurzer Zeit auf der Suche nach Arbeit geflohen sind, in Berührung. Für ihn, den Bewohner der New Yorker und Warschauer Lofts waren die Polen nur „rückständig“, wofür die Ergebnisse der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von 2015, in seinen Augen, den endgültigen Beweis erbracht hatten.

Tomasz Stańko (in der Mitte) 2011 mit seinem politischen Idol Staatspräsident Bronisław Komorowski (links i. B.) nach der Ordensverleihung.

Vergeblich war sein starkes Engagement auf der Seite des kläglich gescheiterten Staatspräsidenten Bronisław Komorowski, der 2015 für eine zweite Amtsperiode gewählt werden wollte und dem Newcomer Andrzej Duda unterlag. Dass die Polen Duda sowie andere „Mutanten“ und „grausame Kanaillen“ seines Schlags, wie Stańko es zu formulieren pflegte, an die Macht gebracht haben, erfüllte ihn mit tiefer Abscheu.

Staatspräsident Andrzej Duda lieβ sich dadurch nicht beirren. Kurz nachdem die Nachricht von Tode Stańkos eintraf, twitterte das Staatsoberhaupt: „Heute früh ist Herr Tomasz Stańko von uns gegangen. Er war eine groβe Gestalt des polnischen Jazz, ein hervorragender Musiker mit groβen Verdiensten für die polnische Kultur. Solche Menschen sterben nicht, sie leben weiter ich ihren Werken. Ruhe in Frieden.“

Tomasz Stańko wurde auf dem Warschauer Powązki-Friedhof bestattet.

© RdP




Schnell und stetig

Am 29. Juni 2018 starb Irena Szewińska.

Sie brach Weltrekorde, doch ihr Gesicht blieb unverzerrt wenn sie langen Schrittes leicht, einer Gazelle gleich, über der Laufbahn zu schweben schien. Polen verabschiedete Irena Szewińska auf ihrem letzten Lauf , wie es der Königin der polnischen Leichtathletik gebührte.

Staatspräsident Andrzej Duda und Gattin beteten kniend an ihrem Sarg in der Warschauer Feldkathedrale der polnischen Armee. „Ein Jahrhundert nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit verabschieden wir eine Sportlerin des Jahrhunderts“, sagte das Staatsoberhaupt während der Trauermesse in seiner Ansprache.

Staatspräsident Andrzej Duda und Gattin am Sarg Irena Szewińskas in der Warschauer Feldkathedrale der polnischen Armee.

„Sie war uns allen ein Vorbild. Wir sind ihr ewige Dankbarkeit schuldig“, so verabschiedete Ministerpräsident Mateusz Morawiecki Szewińska an ihrem Grab auf dem Warschauer Powązki-Friedhof.

Die gute Pani Irena

Kein Hochmut, keine Allüren. Einst überaus erfolgreich, ist sie bis an ihr Lebensende zurückhaltend und bescheiden geblieben. Sie suchte nicht das Rampenlicht, blieb stets bei ihren Leisten, nahm lautlos ihre Funktionen im Polnischen und im Internationalen Olympischen Komitee wahr, lieβ sich keine Stellungnahmen zur Klimaerwärmung, zum Robbensterben oder gar zur polnischen Innenpolitik entlocken.

Wie einst über der Laufbahn, schwebte sie über den Problemen und Konflikten. Die gute „Pani Irena“, „Frau Irena“. Sie wurde, wie in Polen im alltäglichen Umgang üblich, auch von den hochrangigsten polnischen Politikern mit dem Vornamen angesprochen gesiezt.

Mit Staatspräsident Lech Kaczyński.

Szewińska mied die Politik nicht, lieβ sich aber von ihr nur soweit vereinnahmen, wie es ihrem Renommee der grundanständigen, fairen und erfolgreichen Sportikone nicht abträglich war. Sie trat in den Achtzigerjahren General Jaruzelskis Patriotischer Front der Nationalen Wiedergeburt bei, einem Gebilde, das die Unterstützung der kulturellen, wissenschaftlichen und sportlichen Eliten für das Regime vortäuschen sollte. Sie sagte zu, als Lech Kaczyński sie vor den Präsidentschaftswahlen 2005, die er gewann, einlud in seinem Wahl-Ehrenkomitee Mitglied zu sein.

Doch so liebenswürdig sie auch war, sie verhielt sich wie eine Sphinx. Niemand konnte sagen, wo und wofür sie tatsächlich politisch stand, wenn das überhaupt der Fall war.

Geboren in Leningrad

Irena Szewińska kam 1946 im sowjetischen Leningrad zur Welt, das heute wieder Petersburg heiβt. Damals hieβ sie noch Irena Kirszenstein und war Tochter jüdischer Eltern. Vater Jakub Gustaw Kirszenstein (1922 – 2002) war Akustikingenieur und stammte aus Warschau. Beim Einmarsch der Deutschen in Polen am 1. September 1939 gelangte er in den Osten des Landes, den die Sowjets dann am 17. September 1939 besetzten. Da er sich demonstrativ und anscheinend sehr glaubwürdig zum Kommunismus bekannte, lieβ man ihn am Leningrader Institut für Kinoingenieure studieren.

Mutter Eugenia Rafalska (1922 – 1997) stammte aus Kiew und entkam mit ihrem polnischen Namen, wie durch ein Wunder, Stalins „Polen-Aktion“. Zwischen 1937 und 1938 haben die Sowjets fast alle, insgesamt gut 110.000 in der Sowjetunion lebende Polen umgebracht. Ihnen wurde kollektiv die Teilnahme an sowjetfeindlichen umstürzlerischen Aktivitäten vorgeworfen. Zur Festnahme und Ermordung reichte oft nur ein polnisch klingender Nachname, auch wenn sein Träger manchmal mit Polen nicht das Geringste zu tun hatte.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurden im Sommer 1941 das Leningrader Institut von Jakub Kirszenstein und die Kiewer Fabrik von Eugenia Rafalska nach Samarkand in Usbekistan evakuiert. Dort lernten sich die Eltern von Irena Szewińska kennen, heirateten und durften 1945 in ein Leningrader Studentenheim übersiedeln. Die Sowjets lieβen sie 1947 nach Polen ziehen.

Im Jahr 1953 lieβen sich Irenas Eltern scheiden. Der Vater war ein angesehener Fachmann auf dem Gebiet der Akustik, konzipierte und baute in den 60er Jahren u. a. das zu seiner Zeit ultramoderne Tonstudio in den Spielfilmateliers in Łódź. Irena lebte mit der Mutter im Warschauer Stadtzentrum, damals inmitten einer tristen Ruinenlandschaft, die sich nur sehr zögerlich wieder in eine normale Stadt verwandelte.

Backfisch mit Talent

Eigentlich war Literatur damals ihre Leidenschaft. Sie las viel, unternahm ihre ersten Versuche als Laiendarstellerin an einem Kindertheater. Das änderte sich schlagartig im Frühjahr 1961. Ihre Sportlehrerin lieβ die Klasse zum Hundertmeterlauf antreten. Irenas Zeit war so gut, dass sie glaubte ihre Stoppuhr sei defekt. Sie schickte Irena noch einmal los. Die Zeit war noch besser.

Der talentierte Backfisch am Anfang einer großen Karriere.

Die Lehrerin vermittelte Irena an die Leichtathletiksektion des Warschauer Sportklubs Polonia, dem Szewińska bis ans Ende ihrer Sportlerkarriere die Treue hielt. Trainer Jan Kopyto (geb. 1934), der es als Aktiver bei der Olympiade in Melbourne 1956 bis ins Finale des Speerwerfer-Wettbewerbs schaffte, erkannte sofort das phänomenale Talent eines Backfisches, der bisher den Lauf nie trainiert hatte. Ein Jahr später, sie war sechzehn, holte sie sich bei Leichtathletik-Jugendwettkämpfen im tschechischen Hradec Kralove ihre ersten Titel.

Im „Wunderteam“

Es vergingen noch zwei Jahre und am 21. Oktober 1964 stand sie bei den Olympischen Spielen in Tokio auf dem Siegerpodest. Zusammen mit Teresa Ciepły (1937 – 2006), Halina Górecka (geb. 1938) und Ewa Kłobukowska (geb. 1946) gewann sie für Polen die Goldmedaille in der 4×100-m-Staffel der Frauen. „Ich war achtzehn. Das war meine erste und schönste Olympiade“.

Mit der polnischen Frauen-100-m-Staffel auf dem Siegerpodest bei den Olympischen Spielen in Tokio 1964.

Jetzt war sie berühmt, und in der Zeit bis zu den Olympischen Spielen in Mexico 1968 regnete es Erfolge, wie aus einem goldenen Füllhorn. 1965 zwei Weltrekorde: 100-m in 11,2 Sekunden und 200-m in 22,7 Sekunden. 1966: drei Goldmedaillen bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Budapest (200-m, Weitsprung, 4×100-m) und eine silberne (100-m). 1967: polnischer Landesrekord im Weitsprung 6,67 m.

Medaillen, Rekorde, Titel. Erfolge, wie aus einem goldenen Füllhorn. Irena Szewińska am Beginn ihrer Weltkarriere Ende der 60er Jahre.

Es war die Zeit zwischen 1956 und 1966 als Polen mit seinem „Wunderteam“ zu einer Leichtathletik-Groβmacht aufgestiegen war. Den Begriff prägte die westdeutsche Sportpresse, nachdem das anfänglich kaum ernstgenommene Polen-Team aus dem Ostblock die Bundesrepublik im Neckarstadion 1957 im Leichtathletik-Länderzweikampf bezwang.

Die Trainer- und Sportmanagerlegende Jan Mulak (1914 – 2005) hatte ein fabelhaftes Gespür für Talente. Es hagelte polnische Olympia-Medaillen und Weltrekorde im 3000-m-Hindernislauf (Krzyszkowiak), Diskuswerfen (Piątkowski), Dreisprung (Szmidt), Speer- und Hammerwerfen (Sidło und Rut) und natürlich in der Frauenleichtathletik, mit der jungen Kirszenstein an der Spitze.

Mit dem Begründer des polnischen Leichtathletik-„Wunderteams“ Jan Mulak 2004.

Fleiβ, Ehrgeiz, Zuversicht

In Mexico 1968 hatte das Pech es auf Irena abgesehen. Im Weitsprung schaffte sie es nicht ins Finale. „Ich war nicht mehr dieselbe, unbeschwerte junge Sportlerin wie in Tokio. Ich war reifer, erfahrener, aber auf mir lastete jetzt der Ballast der Verantwortung. Ich war Favoritin, und das ist eine sehr undankbare Rolle“.

Immerhin gewann sie auf 200-m Gold und auf 100-m holte sie Bronze, aber dann kam die Katastrophe. In der 4×100-m-Staffel der Frauen lagen die Polinnen klar vorn, doch beim letzten Wechsel glitt Irena der Stab aus der Hand. Aus der Traum!

Böse Zungen unterstellten sogar, sie hätte es absichtlich getan. Der Groll der drei anderen Mädchen aus der Staffel gegen sie war groβ. Irena hatte ihre Olympia-Medaillen, sie gingen leer aus.

Jung verheiratet. Mit Ehemann Janusz Szewiński.

Es galt das erste Tief in der Karriere zu überwinden. Sie heiratete den 400-m-Läufer und ihren späteren Trainer Janusz Szewiński, der sich auch einen Namen als herausragender Sportfotograf machen sollte. Der erste Sohn, Andrzej kam 1970 auf die Welt. Der zweite, Jarosław sollte 1981 folgen.

Der nicht ganz gelungene Auftritt in Mexico, mit seinem aufgrund der Höhenlage (2000 Meter über dem Meeresspiegel) für viele Sportler nur schwer zu ertragenden Klima, motivierte sie zu noch mehr Arbeit. Sie war jetzt Mutter, Ehefrau, studierte Wirtschaft an der Warschauer Universität und versuchte den Anschluss an die Leichtathletik-Weltspitze nicht zu verlieren.

Mit Sohn Andrzej.

„Es hätte keinen Erfolg gegeben ohne Irenas Fleiβ, ihren unglaublichen Ehrgeiz und eisernen Willen, ihre Zuversicht und ihre Zielstrebigkeit“, so der Leichtathletik-„Wunderteam“-Begründer Jan Mulak.

Training, Training und nochmals Training. Ehemann Janusz gibt die Anweisungen.

„Mein Mann und Trainer witzelt, dass ich mich wie eine übereifrige Schülerin benehme. Egal ob Hitze, Regen oder Schneeverwehungen, ich arbeite immer das geplante Trainingspensum ab. Nur so habe ich eine Chance wieder auf das Siegerpodest zu gelangen“, berichtete Irena Szewińska damals in einem Zeitungsinterview.

Doch die Belastung war enorm, und das Erklimmen der Siegerpodeste gestaltete sich dieses Mal schwierig. Von der Olympiade in München 1972 kam sie „nur“ mit einer Bronzemedaille auf der 200-m-Distanz zurück.

Olympische Spiele in Montreal 1976. Goldmedaille und Weltrekord. Comeback gelungen.

Das Comeback gelang erst bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976: Gold auf der 400-m-Strecke und gleichzeitig neuer Weltrekord mit 49,28 Sekunden. Sie war die erste Frau, die diese Distanz in weniger als fünfzig Sekunden bewältigte. Olympiagold und Weltrekord, gröβer kann sich ein Sportler den Erfolg nicht erträumen.

Gedopte Rivalinnen

Ihre gröβte Rivalin war damals die DDR-Läuferin Renate Stecher. Szewińska bezwang sie einige Male, so in Potsdam im Juni 1974, als sie Stechers Weltrekord auf 200-m unterbieten konnte. Wie enorm diese Leistung eigentlich war, konnte man erst nach dem Zusammenbruch der DDR und der Einsicht in diverse geheime Unterlagen einschätzen. Stecher nämlich, so das Ergebnis der Recherchen, blieb „in das staatliche Dopingsystem der DDR eingebunden“. Sie war „Doping-Mitmacherin, zumindest Doping-Mitwisserin.“

Lesenswert dazu: „Stasi-Dokument zu Renate Stecher. Erst Doping-Injektionen erhalten, dann Testosteron-Spritzen abgelehnt”.

Dasselbe gilt in noch höherem Maße für eine weitere Szewińska-Erzrivalin, die DDR-Läuferin Marita Koch. Dass Irena sie 1977 auf der 400-m-Strecke in Düsseldorf beim Leichtathletik-Weltcup besiegen konnte galt schon damals als eine Sensation und ist es, nach dem heutigen Wissensstand, umso mehr.

Nach jahrelanger Suche in polnischen Stasi- und anderen einst nicht zugänglichen Archiven kann man heute eindeutig sagen, dass es im kommunistischen Polen zwar Einzelfälle von Doping, aber kein staatlich verordnetes und betriebenes Dopingsystem wie in der DDR gab. Szewińska ist während und nach ihrer aktiven Zeit niemals unter Dopingverdacht geraten, geschweige denn, des Dopings überführt worden.

Das Leben nach dem Ende

Sie war in Montreal dreiβig Jahre alt und es wäre ein glanzvolles Finale einer grandiosen Sportlerkarriere gewesen. Doch sie wollte es noch ein letztes Mal darauf ankommen lassen. Bei der Olympiade in Moskau 1980 musste sie dann jedoch beim 400-m-Lauf, nach einer Verletzung, hinkend die Laufbahn verlassen.

Bis zum Ende des Kommunismus in Polen 1989 trat sie eher selten in Erscheinung. Sie genoss es jetzt vor allem für die Familie da zu sein, die beiden Söhne groβzuziehen und begnügte sich mit einigermaβen gut dotierten Ehrenämtern in verschiedenen polnischen und internationalen Sportorganisationen.

Ihre Blauäugigkeit wurde ihr einmal, im Jahre 2008, zum Verhängnis. Damals stand Irenas vierjährige Amtszeit als Vorsitzende des Polnischen Leichtathletik-Verbandes (PZLA) kurz vor dem Ende und die Bilanz des Verbandes wies ein Defizit von umgerechnet knapp 220.000 Euro auf.

Szewińska konnte glaubwürdig nachweisen, dass sie ihr, für polnische Verhältnisse, sehr sattes Vorsitzenden-Gehalt von umgerechnet knapp 3.500 Euro bei Amtsantritt in dieser Höhe bereits vorgefunden hatte. Auβerdem hatten sie die Hauptbuchhalterin und die PZLA-Generalsekretärin über den Stand der Finanzen hinters Licht geführt. Durch das Halbieren ihres Gehaltes und weitere Sparmaβnahmen, die sie anordnete, konnte das Defizit am Ende ihrer Amtsperiode 2009 immerhin auf 120.000 Euro gesenkt werden. Dennoch, ein unguter Beigeschmack wirkte eine Zeit lang nach.

Für den polnischen Sport unermüdlich im Einsatz.

Irena Szewińska setzte sich unermüdlich für den polnischen Sport ein, vor allem für den Kinder- und Jugendsport. Mit viel Ausdauer eröffnete sie Wettbewerbe, übereichte Preise, ermunterte und tröstete die jungen Sportler, oft in der tiefsten Provinz. Ihr stets sympathisches, bescheidenes und zugleich würdiges Auftreten dort, genauso wie auf der Weltbühne, macht sie zunehmend zu einer Symbolfigur.

Sie plauderte unbeschwert mit der Queen, mit amerikanischen Präsidenten. Wladimir Putin rühmte sich, dass sie beide Leningrader seien. Der japanische Botschafter verlieh ihr den Orden der Aufgehenden Sonne, Senegals Präsident den Nationalen Löwenorden. Im Jahre 2016 ehrte sie Staatspräsident Andrzej Duda als erste polnische Sportlerin mit der höchsten polnischen Auszeichnung, dem Orden des Weiβen Adlers.

Sie kämpfte seit 2014 gegen den Krebs an. Eine Zeit lang schien es sogar als hätte sie die Krankheit bezwungen. Doch dem war nicht so.

Irena Szewińska gewann für Polen sieben Olympiamedaillen und stellte zehn Weltrekorde auf. Das Ausmaβ der Sympathie, die sie für sich und ihr Land erlangen konnte scheint schier unermesslich. Sie starb im Alter von 72 Jahren und wurde am 5. Juli 2018 feierlich auf dem Warschauer Powązki-Friedhof bestattet.

Sehenswert: Filmportrait Irena Szewińska (auf Englisch)

Sehenswert: Beeindruckend. Szewińskas Sieg auf 200 m bei der Olympiade in Mexico 1968

© RdP




Violinistin, Kommunistin, Dissidentin

Am 1. Mai 2018 starb Wanda Wiłkomirska.

Wenn sie mit dem Bogen über die Saiten der Geige strich, kam es unvermeidlich zum Gipfeltreffen einer herausragenden künstlerischen Persönlichkeit mit einem der wunderbarsten und anspruchsvollsten Musikinstrumente, die von Menschenhand gespielt werden.

Ihr langes Leben verlief stets zweigleisig. Ihre Musikkarriere führte gradlinig von Erfolg zu Erfolg, bis auf den Olymp der weltbesten Interpreten. Ihr Privatleben dagegen, reich an politischen Verstrickungen und darauffolgenden Befreiungsschlägen, war ein kurvenreicher Pfad, manchmal entlang des Abgrunds.

Geboren 1929, war sie zehn Jahre alt, als im September 1939 Hitlers Armeen in Polen einfielen und ihre erste Gratwanderung begann. Die Wiłkomirskis wohnten damals in Polens zweitgröβter Stadt Łódź (Lodsch) und waren in Fachkreisen und bei Musikliebhabern landesweit als musizierende Familie bekannt. Auch in ihrem Leben, wie konnte es anders sein, spiegelte sich das schwierige Schicksal Polens jener Zeit wieder.

Eine der Musik verschriebene Familie

Seit 1795 war Polen zwischen Russland, Preuβen und Österreich endgültig aufgeteilt, und blieb, bis 1918, von der Europakarte verschwunden. Wandas Groβvater, ein Pole und Untertan des Zaren, diente als Arzt in der russischen Armee. Im rebellischen Kaukasus, den es immer wieder zu befrieden galt, kam 1873 sein Sohn und Wandas Vater, Alfred auf die Welt, ein musikbesessener Junge, der sich ganz und gar der Violine verschrieb.

Alfred Wiłkomirski mit seiner ersten Ehefrau Aniela. Moskau 1912.

Seine erste Frau Aniela, eine Polin, lernte Alfred in Moskau kennen, wo er am Konservatorium studierte und später unterrichtete. Aniela gebar Alfred Wiłkomirski drei Kinder. Kazimierz (1900-1995) war ein sehr erfolgreicher Cellist, Dirigent und Musikpädagoge. Michał (1902-1988) machte sich in den USA als Violinist einen Namen. Maria (1904-1995) war Pianistin und Musikprofessorin.

Unter der Aufsicht des Vaters traten die Drei bis zum Ausbruch der bolschewistischen Revolution und des russischen Bürgerkrieges als das „Trio Wiłkomirski“ in Moskau auf. Beliebt und renommiert, sollte es jahrzehntelang überdauern. Immer wieder trafen sich später die in aller Welt verstreuten Geschwister, gaben Konzerte in Polen, Frankreich, den USA.

„Trio Wiłkomirski“. Moskau 1915. Von links: Michał, Maria, Kazimierz.

Nur knapp entkam die Familie der Mord- und Vernichtungswut der Bolschewisten und deren Gegnern, die Russland nach 1917 in ein Inferno des Elends verwandelten. Ende 1919, im gerade wieder unabhängig gewordenen Polen, in der Stadt Kalisz angekommen, arbeiteten sich die Wiłkomirskis, die von ihrem Vermögen nur das, was sie am Leibe trugen retten konnten, wieder empor. Auf der Suche nach einer Stelle, die es Alfred erlauben würde die Familie durchzubringen, zogen sie von Kalisz, mit Stationen in Lublin und Warschau, schließlich nach Łódź.

Der Ehefrau und Mutter Aniela hatten die beiden letzten, schrecklichen Jahre in Russland schwer zugesetzt. Sie starb 1923. Zwei Jahre später heiratete der Witwer Alfred Wiłkomirski seine Schülerin in der Musikschule von Kalisz, die achtundzwanzig Jahre jüngere jüdische Kaufmannstochter Dorota Temkin. Alfred wollte mit ihr drei Kinder zeugen, denn er dachte allen Ernstes daran ein zweites Familien-Trio zu gründen.

Doch nur zwei Kinder kamen zur Welt: 1926 in Kalisz der Sohn Józef, der es zu einem angesehenen Cellisten, Dirigenten und Musikpädagogen brachte, sowie 1929 in Warschau Wanda. Mit vier Jahren begann Vater Alfred ihr das Violinspiel beizubringen.

Kriegserlebnisse

Einige Monate nach dem Einmarsch der Deutschen in Łódź am 8. September 1939 wurde die Textil-Metropole zu Ehren von Karl Litzmann, eines kaiserlichen Generals und späteren nationalsozialistischen Politikers, in Litzmannstadt umbenannt und an das Reich angegliedert. Die Juden kamen ins Ghetto, die Polen wurden enteignet, aus besseren Wohnungen fortgejagt, drangsaliert, in Konzentrationslager deportiert.

Deutscher Einmarsch in Łódź am 8. September 1939, begleitet vom Jubel der örtlichen Deutschen (oben). Umbenennung in Litzmannstadt.

Das ungefähr einhundertdreißig Kilometer nordöstlich gelegene Warschau lag nun hinter einer streng bewachten Grenze im von Deutschland besetzten sogenannten Generalgouvernement, in dem Generalgouverneur Hans Frank, von Krakau aus, seine Schreckensherrschaft ausübte.

Vater Alfred brachte die beiden Kinder, Józef und Wanda, dauerhaft bei Verwandten in Warschau unter. Die Eltern blieben in Łódź. Der Vater gab deutschen Offizieren aus besseren Kreisen, die bei ihm in Zivil erschienen, private Musikstunden. Die Mutter blieb als Jüdin unerkannt.

Doch Warschau war keineswegs sicherer. Die beiden jungen Wiłkomirskis übten Musik zu Hause. Der Warschauer Hausherr und Verwandte war, wie konnte es anders sein, Musiklehrer, aber polnische Schulen waren auch hier geschlossen. Sie lernten in Bildungszirkeln, die ihren Unterricht streng konspirativ in Privatwohnungen abhielten. Groβangelegte Razzien, bei denen alle Gefassten, von der Straβe weg, zur Zwangsarbeit ins Reich oder in KZs geschickt, bzw. an Ort und Stelle in öffentlichen Hinrichtungen zur Abschreckung erschossen wurden, hielten die Stadt in Atem.

Am 1. August 1944 brach in ganz Warschau ein Aufstand aus. Die Russen waren vom Osten her im Anmarsch. Die der polnischen Exilregierung in London unterstellte Heimatarmee (Armia Krajowa- AK) wollte die Stadt von den, wie man fälschlicher Weise annahm, abrückenden Deutschen befreien und die Sowjets als Hausherrn in der Hauptstadt empfangen, um so das Einsetzen eines kommunistischen Regimes zu verhindern.

Die Rechnung ging nicht auf. Die Russen stoppten ihren Vormarsch, die Deutschen holten Verstärkung heran. Am 3. Oktober 1944, nach dreiundsechzig Tagen, kapitulierten die Aufständischen. Die Intensität der Straβenkämpfe stand denen von Stalingrad in nichts nach. Am Ende waren circa zweihunderttausend Warschauer tot. Die restliche Bevölkerung wurde innerhalb weniger Tage vertrieben.

Die Russen schauten vom anderen Weichselufer zu, wie die Deutschen dreieinhalb Monate lang die leere Stadt planmäβig niederbrannten und in die Luft sprengten. Erst Mitte Januar 1945, als das Vernichtungswerk vollbracht war, setzten sie über den Fluss, um das tote Ruinenmeer zu „befreien“.

Entfesselte Soldateska. Russische Wlassow-Verbände im Warschauer Aufstand 1944.

Den Stadtteil Ochota, in dem Wanda lebte, mussten die Aufständischen schon Mitte August 1944 räumen. Durch eine entfesselte Soldateska der russischen Wlassow-Verbände unter deutschem Kommando folgte eine tagelange Orgie von Massenmorden, Vergewaltigungen, Brandschatzungen und Plünderungen.

Der fünfzehnjährigen Wanda gelang es wie durch ein Wunder aus dieser Hölle zu entkommen. Sie schlug sich bis in die Warschauer Vororte durch. Ein Eisenbahner nahm sie ein Stück in Richtung Łódź mit. Ohne Geld überredete sie in dem Ort Koluszki einen professionellen Schmuggler, sie über die streng bewachte Grenze ins Reich zu bringen. Der Mann lieferte sie nachts bei den Eltern in Łódź ab. Überglücklich dankten sie es ihm mit der goldenen Uhr des Groβvaters und den letzten goldenen Ohrringen, die Wandas Mutter noch besaß.

Bald darauf, Ende Januar 1945, galt es den Einmarsch der Sowjets zu überleben. Mutter und Tochter versteckten sich tagelang in einem getarnten Keller, um den Vergewaltigungen und Morden der ständig betrunkenen „Befreier“ zu entgehen, bis sich die Lage beruhigte.

Der rote Backfisch

Der Kommunismus hielt in Polen in jener Zeit nach und nach Einzug. Aber es gab wieder polnische Schulen, einen polnischen Kulturbetrieb, polnische Musik durfte wieder gespielt werden. Für die eher unpolitische Musikerfamilie Wiłkomirski war das auschlaggebend.

Wanda Wiłkomirska 1947, mit achtzehn Jahren. Ein Backfisch der bald rot werden sollte.

„Meine Eltern und meine Stiefgeschwister, alles erwachsene Leute, gut zwanzig Jahre älter als ich, waren davon sehr angetan, dass die neuen Machthaber Musikschulen eröffneten, Konzertsäle bauten. Ich dagegen gehörte der jungen Generation an, für die es damals Polnischsein nur im Doppelpack mit dem Kommunismus gab. Wir kannten es nicht anders“, berichtete die Violinistin im September 1998, in einem Interview für die „Gazeta Wyborcza“ („Wahlzeitung“).

Vater Alfred durfte an der wiedereröffneten Musikhochschule in Łódź unterrichten, an der auch seine Tochter Wanda studierte. Fachleute waren von ihr hingerissen. Wie schnell sich ihre Spieltechnik verbesserte, wie einfühlsam sie die Stücke interpretierte, wie schnell sie ein neues Repertoire einübte. Backfisch Wanda war einsame Spitze auf weiter Flur.

Die polnischen Kommunisten waren, anders als in Deutschland, Frankreich, der Tschechoslowakei, vor dem Krieg nur eine isolierte, unbeliebte, bedeutungslose politische Sekte. Sie versuchten, so die allgemeine Empfindung in Polen damals, das gerade unabhängig gewordene Land wieder unter die Fuchtel, diesmal die des roten Russlands zu bringen, das das zaristische, weiβe Russland beerbt hatte.

Jetzt, nach 1945, waren die verachteten Kommunisten Polens Herrscher von Moskaus Gnaden. Der allgemeine Terror, mit dem sie ihre Macht festigten, konnte auf Dauer nicht das einzige politische „Angebot“ sein. Mit dem Wiederaufbau und der Rekonstruktion der zerstörten Altstädte von Warschau, Gdańsk, Wrocław, mit der massiven Förderung der klassischen und der volkstümlichen polnischen Kultur, gelang es ihnen, die vom furchtbaren Krieg zermürbte polnische Gesellschaft für sich etwas gnädiger zu stimmen, teilweise auch zu begeistern.

Die vom bürgerlichen Vorkriegspolen „geerbten“ Künstler in den neuen, sozialistischen Kulturbetrieb einzubinden, um sich selbst und die neue Diktatur ein Stück weit in den Augen der Gesellschaft zu legitimieren, „Normalität“ vorzutäuschen, das war das eine Ziel. Noch wichtiger aber war es, neue, junge, herausragende Sportler, Wissenschaftler, Künstler, „aus eigener Zucht“ vorzuweisen.

Die talentierte Wanda Wiłkomirska passte hervorragend in dieses Schema. Ihre faszinierende Begabung ging einher mit ihrem politischen Engagement.

„Ja, ich bin, wenn es darauf ankam, im grünen Hemd und roter Krawatte des kommunistischen Jugendverbandes aufgetreten, zum Beispiel 1951 bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Ostberlin. Aus dem Publikum donnerten uns auf der Bühne immer wieder Jubel-Sprechchöre entgegen: »Stalin, Bierut (Stalins Statthalter in Polen – Anm. RdP), Wilhem Pieck!«. Ich habe bei den Umzügen zum 1. Mai die rote Fahne geschwungen. Ich bin in die kommunistische Partei eingetreten. Ich habe damals an diese Idee geglaubt, und ich habe das nie verheimlicht“.

Henryk-Wieniawski-Violinwettbewerb in Poznań 1952. Wanda Wiłkomirska beim Auslosen der Auftrittsreihenfolge.

Nur Talent zu haben und eisern zu üben genügte damals nicht, um entsprechend gefördert zu werden. Sie durfte bereits 1947 eine Ausbildung in der renommierten Franz-Liszt-Akademie in Budapest absolvieren, um dann, zwei Jahre später, bei Henryk Szeryng in Paris einen Meisterkurs zu belegen. Ein Aufbaustudium an der Warschauer Musikakademie folgte, und mit ihm der erste groβe Durchbruch: der zweite Platz im Henryk-Wieniawski-Violinwettbewerb in Poznań 1952. Da war sie gerade dreiundzwanzig.

Zerstörte Warschauer Nationalphilharmonie vor und nach dem Wiederaufbau.

Zwei Jahre später war sie auf nationaler Ebene ganz oben angekommen. Am 21. Februar 1955 wurde das wiederaufgebaute Gebäude der Warschauer Nationalphilharmonie feierlich seiner Nutzung übergeben. Wanda Wiłkomirska spielte bei der Einweihung mit dem Orchester der Philharmonie das 1. Violinkonzert von Karol Szymanowski (1882-1937), dem nach Chopin wohl namhaftesten polnischen Komponisten.

„Wenn man heute diese Aufnahme hört, fällt es schwer einen Interpreten zu finden, der in den letzten gut sechzig Jahren diese Komposition mit nur annährend ähnlicher Leidenschaft, Zärtlichkeit und emotionalem Einfühlungsvermögen spielen würde“, schrieb in einem Nachruf auf Wiłkomirska der Musikredakteur der Zeitung „Rzeczpospolita“ („Die Republik“).

Im kommunistischen Establishment angekommen

Die nächsten gut fünfundzwanzig Jahre lang, bis zu ihrer Emigration Anfang 1982, war Wanda Wiłkomirska Solistin der Nationalphilharmonie, absolvierte mit ihr Dutzende von Auslandstourneen. Bei ihren ersten Gastspielen in den USA 1961 schaffte sie mit Leichtigkeit ihren dritten groβen Durchbruch, dieses Mal den internationalen. Der legendäre Impresario Samuel Hurok hörte sie in der New Yorker Carnegie Hall und nahm sich ihrer sofort an. Amerika lag Wanda Wiłkomirska zu Füβen. Immer neue Einladungen zu Soloauftritten in den Staaten und volle Konzertsäle waren ihr von nun an sicher.

Mit Arthur Rubinstein 1961 in New York.

Damals war sie schon längst im kommunistischen Establishment angelangt, auch durch ihre Heirat. Ihren Ehemann lernte sie unter wahrlich ungewöhnlichen Umständen in Ostberlin 1952, während der Tage der Polnischen Kultur kennen.

Die hübsche Violinistin ging die breite Wendeltreppe des Hotels hinunter. Ihr entgegen kamen zwei Herren, von denen einer laut sagte: „Schau mal, was für eine heiβe Stute!“, in der Annahme sie verstehe kein Polnisch. Der Satz kam aus dem Munde von Mieczysław Rakowski (1926-2008), damals noch ein junger Kultur-Parteiapparatschik, der zum Polittross der polnischen Delegation gehörte. Sein Entsetzen war groβ, als beim Galakonzert die Violinistin Wanda Wiłkomirska angekündigt wurde, und die „heiβe Stute“ die Bühne betrat.

Wiłkomirska, Rakowski in ihren guten Jahren.

Rakowski soll einen Blumenstrauβ mit einem Entschuldigungskärtchen vor ihrem Zimmer abgelegt und die halbe Nacht in der Hotelbar seine Scham in Wodka ertränkt haben. Beim Frühstück sah man sich wieder und, siehe da, sofort sprang der Funke der Zuneigung in beide Richtungen über. Er habe sie, so Wiłkomirska, als Frau begehrt und nicht zuerst als berühmte Violinistin, wie es die Männer vor ihm taten.

Sie blieben bis 1970 verheiratet, hatten zwei Söhne, eine Villa mit Hauspersonal in Warschau, ein schmuckes Sommerdomizil in Masuren, verkehrten in den obersten Zirkeln der kommunistischen Machthaber, ihrer Familien und deren Günstlinge aus der Welt der Kunst, der Wissenschaft, der gleichgeschalteten Medien.

Rakowski, den man der liberalen Fraktion in der KP zurechnete, erklomm langsam aber zielführend die Sprossen der kommunistischen Karriereleiter. Er wurde ZK-Mitglied, war seit 1957 Chefredakteur der damals viel gelesenen Wochenzeitung „Polityka“. Unter den Bedingungen der Diktatur erfüllte sie, wie die Wochenzeitung „Das Reich“ im Dritten Reich oder die „Literaturnaja Gazeta“ in der Sowjetunion, eine Ventilfunktion, sollte feinfühliger, weniger grob als die gängige Parteipropaganda, die gebildeten Schichten ansprechen.

Rakowski wollte hoch hinaus. Doch er musste seit 1956 zunächst Parteichef Gomulka überdauern, der infolge der blutigen Arbeiterunruhen an der polnischen Ostseeküste im Dezember 1970 gestürzt wurde, und weitere zehn Jahre dessen Nachfolger Edward Gierek, der im Sommer 1980 aus gleichem Grund wie Gomulka abdankte.

Rakowski mit General Jaruzelski. Als „Liberaler“ im Lager der Knüppelkommunisten angekommen.

Erst unter General Jaruzelski, der am 13. Dezember 1981 Solidarność verbot und das Kriegsrecht ausrief, schlug die Stunde des „Liberalen“ Rakowski. Er wurde stellvertretender Ministerpräsident, danach, im Sommer 1989, Parteichef einer schon dahinsiechenden polnischen KP, die er auf ihrem letzten Parteitag im Januar 1990 mit zu Grabe trug.

Fleiβig, flink, selbstbewusst

Ihr Mann war von der Politik, Wanda Wiłkomirska war von ihrer Berufung als Violinistin besessen. Es gab Jahre, in denen sie mehr als einhundert Konzerte in der ganzen Welt und oft auch in den entlegendsten Winkeln Polens gab. Wochenlang war sie nicht zu Hause. „Spiele so gut, dass sie dich wieder einladen wollen“, nach diesem Motto baute sie ihre Karriere auf.

Mit Wolfgang Sawallisch in Wien.

Sie war fleiβig, flink, nicht überheblich, hatte keine Starallüren, aber, wenn es darauf ankam, war ihr Selbstbewusstsein ungebrochen und berüchtigt. Wiłkomirska verstand sich hervorragend mit dem DDR-Stardirigenten Kurt Masur, mit Wolfgang Sawallisch, der sie immer wieder zu Auftritten mit den Wiener Symphonikern holte. Sie hat aber auch so manchen Dirigenten in die Schranken gewiesen, wie den schnell aufbrausenden und herrischen Sir John Barbirolli.

Sir John Barbirolli.

„Er wollte bei der Eröffnung des Londoner Barbican Center im März 1982 das Violinkonzert von Benjamin Britten (1913-1976) spielen. Ich habe es eingeübt. Die erste Probe. Wir beginnen zu spielen. Barbirolli bricht sofort ab und sagt, ich soll an dieser Stelle nicht verlangsamen. Ich sage »Yes, Sir«. Kurz danach wieder dasselbe. Ich soll so spielen, wie der Komponist es wollte. »Yes, Sir«. Beim vierten Mal, an einer Stelle die ich auf meine Weise interpretierte, sagte ich ihm: »Ich will das so spielen«. »Streite nicht mit mir«. »Ich weiβ, Sie haben Britten persönlich gekannt und Sie haben eine Vorstellung, wie man sein Konzert spielen soll. Ich habe meine Vorstellung. Wollen Sie eine Solistin haben, die nur yes, yes, yes von sich gibt?« Er schaute mich an und sagte »Du hast Recht, mein Kind«. Ab dann hat er mich immer wieder engagiert“, berichtete sie Jahre später.

Mitte der 60er Jahre in der Warschauer Nationalphilharmonie. Ihr Selbstbewusstsein war ungebrochen und berüchtigt.

Zubin Mehta musste sich ihren Vortrag über Karol Szymanowski anhören, den er zuerst, in ihren Augen, zu unterschätzen schien. Sie redete so gut, wie sie spielte und durfte danach noch mehrere Male mit den New Yorker Philharmonikern auftreten.

Nur mit Leonard Bernstein verband sie eine tiefe, gegenseitige Abneigung, und zwar auf den ersten Blick. Bei der Probe eines Tschaikowski-Konzertes brach sie plötzlich ab und sagte: „Zu schnell“. „Zu schnell für wen? Für Sie?“, gab der sichtlich ungehaltene Dirigent zurück. „Nicht für mich, für Tschaikowski“, antwortete Wiłkomirska. Sie sind nie wieder gemeinsam aufgetreten.

Ihre Bühnenpartner waren die bekanntesten Musiker der Welt: Arthur Rubinstein, Gidon Kremer, Martha Argerich, Kim Kashkashian, Mischa Maisky. Wiłkomirska spielte als Solistin bei der Eröffnung des neuen Opernhauses in Sydney 1973 vor der Queen und ebenfalls vor mehreren US-Präsidenten.

Polnische Violinistin mit deutschem Pass

Mit Krzysztof Penderecki 1966 in Warschau.

„Sie blieb immer eine durch und durch polnische Violinistin“, schrieb Staatspräsident Andrzej Duda in einem Kondolenzbrief, der bei ihrer Beerdigung vorgelesen wurde. Es ist eine wahre und wichtige Feststellung, doch so selbstverständlich, wie sie auf den ersten Blick erscheint, ist die Angelegenheit nicht.

Kaum ein polnischer Solist von Weltrang hat nach 1945 so sehr die polnische Musik in der Welt bekannt gemacht, wie Wanda Wiłkomirska. Dank ihr erfuhren Zuhörer in fremden Ländern, dass die polnische Musiktradition nicht ausschlieβlich aus Chopins Mazurkas und Pendereckis kakophonischen Concertos besteht.

Mit dem Komponisten und Dirigenten Witold Lutosławski Anfang der 70er Jahre.

Unerbittlich, und manchmal zum Leidwesen ihrer Impresarios, schob sie, wo sie nur konnte, in die Programme ihrer Soloauftritte, zwischen Bach, Paganini, Tschaikowski, Werke polnischer zeitgenössischer Komponisten ein: Henryk Wieniawski (1835-1880), Karol Szymanowski (1882-1937), Grażyna Bacewicz (1909-1969), Tadeusz Baird (1928-1981), Augustyn Bloch (1929-2006), Zbigniew Bargielski (geb. 1937), Zbigniew Bujarski (1933-2018), Roman Maciejewski (1910-1998), Włodzimierz Kotoński (1925-2014). In Polen hat sie deren Werke uraufgeführt. Die polnische Musik war ihr sehr wichtig und sie war im wahrsten Sinne des Wortes ihre beste Botschafterin.

Umso mehr erstaunte es, dass diese durch und durch polnische Künstlerin Mitte der achtziger Jahre ihre polnische Staatsangehörigkeit demonstrativ aufgegeben hat und Deutsche wurde. Es war der Endpunkt eines langen Prozesses.

Auch wenn Mieczysław Rakowski in seinen Tagebüchern die Sehnsucht nach seiner Frau immer wieder zur Sprache bringt, irgendwann fand sich eine deutlich jüngere, attraktive Künstlerin, eine Schauspielerin, die mehr Zeit für ihn hatte. Wanda Wiłkomirskas Scheidung von Rakowski 1970 ging einher mit einer wachsenden Ablehnung des Kommunismus, die sie an den Tag legte.

Rakowski war intelligent und sah sehr wohl, welche Katastrophen der Kommunismus allein in Polen anrichtete. Stets leicht distanziert, hielt er jedoch an ihm fest. Zu wichtig waren ihm Macht, Geltung, Ansehen. Seine geschiedene Frau schöpfte ihr Selbstbewusstsein aus ihren hart erarbeiteten musikalischen Erfolgen und sie zog Konsequenzen aus dem, was sie sah und erlebte, im Westen wie im kommunistischen Osten.

Zu berühmt, als dass ihr die Behörden ernsthaft etwas antun konnten.

Bald nach der Trennung gab sie ihren Parteiausweis zurück. Immer öfter unterschrieb sie Protestbriefe gegen Schikanen der Machthaber, setzte sich für Verfolgte ein. Ihr berühmter Name zierte die Mitgliederliste des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (KOR). Sie wurde eine Dissidentin.

Sie war zu berühmt, als dass ihr die Behörden ernsthaft etwas antun konnten. Nur ab und an lieβen sie sie nicht zu Konzerten ins Ausland reisen. Diese Schikanen schmerzten die leidenschaftliche Musikerin mehr als sie zugeben wollte. Konzerte im letzten Augenblick absagen ist teuer und ihre Agenten überlegten sich schon, ob sie ein zweites Mal ein solches Risiko eingehen wollten. Aber das war ihr das Engagement für die Menschenrechte wert.

Kriegsrecht in Polen.

Sie flog am 12. Dezember 1981 von mehreren Konzerten in Paris nach Warschau zurück. Am nächsten Tag wurde überfallartig das von langer Hand geplante Kriegsrecht über Polen verhängt. Panzer fuhren auf, Massenverhaftungen begannen, Solidarność wurde verboten. Abends kam Rakowski in ihre Wohnung. Er war damals stellvertretender Ministerpräsident und damit einer der Verursacher, ein „Liberaler“ der ins Lager der Knüppelkommunisten gewechselt war.

Er meinte es gut: „Sei vernünftig. Diese Walze wird Dich irgendwann plattmachen, und ich werde Dir nicht helfen können.“ „Nur zugucken, wie andere plattgemacht werden passt mir nicht“, soll sie geantwortet haben. Es sollte für viele Jahre das letzte Gespräch zwischen den beiden gewesen sein.

Die Grenzen Polens waren damals, Ende 1981, Anfang 1982, hermetisch geschlossen. Wiłkomirska sollte Konzerte im Rheinland geben. Unerwartet bekam sie ihren Reisepass von der staatlichen Künstleragentur PAGART ausgehändigt, die im kommunistischen Polen der einzige Auslandsimpresario war. Es war im Warschau jener schrecklichen Tage eine kleine Sensation. Stand Rakowskis Anweisung dahinter? Vieles spricht dafür.

In Würde Abschied nehmen

In der Bundesrepublik angekommen, schickte Wiłkomirska ihren polnischen Pass an die polnische Botschaft zurück, beantragte und bekam deutsche Ausweispapiere. Sie brach nicht mit Polen, sie brach mit dem kommunistischen Polen.

Ihr Heimatland, vom Kommunismus befreit, sah sie erst 1990 wieder. Bis dahin unterrichtete sie seit 1983 an der Hochschule für Musik Heidelberg-Mannheim und zog sich, wohlüberlegt, nach und nach aus dem Konzertbetrieb zurück.

Wissen und Können an die junge Generation weitergeben.

Ihre Fans sollten sie in bester Erinnerung behalten, so wie sie in ihren Glanzzeiten gespielt hat. Das war ihr überaus wichtig. Sie verkaufte ihre prachtvolle Guarneri-Geige und begann ihr Wissen und Können an die junge Generation weiterzugeben. Ab 1999 lehrte sie am Konservatorium in Sydney, gab Meisterkurse in Polen, Japan, der Schweiz, Italien, Finnland, Österreich, war Jurymitglied bei Violinwettbewerben in Moskau, Tokio, London, München, Graz, Wien und natürlich beim Henryk-Wieniawski-Violinwettbewerb in Poznań, wo 1952 ihre groβe Karriere begonnen hatte.

Polen empfing sie 1990 mit offenen Armen. In der Heimat blühte sie wieder auf. Von so viel Begeisterung und Zuspruch überwältigt, kehrte Wiłkomirska für einige Jahre ins intensive Konzertleben zurück. Die Kritiker schrieben immer wieder, die Grande Dame der Violine spiele überraschend perfekt.

Ihr letztes Lebensjahr verbrachte Wanda Wiłkomirska in Skolimów bei Warschau, in einem gediegenen Seniorenheim für Künstler. Bis zuletzt geistig fit, nahm sie es ihren beiden Söhnen übel, dass sie sie dort untergebracht hatten. Bekannte und Schüler kamen oft vorbei. Nach einem schweren Schlaganfall kam sie ins Krankenhaus. Die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun.

Überragende Begabung, unermüdlicher Fleiβ und Zivilcourage haben ihr Leben geprägt. Dafür wurde sie bewundert.

Wanda Wiłkomirska starb mit 89 Jahren und wurde am 15. Mai 2018 auf dem Warschauer Powązki-Friedhof feierlich bestattet.

© RdP




Der gute Mensch vom KGB

Am 18. April 2017 starb Oleg Sakirow.

Der Gefallen, den die polnische Korrespondentin Krystyna Kurczab-Redlich dem polnischen Generalkonsul in Moskau, Michał Żórawski erwies, sollte weitreichende Folgen haben. Anfang 1990 war eine Nachricht bis zur polnischen Botschaft in Moskau durchgedrungen: ein KGB-Offizier forsche in Smolensk auf eigene Faust nach Spuren und Tätern, die zwischen April und Mai 1940 im nahegelegenen Ort Katyn, einige Tausend gefangene polnische Offiziere umgebracht hätten.

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Polnischer Konsul Michał Żórawski (1939-2012)

Der Konsul bat daraufhin die KGB-Dienststelle in Smolensk um einen Gesprächstermin mit dem Offizier, doch das Ersuchen wurde abgelehnt. Was ein Diplomat nach einer solchen Ablehnung nicht tun sollte, es sei denn, er möchte wegen inoffizieller Kontaktaufnahme mit Sicherheitsbeamten des Gastlandes oder möglicherweise auch wegen Spionage ausgewiesen werden, ist für eine recherchierende Journalistin allemal von Interesse. Und so stand die polnische Korrespondentin gegen Mitternacht, irgendwann im Mai 1990 vor der Wohnungstür in der Stroitelnaja Straße 15. Die Tür öffnete Oleg Sakirow, damals noch KGB-Major.

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Korrespondentin Krystyna Kurczab-Redlich .

Gesucht, gefunden, gefeuert

Zurück in Moskau, konnte Kurczab-Redlich dem Konsul Erstaunliches berichten. Der aufsässige KGB-Major hatte im Smolensker KGB-Archiv, in das er eigentlich abgeschoben worden war, Dokumente aus dem Jahr 1940 gefunden mit den Namen von NKWD-Beamten (Vorläufer des KGB), die an den Erschießungen der Polen in Katyn beteiligt waren. Einige von ihnen lebten noch.

Da war z.B. der Fahrer Iwan Titkow. Er brachte die Leichen, der im Keller des Smolensker NKWD Nacht für Nacht gemordeten Polen wochenlang in den Wald von Katyn. Titkow wurde von Angehörigen ermuntert, sein Gewissen zu erleichtern und all sein Wissen preiszugeben. Er zeigte Sakirow die genaue Lage der Massengräber.

Oder der einstige Gefängniswärter Pjotr Klimow. Er schilderte den Ablauf der Hinrichtungen. Der frühere NKWD-Wachsoldat Kiril Bordenkow wiederum, der allein und verwahrlost in einer völlig heruntergekommenen Hütte lebte, hatte den Dokumenten zufolge zu dem Erschießungskommando gehört, was er indes bei der Befragung bestritt. Nichtsdestotrotz erzählte er ausführlich davon und fertigte auch noch einen schriftlichen Bericht dazu an.

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Erste polnische Katyn-Briefmarke von 1990.

Der Ostblock zerfiel. Polen hatte seit September 1989 den ersten nichtkommunistischen Regierungschef. Zugleich war es die Zeit, als nach fünf Jahren Glasnost und Perestroika, Gorbatschow ebenso wie dem Partei- und Staatssicherheitsapparat, in der wirtschaftlich schwer angeschlagenen Sowjetunion, die Kontrolle über das Land entglitt. Nur unter solchen Umständen war es überhaupt möglich gewesen, dass der KGB-Beamte Sakirow damals, aufgrund der von oben befohlenen Aufklärung der Verbrechen Stalins, „nebenbei“ seine Nachforschungen anstellen konnte.

Hinter dem Rücken der Vorgesetzten schickte Sakirow 1989 seine Erkenntnisse an die Redaktion des damals führenden Perestroika-Blattes „Moskowskije Nowosti“. Zwei Reporter reisten an. Sakirow führte sie zu den Ziegenbergen, wie der Ort im Wald von Katyn, wo sich die sorgsam getarnten und „gesicherten“ polnischen Massengräber befanden, von den Einheimischen genannt wurde.

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Katyń -Briefmarke der Polnischen Post von 1995.

Das Gelände, auf dem sich heute die Gedenkstätte befindet, war damals noch von einem hohen Bretterzaun umgeben. Ringsherum patrouillierten Streifen mit Schäferhunden. Hinter dem Zaun standen die Sommerresidenzen der Smolensker KGB-Spitzen. Sie durften in ihren Gärten nicht mehr als dreißig Zentimeter tief graben. „Ich bebte innerlich bei dem Gedanken, dass die Sommerhäuser der KGB-Chefs auf den Knochen ermordeter Menschen errichtet wurden. Diese Barbarei war nicht zu ertragen“, so Sakirow.

Auch ein Fernsehteam aus Moskau erschien vor Ort. Doch so viel Macht besaß der Politapparat noch: Der Zeitungsartikel durfte nicht erscheinen. Die TV-Reportage kam nicht zustande, weil Sakirows Kollegen vom Smolensker KGB die Videokassetten beschlagnahmten.

Mit letzter Kraft setzte Gorbatschow noch alles daran, um das sowjetische Massaker von 1940 an insgesamt gut 25.000 polnischen Offizieren und Beamten nicht eingestehen zu müssen. Die Menschenrechtsorganisation „Memorial“ jedoch und die Historikerin Prof. Natalja Lebedewa, die wichtiges Archivmaterial aufspürten, konnte er nicht mehr stoppen.

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Prof. Nataija Lebedewa

Am 25. März 1990 erschien in den „Moskowskije Nowosti“ ein Interview mit Natalja Lebedewa unter dem Titel „Die Tragödie von Katyn“. Es war die erste Veröffentlichung in der Sowjetunion, welche die knapp fünfzig Jahre lang von den Sowjets beharrlich verbreitete Lüge, Katyn sei ein deutsches Verbrechen gewesen, widerlegte.

Der Chefredakteur berichtete später, Gorbatschow habe ihn angerufen und angeschrien: „Die Polen konnten bislang die wahren Schuldigen nicht finden, und jetzt serviert eine kleine Artikelschreiberin sie ihnen auf dem Tablett.“ Am 13. April 1990 veröffentlichte die Presseagentur TASS das offizielle sowjetische Schuldeingeständnis.

Sakirow geriet derweil mächtig unter Druck. Er erhielt Drohanrufe, wurde wegen Eigenmächtigkeiten mehrere Male verwarnt. Die Kollegen schnitten ihn. Schließlich entließ man Sakirow Mitte 1991, ein Jahr vor dem Ruhestand, aus dem KGB mit einer Diagnose im Kündigungsschreiben, die die sowjetische Psychiatrie oft genug Dissidenten gestellt hat: „schleppende, symptomlose Schizophrenie“. Nach dem Motto: es gibt zwar keine Symptome der Krankheit, aber das besagt nichts, denn wer sich gegen das System auflehnt, der muss einfach schizophren sein.

Warum war ein solcher, offensichtlich durch und durch anständiger Mensch ausgerechnet zum KGB gegangen?

Oleg Sakirow wurde 1952 in der Stadt Andischan, ganz im Osten von Usbekistan, im fruchtbaren Ferghantal, unweit der Grenze zu Kirgistan geboren. Er war ein halber Usbeke. Sakirows Vater, Sakir Chalhodschajew (1926 – 1981) heiratete die Russin Lidia Wiergulewa (1924 – 2005). Sehr spät, erst mit dreißig, erfuhr Sakirow, dass die Sowjets seinen Großvater väterlicherseits, den im ganzen Ferghantal damals hoch geschätzten, weisen Kaufmann Chalhodscha Madaminhodschajew bereits 1931 als einen „Volksfeind“ erschossen hatten. 1991 wurde er rehabilitiert.

Der blauäugige Weltverbesserer

Oleg war ein typisches „Produkt“ des Sowjetsystems. Wie Millionen andere durchlief er von klein auf ein lückenloses Erziehungs-, Bildungs- und Propagandagefüge, in dem nicht die geringsten Zweifel an der Herrlichkeit und Unübertroffenheit des Sowjetkommunismus aufkommen konnten.

Besonders hervorgehoben in Kunst und Propaganda, wurde die heroische Legende von den tadel- und selbstlosen Beamten der Staatssicherheitsorgane, die seit der Oktoberrevolution an der Heimatfront unermüdlich den „bürgerlichen Unrat“ ausmerzten: imperialistische Spione und Saboteure, samt ihren sowjetischen Helfern, den vom Aussterben geweihten „Überbleibseln“ des Kapitalismus: Banditen, Dieben, Spekulanten, korrupten Beamten.

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Dserschinski-Kult auf dem Roten Platz in Moskau. Ende der 20er Jahre.

Die Ikone, um die sich diese Legende rankte, war der zum Säulenheiligen des Kommunismus stilisierte, polnischstämmige Begründer der sowjetischen politischen Polizei Felix Dserschinski (1877 – 1926). In Wirklichkeit ein gnadenloser, zehntausenfacher Massenmörder und Erfinder des sowjetischen Lagersystems, nach dem geschätzt gut sechstausend Städte, Dörfer, Straßen, Plätze, Industriebetriebe, LPGs, Schulen, Armeeeinheiten und Handelsschiffe in der Sowjetunion und später im ganzen Ostblock benannt wurden.

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Katyń-Briefmarke der Polnischen Post von 1999.

Von einem solchen Weltbild geleitet, meldete sich Sakirow 1975, gleich nach seinem Jurastudium in Taschkent, zum KGB, und wurde genommen. „Sowjet-Usbekistan war in meiner Jugend ein Königreich grenzenloser Korruption. Etwa die Hälfte der Baumwolle, für die Moskau Jahr für Jahr das Geld überwies, hat man nie gepflanzt und geerntet. Statistiken wurden in großem Stil gefälscht, riesige Prämien für die „Planübererfüllung“ kassiert. Der gesamte usbekische Partei- und Staatsapparat war daran beteiligt. Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte standen Schmiere. Wer sich dagegen sträubte, verschwand für Jahre in Kerkern und Lagern oder wurde gleich kaltgemacht. Nur das KGB war unbestechlich, konnte aber nicht viel ausrichten. Das wollte ich ändern helfen.“, schilderte Sakirow seine Blauäugigkeit Jahrzehnte später.

Da er sich von seinem Vorsatz nicht abbringen ließ, schaffte er es auch nie für längere Zeit in einer KGB-Dienststelle sesshaft zu werden. Aus Urgentsch im Süden Usbekistans, dem Herzen einer Baumwollregion, schob man ihn schnell nach Frunse (heute Bischkek), die Hauptstadt Sowjet-Kirgisiens, heute Kirgistans ab. „In Kirgisien war ich Mitglied der Ermittlungskommission, die den Mord am Regierungschef der Unionsrepublik aufklären sollte. Bei der Gelegenheit gelang es uns einen Wust an korrupten Machenschaften aufzudecken.“

Lob von Andropow, Heroin in Särgen

Lob kam aus Moskau, von Juri Andropow persönlich (1914 – 1984, Nachfolger Breschnews, Parteichef von November 1982 bis zu seinem Tod im Februar 1984, vorher fünfzehn Jahre lang KGB-Chef). „Andropow hat die Korruption wirklich bekämpft! Aber was das KGB anging, hatte ich damals schon jegliche Illusionen aufgegeben“, erinnerte sich Sakirow spàter.

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Katyń-Briefmarken der Polnischen Post von 2000.

Zakirow znaczek Katyń 2000

Von Frunse ging es weiter zum KGB in Alma-Ata, der Hauptstadt Sowjet-Kasachstans und 1983, im achten KGB-Dienstjahr, in die russische Provinz, nach Smolensk, in eine Stadt, wie man sie sich auch heute trostloser nicht vorstellen kann. Der Ruf eines Strebers, Weltverbesserers und Tugendwächters eilte ihm voraus. „Zu uns kam aus Taschkent der ewig unzufriedene Usbeke Sakirow“, schrieb 2005 der damalige Smolensker KGB-Chef, General Anatoli Schiwerskich in seinen Erinnerungen.

Folglich ging es bereits 1984 weiter, dieses Mal nach Afghanistan, in das die Sowjets im Dezember 1979 einmarschiert waren. Die riesige KGB-Dienststelle in Kabul hatte alle Hände voll zu tun, aber ihre Ermittlungsergebnisse gelangten meistens unter Verschluss. An den riesigen Heroinmengen, die überall versteckt, sogar in Särgen mit toten Soldaten, aus Afghanistan in die Sowjetunion flossen und an den auf dem afghanischen Schwarzmarkt unter der Hand verkauften Tausenden von Tonnen Treibstoff, Konserven, Medikamenten, ja sogar Waffen aus Armeebeständen, verdienten nicht selten die höchsten sowjetischen Kommandeure mit. Auch hier war der starrsinnige Sakirow ein zu großes Risiko.

Knapp eineinhalb Jahre später, im Frühjahr 1986, fand er sich also in Smolensk wieder. „In Smolensk traf ich eines Tages den pensionierten NKWD- und KGB-Beamten Tabatschkow. Leicht angetrunken plauderte er aus, dass in den Ziegenbergen polnische Offiziere vergraben sind, die „unsere“ im Frühjahr 1940 erschossen haben. Bei dem Gespräch war mein Abteilungsleiter, Oberstleutnant Klatschin zugegen. Er protestierte: »Die Deutschen haben die polnischen Offiziere erschossen!« Doch Tabatschkow blieb stur: »Was für Deutsche!? Das ist unser Verbrechen,« Das war der Auslöser“, berichtete Sakirow Jahre später.

Nur ein kleines Stück vom Horror

In die Archivkeller der Smolensker KGB-Dienststelle verbannt, wo 1940 Nacht für Nacht bis zu einhundert polnische Offiziere mit einem Genickschuss niedergestreckt wurden, suchte er sich mühsam die oft äußerst unvollständigen Akten zusammen. Ein Bild des Grauens eröffnete sich Sakirow, von dem er nicht wissen konnte, dass die ganze Wahrheit noch viel grausamer war.

Bei ihrem Überfall auf Polen am 17. September 1939 (kurz zuvor, am 1. September 1939 hatte der deutsche Angriff auf Polen und damit der Zweite Weltkrieg begonnen) nahmen die Sowjets etwa 25.000 polnische Offiziere und Unteroffiziere der Armee, der Polizei, des Grenzschutzes, des Zolls und des Strafvollzugs gefangen. Sie wurden in drei, einige hundert Kilometer voneinander entfernten, Kriegsgefangenenlagern untergebracht: Koselsk, Ostaschkow, Starobelsk.

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Der Ablauf des Mordens. Letzte Feststellung der Personalien.

Am 5. März 1940 unterzeichneten die sowjetischen Politbüromitglieder: Josef Stalin, Kliment Woroschilow, Wjatscheslaw Molotow, Lasar Kaganowitsch und Michail Kalinin, per Umlauf, den Beschluss des Politbüros über die Hinrichtung der „eingeschworenen Feinde der Sowjetmacht, erfüllt vom Hass auf das Sowjetsystem“, und zwar „ohne Vorladung der Inhaftierten und Darlegung der Beschuldigungen, ohne Beschluss über das Ergebnis der Voruntersuchungen und ohne Anklageerhebung“.

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Das ahnungslose Opfer wird in den NKWD-Keller gebracht. Der Mörder wartet schon.

Kurz darauf begann die „Leerung“ der drei Lager. Im April und Mai 1940 wurden jeden Tag, aus jedem Lager, Gruppen von bis zu einhundert Polen in Eisenbahnwaggons für Gefangene abtransportiert, ohne zu wissen wohin und weswegen man sie wegbrachte.

Die Transporte aus dem Lager Starobelsk gingen ins ca. 450 Kilometer entfernte Charkow. Dort brachte man die Gefangenen für kurze Zeit im NKWD-Gefängnis unter. In derselben Nacht wurden sie, gefesselt, einzeln in den Keller gebracht, wo hinter einer Tür der NKWD-Mörder dem Ahnungslosen in den Kopf schoss. Die Leiche hat man schnell in einen Nebenraum gezogen, das Blut mit einem Eimer Wasser weggespült, der Nächste… Die Toten wurden am nächsten Morgen in geschlossenen LKWs zu den Massengräbern im nahegelegenen Wald von Piatichatki gebracht. Insgesamt 3.896 Ermordete.

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Am nächsten Morgen wird das „Nachtpensum“ an Leichen zu den Massengräbern gebracht.

Transporte aus dem Lager Ostaschkow fuhren ca. 200 Kilometer weit nach Kalinin (jetzt Twer). Gemordet wurde im NKWD-Keller, die Prozedur war dieselbe. Die Leichen hat man in der Nähe des Dorfes Mednoje verscharrt. Insgesamt 6.311 Ermordete.

Die Transporte aus dem ca. 350 Kilometer entfernten Lager Koselsk gelangten nach Smolensk. Ein Teil der Opfer wurde im Smolensker NKWD-Keller ermordet, ein Teil von der Eisenbahnhaltestelle Gnjosdowo mit einem Gefangenenbus bis an die Todesgruben, einige Kilometer weit gefahren und dort erschossen. Insgesamt 4.421 Ermordete.

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In Katyn fand ein Teil der NKWD-Morde direkt an den Massengruben statt.

Im Waldgelände Kuropaty, unweit von Minsk, wurden etwa 4.500 weitere polnische Offiziere und Beamte verscharrt, herbeigeschafft aus diversen Gefängnissen und Lagern der Weißrussischen Sowjetrepublik und im Minsker NKWD-Keller ermordet.

Im Wald von Bykownja fanden etwa 3.400 Polen ihre letzte Ruhestätte, herbeitransportiert aus Lagern und Gefängnissen in der Ukrainischen Sowjetrepublik und im NKWD-Sitz von Kiew erschossen.

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Unter dem Sammelbegriff „Katyn“ verbirgt sich also eine landesweite Mordaktion der Sowjets, durchgeführt gleichzeitig, an fünf verschiedenen Orten.

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Deutsche an den geöffneten Massengräbern in Katyn 1943.

Am 27. Juli 1941 eroberte die deutsche Heeresgruppe Mitte Smolensk. Am 13. April 1943 meldete das Deutsche Nachrichtenbüro im Rundfunk: „Ein grauenvoller Fund“ im Wald von Katyn „gibt einen ebenso erschütternden wie einwandfreien Aufschluss über den Massenmord an mehr als 10.000 Offizieren aller Grade, darunter zahlreiche Generäle der ehemaligen polnischen Armee durch Untermenschen der GPU (Vorgänger des NKWD) in den Monaten März bis Mai 1940.“ Die Zahl 10.000 wurde später korrigiert.

Den Vertuschern das Handwerk gelegt

Seit dieser Zeit unternahmen die Sowjetbehörden fast ein halbes Jahrhundert lang alles was in ihrer Macht stand, um das Verbrechen totzuschweigen, und wenn das nicht ging, es den Deutschen zuzuschreiben, zum Teil mit Erfolg. Auch im kommunistischen Polen war das Thema ein absolutes Tabu.

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Katyń-Block der Polnischen Post von 2010.

Während die Namen der Ermordeten von Katyn bekannt waren, weil bei den deutschen Ausgrabungen die meisten Toten, anhand von Ausweispapieren, Notizbüchern, Erkennungsmarken usw. identifiziert werden konnten, lebten die Familien der restlichen ca. 21.000 Ermordeten weitere Jahrzehnte lang im Ungewissen. Die Massenmorde an den vier weiteren Orten wurden erst Anfang der 90er Jahre bekannt. Gerüchte machten bis dahin die Runde, wie z. B., die Sowjets hätten die gut sechstausend Insassen des Lagers Ostaschkow auf alte Kähne verladen und im Eismeer ertränkt.

Sakirow war einer von vielen, die den Vertuschern das Handwerk gelegt haben. Dass er die letzten noch lebenden Täter ausfindig gemacht hat, war damals eine riesige Sensation.

Der Preis den er für seinen Mut bezahlen musste war hoch. Nach dem Rauswurf aus dem KGB folgten sehr magere Jahre. Er hielt sich und die Familie mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, überlebte zwei mysteriöse Unfälle, die er als Attentatsversuche auslegte, bekam immer wieder Drohanrufe.

Der polnische Undank…

Polnische Diplomaten in Moskau verhalfen seiner Tochter Larissa zu einem Stipendium und einem Studienplatz im polnischen Łódź. Sakirow konnte sie einige Male besuchen. Schlieβlich verkauften die Sakirows  ihre Wohnung in Smolensk, verbreiteten, sie wollten nach Moskau ziehen. In Wahrheit flohen sie 1998 nach Polen, nach Łódź.

Ihre Ankunft jedoch schien niemanden zu interessieren. In Warschau musste Sakirow einen Antrag auf Anerkennung als Flüchtling stellen. Der Beamte ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. Briefe an Außenminister Władysław Bartoszewski (1922 – 2015), an Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski, an die Kanzlei des Ministerpräsidenten Jerzy Buzek und viele Behörden blieben zumeist unbeantwortet.

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Katyń-Briefmarke der Polnischen Post von 2015.

Das mitgebrachte Geld floss nach und nach vor allem in die Wohnungsmiete in Łódź. Sakirow arbeitete auf dem Bau, die Tochter als Lagerhilfe in einer Supermarktkette, Ehefrau Galina war schwer krank. Die Tochter verlor irgendwann ihren Job, weil sie die schweren Lasten nicht mehr heben konnte. Sakirow erkrankte Ende 2000 durch das Zementmischen an einer Staublunge und landete als Bettler auf der Straße.

In einem seiner zahlreichen Ersuchen schrieb er zusammenfassend: „Als ich meine eigene Katyn-Untersuchung begann, da waren mir die Folgen nicht ganz klar. Ich wollte den Polen helfen, nicht um des Ruhmes oder des Geldes Willen. Ich wollte ihre Abneigung gegenüber Russland und den Russen verkleinern. Ich dachte nicht, dass ich meine Arbeit und meine Freunde verlieren, dass ich zum Verräter für die eigenen Leute und ein lästiger Eindringling unter Fremden sein werde.“

Sein ehemaliger Smolensker Chef Anatoli Schiwerskich schrieb derweil in seinen Erinnerungen „Zerfall des großen Imperiums. Aufzeichnungen eines KGB-Generals“: „Der Usbeke Sakirow hat das Archiv der Opfer von Repressalien durchgesehen. Material zu Katyn hat er dort nicht gefunden, aber er half sensationssüchtigen Journalisten falsche Zeugen jener Ereignisse zu finden. Sie haben dazu beigetragen das falsche Bild dieses faschistischen Verbrechens zu verfestigen. Die Polen haben ihn dafür mit Belohnungen überhäuft. Sakirow lebt in Polen in Saus und Braus.“

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Sakirow mit seinen Erinnerungen „Fremdes Element“.

Fast zehn Jahre waren zu jener Zeit seit seinen guten Taten in Smolensk vergangen, zudem war Sakirow damals nur wenigen polnischen Insidern bekannt. Diejenigen, die seinerzeit den Stein mit ins Rollen gebracht hatten, waren nicht da um ihn zu unterstützen: Konsul Michał Żórawski (fonetisch: Schurawski) hatte inzwischen einen anderen diplomatischen Posten weit weg von Polen angetreten. Die Journalistin Krystyna Kurczab-Redlich durchquerte als Reisekorrespondentin die Weiten Russlands.

…wird gutgemacht

Doch der Skandal sprach sich herum, und ab 2002 ging es den Sakirows etwas besser. Die Tochter bekam eine Stelle in ihrem Fach als klinische Psychologin. Staatspräsident Kwaśniewski verlieh der Familie die polnische Staatsbürgerschaft. Sakirow bekam eine Sozialrente von 1.500 Zloty (damals etwa 450 Euro). Im April 2003 verlieh ihm, in Anerkennung seiner Verdienste, Staatspräsident Kwaśniewski das Ritterskreuz des Ordens der Wiedergeburt Polens (5. Klasse). Im Oktober 2010 zog Staatspräsident Bronisław Komorowski mit dem Offizierskreuz desselben Ordens (4. Klasse) nach.

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Sakirow-Beerdigung in Łódź…

Als wollte Polen die Scham der unfreundlichen Aufnahme von sich wischen, hagelte es nun Auszeichnungen und Ehrentitel für Oleg Sakirow. Im Jahr 2010 erschienen seine Erinnerungen „Obcy element“ („Fremdes Element“). Das Buch verkaufte sich gut, bekam auch das Prädikat „Bestes historisches Buch“ des Jahres 2010. In den Jahren 2007 und 2009 drehten und zeigten der private TV-Kanal Discovery und das Polnische Fernsehen Dokumentarfilme über ihn.

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…mit mlitärischen Ehren.

Doch das alles waren kurze Glanzlichter. Sakirow fühlte sich abgeschoben, auf ein Thema reduziert, nicht wirklich gebraucht. Trotz aller Anerkennung war er zunehmend verbittert und resigniert. Einladungen zu Vorträgen und Diskussionen schlug er meistens aus, wurde immer unzugänglicher, driftete ins Mystische ab, vereinsamte, weil zuerst die Tochter und dann die Ehefrau ins Ausland zogen. Er tat das Richtige aber den richtigen Platz in seinem Leben scheint er nie gefunden zu haben.

Oleg Sakirow starb an Ostern 2017 im Alter von 65 Jahren und wurde mit militärischen Ehren im orthodoxen Teil des evangelischen Friedhofs in Łódź bestattet.

© RdP




Big Zbig – Mal Frieden, Mal Krieg

Am 26. Mai 2017 starb Zbigniew Brzeziński.

Ein Pole ist Heiliger Vater, /ein zweiter Carters Berater, /der dritte leckt Breschnews Hintern, /der Rest darf in Warteschlangen überwintern.

Es war eine der vielen, das kommunistische Regime verspottenden Volksreimereien, die Ende der 70er Jahre in Polen die Runde machten. Im Vatikan war Karol Wojtyła Papst, Parteichef Edward Gierek fungierte als Moskaus Statthalter an der Weichsel und Zbigniew Brzeziński beriet US-Präsident Jimmy Carter in Fragen der Sicherheitspolitik.

Rambo und Dämon nur auf Karikaturen

Im Land brodelte der Unmut, aber niemand ahnte, dass schon bald, mit der Streikwelle im Sommer 1980, die Zeit der ersten Solidarność (August 1980 – Dezember 1981) anbrechen würde. Vorerst, hinter dem Eisernen Vorhang eingepfercht, vom trostlosen Grau des Kommunismus ummantelt, dem Elend der Mangelwirtschaft ausgesetzt, schöpften die Polen Zuversicht daraus, dass zwei ihrer Landsleute die Geschicke der Welt mit in ihren Händen hielten.

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Die Sowjets nur einige Kilometer entfernt. Brzeziński am Chaiber-Pass im Februar 1980.

Zudem erschien im Frühjahr 1980 in der gleichgeschalteten kommunistischen Presse Polens ein bemerkenswertes Foto. In einen Parka gekleidet, greift Zbig, wie er in den Staaten genannt wurde, zum Maschinengewehr, das ihm ein pakistanischer Offizier reicht. Die Waffe zielt mit dem Lauf in eine Schieβluke am Chaiber-Pass, Richtung Afghanistan, in das die Sowjets wenige Monate zuvor, im Dezember 1979, einmarschiert waren.

Die Bildunterschrift lautete: „Gefährliche Spiele“, und sollte wieder einmal das „aggressive Wesen des US-Imperialismus“ bloβstellen. Um einiges vergröβert, schmückte es bald darauf die Zimmerwände in vielen Studentenheimen und Privatwohnungen. Moskau die Stirn bieten, sich vom allmächtigen kommunistischen Imperium nicht einschüchtern lassen, Brzeziński galt damals geradezu als eine Symbolfigur dieser Haltung. Wer jedoch einen Rambo der internationalen Politik in ihm sah, hatte nicht genau hingeschaut.

Brzeziński karykatura
Brzeziński der dämonenhafte Strippenzieher antirussischer Intrigen. Russische Karikatur.

In den Augen der Sowjets verkörperte Brzeziński geradezu perfekt den dämonenhaften Strippenzieher im Dienste des raubeinigen amerikanischen Weltmachstrebens, und zwar bis an sein Lebensende. Wenn Washington irgendetwas tat, was Moskau Nachteile oder Niederlagen brachte, dann wurden auch in Jelzins und Putins Russland sofort Stimmen laut, dahinter stecke fraglos wieder einmal eine Machenschaft, die Arglist und Durchtriebenheit Brzezińskis.

Dementsprechend fiel auch der Nachruf auf Brzeziński in der linken „New York Times“ aus. Die Würdigung strotzte nur so von Beschreibungen und Feststellungen, wie: „Ein Falke“, „Ein Pro-Forma-Demokrat“ (gemeint ist die Partei). „Sein unerschütterlicher Hass auf die Sowjetunion platzierte ihn rechts von vielen Republikanern“. „In den vier Jahren, in denen er Carter beriet, war die Eindämmung des sowjetischen Expansionismus, im Guten, wie im Schlechten, der Leitfaden der amerikanischen Politik“. „Er reduzierte praktisch jedes Problem auf die sowjetische Bedrohung, auch dann, wenn viele Kenner der Auβenpolitik die Entspannungspolitik für den besseren Weg hielten“. Die Dämonisierung Brzezińskis war, wie man sieht, nicht nur ein Privileg der Russen.

Mit Carter in den Untergang

In Wirklichkeit war Brzeziński nur eine kurze Zeit lang in etwa so einflussreich, wie ihn seine Gegner ausmalten, und zwar bis Anfang 1981. Damals verlieβ er nach nur vier Jahren als Sicherheitsberater das Weiβe Haus, zusammen mit dem nicht wiedergewählten Präsidenten Jimmy Carter.

Brzeziński Carter 22.02.1977 fot.
Brzeziński und Carter im Weiβen Haus. Februar 1977.

Brzeziński hat wesentlich zu Carters auβenpolitischen Erfolgen beigetragen. Dazu gehörten das Camp-David-Abkommen von 1978 und im Jahr darauf der israelisch-ägyptische Friedensvertrag. Der Abschluss des SALT-II-Vertrags mit der UdSSR (der jedoch nie ratifiziert wurde). Übergabe der Kontrolle des Panama-Kanals an Panama. Abbruch der diplomatischen Beziehungen zur Republik China auf Taiwan, die bis dahin als alleiniger Vertreter des chinesischen Volkes behandelt worden war, parallel dazu, die Errichtung einer US-Botschaft in Peking.

Brzeziński Begin Camp David fot.
Camp David 1978. Schachpartie mit dem israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin. Beide in Polen geboren. Wenn es Vertrauliches zu besprechen gab, sprachen sie Polnisch.

Doch weder das, noch die von Brzeziński mitkonzipierten Versuche Härte zu zeigen (u. a. die Carter-Doktrin: Amerika wird militärisch gegen jeden vorgehen, der versuchen sollte die Kontrolle über den Persischen Golf zu erlangen), wurde von der amerikanischen Bevölkerung mehrheitlich honoriert sondern vielmehr als Eingeständnis des Scheiterns von Carters bisheriger Außenpolitik aufgefasst.

Zu schwer wogen der Sturz des US-freundlichen Schahs Reza Pahlavi im Januar 1979 und die Errichtung eines islamischen Gottesstaates im Iran. Das desaströse Scheitern des Stoßtruppunternehmens zur Befreiung der Geiseln in der US-Botschaft in Teheran im April 1980. Der Einmarsch der Russen in Afghanistan im Dezember 1979. Die USA verloren damals zu viel Macht und Einfluss im Nahen Osten, als dass Carter hätte wiedergewählt werden können.

Vor und nach seiner Zeit im Weiβen Haus (1977 – 1981) war Zbig zwar ein geschätzter Wissenschaftler und neben Henry Kissinger,    d e r amerikanische Fachmann für internationale Politik, aber das war‘s dann auch. Seine Bücher und Analysen fanden viel Beachtung in den Vereinigten Staaten und in der Welt, doch die darin entwickelten Ideen direkt umsetzten, das vermochte er kaum. Dass sich alle amerikanischen Präsidenten von Kennedy bis Obama immer wieder mal mit ihm getroffen hatten, änderte daran wenig.

Im Exil geblieben

Brzezińskis Herz hing sehr an Polen, dennoch kam niemals und nirgendwo auch nur der Hauch eines Zweifels an seiner Loyalität als US-Bürger auf. Den amerikanischen Pass beantragte und bekam er erst 1958, mit 30 Jahren.

Brzeziński Tadeusz Lipsk 1932 fot.
Tadeusz Brzeziński, polnischer Konsul in Leipzig 1932.

Tadeusz Brzeziński, Zbigniews Vater, war Diplomat im Zwischenkriegspolen gewesen. Er arbeitete als polnischer Konsul von 1931 bis 1935 in Leipzig, ermöglichte vielen deutschen Juden die Ausreise aus Hitlers Dritten Reich, wofür er 1978 mit dem Ehrentitel Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet wurde. Von 1936 bis 1938, in der Zeit der Großen Säuberung Josef Stalins, versah Brzeziński-Senior seinen Dienst im sowjetukrainischen Charkow, 1938 wurde er nach Kanada versetzt. Dort erlebte die Familie den deutschen und sowjetischen Überfall auf Polen im September 1939 und den Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Die Brzezińskis, und mit ihnen Sohn Zbigniew, 1926 in Warschau geboren, blieben im Exil, auch nach 1945, als die von den Sowjets eingesetzten Kommunisten Polen für knapp ein halbes Jahrhundert unter ihre Fittiche nahmen. Zbig studierte an der Harvard University bei Merle Fainsod, dem Mitbegründer der US-amerikanischen Sowjetunion-Studien und dem damals anerkanntesten Experten für die Sowjetunion. Brzezińskis Wissen über den Kommunismus, die Sowjetunion und ihre Satelliten war so groβ, dass er dem Sowjetblick ohne jegliche Illusionen begegnete.

Streicheln und prügeln

In seiner langen wissenschaftlichen und kurzen politischen Karriere befürwortete Brzeziński den Vietnamkrieg und war gegen George Bushs Krieg im Irak. Er arbeitete kräftig mit an der Aufrüstung des islamischen militärischen Widerstandes gegen die Sowjets in Afghanistan, rief aber dazu auf, Fidel Castros Kuba nach der Kubakrise von 1962 nicht allzu hart anzufassen, denn das treibe die Insel in die Arme der Sowjets.

Seine politischen Diagnosen und Rezepte widersprachen sich nicht selten, aber sie hatten alle denselben gemeinsamen Nenner: sein abgrundtiefes Miβtrauen gegenüber den Sowjets. Was ihn ebenfalls auszeichnete waren seine gepflegte Eleganz und eine Aura distinguierter Unnahbarkeit, die ihn umgab. Zbig hin oder her, aber niemand wäre auf die Idee gekommen Brzeziński auf die Schulter zu klopfen, und das in dem für seine direkten Umgangsformen geradezu berüchtigten Amerika.

Brzeziński hatte während des Kalten Krieges, bis 1989, einen Leitfaden, von dem er nicht abwich: man darf nicht, wie die Republikaner das tun, den gesamten Ostblock nach dem gleichen Maβstab messen und behandeln. Sich zudem nur auf Abrüstungsverhandlungen (er sprach vom „Fetisch des Raketenzählens“) zu beschränken sei falsch.

Er entwickelte bereits Ende der 50er Jahre und vervollständigte anschließend laufend sein Programm des „peaceful engagement“, worunter er einen friedlichen Wettbewerb um Einfluss in Osteuropa verstand. Damit zeichnete er eine Abgrenzung gegenüber dem sowjetischen Konzept der „friedlichen Koexistenz“ auf, die um den Preis des Friedens, Amerikas Nichteinmischung und schweigende Duldung der schweren Menschenrechtsverletzungen im Ostblock voraussetzte.

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Brzeziński mit Auβenminister Cyrus Vance. Camp David, September 1977. Rivalen um die Gunst und die Aufmerksamkeit Carters.

Es gelte (Punkt 1), predigte Brzeziński, so gut es geht, die einzelnen kommunistischen Regime in Osteuropa mit Gunstbeweisen (Meistbegünstigungsklausel, günstige Kredite, Aufwertung durch Staatsbesuche der Parteichefs in den USA usw.) und politischem Druck (notfalls sogar Sanktionen) gegeneinander auszuspielen.

Zu diesem Repertoire gehörte z.B. Brzezińskis Vorschlag, Präsident Carter solle seinen ersten Europa-Besuch in Warschau beginnen. Mit Auβenminister Cyrus Vance, seinem Kritiker und Rivalen um die Gunst und die Aufmerksamkeit Carters, war so etwas nicht zu machen.

Brzeziński Carter Gierek fot.
Parteichef Edward Gierek (rechts i. B.) war „not amused“ nach dem Trinkspruch Jimmy Carters: „Im Namen des amerikanischen Volkes erhebe ich mein Glas auf den unbesiegbaren Geist und die Freiheit des polnischen Volkes“. Autor: Zbigniew Brzeziński. Warschau, Dezember 1977.

Die Reihenfolge war letztendlich eine andere, aber immerhin bereitete Carters Warschauer Trinkspruch vom Dezember 1977 den Polen viel Freude und ihren kommunistischen Machthabern Kopfschmerzen, weil sie ihn in der Presse abdrucken mussten: „Im Namen des amerikanischen Volkes erhebe ich mein Glas auf den unbesiegbaren Geist und die Freiheit des polnischen Volkes“. Autor: Zbigniew Brzeziński.

Genauso wichtig sei es, so Brzeziński, (Punkt 2), stets die Menschenrechte in den Beziehungen zum Ostblock hochzuhalten und einzufordern, den Dissidenten groβe Aufmerksamkeit zu schenken, sie dadurch vor Repressalien zu schützen und so immer mehr Menschen zum friedlichen Widerstand zu ermuntern.

Auβerdem darf man (Punkt 3), die nationale Frage im Ostblock und vor allem in der Sowjetunion nicht auβer Acht lassen. Die Sowjets haben den unterdrückten Völkern ihre Tradition und Würde genommen, das muss früher oder später zu Erhebungen und Konflikten führen, an denen die UdSSR zugrunde gehen wird. Die hohe Kunst der amerikanischen Politik werde darin bestehen, dass der Zerfallsprozess nicht mit einem nuklearen Desaster endet. Die Geschichte hat Brzeziński recht gegeben.

Eine Schwäche für Polen

Polen profitierte viele Male von Brzezińskis Schwäche für die alte Heimat. Anfang 1980, als die Sowjets, die DDR und die Tschechoslowakei ihre Truppen um Polen zusammenzogen und eine militärische Intervention gegen die Solidarność unmittelbar bevorstand, koordinierte er eine breite und erfolgreiche diplomatische Gegenoffensive unter der Leitung Präsident Carters und Johannes Paul II. Breschnew lieβ damals von Polen ab.

Brzeziński Jan Paweł II fot.
Brzeziński mit Papst Johannes Paul II. Polen gemeinsam vor dem russischen Einmarsch im Dezember 1980 gerettet.

Ein Jahr später, nach der Verhängung des Kriegsrechts durch General Jaruzelski im Dezember 1981, war es Brzeziński, der die mächtige US- Gewerkschaftszentrale AFL-CIO überredete, der Untergrund-Solidarność mit Geld, geschmuggelten Kopiergeräten und internationalen Protestkampagnen zu helfen. Brzeziński war auch eine der wichtigsten amerikanischen Persönlichkeiten, die sich beharrlich für die Aufnahme Polens in die Nato einsetzten, was schlieβlich im März 1999 geschah.

Andererseits, so schrieb in der Tageszeitung „Rzeczpospolita“ („Die Republik“ vom 03./ 04.06.2017) Irena Lasota, eine polnische Emigrantin und Dissidentin, die Ende der 70er Jahre bei Brzeziński an der Columbia University studierte, führte seine Hingezogenheit zu Polen dazu, dass er „die polnischen Kommunisten milder behandelte als alle anderen“. So sagte er z. B. in einer Fernsehsendung unmittelbar nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen am 13. Dezember 1981, General Jaruzelski entstamme schlieβlich dem polnischen Adel und könne deswegen dem polnischen Volk kein groβes Leid zufügen.

Für Brzeziński gebühre Gott unser Dank

Nach dem Ende des Kommunismus lieβ sich der „späte Brzeziński“ zunehmend von der Mär vereinnahmen, in Polen sei das „goldene Zeitalter“ angebrochen. Die Sicherheit und der Wohlstand seinen durch den Nato- und EU-Beitritt gewährleistet, das Bündnis der „Reformkommunisten“ wie Aleksander Kwasniewski (Staatspräsident 1995 – 2005) oder Leszek Miller (Ministerpräsident 2001 – 2004) mit einem Teil der Solidarność-Eliten (Lech Wałęsa, Adam Michnik u.a.) habe die Frage der „nationalen Aussöhnung“ ein für alle Mal erledigt. Dass das zumeist auf Kosten der Opfer des Kommunismus geschah, dass die Transformation Millionen von Polen zur Auswanderung oder einem Leben am Existenzminimum zwang, war nicht sein Problem.

Brzeziński GW o5.1989 fot.
Brzeziński zu Besuch in der Redaktion der „Gazeta Wyborcza“ mit einer der ersten Ausgaben der Zeitung. Warschau, Mai 1989. „Mit Tonnen von Zuckerguss überschüttet“.

Von der „Gazeta Wyborcza“, die diese Art der Darstellung Polens bevorzugt, mit Tonnen von Zuckerguss überschüttet, in einschlägigen Fernsehsendern, wie TVN (als Tusk Vision Network verspottet) auf Knien interviewt, merkte der einstige eiskalte Realist Brzeziński offenbar nicht, welch sozialer und politischer Unmut sich in seiner Heimat zusammenbraute. Dementsprechend fielen auch seine Äuβerungen nach der politischen Wende in Polen 2015 aus, für die er kein gutes Wort fand.

Brzeziński Tusk Komorowski TVN 06.2013 fot.
Brzeziński zu Gast auf dem damaligen politischen Olymp Polens. Mit Ministerpräsident Donald Tusk und Staatspräsident Bronisław Komorowski beim TV-Sender TVN. Warschau, Juni 2013. Auf seine alten Tage von den wahren Problemen Polens nichts mehr mitbekommen.

In einer Würdigung Brzezińskis im konservativen Wochenmagazin „Do Rzeczy“ („Zur Sache“ vom 05.06.2017) schrieb der Publizist Piotr Semka dazu: “Jeden Politiker sollte man nach der besten Zeit in seiner Karriere beurteilen. Zbig gelangte ins Zentrum der Weltpolitik in einer für Polen dramatisch wichtigen Zeit, Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre. Gott gebühre dafür unser Dank.“

Zbigniew Brzeziński starb mit 89 Jahren und wurde am 9. Juni 2017 in Washington bestattet. Die polnische Delegation bei den Beisetzungsfeierlichkeiten wurde angeführt von Auβenminister Witold Waszczykowski.

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Herausragendes in Übergrösse

Am 20. April 2017 starb Magdalena Abakanowicz.

Der Mensch, der Gefahr läuft in der Masse unterzugehen. Mit diesem Thema beschäftigte sich Polens bedeutendste Bildhauerin stets aufs Neue. Ihre Figuren sind kopflose Körper, die oftmals als große Ansammlung, stehend, schreitend, tanzend den Raum oder die Landschaft besetzen. Zu finden sind sie, ob in Gruppen oder einzeln, in zahlreichen internationalen Museen und Sammlungen.

Diese oft überlebensgroβen Gestalten sind gemacht aus Materialien mit Ewigkeitswert: Bronze, Stahl, Aluminium. Mit weniger gab sich diese Frau in der letzten Phase ihres Schaffens nicht ab.

Ihre Eigenwilligkeit war berüchtigt. Weil in ihrer adeligen Familie nur die Jungen gefördert wurden, hatte die kleine Magdalena sich nichts sehnlicher vom Nikolaus gewünscht, als in einen Jungen verwandelt zu werden. Nun, sie hat es dann auch als Frau ohne Verwandlung geschafft. Wenn auch zunächst mit als „weiblich“ geltenden Materialien und Techniken. Die „männliche“ Vermessenheit kam erst später hinzu.

Tataren als Vorfahren

Magdalena Abakanowicz wurde 1930 in Falenty, einem Vorort von Warschau geboren, der inzwischen längst zum Stadtgebiet gehört. Inmitten von Wäldern und Äckern, wuchs sie in einem Gutshaus auf, das vollgestopft war mit Familienandenken. Darunter befanden sich Briefe zahlreicher polnischer Könige, in denen die Herrscher im Verlauf der Jahrhunderte Magdalenas Vorfahren mütterlicher- wie väterlicherseits für deren Verdienste um die polnische Adelsrepublik rühmten.

Vorfahre Abaqa (auf dem Schimmel), Darstellung aus dem 14. Jh.
Vorfahre Abaga (auf dem Schimmel), Darstellung aus dem 14. Jh.

Magdalenas Vater, Konstanty Abakanowicz verbrachte seine Jugend auf dem Familiengut weit im Osten Polens, den sich Russland nach den drei polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert angeeignet hatte. Der Name Abakanowicz leitet sich direkt ab vom mongolischen Klanchef und Krieger Abaka Khan, einem Urenkel Dschingis Khans, der im 13. Jahrhundert Raubzüge nach Mitteleuropa unternahm. Irgendwann traten die Abaka Khans in die Dienste polnischer Könige, polonisierten ihren Namen zu Abakanowicz, wurden sesshaft und in den Adelsstand erhoben. Sie brachten Generationen hervorragender Militärs hervor. Erst dienten sie den polnischen Königen, später den russischen Zaren.

Nach der Revolution von 1917 rotteten die Bolschewisten während ihrer Mord- und Raubzüge auch die Familie Abakanowicz beinahe aus, das Familiengut im heutigen Osten Weiβrusslands brannten sie nieder. Konstanty Abakanowicz war während des Ersten Weltkriegs Offizier der Zarenarmee. Er floh in das gerade nach 123 Jahren der Teilungen im Jahr 1918 wiederentstandene Polen und heiratete dort die vermögende Aristokratin Helena Domaszewska. Das Paar lieβ sich auf dem Gut Falenty nieder.

Zu Hause herrschten strenge Regeln und Umgangsformen. So musste Magdalena dem Vater bei jeder Begrüβung die Hand küssen. Auch machten die Eltern kein Hehl daraus, dass sie sich eigentlich einen Sohn gewünscht hätten. Magdalena blieb ein Einzelkind. Ihre schwachen Schulleistungen wurden zu Hause hingenommen. Sie durfte in der Natur herumtollen, schuf sich ihre eigene Welt, sammelte Steine, baute Hütten, fing Schmetterlinge. Der Vater brachte ihr immerhin das Jagen bei. All das prägte sie, vor allem ihre innere Unabhängigkeit, eng gepaart mit einem enormen Durchsetzungsvermögen.

Kindheit im Krieg

Magdalena war neun als am 1. September Deutschland und am 17. September 1939 die Sowjets Polen überfielen. Das Leben auf Gut Falenty wurde immer schwieriger: deutsche Besatzungsbehörden belegten es, wie alle anderen polnischen Güter, mit hohen Zwangsabgaben in Naturalien. Beschlagnahmungen und Durchsuchungen waren an der Tagesordnung. Die kriegsbedingte Kriminalität machte sich zunehmend durch Diebstähle und Überfälle bemerkbar. Eines Nachts wurde der Mutter bei einem weiteren Raubüberfall der rechte Arm abgeschossen. Der Anblick inspirierte Magdalena Jahrzehnte später zu ihrem ergreifenden Skulpturenzyklus „Anatomie“.

Ende Juli 1944 flüchtete die Familie vor der herannahenden Front nach Warschau. Die Hoffnung dort Sicherheit zu finden schwand völlig, als am 1. August 1944 der Aufstand gegen die Deutschen ausbrach. Die der Londoner Exilregierung unterstehende Heimatarmee (AK) hoffte die Hauptstadt innerhalb weniger Tage zu befreien, anschlieβend die Sowjets als Hausherrin im Namen der polnischen Regierung begrüβen zu können und so die Verwandlung Polens in eine Sowjet-Kolonie zu verhindern.

Die Rechnung ging nicht auf. Der Aufstand dauerte 63 Tage, die Intensität der Straβenkämpfe stand der von Stalingrad in nichts nach. Am Ende lag die Stadt zu achtzig Prozent in Trümmern, etwa 250.000 Einwohner verloren ihr Leben. Die 14-jährige Magdalena half so gut es ging in Kellerkrankenhäusern ohne Licht, Betäubungsmittel, Medikamente, und erlebte dort Grauenhaftes. Die schrecklichen Anblicke der leidenden, entstellten, oft von schwersten Verbrennungen gekennzeichneten Menschen haben sich in ihrem Schaffen immer wieder niedergeschlagen.

Am 3. Oktober 1944 kapitulierten die Aufständischen vor den Deutschen. In langen Kolonnen wurde die übrig gebliebenene Zivilbevölkerung aus der Stadt getrieben, unter ihnen waren auch Magdalena und ihre Eltern . Kurz danach begann die gut drei Monate dauernde planmäβige Zerstörung des menschenleeren Warschau. Die Sowjets standen am anderen Weichselufer und sahen zu, bis sie am 17. Januar 1945 endlich über den Fluss setzten und das Ruinenmeer „befreiten“.

Erleuchtung beim Schulausflug

Mit der Roten Armee kam der Kommunismus nach Polen. Die Abakanowiczs wurden im Zuge der Landreform enteignet. Ihr Gutshaus stand nicht mehr. Sie zogen nach Tczew/Dirschau, eine Kleinstadt unweit von Gdańsk/Danzig. Vater Konstanty konnte eine Zeit lang als Berater im Landamt für die in Nordpolen geschaffenen landwirtschaftlichen Staatsgüter arbeiten. Doch schnell wurde er als „Klassenfeind“ enttarnt und entlassen, konnte von Glück reden, weil er nicht im Gefängnis gelandet war. Er blieb bis ans Lebensende arbeitslos. Die schwer kriegsversehrte Mutter durfte einen Zeitungskiosk betreiben. Davon lebte die Familie.

1947 kam Magdalena auf das Lyzeum für kunstbegabte Schüler nach Gdynia, war im angeschlossenen Internat untergebracht. Dort entdeckte sie ausgerechnet ihre Vorliebe für die Leichtathletik. Für ihren Sportverein „HKS Tczew“ gewann sie mit der Frauen-Staffel mehrere Gold- und Silbermedaillen bei den polnischen Meisterschaften 1947 und 1948. Sportlich blieb sie bis ins hohe Alter und ihre schlanke Figur war stets der Beweis dafür.

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Abakanowicz WZO awangarda wieża wiader fot.3

Avantgardistischen Installationen auf der "Ausstellung der Wiedergewonennen Gebiete", Wrocław/Breslau 1948.
Avantgardistische Installationen auf der „Ausstellung der Wiedergewonnenen Gebiete“, Wrocław/Breslau 1948.

Im Jahr 1948 führte sie ein Schulausflug nach Wrocław/Breslau, zur „Ausstellung der Wiedergewonnenen Gebiete“, wie die ehemaligen deutschen Ostgebiete nun genannt wurden. Es war eine Leistungsschau in und um die Jahrhunderthalle nach dem Motto: schaut, was Polen alles in den drei Jahren bereits geschafft hat. Der Eindruck, den die avantgardistischen Installationen der damals führenden modernen Künstler des Landes Henryk Stażewski (1894 – 1988) und Stanisław Zamecznik (1909 – 1971) auf die Achtzehnjährige machten, war tiefgreifend und prägend.

Noch durfte in Polen moderne Kunst gemacht und öffentlich gezeigt werden. Das eine Jahr (1949 – 1950), das Abakanowicz nach dem Kunstlyzeum in der Kunsthochschule von Gdańsk verbrachte, markierte jedoch die Grenze. Die renommierte Kunsthochschule, deren Einrichtungen sich überwiegend im benachbarten Sopot/Zoppot befanden und die deswegen bis heute Sopot-Schule genannt wird, war bekannt für ihr unkonventionelles Kunstverständnis.

Doch als Magdalena im Oktober 1950 ihr Studium an der Warschauer Kunstakademie fortsetzte, fegte bereits ein eisiger Wind durchs Land. Die einzige erlaubte Kunstform war nun der sozialistische Realismus mit seiner Heroisierung der Arbeit und der kommunistischen Ideologie. In einer solchen Zeit zu studieren war nicht gerade der Traum einer aufgeweckten jungen Frau Anfang zwanzig, die neues erleben wollte. Stattdessen gab es Klassisches und Realistisches, wie zu Anfang des 19. Jahrhunderts: Zeichnung, Skulptur, Malerei…

Nachtschichten im Atelier

Stalins Tod im März 1953 und das kurz darauf zaghaft ansetzende politische Tauwetter in der Sowjetunion brachte in Polen als erstes die lange unterdrückte künstlerische Kreativität zur Explosion. Tadeusz Kantors (1915 – 1990) Avantgardetheater erwachte zu Leben. Die Filmhochschule in Łódź verwandelte sich in ein Labor der modernen Filmkunst. Der Komponist Krzysztof Penderecki (1933) veröffentlichte seine ersten Werke. Die polnische Plakatschule machte von sich reden. Die „Gruppe 55“ durfte ihre abstrakten Bilder zur Schau stellen. Die herrschenden Kommunisten lieβen sie allesamt gewähren, selbst verunsichert durch die sowjetische Stalinismus-Schmelze und in immer heftigere Diadochenkämpfe in den eigenen Reihen verwickelt.

Abakanowicz, seit Herbst 1954 Absolventin der Warschauer Kunstakademie, war noch zu jung um auszustellen, aber sie stürzte sich mitten ins Geschehen im Künstlermilieu, hielt sich ansonsten mit Gelegenheitsaufträgen über Wasser.

Endlich ein eigenes Atelier.Magdalena Abakanowicz Anfang der 60er Jahre.
Endlich ein eigenes Atelier. Magdalena Abakanowicz Anfang der 60er Jahre.

Sie malte damals abstrakte Kompositionen mit Fantasieblumen, Fischen, Gewächsen, in leuchtenden Farben, arbeitete mit breiten Pinseln auf groβen Papierbögen oder zusammengenähten Leinenlaken, die sie nicht auf Rahmen spannte sondern frei hängen lieβ. Mit diesen Gouache-Bildern erfüllte sie sich den lange gehegten Traum moderne Kunst im groβen Maβstab zu gestalten.

Ein Atelier in jener Zeit der Ruinen und der strengen Wohnraumbewirtschaftung in Warschau aufzutreiben war für eine junge Absolventin ein Ding der Unmöglichkeit. Zum Glück lieβ sich der Hausmeister überreden und sie durfte das Atelier der Kunstakademie in der Nacht benutzen. Im Morgengrauen rollte sie ihre Laken zusammen und verstaute sie unterm Bett in einem Zimmer, das sie sich zur Untermiete mit sechs anderen jungen Frauen teilte.

Zwar war sie seit 1956 mit dem Ingenieur Jan Kosmowski (1929) verheiratet, aber die beiden hatten am Anfang ihrer Ehe nicht genug Geld, um sich ein eigenes Zimmer zu mieten. Jan begleitete sie im Übrigen bis ans Ende ihres irdischen Weges.

Polen war ihr wichtig

Durch Beziehungen konnte Magdalena 1957 ihre Teilnahme an einer Gruppenreise von Künstlern nach Italien verwirklichen. Veranstalter waren das Kulturministerium und ein staatlicher Künstlerverband.

Von Italien war sie überwältigt. Einige Teilnehmer der Reise blieben im Westen. Sie nicht. In Zeiten der ideologischen Spaltung der Welt wäre das eine endgültige Entscheidung gewesen. Entweder gehen oder in Polen leben. Ein Pendeln, heute eine Selbstverständlichkeit, gab es damals nicht. Ebenso wusste man nie, wann und ob man überhaupt noch einmal die Erlaubnis bekommen würde ins westliche Ausland zu fahren.

Doch von Polen dauerhaft abgeschnitten zu sein, das hätte sie zu viel Schaffenskraft gekostet. Wenn auch unfrei und arm, my country! – davon konnten sie auch später die verführerischsten Verlockungen des Westens nicht abbringen. „Polen war ihr wichtig“, so betitelte die Tageszeitung „Rzeczpospolita“ („Die Republik“ am 24.04.2017) den Nachruf auf die Künstlerin.

Auf ihrer Italienreise traf Magdalena das Idol ihres Schulausflugs von 1948 nach Wrocław – den Konstruktivisten Henryk Stażewski, seine Ehefrau Maria Lunkiewicz (1895-1967) und einige andere spannende Persönlichkeiten der damaligen polnischen Boheme. Ihre Gespräche über Kunst, Kultur, Politik, Gott und die Welt faszinierten sie. Sie wünschte sich, ebenso radikal in ihrer Kunst sein zu können, mit dem Alten zu brechen, etwas völlig Neues schaffen, die eigene künstlerische Sprache zu entdecken, die ihr Schaffen einmalig und unverwechselbar machen würde.

In die Berühmtheit eingewoben

Ende der 50er Jahre war es dann soweit. Sie begann ihre eigene Sprache zu weben. Die feine Kunst des Webens mutierte bei ihr in das ganz Grobe. Auf eigens entwickelten Webstühlen verarbeitete sie Schnüre, Taue, Sackleinen, Sisal und Rosshaar und nähte sie zusammen zu beeindruckenden Textilskulpturen. Anfänglich eher flach, entwickelten sich ihre Kunstwerke mit der Zeit immer weiter weg von der Wand, hinein in den Raum.

Schnüre, Taue, Stricke verwandeln sich zu Skulpturen. Magdalena Abakanowicz Anfang der 70er Jahre.
Schnüre, Taue, Stricke verwandeln sich zu Skulpturen. Magdalena Abakanowicz Anfang der 70er Jahre.

Wie sollte man diese neue Form in der bildenden Kunst nennen? „Weiche Skulptur‘? Das klang unseriös. „Strukturelles Tuch“ in Anlehnung an die „strukturelle Malerei“? Das wiederum klang sehr abgehoben. In der polnischen Presse der 60er Jahre wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Gewonnen hat die Wortschöpfung „Abakane“, die sich seither weltweit eingebürgert hat.

Abakanowicz abakany przy pracy fot.
Bei der Arbeit 1971

„Abakane“ waren 1962 die Sensation der Internationalen Biennale der Tapisserie in  Lausanne und 1965 der Biennale in Sao Paulo. Das war Magdalena Abakanowiczs Durchbruch in die Weltliga der bildenden Kunst. Ebenfalls 1965 wurde sie Professorin an der Kunsthochschule in Poznań und lehrte dort bis 1990.

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Abakan violett 1969.

Warschau und Poznań blieben die Hauptorte ihres Schaffens. Ihre herausragende Position in der internationalen Kunstszene behauptete sie allerdings, indem sie 1980 den polnischen Pavillon auf der Biennale in Venedig gestaltete und 1984 eine Gastprofessur an der University of California in Los Angeles antrat.

Abakanowicz abakan czerwony fot.
Abakan rot 1972.

Ob Paris, Madrid, Köln, New York, Chicago, Jerusalem, Seoul oder Hiroshima: Ihre Werke sind an vielen Orten der Welt zu finden. Eine ihrer größten textilen Arbeiten misst rund zweihundert Quadratmeter, der »Bois le Duc«, geschaffen für das Gebäude der Provinzialverwaltung von Nordbrabant in Hertogenbosch in den Niederlanden.

Abakanowicz abakan pomarańczowy fot.
Abakan orange 1971.

Immer wieder Neues wagen

Irgendwann wurde ihr das Image der „webenden Künstlerin“ lästig. „Die Abakane haben mir Weltruhm eingebracht, aber sie lasteten auf mir wie eine Sünde, die man nicht eingestehen darf. Die Weberei verschlieβt auf Dauer den Zutritt zur Welt der Kunst“. Sie hätte bis an ihr Lebensende ihre Erfindung verfeinern und vervielfältigen können. Das war ihr zu langweilig.

Abakanowicz Bois le Duc fot.
Abakanowiczs gröβte Textilarbeit »Bois le Duc«, in Hertogenbosch in den Niederlanden.

„Meine Formen sind im Grunde meine nächstfolgenden Häute, die ich ablege um eine weitere Etappe auf meinem künstlerischen Weg zu markieren. Am interessantesten ist es, sich Techniken und Formen zu bedienen, die man noch nicht kennt.“

Abakanowicz Tańczące figury fot.
Magdalena Abakanowicz „Tanzende“ 1978.

Auch wenn ihre menschen- oder tierähnlichen Figurengruppen, „Die Rücken“, „Sitzende Gestalten“ und viele andere, häufig kopflos sind und allein durch ihre Größe und Masse bedrohlich wirken, trägt jede Figur doch individuelle Merkmale. Selbst so gewaltige Installationen wie die für die Zitadelle in Poznań geschaffenen 112 Figuren, „Die Unerkannten” genannt, sind keine bloßen Kopien je einer Figur von der anderen. „Die Natur duldet keine Kopien. Ob Mücke oder Blatt, Mensch oder Vogel – es sind immer Individuen.“ Doch nicht das Detail, die Masse sollte auf den Betrachter wirken.

Abakanowicz postaci fot.
Inmitten ihrer Skulpturen. Magdalena Anakanowicz 1986.

„Im Jahr 1980“, berichtete sie in einem Interview, „habe ich in Venedig eine Gruppe von achtzig sitzenden Gestalten ausgestellt. Man hat mich gefragt: ist das Auschwitz? Ist das etwa eine religiöse Zeremonie in Peru? Der Tanz Ramayanas? Ich habe jedes Mal „ja“ gesagt, weil diese Arbeiten vom Menschen als solchem handeln. Davon, dass der Körper nicht und das Gesicht sehr wohl lügen kann. Davon, dass der alte Mensch an Baumrinde erinnert, und von einhundert anderen Angelegenheiten. Jeder kann in einer Skulptur eigene Erfahrungen wiederentdecken, die eigene Welt. Ich will nicht, dass alle meine Arbeiten von jedem Betrachter gleich empfunden werden. Das wäre ein Debakel.“

So radikal Abakanowicz auch im Laufe ihres Künstlerinnenlebens die Materialien wechselte, so treu blieb sie ihrer Suche nach der Individualität in der Masse. „Die Masse ist an und für sich unselbständig, aber sie ist bereit auf Kommando zu treten, zu zerstören oder zu verehren. Die Masse ist eine kopflose Kreatur, die mich immer aufs Neue inspiriert“, so begründete sie ihre Fixierung auf Figurengruppen.

Abakanowicz k. Grant Parku Chicago 106 postaci bez gø. i rák 2007
Magdalena Abakanowiczs 106 „Kopflose“ am Grant Park in Chicago 2001.

Glanz und Vergänglichkeit

Eine Größenordnung besonderer Art stellen auch Abakanowiczs zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, Ehrungen und Kunstpreise dar. Allein sieben Kunsthochschulen in aller Welt verliehen ihr die Ehrendoktorwürde. Sie war Mitglied mehrerer Akademien der Künste, Trägerin vieler Verdienstorden. Und mit über zweihundert Einzelausstellungen war sie ohne Zweifel die bekannteste zeitgenössische polnische Bildhauerin, obwohl die eigentliche Bildhauerei nur einen Teil ihres Schaffens ausmachte.

Abakanowicz 2002 odsøowniécie wystawy Cytadela fot.
Einer der letzten ganz groβen Auftritte. Magdalena Abakanowicz kurz vor der Eröffnung ihrer Ausstellung auf dem Gelände der Warschauer Zitadelle im Jahr 2002.

In den 90er Jahren und später wurde ihr Schaffen zunehmend als „klassisch“, ja sogar „traditionell“ angesehen. Andere Kunstrichtungen galten in dieser Zeit als „progressiver“. Ihre Metaphern vom Individuum und von der Menschenmasse passten angeblich nicht mehr in die nachkommunistische Zeit des ausschweifenden Individualismus, der Vereinsamung und Abkapselung vor dem Smartphone oder Computer.

Es gelang ihr nicht mehr, einen Skulpturenpark mit ihren Werken in Warschau, unweit ihrer Wohnung einzurichten. Die Stadtverwaltung zögerte die Umsetzung des Projektes immer wieder hinaus, auch der hohen Kosten wegen, bis die Erkrankung an Alzheimer den Zugang zu ihr versperrte.

Abakanowicz starość fot.

Magdalena Abakanowicz hat uns ihre inspirierende, eigenartige Kunst zurückgelassen, die nicht so leicht in Vergessenheit geraten wird. Auch weil sich darunter so viel Herausragendes in Übergröβe befindet.

© RdP




Bleierne Vergangenheit, flüchtige Moderne

Am 9. Januar 2017 starb Zygmunt Bauman.

In seinem langen Leben hat Zygmunt Bauman einen weiten und kurvigen Gesinnungsweg zurückgelegt. Vom Lobhudler der kommunistischen Ideologie in ihrer menschenfeindlichsten, stalinistischen Ausprägung, zum eifrigen Verfechter der Postmoderne. So wurde aus dem kommunistischen Einpeitscher nach und nach ein beherzter Vordenker der Linken, der die Menschheit an die Hand nahm, um sie durch das verworrene Labyrinth der Jetztzeit zu führen. Kritiker bescheinigten ihm darin eine geradezu chamäleonhafte Geschicktheit.

Er hatte ein bewegtes Leben, wie beinahe alle Europäer aus seiner Generation. Den Zweiten Weltkrieg erlebte Bauman am Anfang kurz als wehrloser Zivilist und gegen Ende als Soldat. Er hatte als Jude das Glück fern abseits des Holocaust überlebt zu haben. Den Stalinismus schlieβlich vollstreckte er acht Jahre lang eifrig und engagiert als dessen Scherge.

Im Jahr 1925 im westpolnischen Poznań/Posen geboren, entstammte Zygmunt einer armen weitgehend polonisierten, jüdischen Händlerfamilie. Er war vierzehn, als Deutschland am 1. September 1939 Polen überfiel. Als am 9. September die Wehrmacht kampflos in Poznań einzog, befanden die Baumans sich bereits auf der Flucht.

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September 1939. Deutsches Flugzeug, polnische Flüchtlingskolonnen.

Mal zu Fuβ auf den verstopften Straβen, die immer wieder von deutschen Tieffliegern bombardiert und beschossen wurden, mal ein Stück des Weges mit der Bahn zurücklegend, gelangten sie nach Ostpolen. Das war kurz nach dem 17. September 1939, dem Tag als die Rote Armee Polen vom Osten her überfallen hatte und schließlich die Hälfte des Landes besetzte.

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Sowjetischer Einmarsch in Polen am 17. September 1939.

 

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Deutsch-sowjetische Eintracht im eroberten Polen.

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Stalins Gefangener,…

Die Sowjets deportierten die jüdische Flüchtlingsfamilie in ein Arbeitslager im Norden Sibiriens. Das Holzfällen im hohen Schnee bei Minustemperaturen von zwanzig Grad und darunter, mit primitivsten Werkzeugen, das war Vernichtung durch Arbeit. Wer die hohe Arbeitsnorm nicht schaffte, bekam nur noch die halbe Essensration. Woche für Woche kamen Dutzende von Gefangenen um: Frauen die in Sommerkleidern verhaftet worden waren, Intellektuelle, die nie zuvor eine Axt in der Hand hatten, Kinder, Alte…

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Gleichberechtigt unter den Sklaven des Kommunismus. Frauen aus dem eroberten Polen und Baltikum als Holzfällerinnen.

Wie die Baumans, verschleppten die Sowjets etwa eine halbe Million polnischer Bürger in der Zeit zwischen September 1939 und Juni 1941, als sie selbst noch Hitlers engste Komplizen waren. Weitere rund einhunderttausend Menschen, darunter etwa fünfundzwanzigtausend gefangengenommene Offiziere der polnischen Armee, des Grenzschutzes, der Polizei, wurden von ihnen ermordet.

Im Sommer 1941, kurz nachdem Deutschland die Sowjetunion überfiel und das rote Riesenreich unterzugehen drohte, nahm Stalin, auf Vermittlung der Briten hin, Verhandlungen mit der polnischen Exilregierung in London auf. Das Ergebnis war eine „Amnestie“ für die verschleppten Polen, obwohl sie keine Verbrechen begangen hatten. Die wehrfähigen Männer unter ihnen sollten in der Sowjetunion eine der Exilregierung unterstellte polnische Armee bilden. Von den Sowjets und den Briten ausgerüstet, sollte diese an der Seite der Sowjets in den Kampf ziehen. Ihr Kommandeur war General Wladyslaw Anders.

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General Władysław Anders versuchte 1941-1942 im Auftrag der polnischen Exil-Regierung in London eine polnische Armee in der Sowjetunion aufzubauen.

Doch in den drei hierfür eingerichteten Auffanglagern kamen vom Hunger, der Sklavenarbeit und nach wochenlangen Transporten ausgezehrte Menschen an. Es fehlten Lebensmittel (die Sowjets lieferten Anfang 1940 nur 40 000 Essensrationen für 70 000 Soldaten) und Medikamente um sie wieder aufzupäppeln. In den primitiven Baracken und in Zelten, in denen sie den Winter 1941-1942 verbringen mussten, lichtete der Tod schnell ihre Reihen. Zu den Sammelpunkten strömten auch tausende zuvor verschleppter polnischer Zivilisten, meistens Frauen, viele Waisenkinder, die auf diese Weise der Sowjethölle entkommen wollten.

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In den Rekrutierungslagern der Anders-Armee kamen vom Hunger, der Sklavenarbeit und nach wochenlangen Transporten ausgezehrte Menschen an.

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Stalin hatte, in der Not der ersten Niederlagen, dem britischen Ministerpräsidenten Churchill mit seiner Polen-Vereinbarung einen Gefallen getan. Er brauchte Churchills Hilfe. Doch eine polnische Armee, die nicht direkt seiner Kontrolle unterstand, bestehend aus Menschen die auf Grund ihrer Erlebnisse die Sowjets und ihren Kommunismus zutiefst hassten, wollte Stalin nicht auf Dauer auf seinem Gebiet dulden.

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London 30. Juli 1941. Der polnische Ministerpräsident im Exil General Władysław Sikorski (links) und der sowjetische Botschafter in Groβbritannien Iwan Maiski (rechts) unterzeichnen das Abkommen u. a. über die Bildung eine polnischen Armee in der UdSSR. In der Mitte die Vermittler: der britische Auβenminister Anthony Eden und Premierminister Winston Churchill.

Er drängte darauf die ersten zwei mühsam aufgestellten, kaum kampffähigen Divisionen an verschiedene Frontabschnitte zu schicken, wo sie umgehend aufgerieben worden wären. Die polnische Exil-Regierung dagegen verlangte, dass die gesamte polnische Armee an einem Ostfrontabschnitt eingesetzt wird, erkundigte sich immer wieder nach dem Verbleib der von den Sowjets im Herbst 1939 gefangengenommenen polnischen Offiziere. Die Russen taten so, als hätten sie keine Ahnung. Das Katyn-Massaker sollte erst im April 1943 bekannt werden.

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August 1942. Knapp 120 000 „General-Anders-Polen“ , darunter 80 000 Soldaten, und 40 000 Zivilisten wurden aus der Sowjetunion in den britisch besetzten Iran evakuiert.

Am Ende lieβ Stalin die ungewollten Verbündeten gehen. Im August 1942 wurden die knapp einhundertzwanzigtausend „General-Anders-Polen“ in den britisch besetzten Iran evakuiert, darunter nicht ganz achtzigtausend Soldaten und achtzehntausend Kinder. Die Truppe, später das 2. Polnische Korps, zog weiter über den Irak nach Palästina und kam ab April 1944 bei den schweren Kämpfen in Italien (Monte Cassino, Ancona, Bologna) zum Einsatz.

…Stalins Verehrer

Zurückgeblieben in der Sowjetunion waren hunderttausende Menschen aus Polen, darunter die Baumans. Gemäβ der „Amnestie“ vom Sommer 1941 hatte man sie Ende 1941 aus dem Lager nach Gorki (heute Nischnij Nowgorod) entlassen. Baumans Vater Maurycy, der im Lager beinahe umgekommen war, wollte mit der Familie zu einem der Sammelpunkte der Anders-Armee gelangen, doch die Sowjets blockten ab. Juden, Weiβrussen, Ukrainer, die bis 1939 in Polen gelebt hatten und polnische Staatsbürger waren, durften nicht zur polnischen Armee. Sie wurden endgültig „Bürger der UdSSR“.

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Sowjetischer Milizionär (Polizist) regelt Anfang der 40er Jahre den Verkehr in Moskau. So soll Baumans Dienst 1943 ausgesehen haben.

Maurycys Sohn Zygmunt hatte sehr schnell den Bazillus des Kommunismus geschluckt. In der Schule trat er dem kommunistischen Jugendverband Komsomol bei, war Feuer und Flamme für Stalin und den Marxismus-Leninismus. Im November 1943, gleich nach seinem 18. Geburtstag, bekam er die Einberufung zur Moskauer Miliz (Polizei) und wurde, nach eigenen Angaben, bei Verkehrskontrollen eingesetzt.

Derweil werkelte Stalin ab Mitte 1943 an einer neuen polnischen Armee an seiner Seite. Diesmal unter streng kommunistischen Vorzeichen, befehligt und kontrolliert von ihm treu ergebenen Polen, die in seinem Namen das künftig kommunistische Land verwalten sollten. Tausende Verschleppte meldeten sich freiwillig zu dieser 1. Polnischen Armee, meistens ohne Stalins Vorhaben zu durchzuschauen.

Jedoch gab es kaum polnische Offiziere. Stalin hatte sie im April 1940 in Katyn ermorden lassen, behauptete nach der Entdeckung des Verbrechens, es seien die Deutschen gewesen und brach die diplomatischen Beziehungen zur Londoner polnischen Exilregierung ab. Wer von den Offizieren überlebt hatte, zog Mitte 1942 mit General Anders in den Nahen Osten. Deswegen mussten Offiziere der Roten Armee in polnische Uniformen schlüpfen, gleichzeitig wurde das Riesenreich nach geeignetem polnischen „Menschenmaterial“ durchforstet.

So kam man auch auf Zygmunt Bauman: jung, intelligent, vom Kommunismus verblendet, Polnisch sprechend. Auf diese Weise gelangten, neben anderen, damals auch viele polnische Juden, die in der UdSSR Zuflucht gefunden hatten, in den gerade in der Sowjetunion aufgebauten polnischen kommunistischen Machtapparat, ins Propagandawesen, in die Strukturen der politischen Geheimpolizei, zum Militär. Hier war die Gründungs-Machtelite der künftigen Volksrepublik Polen entstanden, die zusammen mit der Roten Armee ins Land einrückte.

Politoffizier, Zuträger, Fanatiker

Leuten wie Bauman stand eine Blitzkarriere offen. Er wurde mit 19 Jahren Politoffizier und als solcher nahm er teil an den schweren Kämpfen um Kolberg/Kołobrzeg (März 1945, 1 200 gefallene Polen) und am Endkampf um Berlin (April – Mai 1945), erlitt eine Verwundung.

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März 1945. Nach dem Abzug der Anders-Armee, unter kommunistischen Vorzeichen in der Sowjetunion gebildete 1. Polnische Armee während der verlustreichen Kämpfe um den Pommernwall und die Stadt Kolberg/Kołobrzeg. Bauman war dabei.

In Polen zurück (die Ablegung der sowjetischen Staatsbürgerschaft war jetzt kein Problem) wurde seine Einheit in das sogenannte Korps der Inneren Sicherheit (KBW) eingegliedert. Es war die „Haustruppe“ des Ministeriums für Staatssicherheit, die in enger Zusammenarbeit mit Einheiten der sowjetischen Staatssicherheit (NKWD) den bewaffneten polnischen antikommunistischen Widerstand bekämpfte.

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Major Zygmunt Bauman. Foto aus der Stasi-Militärakte.

„Zwanzig Tage lang“, so heiβt es z. B. in einem Beförderungsantrag von 1950, „befehligte er eine Abteilung, die sich durch die Festnahme einer groβen Zahl von Banditen hervortat. Bauman wurde mit dem Tapferkeitskreuz ausgezeichnet.”

Bereits 1944 warb die Hauptverwaltung Information (Główny Zarząd – phonetisch: Saschond – Informacji – GZI) Bauman als ihren Zuträger (Deckname „Semion“) an. Die GZI war die politische Polizei der Armee, fest in der Hand sowjetischer Berater. Es war ein schreckliches Terrorinstrument, ständig auf der Suche nach „inneren Feinden“, das sich unermüdlich zwischen 1944 und 1956 eine breite, blutige Schneise durch die Reihen der kommunistischen polnischen Armee bahnte. Ihre Verhörmethoden waren bestialisch. Bauman wusste das.

Ob, wen und weswegen „Semion“ Personen denunziert, der Verhaftung und der Folter preisgegeben hat, wissen wir nicht. Seine Zuträger-Akte hat nicht überdauert. 1946 trat Bauman in die KP ein.

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Erschossen und nummeriert 1946. Soldaten des antikommunistischen polnischen Widerstandes.

Acht Jahre lang diente er in den Truppen (KBW) der Staatssicherheit als hoher Politoffizier. Er war damals ein kommunistischer Fanatiker, dem sein Vater viel Kummer bereitete. Maurycy Bauman wollte z. B. nicht zustimmen, als Sohn Zygmunt beschloss die ziemlich armselige Haushälfte in Poznań, die sich im Familienbesitz befand, der kommunistischen Partei zu vermachen.

Im März 1953, Stalin war gerade gestorben, ging der Vater in die israelische Botschaft in Warschau, die, wie alle westlichen Vertretungen, lückenlos überwacht wurde, um sich nach einer Umsiedlung zu erkundigen. Wegen einer solchen „feindlichen Kontaktaufnahme“ landete man damals für gewöhnlich im Kerker. Maurycy Bauman blieb das erspart, dafür wurde der Sohn, Major Zygmunt Bauman schon am 15. März 1953, „wegen Verbindungen zu seiner klassen- und ideologisch entfremdeten Familie“ aus dem Stasi-Armeedienst entfernt. Nach einer schweren Auseinandersetzung brach der Sohn jeglichen Kontakt zum Vater ab.

Vorgetäuschte Ratlosigkeit

Der fanatische Stalinist hatte bereits während seiner Stasi-Militärzeit ein Fernstudium der marxistischen Philosophie begonnen. Geschasst, durfte er es als regulärer Student an der Warschauer Universität fortsetzten. Bereits im Mai 1953 verkündete Zygmunt Bauman während einer pompösen „wissenschaftlichen“ Uni-Konferenz zu ehren Stalins, dass „die objektive historische Gesetzmäβigkeit den Sieg der sozialistischen Revolution in der ganzen Welt vorankündigt.“

1954 war er mit dem Studium fertig, durfte zum Doktorandenstudium bleiben, als das politische Tauwetter begann. Der neue sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow hielt im Februar 1956 in Moskau, während des 20. Parteitages der KPdSU, eine fünfstündige Geheimrede „Über den Personenkult und seine Folgen“, in der er Stalins Verbrechen enthüllte. Schon bald gelangte diese Rede nach Polen, kursierte in Abschriften unter der Hand, sorgte für Aufregung, Entsetzten und, bei den Stalinisten, für Ratlosigkeit.

„Wieso sind wir erblindet? Wir haben uns doch für die Revolution entschieden, weil wir einen scharfen Blick und glühende Herzen hatten“, schrieb Bauman in „Po prostu“ („Schlicht und einfach“), der studentischen, damals rebellischsten, Wochenzeitschrift des Landes (bereits 1957 wurde sie im Zuge der „Normalisierung“, auf Geheiβ der Partei, eingestellt). Baumans Worte klangen bitter, glaubhaft waren sie nicht im geringsten. Gerade er wusste über die Verbrechen bestens Bescheid.

„Ich hatte nicht den Mut“

Die Soziologie, Ende der 40er Jahre als ein „bürgerliches Überbleibsel“ von den Hochschulen des Ostblocks verbannt, durfte in Polen wieder gelehrt werden. An der Warschauer Universität entstanden 1956 gleich zwei Lehrstühle.

Der erste, für „klassische Soziologie“, setzte die unterbrochene Tradition fort, geleitet von Prof. Stanisław Ossowski, einem der herausragendsten polnischen Humanisten jener Zeit, der in der stalinistischen Epoche (1948-1956) Lehrverbot hatte. Der zweite Lehrstuhl stellte das „Gegengewicht“ dar und betrieb „marxistische Soziologie“. Sein Chef, Prof. Julian Hochfeld, war ein brillanter Akademiker, der den Krieg als polnischer Jude in der Sowjetunion verbracht, und sich ganz und gar der Sache des Kommunismus verschrieben hatte. Der Doktorand Bauman machte unter seinen Fittichen wissenschaftliche Karriere.

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1963 an der Warschauer Universität. Zygmunt Bauman (rechts vorne), neben ihm Leszek Kołakowski.

Die Partei tat derweil alles, um das politische Tauwetter möglichst schnell zu beenden. Es sollte kein Zurück mehr zum brutalen Stalinismus geben, aber der neue Parteichef Władysław Gomułka wollte keine Anfechtungen der führenden Rolle der kommunistischen Partei dulden. Er öffnete die Tür einen Spalt breit für westliche kulturelle Einflüsse, überlieβ die Musik, die Malerei, teilweise den Film und die Literatur ihren Schöpfern. Die künstlerische Freiheit war ab Mitte der 50er Jahre in Polen unvergleichlich gröβer als in allen anderen „Bruderländern“. Diese Ventile sollten den Druck der permanenten Unzufriedenheit der Menschen mit der schlechten Versorgung, der politischen Gängelung, der wachsenden Zensur mildern.

An den humanistischen Lehrstühlen und Instituten der Warschauer Universität gab es jedoch nicht wenige Studenten und Dozenten, die das Ende des politischen Tauwetters nicht hinnehmen wollten. Bei den Philosophen, Soziologen und Ökonomen rumorte es am heftigsten. Einstige fanatische Stalinisten, wie Prof. Leszek Kołakowski, Prof. Włodzimierz Brus, Prof. Bronisław Baczko, Prof. Stefan Morawski, Dr. Krzysztof Pomian u. a. (die meisten jüdischer Abstammung) hatten sich inzwischen der Revision des bürokratisch-zentralistischen Sozialismus sowjetischer Prägung verschrieben, predigten die Einführung der Arbeiterselbstverwaltung, den Abzug der Partei aus vielen Lebensbereichen, die Einschränkung der Zensur usw.

Bauman war nicht dabei. „Leben ist überleben, wer überlebt – gewinnt.“, sagte er rückblickend gut dreiβig Jahre später in seiner Rede, die er anlässlich der Verleihung des Adorno-Preises 1998 in Frankfurt am Main hielt. Auch er hegte Mitte der sechziger Jahre in Warschau immer mehr Zweifel an der marxistischen Orthodoxie. Doch er wich der Konfrontation mit dem System aus, widmete sich der soziologischen Erforschung des Werdegangs der britischen Arbeiterbewegung. Jahre später gestand er ein: „Viele meiner Kollegen wurden aus der Partei geworfen. Ich hätte mich damals solidarisch zeigen können, aus der Partei austreten. Ich hatte nicht die Kraft, nicht den Mut dazu.“

Polen, Israel, England

Der Konflikt eskalierte im März 1968. Es kam zu mehrtägigen heftigen Studentenunruhen in Warschau, Protesten von Intellektuellen, Forderungen nach mehr Freiheit. Die Parteioberen griffen hart durch. Sie lieβen die Milizknüppel schwingen und gaben gleichzeitig das Startsignal zu einem Elitenwechsel. Junge, machthungrige Kader durften nun die Genossen fortjagen, die es sich in den höheren Etagen des kommunistischen Parteiapparates, der Wissenschaft, der Medien, der Diplomatie, der Wirtschaft, des Gesundheitswesens, der Armee bequem eingerichtet hatten. Viele der Davongejagten waren jüdischer Herkunft und Stalinisten der ersten Stunde.

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März 1968. Studentenunruhen in Warschau.

Das geschah kurz nach dem triumphalen Sieg Israels im Sechstagekrieg (Juni 1967) über die von der Sowjetunion bewaffneten und wirtschaftlich unterstützen arabischen Staaten. Auf Geheiβ Moskaus mussten in der Folge alle Ostblockstaaten die diplomatischen Beziehungen zu Israel kappen. Das von den „USA-Imperialisten“ massiv unterstützte Israel stieg für einige Jahre zum „Erzfeind“ des Ostblocks auf. Da passte es gut, die jüdischen Genossen als Zionisten zu diffamieren, eine „fünfte Kolonne“, die angeblich mit Israel gemeinsame Sache machte.

Das sonst vom Westen weitgehend abgeschottete kommunistische Polen öffnete nun Tür und Tor für seine ausreisewilligen jüdischen Bürger. Etwa fünfzehntausend gingen zwischen 1968 und 1972, darunter (im Juni 1968) Zygmunt Bauman, seine Ehefrau Janina und ihre drei Töchter.

Zwei Jahre lang hielt Bauman es an den Universitäten in Tel Aviv und Haifa aus. Das gelobte Land blieb ihm fremd: „Jude zu sein in Israel war gewissermaβen ein Vollzeitjob“. Den wollte er nicht ausüben. Die drastische Militarisierung, das nationale Pathos, das ihm entgegenschlug, die jüdische religiöse Orthodoxie, die er nicht nachvollziehen konnte. Das alles verunsicherte ihn, ging ihm auf die Nerven. Und da war noch die Art, wie mit den Arabern umgegangen wurde. „Wir wollten keine verfolgte Minderheit sein, aber genauso wenig einer Mehrheit von Verfolgern angehören.“ Erleichtert folgte Bauman 1971 dem Ruf der britischen Universität Leeds und blieb ihr bis zu seinem Tod treu.

Schlüsselbegriff „Flüchtigkeit“

Er lehrte und forschte erfolgreich. Zuhörer und Leser schätzten seine ironischen, pointierten Schilderungen, reich an Methapern, klar in der Aussage. Wie funktionieren gesellschaftliche Ordnungen, was zerrüttet sie und was hält sie zusammen?

Das einst so geordnete, solidarische Gemeinwesen, so Bauman, weicht dem unbarmherzigen Wettbewerb vieler „Einzelkämpfer“, die sich zu immer mehr Konsum und Selbstvervollkommnung verführen lassen. Der Mensch heute verirrt sich irgendwo zwischen Cyberspace, den deregulierten Märkten und künstlich geweckten Sehnsüchten. Baumans scharfsinnige Beobachtungen glichen kleinen Bausteinen zum Legebild der Postmoderne oder wie Bauman sagte: einer flüchtigen Moderne.

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Vor Studenten der Universität Toruń/Thorn im November 2010. Zuhörer und Leser schätzten seine ironischen, pointierten Schilderungen, reich an Methapern, klar in der Aussage.

Diese gesellschaftliche Unrast, so seine Auffassung, macht Institutionen und Gemeinschaften durchlässig, konturlos. Sie geben den Menschen immer weniger Halt. Wirkmächte der Weltwirtschaft hebeln die Ökonomie des Nationalstaates und das soziale Netz aus. Menschen, die dem Tempo mobiler Geldströme und den flexiblen Arbeitszeiten nicht mehr gewachsen sind, werden ausgesondert, marginalisiert, kaum mehr wahrgenommen. Das Bedürfnis der vereinsamenden Individuen nach sozialer Bindung und Anerkennung wird im Zeitalter der flüchtigen Moderne nur noch durch soziale Medien befriedigt.

Ob arabischer Frühling, die Finanzkrise, der Flüchtlingsansturm oder der internationale Terrorismus, Bauman gliederte sie ein in seine Überlegungen, spann den Faden der flüchtigen Moderne immer weiter.

Bauman Nagrida im. Adorno
Bildunterschrift, „Frankfurter Rundschau“, 14. September 1998: „Stadtoberhaupt mit Amtskette, Urkunde und Preisträger. Petra Roth überreicht Zygmunt Bauman in der Frankfurter Paulskirsche den Adorno-Preis.“

Nach seiner Emeritierung 1991 wurde er erst so richtig produktiv. Was von seinem Werk bleiben wird, ist sicher der Schlüsselbegriff der „Flüchtigkeit“, den er seit seinem Buch „Liquid Modernity“ (2000) wie ein Markenzeichen immer wieder aufgriff: „Flüchtige Liebe“, „Flüchtige Angst“, „Flüchtige Zeiten“, „Flüchtige Aufsicht“ und zuletzt „Flüchtiger Teufel“ heißen die Variationen des Themas. Er recycelte sein Motiv so konsequent, dass ihm Kollegen vorwarfen, sich selbst zu plagiieren. In seinen Beschreibungen stets auf dem aktuellen Stand der Geschehnisse, war er als ein Vortragender und Interviewpartner sehr gefragt.

Von der Vergangenheit eingeholt

Nur zu einem Thema schwieg Zygmunt Bauman eisern: zur eigenen Vergangenheit. Seine Ausführungen, das Wissen um seine jüdische Herkunft, um die aufgenötigte Ausreise aus dem kommunistischen Polen, seinen Bruch mit dem Marxismus, und nicht zuletzt, sein Äuβeres und sein Auftreten bewirkten, dass ihn eine Aura von Respekt und Bewunderung umgab, die sich, je älter er wurde, in Ehrfurcht verwandelte.

Die Nachricht über Aktenfunde, die belegten, dass Bauman jahrzehntelang seine stalinistische Vergangenheit verschwiegen und die Öffentlichkeit über seine Rolle im kommunistischen Terrorapparat getäuscht hatte, platze im März 2007 wie eine Bombe. Er bekannte sich zu den wichtigsten Tatsachen: sehr knapp und ohne Demut.

Ein einziges Mal stand er dem britischen „Guardian“ gegenüber hierzu Rede und Antwort. Doch er wich aus, indem er sagte, er könne sich an vieles nicht mehr erinnern. Er verharmloste die Zeit des Stalinismus, in der Schreckliches geschehen war, spielte seine eigene Rolle in dieser Zeit herunter, verglich die brutale Vernichtung des antikommunistischen Widerstandes mit der modernen Terrorbekämpfung.

Doch je mehr Zygmunt Bauman versuchte in Bezug auf seine Vergangenheit zur Tagesordnung überzugehen, umso heftiger wurde er von ihr eingeholt. Seine Glaubwürdigkeit hat groβen Schaden genommen, und wenn er in den letzten Jahren Polen als Gastvortragender besuchte, musste er mit Störungen und Boykott rechnen. Auf die Verleihung einer Ehrendoktorwürde in Wrocław/Breslau verzichtete er vorsorglich – unter dem Beifall seiner Gegner.

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Proteste gegen eine Bauman-Vorlesung an der Universität Wrocław/Breslau. Polizei räumte den Hörsaal. Juni 2013.

Mehrfach wurde er öffentlich als Schuft geschmäht, auch durch den prominenten nationalkonservativen Publizisten jüdischer Abstammung, Bronisław Wildstein:

„Wir kennen viele hervorragende Intellektuelle, die Schufte waren, die Schreckliches taten, dennoch lohnt die Auseinandersetzung mit ihrem Denken. Andererseits: Wenn jemand eine Rolle im gesellschaftlichen Leben spielt, dann müssen wir von ihm verlangen, dass er sich seiner Vergangenheit stellt.“

Flucht in die Flüchtigkeit

Die Auseinandersetzung mit seinem eigenen Gedankengut entpuppte sich damals für Bauman als sehr unangenehm. Bedenken kamen auf, die Thomas Assheuer in der „Zeit“ (29.03.2007) so formulierte:

„Es drängt sich die Frage auf, wie sich die Theoriebildung des berühmten Soziologen zu seiner kommunistischen Vergangenheit verhält. Gibt es eine untergründige, vielleicht auch entlastende Verbindung zwischen Baumans kommunistischen Jahren und der Wahl seiner wissenschaftlichen »Waffen«?“

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Anti-Bauman-Plakat. „Prof. Baumans goldene Gedanken. »Den Kampf der kommunistischen Behörden gegen den Untergrund im Nachkriegspolen kann man mit dem heutigen Krieg gegen den Terrorismus vergleichen« Aus dem Interview mit der britischen Zeitung »The Guardian«, 2007.“ Unten links: Bogdan Zdrojewski, Kulturminister in der Regerung Donald Tusk dekoriert Bauman mit der Medaille „Verdient für die Kultur – Gloria Artis“. November 2010.

„Wie weit“, so der Autor, „trägt die naheliegende Vermutung, Bauman habe mit einer Theorie Karriere gemacht, die ganz nebenbei auch ihren Autor entlastete? Eben mit einer postmodernen Soziologie, in der nicht der Einzelne für sein Handeln verantwortlich ist, sondern die Geschichte selbst, das große Ganze oder, noch plakativer, die »Dialektik der Aufklärung«.

Tatsächlich war Bauman international mit einem Buch bekannt geworden, das an seinen düstersten Stellen das 20. Jahrhundert als Diktatur monströser Zwänge beschreibt, als Lavastrom anonymer Gewalten und unentrinnbarer »Rationalitäten«. »Dialektik der Ordnung« hieß die Studie, die nach einer Entwicklungszeit von fast zwanzig Jahren 1989 erschienen ist und die These aufstellte, ausgerechnet die Aufklärung habe die Monster der Moderne hervorgebracht, jene tödliche Liaison aus kalter Vernunft und bürokratischem Apparat, die jede Verantwortung, jeden moralischen Spielraum neutralisiert.“, schieb Assheuer und fuhr fort:

„Die Moderne macht das Subjekt zum Ding – sie vernichtet alles, was ihr nicht gleicht, das Uneindeutige, das Andere, jede Abweichung von der bürokratischen Norm. Je rationaler die Welt, desto barbarischer verhalten sich ihre Bewohner. Entsprechend wollte Bauman (…) im Holocaust den »Code der Moderne« entziffern. Der Judenmord war kein Zivilisationsbruch, sondern die zwangsläufige Folge der Moderne mit ihrem Hass auf alles Fremde.

In dieser Lesart war auch der Stalinismus nur ein dämonischer Zwillingsbruder der totalen Ordnung, nur eine andere Fratze der Moderne. Auch in dieser Hölle gibt es keine moralische Freiheit, keine Schuld, nur schuldlos Schuldige. Die Handelnden sind Werkzeuge des totalitären Weltgeistes, und wer auf der Schädelstätte der Geschichte nicht schuldig wird, hat Glück gehabt. Aber wer hat schon Glück?”

Der Autor spricht Bauman frei von dem Verdacht, er flüchtete in die flüchtige Moderne auf der Flucht vor seiner Vergangenheit. Doch Assheures Freispruch klingt weit weniger überzeugend als die angeblich widerlegte Eingangsthese.

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Flüchtige Moderne trifft die Ewigkeit. Kurz vor seinem Tod, im September 2016, wurde der eingefleischte Atheist am Rande des Treffens der Weltreligionen in Assisi von Papst Franziskus empfangen. Bauman vertrat dort die Atheisten. Die Frage, ob der Atheismus auch eine Religion sei, bleibt offen.

Zygmunt Bauman wurde immer wieder als der „polnische Martin Heidegger“ bezeichnet. Er reagierte darauf erbost. In Bezug auf sein geistiges Werk, wertete Bauman die Nebeneinanderderstellung mit einem der herausragendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts gewaltig auf. Dagegen hatte der eitle Soziologe auch nichts einzuwenden. Doch in dem Vergleich ging es um fanatische Verblendung zweier Intellektueller, ihre bewusste Kollaboration mit zwei ebenbürtigen totalitären, verbrecherischen Regimen und um die Opferrolle, in die beide anschlieβend zu schlüpfen dachten.

Und dennoch: wer die Gegenwart hinterfragt, kommt an Baumans Betrachtungen nicht vorbei. Ob sie so flüchtig sind, wie die Moderne, der sie gewidmet sind, wird sich bald zeigen.

© RdP




Der zartrote Verführer

Am 9. Oktober 2016 starb Andrzej Wajda.

In ihren Nachrufen auf den Regisseur haben deutsche Medien mit Zuckerguss nicht gegeizt. Doch Übertreibung schadet der Wahrheit. Ein „Unbeugsamer“ soll Andrzej Wajda gewesen sein, „eine moralische Instanz und ein Romantiker“. Der Berliner „Tagesspiegel“ sah ihn gar in Polen so „verehrt wie zuletzt allenfalls (!!! – Anm. RdP) der unerschrocken parteikritische Kardinal Karol Wojtyła.“

Oder war der Papst-Vergleich vielleicht doch gar nicht so falsch? Zweifelsohne sah sich Andrzej Wajda in den letzten Jahren seines Lebens als Verkünder unumstöβlicher politischer Dogmen. Wie Perun, der Donnergott in der slawischen Mythologie, schleuderte er, von Groll und Zorn gepackt, Verwünschungen jenen entgegen, die er nicht ausstehen konnte: „Kaczyński ist ein Trottel. Dagegen gibt es Pillen. Er soll sich behandeln lassen!“

Gut sechzig Jahre lang dauerte die künstlerische Laufbahn des „Unbeugsamen“. Sie war gesäumt von Kehrtwenden, Brüchen, Zugeständnissen, die nicht selten Geständnissen glichen

Auf die polnische Art

Sein Werk ist gewaltig: sechzig Spielfilme, zumeist Sozialdramen. Egal wo und wann sie spielen, stets haben sie einen deutlichen Bezug zum Hier und Jetzt. Davor verschonte Wajda nicht einmal die Passionsgeschichte, die er 1971 in seinem theatralisch geschwollenen, experimentellen Film „Pilatus und andere“ ins damalige Westdeutschland verlegte, und Jesus über den Dutzendteich auf dem ehemaligen Nürnberger Reichsparteitagsgelände wandeln lieβ.

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Wajdas „Pilatus und andere“. Jesus wandelt über den Dutzendteich auf dem ehemaligen Nürnberger Reichsparteitagsgelände.

Mit seinem Schaffen reiht er sich zweifelsohne in die Galerie der groβen Filmemacher des 20. Jahrhunderts ein: Michelangelo Antonioni, Ingmar Bergman, Luis Buñuel, Federico Fellini, Akira Kurosawa, Luchino Visconti…

Gemeinsam war ihnen nicht nur die Überzeugung, dass das Kino die Welt verändern kann. Sie alle waren zudem stark verwurzelt in ihrer nationalen Identität und verstanden es dennoch, auf ihre polnische, japanische, italienische Art, Zuschauer in den entlegendsten Gegenden der Welt anzusprechen, zu fesseln, gar zu bezaubern.

Kurosawa wäre undenkbar ohne die japanische Samurai-Tradition, Fellini ohne sein geliebtes Rom, Bergmann ohne die distanzierte Kühle Schwedens. Wajda war ein ganz und gar polnischer Regisseur. Polnische Geschichte und polnische Literatur lieferten ihm die meisten Vorlagen für seine Filme. „In Hollywood müsste ich fremde Ideen umsetzen“, pflegte Wajda auf die Frage zu antworten, warum er nicht ausgewandert sei.

Ein Junge am Abgrund

„Offiziersfamilie, eine vom Patriotismus durchdrungene Schule und die Kirche“, das waren die tragenden Säulen der Welt seiner Kindheit. Geboren 1926 im nordostpolnischen Suwałki, erlebte er mit dreizehn Jahren, im September 1939, den Kriegsbeginn. Polen wähnte sich damals sicher. Die knapp eine Million Soldaten zählende Armee, wenn auch nicht sehr modern ausgerüstet, so doch gut ausgebildet und hochmotiviert, sollte zwei, drei Wochen lang Widerstand leisten, bis die Verbündeten, England und Frankreich, Deutschland im Westen angreifen würden. So war es vereinbart. Da konnte nichts schiefgehen. „Hitler wäre ein Idiot, sollte er uns angreifen. Der riskiert nie einen Zweifrontenkrieg“, das war die gängige Meinung.

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September 1939. Über der Leiche Polens  werden Feinde zu Freunden. Hitler: „Der Abschaum der Menschheit, nehme ich an?“ Stalin: „Und habe ich nicht die Ehre mit dem blutigen Mörder der Arbeiter?“ Britische zeitgenössische Karrikatur.

Stattdessen überfielen Deutschland (am 1. September 1939) und die Sowjets (am 17. September 1939) gemeinsam Polen und teilten es, wieder einmal, auf. Und die Verbündeten? Sie erklärten zwar am 3. September 1939 Hitler den Krieg, schrieben jedoch Polen gleichzeitig insgeheim ab. Während das kämpfende Warschau sich im deutschen Bombenhagel in eine Ruinenlandschaft verwandelte, beschränkten sich die französischen Kampfhandlungen im Westen damals auf das Flugblätterabwerfen über einigen deutschen Städten unmittelbar hinter der Grenze.

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Mit dreizehn Jahren erlebte Wajda im September 1939 den Zusammenbruch Polens. Es war ein Trauma, von dem er sich, und mit ihm groβe Teile der Nation, seelisch nie erholt haben.

Mit ansehen zu müssen wie sein Land, auf das er uneingeschränkt stolz war, nach gerade einmal zwanzig Jahren Unabhängigkeit, innerhalb von nur vier Wochen zusammenbrach, war für Wajda ein Trauma, von dem er sich, und mit ihm groβe Teile der Nation, seelisch nie erholt haben.

Für Krzysztof Kłopotowski, einen der führenden Filmkenner- und Kritiker Polens, steht fest: „Nach dieser Erfahrung war Wajda überzeugt, dass es ein eigenständiges Polen, wie vor dem Zweiten Weltkrieg, nicht geben kann“ („Gazeta Polska“ –„Polnische Zeitung“, 12. Oktober 2016).

Anfänge in rot

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Wajda ließ sich von der Woge des kommunistischen Propagandapathos der ersten Nachkriegsjahre mitreiβen.

So gesehen hatte der Kommunismus im Nachkriegspolen in Wajdas Augen schon seine Richtigkeit. Das Land war wieder einmal an Russland, diesmal ein kommunistisches, angekettet. Der junge Mann ließ sich von der Woge des kommunistischen Propagandapathos der ersten Nachkriegsjahre mitreiβen.

Er trat 1946 in die kommunistische Partei wajda-plakat-1ein, lieβ aber nach einigen Jahren die Mitgliedschaft wieder einschlafen, verschwieg sie nach einem Wohnortwechsel. Der Sohn eines „bürgerlichen Vorkriegsoffiziers“ wollte sich auf diese Weise den aufkommenden stalinistischen Säuberungs- und Wachsamkeitskampagnen entziehen, die die Parteireihen immer wieder lichteten. Jahrzehnte später, in seiner Autobiographie, überging Wajda, der „Unbeugsame“, diese Episode mit einem Satz: „Ich war nie Parteigenosse“. Er hoffte, das Geschehnis sei längst vergessen. War es aber nicht.

Im Jahr 1948 wechselte der angehende Maler Wajda von der Kunsthochschule in Kraków zur Filmhochschule in Łódź. „In den 50er Jahren handelte es sich hierbei um eine ideologische Einrichtung. Die Filmhochschule war neu, hatte keine Tradition und sie sollte die neue sozialistische Filmelite erziehen. Eine ideologische Vorausabteilung, die die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen entscheidend mitprägen sollte“, schrieb Wajda.

Ein Gaukler macht sich an die Arbeit

Sein Debütfilm „Eine Generation“ von 1955 war noch ein Werk aus der Agitprop-Kiste der damaligen, dumpfen kommunistischen Indoktrination. Junge, heldenmutige kommunistische Widerständler kämpfen und sterben im besetzten Warschau, während die bürgerliche, verkommene Untergrund-Heimatarmee (AK), obwohl sie mehr Waffen und viel Geld hat, sich feige dem Kampf entzieht und im Grunde gemeinsame Sache mit den Nazis macht.

Doch bereits hier kam Wajdas handwerkliches Können zur Geltung. Er verpackte das Ganze in ein neorealistisches Kostüm, wie es die italienischen Meister des Genres, Visconti oder Rossellini („Rom, offene Stadt“), nicht besser hätten machen können. Zwar ergeht sich eine kommunistische Agitatorin immer wieder in ihren endlosen Tiraden, doch wenn sie schweigt, dann wirken die jungen Schauspieler auf der Leinwand, für die damaligen Begriffe, erfrischend natürlich, sehr untheatralisch. Eine stellenweise überaus dynamische, präzise und, für damalige Zeiten, einfallsreiche Kameraführung schuf einige Szenen, die unter die Haut gehen und längst Kultstatus haben. Ein schwer verdaulicher Propagandakloβ geriet so zu einem künstlerischen „Ereignis“.

Fragment aus „Eine Generation“. Die jungen Kommunisten helfen einem Trupp jüdischer Kämpfer, der sich während des Aufstandes im Warschauer Ghetto im April-Mai 1943 durch die Kanalisation auf die „arische“ Seite rettet. Für Jasio endet die Aktion tragisch. 

Was sich in „Eine Generation“ abzeichnete, sollte schon bald sein Markenzeichen werden. „Wajda ist ein Gaukler der Leinwand, ein Meister der Ablenkung, der es mit seinem hervorragenden handwerklichen Können versteht, eine Aneinanderreihung filmischer Zaubertricks in Filmkunst zu verwandeln. Die Zuschauer staunen über die weiβen Tauben, die der Illusionist aus dem Ärmel hervorzaubert, lassen sich von Wajdas Erzählstil verführen, die Botschaft bleibt unaufdringlich im Hintergrund, verliert jedoch dadurch keineswegs ihre Wirkung“, schreibt der Historiker und Filmkenner Tomasz Łysiak („Gazeta Polska“, 8. August 2012).

Therapie gegen die Freiheit

„Finis les rêveries, messieurs – „Genug der Träumereien, meine Herren“, das waren die Worte des Zaren Alexander II., als er im Mai 1856 Warschau besuchte. Dabei galt der junge Monarch, im Gegensatz zu seinem tyrannenhaften Vater Nikolaus I., als Reformer. Eine Abordnung polnischer Honoratioren bat ihn, Polen innerhalb des Zarenreiches etwas mehr Autonomie zuzugestehen. Vergeblich.

„Genug der Träumereien”, das war auch jahrzehntelang Wajdas Botschaft an seine Landsleute.

„Ich habe versucht den Zuschauer davon zu überzeugen, dass man nicht kämpfen sollte, wenn man nicht im Recht ist. Man soll nicht zum Schlag ausholen, bevor man nicht überlegt hat, ob ein solches Ausholen Sinn macht. Wir haben den Menschen die Überzeugung von der Richtigkeit einer solchen Haltung eingebläut. (…) Wir nehmen unsere Arbeit ernst. Sie ist eine Art Therapie“, so Wajda 1962.

Zu therapieren galt es die polnische Gesellschaft, sie zu befreien von dem angeblichen „polskie szaleństwo“, dem „polnischen Wahnsinn“ des ständigen Strebens nach Freiheit und Unabhängigkeit, koste es was es wolle. Eine Gesellschaft, deren Zustand nach 1945 der Historiker und Literaturkritiker Jan Józef Lipski so beschrieb: „Der Schock nach dem Ende des Krieges war für Polen schrecklich. Polen, das erste Land, das sich Hitler entgegengestellt hatte. Die Polen, ein Volk das an vielen Fronten des Krieges gekämpft hat. Polen, ein Land, das einen mächtigen Staat und eine Armee im Untergrund aufbaute. Es wurde von den eigenen Verbündeten, Groβbritannien und den USA, an den sowjetischen Angreifer ausgeliefert. Es war ein schreckliches Erlebnis und eine Demütigung, mit einer Schlinge um den Hals, an den Sattel des Siegers geknüpft, in sein eurasisches Imperium gezerrt zu werden.“

Den polnischen Kommunisten gelang es, nur dank der militärischen Unterstützung des Sowjets, bis Ende der 40er Jahre den bewaffneten Widerstand gegen ihre Tyrannei im Land zu brechen. Jetzt galt es das geistige Rückgrat des Widerstands zu brechen.

Die Polen sollten sich in ihrem Käfig endlich einrichten, Ruhe geben, „Träumereien“ abschwören, sonst konnte es für sie noch viel schlimmer kommen. Da war es wichtig, Symbole und Ereignisse, die den polnischen Selbstbehauptungswillen verkörperten zu zerstören, sie als längst überholt und grotesk darzustellen, sie lächerlich und letztendlich vergessen zu machen. Die gesamte kommunistische Propaganda, die Literatur, die Erziehungs- und Schulprogramme waren darauf ausgerichtet.

Mit Säbeln auf deutsche Panzer

Wajda war mit Herzblut dabei. Im Film „Lotna“ (1959), dem ersten polnischen Farbfilm, der vom Verteidigungskrieg 1939 handelt, reiten polnische Kavalleristen (Fragment hier zu sehen) eine Attacke gegen deutsche Panzer und versuchen sie mit ihren Säbeln zu zerschlagen. Zwar hatte es nachweislich während des ganzen „Polenfeldzuges” nie einen solchen Vorfall gegeben. Wajda griff dennoch das von Goebbels oft genutzte Propagandabild auf, um die angeblich „typisch polnischen” Eigenschaften: Selbstüberschätzung und Fanatismus noch krasser darzustellen und zu geiβeln. Den kommunistischen Propagandisten war es nur recht.

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Laut Wajda „typisch polnisch“: mit dem Säbel gegen Panzer. Szene aus „Lotna“.

Im Film „Kanal“ (1957) irrt im September 1944 ein Trupp Warschauer Aufständischer durch die unterirdischen Abwasserkanäle und kommt elend um im flieβenden Unrat. Es wird ein Inferno dargestellt, in Bildern von unvergesslicher Prägung. Die Kamera guckt genau hin, als in dem flieβenden, ekelhaften Auswurf die rogatywka treibt, die traditionelle Eckenmütze des polnischen Militärs. Sie gehört einem schwerverwundeten, aufständischen Obristen, den der Trupp unterwegs findet. Mit dem Abzeichen des gekrönten Adlers versehen, von den Kommunisten ohnehin als „nationalsitsich“ abgeschafft, geht das hochgeschätzte Nationalsymbol nun endgültig in der Jauche unter.

„Man hat mir Nihilismus, übertriebene Schwarzseherei, Verachtung für den Heldenmut vorgeworfen. Diese Anschuldigungen trugen Reaktionäre in meinem Land vor, die aus dem Aufstand ein Heiligtum gemacht haben. (…) Der Warschauer Aufstand von 1944 war ein politischer Fehler und, militärisch gesehen, ein Wahnsinn. Was konnte anderes dabei herauskommen. Wahnsinn und Torheit töten die handelnden Personen meines Films in den Abwasserkanälen, am Abgrund der Verzweiflung, ohne Sinn und Notwendigkeit“, klagte Wajda 1958 ausgerechnet in einem Interview für die sowjetische Zeitschrift „Literaturnaja Gazeta“.

Man beachte: schuld sind nicht die Deutschen, die den Polen die Freiheit raubten und ihren Aufstand mit unvorstellbarer Brutalität niederwarfen. Schuld sind auch nicht die Sowjets, die auf dem anderen Weichselufer abwarteten, bis die Deutschen ihr Werk vollbracht hatten. Schuld sind in Wajdas Augen die Opfer selbst.

Schön im Joch bleiben

In „Asche und Diamant“ (1958) stirbt der schwer verwundete, antikommunistische Kämpfer Maciek Chełmicki elend auf der Müllhalde (der Geschichte?). „Die kommunistische Propaganda benutzte jahrzehntelang Wajdas groβes Talent, um die Polen daran zu erinnern, dass es aus dem Moskauer Joch kein Entkommen gibt“, schreibt Piotr Semka („Do Rzeczy“- „Zur Sache“, 17. Oktober 2016).

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„Asche und Diamant“ (1958). Antikommunisten krepieren elend auf der Müllhalde (der Geschichte?).

Der Filmkritiker der „Neuen Züricher Zeitung“ sah das schon vor einem halben Jahrhundert, im Oktober 1959, ähnlich. Er schrieb nach der Vorführung von „Asche und Diamant“: „Künstler wie Andrzej Wajda, und er ist zweifelsohne ein Begabter, sind, egal ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht, Boten des geschickt wirkenden Sowjetsystems. Sie werden als Verführer in den Westen geschickt. Die Partei führt sie an der Leine. Sie gewährt ihnen etwas Narrenfreiheit und pfeift sie zurück, wenn sie allzu übermütig werden. Diese jungen Leute (Wajda war damals 33 Jahre alt – Anm. RdP) sind, gerade wegen ihrer Biegsamkeit und vermeintlichen freien künstlerischen Aussage, viel gefährlicher als die langweiligen, behäbigen Barden des sozialistischen Realismus. Es genügt nur, sich Wajdas Filme anzuschauen, um sich davon zu überzeugen“.

Eindreschen macht müde

Je mehr Preise und Anerkennung der Regisseur bekam, umso hartnäckiger pochte er auf den Status des nationalen Wegweisers. „Wajda fühlte sich von Anfang an als die Stimme der aufgeklärten Elite der polnischen Gesellschaft und trat in ihrem Namen auf“, stellt Janusz Wróblewski in der Zeitschrift „Polityka“ (19. Oktober 2016) fest. „Wajda strebte die Position eines nationalen Propheten an, der am besten weiβ, was für die unvernünftigen, kindischen Polen gut ist“, ergänzt Krzysztof Kłopotowski in „Do Rzeczy“ (17. Oktober 2016).

Wajda konnte es nicht lassen. Nach der Premiere seiner Verfilmung (1973) eines der wichtigsten Dramen der polnischen Literatur, der „Hochzeit“ (1901) von Stanislaw Wyspiański, schrieb der Dichter und antikommunistische Dissident Antoni Słonimski resigniert: „Wyspiański träumte von einem freien Polen. Wyspiańskis Groll gegen die Polen der damaligen Zeit, den Schmerz, den er ihretwegen empfand, seinen beiβenden Spott, seine dichterische Abrechnung mit der eigenen Generation übertrug Wajda in die Sprache des Films. Oder besser gesagt, er übertrug es in Geschrei und Gestammel. Die Intellektuellen jener Zeit stellte er dar als eine Bande handlungsunfähiger Possenreiβer, denen in der dumpfen Verwirrung des Besäufnisses irgendwas in den Schädeln vorschwebte.“

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„Hochzeit“ (1973). Das weiβe Pferd, bei Wajda das Sinnbild für Polen, es verendet zu Tode geritten im Dreck…

Bei Wajda reitet Jasiek, der Bruder der Braut, im Auftrag des Hausherren, auf einem weiβen Pferd hinaus. Er soll die Bauern zum Aufstand gegen die Fremdherrschaft aufrufen, sich Gehör verschaffen mit einem goldenen Zauberhorn, das der legendäre Wanderprophet und Drehleierspieler Wernyhora gebracht hat. Jasiek jedoch verliert das Horn. Das weiβe Pferd, bei Wajda das Sinnbild für Polen, es verendet, von Jasiek zu Tode geritten im Dreck…

Wajda lebte seine nationalen Minderwertigkeitskomplexe bis zum Exzess aus. Das polnische Freiheitsstreben war bei ihm nur sinnlos, chaotisch, vergeblich, destruktiv, falsch geplant, absurd, anmaβend. Doch wie er es darzustellen verstand! Die besten Schauspieler mit Leib und Seele dabei. Die Schicksale beeindruckend, herzzerreiβend, tragisch. Die Bilder bewegend und einprägsam.

Doch das Eindreschen macht müde, und so gönnte sich Wajda immer wieder mal eine Auszeit, lieβ ab vom „polnischen Wahnsinn“. Dann drehte er schöne Streifen, wie „Die Schattenlinie“ (1976) nach dem gleichnamigen Roman von Joseph Conrad, „Die Mädchen von Wilko“ (1979) nach einer Erzählung von Jarosław Iwaszkiewicz oder „Der Dirigent“ (1980), in dem er die Hauptrolle John Gielgud, einem der herausragendsten englischen Theaterdarsteller des 20. Jahrhunderts anvertraute. Mit „Das gelobte Land“ (1975), einer Verfilmung des Romans von Władysław Reymont, schuf er sein mit Abstand bestes Filmwerk.

Solidarność mon amour

Im August 1980 erlebten Wajda, und mit ihm ein Teil der selbsternannten „aufgeklärten Elite“, die bisher für den „robol“ (eine verächtliche Ableitung von „robotnik“ – der Arbeiter) nur Geringschätzung übrig hatten, eine Art Erleuchtung, Verzauberung, gar Entzückung. Unter dem Eindruck der Massenstreiks an der polnischen Küste, und vor allem in der Danziger Werft, entbrannte Wajdas Liebe zu Solidarność. Der zum friedlichen Protest erwachten Arbeiterklasse empfahl sich der Regisseur mit seinem Film „Der Mann aus Marmor“ (1977), einer Abrechnung mit dem polnischen Stalinismus, die ihm das damalige Regime, in einem Augenblick der Unschlüssigkeit der Filmaufseher, zu drehen erlaubte.

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„Der Mann aus Hoffnung“ (2013). Wajda versucht die Figur Wałęsa wieder auf ihren einstigen Sockel zu hieven. Hier mit Wałęsa-Darsteller Robert Więckiewicz.

Im Jahr 1980 steckte sich Wajda kurzerhand das Solidarność-Abzeichen an sein Revers und verkündete, für Lech Wałęsa könne er ebenso Filme machen, wie auch dessen Chauffeur sein. Das meinte er ernst. Gut dreiβig Jahre später unternahm Wajda den filmischen Versuch, die durch beharrliche Selbsentblöβung zur Witzgestalt verkommene Figur Wałęsa wieder auf seinen einstigen Sockel zu hieven.

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Nicht einmal Wajda konnte auf Dauer das Renommee Lech Wałesas retten, einer inzwischen nur traurigen Figur, die keiner Peinlichkeit aus dem Weg geht.

Auf der Leinwand bekamen die Polen „Den Mann aus Hoffnung“ (2013) zu sehen, eine überzuckerte Geschichte vom einfachen Werftarbeiter, der im Alleingang den Kommunismus zu Fall brachte. In ihrer Erinnerung hatten sie zu diesem Zeitpunkt aber bereits Wałęsas katastrophale Präsidentschaft (1990 bis 1995) und seine, fast täglich in den Medien erscheinenden, grotesken, prahlerischen Darbietungen, die Berichte über seine Mitarbeit bei der Stasi und über eine Geldgier, die ihn vor den peinlichsten Auftritten nicht Halt machen ließ.

Nicht einmal ein Andrzej Wajda konnte auf Dauer das Renommee eines Lech Wałesa retten, der sich im Mai 2009 für fünfzigtausend Euro als Redner beim Römischen Kongress der EU-feindlichen Partei Libertas „einkaufen“ ließ und gleichzeitig den polnischen Nationalkonservativen ihre angebliche EU-Feindschaft zum Vorwurf machte.

In der bewegten Zeit der ersten Solidarność (August 1980 – Dezember 1981) drehte Wajda den „Mann aus Eisen“ eine Spielfilm-Hommage an die unabhängige Gewerkschaft. Premiere war im Juli 1981, gut vier Monate vor der Verhängung des Kriegsrechts und dem Verbot der Solidarność am 13. Dezember 1981 durch General Jaruzelski.

Comeback nach Zitterpartie

„Wenige Tage später erschien Andrzej Wajda im Arbeitszimmer des damaligen Kulturministers Józef Tejchma“, berichtete Jahre danach der Abteilungsleiter im Ministerium, Jerzy Bednarz, der bei dem Gespräch zugegen war. Etwa zehntausend Solidarność-Aktivisten waren interniert, das Ausnahmerecht mit Polizeistunde, Verhaftungswellen, Hausdurchsuchungen, Panzern und Militärposten auf den Straβen, der Schlieβung der Grenzen, das alles lag wie Blei auf dem Land.

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Wajdas Liebe zu Solidarność kühlte nach Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 deutlich ab. Die Gefängnisse waren voll, der Meister schwieg in Paris als Dank, dass ihn das Regime ausreisen lieβ.

Doch Solidarność-Fan Wajda kam nicht um zu protestieren. Der Unbeugsame „zitterte am ganzen Körper, verrenkte sich gleichzeitig zu immer neuen Verbeugungen, sah dem Minister tief in die Augen und bat inständig, der Ressortchef möge für ihn ein gutes Wort bei Innenminister Kiszczak einlegen.“ Nur Kiszczak konnte in den ersten Tagen des Kriegsrechts  verfügen, dass man Wajda einen Reisepass aushändigt. Der Meister wollte nach Paris, um an dem Film „Danton“ zu arbeiten.

Er bekam das kostbare Dokument. Als Gegenleistung schwieg Wajda einige Jahre lang eisern zur innenpolitischen Situation und der Menschenrechtslage in seinem Land, drehte wenig. Die Zeit zwischen 1982 und 1990 war zweifelsohne die unfruchtbarste in seiner Karriere.

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Mai 1989. Solidarność-Senatskandidat Wajda. Wahlplakat mit Chef.

Mitte 1989 wurde Solidarność wieder zugelassen und der begeisterte Andrzej Wajda engagierte sich für sie, als wäre nichts gewesen. Er kandidierte für die um Solidarność vereinigte Opposition für den Senat, die obere Kammer des Parlaments. Am wichtigsten jedoch war Wajdas Annäherung an Adam Michnik, seit 1989 der Guru und oberster Autoritätsverleiher in der selbsternannten polnischen „aufgeklärten Elite“.

Im Kampf gegen Dunkelpolen

Wajda widerfuhr das Schicksal der Antigone. Er hat seinen Vater nicht bestatten können. Hauptmann Jakub Wajda war 1939 in Ostpolen in sowjetische Gefangenschaft geraten. Im Frühjahr 1940 hatten ihn die Sowjets, nicht in Katyń bei Smolensk, sondern (im Rahmen derselben Massenmordaktion – insgesamt gut 24.000 getötete polnische Offiziere) in Charkow mit einem Genickschuss umgebracht.

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Andrzej Wajda (rechts, als Junge) mit Eltern. Hauptmann Jakub Wajda haben Sowjets im Frühjahr 1940 ermordet.

Wie Hamlet wusste Wajda wer die Mörder waren, doch rächen konnte er seinen Vater nicht. Mehr noch, nur durch den permanenten Kotau vor dem kommunistischen System, das seinen Vater in den Tod geschickt hatte, konnte er seine künstlerischen Fähigkeiten entfalten. Wajda tat es. Er wollte nicht so enden wie Maciek Chełmicki aus „Asche und Diamant“.

Das Russland-Fürchten und das Russland-Lieben-Wollen verknüpften sich bei ihm zu einer Obsession. In der Wajda-Verfilmung des Nationalepos „Pan Tadeusz“ von Adam Mickiewicz (1999) ziehen die Polen an der Seite Napoleons schneidig in den Krieg gegen Russland und der weise Jude Jankiel schüttelt nur traurig den Kopf.

In „Zwischen Feuer und Asche“ (1965), einem Monumentalfilm, der auf dem gleichnamigen Roman von Stefan Żeromski basiert, stellen sich die Polen massenhaft auf die Seite Napoleons, in der Hoffnung er werde ihrem dreigeteilten Vaterland die Unabhängigkeit schenken. Doch sie werden in Spanien und auf Santo Domingo in Mittelamerika verheizt oder kehren, wie Rafał Olbromski, erblindet und in Stroh eingewickelt aus der eisigen Kälte Russlands zurück. „Genug der Träumereien”.

Die zwanzig Jahre (1918-1939) polnischer Unabhängigkeit endeten in einem Desaster, das Wajda psychisch nie überwunden hat. Am Ende seines von Vorsicht, vom Lavieren, Abwägen und Abwarten geprägten Lebens musste der Regisseur 2005-2010 erleben wie zwei polnische Politiker, die Brüder Lech und Jarosław Kaczyński, begannen, Marschall Piłsudski gleich, mit den Partnern Polens auf gleicher Augenhöhe zu sprechen. Er war überzeugt, das endet wieder mit einer Katastrophe und er reagierte wie eine Furie.

Für Adam Michnik, dessen „Gazeta Wyborcza“ unermüdlich den Kampf gegen „Dunkelpolen“ organisiert und anheizt, war Wajda ein politisch äuβerst wertvoller Verbündeter. Seine Stimme hatte Gewicht, und das warf der Regisseur nun uneingeschränkt in Adam Michniks Waagschale.

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Im Jahr 2000 bekam Wajda den Oscar für sein Lebenswerk. Briefmarke der Polnischen Post aus diesem Anlass.

Keine Spur mehr von der einstigen Zurückhaltung. „Wajda“, so Janusz Wróblewski in der „Polityka“ (19. Oktober 2016) „unterschrieb nun pausenlos Proteste und Appelle gegen: die Rückkehr des Religionsunterrichts in die Schulen und gegen die „braune Gefahr“, die Polen in die Fänge der Inkompetenz, des Antisemitismus, der Fremdenfeindlichkeit, der Homophobie treibt“. An diese Apokalypse glaubte Wajda wirklich.

Ministerpräsident Jarosław Kaczyńskis Partei Recht und Gerechtigkeit verlor bereits 2007 die Wahlen. Sein Nachfolger Donald Tusk war Wajdas Liebling. 2010 kam Staatpräsident Lech Kaczyński ausgerechnet bei Smolensk, auf dem Weg zu den Katyń-Feierlichkeiten, durch einen Flugzeugabsturz ums Leben.

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Satt um Staatspräsident Lech Kaczyński und die anderen 95 Opfer der Smolensk-Flugzeugkatastrophe, lieber um die gefallenen Sowjets trauern. Gesagt getan: April 2010, Wajda auf einem Rotarmistenfriedhof.

Der verblendete Wajda fegte alle Hemmungen beiseite. Schon am dritten Tag nach der Tragödie, die die Nation in eine Schockstarre versetzt hatte, protestierten er und seine Ehefrau öffentlich gegen die Bestattung des Präsidentenpaares auf dem Wawel in Kraków. Anstatt um die 96 Opfer des Flugzeugabsturzes zu trauern, so ihr Aufruf, sollten sich die Polen lieber auf die sowjetrussischen Soldatenfriedhöfe begeben, ihrer „Befreier“ gedenken und so die polnisch-russische Freundschaft pflegen.

Der Tod eines gekränkten

Der alte Herr verwandelte sich in einen ruhelosen Polit-Aktivisten, teilte unbarmherzig aus, doch, wie so oft, war das Einstecken nicht seine Stärke. Zugleich verlor Wajda zunehmend den Bezug zur polnischen Realität. Seine Hysterie steigerte sich ins Unermessliche. Nach dem Tod Lech Kaczyńskis, während des vorgezogenen Präsidentschaftswahlkampfes (Bronisław Komorowski gegen Jarosław Kaczyński) im Juni 2010, verkündete er allen Ernstes im Fernsehen, Polen befinde sich bereits in einem Bürgerkrieg. Fünf Jahre später, im Mai 2015, bei der Bekanntgabe des Wahlsieges von Andrzej Duda erfasste ihn und seine Frau blankes Entsetzten, was auf einem Foto festgehalten wurde.

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Blankes Entsetzten. Wajda mit Ehefrau am 24. Mai 2015 bei der Verkündung des Wahlsieges des nationalkonservativen Präsidentschaftskandidaten Andrzej Duda.

Andrzej Wajda starb als ein Gekränkter. Er, die Verkörperung der an grenzenloser Überheblichkeit krankenden „aufgeklärten Elite“, hatte es nicht geschafft seinen albernen und törichten Polen Vernunft beizubringen, wo er doch am besten wusste, was für sie gut ist. Ein fähiger Regisseur hat sich übernommen. Seine Belehrungen und Unkenrufe sind verstummt, seine Filme sind geblieben. Die meisten möchte man nicht missen.

Andrzej Wajda fand seine letzte Ruhestätte im Familiengrab auf dem Salwator-Friedhof in Kraków.

© RdP