Einhundert und ein Jahr Menschlichkeit

Am 24. Oktober 2023 starb Wanda Półtawska.

Die Deutsche Presseagentur (DPA) erklärte sie in ihrem kargen Nachruf kurzerhand zur Jüdin. Offensichtlich erschien den DPA-Redakteuren nur so alles, was sie durchlitten und geleistet hatte. „gut genug”, um postum erwähnt zu werden. Die in Deutschland oft angewandte Rangordnung der Opfer wurde wieder einmal gewahrt. Die Polin Wanda Półtawska hätte es sicherlich mit einem Achselzucken quittiert. Deutschland und den Deutschen begegnete sie bar jeglicher Illusionen.

Nur wenige Menschen können von sich sagen, dass sie ein ganzes Jahrhundert in Würde gelebt haben. Niemand, weder deutsche Gestapobeamte, SS-Aufseher und SS-Mordärzte, noch heimische Kommunisten vermochten sie ihr zu nehmen. Ihr schier unerschöpfliches Gottvertrauen, die unversiegbare Ausdauer, Selbstbeherrschung und Zuversicht machten sie innerlich unangreifbar. Während und nach dem Krieg immer wieder vom Tod belauert, verschrieb sie sich dem Engagement für das Leben. Das brachte ihr nicht nur Respekt und Anerkennung, sondern auch erbitterten Hass ein.

Pfadfinderin im Widerstand

Wanda Półtawska als Gymnasiastin

Sie kam 1921 in Lublin als dritte Tochter des Postbeamten Adam Wojtasik und seiner Frau Anna zur Welt. Wanda Wojtasik, die Musterschülerin des Ursulinen-Gymnasiums, engagierte sich mit Leib und Seele bei den Pfadfindern, verinnerlichte deren vom Patriotismus, Glauben, von Selbstlosigkeit und Kameradschaft geprägtes Ethos. Mit ihren Gefährtinnen schloss sich die 18-Jährige im Herbst 1939, gleich nach dem Beginn der deutschen Besatzung, dem Widerstand an.

Wanda Półtawska mit Pfadfinderinnen kurz nach dem Krieg

Tausende von vierzehn- bis achtzehnjährigen Pfadfindern stellten im  besetzten Polen einen wesentlichen Teil des Verbandes des Bewaffneten Kampfes (ZWZ) dar, der im Februar 1942 in Armia Krajowa (Heimatarmee, Abkürzung: AK) umbenannt wurde. Sie unterstand der polnischen Exilregierung in London und war, nach eigenem Selbstverständnis, die reguläre Polnische Armee, die sich zeitweilig im Untergrund befand. Nach und nach stellte die AK immer mehr Partisanenabteilungen in der Provinz, betrieb aber vor allem, wie man heute sagen würde, eine Stadtguerilla.

Polen während der deutschen Besatzung. Kleine Sabotage

Die jungen Leute nahmen nicht unmittelbar am bewaffneten Kampf teil. Die Jungs wurden auf ihn vorbereitet, vor allem militärisch geschult und mit der sogenannten „kleinen Sabotage” betraut: Herunterholen von Hakenkreuzfahnen, Vernichtung deutscher Propagandalosungen und Schautafeln, Lautsprecheranlagen zur Übertragung von Siegesmeldungen und Marschmusik, Flugblattaktionen, Aufmalen von antideutschen Sprüchen an Hauswänden usw. Wen die deutsche Polizei oder Feldgendarmerie dabei erwischte, der war so gut wie tot.

Die Mädchen wurden für den Sanitätsdienst ausgebildet. Sie waren auch die „łączniczki” (phonetisch; lontschnitschki), die Überbringerinnen von Befehlen und Nachrichten, die auf dünnem Löschpapier verfasst wurden, das man bei Gefahr schnell zerknüllen und herunterschlucken konnte. Sie transportierten Flugblätter sowie die handzettelgroßen Exemplare der Untergrundpresse, brachten den Widerstandskämpfern falsche Papiere, Waffen, meistens Pistolen und Granaten, in die Nähe des nächsten Kampfeinsatzes, nahmen sie anschließend wieder in Empfang, um sie zurück in die Verstecke zu bringen.

Jung, unscheinbar und findig hatten sie die besten Chancen, bei Straßenrazzien und Ausweiskontrollen davonzukommen. Wanda Wojtasik war eine von ihnen, bis die Gestapo Anfang 1941 durch Ermittlungen und Zuträger tief in die Strukturen der Lubliner ZWZ eindringen konnte. Die Verhaftungswelle erfasste am 17. Februar 1941 auch Wanda.

Der Weg durch die Hölle

Ihr Martyrium begann  in der Lubliner Gestapo-Dienststelle in der Uniwersyteckastraße, wo sie zwei Tage und Nächte lang bei Verhören mit Knüppeln und Tischbeinen geschlagen wurde. Sie verriet niemanden. Danach landete sie im deutschen Polizeigefängnis im Lubliner Schloss.

Zellen, die für sechs Gefangene gedacht waren, bevölkerten zwanzig und mehr Frauen. Gang zur Toilette einmal am Tag, ansonsten ein ständig überlaufender Eimer mit Exkrementen in der Ecke. Läuse, Kakerlaken. Tägliche Essensrationen bestehend aus 200 Gramm Brot und einer Kelle undefinierbarer Brühe. Keine Seife, einmal in der Woche kalt duschen im Schnelldurchlauf.

Als man sie fünf Monate später, im Juli 1941, mit einem mehrere Hundert Frauen zählenden Transport in Viehwaggons ins Frauen-KZ Ravensbrück schickte, war sie bereits mit etwa sechzig weiteren Polinnen in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Solche Verurteilungen erfolgten innerhalb von Minuten, während der Aktendurchsicht durch ein „Polizeigericht”.

SS-Arzt Karl Gebhard

Alle zum Tode verurteilten Frauen durften vorerst am Leben bleiben, denn sie waren als Geschenk für den SS-Arzt Karl Gebhard gedacht, der in Ravensbrück mit Experimenten an Menschen Forschung betrieb. Kurz nach ihrer Ankunft begann Gebhard, Kriegsverletzungen zu simulieren, indem er den Opfern unter Narkose beispielsweise eine Wade aufschneiden, Muskeln quetschen, Holz- und Glassplitter, Erde, Holzwolle in die Wunde einnähen ließ. Er testete verschiedene Sulfonamide (Antibiotika) nach den von ihm festgelegten Kriterien. Am vierten Tag der Versuchsreihe ließ er die eiternden Wunden chirurgisch behandeln. Es kam zu zahlreichen Todesfällen, unter anderem durch künstlich hervorgerufene Blutvergiftungen, bei denen Gebhard den Frauen Eiter in die Venen spritzte. Sie litten entsetzlich.

Die ehemalige polnische Ravensbrück-Insassin Jadwiga Dzido zeigt 1947 beim Nürnberger Ärzteprozess die infolge der medizinischen Experimente entstandenen Narben

Das menschliche Versuchskaninchen Wanda Wojtasik hat Gebhards Eingriffe überlebt, aber noch Jahrzehnte später öffneten sich ihre Wunden und die damals eingenähten Verunreinigungen traten in kleinen Mengen heraus.

Knapp vier Jahre sollte sie ihr Dasein in Ravensbrück fristen. Schwerstarbeit auf den Feldern umliegender Bauernhöfe, beim Straßenbau und nach der Rückkehr der Arbeitskolonnen ins Lager nicht enden wollende Stehappelle, Misshandlungen sadistischer Aufseherinnen, fast jeden Abend das Aussortieren der Schwächsten, die bald darauf umgebracht wurden.

Wanda Półtawska 2005 bei den Feierlichkeiten anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung von Ravensbrück

Gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten rettete Wanda Wojtasik in Ravensbrück Säuglingen das Leben. Nachdem im Sommer und Herbst 1944 viele schwangere Frauen eingeliefert wurden, schaffte man im Lager Möglichkeiten zur Entbindung. Doch man ließ die Schwangeren und ihre Neugeborenen absichtlich unversorgt. Die meisten Babys starben nach wenigen Tagen oder Wochen. Frauen, die ihr Neugeborenes verloren hatten, stillten die lebenden Säuglinge. Wanda Wojtasik organisierte für sie immer wieder ein paar Scheiben trockenes Brot, ab und zu eine Decke, etwas Seife, sogar Zucker aus der SS-Kantine. Dreißig Babys konnten so gerettet werden, bis das Schwedische Rote Kreuz sie im April 1945 aufgrund einer Vereinbarung mit der SS nach Schweden evakuierte.

Im Nachhinein betrachtete sie die Zeit in Ravensbrück als „große Exerzitien“, in denen sie gelernt habe, wie man unter extrem widrigen Umständen überlebt. „Ich habe dort niemals meine innere Freiheit verloren. Ich habe nichts gegen meinen Willen getan. Niemand konnte mich dazu bewegen, etwas zu stehlen oder mich in ein Tier zu verwandeln. Du wirst diejenige, die Du sein willst. Erlaube niemandem, Macht über Deine Seele zu haben.“

Vor der anrückenden Roten Armee trieb die SS im April 1945 einen Teil der Ravensbrück-Frauen in das etwa 150 Kilometer weiter westlich gelegene Außenlager Neustadt-Glewe. Wanda war am Ende ihrer Kräfte. Für tot befunden lag sie in der Totenbaracke. „Aber ich lebte”, schrieb sie Jahrzehnte später. „Als ich an der kalten Leiche einer Zigeunerin liegend aufwachte, habe ich beschlossen, Medizin zu studieren und nach Krakau an die Jagiellonen-Universität zu gehen.” Am 2. Mai 1945 erfolgte die Befreiung.

Nur nicht verzagen

Das Wichtigste war jedoch, dass die grausamen Kriegserfahrungen sie nicht in den Abgrund der Verbitterung, der Mutlosigkeit,  der Lebensverneinung stießen. Das war bei vielen Opfern der Fall. Sie konnten das Ausmaß der Demütigungen und Gräueltaten, die sie erlebt hatten, nicht verkraften. Wanda traf eine andere Entscheidung. Nachdem sie die düstere Allgegenwart des Todes erlebt hatte, griff sie nach dem Glauben an Gott und dem Beruf des Lebensretters, zwei Fäden, die zum Licht führen konnten.

Ihr Medizinstudium absolvierte sie 1951. Es folgte die Facharztausbildung zum Psychiater und die Arbeit am Psychiatrischen Klinikum der Krakauer Medizinischen Akademie. Auf den Doktortitel, den sie 1964 erwarb, sollte die Habilitation folgen. Die Habilitationsschrift war fertig. Im Jahr 1968 fehlte nur noch das Endkolloquium, als man das Verfahren auf Anweisung von oben stoppte. Angeblich „aus formalen Gründen”, die im Einzelnen nie ausgeführt wurden. Es lag jedoch auf der Hand, dass sie politischer Natur waren. Jemand, der der Kirche so nahestand, durfte kein Dr. habil. werden. Die herrschenden Kommunisten verhinderten auf diese Weise ihre weitere, bis zum Professorentitel führende wissenschaftliche Karriere. Sich verbiegen lassen, faule Kompromisse schließen, das war nicht ihre Sache. Prompt schmiss sie ihre Stelle als leitende Stationsärztin an der Medizinischen Akademie hin und widmete sich von nun an der praktischen Arbeit in der Frauen- und Familienseelsorge im Auftrag der Krakauer Bischofskurie.

Leben schenken, Leben schützen

Zwei Begegnungen, die sie kurz nach dem Krieg hatte, sollten ihr Leben nachhaltig prägen. Im Jahr 1946 lernte sie den Philosophiestudenten und Warschauer Aufständischen von 1944 Andrzej Półtawski kennen. Silvester 1947 heirateten die beiden, hatten vier Töchter und blieben bis Andrzejs Tod 2020 mehr als siebzig Jahre lang ein Ehepaar.

Wenn man davon ausgeht, dass es im Leben keine Zufälle, sondern nur Zeichen der Vorsehung gibt, dann war es ein Zeichen der Hoffnung für eine vom Krieg verwüstete Welt, als 1951 Kardinal Adam Sapieha den jungen Priester Karol Wojtyła, der gerade von seinem Studium in Rom zurückkehrte, in die Ärzteseelsorge in Krakau entsandte.

Wanda Półtawska und Pfarrer Karol Wojtyła Mitte der 50er-Jahre in Krakau. Das Foto wurde insgeheim von der polnischen Stasi gemacht

In der Zeit des wütenden Stalinismus und der heftigsten kommunistischen Kirchenverfolgung in Polen, unternahmen Pfarrer Wojtyła und eine Gruppe junger katholischer Krakauer Ärzte, darunter Wanda Półtawska, immer wieder Ausflüge in die nicht weit entfernten Tatraberge. Inspiriert durch die majestätische Ruhe der kolossalen Landschaft, entstanden aus den auf der Wanderschaft geführten Gesprächen zeitgemäße theologische Ansätze zu Fragen der Sexualität, zum Schutz des ungeborenen Lebens und schließlich der Eheethik.

Man vergisst heute, welch demoralisierenden Einfluss die erstmalige Freigabe der Abtreibungen in Polen durch die deutschen Besatzungsbehörden im Zweiten Weltkrieg hatte. Die Kommunisten legalisierten die uneingeschränkte Abtreibung auf Wunsch bis zur 12. Woche, ohne Beratung, im April 1956 ein zweites Mal. Jahre später erinnerte sich Wanda Półtawska daran, wie sehr sie der plötzliche Ansturm von Schwangeren zur Tötung ihres eigenen Kindes bedrückte.

Sie schrieb: „Ich traute meinen Augen nicht, aber vielleicht lag das daran, dass ich von vielen Dingen keine Ahnung hatte. Vor den Praxen der Gynäkologen sah ich Schlangen von Frauen, die plötzlich begannen, die Möglichkeiten zu nutzen, die das neue Gesetz bot. Zusammen mit anderen Ärzten, die das Drama dieser Mädchen verstanden, begannen wir spontan zu handeln. Wir versuchten, auf sie zuzugehen und ihnen zu erklären, dass eine Abtreibung einen Schatten auf ihr restliches Leben werfen würde. Einmal erhielt ich nachts um zwei Uhr einen Anruf von einem sehr besorgten Priester, dem ein Mädchen gestand, dass es am nächsten Morgen um neun Uhr einen Termin für eine Abtreibung hatte. Ohne groß nachzudenken, lief ich sofort in das Studentenheim und begann, sie zu überreden, diesen Weg nicht einzuschlagen“.

Wanda Półtawska half, den Aufbau eines kirchlichen Unterstützungssystems für solche Mädchen zu organisieren. So entstand eine Art lokale Krakauer Koalition für das Leben: Der Bischof von Krakau, Karol Wojtyła,  Abtreibungsgegner wie Wanda Półtawska,  mobilisierte Laien gegen Abtreibungen. Der Primas von Polen, Kardinal Stefan Wyszyński, und Kardinal Wojtyła stellten damals die Frau und ihr gezeugtes Kind in den Mittelpunkt der seelsorgerischen Aufmerksamkeit.

Sehr wichtig waren die Begriffe. Wanda Półtawska betonte stets, dass es keine „werdenden Mütter“ gibt. Eine Frau wird in dem Moment Mutter, in dem die Empfängnis stattfindet. Es gibt keinen Fötus, es gibt ein Kind. Die Abtreibung führt zum Tod des Kindes, also ist es eine Tötung. Das Kind ist kein Organ der Frau, das herausoperiert wird, sondern von Anfang an ein autonomer Mensch mit eigenen Fingerabdrücken und einer eigenen DNA. Es ist nicht vertretbar, Abtreibungen in irgendeiner Weise mit dem Krankenwesen in Verbindung zu bringen, denn eine Schwangerschaft ist keine Krankheit.

Die Antwort der Kirche auf die Freigabe der Abtreibungen in Polen war die Einrichtung kirchlicher Beratungsstellen, von Heimen für alleinerziehende Mütter und die Bildung von Selbsthilfegruppen. In einem Land, in dem es keine Kirchensteuer gibt, musste auch das, wie alle anderen Kirchenausgaben, durch die Kollekte finanziert werden. Es galt sich zudem mit der staatlichen „Gesundheitspropaganda” zu messen, die die Abtreibung als eine Errungenschaft des Sozialismus, als ein Recht und eine Verhütungsmethode pries, von der die selbstbestimmte, berufstätige Frau nach Belieben Gebrauch machen konnte. Die „reaktionäre”, „altbackene” Kirche will ihr diese Freiheit streitig machen, hieß es.

Dem konnte die Kirche nur ihre Sonntagspredigten entgegensetzen, denn die staatliche Zensur unterband alle Versuche, Anti-Abtreibungskampagnen zu organisieren. Zudem wussten viele Priester, vor allem der älteren Generation, nicht so recht, wie sie über diese Themen sprechen sollten. Sehr oft konzentrierten sie sich darauf, die Sünderin zu verurteilen, anstatt darüber nachzudenken, wie man ihr helfen und das Kind retten kann.

Wichtig war hier Półtawskas Einfluss auf die Priester. Aus Hunderten von Gesprächen mit verzweifelten jungen Frauen kannte sie das Ausmaß der Probleme, mit denen diese konfrontiert waren. Sie sensibilisierte die Priester dazu, vor allem zuzuhören. Unterstützt wurde sie dabei von Bischof  Wojtyła, der bei den Treffen zu diesem Problem zu sagen pflegte: „Wer ist schuld daran, dass Mädchen ihr eigenes Kind töten wollen?“. Und er antwortete: „Wir sind alle schuld. Die einen, weil sie es tun, die anderen, weil sie nicht reagieren“.

Er nahm das dicke Notizbuch von Wanda Półtawska mit nach Rom, in dem sie die Berichte betroffener Frauen während ihrer Sprechstunden in der Krakauer katholischen Beratungsstelle niedergeschrieben hatte. Während der Sitzung der Familienkommission des Zweiten Vatikanischen Konzils  zitierte Wojtyła mehrmals daraus. Die Schilderungen beeindruckten Papst Paul VI. so, dass er dem Druck nicht nachgab, die katholische Lehre in der Frage der Abtreibung zu lockern. „Humanae vitae“, die Enzyklika Pauls VI. von 1968 über die moralischen Grundsätze für die Weitergabe des menschlichen Lebens, wäre ohne die intellektuelle Arbeit von Wojtyła und Półtawska zur Definition des Übels der Abtreibung vielleicht nicht geschrieben worden. Der italienische Papst regierte ein weiteres Jahrzehnt, dann folgte das kurze Pontifikat von Johannes Paul I. und schließlich wurde der päpstliche Thron von einem polnischen Papst bestiegen. Die Ära von Johannes Paul II. stoppte weitere 27 Jahre lang die Versuche, die Lehre der Kirche über die Heiligkeit des Lebens zu ändern.

Das Gewissen des Arztes

Das Thema ließ Wanda Półtawska nie los. Sie war 93 Jahre alt, lag im Krankenhaus mit schweren Verbrennungen im Gesicht, die sie sich durch eine Ungeschicktheit zu Hause zugezogen hatte, als die von ihr im März 2014 in sechs Punkten zusammengefasste „Glaubenserklärung katholischer Ärzte und Medizinstudenten zum Thema menschliche Sexualität und Fruchtbarkeit“ in Polen für helle Aufregung sorgte. Sie löste eine heftige öffentliche Debatte über die Rolle, die Bedeutung und die Grenzen der Anwendung der Gewissensklausel durch Ärzte aus.

„Der Zeitpunkt der Zeugung eines Menschen und der Zeitpunkt des Verlassens dieser Welt hängen ausschließlich von der Entscheidung Gottes ab“, hieß es dort. Und: „Ohne jemandem ihre Anschauungen und Überzeugungen aufzuzwingen, haben katholische Ärzte das Recht, Respekt für ihre Ansichten und die Freiheit zu erwarten und zu fordern, ihre beruflichen Tätigkeiten in Übereinstimmung mit ihrem Gewissen auszuüben.“

Knapp viertausend Ärzte, Krankenschwestern und Medizinstudenten unterschrieben die Erklärung, darunter 59 Professoren der Medizin. Wie zu erwarten, erntete die greise Autorin heftigen Widerspruch, aber auch Hohn und Spott aus dem politischen Lager der Postkommunisten, die die Behörden aufforderten, die Gewissensklausel abzuschaffen und Ärzte, die sich zu ihr bekennen, aus der staatlichen Gesundheitsfürsorge zu entfernen. Ähnlich äußerten sich die in Polen dominierenden linksliberalen Medien.

Ein Gebet mit schneller Wirkung

Auch das Leben der Lebensretterin drohte abrupt zu enden, als sie gerade 41 Jahre alt war. Im Herbst 1962 stellte man bei ihr Darmkrebs im fortgeschrittenen Stadium fest. Die Ärzte gaben ihr keine großen Chancen. Ihr Duzfreund Karol Wojtyła weilte gerade in Rom zur ersten Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils. Sie schrieb ihm, getragen von der Angst, sie könnte bereits tot sein, wenn er in einigen Wochen zurückkehrte.

Der heilige Pater Pio. Briefmarke von 2018

Seine Reaktion? Am 17. November 1962 verfasste Wojtyła an Pater Pio, den Mystiker, Kapuzinerpriester und italienischen Volksheiligen mit Stigmata und dem scharfen Blick, einen kurzen Brief in lateinischer Sprache, mit der Bitte um ein Gebet. Der Überbringer nach San Giovanni Rotondo war ein Vatikanmitarbeiter namens Angelo Battisti, der einen guten Draht zu Pater Pio hatte. Laut Battisti sagte Pio: „Angelino, dazu kann man nicht nein sagen.“ Und: „Versichern Sie ihm, dass ich viel für diese Frau beten werde.“

Es war ein Gebet mit schneller Wirkung. Als bei Wanda Półtawska am 21. November, vor der geplanten Operation, noch einmal eine Untersuchung gemacht wurde, zeigte sich: Der Tumor war nicht mehr da, die Operation also überflüssig. Diese Nachricht gelangte schnell von Krakau nach Rom. Doch die wundersam Geheilte hatte keine Ahnung von Wojtyłas Brief, sie wusste nicht einmal, dass es einen Pater Pio gab. Die Wahrheit erfuhr sie im Dezember 1962 von Wojtyła, als er aus Rom zurückkam. Bei dem Mystiker persönlich bedanken konnte sie sich erst 1967, ein Jahr vor dessen Tod.

Wanda Półtawska 2002 vor dem Bild des hl. Pater Pio in ihrer Wohnung in Kraków

Verlässlichkeit, Respekt, geistiger Austausch. Die Freundschaft mit dem Papst

Bei dem was über die enge Beziehung der beiden geschrieben wurde, gab es auch einige weitgehende Unterstellungen sittlicher Natur, die man getrost auslassen kann. Johannes Paul II., dem alle nahen Verwandten schon in seiner Jugend weggestorben waren, schätzte die wenigen festen und verlässlichen Freundschaften aus seiner Krakauer Zeit sehr. Für ihn war es im Vatikan eine Art Familienersatz. Zu diesem engen Kreis gehörte übrigens auch Wandas Ehemann, Andrzej. Wojtyła war froh, wenn die Krakauer Freunde ihn besuchen kamen, fand immer Zeit für längere Gespräche. Auch lud er sie im Sommer nach Castel Gandolfo ein, damit sie ihn während des Urlaubs begleiteten. Arturo Mari, der persönliche Fotograf des Papstes, erinnerte sich später: „Wenn Wanda mit ihrem Ehemann und den Enkelkindern nach Castel Gandolfo kam, brachten sie viel Freude in das Leben des Papstes.“

Johannes Paul II., Wanda Półtawska und ihr Ehemann Andrzej in Castel Gandolfo

„Thesen jedoch über einen großen Einfluss Półtawskas auf den Papst sind stark übertrieben. Sie haben zusammengearbeitet, sich ausgetauscht, aber Johannes Paul II. hat seine Dokumente, in denen er die  Lehre der Kirche bestätigte, unabhängig verfasst“, sagt Tomasz Terlikowski, einer der führenden katholischen Publizisten und Kirchenkenner  Polens.

Der Respekt, mit dem die allermeisten Polen ihrem Landsmann Johannes Paul II. begegnen, ist dem polnischen postkommunistisch-linksliberalen Lager seit Langem ein Dorn im Auge. Sie unternehmen viel, um den verstorbenen Papst herabzusetzen. Dazu gehört der Versuch, Johannes Paul II. als einen unselbstständigen Akteur darzustellen, der deswegen „irrte“, weil er den Einflüsterungen des „bösen Geistes“ Wanda Półtawska erlag.

Sie sei schuld daran, dass Paul VI. sich vehement gegen die Empfängnisverhütung ausgesprochen habe, denn schließlich habe sie mit Wojtyła zu einer Zeit zusammengearbeitet, als es in der Kirche eine Diskussion über dieses Thema gab. Sie soll Johannes Paul II. zum Schreiben der Enzyklika „Evangelium vitae“ mit dem Untertitel „Über den Wert und die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens“  überredet haben. Półtawskas schlechter Einfluss auf Johannes Paul II. sei für die angeblich „pathologische Haltung der Kirche gegenüber dem Sex“ verantwortlich. Sie hat bewirkt, dass Johannes Paul II. Radio Maryja wohlwollend gegenüberstand usw., usf.

Wer mag, der soll es glauben, aber wer sich nur ein wenig mit Johannes Pauls II. Lebensweg, Lebens- und Denkart befasste, dem ist klar, dass er sich gerne mit klugen Menschen austauschte, und Półtawska war eine katholische Intellektuelle, die auf gleicher Wellenlänge wie er „sendete“. Aber seine theologischen Schlussfolgerungen zog und formulierte er selbst. Seine innere Autonomie war nicht zu brechen.

Wanda Półtawska hatte einen ständigen, ungehinderten Zugang zu ihm, wenn sie in Rom weilte, was oft zum Verdruss seiner engsten Mitarbeiter führte. Im Jahr 2001 nutzte der Rektor des Erzbischöflichen Priesterseminars in Poznań diesen Zugang, um sie darum zu bitten, seinen umfangreichen Brief direkt dem Papst zu übergeben. Alle Versuche, mit der Nachricht in den Vatikan durchzudringen, der Posener Erzbischof Juliusz Paetz sei durch seine ungezügelten homosexuellen Eskapaden nicht mehr tragbar, wurden bis dahin abgewehrt. Półtawska sagte zu. Der Papst zeigte sich tief erschüttert über Paetz‘ Verhalten und darüber, dass man den Skandal vor ihm verheimlicht hatte. Paetz musste sein Amt räumen.

Im Juni 2009 nahm Wanda Półtawska zum ersten und letzten Mal dazu öffentlich Stellung: „Ja, ich war der Briefträger, aber auch nichts anderes. Ich habe weder mit Paetz noch mit anderen gesprochen. Es gab nur den Brief, den mir der Rektor des Priesterseminars in Poznań anvertraute und den ich direkt übergab. Ich habe nichts referiert. Der Brief selbst war entscheidend. Der Heilige Vater reagierte umgehend.“

Wanda Półtawska gehörte zu den Auserwählten, die im Februar und März 2005 am Sterbebett Johannes Pauls II. harren durften. Sie hörte auch den letzten Satz des großen Mannes und Papstes: „Der Welt fehlt es an Weisheit.“

Spurt auf der Zielgeraden

Was nun? Plötzlich klaffte in ihrem Leben eine riesige Leere, aber Półtawska wusste, was sie zu tun hatte. Sie erinnerte sich an die Worte Papst Wojtyłas von vor Jahren: „Du wirst sehen, sie werden alle nach dir die Hände ausstrecken“. Und sie strecken sie aus. Warschau, Lublin, Rzeszów, Poznań, Gdańsk. Hier ein Treffen mit Ärzten, dort mit Priestern,  Nonnen bitten sie zu kommen, ein Schulleiter ruft an und sie sagt ein Treffen mit Jugendlichen zu. Die Gespräche und Buchsignierungen dauern bis spät in die Nacht. Hier ein Familiensymposium, dort die Teilnahme an einer Konferenz über die Theologie Johannes Paul II. Dann wieder eine Vorlesung an einer Universität des Dritten Lebensalters, gefolgt von einem Vortrag für junge Mütter. Derweil ruft ein Bürgermeister an, mit der Bitte um Annahme der Ehrenbürgerschaft, und die Katholische Universität Lublin will ihr die Ehrendoktorwürde verleihen. Ihr Terminkalender war prall gefüllt, und man hörte ihr überall gespannt zu. Vier Stunden unterwegs, zwei Stunden Vortrag und zurück. Sie musste überdies immer wieder bei den einstigen Mitgefangenen von Ravensbrück vorbeischauen, auch wenn es von Mal zu Mal weniger wurden. Selbst in ihrem letzten Lebensabschnitt schienen Ihre Kräfte unbegrenzt zu sein.

Im Jahr 2016 dekorierte sie Staatspräsident Andrzej Duda mit der höchsten polnischen Auszeichnung, dem Orden des Weißen Adlers.

Staatspräsident Andrzej Duda bei der Auszeichnung Wanda Półtawskas mit dem Orden des Weißen Adlers

Półtawska und Simone Veil

Im 20. Jahrhundert zogen zwei Zeugen und Opfer der Barbarei in den Konzentrationslagern gegenteilige Schlussfolgerungen aus ihren schrecklichen Kriegserlebnissen. Simone Veil, ehemalige Insassin von Auschwitz-Birkenau, die die Ermordung ihrer Mutter und ihrer Schwester miterlebte, setzte als französische Gesundheitsministerin 1975 die Legalisierung der Tötung ungeborener Kinder auf Wunsch durch.

Wanda Półtawskas Erfahrungen im Lager Ravensbrück veranlassten sie, hartnäckig und zäh für die Anerkennung der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens und gegen die „Zivilisation des Todes”, ein Begriff, den Johannes Paul II. formulierte, zu kämpfen. Es war ein sehr lange dauernder Kampf. Sie starb acht Tage vor ihrem 102. Geburtstag.

Lesenswert auch: „Die Frauen des Polnischen Papstes“ und „Erzbischof Juliusz Paetz. Der Hirte der Triebe“

© RdP




Nachdenklicher Jude, begeisterter Israeli, Polens guter Freund

Am 3. Februar 2023 starb Schewach Weiss.

Der Ruf eines Freundes Polens und der Polen eilte ihm voraus. Er wurde in Israel oft zu Rundfunkdebatten eingeladen. Eines Tages erteilte ihm einer der Moderatoren mit der spitzbübischen Bemerkung das Wort: „Und jetzt wird uns Professor Weiss, wie gewohnt, etwas Gutes über Polen erzählen“.

Schewach Weiss, der ehemalige israelische Botschafter in Polen, war ein „Kind des Holocaust“, ein namhafter israelischer Politiker, Diplomat, Professor der Politikwissenschaften, Autor zahlreicher wissenschaftlicher und literarischer Bücher, Publizist. Mit unnachahmlicher Geduld und Gutmütigkeit setzte er sich jahrzehntelang für die Annäherung zwischen Polen und Israel ein und war eine Autorität in polnisch-jüdischen Angelegenheiten.

Gerührt, wieder in Polen zu sein

Weiss kam 1985 zum ersten Mal nach vierzig Jahren nach Polen zurück, um das ehemalige deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz zu besuchen. „Es war eine surreale Situation, eine Reise hinter den Eisernen Vorhang, in ein damals graues, tristes, kommunistisches Land. Aus politischen Gründen unterhielt Israel zu jener Zeit, seit 1967, keine diplomatischen Beziehungen zu Polen. Moskau hatte nach dem Sechstagekrieg seinen Satellitenstaaten befohlen, jegliche Beziehungen zu Israel abzubrechen, also musste sich auch Warschau dem anpassen. Nur Rumänien hatte sich nicht gebeugt.

Schewach Weiss in Auschwitz 1994.

Eine Gruppe ehemaliger jüdischer Kinder, Opfer von Dr. Josef Mengele und die das Lager überlebt hatten, reiste nach Auschwitz. Ihnen konnten die kommunistischen Warschauer Behörden die Einreise nicht verweigern. Sie sollten von zwei Mitgliedern des israelischen Parlaments begleitet werden. Wie durch ein Wunder erhielten auch wir beide polnische Visa und fuhren nach Auschwitz. Es war schrecklich, diejenigen zu begleiten, die furchtbare Gräueltaten als Kinder überlebt hatten. Sie zeigten uns, wo Mengele sie gequält hatte, was er ihnen angetan hatte. Für jeden, der auch nur einen Funken Menschlichkeit in sich trägt, ist ein erster Besuch in Auschwitz ein Schock. Für mich war es eine doppelt schreckliche Erfahrung, gerade wegen dieser Kinder. So etwas vergisst man nie“, berichtete Weiss Jahre später.

„Ich war gerührt, nach so vielen Jahren wieder in Polen zu sein. Mein Polnisch war nach all den Jahren zu einem grammatisch fehlerhaften und dürftigen Idiom verkommen, aber jedes polnische Wort, das ich hörte, fühlte sich an wie die Rückkehr in eine verlorene Kindheit“, erinnerte er sich.

Von 2000 bis 2003 war Weiss israelischer Botschafter in Polen. „Ich hätte es in mehreren anderen Hauptstädten sein können, aber ich habe mich entschieden, nach Polen zurückzukehren. Ich fühle mich zu diesem Land, das einst meine Heimat war, hingezogen, zu seiner Natur und Kultur, zur polnischen Sprache. Andererseits war es schwer zurückzukehren, weil es für uns ein furchtbar trauriger Ort ist. Hier hat sich die größte Tragödie unserer Nation abgespielt“, sagte Weiss damals.

Er begann seine diplomatische Mission in Warschau in einer schwierigen Zeit, als um Jedwabne, einem Ort in Nordostpolen, eine heftige Kontroverse ausbrach. Am 10. Juli 1941, etwa drei Wochen nach dem deutschen Einmarsch, fand dort ein Pogrom an der jüdischen Bevölkerung statt. Angestachelt und begleitet vom deutschen Einsatzkommando des SS-Hauptsturmführers Hermann Schaper, durchgeführt von mehreren Dutzend polnischen Einwohnern. Mindestens 350 Juden wurden getötet; die meisten von ihnen starben in einer in Brand gesetzten Scheune.

Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski in Jedwabne während der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Pogroms.

Am 10. Juli 2001, während der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag dieser Tragödie, entschuldigte sich Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski in Anwesenheit des israelischen Botschafters Schewach Weiss offiziell in eigenem und „im Namen der Polen, deren Gewissen durch dieses Verbrechen berührt wurde“. Am Rande der Feierlichkeiten in Jedwabne sagte Weiss: „Es gab auch andere Scheunen, in einer von ihnen habe ich mich mit Erfolg versteckt.“

Irena Sendler rettete etwa 2.500 jüdische Kinder.

„Unter den Polen gab es viele Retter. Einige, wie Irena Sendler, retteten Tausende, andere retteten Einzelne. Vor allem aber dürfen wir nicht vergessen, was unser Talmud lehrt: Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“, sagte Weiss.

„Man wirft den Polen vor, nicht genug für die Rettung der Juden getan zu haben. Das sagen Leute, die keine Ahnung davon haben, in welchem schrecklichen Dilemma die Polen steckten, die Juden gerettet haben. Für Fremde mussten sie ihr eigenes Leben und das ihrer Familie riskieren, denn auf das Verstecken von Juden stand im okkupierten Polen die sofortige Todesstrafe für alle Familienmitglieder. Das gab es sonst nirgendwo im besetzten Europa. Die polnischen Gerechten waren große Helden. Aber niemand kann eine solche Haltung von der gesamten Gesellschaft verlangen“, schrieb er seinerzeit in der Tageszeitung „Rzeczpospolita“.

Weiss protestierte scharf, als der Begriff „polnische Todeslager“ in westlichen Medien auftauchte. „Das ist eine schändliche Lüge und Niedertracht. Schließlich starben in diesen Lagern neben Juden auch Hunderttausende von Polen“, argumentierte er. „Das polnische Land, das für die Juden über achthundert Jahre lang ein Gebiet des gemeinsamen Lebens und des Friedens war, wurde von den Deutschen in ein verfluchtes Land verwandelt“.

21 Monate lang im Keller

Schewach Weiss wurde 1935 im damals polnischen Borysław (heute Ukraine) als Sohn eines vermögenden Lebensmittelhändlers geboren. Die Stadt zählte damals etwa 41.000 Einwohner, darunter ca. 13.000 Juden und war ein bedeutendes Zentrum der Erdölförderung.

„Bis 1939 hatte ich eine schöne Kindheit in Borysław: Mama, Papa, Familie, Bruder, Schwester, Opa eins, Opa zwei, Oma – fantastisch! Von September 1939 bis Juni 1941 war es hart, weil wir unter sowjetischer Besatzung waren, aber es war sehr gut, weil es nicht die deutsche Besatzung war.“

Glückliche Kindheit in Borysław. Schewach Weiss (im Kinderwagen), Mutter (i.d.M), Tante Fajga, Schwester Mila, Bruder Aarin.

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen am 1. Juli 1941 gelang der Familie Weiss die Flucht aus dem bald darauf eingerichteten örtlichen Ghetto. „Meine ganze Familie wurde gerettet, ohne die polnischen Helfer wäre das nicht möglich gewesen. Geliebte, wunderbare Menschen. Das sind meine Helden“, schrieb Weiss.

„Zuerst versteckten wir uns im Haus von Herrn und Frau Góral, dann im Haus von Frau Maria Potężna (phonetisch: Potenschna – Anm. RdP) und ihrem Sohn Tomasz. Sie waren unsere polnischen Nachbarn aus Borysław. Dann zogen wir in ein Versteck, eine Doppelwand, die mein Vater in unserem Haus gut vorbereitet hatte. Dort waren wir sieben bis acht Monate lang. Wir haben Frau Lasotowa, eine Ukrainerin, die Freundin meiner Mutter, gebeten, in unser Haus zu ziehen, ohne ihre Hilfe hätten wir nicht überleben können.“

Es gab dramatische Momente. „Eines Tages dachte ich, ich würde verrückt, ich schrie, ich will ein Bonbon haben. Mein Vater sagte zu mir wie zu einem Erwachsenen: »Schewach, wir sind hier acht, du wirst uns umbringen. Wenn du nicht still bist, werden wir dich erwürgen müssen.« In einer Sekunde hatte ich alles verstanden.“

Schewach Weiss mit Großvater Itzchak kurz vor Kriegsausbruch.

„Als die Deutschen gelernt hatten, dass man in solchen doppelten Wänden Juden aufspüren kann“, folgten weitere Verstecke: ein von Großvater Jitzchak eigens eingerichteter Kellerraum in einem Nachbarhaus, dann ein Kuhstall, schließlich die örtliche Kapelle. „In dem Keller lebten wir 21 Monate lang. Seine Deckenhöhe betrug maximal sechzig Zentimeter, wir sind dort nur auf allen vieren gekrochen. Manchmal konnten wir ihn nachts kurz verlassen. Das Essen warfen uns die Górals und die Potężnys durch ein kleines Kellerfenster rein. Frau Lasotowa betrieb einen Laden und versorgte uns mit Zigaretten und mit Benzin für den Feldkocher“, erinnerte sich Weiss.

„Und dann meine Mutter. Sie war eine Anführerin. Ihre Weisheit, ihr Sinn für Sparsamkeit, wie man das Stück Brot für acht Leute aufteilt, wie man aus einer Kartoffel eine Suppe macht, wie man einen Teller, eine Gabel und einen Löffel für acht Leute benutzt, wie man die Hygiene in diesem schrecklichen Loch aufrechterhält!“

Schewach Weiss Vater lebte bis 1992 in Israel, die Mutter bis 1999. Sie gehörten zu den etwa vierhundert Borysławer Juden, die überlebt hatten.

Auf Umwegen nach Israel

Am 14. Juli 1944 besetzte die Rote Armee Borysław erneut. „Wir hatten bereits zwei Wochen zuvor Kanonendonner gehört. Frau Lasotowa hatte uns einen Zettel zugeworfen, auf dem stand, was gerade passierte. Am Morgen des 14. Juli sahen wir die ersten sowjetischen Soldaten durch unser Fenster. Wir gingen langsam aus dem Keller. Auf der Straße standen Hunderte von Autos, Pferdewagen, Panzern, Soldaten. Wir sahen aus wie Höhlenmenschen, nur Haut und Knochen, lange Haare, wir waren alle schmutzig, verlaust und wankten. Zum ersten Mal seit zwei Jahren konnten wir aufrecht stehen, mein Bruder hielt mich aufrecht. Ich werde diesen Sonnenschein nie vergessen, die Luft war wunderbar, nicht feucht. Ein Essenswagen hielt an und wir bekamen heiße Erbsensuppe von einem sowjetischen Major. Als ich Botschafter war und mit meinem lieben Fahrer Wojtek durch Polen reiste, hielten wir immer am Straßenrand an, um Erbsensuppe mit Brot zu essen. Für mich ist das, das beste Essen der Welt.“

Bald darauf wurden die polnischen Ostgebiete der UdSSR einverleibt. Zwischen 1945 und 1946 zwangen die Sowjets beinahe die gesamte polnische Bevölkerung Ostpolens zur Ausreise hinter die neu gezogene polnische Ostgrenze. Die dabei angewandten Methoden: Drohungen mit Deportationen hinter den Ural, administrative Schikanen, willkürliche Enteignungen; hinzu kamen gewalttätige Übergriffe einer entfesselten Soldateska. Die meisten geretteten Juden, die, wenn sie nicht Kommunisten waren, unter denselben Repressalien zu leiden hatten, schlossen sich diesem Exodus an, so auch die Familie Weiss.

Sie landete im oberschlesischen Gliwice, vormals Gleiwitz, und zog bald darauf ins niederschlesische Wałbrzych, zuvor Waldenburg, wo sich, auf Anregung jüdischer Aktivisten, ein Sammelpunkt von Holocaust-Überlebenden bildete. Gut zweitausend von ihnen hielten sich um die Jahreswende von 1945 auf 1946 in der Kohlegrubenstadt auf.

Mit stillschweigender Duldung der kommunistischen Behörden agierten in Wałbrzych und an anderen Orten Polens Vertreter der „Bricha“, einer konspirativen Organisation mit dem Ziel, die jüdische Bevölkerung Ost- und Ostmitteleuropas, die den Holocaust überlebt hatte, ins britische Mandatsgebiet Palästina zu bringen. Insgesamt etwa 70.000 bis 80.000 Juden verlieβen bis 1948 das zerstörte, von kommunistischer Willkür gekennzeichnete Polen auf den Bricha-Routen, auf der Suche nach einem besseren Leben.

Weiss berichtete: „Von Wałbrzych gingen wir über die tschechische Grenze, dann in die Slowakei, nach Bratislava. Es folgten Wien, ein Flüchtlingslager bei Linz und in Innsbruck. Von da an war ich nur noch mit meiner Schwester unterwegs. Meine Mutter und mein Vater blieben in Österreich, um meinen Vater behandeln zu lassen. Er war in unserem Kellerversteck an Tuberkulose erkrankt. Dann Italien, und schließlich bin ich mit einem falschen Pass allein nach Palästina gegangen. Meine Schwester hat in Italien auf meine Eltern gewartet. Wir hatten Kontakt, schrieben uns Briefe, schickten Fotos, aber ich sah meine Eltern erst vier Jahre später, 1952, wieder.“

Traktorfahrer in der Kinderrepublik

Der siebzehnjährige Schewach Weiss, ein Kind des Holocaust, erreichte Palästina ein halbes Jahr vor der Ausrufung des Staates Israel im Mai 1948. „Ich kam mit dem Schiff und sah die Lichter von Haifa. Das gelobte Land. Ich fühlte mich wie Mose auf dem Berg Nebo. Ich war glücklich, ich konnte nicht glauben, dass es wirklich passiert.“

Es war die erste, heroische Phase des dauerhaften jüdischen Fußfassens im „Land der Urväter“, die vom Pathos des Kibbuzim-Kollektivismus stark geprägt war. Das galt auch für die Landwirtschaftsschule in Hadassim, wo Weiss seine ersten sieben Jahre in Israel verbrachte.

„Das Erziehungssystem dort war von den pädagogischen Ideen Janusz Korczaks beeinflusst, die einige der Juden aus Polen mitgebracht haben. Die Schule und ihr Internat waren fast eine unabhängige Kinderrepublik. Dort lebten die Kinder wichtiger zionistischer Führer, wohlhabender Juden, Kinder von Leuten, die aktiv und beschäftigt waren und wollten, dass ihre Kinder Bildung auf hohem Niveau genossen.

Es gab auch eine Gruppe von Holocaust-Kindern. Gemäß der Vereinbarung mit der »Sochnut« (der jüdischen Agentur, die sich mit Emigrationsfragen befasste) machten wir etwa zehn Prozent der Schüler aus. Wir mussten die Räume und die Toiletten sauber halten, wir hatten Dienst in der Küche, wir trugen das Essen in der Kantine aus, aber das Wichtigste war, dass wir jeden Tag vier Stunden gelernt und vier Stunden lang in der Landwirtschaft gearbeitet haben. Ich war Traktorfahrer und sehr besorgt um mein Ansehen als Kind des Holocaust, denn wir wurden verächtlich »sabonim« – Seife genannt. Es war eine schreckliche Gedankenverknüpfung, aber Kinder kennen nun mal oft kein Erbarmen. Ich wollte ihnen zeigen, dass ich keine Seife war. In Hadassim wurde ich der beste Sportler unter den jungen Israelis. Als Traktorfahrer fuhr ich übrigens einen alten polnischen „Ursus“-Traktor. Dann war ich in der Armee“.

Unteroffizier Weiss macht die größte Eroberung seines Lebens

In der Armee machte Schewach Weiss die größte Eroberung seines Lebens. „Zuerst sah ich sie 1956 auf der Titelseite einer sehr populären Wochenzeitschrift. Die Bildunterschrift lautete: »Ester Kachanowicz wurde zur schönsten Soldatin Israels gewählt«„.

Schewach Weiss, Ehefrau Ester, Sohn Noam 1976.

„Haben Sie sich in das Mädchen auf dem Titelbild verliebt?“, fragte ihn die Journalistin der Zeitschrift „Viva“ im Juli 2017 in einem Interview.

„Mehr oder weniger. Ich diente zu dieser Zeit in einem Kommando im Norden des Landes, war für die Fahrzeuglogistik und für Kulturveranstaltungen zuständig. Eines Tages kam Ester zu unserem Kommando. Alle waren verrückt nach ihr: der Arzt, der Pressesprecher, die Offiziere. Und ich war nur ein Unteroffizier. Aber das Schicksal hat mich begünstigt. Der Kommandant der Nordtruppen, General Jitzchak Rabin, ordnete an, dass nach dem Seder Pessach, dem Pessach-Essen, etwas für die Soldaten organisiert werden sollte. Ich wandte mich an Ester und sagte: »Hier hast du das Buch von Natan Alterman. Heute Abend wirst du dieses und dieses Gedicht lesen.« Sie war einverstanden.

Und so fing alles an. Ich war 20 Jahre alt. Nach drei Jahren haben wir geheiratet. Und viele Jahre später erzählte mir Ester, dass sie, als sie mich ihrer Mutter vorstellte, von ihr hörte: »Nimm ihn, er wird Premierminister«“. Ich wurde zwar nicht Premierminister, aber ich bin immerhin Vorsitzender der Knesset geworden. Und Premierminister Jitzchak Rabin sagte, wenn er uns sah: „Ich bin euer Ehestifter“.

General Jitzchak Rabin 1967.

Sie waren siebenundvierzig Jahre verheiratet. „Dreizehn Jahre lang kämpften wir um ihr Leben. Es gab keinen Ort in Israel, in Europa, in der Welt, an dem wir nicht waren. Ester ist am Valentinstag 2005 verstorben. In den letzten anderthalb Monaten ihres Lebens waren wir ständig zusammen. Ich schlief neben ihrem Krankenhausbett. Wir haben bis zum letzten Tag miteinander gesprochen. Ich habe bis zum Schluss auf ein Wunder gewartet.“

„Wie war Ester so?“, lautete eine weitere Frage.

„Intelligent, freundlich, gut, wunderschön. Ich habe Ester immer geliebt, aber ich war in Jerusalem, sie war in Haifa. Nach ihrem Tod liebe ich sie noch mehr. Ich vermisse sie sehr. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich Tag und Nacht bei ihr sein wollen, um sie nicht einmal für eine Sekunde zu verlassen.“

„Heilt die Zeit nicht die Wunden?“

„Nein, es wird immer schlimmer. Ich schaue auf ihren Platz am Tisch. Er ist leer. Ich habe morgens immer das Frühstück vorbereitet, jetzt gibt es niemanden, für den ich es machen könnte. Ich habe ihr Dutzende von Briefen geschrieben, sie mehrmals am Tag angerufen. Nach ihrem Tod habe ich im Haus nichts verändert. All ihre Sachen, Mäntel, Schuhe, Kleider sind noch so, wie sie sie hinterlassen hat. Freunde sagen: »Schewach, wechsle die Wohnung«.“

„Wäre es danach einfacher für Sie?“

„Aber ich will kein leichteres Leben haben. Meine Ester im Grab, und ich soll ein leichteres Leben führen? Ein Paar sollte gemeinsam sterben.“

Sein Mentor war Jitzchak Rabin

Als 1968 die Awoda, die Arbeitspartei, eine zionistische Partei der linken Mitte, gegründet wurde, begann Weiss, sich in ihr zu engagieren. Er promovierte 1969, erhielt 1974 eine Professur und wurde Direktor für Politikwissenschaft an der Universität Haifa. Danach war er Dekan der Fakultät für Journalismus an derselben Hochschule. Anschließend ging er in die Kommunalpolitik, wurde Ratsmitglied in Haifa für die Arbeitspartei. 1981 hat man ihn für die Arbeitspartei in die Knesset gewählt. Weiss gehörte ihr fünf Wahlperioden lang an, bis 1999, davon zwei als stellvertretender Vorsitzender und eine (von 1992 bis 1996) als Vorsitzender.

„In dieser Zeit war Jitzchak Rabin der Mann, mit dem ich sehr eng verbunden war, der mich beeinflusst hat, und ich habe ihn auch beeinflusst. Er war einer der Führer der Arbeitspartei. Er war von 1974 bis 1977 Premierminister, dann verlor er die Wahl. Er kehrte 1984 als Verteidigungsminister in die Koalition, in die Regierung zurück und war Ministerpräsident von Israel von 1992 an bis zu seinem tragischen Tod, als er von einem Juden, dem Faschisten Jigal Amir, ermordet wurde. Wir standen uns bei der Planung der Koalition mit der linken Meretz und der ultraorthodoxen Schas-Partei sehr nahe; er schlug mich als Präsidenten der Knesset vor.

Schewach Weiss in Warschau am Ende eines ereignisreichen Lebens.

Jitzchak Rabin war eine beeindruckende Persönlichkeit. Ein politischer Falke, der sich in eine Friedenstaube verwandelt hat. 1993 begann er den Friedensprozess mit den Palästinensern. Als Vorsitzender der Knesset bin ich sechs Mal an der Seite von Rabin mit Jassir Arafat zusammengetroffen. Ich war 1994 in Oslo, als beiden der Friedensnobelpreis verliehen wurde. Das waren wirklich hoffnungsvolle Zeiten. Leider gehören sie der Vergangenheit an.

Als Rabin am Abend des 4. November 1995 während der großen Friedenskundgebung auf dem Platz der Könige Israels in Tel Aviv ermordet wurde, stand ich nur wenige Meter von ihm entfernt. Wenn ich einen idealen Politiker wählen müsste, dann wäre es Jitzchak Rabin: sachlich, gründlich, pedantisch, eine Autorität. Er hat nicht zu viel geredet, bevor er etwas versprochen hat, aber wenn er etwas versprochen hat, hat er es gehalten. Ein sehr verantwortungsbewusster Mann! Wir haben uns so sehr geliebt! Es ist eine sehr, sehr traurige Sache!“, sagte Weiss in einem Interview für die Zeitung „Rzeczposopolita“.

Polen die Leviten gelesen

Nach dem Tod seiner Frau verbrachte Weiss immer mehr Zeit in Polen. Er richtete sich ein Büro in Warschau ein, in dem seine polnische Assistentin Ewa Szmal stets die Stellung für ihn hielt. Mit ihr bereitete er seine Vorlesungen und Seminare an der Fakultät für Politische Wissenschaften der Warschauer Universität vor. Sie führte seinen Terminkalender, der gut gefüllt war mit Medienauftritten und Gedenkveranstaltungen. Als Quartier diente dem grauhaarigen Ex-Botschafter das Warschauer Uni-Hotel „Hera“ am Łazienki-Park, wo man ihn oft bei ausgedehnten Spaziergängen treffen konnte.

Schewach Weiss in seinem Büro in Warschau mit Assistentin Ewa Szmal.

Schewach Weiss blieb auch in seinem Ruhestand ein israelischer Patriot, der sich nicht scheute, seiner zweiten Heimat Polen die Leviten zu lesen, wenn sie sich mit der israelischen Politik auf Kollisionskurs befand.

Das betraf die, letztendlich zurückgenommene, Novelle zum Gesetz über das Institut des Nationalen Gedenkens, die die pauschale Behauptung unter Strafe stellte, Polen als Staat oder die Nation als Ganzes hätten sich am Holocaust beteiligt. Er unterstütze auch das Anliegen Israels, das schwerst kriegsgeschädigte Polen solle jüdischen Organisationen Entschädigungen in Höhe von Abermilliarden von Euro für das Eigentum der drei Millionen von den Deutschen ermordeten polnischen Juden zahlen. Hier blieb Polen standhaft und verwies, unter Berufung auf stichhaltige Argumente, auf Deutschland als den eigentlichen Adressaten dieser Forderungen.

Schewach Weiss am 18. Januar 2017 in Jerusalem nach der Verleihung des Ordens des Weißen Adlers mit Staatspräsident Andrzej Duda und Ehefrau Agata.

Andererseits nahm Weiss auch kein Blatt vor den Mund, wenn israelische Politiker oder Medien sich abfällig über Polen äußerten. Wohltuend an seinen Wortmeldungen in den oft sehr emotional geführten Debatten waren seine ruhige Art und auf die Schlichtung bedachte Wortwahl. Darauf beruhte der Respekt, den man ihm an der Weichsel zollte. Das hob auch Staatspräsident Andrzej Duda hervor, als er Schewach Weiss im Januar 2017 in Jerusalem mit der höchsten polnischen Auszeichnung, dem Orden des Weißen Adlers, dekorierte.

Polnische Delegation bei der Beerdigung von Schewach Weiss am 5. Februar 2023.

Schewach Weiss fand seine letzte Ruhestätte auf dem Jerusalemer Nationalfriedhof auf dem Herzlberg, unweit des Grabes seines Mentors Jitzchak Rabin.

© RdP




Genosse Kosmonaut

Am 12. Dezember 2022 starb Mirosław Hermaszewski.

Er war der erste und wird wahrscheinlich noch lange der einzige Pole bleiben, der ins All flog. Hermaszewski gab sich stets bescheiden, beherrscht, ein hochprofessioneller Militärpilot, der charmant sein konnte und dem das Kosmonautsein nicht zu Kopf gestiegen war. Das nahm sehr viele Polen für ihn ein.

Doch wenn man im Kommunismus ganz nach oben wollte, reichten auch die größten Fähigkeiten allein nicht aus. So gesehen waren Hermaszewskis exzellentes fliegerisches Können, seine extreme körperliche Belastbarkeit allein wertlos. Folglich gab es, neben der leuchtenden, auch die dunkle Seite seines Tuns: sein reges kommunistisches Engagement, das er im Nachhinein beharrlich ausblendete, und seine geheime Tätigkeit als Zuträger der militärischen Staatssicherheit, die wenige Jahre vor seinem Tod, anhand von Aktenfunden, aufgedeckt wurde.

Hermaszewski hatte ein Janusgesicht oder, der Vergleich ist in seinem Fall durchaus angebracht, er war wie der Mond, dem er bei seinen 126 Erdumrundungen so nah wie kein anderer Pole kam. Schließlich, so Mark Twain, ist „jeder Mensch ein Mond und hat eine dunkle Seite, die er niemandem zeigt.“

Mit kommunistischen Reliquien ins All

Am 27. Juni 1978, um 17:27 Uhr Warschauer Zeit, startete das Raumschiff Sojus 30 mit Major Mirosław Hermaszewski, dem ersten „Polen im Kosmos“, und dem sowjetischen Kosmonauten Oberst Piotr Klimuk an Bord vom Weltraumbahnhof Baikonur im damals sowjetischen Kasachstan. Klimuk flog bereits zum dritten Mal ins All.

Hermaszewski an Bord der Raumstation Saljut 6.

Mit an Bord waren kommunistische Reliquien: Porträts der KP-Chefs Breschnew und Gierek, der Text des sogenannten PKWN-Manifests, des Gründungsaktes des kommunistischen Polens aus dem Jahr 1944, die Verfassung der Volksrepublik Polen, Wimpel mit Emblemen der herrschenden Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, des staatlichen Veteranenverbandes, der Gesellschaft für Polnisch-Sowjetische Freundschaft u. e. m.

Am Folgetag dockte Sojus 30 an die Raumstation Saljut 6 an, die zu diesem Zeitpunkt mit zwei sowjetischen Kosmonauten bemannt war. Hermaszewski beteiligte sich an wissenschaftlichen Experimenten, die das Verhalten des menschlichen Körpers in der Schwerelosigkeit ergründen sollten, führte Beobachtungen der Polarlichter und Fernerkundungsarbeiten durch. Nach einer Woche zu viert in der Raumstation kehrten Klimuk und Hermaszewski am 5. Juli 1978 zur Erde zurück.

Kurz nach der Landung. Der Medienrummel beginnt. L. i. B. Hermaszewski, i. d. M. Pjotr Klimuk.

Hörbar bewegt rief der Sonderberichterstatter des Polnischen Rundfunks ins Mikrofon: „Es ist 19:30 Uhr Ortszeit, 16:30 Uhr Moskauer Zeit, die Kapsel taucht als ein winziger Punkt unter den Wolken auf. Plötzlich entfaltet sich die Kappe des Fallschirms hinter ihr. Langsam, sehr langsam schweben die Kosmonauten aus dem Weltraum zurück“. Die Rückkehrkapsel setzte sicher in der kasachischen Steppe, dreihundert Kilometer entfernt von Zelinograd, der heutigen Hauptstadt Astana, auf.

„Ich bin gesund, ich fühle mich gut, nur meine Beine sind etwas wackelig und mir ist ein bisschen schwindlig“, sagte Hermaszewski kurz nach der Landung.

Polnischer Held der Sowjetunion

Viel Zeit, zu sich zu kommen, hatte er nicht. Nach den ersten Routineuntersuchungen wurden die beiden Rückkehrer am Morgen darauf ins Flugzeug gesetzt und nach Moskau gebracht, wo sie ein feierlicher Empfang im Kreml erwartete. Leonid Breschnew, der Generalsekretär der KPdSU, gab sich persönlich die Ehre.

„Liebe Genossen, mit freudigen Gefühlen begrüßen wir alle Pjotr Klimuk und Mirosław Hermaszewski, die gerade aus dem Weltall gekommen sind. Sie führten äußerst interessante Experimente und Forschungen durch. Der Flug war insofern bemerkenswert, als der Stab der von Juri Gagarin gestarteten Staffel mittlerweile von internationalen sozialistischen Besatzungen übernommen wird. Der Sohn der Heimat von Kopernikus war im Weltraum, das ist wunderbar, das ist etwas, worauf man stolz sein kann“, sagte Breschnew und verlieh Hermaszewski den Lenin-Orden, den Titel des Helden der Sowjetunion und den dazu gehörenden, 21,5 Gramm schweren Goldenen Stern aus echtem 950-Karat Gold.

„Polonez“-Limousine.

In Polen gab es etliche weitere Ehrungen und als Geschenk ein Auto aus der heimischen Produktion. Einen „Polonez“ in der Farbe Steppengrün, damals eine Rarität und Gipfel der Träume eines jeden Autoliebhabers.

Begrüßung in Warschau am 20. Juli 1978.

Einen solchen Autogrammwunsch kann man nicht abschlagen.

Hermaszewski absolvierte auf Anweisung eine ausgedehnte Jubel-Rundreise durch Polen: Festakte und Feierstunden, Ehrenbürgerwürden, Gedenkbäume pflanzen, Blumensträuße entgegennehmen, Autogrammwünsche erfüllen, bis der Kugelschreiber aus der schmerzenden Hand fiel, und überall Menschenmassen dicht an dicht.

Hermaszewski mit Verteidigungsminister Wojciech Jaruzelski (l. i. B.) und Parteichef Edward Gierek. R i. B. der zweite Flugkandidat Leutnant Zenon Jankowski, der letztendlich am Boden bleiben musste.

Hermaszewski-Briefmarke von 1978.

Das schwer angeschlagene Regime von Parteichef Edward Gierek wollte die vom ständigen Schlangestehen, ob nach Lebensmitteln, Waschpulver, Möbeln oder Benzin, tief frustrierten und zunehmend aufgebrachten Polen so auf andere Gedanken bringen. Zwei Jahre später, im Sommer 1980, wurden Gierek und die Seinen durch eine mächtige Streikwelle, an deren Ende Solidarność entstand, weggefegt und durch die Jaruzelski-Riege ersetzt.

Als Säugling beinahe ermordet

Der knapp vierzigjährige, zum Oberstleutnant beförderte Hermaszewski befand sich im Zenit der Popularität. Um Haaresbreite hätte sein Weg dorthin im Alter von nur knapp zwei Jahren geendet. Im September 1941 im damaligen, zuerst von den Sowjets (September 1939 bis Juni 1941) und dann von den Deutschen besetzten Ostpolen geboren, überlebte er wie durch ein Wunder die schrecklichen Massaker, die Banden ukrainischer Nationalisten, unter deutscher Schirmherrschaft, an der polnischen Bevölkerung verübten. Es war ein von langer Hand vorbereiteter Völkermord, dem etwa 100.000 Polen zum Opfer fielen.

Hermaszewskis Geburtsort Lipniki auf der Landkarte Polens von vor dem Zweiten Weltkrieg.

Die Nationalistenführer: Stepan Bandera, Roman Schuchewytsch, Dmytro Kljatschkiwskyj, Mykola Lebed und andere wollten eine Polen- und Judenfreie Ukraine. Der Hauptschauplatz der Massenmorde war Wolhynien. Dort, in der Ortschaft Lipniki, unweit der Stadt Równe/Riwne, wirtschaftete die Familie Hermaszewski, Vater Roman, Mutter Kamila und ihre sieben Kinder auf einem 25 Hektar großen Bauernhof.

Woiwodschaft Wolhynien im Vorkriegspolen.

Wolhynien im heutigen polnisch-ukrainischen Grenzbereich.

„Wir lebten ein friedliches, harmonisches und wohlhabendes Leben“, schreibt Hermaszewski in seinen Erinnerungen „Ciężar nieważkości“ (fonetisch: Tsenschar njewaschkostsi -„Die Last der Schwerelosigkeit“).

„Die Idylle wurde in der Nacht vom 25. auf den 26. März 1943 zerstört. Eine wilde Horde ukrainischer Raubmörder, darunter auch einige Freunde und Nachbarn der polnischen Einwohner von Lipniki, bewaffnet mit Knüppeln, Äxten, Heugabeln, Sensen, Ketten, Schusswaffen und allem anderen, was nicht nur töten, sondern auch möglichst viel Leid zufügen konnte, umstellte und überfiel das friedlich schlafende Dorf. Sie zündeten die Gebäude an und begannen mit dem Gemetzel. Menschen jeden Alters und Geschlechts wurden auf grausame Weise ermordet und deren Besitz geplündert. In dieser denkwürdigen und schrecklichen Nacht starben 182 Einwohner meines Dorfes Lipniki. Der jüngste war weniger als ein Jahr, der älteste war 90 Jahre alt. Mein Großvater Sylwester starb, mehrfach durchbohrt von einem Bajonett.

Mein Vater, der am Dorfrand mit einigen anderen Männern Wache hielt, stürmte mit dem Jagdgewehr in der Hand ins Haus und rief meiner Mutter zu: „Lauft weg“, dann verschwand er in der Dunkelheit“, so Hermaszewski.

Nach dem ukrainischen Massaker von Lipniki.

Draußen spielten sich schreckliche Szenen ab. Das Stöhnen und die Todesschreie der Überfallenen vermischten sich mit dem lauten Knistern und Krachen der Feuersbrunst, dem herzzerreißenden Muhen und Quieken des versengten Viehs, dem Gebrüll der Mörder. Sechs Kinder der Hermaszewskis zerstreuten sich in dem Chaos und konnten sich retten. Die Mutter rannte mit dem Jüngsten, Mirosław, auf dem Arm los. Einer der Angreifer holte sie ein und hielt ihr das Gewehr an den Kopf. Der Schuss durchschlug ihr Ohr und streifte die Schläfe. Betäubt und blutüberströmt stürzte sie zu Boden, verlor das Bewusstsein und blieb regungslos liegen. Überzeugt, sie tödlich getroffen zu haben, kehrte der Verfolger um. Später, aus der Bewusstlosigkeit erwacht, rannte sie im Schockzustand ins sechs Kilometer entfernte Nachbardorf.

„Als die Morgendämmerung einsetzte“, berichtet Hermaszewski, „eilten einige mutige Männer nach Lipniki. Schon von Weitem war das Ausmaß der Tragödie zu erkennen: Häuser, von denen noch der Rauch aufstieg, Vieh, verstümmelt oder versengt, irrte umher. Je näher man kam, desto größer wurden Chaos, Zerstörung und das schwer zu beschreibende Grauen. Nur wenige Dorfbewohner waren durch Kugeln gefallen, einige waren enthauptet, ohne Gliedmaßen, mit Heugabeln erstochen, mit Stangen erschlagen. Kinder wurden in Brunnen gefunden oder bei lebendigem Leib auf Zaunpfählen aufgespießt und zerrissen.

Unter den Suchenden waren auch mein Vater und mein Bruder Władysław. Unser Haus war nur noch eine qualmende Ruine. Nicht weit entfernt, auf einem gefrorenen Feld, entdeckte mein Vater unerwartet die markante karierte Decke, auf der ich blutbeschmiert und regungslos lag. Papa war sich sicher, dass ich tot war, aber als er mich schüttelte, öffnete ich die Augen.“

Ein halbes Jahr später, im August 1943, war auch Mirosławs Vater tot. Um die weit weg von Lipniki in einem Stall kampierende, hungernde Flüchtlingsfamilie zu ernähren, wagte er es, auf seine Felder zurückzukehren, um wenigstens etwas zu ernten. Er wurde von einem ukrainischen Trupp entdeckt. Ein Schuss ins Herz beendete sein Leben.

Begabter Flieger, aufrichtiger Stasi-Zuträger

Unter unsäglichen Mühen gelang es der Witwe, sich und die sieben Kinder mit Putzen, Nähen und Feldarbeit bis Kriegsende durchzubringen. 1945 sollte Ostpolen endgültig an die Sowjetunion fallen. Jetzt, nach knapp sechs Jahren Krieg und Vernichtung, zwangen die Sowjets mit Drohungen und Repressalien die übriggebliebenen Polen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Nach einer wochenlangen Fahrt mit unzähligen Unterbrechungen gelangte der Güterwagen-Evakuierungszug mit den Hermaszewskis ins polnisch gewordene Niederschlesien, nach Wołów/Wohlau, einer Kleinstadt die damals weitgehend in Ruinen lag.

Mirosław und Władysław (r. i. B.). Fachsimpeln zweier Kampfflieger-Brüder.

Als der ältere Bruder Władysław 1948 seine Ausbildung als Militärflieger begann, war für den gerade siebenjährigen Mirosław klar, dass auch er diesen Weg beschreiten will. Glaubt man seinen Erinnerungen, wurde das Fliegen zu seiner Leidenschaft, lange bevor er das erste Mal ein Cockpit bestieg. In der Stadtbibliothek verschlang er alles, was mit dem Fliegen zu tun hatte: Romane, Jugendhefte mit Flugzeugbeschreibungen und die Zeitschrift „Skrzydlata Polska“ („Geflügeltes Polen“). Keiner in der Schule konnte mit ihm im Modellbau und beim Drachensteigenlassen mithalten.

Segelflieger Mirosław Hermaszewski (im Cockpit).

Im Jahr 1960 begann sein Segelfliegen, knapp zwei Jahre später startete der gerade 21-Jährige zum ersten Mal ein Sportflugzeug. Kurz darauf begann seine Ausbildung zum Militärpiloten. Das war der Start einer Militärkarriere, die Hermaszewski, bevor er Kosmonaut wurde, über viele Zwischenetappen, bis auf den hohen Posten des Kommandeurs des 11. Jagdfliegerregiments in Wrocław/Breslau führte.

Kommandeur des 11. Jagdfliegerregiments.

Begabung und Können waren beim kommunistischen Militär wichtig, aber sie mussten gepaart sein mit ideologischer Unbedenklichkeit. Um diese vorzuweisen, trat Hermaszewski schon im Gymnasium in Wołów, als einer von wenigen in seiner Klasse, in den kommunistischen Jugendverband ein und gleich im ersten Semester in der Militärfliegerschule in Dęblin (120 Kilometer südöstlich von Warschau) stellte er den Antrag zur Aufnahme in die kommunistische Partei, dem 1964 stattgegeben wurde.

Hermaszewskis Militär-Stasiakte.

Sein Fleiß, sein fliegerisches Talent und sein ideologisches Engagement wurden durch die geheime Zusammenarbeit mit der militärischen Staatssicherheit „abgerundet“. Jetzt konnte es an seiner Verlässlichkeit keinen Zweifel mehr geben. Die Anwerbung von Hermaszewski erfolgte am 9. Februar 1962. Der neue IM „Długi“ („Der Lange“) verfasste eine handschriftliche Erklärung, in der er sich bereit erklärte, die Behörde „im Kampf gegen feindliche Aktivitäten“ zu unterstützen. Konkret ging es darum, regelmäßig Bericht darüber zu erstatten, was sich unter den Kadetten außerhalb des Dienstes abspielte.

Hermaszewskis Führungsoffizier, Hauptmann Janusz Wijak.

Die Militär-Stasi entfernte 1989 oder 1990 aus Hermaszewskis IM-Akte, die erst 2018 gefunden wurde, seine Spitzelberichte. Wir wissen nicht, wem er wie geschadet hat. Im März 1964 wurde die Zusammenarbeit mit IM „Długi“ beendet, weil er in die kommunistische Partei aufgenommen wurde. Bis zur Selbstauflösung 1990 blieb er in deren Reihen. KP-Mitglieder wurden grundsätzlich nicht als Spitzel engagiert. Hermaszewskis 1964 erstellte Schlussbeurteilung endet jedenfalls mit der vielsagenden Feststellung: „IM „Długi“ erwies sich als ein aufrichtiger und wahrheitsgetreuer Mitarbeiter“.

Auf dem Weg ins All

Im Juli 1976 wurde in Moskau ein Protokoll unterzeichnet, das die Beteiligung von Kosmonauten aus Satellitenländern an sowjetischen Raumflügen im Rahmen des Interkosmos-Programms vorsah. Auf diese Weise gelangten, außer Hermaszewski, jeweils ein Tscheche, ein Ungar, ein Rumäne, ein DDR-Bürger, ein Bulgare, ein Mongole, ein Kubaner und als Letzter, im August 1988, ein Afghane auf die Erdumlaufbahn.

Emblem des Interkosmos-Programms.

Der damalige Verteidigungsminister Wojciech Jaruzelski überredete Parteichef Edward Gierek, den Sowjets einen Vorschlag für die Ausbildung künftiger polnischer Kosmonauten in der UdSSR zu unterbreiten. Aus einer Gruppe von 71 Luftwaffenoffizieren wählte das Verteidigungsministerium gemeinsam mit den Sowjets zwei Kandidaten aus: Major Hermaszewski und Leutnant Zenon Jankowski. Die Sowjets genehmigten beide Anwärter, brachten sie in ihre geheimen Ausbildungszentren und teilten im Mai 1978 Warschau mit, dass sie sich für Hermaszewski entschieden hatten, weil er bessere Ausbildungsergebnisse erzielt hatte.

Bei der Absprache in Moskau 1976 wurde nicht festgelegt, in welcher Reihenfolge die einzelnen Kosmonauten mitfliegen sollten. Die natürlichen Kandidaten für den ersten und zweiten Flug waren die Tschechoslowakei und die DDR, die technologisch am weitesten fortgeschritten waren und den größten Beitrag zum Interkosmos-Programm leisteten. Der Staatschef der DDR, Erich Honecker, drängte darauf, seinem Land den Vorrang zu geben, denn auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs war damals der westdeutsche Physiker Ulf Merbold als erster nicht-amerikanischer Astronautenkandidat vorgesehen, und Honecker wollte, dass ein Ostdeutscher als erster Deutscher auf die Erdumlaufbahn gelangte. Hinter den Kulissen spielte sich monatelang ein regelrechter Wettbewerb um die Gunst der Sowjets ab. Am Ende entschied Moskau, dass als erster ein Tschechoslowake und als zweiter ein Pole fliegen sollten.

Jaruzelski interessierte sich persönlich für den Fortschritt der Ausbildung der ausgewählten Piloten, widmete ihnen sogar während seines Urlaubs seine Zeit, ermutigte, dekorierte, belohnte sie und protegierte sie bei den Sowjets. Das ganze Vorhaben war „sein Baby“ und „sein Erfolg“, daraus hat der General mit der dunklen Brille, so Zeitzeugen, machtintern nie ein Hehl gemacht.

Erretter der Nation

Vom kommunistischen Propaganda- und Parteiapparat ohne Unterlass herumgereicht und präsentiert, bat der erschöpfte Hermaszewski 1979 darum, ihn zum Studium an die Akademie des Generalstabes der Sowjetischen Streitkräfte in Moskau zu schicken. Jaruzelski gab die Erlaubnis.

Als Hermaszewski Ende des Sommers samt Ehefrau und den beiden Kindern in Moskau eintraf, begannen in Polen die bewegten sechzehn Solidarność-Monate. Die erste freie Gewerkschaft im Ostblock stellte die kommunistische Partei, der die Mitglieder massenweise davonliefen, und den kommunistischen Staatsapparat in den Schatten. Die Versorgungslage war desaströs, das kommunistische Meinungsmonopol wich der Meinungsfreiheit, die alte Ordnung geriet aus den Fugen. Allein die seit Jahrzehnten ideologisch an der kurzen Leine gehaltene Armee blieb übrig, um dem „Spuk“ ein Ende zu bereiten.

Militärrat der Nationalen Errettung. L. i. B. Oberstleutnant Hermaszewski .

General Jaruzelski, der neue starke Mann Polens, der inzwischen die Ämter des Verteidigungsministers, des Ministerpräsidenten und des Parteichefs auf sich vereinigen konnte, verhängte am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht und stellte sich an die Spitze einer Junta, die sich den Namen Militärrat der Nationalen Errettung gab. Unter lauter Generälen fand sich auch Oberstleutnant Hermaszewski hier wieder. Eine weitere peinliche Episode, die er in seinen Erinnerungen einfach weglässt.

Keine Entschuldigung, kein Wort des Bedauerns

Hermaszewski behauptete stets, es sei ohne sein Zutun geschehen. Er wurde aus Moskau nach Warschau befohlen und fand sich in dem obersten Kriegsrechtsgremium wieder. „Der erste Pole im Kosmos“ war zweifellos als ein Sympathie erzeugendes Dekorationselement gedacht, das die ansonsten aus griesgrämigen kommunistischen Militärapparatschiks bestehende Junta etwas freundlicher erscheinen lassen sollte.

Sie existierte vom 13. Dezember 1981 bis 21. Juli 1983, als das Kriegsrecht formell aufgehoben wurde, was am Zustand der kommunistischen Unfreiheit rein gar nichts änderte. Hermaszewski, auch wenn er bald wieder nach Moskau zum Studieren zurückkehren durfte, stand während der ganzen Zeit auf der Liste der 22 Juntamitglieder. Auf deren Konto gingen tausendfache Internierungen, Verhaftungen und drakonische Gefängnisstrafen, die Prügelorgien der Bereitschaftspolizei ZOMO, erschossene Bergleute in der Grube „Wujek“, sowie Demonstranten in Lubin und in Nowa Huta, Berufsverbote, erzwungene Emigrationen.

Hermaszewski fand nicht den Mut, aus der Junta auszutreten, also zeichnete auch er wissentlich mit seinem Namen für all diese Repressalien verantwortlich. Zudem galt sein Mitgefühl bis zuletzt nicht den Opfern, sondern sich selbst, dem angeblich hinters Licht geführten, zu Propagandazwecken missbrauchten, ahnungslosen und aufrechten Soldaten.

Aushängeschild des Kommunismus.

Brav ließ er sich bis zum letzten Atemzug des Kommunismus 1989 als dessen Aushängeschild benutzen. Genosse Hermaszewski war Delegierter des 8. (1980) und 10. (1986) Parteitages der herrschenden Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, Ehrengast des 9. Außerordentlichen Parteitages (1981), stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Polnisch-Sowjetische Freundschaft, wurde 1982 zum Oberst und 1988 zum Brigadegeneral befördert. Vom Kommunisten wurde er zum Postkommunisten und trat 2005, als Pensionär, der Allianz der Demokratischen Linken bei, einer Partei der roten Nostalgiker und grauhaarigen Waisenkinder des Sozialismus.

Auf dem anderen Blatt standen, neben dem Flug ins All, gut zweitausend Stunden im Cockpit, 3.473 Starts und Landungen eines zweifelsohne begabten Piloten, der es bis zum Generalinspekteur der polnischen Luftwaffe gebracht hat, bevor er im Jahr 2001 pensioniert wurde.

Er war ein mutiger Eroberer der Lüfte und ein Hasenfuß am Boden, der sich einst zum Weichspülen des Kommunismus benutzen ließ und danach so tat, als wäre nichts gewesen.

@ RdP




Ekel Jerzy

Am 3. Oktober 2022 starb Jerzy Urban.

Der Leitfaden all seines Denkens und Tuns war der „Panschweinismus“. Gute Menschen geben nur vor, anständig zu sein, und sind in Wirklichkeit nichts als Meister der perfekten Tarnung. Die Welt bevölkern nämlich ausnahmslos Zyniker, die sich von den primitivsten Trieben leiten lassen. Jerzy Urban verwandte sein Leben darauf, das zu beweisen.

Sein Zynismus, seine Menschenverachtung, die überdurchschnittliche Intelligenz, sein Scharfsinn, die ausgeprägte Beobachtungsgabe und die Leichtigkeit des Schreibstils hatten aus ihm einen brandgefährlichen kommunistischen Rattenfänger gemacht.

Schlammschleuder mit Ladehemmungen

Er war besessen davon, Skandale zu provozieren: moralische, religiöse, politische und soziale. Doch es war, als würde er pausenlos Granaten in Jauchegruben werfen, beseelt von dem Gedanken, dass dadurch auch an den edelsten Menschen, Ideen und Taten dauerhaft Dreck haften bleibt. Er bediente sich der übelsten Gossensprache, wollte schlechthin der Verkünder des Bösen sein, und das ist ihm gelungen.

Polen und die Polen demütigen. Urban mit der polnischen Fahne mit dem „Anker“, dem Symbol des Untergrundkampfes gegen die deutsche Besatzung.

Urban lechzte zudem geradezu danach, Polen und den Polen das alles zu nehmen, worauf sie stolz sein können, was sie positiv verbindet, Vertrauen schafft und sie ermutigt, ihr eigenes und das gemeinschaftliche Leben zu verbessern. In seinem letzten großen Interview für die „Gazeta Wyborcza“ verkündete er: „Ich bin für Vandalismus und Schändung. Mehr Radikalismus. Drescht auf die Katholiken ein! Macht die Weiß-Roten platt!“.

Erniedrigen und verletzen. Urban mimt den zoophilen katholischen Priester.

Keiner schaffte es, den „Meister“ zu überbieten, aber er hat nicht wenige Nachahmer gefunden. Der Neuheitseffekt nutzte sich jedoch ab. Die lange Zeit schockierte Öffentlichkeit ist in den letzten Jahren reifer geworden und reagierte kaum mehr auf seine Eskapaden. Der Name Urban befreite von der Notwendigkeit, Richtigstellungen zu verlangen, zu prozessieren oder auch nur zu polemisieren. So rückte er immer mehr vom Rampenlicht in den Schatten. Am Rande der öffentlichen Debatte zu stehen, hat ihm wehgetan.

Urban gibt den Jesus.

Sein letztes Vorhaben, die ebenso skurrilen wie geschmacklosen Filmchen auf Youtube, in denen er den perversen Opa gab, hatten zwar viele Zuschauer, aber das erwartete große Echo blieb aus. Wenn zündende Ideen rar werden, bekommt auch die leistungsfähigste Schlammschleuder Ladehemmungen.

Bis er im Alter von 89 Jahren starb, war der kleine, kugelrunde Mann mit den großen abstehenden Ohren erst Journalist, dann von 1981 bis 1989 kommunistischer Regierungssprecher, 1989 Chef des Staatsfernsehens, zwischen 1990 und 2022 Begründer und Chefredakteur der Wochenzeitung NIE („Nein“), Autor von 21 Büchern, drei Drehbüchern, Youtuber, Provokateur und Propagandist des Kriegsrechts.

„Mein Judentum baumelt mir zwischen den Beinen“

Alles nahm seinen Anfang 1933 in Łódź, wo Jerzy Urban – eigentlich Jerzy Urbach als Sohn von Jan Urbach, einem Mitglied der damals traditions- und einflussreichen Polnischen Sozialistischen Partei (PPS), geboren wurde. Der Vater war Miteigentümer und Chefredakteur der Tageszeitung „Głos Poranny“ („Morgenstimme“).

Jurek wuchs in einer wohlhabenden, assimilierten jüdischen Familie auf, und zugleich in einem sehr spezifischen Milieu, das er Jahre später so beschrieb: „Es waren vom Judentum entwurzelte Juden, die sich aber von der polnischen Gesellschaft tunlichst fernhielten und als etwas Besseres verstanden. Mit den Polen hatte man nur geschäftlichen Umgang. Ich kannte keine gebürtigen Polen und auch niemanden, der zum Christentum konvertiert wäre. Alle heirateten und feierten innerhalb dieser postjüdischen Gruppe […]. Sie sagten nicht „wir sind Juden“, sondern sie sprachen von den Katholiken als „Polen“. Auf diese Weise grenzten sie sich ab, betonten ihre elitäre Eigenart, obwohl sie sich im Sinne der Kultur, der Sprache, der politischen Interessen, der Wahrnehmung der Literatur oder des Films als Polen fühlten. Sie lasen keine jiddische Presse, sie gingen nicht ins jüdische Theater – sie kannten die Sprache nicht, es war eine Welt, die sie verachtet und verlassen hatten“.

Urban und der Holocaust. Die Zigarette (Zitat) „brennt wie Opa“.

Daher: „Mein Judentum baumelt mir zwischen den Beinen wie ein schrumpeliger Wurm, der keinen Fisch zu locken vermag, geschweige denn eine Frau“, mokierte sich Urban später über seine Herkunft. Es war eine für ihn typische Sottise, mit der er sich als Jude und Antisemit zugleich zu erkennen gab.

Im politisch sehr bewegten Herbst 1956, der das Ende des Stalinismus in Polen markierte, durfte der gerade einmal 23-jährige Journalist Jerzy Urban eine Reportagereise nach Israel unternehmen. Das führte damals Krieg gegen Ägypten. Nach seiner Rückkehr überraschte er mit einem sehr kritischen Bericht, in dem er den Chauvinismus der Zionisten und die antipolnischen Vorurteile der Bewohner des neuen Staates hervorhob. Der Text schockierte viele. Kollegen mit jüdischen Wurzeln fühlten sich durch die Verhöhnung des Zionismus beleidigt, andere mokierten sich über die Darstellung Israels als einer amerikanischen Kolonie im Nahen Osten. Urban schloss sein Leben lang keinen Frieden mit Israel.

Ausgeprägte emotionale Grobheit

Er war gerade einmal sechs Jahre alt, als der Krieg ausbrach. Die Familie floh, kurz bevor deutsche Truppen am 9. September 1939 Łódź eroberten, und gelangte in das gut 400 Kilometer entfernte Lwów (Lemberg, heute Lviv in der Ukraine). Ihren Zufluchtsort haben am 22. September 1939, nach heftigen Kämpfen, die Sowjets besetzt. Die ersten beiden Kriegsjahre verbrachten die Urbachs im sowjetischen Lwów, wo der Vater als Stadtplaner eine ziemlich wichtige Position innehatte. Beide Eltern nahmen die sowjetische Staatsbürgerschaft an.

Jerzy Urban. Foto aus der Kriegszeit.

Später erinnerte sich Urban: „Dadurch wurden wir nicht nach Sibirien deportiert, und wir konnten sogar die Evakuierung nutzen, bevor die Deutschen einmarschierten. Wir schafften es jedoch nicht mehr rechtzeitig zur Abfahrt des Lkws und blieben daher in Lwów, das Ende Juni 1941 von den Deutschen eingenommen wurde.“ Die Familie versteckte sich in der Stadt außerhalb des Ghettos, ging dann in die Provinz. Sie konnten sich falsche, sogenannte arische Papiere beschaffen. Von nun an waren die Urbachs katholische Polen und hießen Urban.

Die enormen Opfer und Nerven, mit denen seine Eltern die langen Jahre des sich Versteckens und Verstellens im Krieg bezahlen mussten waren ihm Jahrzehnte später, nur einen knappen, abschätzigen Kommentar wert: „Mein Vater hat sich nie vom Trauma des Krieges erholt. Meine Eltern waren beklagenswerte, nervenaufreibende Lebenskastraten, die nie wieder den Lebensstandard erreichten, den sie vor dem Krieg genossen hatten.“ Und er schob nach: „Ich war davon nicht betroffen. Ich empfand die Besatzungszeit als interessant, voller Abenteuer, Farben und Abwechslung“. Diese ausgeprägte Fähigkeit zur emotionalen Grobheit sagt viel darüber aus, auf welch fatale Weise der Krieg seine Wahrnehmung beeinflusst hat.

Aber waren das nur die Kriegserlebnisse? Oder nahm er so Rache für seine Herkunft, sein Aussehen, seine Komplexe?

„Ich mag es, nicht gemocht zu werden“, sagte er einmal in einem Interview. Das abnorme Vergnügen, ein allseits Gehasster zu sein, verband Urban mit einem auffällig ruhigen Auftreten. „Ich schreibe aggressiv. Deshalb bin ich im Umgang mit Menschen nicht emphatisch, ruhig, höflich, kann mich an Umgebungen und Arbeitsplätze anpassen. Erst am Schreibtisch, vor einem Mikrophon oder vor einer Kamera falle ich über Menschen und politische Richtungen her, die mir nicht passen.“ Der Vergleich mit einem Raubtier liegt hier durchaus nahe.

Lange vor seiner Zeit als kommunistischer Regierungssprecher, in den 1970er Jahren, schrieb Urban regelmäßig Kolumnen, kleine, literarisch versiert verfasste Kriminalgeschichten. Sie erschienen in der viel gelesenen Wochenzeitschrift „Kulisy“ („Hintergründe“). Ihr gemeinsamer Nenner war eine subtile, gekonnt eingeflößte Freude an menschlicher Erniedrigung. Ob es um eine Frau ging, die auf der Bürotoilette von einer Ratte in den Hintern gebissen wurde, oder um einen Ehemann, der seine schwangere Frau ermordete und vergrub, Urban schöpfte eine trotzige Genugtuung daraus, andere in ihrem Unglück bloßzustellen.

Einige Jahre später bedurfte es keiner literarischen Subtilität mehr. Jerzy Urban, nun Jaruzelskis Regierungssprecher, konnte, den gesamten kommunistischen Gewaltapparat im Rücken, die Opfer des Systems, mit einem außerordentlichen persönlichen Engagement, nach Lust und Laune verhöhnen, schmähen, rhetorisch anrempeln. Dass viele von den so Traktierten in Internierungslagern oder Gefängnissen saßen, machte ihm nichts aus.

Pornograf, einst Sittenprediger

Urbans Weg auf den kommunistischen Olymp war lang, aber vor allem sehr untypisch. Er erklomm keine einzige Stufe auf der Karriereleiter eines Parteiapparatschiks. Er war nicht einmal Parteimitglied.

Anfang Februar 1945 kehrten die Urbans nach Łódź zurück. Der eigensinnige Jurek, der sich ständig mit Lehrern anlegte, wurde wie eine heiße Kartoffel von einer Schule in die nächste verlegt. Das Abitur bestand er mit Mühe und Not Anfang der 1950er Jahre in Warschau, wohin die Eltern 1950 gezogen waren.

Im dortigen Gymnasium engagierte er sich im kommunistischen Verband der Polnischen Jugend (ZMP). „Dort wurde ich nicht nur in den Strudel der politischen Arbeit hineingezogen. Ich war fünfzehn und ich übernahm Verantwortung, erhielt Macht, kam in Berührung mit der Propagandamaschinerie und sehr schnell, gleich nach dem Abitur, habe ich angefangen, bei der Presse zu arbeiten. Jetzt war ich in meinem Element“.

Sein Journalistikstudium an der Warschauer Universität hängte er schnell an den Nagel, denn das Geschehen ringsumher war viel aufregender. Urban landete 1955 in der Redaktion der heute legendären Wochenzeitung „Po Prostu“ („Ohne Umschweife“). Das ursprünglich öde Propagandablatt für Studenten verwandelte sich in jener Zeit in ein publizistisches Banner des immer schneller um sich greifenden politischen Tauwetters.

„Po Prostu“. Titelseite.

Stalin starb im März 1953. Nach einem Jahr der Verschärfung der Repressalien (u.a. wurde im September 1953 der Primas von Polen Kardinal Wyszyński verhaftet) verbreiteten sich dann, Nikita Chruschtschow hatte den verdeckten Machtkampf um die Stalinnachfolge gewonnen, ganz allmählich von Moskau ausgehende politische Veränderungen. Kein Halten mehr gab es schließlich nach dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 und Chruschtschows schnell publik gewordener Geheimrede, in der er mit den Verbrechen des Stalinismus abgerechnet hatte.

Hoffnungsträger Władysław Gomułka im Oktober 1956. Polen lag ihm zu Füβen.

Polens Hoffnungsträger in dieser Zeit hieß Władysław Gomułka. Dem Stalinismus abgeneigt, Ende der Vierzigerjahre aller Ämter enthoben, verhaftet und nur knapp einem Schauprozess entkommen, sollte er nun einen „polengerechten“ Sozialismus schaffen: ohne Kollektivierung der Landwirtschaft, nationalpatriotisch, mit einer ausgeprägten Arbeiterselbstverwaltung, statt wirtschaftlicher Zentralplanung, mit Kunst- und Medienfreiheit.

Letztere praktizierte „Po Prostu“ ausgiebig. Mit 150.000 Exemplaren verkaufter Auflage viel gelesen und beachtet, entwickelte sich das Blatt zunehmend zu einem wichtigen politischen Machtfaktor im Kampf um Reformen.

Urban war auch im Nachhinein sehr stolz auf diesen Lebensabschnitt, eine Zeit „des Kampfes für den wahren Sozialismus »ohne Entstellungen«“. In seinen Texten entlarvte er das kriminelle Tun von Cliquen und Seilschaften der Parteibonzen in der Provinz, spottete über die Tonnenideologie und andere Absurditäten der kommunistischen Wirtschaftsplanung, spielte aber auch den Sittenprediger.

„Po Prostu“-Redaktion.

In einem seiner Artikel griff Urban z. B. das unmoralische Verhalten der Studenten in einem der Warschauer Wohnheime an, bezeichnete die wechselnden sexuellen Begegnungen drastisch als Orgien und äußerte sich verwundert darüber, dass solche Dinge in einem sozialistischen Studentenheim passierten. Er schrieb, dass sich die Studenten an amerikanischen Universitäten vielleicht so verhalten, weil sie ihr Glück auf diese Weise suchen, weil es bei ihnen keinen Sozialismus gibt, aber die Unanständigkeit sozialistischer Studenten sei unannehmbar.

Nach Jahrzehnten auf diese „Jugendsünde“ angesprochen, geriet der spätere hemmungslose Pornograf, dessen Zeitschrift NIE u. a. Qualitätssiegel für detailliert aufgeführte Bordell-Dienstleistungen vergab, in große Verlegenheit und das Einzige, was er von sich gab, war ein unsicheres: „Daran kann ich mich nicht erinnern“. Die Rolle des Hüters der studentischen Moral war ihm im Nachhinein offensichtlich sehr peinlich.

Das Enfant terrible geben, aber politisch stillhalten

Gomułka, der im Oktober 1956, getragen von einer Woge der Begeisterung, an die Spitze der Partei trat, begann sehr schnell damit, alle Reformbestrebungen und auch „Po Prostu“ auszubremsen. Im Oktober 1957, begleitet von heftigen und brutal auseinandergetriebenen studentischen Straβenprotesten, wurde die Zeitschrift auf Geheiβ der Partei eingestellt. Die schwer erkämpften Freiräume schrumpften schnell. Die „Normalisierung“ hielt Einzug.

Nach der Auflösung von „Po Prostu“ erhielten Urban und einige andere Journalisten des Blattes Schreibverbot. Doch Urban war intelligent und geschickt genug, um schnell herauszufinden, wie man dieses Verbot umgehen konnte. „Zuerst lebte ich sehr bescheiden, aber innerhalb kürzester Zeit ging es mir prächtig. Ich habe unter Pseudonym geschrieben oder für andere. In einer Regionalzeitschrift in Łódź erschien zum Beispiel meine wöchentliche Kolumne. Darunter stand der Name des Chefredakteurs. Er heimste den Ruhm ein, ein begnadeter Glossenschreiber zu sein, und ich hatte das Geld“.

Jerzy Urban 1962.

Er konnte packend schreiben, also wurden seine Texte hie und da gerne „unter der Hand“ genommen. „Das gab mir ein Gefühl der Unabhängigkeit. Jetzt wusste ich, dass ich immer zurechtkommen würde. Es ist eine Zeit gewesen, in der ich völlig unabhängig von den Behörden war und trotzdem materiell gut dastand. Ich habe sie ausgetrickst.“ In Wirklichkeit wusste die Staatssicherheit natürlich bestens Bescheid, aber die zuständigen Parteibehörden ließen ihn gewähren, drückten beide Augen zu, wohlwissend, dass er zwar skurril, aber beileibe kein „antisozialistisches Element“ war.

Der junge Schreiber wurde damals in den von Künstlern, Wissenschaftlern und sozialistischen Arme-Leute-Bohemiens bevölkerten Salons Warschaus bekannt. Er belebte die Partys, wurde für seinen bösartigen, räuberischen Humor geschätzt. Zudem umgab ihn die Aura eines schikanierten Dissidenten.

Derweil hatte Urban keineswegs vor, in die damals, Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre, noch sehr kleine Gruppe von authentischen Oppositionellen vorzudringen. Aus der Auflösung von „Po Prostu“ zog er für sich eine wichtige Schlussfolgerung: Das Enfant terrible zu geben ist das Eine, aber man sollte sich lieber nicht mit den kommunistischen Behörden anlegen, denn sie können schmerzhafte Vergeltungsmaßnahmen ergreifen. Auch die Erinnerung an die Kriegsjahre sagte ihm, es sei besser, politisch stillzuhalten.

Paradiesgarten „Polityka“

Ende der 1950er Jahre wurde Mieczysław Rakowski, der Chefredakteur der damals sehr einflussreichen Wochenzeitung „Polityka“, auf Urban aufmerksam. Rakowski gelang es, die Parteioberen zu überreden, das Veröffentlichungsverbot für Urban aufzuheben. Der dem „Reformflügel“ in der Partei zugerechnete Rakowski, der sich aktiv an den Machtspielen hinter den Kulissen beteiligte und in der Partei hoch hinauswollte, war fortan Urbans Gönner.

Mieczysław Rakowski.

„Polityka“ war das liberale Feigenblatt des Regimes. Ein politisches Ventil, das durch etwas mehr erlaubte Kritik, vages Ansprechen von einigen Tabu-Themen, halbwegs kontrovers geführten Debatten, den Druck des Unmuts unter den Intellektuellen abmildern sollte. Sie war im Partei-Establishment angemessen positioniert und gleichzeitig, soweit ihr das erlaubt wurde, liberal und prowestlich. Aus der damaligen Sicht erschien „Polityka“ ihren Lesern geradezu als ein geistiger Paradiesgarten inmitten der öden kommunistischen Presselandschaft.

„Polityka“-Titelseite vom 5. Oktober 1968.

Urban war begeistert. Jahre später schrieb er: „Für die übrige Presse waren wir beneidenswerte Leute, weil wir relativ gesehen am freiesten waren. Wir galten als die beste Zeitschrift im ganzen Ostblock, hatten weltweite Kontakte, waren angesehen und genossen einen hervorragenden materiellen und beruflichen Status. Sie nannten uns Rakowskis Bande. Wir waren ein starkes Team“.

Die schöne Zeit bei „Polityka“. Jerzy Urban mit seinem Redaktionskollegen Daniel Passent und der Dichterin Agnieszka Osiecka 1978 bei einer Party im Warschauer Haus des ARD-Hörfunkkorrespondenten Ludwig Zimmerer.

Doch im Sommer 1980 begann der politische Zwist das starke Team zu zersetzen. Nicht wenige „Polityka“-Redakteure zeigten sich von der damaligen polnischen Arbeiterrevolte tief beeindruckt. Urban hingegen war entsetzt. Er sah in ihr einen Ausbruch des „polnischen Nationalismus“ und „Klerikalismus“. Die weitverbreitete Volksfrömmigkeit, die mit den Massenstreiks wieder einmal zum Vorschein kam, die Verehrung für Johannes Paul II., die gewaltige Unterstützung für Solidarność waren ihm ein Gräuel. Er empfand sie als eine persönliche Beleidigung. Der ansonsten lässig auftretende Spötter und hartgesottene Zyniker kochte plötzlich über vor Wut.

Kein Wunder. Die Glückseligkeit in der „Polityka“-Redaktion war zu Ende. Das journalistische Dream-Team brach auseinander. Urban schrieb vehement gegen die neue Entwicklung, den „schnauzbärtigen Affen“, wie er Lech Wałęsa nannte, und den „Mob“, der jetzt, seiner Meinung nach, das Sagen hatte, an. Doch er war in der Redaktion, die eine tiefe Sinnkrise erlebte, eher isoliert. Zudem brauchte keiner mehr so recht das „Polityka“-Ventil mit der Partei-Lizenz für Anspielungen und Halbwahrheiten, wo man doch jetzt, in den unzähligen hektografierten Flugblättern und Schriften der regionalen und betrieblichen Solidarność-Komitees, endlich lesen konnte, was Sache ist.

Taktik des brutalen Realismus

Als General Wojciech Jaruzelski im Februar 1981 an die Spitze von Partei und Staat trat, und Mieczysław Rakowski sich ihm als stellvertretender Ministerpräsident zur Seite stellte, eilte Urban dem neuen Team zu Hilfe. Er zwinkerte den abgehalfterten Provinz-Parteisekretären und den tumben Generälen zu: „Wir wollen doch dasselbe, eine Welt bewahren, in der wir die privilegierte Elite sind. Hinter euch steht die Macht der Geheimpolizei und des Militärs, und ich weiß, wie man die Menschen durcheinanderbringt, die Gesellschaft in die Depression treibt“.

Regierungssprecher Jerzy Urban.

Seine Feuertaufe als politischer Macher hatte Urban im August 1981. Zum ersten Mal, damals noch als Berater des Premierministers, nahm er an einer der Verhandlungsrunden der Regierung und der Gewerkschaft Solidarność teil. Spät in der Nacht, als die Gespräche ergebnislos zu Ende gegangen waren und die Gewerkschaftsvertreter es versäumt hatten, ein gemeinsam ausgearbeitetes Kommuniqué zu unterzeichnen, gingen beide Seiten müde ins Bett. Derweil bearbeitete Urban Rakowski, den stellvertretenden Premierminister. Es sei erforderlich noch in derselben Nacht, eine Erklärung abzugeben, dass es Solidarność war, die die Gespräche abgebrochen hatte. Eine entsprechende Verlautbarung wurde ab sechs Uhr morgens stündlich im Radio verlesen. Der Sprecher der Solidarność bestritt das, doch es war zu spät.

Jahre später prahlte Urban mit dieser Lüge: „Die Idee war, Solidarność in die Defensive zu drängen. Das ganze Land hat erfahren, dass die Regierung eine Einigung anstrebte, und Solidarność bricht die Gespräche ab. Das war natürlich eine Manipulation, aber ich bin sehr zufrieden mit ihr […]. Diese Verlautbarung war von großer Bedeutung für den Parteiapparat im ganzen Land. Sie rüttelte die Funktionäre, die bis jetzt in dieser Auseinandersetzung ständig verloren hatten, auf“.

Urban war damals ein Hardliner, der die Parteispitze in ihrem Willen bestärkte, Solidarność zu besiegen und zu beseitigen. Er riet Jaruzelski, die Gewerkschaft in Dutzende von Konflikten zu verwickeln, um sie so zu zermürben. Hinzu kam die dramatische Verschlechterung der Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten, Benzin. Menschen, die immer länger vor leeren Läden anstanden und warteten, dass irgendetwas Essbares angeliefert wurde, resignierten und verbitterten, das idealistische Klima des Freiheitsrausches vom Streiksommer 1980 verflog zunehmend.

Polen 1980-1981. Schlangestehen und nichts zu kaufen.

Je weitverbreiteter die Entmutigung und Resignation, so der Plan, umso schwächer der Widerstand gegen das Kriegsrecht, dessen Verhängung, unter strengster Geheimhaltung, von langer Hand vorbereitet wurde. Die Rechnung ging weitgehend auf. Als dann am 13. Dezember 1981 die Panzer und die Verhaftungswellen rollten, waren Proteste und Gegenwehr schnell gebrochen.

Urban, obwohl eigentlich nur Regierungssprecher, gehörte damals schon zum innersten Kreis der Macht. Die Rolle, die er zu spielen hatte, war gut durchdacht, was er später selbst zugab. Jaruzelski sollte der gute Polizist sein und er der böse. Er erinnerte sich: „Ich bin ein Kämpfer und an dieser Front, in dieser Armee, zu der ich mich gemeldet hatte, wurden die Waffen entsprechend zugewiesen. Jaruzelski war für gutes Zureden zuständig, ich für das rhetorische Einprügeln. Diese Rolle passte zu mir, weil ich das gerne tue“.

Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981. Straßenszene in Warschau.

Urban wählte die Taktik des brutalen Realismus. Er verfuhr nach dem Motto: „Ich will euch nicht davon überzeugen, dass wir Engel sind. Ich will nicht, dass ihr uns liebt. Ihr sollt uns fürchten.“ Daher auch seine berühmten Worte, gleich nach der Verhängung des Kriegsrechts, dass, komme was wolle, die Regierung sich auf jeden Fall „selbst ernähren kann“. Sie trugen eine einfache Botschaft: „Entweder ihr fügt euch oder ihr werdet verhungern“.

Jeden Dienstag um zwölf hielt Jerzy Urban Hof: Pressekonferenz im Club der halbamtlichen Nachrichtenagentur Interpress. Auf der Rückseite des Warschauer Großen Theaters versammelten sich ausländische Journalisten. Zigaretten qualmten; die Luft war heiß und trocken. Oft lieferten sich dort Urban und die westlichen Pressevertreter heftige Wortgefechte, denn lange Zeit schien Urban es als eine seiner vornehmsten Aufgaben zu betrachten, das Vertrauen der Polen in die kommunistischen polnischen Medien dadurch wiederherzustellen, dass er ihr Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Westmedien zu untergraben versuchte. Immer wieder unterstellte er ihnen in ihrer Polen-Berichterstattung Falschmeldungen und Halbwahrheiten zu verbreiten, was die im Publikum versammelten Westjournalisten nicht auf sich sitzen lassen wollten.

Diese Konferenzen wurden zeitversetzt, am Abend, im staatlichen Fernsehen übertragen. Es waren bizarre Shows und sie zogen die Aufmerksamkeit vieler Polen auf sich. Viele Zuschauer „schluckten“ unbewusst die vergiftete Botschaft des Medienluzifers. Urban hat viel dazu beigetragen, dass das Land Mitte der 1980er Jahre in Apathie und Resignation versank. Unübersehbar war das stille Abfallen von der Untergrund-Solidarność. Es häuften sich die Entscheidungen angesehener, repressalienmüder, lokaler Funktionäre, das Angebot der Staatssicherheit anzunehmen und ins Ausland zu gehen. Die Zahl derjenigen, die Gewerkschaftsbeiträge zahlten, sank, viele Mitglieder zogen sich ins innere Exil zurück.

Für die kommunistischen Behörden, die große Protestwellen befürchteten, war eine solche Beruhigung hochwillkommen. Doch sie löste die Probleme des Landes nicht. Gegen westliche Sanktionen, die riesige Auslandsverschuldung, die ruinierte Wirtschaft, die enormen Versorgungsengpässe, die galoppierenden Preise, den tristgrauen Alltag, den kommunistischen Schlendrian konnte auch Urban nichts ausrichten.

Gipfel der Niederträchtigkeit

Parallel zu seinen Pressekonferenzen führte Urban publizistische Kreuzzüge gegen Oppositionelle, die das Regime als besonders bedrohlich ansah. Er schrieb zu diesem Zweck, unter seinem „amtlichen“ Pseudonym Jan Rem, Kolumnen, von denen jeder wusste, dass es seine Texte sind. Diese Leidenschaft, die oft bereits überwachten, verfolgten oder sogar eingesperrten Gegner zu verhöhnen und zu demütigen, war eine der widerlichsten Erscheinungsformen seines Tuns.

Der Abiturient Grzegorz Przemyk. Im Hintergrund die Polizeiwache in der Warschauer Altstadt, in der er am 14. Mai 1983 zu Tode geprügelt wurde.

Den Gipfel der Niederträchtigkeit erklomm Urban, als er die Dichterin Barbara Sadowska, Mutter des 1983 auf einer Warschauer Polizeiwache zu Tode geprügelten Gymnasiasten Grzegorz Przemyk, verunglimpfte. Und ein zweites Mal, als er 1984 eine Kampagne gegen Pater Jerzy Popiełuszko lostrat. Er beschimpfte ihn als „verbohrten Fanatiker des Antikommunismus“ und als Verbreiter „politischer Tollwut“. 1984 brachten Angehörige der polnischen Stasi den mutigen Priester um. Einer der Täter verteidigte sich nach seiner Verhaftung damit, sein Hass gegen den Kirchenmann sei durch Urban angeheizt worden.

Die Dichterin Barbara Sadowska bei der Beerdigung ihres Sohnes. Rechts von ihr i. B. Pfarrer Jerzy Popiełuszko. Er wird gut ein Jahr später ermordet.

Urban konnte gnadenlos austeilen, aber, entgegen seinen Beteuerungen, dass er es mag, nicht gemocht zu werden, einstecken konnte er nicht. Das musste der Schriftsteller Bohdan Wrocławski schmerzlich erfahren, der im Keller des Kulturhauses der Warschauer Eisenbahner einen „Literaturkeller“ gegründet hatte.

Wrocławski erinnert sich: „Die Vorstellungen begannen, die Karten waren sechs Monate im Voraus ausverkauft, aber zu einem der Auftritte kam Jerzy Urban“. Einer der Sketche war eine Parodie auf Urbans Pressekonferenzen. Nach der Vorstellung fragte Wrocławski Urban, ob er sich durch den Sketch beleidigt fühle. „Überhaupt nicht, das ist doch nur Spaß“, antwortete Urban. Zwei Tage später wurde der „Literaturkeller“ auf Anordnung der Behörden geschlossen.

Die letzten Rückzugsintrigen

Als im Verlauf des Jahres 1988 klar wurde, dass die herrschenden Umstände bald nicht mehr haltbar sein würden und die Kommunisten die Flucht nach vorn, in die Verhandlungen am Runden Tisch antraten, war Urban nicht nur als der gewohnte Polterer, sondern auch emsig als Souffleur hinter den Kulissen der Macht am Werk. Aus Sicht der Kommunisten galt es, das politische Kunststück zu vollbringen: Solidarność zu legalisieren und zugleich möglichst tief in das marode Wirtschafts- und Politikgefüge des dahinsiechenden kommunistischen Polens einzubinden, sie in die Mitverantwortung zu ziehen und am Ende so in den Augen der Bevölkerung in Misskredit zu bringen.

Der Souffleur. Jerzy Urban im Frühjahr 1989, während der Beratungen am Runden Tisch, mit dem Chef der Polizei und der Geheimdienste, General und Innenminister Czesław Kiszczak

Urban war einer der Vordenker dieser Strategie. Er verfasste interne Denkschriften für Jaruzelski, Rakowski und den mächtigen Chef der Polizei und der Geheimdienste, General und Innenminister Czesław Kiszczak. Er begleitete beratend die Vorgehensweise der staatlichen Delegation am Runden Tisch, gab Tipps und Anregungen. Doch es war die Zeit des großen Umbruchs in Polen und in ganz Osteuropa. Das Intrigenschmieden und die politische Fallenstellerei, wie sie Urban und seinen Auftraggebern vorschwebten, erwiesen sich als realitätsferne Wolkenschiebereien.

Nachdem im April 1989 die Gespräche am Runden Tisch beendet waren, Solidarność wieder legal agieren konnte und das Land sich bald im Fieber des Wahlkampfes vor den für den 4. Juni angesetzten halbfreien Wahlen wiederfand, war die Reizfigur Urban als Regierungssprecher nicht mehr vorzeigbar. Bis zum Amtsantritt des ersten nichtkommunistischen Ministerpräsidenten im September 1989 Tadeusz Mazowiecki wechselte er noch auf den Chefsessel des Staatsfernsehens. Danach war Urban nur noch Privatier.

Die Triebfedern seines Tuns blieben dieselben. Da war zum einen die tiefe Abneigung gegen Solidarność und Lech Wałęsa, der im Dezember 1990 zum Staatspräsidenten gewählt wurde. Zum anderen war es die Kirche und das Christentum im weiteren Sinne, die Urban schon immer gehasst hatte.

Zufriedene Pensionäre: General Wojciech Jaruzelski und sein einstiger Regierungssprecher Jerzy Urban Mitte der 1990er Jahre.

In einem Interview sagte er: „Zwei Dinge im Bereich der Gefühle anderer Menschen verstehe ich nicht und das ist nicht im Geringsten vorgetäuscht, nämlich Religiosität und Sport. Vielleicht kam daher meine völlige Gefühllosigkeit gegenüber Johannes Paul II. und dem, was in Polen um ihn herum geschah. Ich habe diese Emotionen überhaupt nicht gespürt und kann sie bis heute nicht verstehen. Ich konnte weder Größe noch Charisma an ihm entdecken“. Publizistisch umgesetzt hat er seine Abneigung so, wie zum Beispiel 2002, als der polnische Papst zum letzten Mal in seine Heimat pilgerte: „Ein seniles Idol, ein verblassender alter Mann, der Breschnew des Vatikans und ein lebender Leichnam“.

Urban konnte also das fortsetzen, was er seit dem Sommer 1981 als Regierungssprecher zu seiner Hauptmission gemacht hatte. Jetzt aber, unter den Bedingungen der Meinungsfreiheit, noch viel brutaler und ungezügelter. Zudem machte er daraus ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Jahrelang hatte er gegen den Systemwechsel gekämpft, und nun kam er im Kapitalismus zu enormem Reichtum. Eine solch ironische Pointe der Geschichte hätte sich der Zyniker Urban nicht besser ausdenken können.

Millionär Jerzy Urban in seinem Haus, bewacht von Leibwächtern. Uund in seiner Luxuslimousine.

Es bereitete ihm eine diebische Freude, seinen Reichtum zur Schau zu stellen. Er fuhr einen Jaguar, trug handgeschneiderte italienische Anzüge, trank Whisky und Champagner und ließ seine Villa mit Swimmingpool im Warschauer Nobelvorort Konstancin von Leibwächtern bewachen. Er liebe nun mal den Luxus und ein ausschweifendes Leben, „vor allem weil sich meine Gegner so herrlich grün und blau darüber ärgern“.

„Urbans Alphabet“.

Das Startkapital für diesen Luxus hatte Urban gleich nach der Wende mit einem schmalen Buch verdient, „Urbans Alphabet“, einer Sammlung oft schlüpfriger und stets böswilliger Tratschgeschichten über Politiker und Künstler von A bis Z, vor allem aus dem Lager der Solidarność. Es wurde ein Bestseller, in kurzer Zeit gingen 750.000 Exemplare über den Ladentisch, und Urban hatte 120.000 Dollar verdient – ein beachtliches Vermögen in Polen.

Bald danach konnte er vergnügt vermelden, etwa tausendmal so viel zu verdienen wie in seiner Funktion als Regierungssprecher im Ministerrang. Die Quelle dieser wunderbaren Einkommensvermehrung sprudelte in der Redaktion eines Wochenblattes, das er 1990 aus dem Nichts schuf: NIE. Auf dem Gipfel der Popularität betrug die verkaufte Auflage der Zeitschrift 780.000 Exemplare.

Urban ging es darin einzig und allein um Aufsehen, Provokation und Krawall, wenn er mit pubertärer Schadenfreude die Soutanen katholischer Priester lüpfte oder behauptete Nebenverdienste von Solidarność-Politikern offenlegte. Zumeist jedoch verbreitete NIE juristisch schwer angreifbare Gerüchte und Erfindungen. Das Blatt deutete seinerzeit etwa an, der polnische Primas habe eine bisher verheimlichte Adoptivtochter.

NIE-Titelseite vom 21. Mai 2020.

Wichtig war die pornografische Komponente: zotige Anekdoten, anzügliche Karikaturen, viel Fäkalsprache, die Dienstleistungen von Hurenhäusern und Schwulenbordellen mit genauen Adressen und fachkundigen Beschreibungen der geprüften Dienstleistungen, bewertet mit erigierten Gliedern – von einem bis vier. Urbans Blatt war ein verlässlicher Führer durch die Abgründe des Rotlichtmilieus.

Extreme antiklerikale Tendenzen gab es im katholischen Polen schon immer. Die heftigen Angriffe des Urban-Blattes auf Solidarność gefielen vor allem der großen Schar von Nutznießern des Kommunismus, die die abgeschaffte Volksrepublik Polen schmerzhaft vermissten: Stasi-Leute, Militärs, hohe, mittlere und ganz kleine Chargen parteitreuer Beamter, Lehrer, Richter, Diplomaten, Wissenschaftler, Künstler, Manager der kommunistischen Misswirtschaft und deren Familien. Ihre Zahl ging in Hunderttausende.

Jerzy Urban feiert 1993 den Wahlsieg der Postkommunisten.

Urban war ihr Sprecher. Und in ihrem Namen erschien er am Abend des 19. September 1993 auf der Wahlparty der Postkommunisten, die gerade die Parlamentswahlen haushoch gewonnen hatten und nur vier Jahre nach ihrer Absetzung wieder die Macht in Polen übernehmen sollten. Das Foto, auf dem Urban mit weit herausgestreckter Zunge und einer riesigen Champagner-Flasche in der Hand die Abwahl des Solidarność-Lagers feierte, hatte für alle, die im antikommunistischen Kampf vor 1989 ihren Kopf hingehalten hatten, etwas Gespenstisches und zutiefst Erniedrigendes.

Zu Urbans Klientel zählte auch die riesige Zahl der Opfer des Balcerowicz-Plans, einer ökonomischen Schocktherapie, der Polen unterzogen wurde. Ganze Regionen versanken seinerzeit in Armut und Stillstand. Seriöse Beobachter rieben sich die Augen, dass Menschen, die sich immer noch nicht von dem durch das kommunistische Regime verursachten Elend erholt hatten, in vielen Fällen zu begeisterten Lesern der Urban-Zeitschrift wurden.

Aber Urban, der Zyniker, scherte sich nicht im Geringsten um seine Leser aus den stillgelegten Staatsgütern auf dem Lande und den rostbefallenen Fabrikruinen. Sein Ziel war es, in die neue Machtelite aufgenommen zu werden.

Adam Michnik und Jerzy Urban 1990.

Den Weg dorthin bahnte ihm Adam Michnik. Der einstige unverbrüchliche Gegner der Kommunisten verwandelte sich nach deren Niederlage in den wichtigsten Befürworter eines Schulterschlusses eines Teils der Solidarność-Eliten, links angehaucht, auch als „rosarot“ umschrieben, mit den „vernünftigen“, „kompromissbereiten“ Kommunisten. Michnik war damals geradezu von der irrationalen Angst besessen, die Solidarność-Massen würden der Macht der Kirche und einem ungezügelten Nationalismus erliegen. Das rosarot-rote Bündnis sollte das verhindern.

Michnik, der nun einflussreiche Chefredakteur der „Gazeta Wyborcza“, zählte jetzt General Jaruzelski (den man bitte „in Ruhe lassen“ sollte) und den einstigen Polizei- und Geheimdienstchef General Kiszczak (einen „Mann der Ehre“, wie ihn Michnik beschrieb) zu seinen Verbündeten. Jeden Versuch, die beiden und deren engste Mitarbeiter für ihre Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen, werteten Michnik und seine damals in der polnischen Politik meinungsführende Umgebung als unannehmbare Versuche, „Revanche“ zu nehmen.

Dank Michnik wurde auch Jerzy Urban, der einst verhasste kommunistische Propagandist, wieder salonfähig. Die beiden verband nun eine intensive Bekanntschaft. Dass Michnik Urban, Jaruzelski, Kiszczak und ihren Helfern vergeben hatte, musste genügen. Wer das nicht gutheißen konnte oder wollte, war ein rachsüchtiger Populist, „Hassprediger“, „Steinzeit-Antikommunist“.

Doch die Postkommunisten, die Urban und sein Schmuddelblatt nach Kräften unterstützten, haben sich durch Korruption, Arroganz und innere Zerwürfnisse bis zum Jahr 2005 ins politische Abseits manövriert, wo sie bis heute verharren. Und wie der Kommunismus, dem er treu diente, erwies sich auch Jerzy Urban als nicht reformierbar.

Jerzy Urban, der altersmüde Medienluzifer.

Er tat unentwegt das Einzige, was er wirklich konnte: andere zu verhöhnen, sie gegeneinander auszuspielen, das Gute zu besudeln, die Menschen davon zu überzeugen, dass das Böse gewinnt. Zu seinen Propagandafeldzügen gegen die Kirche kamen Propagandaschlachten gegen die regierenden Nationalkonservativen hinzu, in denen die Unterstellung Jarosław Kaczyński sei ein Homosexueller, noch zu den „mildesten“ Argumenten gehörte.

Aber die Zahl derjenigen, die sich das alles antun wollten, verringerte sich zunehmend. Irgendwann war es zu viel „des Guten“. Das Bösartige, Negative, Vergiftete erwies sich letztendlich als kein tragfähiges Fundament.

Auch Urban selbst schien in den letzten Jahren die Begeisterung für seine Kreuzzüge zu verlieren. Er wurde ein gelangweilter Satanist, dessen Gesundheit zu leiden begann. Bis zuletzt bewahrte er Haltung, aber die letzten Jahre seines Lebens waren nicht gerade von Erfolgen gekrönt. NIE ist heute ein Nischenblatt. Dass die Nationalkonservativen seit sieben Jahren an der Macht sind, machte ihn wütend, aber trotz aller Anstrengungen konnte er nichts dagegen ausrichten. Und auch die Kirchen stehen in Polen nicht leer.

Doch Leute, die es ihm gleichmachen wollen, gibt es in Polen weiß Gott genug. Leider hat der Drache zeit seines Lebens viele Eier gelegt.

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Ein Jude, der Polen liebte

Am 22. September 2022 starb Edward Mosberg.

Das polnische Verdienstkreuz am Band trug er mit aufrichtigem Stolz bei jedem öffentlichen Auftritt. Edward Mosberg war Jude, Holocaustüberlebender, amerikanischer Geschäftsmann und ein unverbrüchlicher polnischer Patriot. 

Unverbrüchlich heißt nicht, unkritisch. Im Januar 2018 verabschiedete der Sejm eine Novelle zum Gesetz über das Institut des Nationalen Gedenkens (IPN, in etwa vergleichbar mit der deutschen Gauck-Behörde). Die Novelle sah sinngemäß vor, dass jeder, der öffentlich und faktenwidrig unterstellt, die deutschen Naziverbrechen seien vom polnischen Staat oder Volk begangen worden, zu einer Geld- oder einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren verurteilt werden kann.

Edward Mosberg beim Marsch der Lebenden im ehemaligen Stammlager Auschwitz im Mai 2019.

Nie um ein deutliches Wort verlegen

Dazu ein Fragment eines Interviews mit Mosberg im polnischen Wochenmagazin „Sieci“ („Netzwerk“) im Frühjahr 2018:

„Letzte Woche haben Sie sich mit Premierminister Mateusz Morawiecki getroffen.

Es war ein sehr angenehmes Treffen. Er ist ein sehr netter Mann. Ich erzählte ihm mein Leben, meine Geschichte. Ich habe ihm auch meine Meinung über das IPN-Gesetz mitgeteilt. Ich habe gesagt, dass mit diesem Gesetz Spannungen zwischen Polen und der ganzen Welt aufgebaut wurden. Es sollte geändert werden, damit Frieden herrscht.

Mit diesem Gesetz wollte Polen gegen das ständige Gerede von „polnischen Todeslagern“ vorgehen. Das war das wichtigste und im Grunde einzige Ziel.

Es gab keine „polnischen Todeslager“, es waren alles deutsche! Trotz des Geredes war dieses Gesetz nicht zwingend notwendig.

Wie hat der Premierminister auf Ihre Worte reagiert?

Er hat sie zur Kenntnis genommen. Er hat mehr Zeit mit mir verbracht, als geplant war. Ich habe dem Premierminister erklärt, dass es notwendig ist, aus der Sache herauszukommen und etwas zu unternehmen.“

Mosbergs geliebtes Polen nahm Schaden, also musste er unbedingt etwas dagegen unternehmen. Das Gesetz war nicht sinnvoll und wurde letztendlich aufgehoben, wozu auch er seinen kleinen Beitrag geleistet hat.

Doch auch darüber hinaus gab es für ihn viel Anlass, offen zu sagen, was Sache ist. So unter anderem im Februar 2019. Damals hatte sich der israelische Außenminister Israel Katz dazu verstiegen, die Worte des israelischen Premierministers Yitzhak Shamir aus dem Jahr 1989 öffentlich zu zitieren, die Polen hätten „den Antisemitismus mit der Muttermilch aufgesogen“. Mosbergs Kommentar dazu in der „Times of Israel“: Katz sei ein „dummer Idiot“, weil er Polen beleidigt. „Leider“, so Mosberg, „gibt es gegen Dummheit keine Medizin“.

Der Entschluss Warschaus, daraufhin alle offiziellen Kontakte mit Israel einzufrieren, war in seinen Augen das einzig Richtige, was die Polen tun konnten. „Das soll andauern, bis Katz sich entschuldigt oder aus der Regierung geworfen wird“. Jetzt ist Mosberg gestorben und das mühsame Aufräumen des vielen damals zerschlagenen politischen Porzellans in den israelisch-polnischen Beziehungen ist lange noch nicht beendet.

Edeks Martyrium

Edward Mosbergs Geburtsstadt war Kraków, wo er 1926 in einer vermögenden, weitgehend polonisierten jüdischen Kaufmannsfamilie zur Welt kam. Edwards Eltern betrieben ein Kaufhaus. Die sorgenfreie, glückliche Kindheit in der ehrwürdigen polnischen Königsstadt prägte ihn bis an sein Lebensende. Polen war seine Heimat, die polnische Kultur und Tradition sein Milieu.

Familie Mosberg vor dem Krieg in Kraków. Nur Edek (l.i.B) hat überlebt.

Nach dem deutschen Einmarsch begann auch für den 13-jährigen Edek das Martyrium. Der gesamte Familienbesitz ging an einen deutschen „Treuhänder“ über. Vater Mosberg wurde eines Tages auf offener Straße aus nichtigem Grund von einem uniformierten Deutschen ermordet. Die übrige Familie, darunter die Großeltern, die Mutter und zwei Schwestern, musste im September 1941 ins Krakauer Ghetto. Während der stufenweisen brutalen Auflösung des „Jüdischen Wohnbezirks“ wurde die Familie durch Deportationen auseinandergerissen. „Außer mir“, so Mosberg, „wurden alle Übrigen von den Deutschen in den deutschen Todeslagern ermordet. Meine Großeltern in Bełżec, meine Mutter in Auschwitz, die Schwestern in Stutthof“.

Er selbst kam ins Konzentrationslager Plaszow vor den Toren Krakaus. Es war vor allem eine Durchgangsstation für Juden aus Krakau und Kleinpolen zur weiteren Deportation, deren Ziel meist Auschwitz-Birkenau war. „Ich habe in Plaszow im Büro des Lagerkommandanten, des SS-Hauptsturmführers Amon Göth, gearbeitet“, berichtete Mosberg. „Ich kann von großem Glück sprechen, dass ich überlebt habe, denn vor der Bestie Göth war niemand sicher“.

Das Konzentrationslager Plaszow 1942.

Das heute wenig bekannte Lager umfasste 80 Hektar und beherbergte zeitweise zwanzigtausend Häftlinge. Etwa einhundertachtzig Baracken waren von einem Stacheldrahtzaun umgeben. Ungefähr 8.000 Menschen wurden in diesem Lager ermordet, die überwiegende Mehrheit von ihnen Juden, aber auch eine kleine Gruppe von Polen.

Göth wohnte in einer Villa auf dem Gelände des Lagers. Er hatte mehrere Pferde und Autos. Mosberg berichtete, wie Göth es genoss, durch das Lager zu reiten, oder wie er mit seinem BMW rasend schnell durch die Gegend fuhr. Seinen beiden Hunden hatte er beigebracht, auf Kommando nach Menschen zu schnappen. Göth verwaltete nicht nur das Lager, er ermordete selbst auf grausame Weise Häftlinge und nutzte jede Situation, um Menschen zu töten.

Mosberg sah wie er eine ausgehungerte Gefangene erschoss, als er bemerkte, dass sie Kartoffeln aus dem Schweinefutter herauslas. Es sind Fälle bekannt, in denen Göth die Hinrichtung ganzer Arbeitskommandos anordnete, nur weil man bei ihnen Essen von außerhalb des Lagers fand. Mosberg war Zeuge, wie Göth seine Schießkünste vervollkommnete, indem er aus dem Autofenster oder vom Balkon seiner Villa auf Gefangene schoss. Er brachte eigenhändig mindestens 500 Menschen um.

Plaszow-Lagerkommandant Amon Göth mit seinem „Jagdgewehr“.

Anfang 1944 wurde Mosberg nach Österreich verlegt und arbeitete als Zwangsarbeiter im KZ Mauthausen-Gusen und in den Hermann-Göring-Stahlwerken in Linz. Während seiner Inhaftierung trug er die Lagernummer 85454. Beim dortigen Kriegsende, am 5. Mai 1945, brachte man ihn mit einigen Hundert anderen Häftlingen in eine Höhle, die durch Dynamitladungen gesprengt werden sollte, was jedoch nicht geschah.

Mosberg kehrte zurück nach Krakau. Der einzige Mensch aus dem jüdischen Milieu, den er aus der Vorkriegszeit kannte und den er dort traf, war die junge Cesia Storch, die mit Edeks Schwestern nach Stutthof deportiert worden war. Auch sie hatte alle Angehörigen verloren. Die beiden heirateten und blieben ein Ehepaar bis zu ihrem Tod im Jahr 2020. 

Flucht vor dem Kommunismus

Das Nachkriegselend, die Vereinsamung und der von den Sowjets nach Polen gebrachte und immer weiter um sich greifende kommunistische Terror bewegten das Paar zur Ausreise. Mosberg hatte wegen seiner „bürgerlich-kapitalistischen“ Herkunft, als ein „klassenfremdes Element“, ohnehin keine guten Chancen in der neuen, sozialistischen Gesellschaft Fuß zu fassen. Zudem wollte er Geschäftsmann werden, was in der kommunistischen Planwirtschaft, die keine „Privatinitiative“ duldete, nicht zu verwirklichen war.

Edward Mosberg mit Ehefrau Cesia (später Cecile).

Die beiden entschlossen sich auszureisen. Noch hatte sich der Eiserne Vorhang nicht endgültig über Osteuropa gesenkt, noch wurde die Tätigkeit verschiedener jüdischer „Auswandererkommitees“ mit Verbindungen nach Westeuropa und in die USA toleriert. Die Mosbergs gelangten 1947 nach Belgien. 1951 machten die kommunistischen Behörden die Grenzen endgültig dicht.

Mit zehn Dollar in der Tasche gingen die Mosbergs im selben Jahr in den USA an Land. Dort ließen sie sich zuerst in Harlem, New York, nieder und dann in Union County, New Jersey. Sie bekamen drei Töchter. In den USA arbeitete Edward Mosberg in verschiedenen Berufen, hatte schließlich in der Immobilienbranche Erfolg und wurde wohlhabend. Er besaß die polnische und die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.

Die Großfamilie Mosberg in den USA. Edward hatte drei Töchter, sechs Enkelkinder und vier Urenkel.

„Ich weiß wie es war“ 

Die letzten etwa dreißig Jahre seines Lebens widmete der pensionierte Unternehmer dem Gedenken an den Holocaust. Seine starke Persönlichkeit und eine geradezu eiserne Kondition trugen wesentlich dazu bei, dass seine Stimme gut hörbar war. Seine ungebrochene Bereitschaft Polen und die Polen vor ungerechten, verallgemeinernden Anschuldigungen in Bezug auf den Holocaust, die in der jüdischen Diaspora in den USA, in Israel und in Deutschland erhoben wurden, in Schutz zu nehmen, machten ihn in Polen bekannt, sorgten für Respekt und Anerkennung.

Staatpräsident Andrzej Duda begleitet Edward Mosberg beim Marsch der Lebenden im April 2022. Hier im Innenhof des Todesblocks von Auschwitz, wo Massenerschießungen stattfanden.

„Ich habe vor dem Krieg in Polen gelebt, ich habe den Krieg in Polen erlebt, ich weiß wie es war. Es war so…“. So begannen meistens seine Klarstellungen, Kommentare und Appelle, die er vor den Medien, stets an seiner Jacke und Mütze als Holocaustüberlebender zu erkennen, preisgab. Glaubwürdigkeit konnte man ihm nicht absprechen.

Edward Mosberg war ein großer polnischer Patriot. Ich kenne keine andere Person aus der Gemeinschaft der Holocaustüberlebenden, die die Polen und Polen mit solcher Entschlossenheit verteidigen würde. Trotz der Tatsache, dass er Angriffen aus verschiedenen Kreisen ausgesetzt war, hat er sich immer für Polen eingesetzt, davor habe ich den größten Respekt“, sagte Staatspräsident Andrzej Duda, als ihn die Nachricht von Mosbergs Tod in New York, während er an der UN-Vollversammlung teilnahm, erreichte.

Edward Mosberg und Staatspräsident Andrzej Duda pflegten einen sehr herzlichen Umgang. Hier beim Treffen im Präsidentenpalast im September 2021.

Andrzej Duda und seine Ehefrau Agata unterbrachen ihr offizielles Programm in New York und fuhren nach New Jersey, um an den Trauerfeierlichkeiten teilzunehmen. Dort gab Duda bekannt, Mosberg posthum das Großkreuz des Verdienstordens der Republik Polen verliehen zu haben. Das Kommandeurskreuz desselben Ordens hatte er bereits 2019 erhalten.

„Die Türen des Präsidentenpalastes“, so Duda am Sarg des Verstorbenen, „standen Edward Mosberg immer offen.“ Er erinnerte daran, dass er Mosberg 2022, bei seinem letzten Marsch der Lebenden in Auschwitz begleitet hatte. „Er bat mich Anfang dieses Jahres, mit ihm am Marsch der Lebenden in Auschwitz teilzunehmen. Ich habe sofort zugesagt, weil ich befürchtete, dass das sein letzter Marsch der Lebenden sein könnte.“

Er habe geplant, so Duda weiter, Mosberg während seines Besuchs in den USA zu treffen. „Wir waren im polnischen Generalkonsulat in New York verabredet, wir hatten einen Termin. Leider hat ihn die Verschlechterung seines Gesundheitszustands daran gehindert zu kommen. (…) Seine letzten Worte, die er vor zwei Tagen mit sehr schwacher Stimme am Telefon an uns richtete, waren: »Ich liebe Polen«“.

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Der letzte grosse Romantiker

Am 3. Februar 2022 starb Jarosław Marek Rymkiewicz. 

Es ist, als wäre plötzlich ein Vulkan erloschen. Wie kein anderer Autor hat Jarosław Marek Rymkiewicz im letzten Jahrzehnt die polnische politische Debatte durch seine sonderbaren Werke und seine prägnanten publizistischen Zwischenrufe befruchtet und befeuert. Das Parlament in Warschau gedachte seiner einhellig mit einer Schweigeminute. In einer gleichzeitig per Akklamation verabschiedeten Entschließung heißt es: „Der Sejm der Republik Polen hebt die Bedeutung des literarischen Werkes von Jarosław Marek Rymkiewicz hervor und würdigt sein Andenken.“

Für diejenigen, die er in seinen Bann zog, verkörperte Rymkiewicz geradezu vollkommen den hochintellektuellen und zugleich beredsamen Patrioten, den letzten polnischen Dichterpropheten, der sich ernste Sorgen um sein Land machte. In den Augen seiner erbitterten linksliberalen Gegner war er „eine Galionsfigur der Rechten“, „ein Nationalist“, „ein Wutschriftsteller“, der „mit seinen medialen Auftritten der verschwörungstheoretischen Zuspitzung rechtsnationaler Positionen Vorschub leistete“.

Schelte und Lob

Solcher und ähnlicher Umschreibungen bediente sich auch das winzige Häuflein deutschsprachiger Autoren, die sich der Person Rymkiewicz und seines Schaffens annahmen. Sie sahen ihre Aufgabe darin, den Literaten und sein Werk ihrem deutschen Publikum zu verleiden. Meistens traf das ins Leere, denn außer seinen zwei frühen Büchern: „Polnische Gespräche im Sommer 1983“ (bei Suhrkamp) und „Umschlagplatz“ (1988 bei Rowohlt) gibt es nichts auf Deutsch von ihm.

Jarosław Marek Rymkiewicz Ende der 1990er-Jahre.

Zähneknirschend sahen sich zugleich seine schärfsten polnischen wie auch seine deutschen Kritiker gezwungen, Rymkiewicz eine herausragende poetische und schriftstellerische Begabung zu bescheinigen. Angesichts der vielen angesehenen Literaturpreise, die er (so die FAZ) „abgeräumt“ hat, blieb ihnen auch nichts anderes übrig.

Sogar die „Gazeta Wyborcza“, das linksradikale Kampfblatt gegen alles traditionell Polnische, kam nicht umhin, Rymkiewicz 2003 mit ihrem Nike-Literaturpreis für seinen Gedichtband „Sonnenuntergang in Milanówek“ zu ehren. Der Preisträger blieb der Preisverleihung demonstrativ fern.

Im beschaulichen Milanówek übrigens, am Rande von Warschau, bewohnte Rymkiewicz seit 1995 mit seiner Frau Ewa – Sohn Wawrzyniec (fonetisch: Wawschinjetz) war längst erwachsen – bis zuletzt ein Haus mit großem Garten.

Das Lob der Gegner kam aufgesetzt und verklausuliert daher, aber es kam, z. B. im Jahr 2020 in der deutschen Fachzeitschrift „Osteuropa“. Nach der unvermeidlichen, seitenlangen, politisch korrekten Gesinnungsschelte hieß es dort immerhin:

„Rymkiewiczs Prosa fasziniert durch detailbesessene, suggestive Bilder wie auch durch eine kraftvolle und zugleich dichterisch sensible Sprache. Eine durchaus ironische Kommentierung des eigenen Schreibens sowie eine existenzielle, dunkle Reflexion machen sein Werk zu einem vielschichtigen und äußerst mehrdeutigen.“

„Rymkiewicz beherrscht (…) eine kraftvolle und mehrdeutige Sprache literarischer, darunter auch poetischer Bilder. Ohne Frage ist es die Letztere, die ihn zu einer schillernden Figur des radikalkonservativen Lagers macht.“

„Rymkiewiczs Prosa ist alles andere als schlichte Propagandaliteratur.“

„Osteuropa“ bescheinigte Rymkiewicz auch, er sei als Professor der Literaturgeschichte und Autor etlicher literaturhistorischer Bücher, ein „hervorragender Kenner der polnischen Romantik“ gewesen. Immerhin hat er zwischen 1987 und 2018 sechs spannende, umfangreiche Schriften allein Adam Mickiewicz gewidmet. Doch in Wirklichkeit war Jarosław Marek Rymkiewicz viel mehr: der wohl letzte große Romantiker in der polnischen Literatur.

Freiheit und die Mystik der Dichterpropheten

Abweichend vom Haupttrend im übrigen Europa, beschränkte sich die polnische Romantik nicht auf literarische und künstlerische Belange. Als sie sich in der polnischen Literatur um 1820 zu etablieren begann, war Polen seiner Unabhängigkeit beraubt, von der Europakarte getilgt, und das sollte noch generationenlang, bis 1918, so sein.

Polens Romantiker, allen voran Adam Mickiewicz und Juliusz Słowacki (fonetisch: Suowatski), befeuerten mit ihrer grandiosen Dichtung eine ideologische, philosophische und politische Bewegung, die die Ideale, Lebensweise und Sehnsüchte der polnischen Nation ausdrückte. Polens Romantiker schworen der reinen Vernunft ab. Das Ringen um Freiheit, sagten sie, egal wie aussichtslos, hat immer einen Sinn, denn auch aus den blutigsten Niederlagen erwachsen neue Ansätze für die Fortführung dieses Kampfes.

Die wichtigsten Erkenntnisse, Anregungen, Ideen schöpften die Romantiker aus und bezogen sie auf die Geschichte der eigenen Nation. Jetzt war Polen unfrei, konnte aber damals schon stolz auf gut achthundert Jahre eigener Staatlichkeit zurückblicken. Und so sangen sie Hohelieder auf althergebrachte Bräuche und Sitten, auf die einstigen nationalen Triumphe, auf das kleinadelige ländliche Dasein im „zaścianek“, dem „Edelweiler“, auf die Freiheit der Polen ihr Leben frei zu gestalten, so wie es in der Zeit der Adelsrepublik war.

Es war damals eine Haltung und Lebensart, die auf spezielle Weise das Polentum mit der christlichen und antiken Tradition verbunden und sich durch eine tiefe Religiosität ausgezeichnet hat. Vor allem aber idealisierten die Romantiker das Polen aus der Zeit vor den Teilungen als ein Musterbeispiel für einen Republikanismus, der die Freiheit des Einzelnen und der Völker verteidigte.

Viele polnische Romantiker flohen nach dem 1832 gescheiterten November-Nationalaufstand ins Ausland. Mit der sogenannten Großen Emigration, der Masse der damals von Verfolgung bedrohter polnischer Soldaten, Offiziere, Adeligen, Politiker strandeten sie zumeist in Frankreich. Ihr Schaffen wurde jetzt direkt von den Idealen des politischen Freiheitskampfes, vom Drang nach der Unabhängigkeit Polens beherrscht.

Ihr Schaffen bekam zudem zunehmend mystische Züge, was seinen höchsten Ausdruck in Adam Mickiewiczs Dramenzyklus „Die Ahnenfeier“ fand. Traum und Wirklichkeit, eine hochpoetische Vision der künftigen Wiedererstehung Polens und die Aufwallung des Zorns gegen das Leiden der geknechteten Nation, die sich in ein Aufbegehren gegen Gott verwandelt. Liebe und Verrat, Polen und Russland, Sein oder Nichtsein. Das alles vermengt sich auf der Bühne zu einem nationalen Hochamt, und das hypnotisierte Publikum erstarrt in andächtiger Stille.

Szene aus Adam Mickiewiczs „Ahnenfeier“. Ansichtskarte Ende 19. Jh.

Der romantische Poet wird hier zum „Wieszcz“ (fonetisch: wjeschtsch), zu einem Dichterpropheten, einem geistigen Führer der Nation, die für ihre Unabhängigkeit kämpft. In den Olymp der Dichterpropheten, deren Namen mit dem Zusatz „Wieszcz“ geschmückt werden, hat die polnische Nation nur drei ihrer besten Romantiker aufgenommen: Adam Mickiewicz (1798-1855), Juliusz Słowacki (1809-1849) und Zygmunt Krasiński (1812-1859).

Die drei Dichterpropheten: (v.l.) Juliusz Słowacki, Adam Mickiewicz, Zygmunt Krasiński.

Die Verwandlung Jarosław Marek Rymkiewiczs vom exzellenten Kenner zum eifrig praktizierenden polnischen Literaturromantiker vollzog sich im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts. Der Schriftsteller hatte damals, wie wir heute wissen, bereits etwa dreiviertel seines Lebens hinter sich gelassen.

Bereits viel früher war er zu der Überzeugung gelangt, dass die Kunst die Macht hat, die Welt zu verändern. Jetzt waren seine Begabung und Erfahrung reif dafür, dem Beispiel von Mickiewicz zu folgen und dieses Prinzip in die Tat umzusetzen. Nun konnte Rymkiewicz, wie es „Die Welt“ formulierte, so „richtig aufdrehen“.

Den deutschen Nachnamen abgelegt

1935 in Warschau als Jarosław Marek Szulc geboren, erlebte er ab September 1939, weitgehend bewusst, das Grauen der deutschen Besatzung und des Warschauer Aufstandes im August/September 1944. Die Familie entkam nur durch Zufall dem Inferno der Kämpfe, die in ihrer Intensität denen in Stalingrad in nichts nachstanden. Ende Juli 1944 für einige Tage zur Sommerfrische aufs Land dicht bei Warschau aufgebrochen, wurden sie vom Ausbruch des Aufstandes überrascht. An manchen Nächten war es fast taghell, erinnerte sich später Rymkiewicz. Warschau brannte lichterloh, man sah den roten Feuerschein verheerender Brände.

Jarosław Marek Rymkiewicz (i. d. M.) mit Eltern und Schwester auf dem Balkon ihrer Wohnung im Vorkriegswarschau.

Nach 63 Tagen, am 3. Oktober 1944, kapitulierten die Aufständischen. Einige Zehntausend Zivilisten die überlebt hatten wurden aus den Warschauer Ruinen vertrieben, damit sich die Deutschen ungehindert der planmäßigen Zerstörung der erhalten gebliebenen Reste der nun menschenleeren Stadt widmen konnten. Nach dreieinhalb Monaten, am 17. Januar 1945, „befreiten“ die Sowjets das entvölkerte Ruinenmeer. Zuvor hatten sie dem Treiben der deutschen Soldaten, ebenso wie dem Aufstand, vom östlichen Weichselufer tatenlos zugesehen.

Die Familie, die in Warschau alles verloren hatte zog in das unzerstörte Łódź/Lodsch und beantragte, unter dem Einfluss der Kriegserlebnisse, als Erstes die Ablegung des deutschen Nachnamens in polnischer Schreibweise: Szulc. Er wurde ersetzt durch Rymkiewicz, das literarische Pseudonym von Vater Władysław, eines Anwalts und in der Zwischenkriegszeit durchaus anerkannten Prosaautors. Mutter Hanna war Ärztin.

Rymkiewicz hat mit Deutschland nie Frieden geschlossen. In seinem Buch von 2008, mit dem deutschen Titel im Original: „Kinderszenen“, verarbeitete er seine Kindheitserlebnisse. Er schrieb: „Ich mache den Deutschen keine großen Vorwürfe. Ich möchte nur, dass sie wissen, was sie mir angetan haben“, denn seine „Kindheit war ein großes Loch voll schwarzen Blutes“ und deswegen „haben wir den Deutschen zu schnell und zu leicht vergeben. Es gibt Dinge in der Geschichte, die werden nie vergeben.“

Da blieb er konsequent. Den FAZ-Korrespondenten wollte er nicht zu Hause treffen. Ein Gespräch ja, aber nur am Telefon. Das war 2016.

Erst verblendet, dann gewendet

Rymkiewicz wuchs in der schlimmen Zeit des Stalinismus auf, der Ende der 1940er-Jahre, auf Geheiß Moskaus, auch von Polen Besitz ergriff. Die Eltern traten in die kommunistische Partei ein. Der Sohn, zunächst als Gymnasiast, dann als Student der Polonistik an der Universität Łódź, war Mitglied im Kommunistischen Jugendverband.

„Ich war völlig indoktriniert. Ich habe gedacht, was man mir befahl. Sowjetrussland erschien mir als das ideale Modell der Zukunft. Und als ein Entwurf für das größte Glück der Menschheit. Ich habe Stalin geliebt. Ich habe als Kind einen Verbrecher geliebt“, erinnerte er sich Jahrzehnte später. Stalin starb im März 1953. Rymkiewicz war damals knapp 18 Jahre alt. Die Scheuklappen der ideologischen Sturheit hat er schnell abgelegt.

Jarosław Marek Rymkiewicz 1957 in Łódź.

Im politischen Tauwetter nach Stalins Tod  veröffentlichte der erst 22-jährige Rymkiewicz 1957 seinen ersten Gedichtband, auf den, bis 2017, fünfzehn weitere folgten. Bald begann er, Komödien und antikebezogene Dramen zu schreiben sowie Gedichte ins Polnische zu übersetzen: Calderón, Flaubert, Mandelstam, Wallace Stevens. Die Kritik war angetan von dem Jungliteraten, einem Sprachvirtuosen, zu dessen wichtigsten Künstlergaben ein feiner, eindringlicher Beobachtungssinn gehörte.

Der einst radikale Jungstalinist verwandelte sich in einen weitgehend angepassten Universitätsdichter, der damit beschäftigt war, das Fundament seiner literarischen Karriere zu gießen. Rymkiewicz wurde in den Schriftstellerverband aufgenommen, bekam 1965 eine Stelle im Warschauer Institut für Literaturforschung (IBL) der Polnischen Akademie der Wissenschaften, einem Hort kluger und kritischer Köpfe.

Jarosław Marek Rymkiewicz Ende der 1950er-Jahre mit seiner zukünftigen Ehefrau Ewa.

Noch wagte er nicht offen aufzumucken und unterschrieb, auf Geheiß der kommunistischen Partei, im April 1964 den sogenannten „Gegenbrief“, signiert von etwa sechshundert polnischen Autoren. Es war ein von oben befohlener Protest gegen „eine von der westlichen Presse und dem subversiven Radiosender Free Europe gegen Volkspolen organisierte Verleumdungskampagne“.

Westliche Medien berichteten damals ausführlich über den sogenannten „Brief der 34“. Vierunddreißig polnische Intellektuelle hatten im März 1964 zum ersten Mal den Mut aufgebracht, in einem offenen Schreiben an den damaligen Ministerpräsidenten Józef Cyrankiewicz, gegen die Verschärfung der Pressezensur zu protestieren. „Die Unterzeichner“, hieß es in dem Brief, „die das Vorhandensein der öffentlichen Meinung, des Rechtes auf Kritik, freie Diskussion und verlässliche Information als einen notwendigen Bestandteil des Fortschritts betrachten, fordern eine Änderung der polnischen Kulturpolitik im Sinne der durch die Verfassung des polnischen Staates garantierten Rechte und im Einklang mit dem Wohle der Nation“.

In jener Zeit äußerte Rymkiewicz im kleinen Kreis bereits immer wieder Kritik am Kommunismus. Er wurde denunziert und seine Kritik kam der Staatssicherheit zu Ohren. Der Historiker Piotr Gontarczyk hat Rymkiewiczs Stasi-Akte analysiert und stellte fest, dass die polnische Stasi sich ihn bereits 1963 vorgenommen hatte. Man hat ihn immer wieder über längere Zeitabschnitte beschattet, Denunzianten wurden auf ihn angesetzt. Später, als sich Rymkiewicz der intellektuellen Opposition anschloss, regte die Stasi Schmähungen an, die in der offiziellen Presse über ihn veröffentlicht wurden, streute ehrrührige Gerüchte über ihn. Sein Telefon wurde abgehört, seine Post geöffnet, er durfte nicht ins Ausland reisen, die Zensur zerpflückte regelmäßig seine zur Veröffentlichung vorbereiteten Texte.

Rymkiewicz-Stasiakte.

Erfolge waren den Verfolgern damit nicht beschieden. „Der Dichter“, so der Historiker Gontarczyk, „verhielt sich distanziert, war nicht sehr gesprächig und pflegte nicht viele Kontakte“. Bereits in den 1960er-Jahren vermerkte ein Stasi-Beamter in seiner Akte: „JMR hat sich trotz zahlreicher moralischer und materieller Repressalien, die wir ihm auferlegt haben, nicht verändert“. So blieb es bis zum Ende des Kommunismus 1989.

Ein Schöngeist wird politisch

Vorher waren da noch die sechzehn Monate (September 1980 bis Dezember 1981) der Freiheit mit Solidarność. Sie endeten am 13. Dezember 1981 mit der Verhängung des Kriegsrechts durch General Jaruzelski.

Jarosław Marek Rymkiewicz 1975.

Die Niederschlagung der Solidarność war noch in lebhafter und bitterer Erinnerung, als Rymkiewiczs Prosadebüt „Polnische Gespräche im Sommer 1983“ zuerst im Untergrund in Polen und bald darauf auf Polnisch in einem Exilverlag in Paris erschien.

„Polnische Gespräche im Sommer 1983“. Deutsche Ausgabe.

Vordergründig handelt es sich hier um eine Plauderei unter etwa einem Dutzend Urlaubern: zumeist Literaten und Wissenschaftlern, die jenen Sommer 1983 in einer Pension im idyllischen Nordosten Polens verbringen. Aber wenn es nicht gerade um die Suche nach Pilzen und Flusskrebsen geht, dreht sich das Gespräch um das frische Trauma, die abermalige Niederwalzung des ewigen polnischen Kampfes für Freiheit und Selbstbestimmung. Eine Plauderei, zeitweise auch ironisches Selbstgespräch, mit philosophischem Tiefgang. Einer der Teilnehmer, der „Herr Mareczek“ (die Koseform von Marek), ist Schriftsteller, das Alter Ego des Autors.

Die gute literarische Qualität des Romans und sein Erfolg brachten die kommunistischen Behörden in Rage. Rymkiewicz wurde 1985, zur Strafe, aus dem Warschauer Institut für Literaturforschung entlassen.

„Umschlagplatz“. Deutsche Ausgabe.

Bald darauf, 1988, machte er mit dem Roman „Umschlagplatz“ von sich reden. So nannten die Deutschen einen von hohen Mauern umgebenen, geräumigen Fabrikhof mit einer Eisenbahnrampe im Warschauer Ghetto, von der sie nach und nach etwa 300.000 Juden in ins Vernichtungslager abtransportierten. Hier tritt der Autor recht unvermittelt in Erscheinung: als junger Schriftsteller Jaroslaw, der mit seinem jüdischen Kollegen Icyk Mandelbaum nach dem Krieg im ausführlichen Dialog zu ergründen versucht, was geschehen war. Zugleich führt Rymkiewicz seine Leser wie ein Stadtführer durch das Warschau der damaligen Gegenwart, um materielle Spuren der Judenvernichtung zu sichten.

Zu viel der Versöhnung

Um die Jahrtausendwende vollzog sich bei dem Dichter und Schriftsteller aus Milanówek ein allmählicher Wandel. Immer mehr kam ein neuer Rymkiewicz zum Tragen. Als Mensch war er ganz der alte geblieben: zurückhaltend, freundlich, höflich, großmütig. Doch in seinem Schaffen wichen Feinsinnigkeit, Gelassenheit, Lust zur Ironie zunehmend einer leidenschaftlichen Engagiertheit.

Rymkiewicz ruderte damit heftig gegen den Strom an. Die im Lande vorherrschende Literaturkritik, eher linker Abstammung, predigte nämlich, verlangte geradezu, dass Schriftsteller, insbesondere die Jüngeren unter ihnen, sich im unabhängigen Polen von der Erfüllung traditioneller gesellschaftlicher Verpflichtungen befreit fühlen sollen.

Mit Lob und Preisen wurde und wird bis jetzt überhäuft, wer sich „modern“ und „europäisch“ gibt, sich von seinem Land lossagt. Unter den Bedingungen der Freiheit, so die Botschaft, habe nach etwa zweihundert Jahren die „romantische Grundauffassung” „endlich“ ihre Gültigkeit verloren. Sie habe die Sprache und die Botschaften der polnischen Literatur in der Zeit der nationalen und politischen Unterdrückung geprägt. Jetzt müsse Schluss damit sein.

Rymkiewicz derweil teilte voll und ganz die gesellschaftliche Diagnose, die ein anderer herausragender polnischer Dichter, Zbigniew Herbert (1924-1998), schon kurz nach dem Ende des Kommunismus stellte:

„Der wirtschaftliche Ruin, die ökologische Katastrophe usw., die uns die Kommunisten hinterlassen haben, sind Aufgaben, mit denen sich noch Generationen werden herumschlagen müssen.

Doch die moralisch-geistigen Verheerungen bei den Nationen, die besetzt waren, sind noch schwerer zu beseitigen, zumal sich niemand ernsthaft mit diesem Problem befasst. Das Chaos betrifft nicht nur solche elementaren Begriffe wie Gut und Böse, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Verbrechen und Strafe. Auch solche gewöhnlichen, unendliche Male wiederholten Wörter wie Reform, Privatisierung, freier Markt oder Inflation haben ihre Bedeutung verloren. Mit einer Gesellschaft, die sich im Zustand einer schweren Orientierungslosigkeit befindet, kann man alles machen“, so Herbert.

Deswegen schloss sich Rymkiewicz bereits zu Beginn der 1990er Jahre den Kritikern der sogenannten demokratischen Umwandlung in Polen an. Er konnte nicht zusehen, wie sich ein Teil der alten Solidarność-Garde, allen voran die einstigen Helden des antikommunistischen Widerstandes: Lech Wałęsa und Adam Michnik, mit dem Ex-Diktator Jaruzelski und seinem kommunistischen Hofstaat geradezu verbrüderten. So sah die „nationale Aussöhnung“ aus, nachdem ein „dicker Strich“ unter die kommunistische Vergangenheit gezogen worden war.

Adam Michnik zu Besuch im Haus von General Jaruzelski am 13. Dezember 2000, dem 19. Jahrestag der Ausrufung des Kriegsrechts.

Der Begriff „dicker Strich“ stammt vom ersten nichtkommunistischen Ministerpräsidenten nach 1989, Tadeusz Mazowiecki (1927-2013). Kommunisten: all die Apparatschiks, Stasi-Leute, Wissenschaftler, Militärs, Richter, Wirtschaftsfunktionäre, die blitzschnell ihre roten Parteibücher gegen Scheckhefte eingetauscht und die auch Rymkiewicz jahrzehntelang das Leben verleidet hatten, durften nun, ohne Reue zu zeigen und Buße tun zu müssen, an dem neuen politischen und ökonomischen Vorhaben mit dem Namen Dritte Polnische Republik (III Rzeczpospolita) teilhaben.

Eine der wichtigsten Grundideen dieses Vorhabens war ein ungezügelter Vulgärliberalismus. Ein Kapitalismus aus den kommunistischen Karikaturen wurde Wirklichkeit. Raubprivatisierungen mehrten den Wohlstand Weniger und die Armut, Ausgrenzung und Arbeitslosigkeit Hunderttausender. Wer aus diesem Jammertal keinen Ausweg fand war selbst schuld. Schließlich haben wir doch alle einen Kopf, zwei Hände und sind somit Schmiede des eigenen Glücks. Die einen packen es, die anderen nicht, so ist es nun einmal.

Diese Allianz der Solidarność-„Fortschrittlichen“ mit den Postkommunisten, die in den 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre Polens Politik, Wirtschaft und Kultur beherrschte, bevorzugte das einfachste und aus ihrer Sicht bequemste Modernisierungsmodell: das Kopiergerät-Prinzip. Bloß schnell den „Ballast“ der „rückständigen“ polnischen Lebensart, Kultur, Tradition, Geschichte über Bord werfen. Nur so erleichtert, konnte der polnische Ballon schnell und problemlos im siebenten EU-Himmel ankommen.

Rymkiewiczs Polen

Für Rymkiewicz war die Frage, ob und wie Polen als Nation überleben werde, von grundlegender Bedeutung. Der zunehmende ideologische, linksliberale Herrschaftsanspruch der EU und die Globalisierung als neueste Gefahr für alles Lokale verstärkten seine Besorgnis noch. Rymkiewicz forderte „Widerstand“.

Der Sarg Lech Kaczyńskis auf einer Geschützlafette. Beisetzungsfeierlichkeiten am 18. April 2010 in Kraków.

Den stärksten polnischen Widerständler sah er im konservativen Parteiführer Jaroslaw Kaczyński, auf den er, zur Ermutigung, eines seiner politischen Gedichte schrieb. Das war im April 2010, als der beim Flugzeugabsturz nahe Smolensk ums Leben gekommene Bruder Jaroslaws und Polens Staatspräsident Lech Kaczyński zu Grabe getragen wurde.

„Und wieder gibt es zwei Polen – zwei seiner Antlitze

[…]

Zwei Polen – das eine, das gekannt haben die Propheten

Und das andere, das in die Umarmung des Zaren des Nordens getreten

Zwei Polen – das eine will den Applaus der Welt erfahren

Und das andere, das wird auf der Geschützlafette zum Friedhof gefahren

[…]

Was uns entzweit hat, das lässt sich nicht mehr kitten

Man darf Polen nicht Dieben feilbieten

Die es uns klauen wollen, um es der Welt zu verkaufen

Jarosław! Was Sie Ihrem Bruder schulden, ist nicht abgelaufen!“(Übersetzung RdP)

In den bewegenden und bewegten Tagen nach der Smolensk-Flugzeugkatastrophe, in denen das Gedicht entstanden ist, sprach Rymkiewicz Millionen von Menschen tief aus der Seele. Das unmittelbare politische Engagement Rymkiewiczs, der von jetzt an als „PiS-Schriftsteller“ von seinen Gegnern kleingeredet wurde, blieb jedoch eher dürftig.

Zwei Jarosławs: Rymkiewicz und Kaczyński im Juni 2016.

Er meldete sich ab und an dezidiert in den Medien zu Wort, schrieb seine viel beachteten, mit klaren Botschaften versehenen Prosabände, aber Wahlkampfauftritten und anderen rein politischen Veranstaltungen blieb er stets demonstrativ fern. Da war ihm etwa der „SPD-Schriftsteller“ Günter Grass um vieles voraus.

Es war damals, am Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, an der Zeit, so Rymkiewiczs Überzeugung, den Polen, über die Literatur, einen anderen Weg zu zeigen. Nicht den Weg der Anpassung, den Weg der von der neuen, linksliberalen Elite verordneten Einsicht in die Notwendigkeit des Kleinbeigebens, der Entwurzelung durch erzwungene Massenemigration, des Vertröstetwerdens von den Vulgärliberalen auf eine unbestimmte Zukunft, in der der Tisch der Reichen endlich so voll gedeckt sein würde, dass auch für die gebeutelten Massen etwas mehr abfällt.

Der Romantiker Adam Mickiewicz verfasste 1833 eine seiner wichtigsten politischen Schriften mit dem Titel „Über vernünftige und wahnsinnige Menschen“. Er stellte dem rationalen Handeln, dem Sich-Abfinden mit der Niederlage, den moralischen Widerstand entgegen: die Grenzüberschreitung, Selbstaufopferung, den Todesmut, die der rational Handelnde als „Wahnsinn“ bezeichnen würde. Mickiewicz unterteilte die Polen in „Vernünftige“ und „Wahnsinnige“. Letzteren galt seine Sympathie. Ohne sie werde das aufgeteilte Polen im Nebel der Zeit in Vergessenheit geraten. „Wer wird es rufen, das vergessene Volk aus grauem Zwielicht?“

Rymkiewicz griff diese Zweigliederung auf und setzte sie in einen jetztzeitgerechten Bezugsrahmen, in dem er die angepassten, „vernünftigen“ polnischen Europäer ihren „wahnsinnigen“ Landsleuten gegenüberstellte. Er schrieb dazu:

„Man muss also wählen: Entweder werden wir vernünftige Menschen sein und verlieren Polen oder wir werden zu wahnsinnigen Menschen und tragen zur Rettung Polens bei.“

Ginge es nach den „Vernünftigen“, gäbe es uns nicht

In die polnische Literaturgeschichte ist Rymkiewicz vor allem mit seinem Spätwerk eingegangen. Es sind vier Bücher: „Wieszanie“ („Das Henken“, 2007), „Kinderszenen“ (so der deutsche Titel im Original, 2008), „Samuel Zborowski“ (2010) und „Reytan. Upadek Polski“ („Reytan. Der Untergang Polens“, 2013).

In diesen einzigartigen, breit kommentierten essayistischen Prosabänden ging Rymkiewicz auf die Geschehnisse der polnischen Geschichte ein, in denen sich das für die Polen typische Aufbegehren gegen Fremdherrschaft, ihr Hang zu einer radikal verstandenen Freiheit und ihre Verachtung für den Tod offenbaren. Scheinbar sind es nur vernunftwidrige, gar wahnsinnige Gesten und Taten gewesen. Rymkiewicz sah das wie Adam Mickiewicz.

Gleichzeitig zog er Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, kommentierte auf dem Umweg über die Geschichte die Situation im heutigen Polen.

Wie funktionierte das? In seinem Buch „Das Henken“ bildet er essayistisch eine blutige Episode aus der Geschichte des Aufstands von 1794 nach. Es war der letzte verzweifelte Versuch, die endgültige Aufteilung Polens zu verhindern. Aufgebrachte Warschauer zerrten von Russland bezahlte Verräter: Politiker und Geistliche an den Galgen. Rymkiewicz lässt sich breit über die Bedeutung (auch die metaphysische) dieses Ereignisses aus, verteidigt die Wut dieser „wahnsinnigen“ Polen. Und irgendwann bringt er mit seinem leicht sarkastischen Humor sein Bedauern darüber zum Ausdruck, dass es nach 1989 nicht zu ähnlichen Exekutionen von Kommunisten gekommen sei.

In „Kinderszenen“ nahm Rymkiewicz ein Ereignis aus dem Warschauer Aufstand von 1944 zum Gegenstand. Ein mit Sprengstoff gespicktes, wahrscheinlich absichtlich zurückgelassenes deutsches Panzerfahrzeug ging in die Luft, inmitten einer ausgelassenen Menge, die die Trophäe begutachtete. Mehrere Hundert Aufständische und Zivilisten kamen ums Leben. Ihre zerfetzten Leiber und Eingeweide hingen herab von Bäumen und Balkonen.

Auch dieses Ereignis nimmt Rymkiewicz zum Anlass, den Aufstand zu rechtfertigen. Die „Vernünftigen“, vor allem die Kommunisten nach dem Krieg, haben ihn oft genug als ein Ergebnis politischer Verantwortungslosigkeit dargestellt. Alle Aufstände waren für sie sinnlos und überflüssig.

Rymkiewicz sah das anders. „Ihrer Hingabe, dem vergossenen Blut von Generationen ist es zu verdanken, dass wir heute als Polen existieren. Mag sein, dass wir kümmerliche Polen sind, ihrer Opfer unwürdig, aber es gibt uns. Ginge es nach den „Vernünftigen“, gäbe es uns nicht.“

Jarosław Marek Rynkiewicz war zweifelsohne einer von den „Wahnsinnigen“. Er hat immer wieder herausgestellt, dass seine Familie ursprünglich tatarischer und deutscher Herkunft sei und im Grunde kein Tropfen polnischen Blutes in seinen Adern floss. Dennoch hat er sein herausragendes schriftstellerisches Talent in den Dienst eines Polen gestellt, das ihn beeindruckte und das ihm wichtig war.

Anders als das „vernünftige“, sah das „unvernünftige“ Polen in ihm den modernen Dichterpropheten. Das war ihm, dem Dichter der klaren Aussagen, auch recht so: „Was uns entzweit hat, das lässt sich nicht mehr kitten“.

© RdP




Rakete im Fahrradsattel

Am 1. Februar 2021 starb Ryszard Szurkowski.

Das Jedermannrennen Rund um Köln war zu Ende und Ryszard Szurkowski war nicht auffindbar. Am 10. Juni 2018 warteten seine Freunde an der Ziellinie vergebens auf ihn. Normalerweise war es der einstige Rad-Champion, der seinen Oldboy-Freunden vom „Team Szurkowski“ seit Jahren regelmäßig davonfuhr, und sie an den Zieleinfahrten in Empfang nahm.

Bald wurde klar, dass er in einen Massenunfall verwickelt sein musste, den es einige Kilometer vor dem Ziel gegeben hatte. Nach langem Herumtelefonieren bestätigte endlich eine der Kliniken, dass bei ihr ein Schwerverletzter eingeliefert worden war. Er hatte keine Papiere bei sich, war gut 60 Jahre alt und trug gelbe Fahrradschuhe.

Briefmarke 1. Friedensfahrt 1948

Jahrelang hat man Ryszard Szurkowski am Gelben Trikot erkannt. Es war das Trikot des Gesamtführenden während der Friedensfahrten von 1970, 1971, 1973 und 1975, die er gewonnen hat. Jetzt, in Köln, fuhr er in gelben Schuhen.

Team Szurkowski

Es war die 102. Auflage des Eintagesrennens Rund um Köln. 4.500 Radfahrer am Start. Profis, die mehr als 200 Kilometer zurücklegen mussten. Amateure hatten 126 Kilometer zu fahren. Die Veteranen, die in verschiedene Altersklassen eingeteilt wurden, nur 60 Kilometer.

Ryszard Szurkowski am Start zum letzten Rennen in seinem Leben in Köln am 10. Juni 2018

Ryszard und seine Freunde starteten in der Gruppe 60+. Sie trugen schwarze, kurze Hosen und gleiche T-Shirts mit der Aufschrift „Team Szurkowski Poland“. Sie präsentierten sich ansehnlich, das Logo machte auf sie aufmerksam und erfüllte sie mit Stolz. Der Mannschaftsführer fuhr mit der Startnummer auf Trikot und Helm.

„Ich erinnere mich an alles, denn überraschenderweise habe ich nicht einen Moment lang das Bewusstsein verloren“, erzählte Szurkowski Monate später einem Journalisten im Rehabilitationszentrum in Konstancin bei Warschau.

Ryszard Szurkowski nach seinem Unfall in der Kölner Klinik in Juni 2018

„Es passierte ein paar Kilometer vor dem Ziel. Eine breite Straße und ein unglaubliches Tempo. Gut 40 Kilometer pro Stunde. Wir näherten uns einer Insel. Die meisten Fahrer wichen ihr auf der rechten Seite aus, aber die beiden vor mir wollten die Insel wahrscheinlich von links umfahren. Sie kollidierten mit ihren Lenkern und im Bruchteil einer Sekunde lagen sie am Boden. Eigentlich nichts Besonderes, aber ich hatte keine Chance. Ich kippte über den Lenker und schlug mit dem Gesicht auf den Asphalt. Danach prallten zwei Radfahrer auf mich, dann etwa noch ein Dutzend, vielleicht sogar mehrere Dutzend weitere. Ich hörte das Klacken von Fahrrädern, Rufe und das Martinshorn des Krankenwagens“.

Einer der größten Sportler Polens im 20. Jahrhundert

Bis 2018 wurde die Kölner Veranstaltung von dem radsportbegeisterten Artur Tabat organisiert. Szurkowski und Tabat kannten sich seit Anfang der Neunzigerjahre gut.

Ryszard Szurkowski auf dem Höhepunkt seiner Popularität Mitte der Siebzigerjahre

Als Tabat 1971 die Verantwortung für das heute älteste Radrennen Deutschlands übernahm, gewann Szurkowski jenseits des Eisernen Vorhangs zum zweiten Mal die Friedensfahrt. Die Leser von „Przegląd Sportowy“ („Sport-Rundschau“), der führenden Sportzeitung im kommunistischen Polen, kürten ihn zum besten polnischen Sportler des Jahres, was sich 1973 wiederholen sollte.

Briefmarke 5. Friedensfahrt 1952

Im Jahr 1971 erhielt er auch noch den Fair-Play-Preis der UNESCO für eine nicht alltägliche Geste. Bei den polnischen Meisterschaften 1970 überließ Szurkowski sein Rad Zygmunt Hanusik, dessen Pläne durch einen Defekt der eigenen Rennmaschine vereitelt worden wären, und so gewann Hanusik den Meistertitel. Szurkowski schätzte diese UNESCO-Auszeichnung ebenso sehr wie seine Siege, von denen es unzählige gab.

Ryszard Szurkowski, Weltmeister im Einzelrennen. Barcelona 1973

Ganz oben auf der Liste stand der am 1. September 1973 in Barcelona gewonnene Weltmeistertitel im Einzelrennen. Danach gab es zwei Weltmeistertitel im Teamrennen (1973 und 1975) sowie zwei olympische Silbermedaillen in derselben Disziplin (in München 1972 und 1976 in Montreal). Bei der Wahl zum besten Athleten in den (damals) bisherigen 30 Jahren des Bestehens der Volksrepublik Polen belegte Szurkowski 1974, hinter der Sprinterin Irena Szewińska, den zweiten Platz.

Szurkowski war zudem fünffacher polnischer Meister im Straßenrennen (1969, 1974/1975, 1978/1979) und polnischer Meister im Querfeldeinrennen 1968. Damit zählt er zu den größten Sportlern Polens im 20. Jahrhundert.

An den Rollstuhl gefesselt

Der Unfall in Köln hat all das überschattet. Szurkowski erinnerte sich später: „Computertomografie. Ich spürte, wie sie mein Hemd und meine Shorts zerschnitten. Danach schoben sie mich in den OP. Zuerst kam die Operation an der Wirbelsäule. Am nächsten Tag die zweite, wegen der Schädelverletzung. Nach einer Woche die Gesichtsrekonstruktion. Der Kiefer war an mehreren Stellen gebrochen, die Nase deformiert und die Lippe gequetscht. Die Operation hat über sieben Stunden gedauert. Die Chirurgin scherzte, dass sie ein neues Gesicht für mich machen müsse. Heute kann ich sagen, dass sie meine ursprüngliche Physiognomie mit Bravour wiederhergestellt hat“.

Briefmarken 6. Friedensfahrt 1953

Iwona Szurkowska, seit 2012 die dritte Ehefrau von Ryszard, hat ihre eigenen Erinnerungen an den Unfall. „In Köln wurde die Diagnose gestellt: Geschädigtes Rückenmark, Querschnittslähmung und nach der Gesichtsoperation war ich nicht sicher, ob mein Mann überhaupt überleben würde. Nach drei Wochen wurde er in die Rehaklinik in Herdecke verlegt. Zwei Monate später haben wir beschlossen nach Polen zurückzukehren.“

Ryszard Szurkowski. Mit 72 Jahren an den Rollstuhl gefesselt

Ein Sanitätsflugzeug brachte Szurkowski nach Warschau und von dort kam er in Polens beste Rehaklinik in dem nahegelegenen Konstancin. Drei Monate später folgte die Verlegung in eine auf seine Defizite noch besser spezialisierte Einrichtung in Kamień Pomorski/Cammin in Pommern unweit von Szczecin/Stettin.

Szurkowskis eiserner Wille sich bei den Rehaübungen ins Zeug zu legen brachte seine Trainer oft an die Grenzen der Belastbarkeit. Doch die Fortschritte blieben mäßig. Die Querschnittslähmung fesselte den einstigen Rad-Champion mit 72 Jahren dauerhaft an den Rollstuhl.

Schneller Fahrer, stiller Mitläufer

Szurkowski wurde 1946 im Dorf Świebodów/Frankenburg, Kreis Milicz/Militsch in Niederschlesien geboren. Hier lernte er als Teenager Fahrradfahren. Hier erfuhr er aus dem Polnischen Rundfunk zum ersten Mal von den Erfolgen Stanisław Królaks (1931-2009).

Stanisław Królak bei der Friedensfahrt 1958

Der Radrennfahrer aus Warschau gewann 1956 die Friedensfahrt, ein internationales Großereignis auf der Strecke zwischen Warschau, Prag und Ostberlin, das immer im Mai stattfand und bis in die späten Achtzigerjahre wahrscheinlich die größte Tour für Amateure in der Welt war. Es war, wenn man so will, das osteuropäische Pendant zur Tour de France, organisiert von den drei kommunistischen Parteizeitungen: „Trybuna Ludu“, „Rudé Právo“ und „Neues Deutschland“. Millionen Menschen im ganzen Ostblock fieberten an Rundfunkgeräten, später vor den Fernsehern und auch entlang der Renntrassen den Etappen- und Gesamtsiegen ihrer Nationalmannschaften entgegen.

Briefmarken 7. Friedensfahrt 1954

Królaks überbordende Popularität war nur mit der von Täve Schur in der DDR vergleichbar. Schur gewann die Friedensfahrt 1955 und 1959. Als Stanislaw Królak in dem für Polen denkwürdigen Jahr 1956 triumphierte (der Arbeiteraufstand in Poznań/Posen im Juni, der politische Durchbruch, weg vom Stalinismus, im Oktober und die Machtübernahme durch Wladyslaw Gomułka), wollten Hunderttausende polnische Jungs Radrennfahrer werden.

Briefmarken 8. Friedensfahrt 1955

Królak, der Warschauer Junge aus der Unterschicht, pfiffig und clever, ein geborener Überlebenskünstler und Schlingel, der im Krieg auf dem Schwarzen Markt bestens zurecht kam und etlichen deutschen Polizeirazzien im besetzten Warschau zu entkommen wusste, blieb auch als Rennrad-Idol ein auf sich bezogener Querkopf, der vor allem Geld machen wollte. Die kommunistische Staatsmacht hatte mit ihm deswegen so manches Hühnchen zu rupfen, gönnte ihm aber am Ende ein in einem Land der staatlichen Planwirtschaft seltenes Privileg, nämlich in Warschau ein eigenes, privates Fahrradgeschäft zu betreiben.

Täve Schur (im Vordergrund) bei einer DDR-Volkskammersitzung 1988

Schur und Szurkowski verbindet, dass sie sich vom kommunistischen System haben politisch vereinnahmen lassen. Schur war 32 Jahre lang FDJ- und SED-Abgeordneter im DDR-Scheinparlament, der Volkskammer, und vertrat vier Jahre lang die PDS im Bundestag. So manche Verherrlichung der DDR brachte ihm den öffentlichen Vorwurf der DDR-Dopingopfer ein, er sei eine „zentrale Propagandafigur des kriminellen DDR-Sports gewesen“, ein „notorischer Geschichtsleugner, der das missbräuchliche Tun im DDR-Sport banalisiert und die Opfer kalt diskreditiert habe.“

Ryszard Szurkowski am Hof der Macht. Der kommunistische Ministerpräsident Piotr Jaroszewicz empfängt den Sieger der Friedensfahrt 1975

Szurkowski ging nie so weit. Vor der Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei konnte er sich immerhin erfolgreich drücken, ließ sich aber vom Jaruzelski-Regime, für eine Legislaturperiode (1985-1989), im damaligen polnischen Pseudoparlament, dem Sejm, als „parteiloser Abgeordneter“ installieren und hob bei allen Abstimmungen „für die Sache des Sozialismus“ brav die Hand. Im Jahr 2005 stellten ihn die Postkommunisten als Kandidaten bei den Sejm-Wahlen auf, aber er fiel durch. Zehn Jahre später ließ sich der stille Mitläufer überreden und wurde Mitglied im Unterstützungskomitee des für eine zweite Amtsperiode kandidierenden postkommunistenfreundlichen Staatspräsidenten Bronisław Komorowski. Es half nichts, Komorowski verlor die Wahl.

Briefmarke 9. Friedensfahrt 1956

Szurkowski hat sich seine Zeit nicht ausgesucht, aber er hatte auch keinen Grund den Kommunismus zu hassen. Sein Talent wurde entdeckt, gefördert und gefeiert. Er meinte, sich dafür mit der einen oder anderen politischen Gefälligkeit bedanken zu müssen.

Doch der für seine tollkühne und äußerst offensive Fahrweise bekannte Radrennfahrer gab sich bei offiziellen Anlässen auffallend schüchtern, passiv, zurückgezogen, überfordert. Ein Statist, der die Politik über sich ergehen ließ und zusah, wie er schnellstmöglich wieder auf die Piste kam. Anders als der kommunistische Polit-Aktivist Täve Schur, war der gradlinige, politisch unerfahrene Szurkowski weder willens noch fähig für den Kommunismus öffentlichkeitswirksam eine Lanze zu brechen.

Briefmarken 10. Friedensfahrt 1957

Dafür hat er es in seiner aktiven Zeit geschafft, die Akademie für Leibeserziehung in Wrocław zu absolvieren. Sein Diplom wies ihn als Sportlehrer und Radsporttrainer aus.

Couch statt Preisgeld

„Ich wollte wie Królak sein: ein Fahrrad haben, Rennen gewinnen“, erinnerte sich Jahrzehnte später Szurkowski. Hartnäckig, wie er war, sparte der kleine Ryszard eisern, bis er sich mit 15 Jahren endlich das tschechische „Favorit“-Rennrad, den Traum aller jungen Królak-Nachahmer, leisten konnte.

Radrennen in der Provinz, in der er lebte, wurden damals von den Dorfsportclubs (poln. Abkürzung: LZS) aus Anlass des 1. Mai, des kommunistischen Nationalfeiertages am 22. Juli oder zum Erntedankfest im Frühherbst veranstaltet. Die Teilnehmer mussten sich selbst um alles kümmern: Fahrräder, Schläuche, Ersatzteile, Verpflegung. Szurkowskis erste Siegesprämie war eine 1,5 Kilogramm schwere Schinkenkonserve.

Diesmal hatte Ryszard Szurkowski (r. i. B.) kein Schwein. Es ging an einen DDR-Kollegen

Meistens waren es volkseigene Betriebe aus der Umgebung, die Preise für Etappensiege bei Radrennen beisteuerten. Das konnte ein Zelt, ein Feldbett, ein Bügeleisen, ein Stoffballen, ein Rundfunkgerät, eine Uhr sein. Manchmal waren es ein Paddelboot, eine Couch, ein Schrank oder sogar ein Ferkel, die der Sieger, notgedrungen, auf die Schnelle und meistens für billiges Geld veräußern musste, bevor er am nächsten Tag wieder aufs Rad stieg.

Briefmarken 15. Friedensfahrt 1962

Große Preise winkten nur bei den ganz großen Veranstaltungen, wie der Friedensfahrt. Ihr vierfacher Sieger Szurkowski erstrampelte sich jedes Mal einen Pkw: Einen Polski Fiat oder einen Skoda.

Ein Rohdiamant wird geschliffen

Der junge, gesunde, kräftige Szurkowski war ein geborenes Radrenntalent. Mit zwei Kumpels aus dem Dorf, die er überredet hatte diesen Sport zu betreiben, radelten sie endlos durch die Umgebung und träumten von den ganz großen Rennen. Wie ein Rohdiamant, dessen Qualität und Reinheit erst nach dem Schleifen und Polieren erkennbar wird, harrte Szurkowski am Anfang seiner Karriere eines Trainers, der seine Stärken fachmännisch fördert und formt, seine Schwächen ausbügelt.

Diese Zeit kam erst, als er zur Armee eingezogen wurde. Seine Einheit hatte man im Sommer 1966 auf einen Truppenübungsplatz in der Nähe von Radom verlegt. Der Kompanieführer erlaubte dem radbegeisterten Quälgeist Szurkowski aus einem Kurzurlaub sein Rennrad in die Einheit mitzubringen, erlaubte ihm auch, nach dem Dienst in der Umgebung zu fahren.

Ryszard Szurkowski (l. i. B) beim Wehrdienst 1965

So traf der einsame Radler eines Tages auf eine Gruppe trainierender Rennfahrer. Man kam ins Gespräch. Es waren Athleten des Sportklubs Radomiak aus der unweit gelegenen Stadt Radom mit ihrem Trainer Ryszard Swat. Szurkowski schloss sich dem Tross an. Eine Stunde später wusste Swat bereits, dass ihm das Schicksal ein ausgesuchtes Rennfahrertalent zugespielt hatte.

Jetzt galt es nur noch, sich mit dem Vorgesetzten des Kompanieführers, wie man in Polen sagt, „diesbezüglich an die Schanktheke zu lehnen“. Kurz darauf durfte Szurkowski nicht nur trainieren, sondern auch an Wochenenden Rennen fahren.

Briefmarke 20. Friedensfahrt 1967

Seine Motivation, seine Entschlossenheit, Sturheit und Hartnäckigkeit waren enorm. Als er die Armee nach dem zweijährigen Pflichtwehrdienst verließ, hatte er bereits einige wichtige sportliche Erfolge vorzuweisen. Von Radomiak wechselte er nun zum Sportverein Dolmel in Wrocław/Breslau.

Dolmel war die Abkürzung für Dolnośląskie Zakłady Wytwórcze Maszyn Elektrycznych – Niederschlesische Elektromaschinen-Produktionswerke. Der Großbetrieb entstand auf den Ruinen der während der erbitterten Kämpfe um die Festung Breslau zwischen Januar und Mai 1945 zerstörten deutschen Linke-Hofmann-Werke. Wie fast alle staatlichen Großfirmen im kommunistischen Polen hatte auch Dolmel einen Sportverein, und in diesem war besonders der Radsport sehr gut aufgestellt.

Ryszard Szurkowski zu Besuch zu Hause in seiner Dolmel-Zeit

Szurkowski, der nicht die leiseste Ahnung von Elektromaschinen hatte, bekam einen gutdotierten Arbeitsvertrag als Ingenieur und eine Wohnung zugeteilt, ein Gut, auf das der Normalbürger bis zu einem Vierteljahrhundert warten musste. Das war die Grundversorgung. Die Extras musste Szurkowski sich erstrampeln. Den Betrieb hat er von innen nie gesehen. So funktionierte das Prinzip Leistungssport im Kommunismus.

Der beste polnische Radrennfahrer aller Zeiten…

Seine Turbinenbau-Brotherren hat Szurkowski jedoch nie blamiert. Schon zwei Monate nach der Arbeitsaufnahme gewann der 22-jährige „Ingenieur“ im März 1968 die polnische Meisterschaft im Querfeldein-Radfahren. Das wiederum erregte die Aufmerksamkeit Henryk Łasaks (1932-1973), des Nationaltrainers und Begründers der größten Erfolge des polnischen Radsports, der Szurkowski von da an unter seine Fittiche nahm.

Briefmarke 25. Friedensfahrt 1972

Seitdem hagelte es Medaillen und Rekorde, von denen eingangs schon die Rede war. Szurkowski galt als der polnische Eddy Merckx. Er konnte sich allerdings nur einmal, 1974 beim Rennen Paris-Nizza, bei dem eine polnische Mannschaft mit einer Ausnahmegenehmigung zugelassen worden war, unmittelbar mit ihm messen. Normalerweise durften die „Berufsamateure“ aus dem Ostblock bei Profirennen im Westen nicht antreten. Im Warschauer Stadtteil Wola, in der Ciołka-Straße 35, wo der Weltmeister aus Barcelona seinen Fahrradladen hatte, nahm das Foto, auf dem Szurkowski gemeinsam mit Merckx zu sehen ist den Ehrenplatz ein.

Sein Umzug von Wrocław nach Warschau, wo er beim Sportverein KS Polonia angeheuert hatte, fand bereits Mitte der Siebzigerjahre statt.

Der beste polnische Radrennfahrer aller Zeiten widmete zwanzig Jahre seines Lebens, von 1964 bis 1984, dem Radsport. Zusammengezählt fuhr er zwei Jahre lang ununterbrochen Rennen. In dieser Zeit hat er etwa eine halbe Million Kilometer auf dem Fahrrad zurückgelegt. Er stand siebenhundert Mal auf dem Podest, davon 350 Mal als Sieger.

Briefmarke 30. Friedensfahrt 1977

Szurkowski war 38 Jahre alt, als er seine professionelle Karriere endgültig an den Nagel hängte. Vier Jahre lang trainierte er die polnische Rennrad-Nationalmannschaft. Er legte sein Amt nieder, als ihm das ständige Kämpfen um bessere Ausrüstung, um Trainingsmöglichkeiten in warmen Ländern, während Polen in nasskalten Wintern versank, zu viel wurde. Das wirtschaftlich schwer angeschlagene kommunistische Land hatte keine harten Devisen dafür.

Ryszard Szurkowskis Warschauer Radsportgeschäft

2010 nahm er noch für ein Jahr das Präsidentenamt im Polnischen Radsportverband an. Er war fit, fuhr aus Spaß an der Freude bei verschiedenen Amateurrennen mit, das Radsportgeschäft lief gut, ab und zu flatterte ein gut bezahlter Werbeauftrag ins Haus.

Ryszard Szurkowskis Sohn Norbert kam mit 31 Jahren beim Anschlag  auf das World Trade Center am 11.09.2001 ums Leben

In all dem ging fast völlig unter, dass ihn, bevor er Mitte 2018 an den Rollstuhl gefesselt wurde, ein anderer persönlicher Schicksalsschlag ereilt hatte.

Norbert Szurkowskis Name auf der Gedenktafel für die Opfer des Terroranschlags auf die WTC-Türme am 11.09.2001

Am 11. September 2001 kam sein Sohn aus zweiter Ehe, der 31-jährige Norbert Szurkowski, im 104. Stock eines der Türme des New Yorker World Trade Center, infolge des Terror-Anschlags ums Leben. Norberts Leiche wurde nie gefunden. Es gab keine Beerdigung, er hat kein Grab. Zäh wie er war, ließ sich der große Radrennfahrer nichts anmerken, er behielt diese Tragödie für sich.

… und die größte Persönlichkeit des polnischen Radsports

Szurkowski blieb bis zuletzt die größte Persönlichkeit des polnischen Radsports. Jedes Gespräch mit ihm war interessant, brachte neue Einsichten zutage im Hinblick auf den Sport als solchen und den Radsport im Besonderen. Er mochte Journalisten und sie respektieren ihn. Sein Wissen um die Probleme des Radsports, über die Trainingsmethoden, Ernährungsregeln, die  Dopingbekämpfung war bewundernswert.

Mit dem westlichen Profi-Radrennsport kam er während seiner „Berufsamateur“-Zeit in Polen nur einmal in Berührung. 1974 wollten sich die westeuropäischen Profis unbedingt mit dem polnischen „Wunderteam“ messen. Ryszard Szurkowski, der  damals  amtierende Weltmeister im Einzelrennen, und seine Kollegen bekamen ausnahmsweise die Erlaubnis, an dem Straßenradrennen Paris-Nizza teilzunehmen.

Am Ziel der ersten Etappe in Paris am 10. März 1974 war Szurkowski Zweiter hinter Eddy Merckx. Danach stand er noch zweimal auf dem Podium der Etappensieger und belegte am Ende den 28. Platz. Merckx wurde Dritter.  Auf Anhieb unter den weltbesten dreißig des Profi-Radrennsports zu landen, war für einen in diesem sehr spezifischen Metier unerfahrenen Ostblock-Berufsamateur ein Erfolg der sich sehen ließ.

10. März 1974. Eddy Merckx gewinnt knapp vor Ryszard Szurkowski (2 v. l. i. B.) die erste Etappe des Straßenradrennens Paris-Nizza

Die großen Rennen der Welt: Tour de France, Giro d’Italia, Vuelta a Espana verfolgte Szurkowski auf seine alten Tage aufmerksam, aber ohne Freude. Zu wenig Radsportfantasie, Spontaneität, Bravour zeichnete sie nach seinem Geschmack aus, dafür viel Langeweile. Heute, sagte er oft, entscheidet im Rennsport nur das Geld. Es gibt spektakuläre Siege, bei denen manche Straßenmeister zum Doping greifen.

Den heutigen Profi-Radsport beobachtete er sehr kritisch. Wenn ein Sponsor dutzendweise die besten Fahrer kauft, pflegte Szurkowski auf seine alten Tage zu sagen, hat er nichts zu verlieren. Die einen kauft er, damit sie auf der Zielgeraden gewinnen. Andere heuert er an, um in den Bergen zu triumphieren. Der Rest ist dazu da, um zu helfen. Alles ist arrangiert, geplant, nicht so wie zu seiner Zeit, als Kühnheit, Freude am Fahren, Mut und Unberechenbarkeit der Radfahrer auf der Strecke und im Ziel Millionen von Fans begeisterten.

Ryszrad Szurkowski, ein zäher, fast könnte man glauben, ein unverwüstlicher Kämpfer auf den Rennstrecken Europas und Meister der Sprintankunft, der die schönste Epoche in der Geschichte des Radsports entscheidend mitgeprägt hat, ist mit 75 Jahren seinem Krebsleiden erlegen.

Staaspräsident Andrzej Duda zeichnete ihn postum mit dem Großkreuz des Ordens Polonia Restituta (Orden der Wiedergeburt Polens) aus. Es ist, nach dem Orden des Weißen Adlers, die zweithöchste zivile Auszeichnung der Republik Polen.

Ryszard Szurkowski fand seine letzte Ruhestätte im Familiengrab auf dem Friedhof von Wierzchowice/Wirschkowitz in Niederschlesien, drei Kilometer entfernt von seinem Geburtsort Świebodów.

© RdP




Begabt, bekannt, arrogant

Am 21. März 2021 starb Adam Zagajewski.

Er war zweifelsohne ein herausragender Dichter. Nach Außen gab Adam Zagajewski zudem gekonnt den besonnenen und vornehmen Poeten. Für das traditionelle Polen und seine Menschen jedoch empfand der sonst so umsichtige Feinarbeiter des Wortes lediglich Verachtung.

Dabei war er nur ein Funke eines großen Problems. Durch die politische Landschaft Polens verläuft nämlich seit dem 19. Jahrhundert eine dicke Trennlinie. Sie spaltet das Land in eine „weltoffene“ Intelligenz, die seit Generationen Polen nach dem Kopieren-Einsetzen-Prinzip modernisieren möchte. Die „Weltoffenen“, zu denen Zagajewski zählte, schämen sich zutiefst des angeblichen Provinzialismus der Bevölkerungsmehrheit, über die sie immer wieder überheblich ihre Verachtung und Häme ausschütten.

Das Kolonialfeldwebel-Syndrom

Die Scham der „Modernisierer“ erweckt alles, was sie für „uneuropäisch“ halten. Da ist die verbreitete Religiosität mit all ihren ins Auge stechenden Merkmalen. Das Festhalten an der traditionellen Familie. Die polnische Geschichte, die sich in der vermeintlich sinnlosen Aufopferung in den Freiheitskämpfen erschöpft.

Da Polen angeblich zumeist von nicht, bzw. nicht genügend „modernisierten“ Menschen bewohnt wird, ist es für die „Modernisierer“ „uninteressant, trostlos, provinziell“. So formulierte es einer von ihnen, Andrzej Stasiuk, ein in Deutschland viel gefeierter Schriftsteller und um eine brutale Polen-Schelte nie verlegen.

„Die Welt ist an Polen nicht interessiert. Wieviel kann man sich anhören über Marie Curie-Skłodowska und Johannes Paul II., umso mehr als für den Zweiten das Verfallsdatum schon allmählich abzulaufen scheint. Wir haben natürlich Auschwitz, ein Objekt von Weltrang, aber das haben uns die Deutschen gebaut. So gesehen gibt es bei uns nichts Besonderes“, so Stasiuk, („Gazeta Wyborcza“, 30.04.2021).

Viele der „Modernisierer“: Künstler, Wissenschaftler, Ingenieure, Manager, Sportler, Journalisten leiden am Kolonialfeldwebel-Syndrom

Keiner hasste seine schwarzen, halbnackten Miteingeborenen, die vor ihren palmenblattgedeckten Lehmhütten im Rhythmus der Tam-Tams hüpften mehr, als der schwarze Kolonialfeldwebel. Stets brav und treu zu Diensten, auf der aufgeblähten Brust an der Kolonialuniform die Tapferkeitsmedaille tragend, wähnte er sich den Weißen gleich.

Leider kamen ihm immer wieder seine „peinlichen“, „wilden“ Landsleute in die Quere. Von den Kolonialherren verachtet, verhöhnt und ausgebeutet, „blamierten“ sie ihn. Sie führten ihm immer wieder schmerzhaft und demütigend die eigene Herkunft und Zugehörigkeit vor Augen, die er zu verdrängen suchte. Umso tiefer buckelte er nach oben und umso heftiger trat er nach unten.

So ist es auch mit den Eingeborenen in Andrzej Stasiuks „uninteressantem, trostlosem, provinziellem“ Polen. Sie machen alles falsch: sie wählen falsch, sie wollen keine islamischen Migranten aufnehmen, sie reden von der Tötung ungeborener Kinder, sie wollen ihre Steinkohlebergwerke nicht von heute auf morgen schließen und, und, und… Die „Modernisierer“ schämen sich zutiefst für dieses „peinliche“ Polen. Soziologen sprechen von einer „Pädagogik der Scham“, und die wirkt.

Dieses „peinliche“ Polen ist ein Stachel im Fleisch Stasiuks und vieler anderer, mit Preisen, Stipendien und Lesereisen entlohnter polnischer Künstler, Wissenschaftler, Sportler etc. Folglich ziehen sie in Wort und Schrift über das eigene Land her und das deutsche u. a. ausländische Publikum nimmt es wohlwollend wahr.

Das gehört zum Geschäft, bringt noch mehr Preise, Stipendien, Lesereisen, Auflagen und Aufträge ein. Wer sich vor das vermeintlich „peinliche“ Polen stellt, mag er noch so begabt sein, vergibt die Chance auf diese Meriten des Erfolgs.

Zagajewski war einer von ihnen 

Auch Adam Zagajewski litt an diesem Syndrom, machte sich das Benehmen der daran Leidenden zu eigen. Was nicht die Tatsache verschleiern soll, dass er als ein ernsthafter Anwärter auf den Literaturnobelpreis galt. Leider stand die nicht selten erlesene Qualität seines literarischen Schaffens im krassen Widerspruch zum erbärmlich arroganten Niveau seiner politischen Stellungnahmen.

Sein Urteil über Polens ehemalige Ministerpräsidentin Beata Szydło von 2019 soll hier nur als Beispiel angeführt werden: „Frau Szydło ist das Ideal der Menschlichkeit für eine halbe Million Menschen.“ (Szydło hatte bei den Europawahlen 2017 historisch das landesweit mit Abstand beste Ergebnis von 525.000 Stimmen erzielt – Anm. RdP). „Sie spricht keine Fremdsprachen, sie kleidet sich schrecklich, sie redet wie eine Kindergärtnerin in depressivem Zustand, offensichtlich treibt sie keinen Sport und liest keine Abhandlungen von Carl Schmitt, wie es ihr geheimnisvollerer Chef (Jarosław Kaczyński – Anm. RdP) tut, aber sie gefällt.“

Von seinen Verehrern, die ansonsten auf Schritt und Tritt Frauenfeindlichkeit und männlichen Chauvinismus wittern, bekam Zagajewski für diese Aussage viel Beifall.

Und Polen heutzutage? „Polen ist schrecklich“. „Ein Auswurf Europas“. „In der Provinz geht es noch zu wie im 19. Jahrhundert“. „Die Kirche ist eine Katastrophe“ usw., usf.

Im Viehwaggon nach Gleiwitz

Er kam, knapp zwei Monate nach Kriegsende, im Juni 1945 in Lwów/Lemberg zur Welt. Im Juli 1944 hatte die Rote Armee die deutschen Truppen aus der polnischen Stadt verdrängt. Zusammen mit der Hälfte des polnischen Staatsgebietes aus der Vorkriegszeit wurde Lwów 1945 der Sowjetunion zugeschlagen. Mit Repressalien, brutalem Entzug ihrer Existenzgrundlagen und Gewalt, trieben die Sowjets die polnischen Bewohner in das neue, kommunistische Polen.

Was damals in Lemberg vor sich ging, können Sie hier in unserem Beitrag „Das Ende des polnischen Lwów“ nachlesen.

Lwów 30. Juli 1944. Tribüne vor der Oper während der Kundgebung für die „befreiten Volksmassen“.

Die Polen in Lwów hatten viel durchgemacht: „die grausame Wehrmacht in kleidsamen Uniformen,/ der niederträchtige NKWD kommt, rote Sterne/ versprechen Freundschaft, bringen aber Verrat“, dichtete Zagajewski Jahrzehnte später.

Viele von ihnen verdrängten das sich anbahnende Unheil: „Sie sehen das nicht, sehen es fast nicht,/ haben so viele Dinge zu erledigen, man muss/ Kohle für den Winter besorgen, einen guten Arzt finden“, und so geht es weiter, immer weiter, das Leben verrinnt in alltäglichen Mühen, selbst die Toten „sind ständig verspätet, hoffnungslos verspätet,/ so wie wir, genau wie wir, wie ich“. Bis nur noch eine Möglichkeit blieb der Unerträglichkeit des Seins unter den Sowjets zu entkommen: sich für den Abtransport anzumelden.

Ulica Piaskowa im polnischen Lwów vor dem Zweiten Weltkrieg.

Auch der Familie Zagajewski blieb im Oktober 1945 nichts anderes übrig als ihre Wohnung in der ulica Piaskowa 10 (heute Piskowa, Sandstrasse) zu räumen. Mit dem viermonatigen Adam auf dem Arm und seiner älteren Schwester Ewa an der Hand, gelangten Vater Tadeusz, Mutter Ludwika, der Großvater und zwei Tanten nach einer viele Tage dauernden Bahnfahrt in einem Viehwaggon nach Gleiwitz.

Seit einigen Monaten hieß die Stadt offiziell Gliwice. Vor dem Zweiten Weltkrieg lag sie auf der deutschen Seite, direkt an der Grenze, die Oberschlesien in einen deutschen und in einen polnischen Teil spaltete. Hier täuschten die Nazis am Abend des 31. August 1939 den „polnischen Bandenüberfall auf den Sender Gleiwitz“ vor, der ihnen den Vorwand zum Einmarsch in Polen liefern sollte.

In der viertgrößten Stadt Oberschlesiens wohnten bis in die späten Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts, trotz der Massenflucht vor der Roten Armee und trotz der Aussiedlungen unmittelbar nach dem Krieg, immer noch etliche Deutsche, nun mit polnischer Staatsangehörigkeit. Als Spätaussiedler durften sie ab Mitte der Fünfzigerjahre nach und nach in die Bundesrepublik ausreisen.

„Meine ersten Worte waren auf Deutsch“

Adams Kindermädchen war eine von ihnen. „Eine reizende junge Frau, die zur Freundin der Familie wurde. Meine Eltern sagten mir immer, die ersten Worte, die ich sprach, waren auf Deutsch, weil ich mit dem Kindermädchen so viel Zeit verbrachte“, erinnerte sich Zagajewski Jahrzehnte später in einem Zeitungsinterview. Sein Großvater, ein polnischer k.u.k-Beamter aus der Zeit vor 1918, als Lwów österreichisch war, sprach hervorragend Deutsch und setzte das Werk des Kindermädchens fort.

Gliwice in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts.

Später kokettierte Zagajewski in Deutschland publikumswirksam damit, er habe Deutsch mühevoll, von Grund auf, bei der Lektüre von Günter Grass „Blechtrommel“ gelernt. Das sollte Anfang der Sechzigerjahre geschehen sein. Damals hatte die Parteipropaganda im kommunistischen Polen das Buch als dekadent und die Polen beleidigend eingestuft. Nur einige wenige deutschsprachige, eingeschmuggelte Exemplare kursierten im Untergrund. An eine polnische Übersetzung war damals nicht zu denken.

„Deutsch lernen mit Oskar Matzerath, mit wilder, überbordender Literatur also, die die Anstrengung mit Genuss belohnt“, tönte es aus dem deutschen Blätterwald in einem der vielen hochtrabenden Nachrufe auf den Dichter. Eine selbstgemachte Legende begleitete Zagajewski ins Jenseits, von ihm erdichtet für die in der FAZ abgedruckte „Lobrede auf einen strengen Deutschlehrer“ Günter Grass, als dieser 1999 den Literaturnobelpreis verliehen bekam.

Die deutsche Sprache und die deutsche Lebensweise begleiteten ihn von klein auf in Gliwice. „Ich bin in einer ehemalig deutschen Stadt aufgewachsen; fast alles in der Welt meiner Kindheit sah deutsch aus und roch auch so. Der Kohl schien deutsch zu sein, die Bäume und Mauern erinnerten an Bismarck, die Drosseln sangen mit teutonischem Akzent. Meine Schule hätte in jedem Berliner Vorort stehen können; der preußische Backsteinbau war rot wie die Lippen der Wagner-Sänger.“

1953 mit Mutter Ludwika und Schwester Ewa in Gliwice.

Dem Großvater und den Eltern war das triste, von Industrie und rußgeschwärzter, behäbiger wilhelminischer Architektur geprägte Gliwice schlicht zuwider. Die Sehnsucht nach der verlorenen Lemberger Heimat überschattete alles. „Meine Mutter weinte als sie durch Gliwice ging“, erinnerte sich Zagajewski. Er war auch viel mit dem Großvater unterwegs. „In Wirklichkeit spazierten wir durch zwei verschiedene Städte. Ich lief durch Gliwice, er durch Lemberg“.

Der junge Zagajewski hatte keine Erinnerungen an Lwów. Gliwice war im Grunde seine Geburtsstadt. Ohne Berührungsängste tauchte er in sie ein, fand sie rätselhaft, spannend, konnte sie aufgrund seiner erlernten Deutschkenntnisse entschlüsseln, nachvollziehen. interpretieren. Das vermochten die meisten polnischen Neuankömmlinge nicht. Sie wollten es auch gar nicht, nach dem Horror der deutschen Besatzungszeit.

Zagajewskis Deutsch wurde noch besser, nachdem er gut ein Jahr, von März 1979 bis September 1981 in Westberlin gelebt hatte. Ausgestattet mit einem üppigen Literaturstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) konnte er sich ohne Weiteres einen gebrauchten VW-Käfer und einen dreimonatigen Abstecher in die USA leisten.

Seit der Westberliner Zeit war Zagajewski in den westdeutschen Literaturbetrieb fest eingebunden. Seine welthaltigen und gedankenvollen“ Gedichte, wie sie die deutsche Kritik charakterisierte, aber auch seine Essays wurden fortlaufend übersetzt, verlegt und zumeist enthusiastisch besprochen. Im Juni 2015 wurde er sogar in die Reihen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen, obwohl er ausschließlich auf Polnisch dichtete.

Zagajewski, das Hätschelkind der Partei auf Abwegen

Als er 1979 auf der Großstadtinsel Westberlin ankam, war ihm seit etwa vier Jahren jedwede öffentliche Aufmerksamkeit im kommunistischen Polen versagt geblieben. Zagajewski hatte bereits seit Ende 1975 und dann bis etwa 1988, als das System zunehmend schwächelte, Publikationsverbot im kommunistischen Polen. Er war aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen worden und hatte seine Stelle als Marxismus-Dozent verloren. Sein Name durfte in den Medien nicht erwähnt werden.

Das war die gängige Strafe für Autoren, wenn sie politisch ausbüxten. Und als Mitunterzeichner des Protestbriefes von 59 Intellektuellen, die sich Ende 1975 gegen die von den regierenden Kommunisten fest ins Auge gefassten Verfassungsänderungen stellten, zählte Zagajewski nun zu diesem Kreis.

Polens kommunistische Verfassung stammte aus dem Jahr 1952. Jetzt ging es darum die „führende Rolle der kommunistischen Partei im Staate“ und das „dauerhafte und unverbrüchliche Bündnis mit der Sowjetunion“ nachträglich darin aufzunehmen und diese beiden Prinzipien somit in den Rang unumstößlicher Verfassungsnormen zu hieven.

Ob in der Verfassung verankert oder nicht, die Partei entschied sowieso über alles, und Polen war damals ohnehin eine sowjetrussische Kolonie. Dennoch stießen die geplanten kommunistischen Verfassungsnovellen Ende 1975 auf tatkräftigen Widerstand regimekritischer Intellektueller und der katholischen Kirche.

Verhindern konnten sie es nicht. In einer Diktatur ist es jedoch stets wichtig Zeichen zu setzen, Zeugnis abzulegen, den aufrechten Gang zu gehen, in der Hoffnung, die eingeschüchterte Gesellschaft wird sich das irgendwann auch trauen. Knapp fünf Jahre später, im Sommer 1980, waren die Polen  so weit, sie erstreikten sich Solidarność .

Als Zagajewski Ende 1975 den Protestbrief der 59 unterschrieb, war er dreißig Jahre alt. Damals ein schon durchaus bekannter, moderner Dichter, der sich hoffnungsfroh auf den Kommunismus eingelassen hatte und sich nun von ihm düpiert sah.

Daraus zog er mit seiner Unterschrift die Konsequenzen. Das Publikationsverbot in Kauf nehmend, meldete sich Zagajewski Ende 1975 bewusst vom offiziellen Literaturbetrieb ab und begab sich in die Grauzone des Samisdat (aus dem Russsichen: Eigenauflage, Selbstverlag), die sich in Polen in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre schnell ausbreitete.

Zunächst auf Schreibmaschinen mit Durchschlägen abgetippt, später auf primitiven Matrizendruckern vervielfältigt, kreisten unter der Hand immer mehr Einzeltexte, Broschüren, in grobe Pappdeckel gebundene Bücher, Periodika mit Inhalten die offiziell nicht erlaubt waren. Oft nur schwer leserlich, weil notgedrungen auf schlechtem Papier klein gedruckt, um mehr Inhalt unterzubringen, bildeten sie den „zweiten Umlauf“. Er unterspülte zunehmend das staatliche Meinungsmonopol, auch wenn die Staatssicherheit alles in ihrer Macht stehende tat, um das zu verhindern.

Untergrundzeitschrift „Zapis“.

Zagajewski war einer der Begründer und Redakteure der wichtigsten kulturpolitischen Zeitschrift des „zweiten Umlaufs“, „Zapis“ („Niederschrift“). Er unterschrieb weitere Protestschreiben, hielt im Auftrag des 1978 ins Leben gerufenen Verbandes Wissenschaftlicher Kurse (TKN) Vorlesungen in Privatwohnungen vor älteren Schülern und Studenten.

Diese unabhängige Bildungsinitiative entstand, um die unzähligen, ideologisch bedingten Auslassungen, Verdrehungen und Fälschungen im offiziellen Geschichts- und Literaturunterricht zu korrigieren. Es war kein ungefährliches Unterfangen. Die Staatssicherheit sprengte die Veranstaltungen, wenn sie von ihnen erfuhr. Teilnehmer wurden eingeschüchtert, Wohnungsinhaber mit Geldstrafen belegt, Referenten vorläufig festgenommen und dauerhaft bespitzelt. Die organisierten Repressalien trugen den Stasi-Decknamen „Pegasus“.

Vor allem jedoch schrieb Zagajewski weiterhin seine Gedichte und Essays. Sie erschienen im „zweiten Umlauf“ und, in den Westen hinausgeschmuggelt, in polnischen Exilverlagen in Paris und London. Das originelle Werk des Dichters und Dissidenten aus dem kommunistischen Polen weckte Neugier jenseits des Eisernen Vorhangs. Erste Übersetzungen brachten dem Autor Devisen-Tantiemen ein, von denen er auskömmlich existieren konnte, trotz des Publikationsverbotes in Polen.

Hinzu kamen erste, mehr oder minder dotierte ausländische Literatur-Auszeichnungen. Zudem unterstützte Vater Tadeusz, ein angesehener Professor für elektrische Installationen an der Technischen Hochschule in Gliwice seinen Sohn regelmäßig. Etwas Geld gab es auch für das Korrigieren der Druckvorlagen bei der katholischen Monatszeitschrift „Więź“ („Bindung“).

Die Staatssicherheit behielt von nun an ein wachsames Auge auf Zagajewski. Im Jahr 1976 legte sie eine Akte über ihn an (Vorgang „Cichy“ – „der Stille“) und ließ ihn durch Informelle Mitarbeiter (IM’s) bespitzeln.

So lebte Zagajewski fünf Jahre lang in Kraków, bis ihm die Behörden im März 1979 erlaubten, als DAAD-Stipendiat, nach Westberlin zu gehen, in der Hoffnung, er werde ihnen den Gefallen tun und für immer im Westen bleiben.

Über Zagajewskis Dissidenten-Zeit wissen wir gut Bescheid. In den folgenden Jahrzehnten ließ er sich in Interviews immer wieder gerne ausführlich darüber aus. Wenn es jedoch um die Zeit davor ging, gab er sich ausgesprochen wortkarg und nebulös, wiegelte ab und verharmloste.

Die Partei züchtet eine neue Elite

Mit achtzehn Jahren ging der Gliwicer Abiturient Adam Zagajewski 1963 nach Kraków, in die Stadt der Jagiellonen Universität, um Psychologie und Philosophie zu studieren. Später beschrieb er, wie er sich mit einer Sondergenehmigung in der Jagiellonen-Bibliothek durch verbotene Literatur las, darunter die Essays und Gedichte des polnischen Exilpoeten und späteren, Literaturnobelpreisträgers von 1980, Czesław Miłosz. Ein weiterer Beweis seines Ungehorsams sollte damit erbracht werden.

Doch in Wirklichkeit durchlebte Zagajewski zwischen Mitte der Sechziger und Anfang der Siebzigerjahre eine Phase der Begeisterung für den Marxismus. Er ging zudem jahrelang den Kommunisten willig zur Hand bei ihrem Bestreben eine neue, junge kommunistische intellektuelle Elite heranzuzüchten.

Der Massenterror, die Verherrlichung der Stoßarbeit, der pompöse sozialistische Realismus als einzige zulässige Stilrichtung in Literatur, Dichtung, Malerei, Musik, Bildhauerei, Architektur hatten nach Stalins Tod 1953 im ganzen Ostblock rasch ausgedient. In Polen brachte das politische Tauwetter Mitte der Fünfzigerjahre den Eispanzer des dogmatischen Kommunismus am weitesten zum Schmelzen.

Trotz aller Abschottung, auch ohne Fax, Internet, Handy und Satelliten-TV, schwappten nun die westlichen Moden und Trends auf die polnische Jugend jener Zeit in einem Ausmaß über, der die nachstalinistische Parteiführung unter Władysław Gomułka händeringend nach neuen Formen der ideologischen Vereinnahmung suchen ließ.

Amerikanischer Jazz und die britische Beatmusik, der französische Nouveau Roman, die französische Nouvelle Vague (Neue Welle), der späte italienische Neorealismus und New-Hollywood im Kino, Becketts Theater des Absurden und vieles mehr, was aus dem Westen an geistigen Anregungen kam, saugten die jungen angehenden oder gerade gewordenen polnischen Intellektuellen förmlich in sich auf. Damit einher ging ein lockerer Lebensstil, viel aufgesetzter Nihilismus, eine offen zur Schau getragene Distanz zum kommunistischen System.

Die polnischen Genossen wollten nicht nur zu Verboten greifen, wie es in Ulbrichts DDR oder in der Tschechoslowakei üblich war. Eine neue, geistige Elite sollte der beunruhigenden Entwicklung Einhalt gebieten. Junge, leger auftretende, Pfeife rauchende, langhaarige Brillenträger: Dichter, Schriftsteller, Philosophen, Künstler, allesamt „moderne Marxisten“, die sich in Hochschulkreisen als Meinungsführer hervortaten, gingen seit Anfang der Sechzigerjahre den kommunistischen Kulturfunktionären reihenweise auf den Leim.

Marxismus aller Schattierungen stand damals hoch im Kurs in den Hörsälen und Studentencafés von Paris, Rom, Frankfurt am Main. Polens linke junge Elite, die sich auch das zum Vorbild nahm, war so ein gefundenes Fressen für die gewieften Apparatschiks.

Sie verlangten kein stumpfsinniges Nachbeten leninistischer Dogmen mehr. Wer den Theorien der Italo-Marxisten Antonio Labriola und Antonio Gramsci, dem Schaffen György Lucács, der Frankfurter Schule oder gar der von Stalin verfemten Rosa Luxemburg nachhing, durfte das ruhig im stillen Kämmerlein und in verqualmten Studentenbuden tun. Was davon nach Außen drang bestimmte ohnehin die Zensur.

„Im russischen Birkenwald“. Auf der Startbahn zur Dichterkarriere

Die Partei streckte den jungen Dichtern ihre Hand entgegen. Ein weitgespanntes Netzwerk von Poesiewettbewerben sollte möglichst unauffällig parteigenehme Talente herausfiltern, fördern, formen. Was man in solchen Wettbewerben gewinnen konnte war für junge, erfolgshungrige Lyriker sehr verlockend: ein Stipendium, die Veröffentlichung des ersten Gedichtbandes, die Publikation des Poesiedebüts in einer angesehenen Literaturzeitschrift. Das waren die Startbahnen zu Dichterkarrieren.

Ausgerichtet haben diese Wettbewerbe bezeichnenderweise Institutionen, wie die Gesellschaft für Polnisch-Sowjetische Freundschaft, das Lenin-Museum in Warschau, das Warschauer Haus der Sowjetischen Kultur, das Museum der Geschichte der Arbeiterbewegung, der Zentralrat der Gewerkschaften oder gar die Politische Hauptverwaltung der Armee.

Gefragt waren keine einprägsamen revolutionären Reimereien. Der „revolutionäre Inhalt“ durfte ruhig „modern“ sein, verpackt in Blankverse, verklausuliert, gespickt mit Parabeln, freien Assoziationen, Andeutungen. Wie in Zagajewskis Gedicht „Die Paradoxa der Eleaten“, in dem er die Allmacht der bolschewistischen Revolution besingt, die angeblich im Nu Probleme bewältigt, vor denen zuvor die geballte Intelligenz der Menschheit versagt hat:

„In einem alten Film aus der Zeit der Revolution/ bewegen sich die Soldaten/ mit dem unbedarften Schritt Chaplins/ der ein Schauspieler ist/ Schnell durchschreiten sie die Leinwand/ mit den Armen wackelnd/ Doch sie sind es/ die die Paradoxa der Eleaten gelöst haben/ Im russischen Birkenwald/ hat Achilleus die Schildkröte eingeholt (…).“

Eine andere Hauptperson der Neuen Welle, wie sich die modernen Dichter-Marxisten nannten, Julian Kornhauser, besang Lenin, der im Pariser Exil „das Haus auf Zehenspitzen verläßt, um die Frau des künftigen Bildungsministers (und seines bolschewistischen Kampfgefährten Lunatscharski – Anm. RdP) nicht zu wecken.“

Derselbe Kornhauser dichtete: „Um Gottes Willen tötet Rosa Luxemburg/ auf eine Weise die zu Studien über den Realismus der Revolution/ veranlasst, stecht die Augen mit dem ungewöhnlichen Glanz/ Deutschlands aus, reißt die Haare aus, deren laue Weichheit/ dazu dienen wird übernatürliche Kräfte nachzuweisen/ zertretet das von Lenin geküsste Gesicht (…).“

Stanisław Barańczak, eine weitere wichtige Gestalt der „modernen“ marxistischen Neuen Welle, verkündete 1971 in dem Manifest der Dichtergruppe mit dem Titel „Mißtrauisch und Eingebildet“: „Der Marxismus ist die romantischste Philosophie aller Zeiten.“, „Es ist die lebendigste Philosophie, die jemals entstanden ist.“, „Im marxistischen System stellt die Dialektik das Regelwerk der Entwicklung ausnahmslos aller Bereiche bereit, angefangen beim materiellen Dasein bis hin zur Gesellschaft und dem Denken.“

Wen die wachsamen Juroren durch das Sieb der staatlich gelenkten Dichterwettbewerbe durchrutschen ließen, der konnte weiterhin für sich allein an seinen Strophen feilen.

Wer sich „modern engagiert“ zeigte, wurde eingeladen zu „Dichtersymposien“, veranstaltet vom kommunistischen Jugendverband ZMS und zu „Beratungen der Jungliteraten mit der Leitung der Kulturabteilung des Zentralkomitees“ der kommunistischen Partei. In Berichten von diesen Veranstaltungen aus den Jahren 1968 bis 1973 tauchen immer wieder dieselben Namen von Rednern und den aktivsten Diskussionsteilnehmern auf: Barańczak, Zagajewski, Kornhauser, Karasek u. e. m.

Studentenunruhen in Warschau im März 1968.

Jahre später zeigte sich Zagajewski immer wieder bestürzt über die brutale Unterdrückung der studentischen Massenproteste im März 1968 in Warschau, Krakau und einigen anderen Städten sowie die darauf folgenden Repressalien. Wie sich damals diese Bestürzung und die gleichzeitige vertrauensvolle Nähe zum Regime vereinbaren ließen, blieb Zagajewskis Geheimnis.

Dozent für Marxismus, Dichter für Propaganda

Sehr weit konnte es seinerzeit jedenfalls mit der Jahrzehnte später immer wieder beteuerten Distanz zum System nicht gewesen sein. Zagajewski trat in die regierende kommunistische Polnische Vereinigte Arbeiterpartei ein. Mit gerade einmal 24 Jahren bekam er 1969 eine Stelle am Lehrstuhl für Marxistische Philosophie am Institut der Sozialwissenschaften der Krakauer Akademie für Bergbau und Hüttenwesen.

Hauptgebäude der Krakauer Akademie für Bergbau und Hüttenwesen. Erbaut 1935.

Marxistische Philosophie war, genauso wie Russisch, im kommunistischen Polen ein Pflichtfach in allen Studienrichtungen und ein wichtiges Mittel der ideologischen Abrichtung der Jugend. Ob angehender Tierarzt, Volkswirt oder Astronom, ohne eine belegte Marxismus-Prüfung gab es kein Diplom. Zagajewski wurde damals dafür bezahlt, künftigen Ingenieuren die allseits nicht gemochte Ideologie einzutrichtern.

Marxismus-Dozent Adam Zagajewski Anfang der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts.

Wer heute in den vergilbten Ausgaben der in Krakau erscheinenden Zeitschrift „Student“ (Motto auf der Titelseite: „Wir kämpfen für das Wohl des sozialistischen Vaterlandes“) von Anfang der Siebzigerjahre blättert, findet hie und da einen Beitrag des Marxismus-Dozenten Zagajewski. Neben extrem hochgestochenen Kurzessays über Gabriel Marcel und Marcel Proust, gibt es auch aktuell Politisches.

Arbeiterrevolte in den Küstenstädten im Dezember 1970. Panzer auf dem Langen Markt in Gdańsk.

Mitte Dezember 1970 brachen in Polens Küstenstädten Elbląg/Elbing, Gdańsk/Danzig, Gdynia und Szczecin/Stettin schwere Arbeiterunruhen aus. Eine starke Lebensmittelpreiserhöhung kurz vor Weihnachten brachte das Fass der allgemeinen Unzufriedenheit mit dem miserablen Lebensstandard zum Überlaufen. Nach dem massiven Einsatz von Polizei und Militär gab es an die siebzig Tote zu beklagen. Parteichef Władysław Gomułka, der den Schießbefehl gegeben hatte, war nach vierzehn Jahren im Amt nicht mehr zu halten, er musste gehen. Mit dem Machtantritt seines Nachfolgers Edward Gierek wurde das Land von einer Aufbruchsstimmung erfasst.

Zagajewski schrieb in der März-Ausgabe 1971 des „Student“, er habe im Dezember 1970 in Krakau, wo es keine Unruhen gegeben hatte, in seiner Hochschule, „Marxismus-Unterricht erteilt. Wir haben uns nicht etwa mit Platon oder Descartes beschäftigt, womit man den Dezember-Sturm hätte bequem aussitzen können, sondern mit Marx. Der Marxismus musste unter diesen Umständen die Prüfung vor den Studenten bestehen. Ist er ein probates Mittel für die Analyse der Ereignisse und Ausgangspunkt für eine Erneuerung oder ist er nur ein Ammenmärchen der Propaganda?“ Zagajewskis weiteren Ausführungen kann man entnehmen, der Marxismus taugt viel.

In der Mai-Ausgabe von 1971 ist der Zagajewski-Text „Was hat sich bei Dir verändert?“ der „Student“-Aufmacher.

„Der Prozess der Veränderungen hat begonnen. Von dieser Perspektive aus gesehen ist die soziale Ungeduld etwas Wertvolles. Sie ist die Garantie dafür, dass der Trend zur Veränderung aufrechterhalten bleibt. Einer Veränderung, die nicht emotional veranlagt sein sollte, sondern mit Bedacht und staatsbürgerlicher Verantwortung angegangen wird.“

Und weiter: „Es gibt viel zu erörtern. Neben solch grundsätzlichen Fragen, wie die führende Rolle der Partei, wie das Konzept der sozialistischen Demokratie und die Schaffung eines besseren Klimas im öffentlichen Leben (…) muss man schöpferisch über das Modell des Kommunismus und seine Umsetzung in unserem Land diskutieren. Alle bereiten sich vor auf diese große und zugleich diszipliniert geführte Diskussion.“

Die größte Sorge des Genossen Zagajewski war damals, wie man liest, dass bloß nichts der Kontrolle der Partei entgleitet. Disziplin ist alles.

Noch im April 1974, gut ein Jahr vor seinem Bruch mit dem System, veröffentlichte Zagajewski, ausdrücklich vorgestellt als Mitglied der kommunistischen Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, in der Studenten-Illustrierten „Itd.“ (deutsch „usw.“) das Gedicht „Melodie“. Es wurde interpretiert als eine verklausulierte Lobeshymne auf die angebliche Redefreiheit, die nach Giereks Machtantritt ausgebrochen sei.

„Man hat erlaubt zu reden. Das trockene Klappern der Zungen/ füllte alle Luftgefäße./ Sie flatterten schnell, quasi vorsorglich./ Mit freudiger Lebhaftigkeit die erstarrte Substanz bewegend,/ die hartnäckige Gallerte, auf deren Oberfläche/ sich seit Jahren Rinnsale gebildet haben,/ provisorische Bahnen. Verschlungen zu entfernten/ Knoten legten sie für lange Zeit jedwede/ Hoffnung auf Besserung trocken, und doch kam sie in Gang,/ die Blockaden wurden schnell durchrieben, (…).“

21.03.1975. Redaktionssitzung der Beilage „Młoda Kultura“. Von links i. B.: Ryszard Krynicki, Adam Zagajewski, Tadeusz Nyczek, Stanisław Barańczak.

So viel Zuneigung und Loyalität Zagajewskis, Barańczaks, Kornhausers und der anderen Partei-Poeten der Neuen Welle wurde belohnt. Im Jahr 1971 bewilligte die Partei Geld und Papier (auch Zeitungspapier war im Kommunismus ein knappes Gut) für die Zeitschrift „Nowy Wyraz“ („Neuer Ausdruck“), von nun an eine Tribüne der Warschauer Neue-Welle-Gruppe. Die Krakauer Mitwirkenden um Zagajewski und Kornhauser bekamen im Jahr darauf eine ständige Beilage zur Zeitschrift „Student“ mit dem Titel „Młoda Kultura“ („Junge Kultur“).

Vom roten Glauben abgefallen

Zu der Zeit gerade einmal um die 25 Jahre alt, konnten sich die marxistischen Jungpoeten wichtig fühlen. Sie wurden hofiert, gedruckt, finanziell anständig honoriert und sogar mit knappen Konsumgütern, die man fast auschließlich auf staatliche Zuteilung bekam (Farbfernsehern, dem Kleinwagen Polski Fiat 126p, Neubauwohnungen) bedacht. Manch einer richtete sich in diesem goldenen Käfig dauerhaft häuslich ein, besang im Gegenzug in Poesie und Prosa seine Ketten.

Einige, wie Barańczak, Zagajewski, Kornhauser fielen Mitte der Siebzigerjahre vom kommunistischen Glauben ab. Jung, unerfahren, politisch naiv, hatten sie auf den Marxismus vertraut und darauf, der Kommunismus in Polen werde unter Parteichef Edward Gierek demokratischer, menschenfreundlicher, bunter, weniger bürokratisch, ökonomisch leistungsfähiger.

Oktober 1956. Hunderttausende bejubeln in Warschau den neuen Parteichef Władysław Gomułka.

Gierek hatte Władysław Gomułka beerbt, dem im Oktober 1956 Hunderttausende zugejubelt hatten, in der Hoffnung er werde einen „polnischen Weg zum Sozialismus einschlagen“. Mit der Zeit verwandelte sich Gomułka jedoch in einen greisen, starrsinnigen, labernden Apparatschik, den im Dezember 1970 eine blutige Arbeiterrevolte zum Sturz brachte.

Vermeintlicher Reformer Edwad Gierek besucht ein Bergwerk.

Gierek trat sein Amt im Dezember 1970 an, direkt nach dem Arbeiteraufstand in den Küstenstädten. Dem bisherigen oberschlesischen Parteifürsten eilte der Ruf eines „Machers“ und Pragmatikers voraus. Gierek nährte die Hoffnungen auf Reformen und mehr Wohlstand gewaltig, und bekam mit diesen Verheißungen die politisch explosive Lage im Land in den Griff.

Umso gewaltiger war einige Jahre später die Enttäuschung, als der dünne Zuckerguss der mit Westkrediten finanzierten neuen Prosperität wegschmolz und das ganze Elend des Systems wieder zum Vorschein kam: die polizeilich überwachte Bevormundung, gepaart mit katastrophalen Versorgungsengpässen.

Marxismus an der Fleischtheke. Polen Mitte der Siebzigerjahre.

Die offensichtliche Nicht-Reformierbarkeit des Kommunismus war zugleich eine Bankrotterklärung seiner theoretischen Grundlage, des Marxismus. Er war kein „probates Mittel für die Analyse der Ereignisse und Ausgangspunkt für eine Erneuerung“ mehr, wie ihn der Marxismus-Dozent Zagajewski noch im März 1971, zu Beginn der Gierek-Zeit, gepriesen hatte.

Inzwischen gab es nichts mehr zum Preisen. Zagajewski sah das ein und zog daraus die Konsequenzen. Zwischen Ende 1975, als er den Verfassungs-Protestbrief unterschrieb und dem Frühjahr 1979, als er als DAAD-Stipendiat nach Westberlin gehen durfte, betätigte er sich im Krakauer Dissidentenmilieu mit dem Eifer eines zum Antikommunismus frischbekehrten Neophyten.

Über die politischen Gedichte des jungen Zagajewski und seiner Freunde hatte in jener Zeit der spätere Literaturnobelpreisträger von 1980, Czesław Miłosz aus dem amerikanischen Exil einen herben Verriss geschrieben. Er verlangte, dass sie auf „metaphysische Distanz“ zur Wirklichkeit gehen sollten. Das sei die Vorbedingung für gute Poesie.

Flaneur der Gedanken

Der Tadel wirkte. Der gescheiterte Marxist Zagajewski ließ sich jedoch nicht in reine Mystik, in endlose Betrachtungen vom Sinn des Seins locken. Er fand seine eigene Poetik auf der Suche nach kleinen Offenbarungen, Geistesblitzen, Augenblicksideen bei der Betrachtung irgendeines Details des Alltags, etwa wenn er das Quietschen einer Straßenbahn hörte. „Die Blätter der Pappeln zittern./ Nur der Wind ist reglos.“ Das gefiel dem Publikum und entzückte die Kritik.

Flaneur der Gedanken. Adam Zagajewski in Paris 1989.

In Westberlin lernte Zagajewski ein anderes Leben kennen und wollte es von nun an nicht missen. Dort nahm er die Pose des melancholischen Flaneurs der Gedanken an, in der er sich am meisten gefiel.

„Ich kann mich gut daran erinnern, wie sehr mir das Fieber des oppositionellen Lebensstils in den ersten Wochen und Monaten in Berlin gefehlt hat. Ich habe das intensive Leben der Opposition nicht deswegen hinter mir gelassen, weil ich mich in ihm nicht wohlgefühlt hätte. Ich begann jedoch zu verstehen, dass es gut wäre, ein zurückgezogenes Leben auszuprobieren, ohne dabei das politische Engagement abzulehnen. Berlin wurde zu einem wichtigen Ort für meine Weiterentwicklung, ich war damals noch jung und ungeformt. Und es war eben Berlin, das mir dabei half, die Form für meine Zurückgezogenheit herauszufinden.“

Im entspannten, bequemen westlichen Wohlstandsdasein bestens angekommen, ganz auf das Schreiben von Gedichten und Essays konzentriert, betrachtete Zagajewski aus der Ferne den ersten, historischen Besuch des polnischen Papstes im Juni 1979 in seiner Heimat, desgleichen die Streiklawine und die Entstehung der Solidarność im Spätherbst 1980.

Und so sollte es die folgenden zwanzig Jahre weitergehen. Ganz auf sich bezogen, würdigte Zagajewski nur ab und zu das dramatische Geschehen in Polen eines flüchtigen, hinnehmenden Blickes aus seinen lauschigen Dichterlogen in Paris oder in Amerika.

Vorher aber ging der ohnehin bereits verlängerte Westberliner Stipendienaufenthalt im September 1981 zu Ende. Zagajewski kehrte nach Krakau zurück, tauchte jedoch nur ungern ein in die heftige politische Aufgeregtheit der letzten Wochen vor der unerwarteten Verkündung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981. Die Grenzen wurden geschlossen. Der für wenige Monate geplante Zwischenstopp im tristgrauen kommunistischen Polen verlängerte sich nun auf mehr als ein Jahr.

Kein verfolgter Dichter, doch ein Emigrant

Für Zagajewski war das eine Ewigkeit. Er hatte es eilig. Denn einige Zeit zuvor hatte sich eine gegenseitige Sympathie aus der Jugendzeit in ein voneinander Entzücktsein verwandelt. Die hübsche, talentierte Geigenspielerin Maja Wodecka und der junge Marxist Zagajewski waren sich Mitte der Sechzigerjahre beim Psychologiestudium an der Jagiellonen Universität schon einmal begegnet, hatten sich jedoch bald wieder aus den Augen verloren.

Maja Wodecka auf der Titelseite der Zeitschrift „Film“. März 1970.

Ein Starregisseur jener Zeit, Janusz Morgenstern, entdeckte die Schönheit zufällig und besetzte sie 1967 in einer kleinen Nebenrolle in seinem Spielfilm „Jowita“. Weitere Filme folgten. Wodecka, ein geborenes schauspielerisches Talent, begeisterte Kritiker und Publikum.

Sie wollte jedoch die große Karriere, die ihr bevorstand gegen eine noch größere in Frankreich eintauschen, und scheiterte. Von ihrem französischen Ehemann geschieden, die Tochter alleine erziehend, versuchte sie sich in Paris als Chefin einer kleinen Import-Export-Firma, später als Psychotherapeutin.

Zagajewski und Ehefrau in Kraków 2015.

Ende 1982 ließen die Behörden Zagajewski ziehen. Er war kein verfolgter Dichter, doch ein Emigrant. Nach Paris ging er Maja Wodeckas wegen. Geheiratet haben sie erst 1990. Dass er auf diese Weise auch der freudlosen Betrübtheit des Daseins im Kommunismus entkommen war, spielte für ihn eine erhebliche Rolle.

Zagajewski fand Arbeit an Universitäten. Es gelang ihm die eigene Sprache in der Ferne lebendig zu halten und Aufmerksamkeit zu wecken für Gedichte, die nur in Übersetzungen erschienen und Erfahrungen ausdrückten, die die Bewohner der Gastländer oft nicht kannten. Er erreichte auf diese Weise einen weitgehend stillen, stabilen Ruhm und wurde bis zuletzt, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, geradezu überhäuft mit Dichterpreisen.

Die Stille um Zagajewski zerbarst für eine Weile im September 2001, kurz nach dem Terrorangriff auf die Twin Towers in New York. Ein Redakteur des legendären Kulturmagazins „The New Yorker“ stieß auf sein damals unbekanntes Gedicht „Versuch’s, die verstümmelte Welt zu besingen“. Es beschloss die viel beachtete 9/11-Sonderausgabe des Magazins.

„(…) und die Blätter wirbeln um die Narben der Erde/ besinge die verstümmelte Welt/ und die graue Feder, die die Drossel verlor“. Das Gedicht ging um die Welt, als eine lyrische Antwort auf die Katastrophe und zugleich als ein poetischer Aufruf, auch eine verstümmelte Welt zu besingen.

Festigkeit und Verblendung

Zagajewski kehrte erst 2002 aus seinem Exil nach Kraków zurück. Vorher unterrichtete er eine Weile „Creative Writing“ in Houston. Die eigene Erfahrung als dichtender Marxismus-Dozent im kommunistischen Polen vor Augen, gab er seinen Studenten immer wieder den Rat, bloß keine politischen, dafür gute Gedichte zu schreiben.

„Creative Writing“-Dozent Adam Zagajewski mit Studenten der Universität Houston 2005.

Dass er sich letztendlich an seine eigene Empfehlung nicht hielt, betrübte viele Bewunderer seines Talents, als sie im Januar 2016 in der „Gazeta Wyborcza“ sein Agitprop-Kampfgedicht „Einige Ratschläge an die neue Regierung“ sahen.

Zagajewskis Unverbrüchlichkeit im Kampf gegen „das Regime“ trieb bisweilen seltsame Blüten. Mit dem Mut eines gut Betuchten, der er inzwischen geworden war, trat Zagajewski im August 2020, unter Protest, aus dem Verband der Polnischen Schriftsteller aus.

Die Verbandsleitung hatte in seinen Augen „die Unverfrorenheit“ gehabt einen Zuschuss des „Regime-Kulturministeriums“ anzunehmen, um einige Buchtitel drucken lassen zu können. Es handelte sich, wie es seitens des Verbandes hieß, um ansprechende Gedichte und Prosa von weniger bekannten Autoren, die keine Verleger fanden und teilweise materielle Not litten.

Der Ästhet und Feingeist stürzte sich auch immer wieder in Interviews mit dem rhetorischen Furor eines Kampfhahnes auf Jarosław Kaczyński. Er fand ihn „abstoßend“, „widerwärtig“, „unerträglich“ u.s.w.

Zagajewskis Lust dem ungeliebten Politiker unbedingt zuzusetzen gipfelte im Februar 2017 in einem offenen Brief an den Krakauer Erzbischof. Er möge dafür sorgen, dass Jarosław Kaczyński nicht mehr das Grab seines tödlich verunglückten Zwillingsbruders in der Kathedrale auf dem Wawelhügel aufsuchen darf. Das sei nämlich „politischer Missbrauch“.

Von uns gegangen ist, so gesehen, ein geistreicher Poet und ein scharfsinniger Essayist, der politisch auf Festigkeit schwor und der Verblendung zum Opfer fiel.

© RdP




Ein Beigeschmack von Rufmord

Am 16. November 2020 starb Kardinal Henryk Gulbinowicz.

Was ihm widerfuhr harrt einer fairen Aufklärung. Noch bis kurz vor dem Tod wegen seiner aufrechten Haltung während der Verhängung des kommunistischen Kriegsrechts geehrt und verehrt, jahrzehntelang als leutselig, gutherzig und lebensklug gemocht und bewundert, wurde Kardinal Henryk Gulbinowicz als Stasi-Zuträger und Sexualtäter verstohlen zu Grabe getragen. Parteienübergreifend sind gewichtige Stimmen laut geworden, man habe alle Zweifel an seiner Schuld zu seinen Ungunsten ausgelegt.

Als volksnah, leutselig, gutherzig und lebensklug gemocht und bewundert. Kardinal Emeritus Henryk Gulbinowicz vor dem Anpfiff des Spiels WKS Śląsk Wrocław gegen Cracovia Kraków am 18. März 2012 im Fußballstadion von Wrocław, mit Wrocławs damaligen Oberbürgermeister Rafał Dutkiewicz.

Der Vatikan hat dem 97-Jährigen und damit dem zweitältesten Kardinal der Welt, zehn Tage vor seinem Tod, am 6. November 2020, eine Reihe von „Disziplinarmaßnahmen“ auferlegt.

Der frühere Erzbischof von Wrocław/Breslau sollte keine Gottesdienste mehr zelebrieren und nicht länger an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen dürfen. Ihm wurde das Tragen der Bischofsinsignien: des Bischofsstabes, des Brustkreuzes, des Bischofsrings, der Mitra verboten. Ebenso wurde ausgeschlossen, dass es nach seinem Tod in der Kathedrale eine Trauerfeier für ihn gibt und er dort beigesetzt wird.

Zudem sollte Gulbinowicz der „Sankt-Josef-Stiftung“ eine „angemessene“ Spende zukommen lassen. Von der Polnischen Bischofskonferenz für Opfer sexueller Gewalt gegründet, bietet sie seit 2020 Unterstützung durch Psychologen, Pädagogen, Juristen und Priester an und engagiert sich in der Prävention. Soweit bekannt, hat der Sterbende von alldem nichts mehr wahrgenommen.

Der 80-Millionen-Coup und der Kardinal

Anfang Dezember 1981 war die politische Atmosphäre in Polen zum Zerreißen gespannt. Leergefegte Regale in den Läden, keine Medikamente zu kaufen, tagelanges Anstehen nach Benzin, Polizeiprovokationen gegen Solidarność, ungestüme Drohgebärden der staatlichen Propaganda und schneidige Ankündigungen der Gewerkschaft, sich notfalls mit einem Generalstreik zur Wehr setzen zu wollen. Seit längerem schon auf Kollisionskurs, rasten die beiden Antagonisten, Solidarność und der kommunistische Staat, immer schneller aufeinander zu.

Polen Ende 1981. Anstehen vor leeren Läden und Tankstellen.

Dazwischen befanden sich Millionen, zunehmend physisch und psychisch erschöpfter, orientierungsloser Menschen. Sie, mit einer staatlich
gelenkten Konfrontationspolitik zu zermürben, in die Resignation zu drängen, das sollte den Nährboden der Begeisterung austrocknen, auf dem Solidarność seit dem Streiksommer von 1980 gediehen war. Was den Kommunisten dann auch weitgehend gelungen ist.

Der Zusammenstoß schien unvermeidlich. Wann? Wie? Die Antwort brachte der 13. Dezember 1981 mit der unerwarteten Ausrufung des von langer Hand vorbereiteten Kriegsrechts durch die kommunistischen Machthaber unter General Jaruzelski.

Armee und Polizei legten das Land in Ketten. Solidarność wurde verboten. Gefängnisse und Internierungslager füllten sich mit Regimegegnern. Der Generalstreik blieb aus.

Dezember 1981. Polen unter dem Kriegsrecht.

Bevor die Panzer tatsächlich auffuhren, war vielen, die damals in den Solidarność-Strukturen tätig waren, bewusst, dass es brenzlig werden könnte.

Am 3. Dezember 1981 frühmorgens, zehn Tage vor Ausrufung des Kriegsrechts, betraten drei leitende Solidarność-Funktionäre der Region Niederschlesien die fünfte Filiale der Polnischen Nationalbank NBP in Wrocław/Breslau. Sie befindet sich bis heute  in einem ehemaligen deutschen Bankgebäude, in der Straße der Opfer von Auschwitz (ulica Ofiar Oświęcimskich), unweit vom Ring, dem mittelalterlichen Marktplatz in der Oder-Metropole.

Gebäude der Polnischen Nationalbank in Wrocław heute.

Der Termin war am Vortag vereinbart worden, und Filialdirektor Jerzy Aulich gab der Bitte der Kunden nach, die Polizei nicht zu benachrichtigen, obwohl sie beim Abheben exorbitant großer Summen aus Sicherheitsgründen eigentlich immer dabei sein musste. Dieses Entgegenkommen sollte Aulich schon kurz darauf den Job kosten.

Abheben des Solidarność-Geldes am 3. Dezember 1981 in Wrocław. Szene aus dem Spielfilm „80 Millionen“ von 2011.

Es waren 80 Millionen Zloty, was nach dem damaligen Schwarzmarktkurs (1$ = 180 Zloty) knapp einer halben Million Dollar entsprach. Der offizielle Kurs (1$ = 40 Zloty) war zu dieser Zeit ein rein fiktiver Wert und nicht ausschlaggebend. Nur unter der Hand, zu dem horrenden Schwarzmarktpreis, konnte der Normalpole den begehrten Greenback erstehen und mit ihm in den Besitz von all den schönen, modernen Konsumwaren gelangen, die es nur in den Pewex-Valutaläden zu kaufen gab. Am Bankschalter war der Dollar, genauso wie die D-Mark oder das britische Pfund, in der ganzen kommunistischen Zeit grundsätzlich nicht zu bekommen.

Gesichter des Kommunismus. Devisenschieber vor dem Sitz der Polnischen Nationalbank in Warschau.

Ein durchschnittliches Jahresgehalt betrug im damaligen kommunistischen Polen etwa 70.000 Zloty, wofür man im trist grauen Dezember 1980 nicht einmal 400 Dollar beim Devisenschieber erstehen konnte. Heute, kaufkraftbereinigt, würden die damaligen 80 Millionen Zloty etwa 2 Millionen Dollar entsprechen.

So viele Mitgliedsbeiträge hatte die Solidarniość von Niederschlesien auf ihrem Konto angehäuft. In der richtigen Annahme, dass im Falle eines Notstandes, das Konto sofort gesperrt worden wäre, wurde der ganze Betrag abgehoben und in drei großen Koffern mit einem Privatauto fortgeschafft. Unterwegs in einen zweiten Wagen umgeladen, brachten ihn zwei Solidarność-Leute ins erzbischöfliche Palais auf der Dominsel.

Das Erzbischöfliche Palais (links) auf der Dominsel von der Oder aus gesehen. Unten die Auffahrt zum Palais.

Die Ordensschwestern an der Rezeption riefen den ahnungslosen Erzbischof Gulbinowicz (Kardinal wurde er erst 1985) an: „Zwei Herren bitten Exzellenz herunterzukommen“. „Was sind das für Herren?“ „Wir kennen sie nicht“.

Innenhof vom Palais aus gesehen.

Gulbinowicz ging hinunter. Er kannte die beiden vom Sehen und wusste, dass sie Solidarność-Funktionäre waren. Er nahm sie mit nach oben, drehte das Radio laut auf und fragte in seiner unverkennbar östlichen Wilnaer Satzmelodie: „Was wollt ihr?“

„Wir haben Geld gebracht“. „Was für Geld? Gestohlen?“ „Nein“ „Eigenes Geld?“ „Eigenes“. „Von wo?“ Gulbinowicz zuckte nicht einmal mit der Wimper als er von den 80 Millionen in drei Koffern hörte. „Zloty?“, vergewisserte er sich noch. „Zloty“. „Echt?“ „Echt“. „Und was soll ich damit?“ „Aufbewahren“. „Ist euch niemand hinterhergefahren?“ „Nein“. „Dann lasst es hier stehen und haut ab“.

Gulbinowicz stoppte die beiden jedoch als sie bereits in seiner Bürotür standen: „Ihr braucht noch eine Quittung“. „Nein, lieber nicht, könnte in falsche Hände geraten“. „Und wenn ich sterbe?“ Gulbinowicz ließ nicht locker, bis man sich einigte die Quittung in einen der Koffer zu legen.

Die Echtheit dieses Dialogs ist verbrieft, genauso wie die Ereignisse, die darauf folgten. Jahrelang schöpfte die Untergrund-Solidarność aus den drei Koffern Hilfsgelder für Ehefrauen und Kinder ihrer Mitglieder, die in Gefängnissen und Internierungslagern saßen. Auch wer sich verstecken musste, wurde aus dieser Quelle versorgt. Es war Geld da, für Tonnen illegal beschaffter Druckschwärze, für Papier und die Bezahlung der Drucker. Junge Männer stellten Flugblätter, Zeitschriften im Handformat, aber auch verbotene Bücher tage- und nächtelang in stickigen Kellern auf primitiven Vervielfältigungsgeräten her.

Gulbinowicz ließ die verschlossenen Koffer erst einmal auf dem Gang stehen, um glaubhaft zu machen, dass sie „wiedergefundene deutsche Kirchenarchivalien enthielten und bald abgeholt würden“. Eines Nachts haben sie der Erzbischof und sein Sekretär dann gut versteckt.

Erzbischof Gulbinowiczs ausgebrannter Ford Granada.

Die Staatssicherheit tobte nach dem 80-Millionen-Coup. Sie vermutete das Geld im Bischofspalais, aber eine Hausdurchsuchung wollte sie nicht riskieren. Würde die Stasi das Geld nicht finden, wäre sie blamiert. Hätte sie es gefunden, müssten die Kommunisten einen Erzbischof verhaften und vor Gericht stellen. Das Welt-Echo wäre verheerend. Die Geheimpolizei rächte sich lieber mit Schikanen.

Wie wir heute aus Stasi-Akten wissen, haben zwei Stasi-Beamte, Grosman und Pełka, im Mai 1984 Gulbinowiczs Auto bei seinem Besuch im niederschlesischen Złotoryja/Goldberg in Brand gesteckt. Auf Gulbinowicz waren in Wrocław, wohin er 1976 als Erzbischof gekommen war, bis zum Ende des Kommunismus 1989, nicht gleichzeitig aber insgesamt, vierzig Zuträger der polnischen Staatssicherheit, Laien wie Geistliche, angesetzt.

Schirmherr des Widerstandes

Sofort nach der Verhängung des Kriegsrechts rief Gulbinowicz das Erzbischöfliche Wohltätigkeitskomitee ins Leben. Mit ihm entstand ein beachtliches, regionales, ehrenamtliches Verteilungsnetzwerk von Hilfsgütern, die damals in gewaltigem Ausmaß nach Polen flossen: Lebensmittel, Hygieneartikel, Medikamente, Kleidung.

Die Spender wollten sichergehen, dass ihre Hilfe nicht dem Regime, sondern den Bedürftigen zugutekommt. Die Kirche sollte dafür sorgen und sie tat es, ohne Lagerhallen, Kühlhäuser und Transportkolonnen zu haben. Auch wenn es mal galt fünf Tonnen tiefgefrorene Butter in 25-Kilo-Blöcken, die jemand mit einem Kühl-Lkw auf die Reise nach Polen geschickt hatte, kurzerhand zu entladen, mit Hackmessern und Äxten zu portionieren und unter die Leute zu bringen, bevor sie ranzig wurde, die Kirche kümmerte sich auch darum.

Erzbischof Gulbinowicz segnet eine Solidarność-Betriebsfahne vor der Verhängung des Kriegsrechts.

Der Erzbischof selbst erstritt sich Einlass in niederschlesische Gefängnisse und Internierungslager, durchforstete sie regelrecht, zelebrierte dort Messen, nahm Beichten ab, trug ihm zugeflüsterten Bitten, Beschwerden und Botschaften nach außen und gab sie weiter. Er protestierte und intervenierte bei den Behörden. Die Priester seiner Diözese hatten es ihm gleich zu tun. Das schuf eine Öffentlichkeit, die der kommunistischen Willkür hinter den Gefängnismauern Grenzen setzte.

Gulbinowicz war auch Schirmherr vieler unabhängiger Kulturaktivitäten, die in dem sonst gleichgeschalteten Kriegsrecht-Polen, nur auf kirchlichem Terrain stattfinden konnten. Künstler, die den offiziellen Kulturbetrieb boykottierten oder Berufsverbot hatten, gaben Konzerte, inszenierten Theateraufführungen, organisierten Lyrik-Abende, stellten ihre Bilder aus. Ohne „Danke“ zu sagen, wechselten nicht wenige von ihnen nach dem Ende des Kommunismus an die vorderste Front der Kämpfer gegen „Klerikalismus“ und katholische Tradition.

Solidarność-Proteste und Unruhen in Wrocław am 31.08.1982

Es war zu einem erheblichen Teil Gulbinowicz zu verdanken, dass Wrocław, trotz aller Repressalien und der Resignation, die viele in Polen erfasste, eine der Hochburgen der Untergrund-Solidarność blieb, weil er ihr, Kraft seines enormen Ansehens und seiner Popularität, Schutz bot. Was sich damals im Einzelnen in Wrocław ereignete, können Sie ausführlich in dem Nachruf auf Kornel Morawiecki nachlesen, den legendären Begründer der „Kämpfenden Solidarność“ in Wrocław und Vater des polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki.

„Der Unverbrüchliche“ (bitte hier klicken).

Zeuge des Grauens

Henryk Gulbinowicz. Wilnaer Gymnasiast 1938.

Im polnischen Wilno, heute in Litauen, 1923 auf die Welt gekommen, verbrachte der kleine Henryk die Kindheit unweit der Stadt, im Dorf Szukiszki, wo sein Großvater Ende des 19. Jahrhunderts ein kleines Gut gekauft hatte. „Arbeitsam, naturnah, solide, gottesfürchtig und patriotisch ist es bei uns zu Hause zugegangen“, erinnerte sich Gulbinowicz Jahrzehnte später. Im September 1938 schickten ihn die Eltern auf das Wilnaer Jungengymnasium der Jesuitenpadres.

Wilno in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Henryk Gulbinowicz wuchs zu einem echten „Wilniuk“, „Wilnaer“ auf. Es war ein Menschenschlag, den die jahrhundertelange wechselvolle Geschichte des Polentums in Litauen geformt hatte. Frohnaturen, in der Tiefe ihrer Herzen stets wachsam und vorsichtig, wenn es galt sich auf Fremde einzulassen. Schwer durchschaubar, robust im Einstecken und bauernschlau.

Diese Eigenschaften wurden überlebenswichtig in den dunklen Zeiten, die im Herbst 1939 für die Polen (zwei Drittel) und später auch für die Juden (ein Drittel der Bevölkerung) in Wilno und Umgebung anbrachen. Die Rote Armee, die in Absprache mit Hitler am 17. September 1939 Polen überfiel, besetzte Wilno zwei Tage später.

Sowjeteinmarsch in Wilno am 19. September 1939.

Fünf Wochen dauerten Raub, Repressalien und Übergriffe der Sowjets an. Am 26. Oktober 1939 fand die Übergabe der Stadt an das noch halbwegs unabhängige Litauen statt. Die Sowjets hatten kurz zuvor im Land, genauso wie in Lettland und Estland, die Errichtung ihrer Militärstützpunkte erzwungen. Stalin, dem es ein diebisches Vergnügen bereitete seinen verunsicherten Opfern Galgenfristen zu gewähren, um sie im Unklaren zappeln zu sehen, zeigte sich auch den Litauern gegenüber auf diese für ihn typische, pervertierte Art generös.

26. Oktober 1939. Ein litauischer (links) und ein sowjetischer Offizier durchsägen den Grenzschlagbaum. Die Sowjets übergeben das fünf Wochen zuvor von ihnen besetzte polnische Wilnaer Land an Litauen.

Etwa ein halbes Jahr lang waren die neuen Besatzer der Stadt damit beschäftigt, sie und ihre Bewohner gründlich zu lithuanisieren. Henryk Gulbinowicz, der nie mit dem ethnischen Litauen etwas zu tun hatte und kein Wort Litauisch sprach, hieß jetzt, laut einem neuen Ausweis, Henrikas Gulbinovičius. Wo sie nur konnten, haben die Litauer alles Polnische schikaniert und ausgemerzt, aber, so der Kardinal Jahrzehnte später, wenigstens füllten sich die Läden nach den sowjetischen Raubzügen schnell wieder mit Waren und es gab genügend Lebensmittel zu kaufen.

Litauischer Einmarsch in Wilno am 26 Oktober 1939. Banner-Aufschrift: „Die Einwohner von Wilno begrüßen die litauische Armee“.

Stalin ließ den Litauern sieben Monate lang ihren Spaß am „wiedererlangten“ Wilno. Dann verwandelte er, unter Gewaltandrohung, die drei baltischen Staaten kurzerhand in Sowjetrepubliken. Am 15. Juni 1940 war die Rote Armee zurück in Wilno. Am 14. Juli 1940 fuhren von dort die ersten Viehwaggons mit Tausenden, überwiegend polnischen Deportierten, in Richtung Sibirien ab, zur Vernichtung durch Holzfällen und Arbeit unter Tage.

Auf nach Wilno. Die Rote Armee überschreitet die litauische Grenze am 15. Juni 1940. Links im Bild ein litauischer Grenzpfosten.

Ein knappes Jahr später wich der rote Terror dem braunen. Am 24. Juni 1941 nahm die Wehrmacht Wilno ein. Die spontanen litauischen Judenpogrome der ersten Tage nach dem deutschen Einmarsch waren der Einstieg in die Hölle. Allein im bewaldeten Stadtteil Ponary, brachten Deutsche Sonderkommandos und die litauische Hilfspolizei zwischen Sommer 1941 und Sommer 1944 schätzungsweise an die 72.000 Juden und mehr als 2.000 Polen um.

Deutscher Einmarsch in Wilno am 24. Juni 1941. Unten: Litauischer Hilfspolizist bei den Massenmorden in Ponary.

Mitte Juli 1944 erlebte der 21-jährige Gulbinowicz den dritten Einmarsch der Sowjets in Wilno. Die Deutschen leisteten heftigen Widerstand. Die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa – AK) im Untergrund zog alle ihre verfügbaren Kräfte, etwa 4.500 Mann, in und um die Stadt zusammen. Sie wollte Wilno während des bereits begonnenen Abzugs deutscher Dienststellen, noch vor den Sowjets befreien, um anschließend, als Hausherr, die Rote Armee im Namen der polnischen Exilregierung in London vor Ort zu begrüßen.

Sowjeteinmarsch in Wilno im Juli 1944.

Die deutschen Truppen, mit schweren Waffen ausgestattet, die die AK nicht besaß, erwiesen sich als zu stark. Erst das Eintreffen der Russen, denen sich die Polen zur Seite stellten, brachte den Durchbruch. Die Sowjets nahmen die Hilfe der ortskundigen polnischen Kämpfer gern in Anspruch, um sie gleich nach dem Ende der Kämpfe zu entwaffnen und entweder umzubringen oder ins Innere der Sowjetunion zu deportieren.

Aus Wilno vertrieben

Das hautnah miterlebte Grauen der Kriegsjahre 1939-1944 bestärkte Gulbinowicz darin, sich ganz und gar Gott zu verschreiben. Er trat Im Oktober 1944 in das Wilnaer Priesterseminar ein.

Henryk Gulbinowicz. Priesterseminarist in Wilno 1944.

Die Stadt befand sich damals schon seit etwa vier Monaten fest in sowjetischer Hand. Die Sowjets und ihre litauischen kommunistischen Helfer waren felsenfest entschlossen, den polnischen Charakter von Wilno auszuradieren.

Wer Widerstand, egal ob friedlich oder bewaffnet, leistete, starb einen qualvollen Tod in den Folterkammern der Geheimpolizei NKWD oder landete in einem Viehwaggon der Deportationszügen nach Sibirien. Zehntausende wurden in das neuentstehende kommunistische Polen abgeschoben, das die Hälfte des polnischen Staatsgebietes aus der Vorkriegszeit, darunter das Wilnaer Land, an die Sowjets hatte abtreten müssen.

Wilno 1945. Sowjets erfassen Polen vor der Abschiebung.

Am 20. Februar 1945 umstellte der NKWD das Wilnaer Priesterseminar. Ein Offizier erklärte den ins Refektorium zusammengetriebenen Seminaristen und Dozenten, die Lehranstalt sei hiermit geschlossen. Sie sollten ihre Sachen packen und sofort verschwinden. Man erwarte, dass sie sich in die Deportationslisten nach Polen eintragen lassen und mit den nächsten Bahntransporten ausreisen.

Die sowjetrussische Bürokratie mit ihrer peniblen Überprüfung, damit bloß kein Nicht-Pole in einen Deportationstransport geriet, zusätzlich ein Mangel an Viehwaggons, verlangsamten die Abschiebungen. Derweil wurde der Andrang der verzweifelten Menschen immer größer. Um sie zur Ausreise zu bewegen, jagten die Sowjets Polen aus ihren Wohnungen, und brachten dort neue Siedler unter. Sie schlossen reihenweise polnische Einrichtungen, deren Mitarbeiter dadurch ihr Einkommen verloren, ebenso wie die polnischen Arbeiter, die man massenweise entließ und die Bauern, die man von ihren Höfen vertrieb.

Wilnaer Bahnhof 1945. Polen verlassen ihre Heimat.

Gulbinowicz musste sich bis Ende August 1945 irgendwie durchschlagen, bis er endlich im dreihundert Kilometer entfernten Białystok ankam. Im doppelten Boden seines Holzkoffers schmuggelte der Priesteranwärter einiges an liturgischen Geräten. Kurz vor der Deportation hatte er es noch geschafft das Abitur in Wilno abzulegen. Die Jesuitenpadres vom Wilnaer Jungengymnasium, die auch schon aus ihrer Schule geworfen worden waren und auf den Abtransport warteten, hatten die Prüfungen in kleinen Gruppen konspirativ durchgeführt.

Wie sich die Vertreibung der polnischen Bevölkerung durch die Sowjets 1944 und 1945 im Einzelnen abspielte, können Sie in dem Beitrag „Das Ende des polnischen Lwów“ lesen (bitte hier klicken).

Erzdiözese dreigeteilt

Der ebenfalls ausgewiesene Wilnaer Erzbischof Romuald Jałbrzykowski (fonetisch Iaubschikowski) verlegte die Kurie und das Priesterseminar ins polnische Bialyskok, das damals zur Erzdiözese Wilno gehörte. Da sich der Vatikan konsequent weigerte die Einverleibung der drei baltischen Staaten als Sowjetrepubliken in die UdSSR anzuerkennen, blieb die Erzdiözese Wilno weiterhin formell in gleicher Weise bestehen wie vor dem Zweiten Weltkrieg.

Verwaltet wurde sie seit 1945 von Białystok aus durch einen apostolischen Administrator. Bis zu seinem Tod 1955 war das Erzbischof Jałbrzykowski. Nach dem Tod von dessen Nachfolger ernannte Papst Paul VI. Henryk Gulbinowicz im Januar 1970 zum Bischof und betraute ihn mit diesem Posten, den dieser bis zu seinem Wechsel nach Wrocław Ende 1975 bekleidete.

Gulbinowicz konnte als Administrator, wie alle anderen, die das Amt bekleideten, nur in dem in Polen verbliebenen Zipfel der Erzdiözese Wilno seines Amtes walten. Mit knapp 54.000 Quadratkilometern Fläche war die Diözese einst die größte im Vorkriegspolen gewesen. Davon verblieben lediglich ca. 6.000 Quadratkilometer in Polen. Nicht ganz 10.000 Quadratkilometer befanden sich in der Litauischen Sowjetrepublik und etwa 38.000 Quadratkilometer im sowjetischen Weißrussland.

Fünfundvierzig Jahre lang, von 1945 bis 1990, verweigerten die Sowjets polnischen Geistlichen die Einreise auf ihr Gebiet. Erst 1991, nach dem Wiederentstehen des unabhängigen Litauens und der staatlichen Verselbständigung Weißrusslands, passte der Vatikan die Grenzen der Wilnaer Erzdiözese der neuen politischen Karte an. Der apostolische Administrator in Białystok wurde somit überflüssig.

„Wilno, für mich die geliebte Stadt.“

Gulbinowicz hat niemals, auch nicht in den kommunistischen Zeiten, als es ein Tabuthema war, ein Hehl daraus gemacht, wie sehr sein Herzblut an Wilno hing. Wie sehr, dass kann man z.B. in einem Gratulationsbrief, den er als Kardinal 2004 zum 60. Ehejubiläum an das Ehepaar Trojanowski richtete, das die Ereignisse, so wie ihn, aus Wilno nach Wrocław verschlagen hatte, nachlesen.

„Seien Sie stolz auf die Zeit, in der Sie in Wilno in der Heimatarmee gedient haben. (…) Alle Mühen, Leiden und Opfer, die Sie aus Liebe zu Gott, zum Vaterland und zur eigenen Nation erbracht haben, wird Ihnen der Allmächtige im Himmel anrechnen.

Der zehnjährige Henryk Gulbinowicz auf Spaziergang in Wilno mit Tante Anna Grajewska, 1936.

Wilno, das ist für mich die geliebte Stadt, in der ich geboren wurde und viele Schuljahre verbracht habe. Eine Stadt, die ich gut kenne, weil ich in Zarzecze (fonetisch Saschetsche, Stadtteil, heute Užupis – Anm. RdP) in der Popławskastraße (heute Paupio – Anm. RdP) gewohnt habe. Ich kenne auch Łosiówka (Stadtteil, existiert nicht mehr – Anm. RdP), wo Sie gelebt haben und die von dort stammenden tapferen polnischen AK-Jungs, die bei den Kämpfen um die Stadt im Juli 1944 zeigten was sie konnten. Damals fiel mein bester Freund, Kozierowski, mit dem ich in eine Klasse im Gymnasium der Jesuitenpadres gegangen bin. Ruhm unseren Helden!“

Die Stasi spinnt ihr Netz

Nach fünf Jahren am Priesterseminar empfing Gulbinowicz im Juni 1950 in Białystok die Priesterweihe.

Henryk Gulbinowicz hatte kurz zuvor die Priesterweihe empfangen. Białystok am 18. Juni 1950.

Seine Vorgesetzten schickten ihn gleich danach zum Studium der Moraltheologie an die Katholische Universität Lublin (KUL) wo er bis 1955 blieb. Er erlebte eine von den regierenden Kommunisten schwer bedrängte, bespitzelte und ständig von der Schließung bedrohte Hochschule. Doch die KUL überdauerte die Zeit der roten Sintflut als einzige katholische Universität im ganzen kommunistischen Machtbereich zwischen Elbe und Nordkorea.

Katholische Universität Lublin in den 50er Jahren.

Die ersten dreißig Nachkriegsjahre verbrachte Gulbinowicz in Białystok (1945 bis 1950), an der KUL in Lublin (1950-1955), in Olsztyn/Allenstein (1955 bis 1969) und wieder in Białystok (1970 bis 1975), als apostolischer Administrator der Erzdiözese Wilno.

Die Staatssicherheit legte seine Akte 1951 an. Im kommunistischen Polen hatten mit der Zeit jeder Priesteranwärter, Priester, jeder Mönch und jede Nonne eine Stasiakte. Sie wanderte ihnen von einer regionalen Stasidienststelle zur anderen hinterher, sobald der Betroffene seinen seelsorgerischen Standort wechselte.

Die Akte Gulbinowicz ist nicht, wie viele andere, 1990 dem Akten-Vernichtungsfeldzug der alten Stasi-Garde zum Opfer gefallen und, soweit man das einschätzen kann, vollständig erhalten geblieben.

Man kann ihr entnehmen, dass Gulbinowicz den Kommunisten vor allem wegen seiner Jugendarbeit nicht passte. Er war Seelsorger der Medizinstudenten in Białystok. Die Medizinische Hochschule gehörte zur St. Rochus-Gemeinde, wo er zwischen 1956 und 1959 Pfarrer war. In Olsztyn wiederum, hielt er Vorlesungen am Priesterseminar Hosianum, wurde 1962 dessen Konrektor und 1968 Rektor. Der damalige Allensteiner Bischof machte Gulbinowicz zudem zum Seelsorger der örtlichen Wissenschaftlermilieus.

Jugend und Hochschulwesen, das waren Bereiche, in denen die Kommunisten die Kirche ganz und gar nicht haben wollten. Heute wissen wir, dass die Stasi in Białystok drei Zuträger in der Umgebung Gulbinowiczs platzierte. In Olsztyn spionierten ihn bereits sechzehn, teilweise direkt angesetzte, IMs aus.

Gulbinowiczs Stasi-Akte.

Die Stasi verfügte über ein breit gefächertes Gulbinowicz-Dossier, als ab Mitte 1969 in Białystok die Neubesetzung des Postens des apostolischen Administrators der Erzdiözese Wilno anstand. Kardinalprimas Stefan Wyszyński (1901 – 1981), das wusste die Stasi, empfahl Papst Paul VI. (1897 – 1978) Gulbinowicz als den geeigneten Kandidaten.

Der „operative Dialog“

Im November 1969 erschien Oberstleutnant Józef Maj von der Warschauer Stasi-Zentrale beim Noch-Rektor des Allensteiner Priesterseminars und künftigen apostolischen Administrator Henryk Gulbinowicz. So begann der bis 1985 andauernde sogenannte „operative Dialog“ zwischen der Stasi und Gulbinowicz.

Ein „operativer Dialog“, so die Umschreibung des Instituts des Nationalen Gedenkens (IPN), der polnischen Gauck-Behörde, war eine präzise durchdachte und vorbereitete Abfolge von Gesprächen zwischen speziell dazu geschulten Stasi-Beamten und einer von ihnen ausspionierten Persönlichkeit, die man nicht einfach so zum Bespitzeln anwerben konnte.

Die Gespräche verliefen in höflicher, angenehmer Atmosphäre. Man tauschte Meinungen aus, diskutierte Standpunkte, redete über dies und das. In Gulbinowiczs Fall handelte es sich hierbei um ein psychologisches Duell und ein gegenseitiges Sich-Belauern.

Das Ziel der Stasi war die „Loyalisierung“. Sie wollte ihrem Gegenüber das Gefühl vermitteln, sie nehme seine Meinung ernst, teile sie manchmal sogar, gebe sie nach oben weiter. Die Staatssicherheit zeigte sich konstruktiv und vernünftig. Eine gewisse Vertrautheit sollte Partnerschaft vortäuschen, Entgegenkommen erwirken, eine Dankesschuld aufkommen lassen.

Wir wissen es heute, aber Gulbinowicz konnte nicht wissen, wie durchdacht und von langer Hand geplant ihm da eine Falle gestellt wurde, in die nicht wenige ahnungslos getappt sind.

Gulbinowicz blieb für die Stasi ein potentieller Staatsfeind, den es zu überwachen galt. Er hat nie eine IM-Verpflichtung unterschrieben, keine Berichte verfasst, kein Geld entgegengenommen. Und die Ausbeute an Fakten, die für die Stasi von Relevanz gewesen wären, war nach diesen Gesprächen eher dürftig, wie die verfassten Stasi-Berichte beweisen.

Der bauernschlaue Gulbinowicz entfaltete die ganzen Fähigkeiten eines „Wilniuk“. Er war zuvorkommend, scherzte viel, machte Komplimente, achtete aber sehr darauf was er sagte, so die Stasi-Berichte. Manchmal lachte er jovial und rief, augenzwinkernd Entsetzen vortäuschend: „Genug, ich rede zu viel!“.

Der „operative Dialog“ wurde intensiver, nachdem der neugeweihte Bischof Gulbinowicz in Białystok als apostolischer Administrator der Wilnaer Erzdiözese im Januar 1970 antrat. Der Bischof hoffte vor allem darauf durch die Gespräche Baugenehmigungen für neue Kirchen zu erhalten.

Solche Baugenehmigungen waren ein sehr knappes Gut. Ganze Trabantenstädte entstanden vielerorts in Polen auf der grünen Wiese, in denen es keine Kirchen gab. Der Weg zur Sonntagsmesse, zum Religionsunterricht, den die Kommunisten aus den staatlichen Schulen auf die Nachmittage in die Kirchen verbannt hatten, der Weg des Pfarrers zum Schwerkranken mit der letzten Ölung usw., das alles dauerte immer länger und wurde immer beschwerlicher. Und darum ging es.

Es war eine der vielen kommunistischen Repressalien und Gängelungen, die auch Gulbinowicz im „operativen Dialog“ nicht aufzuweichen vermochte. Er bekam keine Baugenehmigungen. Auch nicht, als er Entgegenkommen zeigte und auf Bitten seiner „Dialogpartner“ den schon vorbereiteten Hirtenbrief zum 50. Jahrestag des Bestehens der Erzdiözese Wilno (1925-1975) in den örtlichen Kirchen nicht verlesen ließ.

Jegliche Erinnerung an die ehemaligen polnischen Ostgebiete sollte nach dem Willen der polnischen Kommunisten und der Sowjets, die jenseits der Grenze in Sowjet-Litauen die katholische Kirche noch viel brutaler unterdrückten, getilgt werden. So haben seine „Dialogpartner“ in Białystok Gulbinowicz, der damals wohl noch einige Illusionen hegte und auf seine Bauernschläue vertraute, eines Besseren belehrt.

Ränke hinter den Kulissen. Wie Henryk Gulbinowicz Erzbischof von Wrocław wurde

Mit dem Tod von Kardinal Bolesław Kominek, des Verfassers des bedeutenden „Aufrufs der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder zur Versöhnung“ vom November 1965, verwaiste im März 1974 der Bischofsstuhl im Erzbistum Wrocław. Angesichts starker Personalkonflikte in der Kurie von Wrocław, war Kardinalprimas Stefan Wyszyński der Meinung, dass der neue Metropolit von außerhalb kommen müsse.

Die damals geltende Regelung sah vor, dass der Primas den staatlichen Behörden drei Kandidaturen unterbreitete, von denen diese dann eine akzeptierten. Der Primas wollte in Wrocław einen Erzbischof seines Vertrauens haben. Die Kommunisten dagegen, stets darauf bedacht durch Bespitzelung, Erpressung und Provokationen, in der Kirche möglichst viel Zwietracht zu säen, bevorzugten, wie konnte es anders sein, Kandidaten, die sie als „nicht-Wyszyński-hörig“ einstuften.

Der Konflikt um die Neubesetzung des Breslauer Bischofsstuhls geriet zu einem heftigen, knapp zwei Jahre andauernden, Tauziehen hinter den Kulissen. Vier Mal unterbreitete Wyszyński seine Kandidaturen und vier Mal wurden sie in Warschau in toto abgelehnt. Zwischendurch versuchten die Kommunisten den Vatikan zu überreden, Wyszyński zu umgehen, und den Breslauer Metropoliten aus ihrer eigenen Dreier-Liste auszuwählen. Alle drei Kandidaten galten als „nicht-Wyszyński-hörig“. Heute ist bekannt, dass zwei von ihnen, was weder der Vatikan noch der polnische Kardinalprimas damals wissen konnten, registrierte Stasi-IMs waren. Der Vatikan ließ sich nicht ködern.

Anfang Oktober 1975 unterbreitete Wyszyński zum fünften Mal eine Kandidatenliste, auf der sich jetzt auch der apostolische Administrator der Erzdiözese Wilno mit Sitz in Białystok, Bischof Henryk Gulbinowicz, befand. Die Kommunisten reagierten positiv.

In einer internen Stasi-Analyse, die der Einwilligung vorausging, sprach für Gulbinowicz, dass er sich auf den „operativen Dialog“ einließ. Außerdem sei er stets bemüht gewesen, das Verhältnis zu staatlichen Behörden von Spannungen freizuhalten, Gesetze, und Anordnungen zu befolgen, wozu er auch den örtlichen Klerus anhielt.

Auf die andere Waagschale legten die Stasi-Kirchenaufseher, dass Gulbinowicz sich vehement der „neuen vatikanischen Ostpolitik“ des damaligen „Außenministers“ des Heiligen Stuhls, Kardinal Agostino Casaroli (1914-1998) widersetzte. Casarolis Idee war es, weitgehende Kompromisse mit den Machthabern des Ostblocks einzugehen, unter Umgehung der örtlichen Kirchenstrukturen. In Polen untergrub eine solche Politik die Autorität von Kardinalprimas Stefan Wyszyński, was den Kommunisten nur recht sein konnte. Auch sprach Gulbinowiczs immer wieder bekundetes Interesse für das schwere Schicksal der Katholiken in Sowjetrussland gegen ihn.

Aus weiß wird schwarz oder: Eine Stasi-Akte wird umgedeutet

Am Ende überwog das „Positive“ und Gulbinowicz konnte Anfang 1976 seinen neuen Kirchenposten in Wrocław übernehmen. Seitdem wurde es für die Stasi-Leute immer schwieriger einen Termin zum Fortsetzten des „operativen Dialogs“ bei ihm zu bekommen. Der von den Kommunisten als weitgehend „loyalisert“ eingestufte Kirchenmann sah wohl ein, dass er an den Rand des Vertretbaren gelangt war, auch wenn er kein IM war und stets auf der Hut blieb. Erschwerend kam hinzu, dass er gegenüber Kardinalprimas Wyszyński, der ihn sehr schätzte, nie ein Wort über den „operativen Dialog“ verloren hatte.

6. Februar 2007. Kardinal Gulbinowicz wird der Status eines Geschädigten zuerkannt. Rechts im Bild Janusz Kurtyka, damaliger Leiter des Instituts für Nationales Gedenken IPN.

Die Befreiung aus dieser Verstrickung erfolgte stufenweise. Ein wichtiger Einschnitt war das geradezu euphorische Engagement Gulbinowiczs für die Solidarność nach ihrem Entstehen im September 1980. Davon, wieviel er für sie tat nachdem das Kriegsrecht am 13. Dezember 1981 verhängt wurde, war schon eingangs die Rede. Den Schlusspunkt setzte die Entführung und Ermordung des Warschauer Arbeiterpriesters Jerzy Popiełuszko im Oktober 1984 durch die polnische Stasi. Danach war der Kardinal für die Stasi endgültig nicht mehr zu sprechen. Seit diesem Zeitpunkt gibt es in der Akte Gulbinowicz nur noch Berichte über die Bespitzelung seiner Person.

24. Februar 2009. Staatspräsident Lech Kaczyński verleiht Kardinal Gulbinowicz die höchste polnische Auszeichnung, den Orden des Weißen Adlers.

Diese Akte wurde lange hin und her gewälzt, bevor Kardinal Gulbinowicz im Februar 2007 offiziell vom Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) den Status eines Geschädigten zuerkannt bekam. Sie wurde noch einmal diskret hervorgeholt, bevor ihm Staatspräsident Lech Kaczyński im Februar 2009 die höchste polnische Auszeichnung, den Orden des Weißen Adlers, verlieh. Diejenigen, die sie damals studierten, meinten nichts Ehrenrühriges in ihr gefunden zu haben.

Rafał Łatka, Filip Musiał, „Der Dialog sollte fortgesetzt werden… Operative Gespräche der Staatssicherheit mit Pfarrer Henryk Gulbinowicz 1969-1985. Eine Fallstudie“, IPN-Verlag 2020.

Das änderte sich erst im Juni 2019, als plötzlich die IPN-Historiker Dr. Rafał Łatka und Dr. Filip Musiał auf den Plan traten. Sie haben die Akte und weitere, teilweise noch nicht bekannte, Gulbinowicz betreffende Bestände aus dem Stasi-Fundus ausgewertet, den „operativen Dialog“ genau rekonstruiert und ein Buch darüber geschrieben, das der IPN-Verlag kurz danach veröffentlichte.

Dr. Łatka formulierte scharf, und was er sagte schlug ein wie eine Bombe: Gulbinowiczs Biografie müsse umgeschrieben werden, denn ein tiefer Schatten liege auf ihr. Und das seien die „operativen Gespräche“. Gulbinowicz war illoyal, so Łatka, sein Handeln schädigte die Kirche.

Und konkret? Łatka schob die Einzelheiten erst einige Wochen später nach und fasste seine Vorwürfe in drei Punkten zusammen.

1. Gulbinowicz ließ sich auf vertrauliche Gespräche mit der Stasi ein, obwohl die polnische Bischofskonferenz dies untersagt hatte.

2. Er versuchte durch diese Gespräche, hinter dem Rücken der Bischofskonferenz, gute Beziehungen zum örtlichen Verwaltungsapparat aufzubauen.

3. Aus den Gesprächen konnte die Stasi den Schluss ziehen, dass nicht alle Bischöfe mit Kardinalprimas Wyszyński einer Meinung waren.

Es war nichts Neues dabei, außer einer neuen Auslegung altbekannter Tatsachen, diesmal nur zu Ungunsten des Betroffenen.

Filip Musiał, Rafał Łatka. Buchpräsentation am 20. November 2020 in Warschau.

Seit Mitte 2019 haben weder die beiden Autoren, noch irgendjemand anderes weitere, wirklich stichhaltige, bisher unbekannte Beweise dafür erbracht, dass Gulbinowiczs Biografie in puncto seiner Stasi-Kontakte umgeschrieben werden müsste. Doch dem medialen Chaos reißerischer Schlagzeilen, plakativer Berichte, überspannter Auslegungen entstieg plötzlich ein Stasi-Spitzel-Kardinal, ein angeblich einwandfrei überführter falscher Held. Der schwerkranke Emeritus ließ noch erklären, er werde gegen solche Behauptungen gerichtlich vorgehen, aber die Kraft dazu hatte er nicht mehr.

Die Verlautbarung der Warschauer Apostolischen Nuntiatur (Vatikan-Botschaft) vom 6. November 2020 über die gegen Gulbinowicz verhängten Disziplinarmaßnahmen enthielt keine Begründung. Einen Tag später druckte „L’Osservatore Romano“, die Zeitung des Vatikanstaates, eine kurze Notiz über die Disziplinarmaßnahmen, in der es hieß, einer der Gründe sei die „Zusammenarbeit mit der Staatsicherheit“ gewesen. Worauf hatte sich die Redaktion bei dieser Behauptung gestützt? Inoffiziell war zu erfahren: Auf die Berichte polnischer Medien.

„Die Behauptung von der (Gulbinowiczs – Anm. RdP) Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit ist gelogener Nonsens. So wie sie medial verbreitet wird, entbehrt sie jeglicher Bestätigung durch den Stand der Forschung“, schrieben Ende November 2020 fünfzig ehemalige hohe Breslauer Untergrund-Solidarność-Aktivisten, viele von ihnen einstige politische Häftlinge, heute angesehene Kommunalpolitiker, Wissenschaftler, Geschäftsleute, die oft zutiefst verfeindeten politischen Lagern angehören. Ihren offenen Brief richteten sie an den Apostolischen Nuntius (Vatikan-Botschafter) und die wichtigsten polnischen Bischöfe.

Wie war das mit dem Sex?

„Was die Unsittlichkeitsvorwürfe angeht, die öffentlich erhoben werden, so gibt es, außer einer einzigen fraglichen Aussage, nichts Konkretes“, heißt es in dem offenen Brief weiter.

Gulbinowiczs Stasi-Akte wurde zwischen 1951 und 1989, also immerhin achtunddreißig Jahre lang geführt. Nur an einer Stelle, und zwar kurz bevor der „operative Dialog“ im Herbst 1969 seinen Anfang nahm, werden dort Gerüchte erwähnt, der damalige Rektor des Priesterseminars in Olsztyn unterhalte sexuelle Kontakte zu jungen, erwachsenen Männern. Sonderbarerweise überging die Stasi dieses Gerede, ging ihm nicht nach, obwohl sie für gewöhnlich geradezu darauf erpicht war, Geistliche auf diese Weise erpressen zu können. War da etwa nichts?

Fast zeitgleich mit der fraglichen Umdeutung von Gulibinowiczs Stasi-Akte durch die Historiker Łatka und Musiał im Juni 2019, trat im Mai 2019 Karol Chum auf den Plan. Er behauptete Gulbinowicz habe ihn vor drei Jahrzehnten sexuell missbraucht.

Karol Chum alias Przemysław Kowalczyk.

Der im Januar 1974 geborene Dichter und ein Selbstdarsteller, der auf Facebook fortlaufend detailliert schildert, was er zum Frühstück gegessen hat und was seine Magenspiegelung ergab, bekennt sich offen zu seiner Homosexualität und bedient sich mit Vorliebe der Vulgärsprache. Karol Chum (von englisch „cum“, Sperma) ist sein Pseudonym. Sein wirklicher Name lautet Przemysław Kowalczyk.

Der in Wrocław geborene und, nach eigenen Angaben, aus schwierigen Familienverhältnissen stammende Przemysław besuchte ab September 1988 das Kleine Priesterseminar des Franziskanerordens (entspricht dem Gymnasium) im nicht weit entfernten Legnica/Liegnitz. Am 7. Januar 1989, nachdem er Weihnachten und Neujahr zu Hause verbracht hatte, wurde Kowalczyk, so seine Darstellung, gebeten auf dem Rückweg nach Legnica von der Kurie in Wrocław ein Paket mitzubringen.

Przemysław Kowalczyk 1989.

Da es noch nicht fertig gepackt war, habe man ihm angeboten, die Nacht in der Kurie zu verbringen. Als er schon im Bett war, habe Gulbinowicz „sein Zimmer, ohne zu klopfen, betreten“, sein Geschlechtsteil für drei bis vier Minuten „massiert“ und sei dann „wieder gegangen.“

Wegen Verjährung sah die Staatsanwaltschaft davon ab, ein Untersuchungsverfahren einzuleiten. Belastende Zeugen, nach denen linke Medien händeringend gesucht haben, gibt es nicht. Ordensschwestern, die bis 2004, als der Kardinal emeritiert wurde, in der Kurie arbeiteten, sagen, dass, außer Papst Johannes Paul II., dem französischen Kardinal Roger Etchegaray, dem italienischen Professor Antonio Grassi und einigen Familienangehörigen des Kardinals, niemand im Bischofspalast übernachtet habe. Es kam so selten vor, sagten sie, dass man sich jeden Einzelnen gut merken konnte.

Warum Kowalczyk, der kurz nach dem vermeintlichen Vorfall in der Kurie das Kleine Priesterseminar verließ, so lange mit seiner Offenbarung gewartet habe? Er entgegnet, er habe seine Geschichte zum ersten Mal vor 22 Jahren der Homosexuellen-Nischen-Monatszeitung „Inaczej“ („Anders“) erzählt. Damals jedoch kannte er angeblich den Namen des vermeintlichen Täters noch nicht.

Nach dem Grund seines Weggangs vom Seminar gefragt, holten die Franziskaner im Juni 2019 seine Akte aus dem Archiv. Es hieß, Kowalczyk habe Bücher aus der Seminar-Bibliothek gestohlen.

So gesehen kann man sagen, er sei sich treu geblieben. Der heute 47-Jährige hat nämlich ein beachtliches Strafregister angehäuft. Gerichte in Warschau, Lubliniec/Lublinitz (Oberschlesien), Kraśnik (Südostpolen), Września/Wreschen (bei Poznań/Posen) und Wrocław haben ihn, einige sogar zweimal, zwischen 2005 und 2014 zu etlichen Geld und Freiheitsstrafen verurteilt. Er hat gestohlene Personalausweise auf seinen Namen umgeschrieben. Er bot Handys im Internet an und stellte sie Kunden, die sie bezahlt hatten nicht zu. Er beging mehrere Kleindiebstähle. Er entwendete hochgiftiges Quecksilber in großer Menge. Er nahm von einer Frau Geld für 1,5 Tonnen Zucker an, den er nicht besaß. Er hatte eine Sammlung kinderpornografischer Bilder auf seinem Computer, was pädophile Neigungen ahnen lässt, u. e. m.

Man kann es denjenigen, die Kardinal Gulbinowicz in Schutz nehmen nur schwer verübeln, wenn sie Kowalczyk, alias Chum, angesichts all der Tatsachen einen geltungssüchtigen Kleinganoven nennen. Umso mehr, als seine Aussage bisher die einzige ist, auf der die Beschuldigungen wegen Unsittlichkeit gegen Kardinal Gulbinowicz aufgebaut sind. Seit Mitte 2019 sind keine weiteren bekannt geworden.

Warum tat der Vatikan was er tat?

Angesichts der ausgesprochen dünnen Beweislage stellt sich die Frage, warum der Vatikan den im Sterben liegenden Kardinal dermaßen hart diszipliniert hat, ohne ein Wort offizieller Begründung von sich zu geben?

Stanisław Huskowski.

Stanisław Huskowski, einer der Solidarność-Leute, die die 80 Millionen Zloty im Dezember 1980 zu Gulbinowicz brachten und Mitunterzeichner des offenen Briefes, hat da eine Theorie:

„Ich schließe nicht aus, dass der Vatikan Kardinal Gulbinowicz nicht wegen bewiesener Vergehen bestraft hat, sondern wegen des ganzen Aufhebens um seine Person. Vielleicht ist man zu der Überzeugung gekommen, dass in der Lage, in der sich im Augenblick die Kirche befindet, nachdem verschiedene Pädophilie-Fälle bekannt geworden sind, man an den Tag legen muss, dass es auch ohne überzeugende Beweise im Interesse der Kirche liege, zu zeigen, dass gewisse Verhaltensweisen mit glühenden Eisen ausgebrannt werden.“

Doch Huskowski und die anderen Autoren des offenen Briefes wollen das so nicht stehen lassen: „Wir fordern Beweise, die auf eindeutigen Tatsachen und nicht auf Vermutungen oder Unterstellungen beruhen.(…) Wir fordern Aufklärung und wir haben ein Recht darauf.“

Die Totenmesse für Kardinal Henryk Gulbinowicz  fand, unter Auschluss der Öffentlichkeit, in der Breslauer Namen-Jesu-Universitätskirche statt.  Er wurde im Familiengrab auf dem Kommunalfriedhof von Olsztyn beigesetzt.

© RdP




Meister befremdlicher Klänge

Am 29. März 2020 starb Krzysztof Penderecki.

Ob Fan oder Verächter zeitgenössischer Musik, den Namen Penderecki kennt jeder. Gut sechzig Jahre lang begeisterte und verstörte der Komponist die Musikwelt. Einmal eingeschlagene Wege änderte er erneut, widersprach sich in seiner Musik und ließ sich durch Moden und Ismen nicht beeindrucken. Musikalisch machte er stets „sein Ding“, politisch drehte er sein Fähnlein nach dem Wind.

Am Ende seines Schaffensweges stand Krzysztof Penderecki da, als der traditionellste Avantgardist zeitgenössischer Musik. Er betrat diesen Weg mit dem Schlachtruf „Ich will den Klang von jeglicher Tradition befreien!“ Bei den Donaueschinger Musiktagen präsentierte er 1961 sein Orchesterwerk „Fluorescences“, „in dem“, so die Kritiker, „selbst die Noten grafische Purzelbäume schlugen“.

Ein Jahr zuvor hatte das „Klagelied – Den Opfern von Hiroshima“ Premiere. Zweiundfünfzig Streicher spielten knapp acht Minuten lang höchstmögliche Töne mit unregelmäßigen Bogen-Bewegungen. Sie zupften und schlugen die Saiten ihrer Geigen, Bratschen und Kontrabässe mit der Hand oder klopften mit der Rückseite des Streichbogens auf den Resonanzkörper.

Auf diese Weise schuf Penderecki seine Tonballungen („Cluster“ mit sehr eng beieinander liegenden Intervallen). Diese schichtete er zu „Klangflächen“, die er wiederum miteinander vermischte oder ineinanderfließen ließ. Eine seiner bekanntesten Tonballungen findet sich am Ende des Hiroshima-Klageliedes. Dort hat er die Streicherstimmen so dicht aufeinander gestapelt, dass das menschliche Ohr sie nur noch als lärmende „Geräuschmasse“ wahrnehmen kann. Sein Bestreben, auf ungewöhnliche Weise mit gewöhnlichen Instrumenten ungewöhnliche Klänge zu erzeugen, kam so vollends zur Geltung. Sonorismus wurde diese Stilrichtung in der Neuen Musik genannt.

„Klagelied – Den Opfern von Hiroshima“ . Partitur.

Als Penderecki 1960 ein dickes Konvolut mit der Partitur des „Klageliedes“ an den westdeutschen Musik-Verleger Hermann Moeck nach Celle schickte, verschwand die Sendung spurlos. Der Komponist musste die Partitur aus dem Gedächtnis neu niederschreiben.

Nach Monaten kam heraus, der Zoll, und in Wirklichkeit die polnische Staatssicherheit, hatte das Musikwerk aus dem Verkehr gezogen. Man nahm an, bei den seltsamen Aufzeichnungen könne es sich um einen Geheimcode handeln, mit dem Spionagenachrichten an westliche Geheimdienste überbracht werden sollten. Seit diesem Ereignis wird kolportiert, Penderecki habe später beide Partituren miteinander verglichen. Es heißt, sie sollen identisch gewesen sein.

Penderecki experimentierte bis Mitte der Siebzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts mit immer exotischeren Klängen, Instrumenten, Orchesteraufstellungen und Formen. Seine zeitgenössische Hardcore-Musik galt schon bald als ebenbürtig dem Schaffen der damaligen „Klangpäpste“ der musikalischen Avantgarde: Pierre Boulez, Luigi Nono, Karlheinz Stockhausen.

Kindheitserlebnisse

Der Komponist, der aus dem kommunistischen Osten kam, den Eisernen Vorhang durchbrach und zu einem weltweiten künstlerischen Höhenflug ansetzte, erblickte das Licht der Welt 1933 in Dębica, einer Kleinstadt an der Straße von Kraków/ Krakau Richtung Osten, nach Rzeszów.

Der Markt in Dębica vor dem Ersten Weltkrieg.

Damals schon waren die Pendereckis vermögende Leute. Krzysztofs Urgroßvater Johann Berger, ein deutscher Protestant und Gärtner, zog gegen Mitte des 19. Jahrhunderts von Breslau nach Dębica. Das Städtchen befand sich zu jener Zeit in Galizien, dem österreichischen Teilungsgebiet Polens. Es lockte der Posten des Oberförsters auf den riesigen Gütern des polnischen Grafen Raczyński.

Großvater Robert Berger war Zeichen- und Geometrielehrer, später Direktor der Grundschule. Noch vor dem Ersten Weltkrieg gründete Robert Berger mit einigen Bekannten eine Kreditgesellschaft. Aus ihr ging 1925, zur Zeit der Zweiten Polnischen Republik, die Genossenschaftsbank Dębica hervor. Ihr Direktor war bis zum Kriegsausbruch 1939 Robert Berger, ein zudem talentierter Hobbymaler und ein passionierter Geiger.

Robert Bergers Tochter, Zofia Berger heiratete den Dębicer Rechtsanwalt Tadeusz Penderecki, dessen Großeltern aus Armenien nach Dębica gekommen waren und dort eine neue Heimat gefunden hatten. Im November 1933 wurde der Sohn Krzysztof geboren.

Penderecki gestand in seinen letzten Interviews, er habe lange die Kindheit verdrängt. Zu aufregend und anstrengend war jahrelang das Hier und Jetzt des Weltbürgers gewesen. Erst im hohen Alter gab er seine Kindheitserinnerungen preis und öffnete damit eine Fundgrube an Fakten und Erlebnissen, die ihn für sein Leben geprägt hatten.

Da lag, gegenüber der Bank, die sein Vater gebaut hatte, die Kaserne des 5. Kavallerie-Schützen-Regiments der polnischen Armee. Der kleine Krzysztof zerrte sein Kindermädchen immer wieder an den Eisengitterzaun, um sich am Spiel der Militärkapelle sattzuhören. Die Musiker probten dort für die Konzerte, die sie jeden Sonntag, nach dem Hochamt, vor der Pfarrkirche gaben.

Pendereckis große Schwäche für Blechblasinstrumente war geboren und sollte ein auffälliges Merkmal seiner Musik werden. Man warf ihm vor, vieles in seinem Schaffen gerate zu pompös und feierlich. Er aber blieb dem „Glanz des Blechs“ verfallen. Vier Werke für Blasorchester waren das Ergebnis, aber auch die 7. Sinfonie „Die sieben Tore Jerusalems“ aus dem Jahr 1996 verrät seine große Vorliebe für das „Blech“.

Familienfoto der Pendereckis. Ganz hinten Mutter Zofia und Vater Tadeusz. Vor ihnen die Großmutter und Großvater Robert Berger. In der Mitte der kleine Krzysztof, rechts von ihm der ältere Bruder.

Da war Großvater Robert Berger, der dem Enkelsohn Goethe, Rilke, Eichendorff auf Deutsch vorlas oder aus dem Gedächtnis aufsagte. „Ich hatte einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Der Großvater aber hat mich ausgewählt, sich mir gewidmet. Er hat mir systematisches Lernen beigebracht, hat mir bei den Hausaufgaben geholfen, für mich Aufgaben in Mathematik, Physik und Chemie gelöst, Fächern, die ich nicht ausstehen konnte.“

Ein Meisterwerk der Gartenkunst

Der Großvater, Sohn eines Gärtners und Oberförsters, weckte in dem Kleinen zudem die Begeisterung für die Botanik. „Wir sind gewandert und ich musste Bäume und Sträucher anhand ihrer Blätter erkennen“, erinnerte sich Penderecki Jahrzehnte später.

Auch diese Kindheitserlebnisse holten ihn ein. Im Musikgeschäft bestens etabliert und damals schon vielfacher Dollarmillionär, kaufte Penderecki 1973 das durch die kommunistische Kollektivierung bereits Ende der Vierzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts ruinierte Gut Lusławice in der Gemeinde Zakliczyn. Es liegt eine Autostunde östlich von Kraków.

Der Maestro schrieb seine Werke nur in Auftrag. Rundfunkanstalten, Städte wie Jerusalem, die ihre Jubiläen mit seiner Musik schmücken wollten, internationale Organisationen wie die UNO oder das Internationale Olympische Komitee, reiche Musikvereine, wie die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien standen bei ihm Schlange. Die Preise für seine Kompositionen waren stets ein streng gehütetes Geheimnis. Es hieß, die Honorare für kleinere Formate würden bei sechsstelligen Dollar- oder Eurobeträgen beginnen.

Enorme Tantiemen, gut dotierte Künstlerpreise, Dirigenten-Sonderhonorare kamen hinzu. Von Filmregisseuren umgarnt, schrieb Penderecki zudem die Filmmusik zu William Friedkins „Der Exorzist“,  Stanley Kubricks „Shining“, Peter Weirs „Fearless – Jenseits der Angst“ oder Martin Scorseses „Shutter Island“. Die dröhnende, schillernde, verstörende musikalische Untermalung von Horrorbildern aus Pendereckis Hand brachte dem Meister Millionen. Lusławice konnte getrost Unsummen verschlingen.

Penderecki vor dem wiederaufgebauten Gutshaus in Lusławice.

Das prächtig wiederaufgebaute Gutshaus wird mittlerweile von einem Park umgeben, den Penderecki, durch ständigen Zukauf von Land, von fünf auf dreißig Hektar erweitert und durch gewaltige Erd- und Drainagearbeiten neu geformt hat. Es ist ein Meisterwerk der Gartenkunst, bepflanzt mit gut 1.700 Baum- und Straucharten, deren Setzlinge der Maestro aus allen Kontinenten mitbrachte und die sich zu den kläglichen Resten des einstigen Prachtgartens mit seinen Eichen, Kastanien und Eschen gesellten.

Stanisław Dudek, Pendereckis Landschaftsgärtner und mehrere Gartenarbeiter, hatten stets das ganze Jahr über alle Hände voll zu tun. Anfang April und Ende September/ Anfang Oktober nahm sich der Meister selbst immer eine Auszeit, um seinen Leuten beim Einpflanzen neuer Bäume und Gewächse auf die Finger zu schauen.

Der Garten von Lusławice. Ansichten.

Gut achtzig Ahorn– und mehr als vierzig Buchenarten sind in diesem Park vertreten, aber auch Amur-Korkbäume, japanische Lärchen, chinesische Birken-Pappeln, Korea-Tannen. An eine Allee nordamerikanischer Tulpenbäume schließen sich kanadische Riesenmammutbäume an. Ganz in der Nähe wächst ein Dickicht aus chinesischen Gewürzsträuchern.

Ein japanischer Garten und ein Labyrinth aus fünfzehntausend Hainbuchen gehören ebenso zu diesem Ensemble. „Labyrinth das ist Suche, das ist Irren, auf Umwegen zum Ziel gelangen, das ist das Wesen der künstlerischen Schöpfung“, sagte Penderecki auf seinen Buchen-Irrgarten angesprochen.

Philharmonie im Garten

Europäisches Krzysztof Penderecki Musikzentrum. Ansichten.

Im Jahr 2013 konnte der Maestro in Lusławice einen weiteren Traum verwirklicht sehen. Anne-Sophie Mutter spielte zur Eröffnung des Europäischen Krzysztof Penderecki Musikzentrums. Auf dem Parkgelände, für umgerechnet gut 15 Millionen Euro errichtet, beherbergt der Bau einen Konzertsaal für 650 Zuhörer mit einer zweihundert Quadratmeter großen Bühne. Probesäle für Orchester und Ballett sowie Tonnen modernster Ton- und Beleuchtungstechnik stehen Nachwuchskünstlern aus der ganzen Welt zur Verfügung. Zum Vergleich: die Krakauer Philharmonie hat nur 49 Plätze mehr.

Für die etwa zehntausend Quadratmeter erlesen moderner Architektur kam gröβtenteils der polnische Staat auf. EU-Gelder wurden hinzugezogen. Penderecki steuerte das Grundstück und einen kleinen Teil der Baukosten bei, und schuf sich so ein bleibendes Denkmal. Als eine „Nationale Kultureinrichtung“ eingestuft, wird das Musikzentrum bisher überwiegend vom polnischen Staat, mit einer kleinen Beteiligung der Krzysztof-Penderecki-Akademie, finanziert.

Frau Penderecka

Elżbieta Penderecka.

Mittlerweile ist zu hören, dass die Familie des Verstorbenen mit dem Gedanken spielt, Lusławice dem Staat zu verkaufen, der das Anwesen in ein Krzysztof-Penderecki-Museum umwandeln soll. Eine diesbezügliche Absichtserklärung  haben noch Penderecki  selbst und Kulturminister Prof. Piotr Gliński Mitte Mai 2019 unterschrieben. Der Minister kam deswegen nach Lusławice. Noch ist nichts entschieden, aber klar ist auch, dass die erste Kustodin des Museums Elżbieta Penderecka, die zweite Ehefrau des Komponisten wäre.

Kulturminister Prof. Piotr Gliński  (zweiter von rechts) Mitte Mai 2019 zu Besuch in Lusławice.

Bevor sie 1965 geheiratet haben, kannten sie sich zehn Jahre lang. Penderecki war mit ihrem Vater Leon Solecki, dem Konzertmeister der Krakauer Philharmonie befreundet. So eng, dass beide Familien seit 1957 immer wieder gemeinsam Urlaub machten. Solecki brachte seine Ehefrau und die zehnjährige Tochter Elżbieta mit. Penderecki kam mit seiner ersten Frau, der Pianistin Barbara Graca und Beata, der Tochter aus dieser Ehe.

Beim dritten Urlaub, 1963, an der Ostsee soll es zwischen der 17-Jährigen und dem 30-jährigen Musiker „gefunkt“ haben. Ihre Ehe hielt mehr als ein halbes Jahrhundert, bis zu seinem Tod. Elżbieta wurde Mutter ihrer beiden Kinder, seine Sekretärin, seine Lebensberaterin, seine Managerin und schließlich eine einflussreiche Kulturunternehmerin.

Sie organisierte etliche Konzerte und Festivals, unter anderem seit 1997 in jedem Jahr das Beethoven Oster-Festival, das zunächst in Krakau und seit 2004 in Warschau stattfindet, und zwar stets in prominenter Besetzung: Yehudi Menuhin, Mstislaw Rostropowitsch, Jessye Norman, Simon Estes u. v. a.

Anders als ihr Mann, der sich auf diesem Gebiet eher in Zurückhaltung übte, machte Elżbieta Penderecka aus ihrem Herzen politisch nie eine Mördergrube. Im Jahr 2005 unterstützte sie im Wahlkampf offen Lech Kaczyński, der damals die Präsidentenwahl gewann.

Fünf Jahre später, nach seinem Tod beim Flugzeugunglück von Smolensk, trat sie in das Lager der radikalen Gegner seines Bruders Jarosław Kaczyński über. Den Doppelsieg der Nationalkonservativen (Präsidentschafts- und Parlamentswahlen) im Jahr 2015 empfand sie als eine Katastrophe und konnte sich damit erklärterweise nicht abfinden.

Ausgerechnet den regierenden Nationalkonservativen einen guten Kaufpreis und die enorme dauerhafte staatliche Finanzierung des künftigen Penderecki-Museums abzutrotzen, scheint ihr hingegen keine Probleme zu bereiten.

Musik und Botanik

Die Liebe zu Bäumen hielt ganz selbstverständlich Einzug in Pendereckis Schaffen. Im Jahr 2005 wurde die 8. Symphonie „Lieder der Vergänglichkeit“, ein Auftragswerk des Luxemburgischen Kultusministeriums, uraufgeführt. Großväterliche Gedichtsstunden und gemeinsame botanische Wanderungen fanden so eine späte musikalische Fortsetzung.

Krzysztof Penderecki. Liebe zu Bäumen .

Von einem Symphonieorchester betont modern, aber nicht avantgardistisch begleitet, singen Solisten und Chor Gedichte von Eichendorff, Brecht („Der brennende Baum“), Rilke, Kraus, Hesse, Goethe („Sag‘ ich’s euch, geliebte Bäume?“), und von von Arnim („O grüner Baum des Lebens“). Hermann Hesses berühmte Verse von der „Vergänglichkeit“ geben wohl am treffendsten die Idee des Werkes wieder. Es ist den „leidenden und verängstigten“ Bäumen gewidmet. In Wirklichkeit gibt es vor allem die Gedanken und Empfindungen eines Menschen wieder, den die eigene Vergänglichkeit beschäftigt:

„Vom Baum des Lebens fällt
Mir Blatt um Blatt,
O taumelbunte Welt,
Wie machst du satt,
Wie machst du satt und müd,
Wie machst du trunken!
Was heut noch glüht
Ist bald versunken.“

„Die deutsche Literatur war ein Teil meiner Kindheit“, gestand Penderecki immer wieder, gefragt nach den Quellen seines künstlerischen Wirkens. Derjenige jedoch, der ihm diesen Zugang verschaffte, Großvater und Bankdirektor Robert Berger, das schob der Komponist stets nach, „war ein inständiger polnischer Patriot.“

Die grausame Zeit

„Alle seine Söhne und meine Onkel“, so Penderecki weiter, „kämpften seit 1914 in Józef Piłsudskis Legionen. Einer von ihnen ist damals gefallen. Im Zweiten Weltkrieg wurde Sohn Stefan in Warschau, im Gestapo-Gefängnis in der Pawia-Straße, in einer der regelmäßig dort stattfindenden Massenerschießungen hingerichtet. Sohn Mieczysław geriet als polnischer Offizier 1939 in sowjetische Gefangenschaft. Die Sowjets haben ihn 1940 zusammen mit Tausenden anderer polnischer Offiziere in Katyn ermordet. Der älteste Sohn kämpfte im Warschauer Aufstand“ (01.08. bis 03.10.1944 – Anm. RdP).

Anfang September 1939, als deutsche Truppen im Anmarsch waren, ergriff die Familie die Flucht. Dębica wurde seit dem 1. September 1939 um elf Uhr fast pausenlos von der deutschen Luftwaffe bombardiert. Hauptziel war der Bahnhof, ein wichtiger Knotenpunkt auf der Eisenbahnstrecke Kraków-Lwów/Lemberg. Drei Wochen später, nach dem Ende der Kampfhandlungen in Polen, kamen die Pendereckis zurück und fanden eine ausgeplünderte Wohnung vor. Dębicer Schurken hatten sich über das herrenlose Eigentum der vielen Geflohenen, die verwaisten Ämter und Läden hergemacht.

Am 8. September 1939 nahmen deutsche Truppen Dębica ein. Die Stadt hieß fortan Dembitz und teilte das Schicksal des übrigen besetzten Polens. Die ersten Repressalien richteten sich, wie überall, gegen die polnische Intelligenz. Lehrer, Ärzte, Priester, Unternehmer, Beamte, Richter wurden verhaftet und in den umliegenden Wäldern ermordet. Bald darauf kamen die knapp dreitausend Dębicer Juden an die Reihe. Das örtliche Ghetto wurde im April 1943 endgültig „aufgelöst“.

Penderecki, bei Kriegsbeginn sechs Jahre alt, sprach als Erwachsener von einer „grausamen Zeit“, die man „wie durch ein Wunder“ überlebt habe, ohne auf die Einzelheiten einzugehen. Auch die Befreiung war nicht so, wie man sie sich erhofft hatte. Ein paar Sowjets, die bei den Pendereckis in Dębica Quartier bezogen hatten, verbannten die Familie in die obere Etage. Sie heizten mit ihren Büchern oder benutzten die Seiten um sich Machorka-Zigaretten zu drehen, sie verkauften die Wohnungseinrichtung auf dem Trödel, aber immerhin teilten sie mit der Familie ihre kargen Essensrationen.

Ein Koffer voller „Frühwerke“

Schon bei Kriegsausbruch 1939 gingen die großen Notensammlungen des Großvaters und des Vaters verloren. Zwei Jahre zuvor bekam Krzysztof vom Vater eine Geige und regelmäßig privaten Geigenunterricht. „Ich kannte die Noten ehe ich richtig lesen und schreiben konnte“, so Pendereckis Kindheitserinnerung. In Kriegszeiten und auch danach musste er sich, mangels gedruckter Exemplare, seine Etüden selbst notieren. Auf diese Weise begann Pendereckis Komponieren.

Der junge Penderecki.

Professor Skołyszewski, bei dem er in Kraków als Jugendlicher privaten Kompositionsunterricht nehmen sollte, brachte er einen Koffer voller Etüden und „Frühwerke“ mit. „Der Professor nahm sich einige Tage, um sich alles anzuschauen und sagte beim nächsten Treffen, ich sei »musikalisch geziert«. Er hatte recht und verordnete mir einen soliden Kurs in der Kontrapunktlehre. Das setzte sich beim Studium an der Krakauer Musikhochschule fort. Es war mühsam aber sehr nützlich“, erinnerte sich der Komponist später.

Als Penderecki 1958 sein Studium abschloss und die Hochschule ihm, einem 25-Jährigen, aufgrund seiner enormen Fähigkeiten eine Professur für Komposition anbot, war der Stalinismus mit seinem marxistisch-dogmatischen Kunstverständnis gerade vorüber. Die Zensur der Kunst wurde deutlich gelockert. Lieder für die Volksmassen und Märsche waren kaum mehr gefragt. In das vom politischen Tauwetter erfasste Polen drang tröpfchenweise die Kunde von den modernen Musikströmungen im Westen ein.

Penderecki gehörte zu denen, die besonders aufmerksam aufhorchten. Er wollte unbedingt experimentieren und er wollte unbedingt in den Westen, um sich ein Bild von dem Neuen zu machen, stellte Anträge auf einen Pass und bekam immer wieder Absagen. So erging es damals, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, den meisten Polen im Kommunismus.

Schlag auf Schlag zum Ritterschlag

Um endlich herauszukommen bediente sich Penderecki schließlich einer List, die jedoch nur mit seinem Talent gelingen konnte. Beim Warschauer Wettbewerb junger polnischer Komponisten reichte er 1959 anonym drei Werke ein: „Strophen“, „Emanationen“ und „Aus den Psalmen Davids“. Zur Tarnung schrieb er eine Partitur mit der linken, die zweite mit der rechten Hand, die dritte ließ er von einem Fremden abschreiben und gewann so den ersten, zweiten und dritten Preis. Der erste Preis war ein einjähriges Stipendium in Darmstadt.

Aus dem kommunistischen Osten angereist und nicht selten wie ein Ankömmling vom Planeten Mars in Musikkreisen herumgereicht, knüpfte er Bekanntschaften, Beziehungen und beeindruckte mit seinen Partituren, die man ihm bei den Donaueschinger Musiktagen, dem Mekka der musikalischen Avantgarde, förmlich aus den Händen riss.

Seine Werke waren ein wichtiger Bestandteil der polnischen Avantgarde. Zu ihr zählten Anfang der Sechzigerjahre auch der polnische Film, das Theater, die Plakatkunst, Fotografie, Grafik. Kenner im Westen waren begeistert. Auf dieser Welle ritt Penderecki.

Nun ging es für ihn Schlag auf Schlag. Den Ritterschlag erteilte ihm Herbert von Karajan, als er mit den Berliner Philharmonikern Ende der Sechziger Pendereckis „Polymorphia für 48 Streichinstrumente“ und „De natura sonoris“ spielte. Es waren die modernsten Stücke, die Karajan je in Angriff nahm. Mit etwa 35 Jahren war Penderecki international etabliert.

Paradoxerweise hatte sich der Neutöner zu jener Zeit bereits von der kakofonen Avantgarde mit einem Paukenschlag verabschiedet. Mit der 1966 im Dom zu Münster uraufgeführten „Lukas-Passion“. Penderecki hatte erkannt, dass er sich in einer Sackgasse befand. Die Dissonanz stieß an ihre Grenzen. Mit noch mehr Klang-Radikalismus konnte er nur noch ins Abseits des weltweiten Musikbetriebs geraten. Das wäre geschäftsschädigend gewesen. So direkt konnte er das natürlich nicht sagen, also formulierte Penderecki es folgendermaßen:

„Die musikalische Welt von Stockhausen, Nono, Boulez und Cage war für uns Junge – von der Ästhetik des sozialistischen Realismus als offiziellem Kanon in unserem Land Umgebenen – eine grandiose Befreiung. Ich erkannte jedoch schnell, dass diese Neuheit, dieses Experimentieren und formale Spekulieren eher zerstörerisch als schöpferisch ist. Meine Rückkehr zur Tradition hat mich vor der versteinernden Avantgarde gerettet.“

So wie er einst die Neue Musik verkörperte, personifizierte Penderecki nun die Abkehr von ihr. Für seine einstigen Fans und Weggenossen war das schlichtweg Verrat. Als „Penderadetzky“ wurde er verspottet.

Die „normale“ Musikwelt dagegen empfing ihn mit Fanfaren. Mit seinem berühmten Namen, der nun für eine gemäßigte Klangmoderne stand, konnte man das gesetztere Publikum an die Philharmonie-Kassen locken. Es gab eine enorme Nachfrage nach einer musikalischen Synthese aus neoromantischer Tradition und Innovation. Der nicht mehr so radikale Penderecki kam diesem Bedarf mit seiner handwerklichen Brillanz und Bravour bestens entgegen.

Johannes Paul II und Krzysztof Penderecki.

Von jetzt an spielte sich sein Komponistendasein zumeist auf der Himmelsleiter ab. Hingebungsvoll widmete er sich dem Kanon aus biblisch-liturgischen Themen: Grablegung Christi, Wiederauferstehung, das Apostolische Glaubensbekenntnis, Stabat Mater, Agnus Dei u. v. m.

Penderecki-Briefmarke von 2013 zum 80. Geburtstag.

Das Agnus Dei wurde Bestandteil seines „Polnischen Requiems“, in dem er wichtige Persönlichkeiten der polnischen Geschichte verewigte: u. a. Kardinal Stefan Wyszyński, Pater Maximilian Kolbe, Papst Johannes Paul II., aber auch die Opfer des Warschauer Aufstandes, die in Katyń ermordeten polnischen Offiziere. Die Uraufführung fand 1984 in Stuttgart statt.

Gesinnungsakrobat

Das Ende 1980 entstandene „Lacrimosa“, das ebenfalls im Polnischen Requiem seinen Platz fand, widmete er Lech Wałęsa. Dennoch brachte Penderecki es im April 1982 fertig, sich mit General Wojciech Jaruzelski zu treffen, um sein Verständnis für die Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 und das Verbot der Gewerkschaft Solidarność kundzutun. Wałęsa war zu dieser Zeit interniert. Rufschädigend war dieses Verhalten schon.

Krzysztof Penderecki und General Jaruzelski im Dezember 1983. Penderecki nimmt den staatlichen Kulturpreis entgegen.

Dennoch pflegte der Komponist fortan den Umgang mit dem kommunistischen Diktator. Zum 50. Geburtstag, 1983, nahm er den Kultur-Staatspreis aus dessen Händen entgegen. Jaruzelski und Ehefrau beehrten Penderecki bei der Warschauer Premiere der polnischen Fassung seiner Oper „Die schwarze Maske“ im September 1988.

Die sporadischen Kontakte waren stets freundlich. Zwar war Penderecki nie ein kommunistischer Vorzeige-Staatskünstler, aber er verhielt sich loyal, hat sich nie dazu hinreißen lassen, gegen die Niederträchtigkeiten und Verbrechen des Kommunismus aufzuschreien. Im Weltmaßstab inszenierte er sich als der große katholische Komponist, fand aber öffentlich kein kritisches Wort zu der Kirchenverfolgung im eigenen Land, sei es nur zu dem politischen Mord an Pfarrer Jerzy Popiełuszko und anderen katholischen Priestern in Jaruzelski-Zeiten.

Pendereckis Stasi-Akte.

Nur ein einziges Mal, im Dezember 1979, setzte er, als Rektor der Musikakademie, seine Unterschrift unter einen Appell der Krakauer Studenten an die Behörden, eine nichtkommunistische Studentenorganisation gründen zu dürfen. Eine Delegation drang in sein Arbeitszimmer vor und der so überraschte Penderecki willigte ein. Das war‘s dann aber auch.

Pendereckis Stasi-Akte. „Wurde operativ genutzt wegen oft unternommener Auslandsreisen. Unterlagen deponiert im Archiv der Abteilung C (Staatssicherheit – Anm, RdP) der Hauptkommandantur der Bürgermiliz in Kraków.“

Im März 2017, als der Sonderfonds der geheimsten der geheimen Unterlagen der polnischen Staatssicherheit endlich freigegeben wurde, tauchte auch Pendereckis Stasi-Akte auf, oder besser gesagt, das was von ihr nach der Massenvernichtung der Stasi-Archive 1989 und 1990 durch die Beamten übriggeblieben ist.

Die Stasi war im November 1962 auf ihn zugekommen, mit dem Angebot, bei seiner Reise nach Schweden den einen oder anderen Auftrag zu erledigen. Es ging um das Aushorchen prominenter antikommunistischer Auslandspolen. Der Stasi-Hauptmann Stanisław Żak (fonetisch Schack) notierte nach dem Gespräch, Penderecki sei „positiv eingestellt zu der jetzigen Wirklichkeit“ und erkläre sich bereit „uns, entsprechend seinen Möglichkeiten, zu helfen.“

Daraus wurde nichts. Der stets vorsichtige Penderecki fand in Schweden „keine Zeit“. Als er sie später auch in Westdeutschland, Italien und Frankreich nicht fand, schloss die Stasi im März 1972 seine Akte und schickte sie ins Archiv. Keine Verpflichtungserklärung und kein Bericht von ihm, wenn es sie überhaupt gegeben hatte, was Penderecki immer heftig bestritt, ist erhalten geblieben.

Michael-und- Stanislausbasilika. Pendereckis künftige Grablege in Kraków.

Viele haben nach der Verhängung des Kriegsrechts am 13.Dezember 1981 und dem Verbot der Solidarność, aus Protest, Orden, die ihnen die kommunistische Volksrepublik Polen verliehen hatte, zurückgegeben. Penderecki behielt sie alle. Ob sie ihm auf roten Samtkissen bei seiner Beerdigung hinterhergetragen werden? Wir wissen es nicht.

Michael-und- Stanislausbasilika. Innenraum.

Die Urne mit seiner Asche wurde einstweilig in der Krakauer St. Florianskirche untergebracht. Dort wartet sie auf eine feierliche Beisetzung, sobald die Corona-Epidemie vorbei sein wird. Sie soll in dem um 1880 entstandenen Nationalen Pantheon verdienter Polen, in der Krypta der Michael-und- Stanislausbasilika, erfolgen.

Michael-und- Stanislausbasilika. Krypta der Verdienten.

Viele prominente Polen sind dort bestattet, unter anderem die Dichter Adam Asnyk und zuletzt Czesław Miłosz (2004), die Schriftsteller Józef Ignacy Kraszewski und Stanisław Wyspiański, die Maler Henryk Siemiradzki und Jacek Malczewski, der Komponist Karol Szymanowski.

Krzysztof Penderecki, auch er nur ein Mensch, ist auf jeden Fall mehr als künstlerisch verdient und prominent genug, um dort die letzte Ruhestätte zu finden.

© RdP




Der unbequeme Polenadvokat

Am 2. Mai 2020 starb Stefan Hambura.

Sein Markenzeichen war die nach oben offene Maulwurfbrille mit dem seltsam geschwungenen Designergestell. Stefan Hambura war Anwalt mit einem gewissen Hang zur Selbstdarstellung und ein Störenfried. Er wurde nicht müde durch sein Poltern die institutionellen Tretmühlen der polnisch-deutschen Verständigung aus dem Takt zu bringen. Er riss das Pflaster ab, mit dem sie die wunden Stellen im polnisch-deutschen Verhältnis zu kaschieren versuchten.

Kein Wunder, dass sich in beiden Ländern die Trauer nach seinem plötzlichen Tod stellenweise sehr in Grenzen hielt. Vor allem dort, wo man in Ministerien, Botschaften, Konsulaten, Austauscheinrichtungen, an wissenschaftlichen Instituten für die polnisch-deutschen Beziehungen verantwortlich zeichnet und meistens nur seine Ruhe haben möchte. Dort galt Hambura als ein lästiger Quälgeist. Er störte die Routine. Regelmäßig brachte er die Versöhnungs-Bürokraten in Erklärungsnöte, zwang sie zum Tätigwerden in Bereichen, die sie geflissentlich übersahen, in denen man sich keine Meriten erwerben, dafür aber sehr schnell die Finger verbrennen konnte.

Dazu verkörperte Hambura geradezu mustergültig ein Paradoxon, das immer wieder mal vorkommt und stets für Verwirrung sorgt. Ein Deutscher aus Polen wurde zu einem polnischen Patrioten in Deutschland. Seine Gegner schimpften ihn gar einen polnischen Nationalisten.

Der Deutsche in Polen

Als Stefan Hambura 1961 in Gleiwitz auf die Welt kam, hieß die Stadt schon seit sechzehn Jahren, seit 1945, Gliwice. Vor dem Zweiten Weltkrieg lag sie auf der deutschen Seite, direkt an der Grenze, die Oberschlesien in einen deutschen und in einen polnischen Teil spaltete. Hier täuschten die Nazis am Abend des 31. August 1939 den „polnischen Bandenüberfall auf den Sender Gleiwitz“ vor, der ihnen den Vorwand zum Einmarsch in Polen liefern sollte.

In der viertgrößten Stadt Oberschlesiens wohnten in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts, trotz der Flucht vor der Roten Armee und trotz aller Aussiedlungen unmittelbar nach dem Krieg, immer noch nicht wenige Deutsche, nun mit polnischer Staatsangehörigkeit. Die Familie des Buchhalters Hambura gehörte dazu.

Unter den Nachbarn der Hamburas gab es immer mehr zugezogene Polen aus anderen Landesteilen, mit ihren eigenen Kriegserlebnissen. Auf Deutsche und Deutschland war man in Gliwice, wie anderswo, nicht gut zu sprechen, und die kommunistischen Behörden trugen dazu wesentlich bei.

Stefan Hambura in ganz jungen Jahren.

Deutsch als Fremdsprache wurde damals in diesen Gegenden an den Schulen grundsätzlich nicht unterrichtet. Stefan und sein Bruder sprachen den polnisch-oberschlesischen Dialekt, die „godka“, in dem nicht wenige Germanismen vorkommen. Aber wenn die Eltern wollten, dass die Kinder nicht verstehen sollten worüber sie redeten, dann sprachen sie Deutsch. Einige Male setzte der Vater dazu an, den Söhnen Deutsch mit Hilfe eines Fremdsprachenlehrbuchs beizubringen. Spätestens aber nach zwanzig Lektionen schlief die Sache in der Alltagsroutine wieder ein, so die Erinnerung des Anwalts Hambura an seine Kindheit.

Jedes Mal wenn beide Söhne in eine Kinder-Sommerfreizeit fuhren, beschworen sie die Eltern: „Auch wenn euch die Erzieherinnen Bonbons geben und gut zureden, sagt lieber nicht, dass wir nach Deutschland wollen“. Doch das war ohnehin bekannt. Seit Mitte der Sechzigerjahre reichten die Hamburas einen Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik nach dem anderen ein, „zwecks Familienzusammenführung“.

Europa war damals gespalten, der Eiserne Vorhang sehr dicht. Im kommunistischen Polen galt zu dieser Zeit schon die offizielle Auslegung, dass es, bis auf wenige Ausnahmen, keine Deutschen mehr im Land gäbe. Sie seien 1945 vor den Sowjets geflohen oder zwischen 1945 und 1949, gemäß dem Potsdamer Abkommen, zwangsweise ausgesiedelt worden. Überdies gab es die Spätaussiedlerwelle zwischen 1955 und 1959, als im Zuge des politischen Tauwetters nach dem Ende des Stalinismus noch einmal knapp 300.000 Deutsche das Land verlassen durften.

Der Rest, konzentriert vor allem im Oppelner- und im oberschlesischen Raum, das waren, nach offizieller Lesart, „Autochthone“ (= Alteingesessene). Es galt, sie in die polnische Nation, durch Kindergarten, Schule, Militär, Arbeitsplatz, „nach Jahrhunderten der Germanisierung“, wieder einzugliedern. Bei der jungen Generation zeigte dieses Vorhaben im Laufe der Zeit durchaus Erfolge.

Gliwice um 1970.

Die Kinder und Jugendlichen sprachen ja fließend polnisch und die Welt ihrer polnischen Altersgenossen war, oft zum Leidwesen der Eltern und Großeltern, ganz und gar die Ihre. Die sprachliche und bewusstseinsmäßige Anpassung der Kinder an die polnische Umgebung war eine Tatsache, der sich Vater Hambura mit seinem Deutsch-Heimunterricht mit wenig Erfolg zu widersetzen versuchte. Das verstärkte bei den Älteren generell die Neigung zur Umsiedlung, ehe ihnen die Jüngsten womöglich ganz und gar ins Polnische entglitten.

Der Traum vom goldenen Westen

Eins jedoch machte die Eingliederung in Polen schwierig, oft gar unmöglich. Es galt sich in die Welt des Kommunismus einzufügen, in der es weder Wohlstand noch Freiheit gab. Beides verhieß aber das Wirtschaftswunderland Bundesrepublik, in dem auf jeden, der seine deutsche Herkunft nachweisen konnte, der deutsche Pass und die üppigen Segnungen des Wohlfahrtsstaates warteten.

Folglich war der Drang, dorthin zu gelangen, enorm, doch das kommunistische Polen wollte dieses zehntausendfache Misstrauensvotum seiner „Autochthonen“ aus Prestige- und aus wirtschaftlichen Gründen nicht hinnehmen. Schließlich waren es oft teuer ausgebildete Ingenieure, Techniker, Facharbeiter, Mediziner, die weggehen wollten. Stefan Hambura zum Beispiel machte eine Lehre zum Fernmeldetechniker.

Wer also einen Ausreiseantrag stellte, musste auf Entlassung, den Verlust beruflicher Aufstiegsmöglichkeiten, auf Verwaltungsschikanen gefasst sein. Manche schreckte das ab. Viele nahmen es hin und stellten immer wieder neue Ausreiseanträge.

Antikommunistisch und fest im katholischen Glauben verankert, die Hamburas waren in dieser Hinsicht keine Ausnahme unter ihresgleichen. Stefan war Messdiener und beim Religionsunterricht eifrig dabei. Seitdem die Kommunisten 1961 die Katechese endgültig aus den Schulen verbannt hatten, durfte sie nur nachmittags in den Kirchen stattfinden.

Eltern, die ihre Kinder dort hinschickten, legten in den Augen der Kommunisten ein eindeutiges politisches Zeugnis ab. Auch das blieb oft nicht ohne Folgen, in einem totalitären Staat, der alles nach seinem Gutdünken zuteilen oder verweigern konnte: eine Wohnung, einen Reisepass, einen Kindergarten- oder einen Studienplatz, eine Kur oder ein Telefon zu Hause, auf das man normalerweise bis zu zwanzig Jahre lang wartete, aber mancher „Verdiente“ bekam es eben schneller.

Angekommen

Stefan Hambura hob im Familienarchiv sorgfältig sein Tagebuch des Religionsschülers auf, in dem Pfarrer Kazimierz Mol die Anwesenheit in jeder Unterrichtstunde mit Unterschrift und Stempel bestätigte. Die letzte Bestätigung fiel auf den 5. Dezember 1978. Am 12. Dezember sollte das Thema lauten „Der Herr ist nahe“. Da aber waren die Hamburas schon im niedersächsischen Friedland angekommen, dem Erstaufnahmelager für Spätaussiedler.

Nach gut zehn Jahren des Antragstellens in Gliwice durften sie endlich raus. Ihr Weg führte sie weiter ins NRW-Aussiedlerlager Unna-Massen. Dort galt es einige Monate lang abzuwarten, bis alle Formalitäten erledigt, eine Wohnung, die Schule für die Söhne, ein Job für den Vater gefunden waren. Für die beiden jungen Hamburas und ihresgleichen war in Unna-Massen ausgiebiger Deutsch-Unterricht angesagt. In den Pausen aber, so Stefans Erinnerung an diese Zeit, wurde nur Polnisch oder Russisch gesprochen.

Er war fleißig, ehrgeizig, wissbegierig und die technische Mittelschule, in die Stefan Hambura in Polen gegangen war, kann auch nicht schlecht gewesen sein, wenn er problemlos am Gymnasium in Duisburg, wo sich die Familie niederließ, aufgenommen wurde, das Abitur bestand und das Jurastudium an der Bonner Universität bewältigte. Dazwischen lag noch ein Jahr Pflicht-Wehrdienst bei der Bundeswehr.

In all diesen Jahren lernte der Deutsche aus Polen am eigenen Leibe die Geringschätzung kennen, die den Polen in Deutschland oftmals entgegengebracht wird. Man hielt ihn für einen von ihnen. Dort, wohin die politische Korrektheit nicht vordringt: auf dem Schul- und auf dem Kasernenhof, in der Soldatenstube, beim Kommilitonen-Gelage, bei den Aushilfsjobs, mit denen er sich das Studium mitfinanzierte, sparte man ihm, dem vermeintlichen Polen gegenüber, nicht mit Sticheleien, Spott, Hohn, Herabsetzung.

Am Beginn seiner Verteidiger-Laufbahn versuchte Hambura, der sein tägliches Brot mit Zivil- und Wirtschaftsfällen verdiente, sich ebenfalls als Anwalt von Vertriebenen und Spätaussiedlern zu etablieren. Im Jahr 2003 vertrat er eine Deutsche aus Dortmund, die ihr Wohnhaus in Gliwice zurückbekommen und verkaufen wollte. Weder dieses noch einige weitere, ähnliche Mandate, die er übernahm, waren von Erfolg gekrönt.

Außerdem hatten die Flüchtlinge und Spätaussiedler noch in den Neunzigerjahren sowie um die Jahrtausendwende genügend, weit mächtigere Fürsprecher: den politisch einflussreichen Bund der Vertriebenen (BdV), die Landsmannschaften, Vertriebenen-Politiker, wie Herbert Czaja, Herbert Hupka, Erika Steinbach, Hartmut Koschyk oder solche, die ihnen politisch den Rücken stärkten, wie Alfred Dregger, jahrelang Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion und der prominenteste Vertreter der nationalkonservativen CDU-„Stahlhelm-Fraktion“. Auch Bundeskanzler Helmut Kohl legte lange Zeit, wenn nicht Sympathien, so auf jeden Fall Respekt vor den Vertriebenen an den Tag. Die zwei bis drei Prozent Stimmen, die bei ihnen noch Anfang der Zweitausenderjahre zu holen waren, konnten wahlentscheidend sein.

Fachmann für hoffnungslose „Polen-Fälle“

Teilweise ganz ohne eigenes Zutun öffnete sich derweil vor dem Anwalt Hambura eine „Marktlücke“, die seine deutschen Kollegen ohne polnischen Hintergrund nicht abzudecken vermochten. Dazu bedurfte es nicht nur bester Polnischkenntnisse, sondern einer besonderen Feinfühligkeit, die auf Anhieb Vertrauen erzeugt.

Anwälte gab und gibt es in der Bundesrepublik mehr als genug, aber in dieser besonderen Kategorie agierte Stefan Hambura am Anfang weitgehend allein auf weiter Flur. Inzwischen gibt es in Hamburg, Berlin, Köln Sozietäten mit polnischsprachigen Anwälten, die sich solcher Fälle annehmen.

Die Polen, die bei ihm landeten, waren oft einfache, schwer arbeitende Leute, die nicht viel Deutsch sprachen, unversehens in die Mühlen der deutschen Bürokratie gerieten und oft weder ein noch aus wussten. Hambura wurde so zum bekanntesten Fachmann für vertrackte und hoffnungslose „Polen-Fälle“.

In jener Zeit war er schon einige Jahre verheiratet mit Grażyna, einer Polin die er in Bonn in der Kirche kennengelernt hatte. Sie arbeitete als Kirchenjuristin im Erzbistum Köln und gab ihre Stelle auf, als die Familie in die neue-alte Hauptstadt Berlin zog, wo sich der Anwalt mehr Chancen auf beruflichen Erfolg ausmalte. Sie hat die polnische, er hatte die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie sprach mit den beiden Kindern, die zwei Staatsangehörigkeiten haben, nur Polnisch, er nur Deutsch. „Damit in ihren Köpfen Ordnung herrsche“, so Hambura in einem Zeitungsgespräch.

Zu ihm kamen vor allem polnische Elternteile, die sich nach Scheidungen von deutschen Partnern benachteiligt fühlten, weil deutsche Behörden grundsätzlich nur deutschen Müttern bzw. Vätern das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder übertragen. Noch schwieriger und dramatischer waren und sind die Wegnahmen polnischer Kinder durch Jugendämter in der Bundesrepublik. Diesen Behörden hängt der Ruf an, durch ihre oft rabiaten Praktiken, die Elternrechte auszuhebeln.

Lesen Sie dazu: „Deutsche Jugendämter, polnisches Leid“

Hungern und kämpfen für die polnische Minderheit

Eine zweite wichtige polnisch-deutsche Angelegenheit, der sich Hambura restlos verschrieben hatte, war, dabei zu helfen, dass die Polen in Deutschland den Status einer nationalen Minderheit zurückbekommen. Umso mehr, als die Deutschen in Polen diesen Status innehaben.

Der Erste (und letzte) Kongress der Polen in Deutschland am 6. März 1938 im Berliner Theater des Volkes mit ca. 5.000 Delegierten.

Die Polen waren als nationale Minderheit in Deutschland bis zum 7. September 1939 anerkannt. Unmittelbar nach dem Überfall auf Polen hatte Hitler, per Führererlass, diese Anerkennung widerrufen und den Bund der Polen in Deutschland verboten. Am 3. Juni 1940 beschlagnahmte das Dritte Reich alle Immobilien, Bank- und sonstige Vermögen der polnischen Minderheitsorganisationen.

Briefmarke von 1972 anlässlich des 50. Entstehungsjubiläums des Bundes der Polen in Deutschland, mit dem Emblem der Organisation. Es zeigt den Verlauf der Weichsel als Zeichen für das polnische Volk und die Lage der Stadt Kraków als Zeichen für die polnische Kultur.

Etwa 2.000 ihrer Funktionäre und prominenten Mitglieder, allesamt deutsche Staatsbürger, wurden verfolgt, jeder zweite von ihnen überlebte die KZ-Haft nicht. Eine kollektive Rehabilitierung und Entschädigung per Gesetz, wie im Falle der Homosexuellen oder der Wehrmacht-Deserteure, fand nicht statt. Die bedauernde Erwähnung in der Entschließung des Bundestages vom 10. Juni 2011 musste ausreichen.

Bis heute weigert sich die Bundesrepublik beharrlich, Hitlers Beschluss rückgängig zu machen. Eine der Begründungen lautet, die Polen in Deutschland bewohnen kein zusammenhängendes Gebiet. Das tun die Sinti und Roma auch nicht, dennoch hat Deutschland ihnen 1998 den Minderheitenstatus zuerkannt, der auch den Dänen, den Friesen und den Sorben in Deutschland zusteht. Außerdem, so die offizielle deutsche Haltung, bestehe das Hauptproblem darin, dass fast alle Polen oder deren Vorfahren durch Migration in das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland gelangt seien. Nicht viel anders verhält es sich mit den Sinti und Roma.

Briefmarke von 1982 anlässlich des 60. Entstehungsjubiläums des Bundes der Polen in Deutschland. Links: Stanisław Sierakowski, erster Vorsitzender des Bundes (1922-1933). Ermordet von den Nazis im Oktober 1939 mit seiner Frau, Tochter und deren Ehemann. Rechts: Pfarrer Bolesław Domański, Vositzender des Bundes in den Jahren 1933-1939. Starb im April 1939 eines natürlichen Todes.

Der Minderheitenstatus verpflichtet die Bundes- und Landesverwaltungen die Pflege der Kultur und der Sprache der anerkannten Minderheiten fortlaufend zu finanzieren. Das geht aus internationalen Verträgen hervor. Da die Polen als Minderheit nicht mehr anerkannt werden, sind ihre Einrichtungen auf gelegentliche, nach freiem Ermessen gewährte, bescheidene und zeitbeschränkte Projektfinanzierungen aus verschiedenen Töpfen angewiesen. So kann man keine stabilen Strukturen aufbauen.

Postkarte von 2017 anlässlich des 95. Entstehungsjubiläums des Bundes der Polen in Deutschland mit dem Konterfei Pfarrer Bolesław Domańskis.

Anders die Deutschen in Polen, wo der Staat und die Kommunen allein das Schulwesen der deutschen Minderheit pro Jahr mit umgerechnet 14 Millionen Euro finanzieren. Dazu kommen noch einige weitere Millionen für die Kulturförderung.

Bei einer Veranstaltung der polnischen Minderheit in Berlin in Juni 2011.

Hambura wollte es genau wissen. Er forderte Akteneinsicht bei den deutschen Behörden. Ging in Archive, rekonstruierte das Geschehen um das Verbot der polnischen Minderheit von 1939 und die Enteignungen von 1940. Er brachte Fakten ans Tageslicht und ins öffentliche Bewusstsein.

Das war um 2008. Danach wurde knapp zehn Jahre lang verhandelt, getagt, polnischerseits gefordert, deutscherseits mal viel versprochen, mal abgewiegelt. Hambura war oft mit von der Partie, sah frustriert zu.

Stefan Hambura während seines Hungerstreiks in Warschau im Mai 2017.

Am Ende tat er das, worin er ein Meister war. Er hängte die Sache an die ganz große Glocke. Zuerst schrieb er im Februar 2017 einen offenen Brief an Angela Merkel: „Seit dem Jahr 2009 gibt es kaum Fortschritte in den Fragen der Polnischen Minderheit in Deutschland. Ich möchte Sie, sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin, daher bitten, die Angelegenheit der Polnischen Minderheit in Deutschland zur „Chefsache“ zu erklären und diese schnellstmöglich zu lösen.“ Im Mai in Warschau und im Oktober 2017 in Berlin trat er dann in mehrtägige Hungerstreiks.

„Da muss man was machen“

Es hieß, Hambura trete zu theatralisch auf, wenn er etwas durchsetzen wolle. Nicht wenige störten sich, wie sie sagten, an seiner großtuerischen Art. Er wurde bezichtigt sich in Szene zu setzen aus rein geschäftlichen Überlegungen, gehöre doch das Klappern zum Handwerk.

Wer ihn näher kannte, der kannte auch seinen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und seinen fast schon reflexartigen Hang überall dort helfen zu wollen, wo er die elementare Fairness verletzt sah. „Da muss man was machen“, den Satz hat er oft wiederholt.

Mit seinem Mandanten Adam Kowalewski im Warschauer Gerichtsgebäude im September 2018. Kowalewskis Vater wurde in Auschwitz pseudomedizinischen Experimenten unterzogen.

Viele seiner Mandate übte er umsonst aus. Zum Beispiel die von Kindern polnischer KZ-Häftlinge, die auf Entschädigung für psychische Leiden und materielle Nachteile klagten, die ihnen die Verfolgung und der Tod der Mutter oder des Vaters zugefügt hatten. Deutsche Gerichte haben alle diese Klagen abgewiesen. In seiner Bonner Zeit vermittelte Hambura schwer kranke polnische Kinder zu Operationen in deutschen Fachkliniken, sammelte Geld dafür und steuerte eigenes bei.

Hamburas Tatendrang schien unerschöpflich zu sein. Er war ein Hansdampf in den holprigsten, verwinkeltesten polnisch-deutschen Gassen. Jugendämter. Polnische Minderheit in Polen. Deutsche Reparationen für Polen. Die „Polnische Treuhand“ als Antwort auf die „Preußische Treuhand“, die von Polen Entschädigungen für das nach 1945 zurückgelassene deutsche Eigentum forderte. In Berlin, die Errichtung eines Dokumentationszentrums für polnisches Leid im Zweiten Weltkrieg als Antwort auf den Bau des von Erika Steinbach forcierten Zentrums „Flucht und Vertreibung“.

Stefan Hambura vor der Deutschen Botschaft in Warschau am 1. Oktober 2018.

Stefan Hambura stand bei all diesen Initiativen an vorderster Front. Oft mit einem Megafon in der Hand, wie am 1. Oktober 2018 vor der deutschen Botschaft in Warschau, als viele Dutzend geladener Gäste, die Einladungen in der Hand, nach und nach durch das Eingangstor gelassen wurden, um am Empfang des Botschafters zum Tag der Deutschen Einheit teilzunehmen. Transparente und großformatige Fotos des zerstörten Warschau, wenige Meter vom Botschafts-Zaun entfernt, beeinträchtigten die Idylle des lauen Herbstabends an den kalten Buffets, genauso wie Hamburas Megafon-Ansprache über Deutschlands materielle und moralische Schuld gegenüber Polen.

Zwischen den Mühlsteinen der Politik

Kein Wunder, dass maßgebliche Personen und Institutionen in Deutschland, die sich mit Polen beschäftigen, Hambura mit hartnäckiger Nichtbeachtung straften. Nach ihm gefragt, sagte der Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt der Zeitung „Rzeczpospolita“, er glaube, Hamburas Tätigkeit sei nicht wichtig genug, um sie zu kommentieren.

Folglich war Hambura auch für sämtliche deutsche Medien in all den langen Jahren weitgehend ein Niemand. Als ihm, 2013, der „Spiegel“ ausnahmsweise einen Artikel widmete, hieß es, in Deutschland gelte Hambura als „so etwas wie der juristische Sachwalter der polnischen Nationalkonservativen. Geführt wird dieses Lager von Jarosław Kaczyński.“

Diese Beobachtung drängte sich durchaus auf, nur wäre es der Redlichkeit halber angebracht gewesen hinzuzufügen, wie und warum Hambura geradezu in diese Rolle hineingedrängt wurde. Alle anderen wichtigen politischen Kräfte in Polen wollten sich nämlich auf keinen Fall mit Deutschland anlegen.

Angela Merkel und Donald Tusk.

Am wenigsten die Bürgerplattform des damaligen polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk. Er war und ist der politische Ziehsohn Angela Merkels, dem die Kanzlerin 2014 seinen Traum EU-Ratspräsident zu werden, als Gegenleistung für seine unverbrüchliche Deutschland-Treue, erfüllt hat.

Zwischen 2008, als die Tusk-Partei Bürgerplattform die vorgezogenen Parlamentswahlen gewann und Jarosław Kaczynski als Regierungschef abservierte, und Herbst 2015, als die Kaczyński-Partei Recht und Gerechtigkeit wieder an die Macht kam, war Hambura auch für das offizielle Polen ein Nobody. Polnische Botschaften und Konsulate in Deutschland, die der Anwalt um Amtshilfe für seine polnischen Mandanten bat, durften sich nicht mit ihm einlassen.

Genauso wie ihre deutschen Kontrahenten sahen die Tusk-Leute ebenso wenig eine Veranlassung all die heiklen Themen, die Hambura aufgriff auch nur zu berühren. Nichts und niemand sollte den angeblich blauen Himmel der polnisch-deutschen Versöhnung trüben.

Deutschen Politikern und Beamten gegenüber saß damals eine besondere Spezies polnischer Offizieller. Oft waren es einstige polnische Teilnehmer an gemeinsamen, gut dotierten Forschungs- und Austauschprojekten. Ehemalige, wohl entlohnte polnische Gastprofessoren an deutschen Universitäten. Vormalige polnische Praktikanten in deutschen Behörden, wie dem Bundestag, dem Auswärtigen Amt usw. Sie alle verdankten Deutschland einiges und hofften oft auf mehr.

Angetrieben durch deutsche Fördergelder drehte sich seit 1990 munter das Karussell der von Deutschland für die Polen konzipierten und bezahlten Konferenzen, Projekte, Austausche und Studienreisen. So schuf sich Deutschland seine Dialogpartner. Leute wie Hambura, die Sand ins Getriebe streuten, gehörten isoliert.

Blauäugig, wie er am Anfang war, suchte Hambura die Nähe dieser Leute. Er sah in ihnen die Sachwalter polnischer Interessen, so wie er es verstand. Die Lektion, die sie ihm erteilten war für ihn sehr bitter. „Anwalt Hambura, die stumme Glocke“, höhnte 2010 die „Gazeta Wyborcza“.

„Ein Jemand, wie der Anwalt Hambura, der aus welchen Gründen auch immer, sich als Deutscher erklärt hat, sollte nicht den Super-Polen spielen. Vielleicht sollte man in seiner Lage ein Europäer sein, der sich um Versöhnung bemüht, anstatt Gereiztheit zu schüren. Ich bin nicht der Meinung, dass ein deutscher Anwalt, wie Herr Hambura, ein Mitgestalter der polnischen Außenpolitik sein sollte, umso weniger, paradoxerweise, der einer Partei wie Recht und Gerechtigkeit“, so die 2010 geäußerte Meinung von Dr. Kazimierz Wóycicki, einst Direktor der polnischen Kulturinstitute in Düsseldorf und Leipzig und seinerzeit einer der Sprachführer der Deutschland-Politik Donald Tusks.

Bei einer Veranstaltung der nationalkonservativen „Gazeta Polska“ im Sommer 2019.

Hambura hat diese Verschmähungen bis in seine letzten Tage nicht verarbeitet.

Die Einzigen, die ihn ernst nahmen und zu schätzen wussten waren die Nationalkonservativen, also ließ er sich ein mit ihnen. Bei ihnen saß er in den Tagungspräsidien, hielt gut besuchte Vorträge, spürte Dankbarkeit und Zustimmung. In ihren Medien erklärte er den Polen Deutschland.

Diese Kontakte gingen auf Hamburas, mit der Zeit sehr eng gewordene, Bekanntschaft mit dem späteren Professor Mariusz Muszyński zurück. Sie entstand Ende der Neunzigerjahre, als Muszyński die Rechtsabteilung an der polnischen Botschaft in Berlin leitete. Hambura schrieb damals ab und an Gutachten für die Botschaft.

Professor Mariusz Muszyński.

Muszyński, der aus seiner nationalkonservativen Gesinnung kein Hehl machte, erlebte einen kurzfristigen politischen Höhenflug zwischen 2005 und 2007, zur Zeit der ersten Regierung von Recht und Gerechtigkeit unter Ministerpräsident Jarosław Kaczyński. Muszyński wurde Berater der damaligen Außenministerin Anna Fotyga und Bevollmächtigter der polnischen Regierung für die, in jenen zwei Jahren eher angespannten, polnisch-deutschen Beziehungen.

Zwar wurde Muszyński Ende 2008, sofort nach der Machtübernahme der Regierung Donald Tusk, abgesetzt. Er blieb jedoch als Deutschland-Kenner der Mann, der die Deutschland-Sicht der in die Oppositions-Bänke verwiesenen Nationalkonservativen prägte. Er ist heute Richter am Verfassungsgericht.

Hambura übernahm Muszyńskis Agenda und Sichtweise der wunden polnisch-deutschen Punkte. Einige Male rief er Organisationen ins Leben, um seine Anliegen besser durchzusetzen. Da waren der Verband der durch Jugendämter geschädigten polnischen Eltern, eine Partei der Polen mit dem Namen Europäische Initiative in Deutschland, der Weltkongress der Auslandspolen. Die beiden ersten gingen bald ein. Den Weltkongress gibt es noch, aber seinem großen Namen ist er bis jetzt eher nicht gerecht geworden. Hambura fand keine Partner, denen er diese Strukturen anvertrauen konnte, von einer Dauerfinanzierung ganz zu schweigen.

Das Smolensk-Engagement

In Polen wurde er 2007 bekannt, als Anwalt von Anna Walentynowicz. Die Kranführerin von der Danziger Lenin-Werft ist neben Lech Wałęsa die wohl bekannteste Symbolfigur der Solidarność-Bewegung. Der Regisseur Volker Schlöndorff verarbeitete ihre Lebensgeschichte im Spielfilm „Strajk – Die Heldin von Danzig“, und zwar so, dass Walentynowicz ihren guten Ruf gründlich ruiniert sah, sollte der Film als ihr Portrait in die Kinos gelangen.

Oben: Anna Walentynowicz während des Streiks in der Danziger Lenin-Werft im August 1980. Im Hintergrund Lech Wałęsa. Unten: Katharina Thalbach im Film „Stajk – die Heldin von Danzig“.

Dank Hamburas Vermittlung kam es zu einem Vergleich. Der Filmproduzent ließ verlautbaren, dass die Titelgestalt eine fiktive Person sei, für deren Darstellung man einige wenige Fragmente aus Walentynowiczs Vita herangezogen habe. Außerdem spendete die Produktionsfirma, wie von der zunehmend extrem kurzsichtigen Walentynowicz gefordert, 50.000 Euro für die Augenklinik der Medizinischen Akademie in Gdańsk.

Drei Jahre später, am 10. April 2010 kam Anna Walentynowicz bei der Flugzeug-Katastrophe von Smolensk ums Leben. Mit ihr fanden weitere 95 Menschen den Tod, darunter Polens Staatspräsident Lech Kaczyński, der Zwillingsbruder von Jarosław, und seine Ehefrau.

Man kannte sich bereits, und so bat Walentynowiczs Sohn Janusz Hambura erneut um juristischen Beistand.

Die Russen hatten die Leichen und Leichenteile der Verunglückten nach dem Absturz in Müllsäcke und dann in Stahlbehälter gepackt, diese verlötet und in Särge gelegt. Sie durften in Warschau nicht mehr geöffnet werden. Mit der Zeit kamen bei vielen Familien immer mehr Zweifel auf, ob in den Gräbern, die sie pflegen, tatsächlich ihre Angehörigen liegen.

Oben: Stefan Hambura bei der Graböffnung von Anna Walentynowicz im Juni 2013. Unten: Beim anschließenden Pressegespräch in Begleitung von Walentynowiczs Sohn Janusz (links) und Enkelsohn Piotr.

Die Tusk-Regierung, die die Untersuchung der Katastrophe und das Flugzeugwrack den Russen überlassen hatte, wollte die Exhumierungen nicht zulassen. Hambura setzte sie für Janusz Walentynowicz und die Angehörigen des ehemaligen Dissidenten Stefan Melak, der ebenfalls mit an Bord war, durch.

Nach der Graböffnung stellte sich heraus, dass statt Walentynowicz ein anderes Opfer der Katastrophe unter ihrem Namen bestattet worden war. Es bedurfte weiterer Exhumierungen um ihren Körper zu finden. Knapp zweieinhalb Jahre nach ihrem Tod, im September 2012, fand Anna Walentynowicz endlich ihre letzte Ruhe. Ihr Leichnam, so das Autopsie-Protokoll, wurde in Moskau, wohin die Toten aus Smolensk zuerst gebracht wurden, „geschändet“. In anderen Gräbern fand man „überschüssige“ Gliedmaßen, Köpfe.

Die Smolensk-Katastrophe beschäftigte Hambura erneut zwischen 2016 und 2019. Ein knappes Dutzend Familien der Smolensk-Opfer hatte vor dem Kreisgericht Warschau Privatklage gegen fünf Beamte aus der Umgebung von Donald Tusk erhoben, die seinerzeit mit der Vorbereitung des tragischen Fluges beschäftigt waren. Hambura vertrat dort abermals die Familien Walentynowicz und Melak, wieder einmal umsonst.

Im Warschauer Gerichtssaal am 24. April 2018. Anwalt Hambura (links im Bild) versus Donald Tusk (im Zeugenstand).

Als Vertreter der Kläger nahm er im Gerichtssaal, gemeinsam mit anderen Anwälten, u. a. den ehemaligen Ministerpräsidenten und damaligen EU-Ratsvorsitzenden Donald Tusk sowie den ehemaligen Außenminister Radosław Sikorski bei deren Befragung ins Kreuzfeuer. Sie zahlten es ihm mit gehässigen Kommentaren auf Twitter heim. Das Gericht verurteilte zwei der angeklagten Beamten zu zehn, beziehungsweise sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung. Sie waren die einzigen, die für diese Tragödie zur Verantwortung gezogen wurden.

Das Ende der Quirligkeit

Während dieses Prozesses erlangte der Berliner Anwalt in Polen eine Bekanntheit, die ihm in Deutschland niemals zuteil wurde. Daneben fand er noch Zeit um Vorlesungen an der Schule des deutschen Rechts der Juristischen Fakultät der Universität Warschau zu halten. Mit Prof. Mariusz Muszyński schrieb Hambura seit dem Jahr 2000 gemeinsam Bücher mit Kommentaren zu den EU-Verträgen. Seine Berliner Anwaltskanzlei ließ er dabei keinesfalls verwaisen.

Seine Quirligkeit versetzte Beobachter und Bekannte stets aufs Neue in Erstaunen. Freunde rieten ihm, sich zusätzlich als Zugschaffner ausbilden zu lassen. Er könnte sich so ein Zubrot verdienen. Der Berlin-Warszawa-Express, mit dem er unentwegt zwischen den beiden Hauptstädten pendelte, galt als sein zweites Zuhause.

Der tödliche Herzinfarkt, der ihn Ende April 2020 in Warschau ereilte, war der Preis für ein intensiv gelebtes, prallgefülltes Leben.

Bestattet wurde Stefan Hambura dort, wo er, der deutsche Anwalt aus Berlin, inzwischen auf jeden Fall hingehört: auf dem Powązki-Friedhof in Warschau, wo diejenigen ruhen, die sich Polen verschrieben haben.

© RdP




Kommunist mit Skrupeln

Am 3. März 2020 starb Stanisław Kania.

Berühmt wurde Stanisław Kania dank dem, was er nicht getan hat. Dass er sich 1981 bis zuletzt gegen die Einführung des Kriegsrechts in Polen gesträubt hat, wird ihm, sehr zu recht, in den polnischen Geschichtsbüchern zugutegehalten.

Er stand nur ein Jahr lang, von September 1980 bis Oktober 1981, im Rampenlicht der großen Politik als Erster Sekretär des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP). Es waren dramatische zwölf Monate des Tauziehens um eine friedliche oder gewaltsame Lösung der polnischen Krise.

Die freie Gewerkschaft Solidarność stand damals im Zenit ihrer Macht. Die Sowjets drohten mit dem Einmarsch. „Befreundete“ kommunistische Scharfmacher wie Honecker, der Tschechoslowake Husak oder der Bulgare Schiwkow, aber auch heimische Hardliner, forderten ein unbarmherziges Durchgreifen. Das hochverschuldete Land war bankrott. Vor leeren Läden harrten hunderttausende von Menschen aus, warteten darauf, dass irgendetwas geliefert wurde. Die Preise wuchsen schnell, die Inflation fraß Löhne und Erspartes auf. Polen glich einem Pulverfass. In einer solchen Lage kommunistischer Parteichef zu sein, war wahrlich kein Vergnügen.

Ochsentour zum Olymp

Bis Kania nach dem Zepter auf dem roten Olymp der Macht greifen konnte, durchlief er die Ochsentour eines Apparatschiks, wie sie im kommunistischen Bilderbuch steht. Unscheinbar, zäh, linientreu, bauernschlau, gewieft und schnell geübt in den Diadochenkämpfen um Einfluss, Macht, Karrieresprünge, arbeitete sich Kania fünfunddreißig Jahre lang hoch. So mancher Konkurrent, der ihm im Wege stand und auf die Aura der Gutmütigkeit, die Kania umgab hereinfiel, musste schmerzhaft erfahren, dass der Gutherzige nie ohne Dolch im Gewande in den Labyrinthen der Macht unterwegs war. Schließlich brachte er zwei seiner Vorgänger, Władysław Gomułka und Edward Gierek, als sie politisch ins Taumeln gerieten, mit zu Fall.

Beim Dorfschmied in der Lehre

Blick auf Wrocanka in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts.

Auf die Welt kam er 1927 im Dorf Wrocanka, im heutigen äußersten Südosten Polens. Damals verlief die Grenze zur Sowjet-Ukraine zweihundert Kilometer weiter östlich als heute, bis die Sowjets sie dann im September 1939 überschritten, um Polen gemeinsam mit Hitler aufzuteilen.

Die Eltern hatten einen Bauernhof von gerade einmal eineinhalb Hektar Fläche. Stanisław wuchs als Einzelkind auf. Bruder und Schwester starben noch als Säuglinge. Vater Józef, begabt im Selbststudium, brachte es immerhin zum Gemeindesekretär.

Kanias Geburtshaus in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts.

Im Ersten Weltkrieg, als diese Gegend des dreigeteilten Polens zu Österreich gehörte, wurde der Vater in die K.-u.-k.-Armee eingezogen, kämpfte an der italienischen Front, geriet in Gefangenschaft. Aus einem norditalienischen Kriegsgefangenenlager wurde er, gemeinsam mit Tausenden anderer Polen, durch die Behörden in Richtung Frankreich entlassen. Dort konnten sie sich 1917 einer kurz zuvor aufgestellten polnischen Armee anschließen. Mit ihr kam Kanias Vater 1919 ins gerade wiedererstandene Polen und kämpfte im polnisch-sowjetischen Krieg. Polen gewann ihn im Herbst 1920 und konnte so seine 1918, nach 123 Jahren der Teilungen, gerade wiedergewonnene Unabhängigkeit retten.

Vater Józef Kania.

Dass sich ausgerechnet sein Sohn, knapp dreißig Jahre später, als Kommunist in den Dienst der Sowjets stellte und ihnen bei der Unterdrückung Polens zur Hand ging, musste der Vater nicht mitansehen. Er starb 1931, als Stanisław vier Jahre alt war.

Der Junge absolvierte nur die örtliche Vier-Klassen-Elementarschule, ging beim Dorfschmied in die Lehre und verrichtete, gemeinsam mit Mutter Katarzyna, alle Arbeiten auf dem ärmlichen Hof. Als im September 1939 der Krieg ausbrach, war er zwölf. Mit siebzehn trat er 1944 dem örtlichen Untergrund bei, half beim Drucken von Flugblättern, überbrachte als Kurier Nachrichten.

Mutter Katarzyna Kania.

Den Sowjets zu Diensten

Im Herbst 1944 durchlebte die Gegend eine schwere Zeit. Die Sowjets stoppten im August 1944 ihre Sommeroffensive. Wrocanka lag nun auf der deutschen Seite im Frontbereich. Wehrmacht und SS begannen die Bevölkerung zu vertreiben. Dörfer wurden zuerst planmäßig ausgeplündert, damit ausgebombte Deutsche im Reich wieder zu Hausrat und Kleidung kamen, und anschließend dem Erdboden gleichgemacht.

Wrocanka entging diesem Schicksal nur knapp. Mitte Januar 1945 begannen die Sowjets ihren letzten großen Vorstoß, der im Mai 1945 in Berlin zum Stehen kommen sollte. Am 19. Januar 1945 rollten Sowjetpanzer durch Kanias Heimatdorf.

In ihrem Tross rückten bald darauf sowjetische Sicherheitsbehörden und ihre polnischen Helfer an. Örtliche Kommunisten und ihre Mitläufer, oft der Bodensatz der Gesellschaft, der nun als das „Proletariat“ zu Amt und Würden kam, entfalteten schnell ihre Terrorherrschaft.

Stanisław Kania der junge Parteiaktivist.

Aus dem Mitläufer Stanisław Kania wurde alsbald ein heißsporniger Aktivist. Schon im März 1945, gerade achtzehn geworden, trat er der kommunistischen Partei bei und tat sich in Wrocanka und Umgebung bei allen landesweiten rücksichtslosen kommunistischen Aktionen hervor. Bei der brutalen Einschüchterung der Opposition. Bei der Fälschung des Volksreferendums im Juni 1946 und der Parlamentswahlen im Januar 1947. Bei der 1948 einsetzenden, gewaltsamen Kollektivierung der Landwirtschaft. Die Folterkeller der politischen Polizei UB im ganzen Land, so auch in Wrocankas Kreisstadt Jasło, konnten die Opfer kaum fassen.

(Zwangs)Vereinigungsparteitag der polnischen Sozialisten und Kommunisten in der Halle der Warschauer Technischen Hochschule, Dezember 1948. Die PVAP wird gegründet.

Im Dezember 1948 wurde dem Jugendaktivisten und kleinem Apparatschik aus der tiefen Provinz eine besondere Ehre zuteil. Er war Delegierter beim (Zwangs)Vereinigungsparteitag der polnischen Sozialisten und Kommunisten und durfte dabei sein, in der Halle der Warschauer Technischen Hochschule, als die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) aus der Taufe gehoben wurde.

Briefmarken zum Gründungsparteitag der PVAP 1948.

Knapp zwei Jahre später, im September 1950, schaffte Kania den erträumten Sprung nach Warschau, den einzigen Ort, an dem an eine landesweite Karriere zu denken war. Zuerst landete er für zwei Jahre auf der Parteischule des Zentralkomitees der PVAP. Dort bekam er den ideologischen Schliff, unabdingbar für höhere Weihen. Im Abschlusszeugnis wurden ihm „politische Schärfe“, ein „starkes Klassenbewusstsein“ und „sehr gute Entwicklungsperspektiven“ bescheinigt. Das Abitur hatte er an einem Warschauer Lyzeum für Berufstätige 1958 nachgeholt.

Kanias Arbeitsplatz zwischen 1968 und 1981. Das Gebäude des Zentralkomitees der PVAP in Warschau.

Jetzt konnte und durfte Kania die Laufbahn des Berufsfunktionärs einschlagen. Sie führte ihn, über verschiedene Funktionen in der Warschauer Zentrale des kommunistischen Jugendverbands und im Parteiapparat der Hauptstadt, im November 1968 in die wichtigste Parteibehörde, das Zentralkomitee. Dass er dort gleich einen Schlüsselposten bekam sagt viel aus darüber, wie gut vernetzt er schon damals sein musste.

Parteiaufseher der Agenten und Uniformträger

Die einem Nicht-Kenner nichts sagende „ZK-Abteilung für Verwaltung“, der er nun vorstand, war in Wahrheit eine der wichtigsten Schaltstellen im kommunistischen Polen. Sie übte die Parteikontrolle über Armee, Polizei, Geheimpolizei, auch die Justiz und den Strafvollzug aus, war ebenfalls zuständig für die katholische Kirche. Auf Kanias Schreibtisch landeten die geheimsten Geheimakten des Regimes.

1968. Ein Orden von Parteichef Władysław Gomułka. Stanisław Kanias Start in die Parteikarriere.

Wer, wie Kania, nicht nur ein beliebig auswechselbarer „Parteibeamter“ sein wollte, sondern ein gewichtiger Parteipolitiker, der musste unbedingt Mitglied sein in dem wichtigsten Parteigremium zwischen den Parteitagen, dem Zentralkomitee (ZK; nicht zu verwechseln mit dem ZK-Apparat wo Kania die „Abteilung Verwaltung“ leitete).

Das Gremium zählte (die Zahl schwankte) zwischen 100 und 150 Vollmitglieder und etwa einhundert Kandidaten. Das ZK wurde auf dem Parteitag gewählt. Es selbst wiederum wählte dann den Parteichef (den Ersten Sekretär) und das meistens zehn- bis zwölfköpfige Politbüro. Die Mitgliedschaft im ZK-Gremium und ein hoher Posten im ZK-Apparat waren eine solide Basis für den Sprung ins Politbüro, das eigentliche Machtzentrum der Partei.

Briefmarken zum IV. Parteitag der PVAP 1964.

Kania wurde auf dem IV. Parteitag der PVAP im Juni 1964 Kandidat und auf dem V. Parteitag 1968 Vollmitglied des ZK.

Briefmarken zum V. Parteitag der PVAP 1968.

Damals begann der Stern des Parteichefs Władysław Gomułka zu sinken. Gomułka war im Oktober 1956 an die Macht gekommen. Er war umgeben vom Nimbus des Märtyrers, der von den polnischen Stalinisten auf Geheiβ Moskaus drei Jahre lang (1951-1954) eingesperrt war, und des Nationalkommunisten, der einen eigenen, polnischen Weg zum Sozialismus einschlagen würde.

Warschau, Oktober 1956. Gomułkas erste Rede nach dem Machtantritt. Der Jubel war unermesslich.

Der Stalinismus war endlich vorbei und Polen lag im Oktober 1956 Gomułka zu Füβen, doch dieser wollte der Liberalisierung und Demokratisierung schnell enge Grenzen setzten. So naiv, wie Gorbatschow dreiβig Jahre später, war er nicht. Die „führende Rolle der Partei“ anzutasten, wäre der Beginn einer Entwicklung gewesen, an deren Ende das Ende der Parteidiktatur gestanden hätte. Demokratie und Sozialismus, das war ein unlösbarer Widerspruch. Entweder das eine oder das andere, das wusste der Machtmensch Gomułka sehr gut.

Es gelang ihm, die im Oktober 1956 entfesselten Geister (freizügigere Medien, Arbeiterselbstverwaltung, die wieder millionenfach zur Schau gestellte Kirchentreue der Polen u. e. m.) nach und nach wieder in die Flasche zu bekommen. Der ehrgeizige Kania war einer derjenigen im Parteiapparat, die Gomułka dabei gern behilflich waren.

Es folgten die Sechzigerjahre, die Zeit der Stagnation, der Resignation und der wachsenden Wirtschaftsprobleme in Polen.

Dezember 1970. An der Küste wird geschossen

Am Sonnabend, dem 12. Dezember 1970 verkündeten Rundfunk und Fernsehen, dass am Montag eine drastische Lebensmittelpreiserhöhung in Kraft treten werde. Die Staatskasse war leer und der zunehmend sklerotische Gomułka, der längst den Bezug zur Realität verloren hatte, wollte sie durch eine radikale Kürzung der staatlichen Subventionierung der Lebensmittelpreise kurz vor Weihnachten wieder auffüllen.

Gdańsk im Dezember 1970. Das Parteigebäude brennt.

Gdańsk im Dezember 1970. Arbeiter tragen einen toten Kameraden durch die Stadt.

Gdańsk im Dezember 1970. Zusammenstöβe zwischen der Miliz und Protestierenden.

Am Montag, dem 14. Dezember 1970 kam es daraufhin in Gdańsk und in dem nahegelegenen Gdynia zu ersten Arbeitsniederlegungen. Arbeiter zogen friedlich vor die Danziger Parteizentrale und forderten Verhandlungen, doch niemand wagte sich zu ihnen hinaus. Am Nachmittag kam es dann zu ersten Straβenschlachten mit der Miliz. Die Lawine kam ins Rollen.

Gdańsk im Dezember 1970. Ein Toter wird geborgen.

Gdańsk im Dezember 1970. Panzer auf dem Langen Markt und in der Langen Gasse. Rechts der Neptun-Brunnen.

Gdańsk im Dezember 1970. Zivile Opfer der Proteste. Fotos aus den Akten der polnischen Stasi.

Beschleunigt hat sie eine folgenschwere Entscheidung, die am Dienstag, dem 15. Dezember 1970 gefallen war. In einem Konferenzraum im Warschauer ZK-Gebäude versammelte sich um neun Uhr der engste Machtzirkel des kommunistischen Polen: Parteichef Gomulka, der Staatsratsvorsitzende (Staatspräsident) Spychalski, Ministerpräsident Cyrankiewicz, die drei einflussreichsten Politbüromitglieder: Jaszczuk, Moczar und Strzelecki, Verteidigungsminister General Jaruzelski, Innenminister Świtała, Polizeichef General Pietrzak. Dass Kania hinzugebeten wurde, zeigt wie bedeutend schon damals seine Stellung im kommunistischen Machtapparat war.

Der übernächtigte und gereizte Gomułka äußerte gleich zu Beginn, dass die Ordnungskräfte Schießbefehl bekommen sollen. Niemand in der Runde widersprach. Auch nicht, als Gomułka die Verlegung von zwei Panzer-Divisionen von Koszalin/Köslin und Elbląg/Elbing nach Gdańsk anordnete.

Am selben Tag und am Tag darauf töteten Polizei und Armee in Gdańsk, Gdynia, Szczecin und Elbląg insgesamt 41 Menschen. In Gdańsk und Szczecin gingen die örtlichen Parteizentralen in Flammen auf. Zu einem regelrechten Massaker kam es am 16 Dezember 1970 an der S-Bahn-Haltestelle „Gdynia-Werft“, wo die Armee direkt in eine Menschenmenge schoss, die zur Arbeit gefahren kam.

Kanias erster „Tyrannenmord“

Es roch nach Bürgerkrieg, die Lage drohte außer Kontrolle zu geraten. Nicht auszudenken, wenn der Funke der Revolte nach Oberschlesien überspringen würde. So mancher nüchtern denkende Apparatschik in Warschau bekam es mit der Angst zu tun. Mit Gewalt war der Krise nicht mehr beizukommen. Nur der politische „Tyrannenmord“ und ein Entgegenkommen gegenüber den aufgebrachten Arbeitern, zu dem der altersstarrsinnige Gomułka nicht fähig war, konnte sie beenden.

Eine Ermunterung zum Handeln war ein vertraulicher Brief der sowjetischen Führung an das polnische Politbüro , den der sowjetische Botschafter in Warschau spät abends am Freitag, dem 18. Dezember 1970 überreichte. Erst 1991 öffentlich geworden, enthielt das Schreiben eine vielsagende Schlusspassage: „Welche politischen und ökonomischen Maßnahmen in der bestehenden Lage unternommen werden sollten, das muss allein die PVAP entscheiden. Wichtig ist, dass das schnell geschieht.“

In dem Brief fiel der Name Gomułka kein einziges Mal. Im Klartext: die Sowjets signalisierten, dass sie an ihm nicht festhielten.

Spätestens seit Mittwoch, dem 16. Dezember 1970 begann sich hinter dem Rücken Gomułkas ein Komplott gegen ihn herauszukristallisieren. Zuerst nur hinter vorgehaltener Hand, in Andeutungen und Halbsätzen, dann immer offener, denn die Zeit drängte, das Blut floss, die Revolte dauerte an, sprachen die Verschwörer von der Notwendigkeit Gomułka und die kleine Gruppe seiner letzten Getreuen abzusetzen. Allen war dabei klar, dass nur einer den guten Ruf, die Machtbasis und das Händchen dazu hatte, die dramatische Lage zu meistern: der oberschlesische regionale Parteichef Edward Gierek.

Edward Gierek. Der Macher aus Oberschlesien.

Gierek genoss den Ruf eines Technokraten und Modernisierers, dem ein Gulasch-Kommunismus vorschwebt, wie ihn die Ungarn damals einzuführen begannen. Er verstand es die oberschlesischen Bergleute, Stahlkocher, Chemiearbeiter, Maschinenbauer, aber auch die vielen Techniker und Ingenieure, die in der Region den Ton angaben, mit mehr Neubauwohnungen, einer besseren Versorgung mit Lebensmitteln und Konsumgütern, auf die das übrige Polen mit Neid blickte, bei Laune zu halten.

Gierek, der in seiner Jugend im belgischen Bergbau gearbeitet hatte und Französisch sprach, wurde nachgesagt, er wünsche jeden Morgen die aktuelle Ausgabe der Zeitung „Le Monde“ auf seinem Kattowitzer Schreibtisch vorzufinden. Dieser Mann sollte das Ruder übernehmen, dem Arme-Leute-Sozialismus Gomulkas ein Ende setzen, das Land erneuern.

Als der sowjetische Botschafter den Brief aus Moskau Ministerpräsident Cyrankiewicz am Freitag, dem 18. Dezember 1970 übereichte, da Gomułka, schwer erkältet und erschöpft, ihn nicht empfangen konnte, brachen Stanisław Kania und noch einer der Verschwörer in einem Mercedes aus dem Fuhrpark des ZK mit Chauffeur von Warschau in das knapp dreihundert Kilometer entfernte Katowice auf.

Kurz nach Mitternacht vom 18. auf den 19. Dezember 1970 begannen in Giereks Kattowitzer Villa die alles entscheidenden Gespräche. Am Ende konnten die beiden Emissäre froh sein. Der Gastgeber, den vorher schon einige Parteigrößen telefonisch aus Warschau sondiert und ihm gut zugeredet hatten, willigte nach anfänglichem Zögern und Zaudern ein.

Am Sonntag, dem 20. Dezember 1970 versammelten sich in Warschau die etwa zweihundert Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees. Nachdem die Sowjets dezent ihr O.K. signalisiert hatten, wurde der kranke Gomułka in Abwesenheit abgewählt. Edward Gierek trat seine Nachfolge an.

Böses Erwachen aus süßen Träumen

Ein Aufatmen ging durch das Land, auf dem die zunehmend sklerotische Gomułka-Herrschaft wie Blei gelastet hatte. Der neue, knapp fünfzehn Jahre jüngere Parteichef, schneidig im Auftreten, nicht allzu dogmatisch, dialogbereit und einnehmend, wie es schien, zog die Polen in seinen Bann. Eine Woge der Zuversicht hob die Stimmung im Land. Polen lag Gierek zu Füßen, beinahe genauso wie 1956, als es Gomułka, dem nun verjagten Hoffnungsträger von damals, den Weg zur Macht mit Blumenteppichen schmückte.

Giereks Polen. Die Panzer sind vom Neptunbrunnen in Gdańsk verschwunden. Angerollt ist der „polnische Volkswagen“, der Fiat 126p.

Giereks ganzer Stolz, das erste polnische Massenauto, der Fiat 126p schaffte es, als er an der Macht war, dreimal auf einer Briefmarke verewigt zu werden (von oben): 1973,1979, 1980.

Bis Mitte der 1970er Jahre versank Polen in einem süβen Konsumtraum, verkörpert durch Coca-Cola, Marlboro-Zigaretten und dem „polnischen Volkswagen“, dem kleinen Fiat 126, finanziert von der Gierek-Mannschaft mit westlichen Krediten. Gewaltige Investitionen in der Industrie und in der Infrastruktur wurden zudem getätigt, westliche Technologien und Maschinen im großen Stil gekauft.
Doch unter den starren Bedingungen der kommunistischen Planwirtschaft, endete das ehrgeizige Vorhaben in einer Katastrophe. Die im Westen geliehenen Devisen waren ausgegeben worden für eine Modernisierung, die kaum hochwertige Produkte hervorgebracht hatte, mit denen man eigentlich die Schulden zurückzahlen wollte.

Kania und seinem engen politischen Verbündeten General Wojciech Jaruzelski, Politbüromitglied und Verteidigungsminister, gefiel die wachsende Abhängigkeit des kommunistischen Polen vom Westen ganz und gar nicht. Dass sie damit recht behielten, dürfte sie im Nachhinein kaum gefreut haben.

Etwa 1975 nämlich war der Traum vorbei, die Volksrepublik Polen zahlungsunfähig und die Arbeiterschaft wieder auf den Straβen, wie in der Stadt Radom im Juni 1976, wo eine Arbeiterrevolte eine erneute landesweite drastische Lebensmittelpreiserhöhung verhinderte. Parteichef Gierek wollte sie durchsetzen um, wie sein Vorgänger Gomułka im Dezember 1970, die ruinös hohe Subventionierung von Grundnahrungsprodukten einzuschränken.

Arbeiterrevolte in Radom Juni 1976. Briefmarke von 2006.

Giereks Vorhaben wurde nach einem Tag zurückgenommen. Die Rache dafür waren Massenverhaftungen und „Gesundheitspfade“ auf den überfüllten Polizeistationen und in den Gefängnissen. Immer wieder wurden die Opfer durch lange Gassen knüppelschwingender Beamter gejagt. Schauprozesse folgten. Entlassungen und andere Schikanen trieben Hunderte eingeschüchterter Opfer von Radom in Armut und Verzweiflung.

Das rief in Warschau oppositionelle Anwälte, Wissenschaftler, Kulturschaffende, Studenten, Priester auf den Plan, die Geld sammelten, für Rechtsbeistand sorgten und vor allem das Ausland informierten. Das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) entstand.

So nahm im Sommer und Herbst 1976 eine für das Regime hochgefährliche Entwicklung ihren Lauf. Die zumeist vom Land stammende, entwurzelte Arbeiterschaft der ersten Generation, kam plötzlich mit freiheitlichem, oppositionellem Gedankengut in Berührung.

Und es reifte die Einsicht, dass von Verzweiflung befeuerte Straßenunruhen ein ums andere Mal verpuffen würden.
Es ist der Gewaltverzicht. Es sind Streiks auf dem Betriebsgelände, wo sich die Arbeiterschaft regelrecht verschanzen muss, und nicht das Steinewerfen auf Panzer. Es sind Streikkomitees mit klar formulierten Forderungen. Nur das ebnet den Weg zu freien Gewerkschaften, ohne die alle durch Proteste abgetrotzten Zugeständnisse und Freiheiten am Ende von den Kommunisten mit Gewalt, List, Lug und Trug nach und nach erstickt werden. Diese Strategie sollte vier Jahre später Solidarność, die erste freie Gewerkschaft im Ostblock hervorbringen,

März 1977. Parteichef Gierek gratuliert zum 50. Geburtstag. Kania lächelt skeptisch hinter dem Rücken des Parteichefs.

Stanisław Kania stieg derweil weiter auf in der Parteihierarchie. Im April 1971 verließ er den ZK-Abteilungsleiterposten und wurde ZK-Sekretär. Im Dezember 1971, auf dem VI. Parteitag der PVAP, zusätzlich Kandidat des Politbüros. Im Dezember 1975, auf dem VII. Parteitag, gelangte er endlich auf den Olymp, wurde Vollmitglied des Politbüros.

Briefmarken zum VI. Parteitag der PVAP 1975.

„Nicht schießen!“

Kania war jetzt ein mächtiger Parteiboss, aber nach außen blieb er wenig bekannt, denn er zog es vor, wie seine Klientel, im Hintergrund zu bleiben. Sein Aufgabenbereich blieb seit 1968 nämlich unverändert: Parteiaufsicht über Armee, Polizei, Geheimdienste, Justiz- und Justizvollzug, Religionspolitik.
Er hatte dafür zu sorgen, dass sich der Gewaltapparat nicht etwa verselbständigt, dass er wachsam bleibt, als „Schwert und Schild der Partei“ jederzeit in der Lage, gegen „Klassenfeinde“ und „Konterrevolution“ vorzugehen. So war er über die Polizei-Exzesse in Radom bestens informiert. Er hat sie nicht unterbunden.

Parteiaufseher Kania bei einer Parteikonferenz des Wehrkreises Pommern Mitte der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts.

Wehrlose „Feinde des Sozialismus“ zusammenknüppeln, das hielt Stanisław Kania für richtig und für gerechtfertigt. Andere Repressalien auch. Was er kategorisch ablehnte, war das Schießen. Als die ersten Nachrichten von den Unruhen in Radom am 25. Juni 1976 in Warschau eintrafen, gab Parteiaufseher Kania dem Innenminister und dem Polizeichef die Anweisung: Ordnungskräfte tragen in Radom keine Schusswaffen.

Das Blutvergießen in den polnischen Küstenstädten im Dezember 1970 hatte ihn nämlich zutiefst schockiert. Entsetzt erzählte er im kleinen Kreis, dass damals mehr Panzer und gepanzerte Fahrzeuge im Einsatz waren, als bei den Sowjets in der größten Panzerschlacht des Zweiten Weltkrieges am Kursker Bogen im Sommer 1943. Wird erst einmal das Feuer auf Demonstranten eröffnet, entgleitet der Politik die Kontrolle über die Ereignisse, so Kania. Blutverschmierte Fahnen oder Kleidungsstücke werden schnell zu Ikonen des Widerstandes, Hysterie und Verbissenheit nehmen überhand.

Ab dem Sommer 1980 hatte er ein zweites Mal die Gelegenheit, seine Überzeugung unter Beweis zu stellen. Giereks erneuter Versuch, die Lebensmittelpreise anzuheben, war der Funke, der das Pulverfass der Unzufriedenheit in Polen zur Explosion brachte.

Von Lublin, im Südosten des Landes, wo sie Mitte Juli 1980 aufkam, gelangte die Streikwelle Anfang August nach Warschau. Am 14. August 1980 erreichte sie, mit dem Ausstand in der Lenin-Werft in Gdańsk, die Ostseeküste. Kurz darauf ergoss sie sich auf etwa 200 Betriebe in der Stadt und Umgebung.

Die Tragödie des Dezember 1970 noch gut im Gedächtnis, dachten die Streikenden nicht daran, auf die Straße zu gehen. In den besetzten Fabriken wähnten sie sich sicher. Das überregionale Streikkomitee in Gdańsk, mit Sitz in der Lenin-Werft, übernahm faktisch die Macht in der Region. Dort wurde entschieden, ob die Straßenbahnen und Busse fahren sollen oder nicht. Ob Alkohol verkauft werden darf. Welche lebenswichtigen Betriebe weiterarbeiten müssen u. e. m.

Wie einst sein Vorgänger Władysław Gomułka, zog sich der zunehmend depressive und ratlose Parteichef Edward Gierek immer mehr aus dem laufenden Geschehen zurück. Bei Kania derweil, zum „Koordinator des Vorgehens der Partei und der Verwaltung in Anbetracht der sozialen Unruhen“ ernannt, liefen alle Fäden des Krisenmanagements zusammen. Er hatte den Überblick, er traf die wichtigsten Entscheidungen und wuchs so mit jedem Tag mehr in die Rolle des faktischen Parteichefs. Doch zaubern konnte auch er nicht.

Ende August 1980 war Polens kommunistische Parteiführung schachmatt gesetzt. Die Streiks weiteten sich inzwischen auf Oberschlesien, das industrielle Herz Polens, aus. Das Land befand sich in einem Generalstreik. Die Arbeiterschaft, von führenden oppositionellen Intellektuellen beraten, verlangte die Zulassung freier Gewerkschaften und ließ sich von dieser Forderung auch durch großzügige materielle Zugeständnisse nicht abbringen. Ihre Entschlossenheit war enorm, eine Ermüdung nicht in Sicht. Parteipropaganda war wirkungslos. Gewaltanwendung kam nicht in Frage.

Was blieb, war die Einsicht in die Notwendigkeit und Kania stellte sich an die Spitze der Einsichtigen.

Am 30. August 1980 trat das Zentralkomitee der PVAP in Warschau zusammen und folgte mehrheitlich der Empfehlung des Politbüros, die Kania vor dem Gremium vortrug. Der Forderung der Streikenden nach freien Gewerkschaften solle stattgegeben werden. Die Niederlage hat Kania als einen historischen, wegweisenden nationalen Kompromiss ausgegeben. Jedem, der die eiserne Machtlogik der Kommunisten kannte, war jedoch klar, dass es sich hier nur um ein vorläufiges Zugeständnis handelte, das bei der ersten sich bietenden Gelegenheit rückgängig gemacht würde.

Mikrophon und den historischen Kugelschreiber in der einen Hand, die unterschriebenen Verträge in der anderen. Lech Wałęsa verkündet : „Wir werden freie Gewerkschaften haben“.

Noch am 30. August 1980 wurden die Vereinbarungen mit den Streikenden in Szczecin unterzeichnet. Am Tag darauf in Gdańsk trugen jubelnde Arbeiter Lech Wałęsa auf den Schultern ans Werktor. Den Riesenkugelschreiber, darauf das Konterfei des Papstes, mit dem er die Vereinbarungen unterschrieben hatte, in der Luft schwingend, sollte er den dort versammelten Massen den Sieg verkünden. Am 3. September folgte das Abkommen in Oberschlesien.

Zwischen allen Stühlen

Am 5. September 1980, spät in der Nacht, trat wieder das gut zweihundertköpfige Zentralkomitee zusammen. Der schwer herzkranke Parteichef Edward Gierek war nicht zugegen, als es Stanisław Kania zu dessen Nachfolger wählte.

Das Parteiorgan „Trybuna Ludu“ verkündet: Stanisław Kania ist Erster Sekretär des ZK der PVAP geworden.

Kania stand in den folgenden zwölf Monaten an der Spitze der Partei. Es war die wohl stürmischste Zeit in der polnischen Nachkriegsgeschichte. Auf kurze Perioden der Entspannung folgten dramatische Zuspitzungen und Krisen. Das Land balancierte am Abgrund einer politischen und wirtschaftlichen Katastrophe.

Drei Kraftzentren prallten immer wieder heftig aufeinander.

Da war die Gewerkschaft Solidarność, die sich mit ihren etwa zehn Millionen Mitgliedern, real gesehen, in eine landesweite, antikommunistische, basisdemokratische, friedliche Volksbewegung verwandelte. Sie umfasste alle politischen Strömungen: von den Sozialismus-Verbesserern bis zu den Nationalkonservativen, was zu immer heftigeren Richtungskämpfen führte.

Da war die kommunistische Partei, die PVAP, die zunehmend an Einfluss verlor. Von ursprünglich drei Millionen Mitgliedern sind 1980 und 1981 knapp eine Million ausgetreten. Einem mit der Zeit immer schwächeren Reformflügel, dem die Umwandlung der PVAP in eine sozialdemokratische Partei vorschwebte, stand ein immer stärkerer Flügel von Hardlinern gegenüber. Er rekrutierte sich aus dem Parteiapparat, intellektuellen Parteidogmatikern, aus Armee, Polizei, Staatssicherheit. Sie forderten und schürten durch gezielte Provokationen eine gewaltsame Beseitigung der Solidarność.

Zu schwach, um sich durchzusetzen, setzten die Hardliner auf den dritten mächtigen Faktor, das kommunistische Ausland. In den Afghanistankrieg verwickelt, wollten die Sowjets eine Intervention in Polen zwar, wenn möglich, vermeiden, wohlwissend, dass dies blutige Kämpfe in Polen und schwere Wirtschaftssanktionen des Westens nach sich ziehen würde. Sie hielten sich aber diese Option offen. Da waren zudem die entsetzen kleinen kommunistischen Machthaber, wie Honecker in der DDR und Husak in der Tschechoslowakei, die nicht müde wurden, Moskau von der Notwendigkeit eines Einmarsches in Polen zu überzeugen.

Polen 1981, Vor dem Metzgerladen.

Polen 1981. Anstehen vor leeren Läden.

Hinzu kam die dramatische Versorgungslage. Gut dreißig Jahre nach dem Krieg wurden in Polen Lebensmittelmarken und Bezugsscheine auf Wodka und Schuhe eingeführt. Zudem kam eines der strengst gehüteten Geheimnisse des Regimes ans Tageslicht. Polen stand im Westen mit dreißig Milliarden Dollar in der Kreide. Es war ein unvorstellbar hoher Schuldenberg in Anbetracht der Tatsache, dass der ganze polnische Export damals einen Wert von knapp zwei Milliarden Dollar pro Jahr hatte.

Charakterstärke

Auf diesem Minenfeld bewegte sich Stanisław Kania und bewies Charakterstärke. Seine Position: keine Maßnahmen, die ein Blutvergießen nach sich ziehen würden. Kein Ausnahmezustand also und kein Einmarsch der Sowjets und ihrer Helfer in Polen. Solidarność muss mit politischen Mitteln in die Schranken der kommunistischen Staatsordnung gewiesen werden.

Vorne von links: Kania, der sowjetische Verteidigungsminister Ustinow und Jaruzelski bei Manövern des Warschauer Paktes in Polen 1979.

Von rechts: DDR-Verteidigungsminister Hoffmann, Kania, Ustinow und Jaruzelski (5. v. r.) auf dem „Feldherrenhügel“. Manöver des Warschauer Paktes in Polen 1979.

Der gewaltige Druck, dem Kania widerstehen musste, ist nur schwer vorstellbar. Anfang Dezember 1980 etwa waren die Vorbereitungen zu einem Einmarsch in Polen praktisch abgeschlossen. Sowjetunion, Tschechoslowakei und die DDR konzentrierten um Polen herum eine gewaltige Streitmacht, die unter dem Vorwand einer Militärübung nur noch auf den Marschbefehl wartete.

Warschauer-Pakt-Beratungen in Moskau am 5. Dezember 1980. Oben polnische Delegation. Kania zweiter v. l.

Kania und Jaruzelski wurden derweil für den 5. Dezember 1980 nach Moskau einbestellt, um an einer Beratung der Warschauer-Pakt-Staaten teilzunehmen. Die Vorwürfe, die sie sich dort anhören mussten, konnten aus der Sicht der kommunistischen reinen Lehre kaum schwerwiegender sein. Sie hätten vor der Konterrevolution kapituliert, durch ihre Untätigkeit den Sozialismus verraten, dem Imperialismus Vorschub geleistet.

Oktober 1980. Kania (rechts vorgebeugt)  gegenüber von Breschnew (dritter v. l.) im Kreml.

In einem Vier-Augen-Gespräch gelang es dann Kania, den gesundheitlich schon schwer angeschlagenen Sowjetführer Breschnew von dem Einmarsch abzubringen. Plastisch schilderte er ihm, was sich in Polen danach abspielen und welchen Schaden das dem Prestige der UdSSR zufügen würde. „Ein Meer von Blut wird fließen.“ „Gut“, sagte Breschnew laut Gesprächsprotokoll. „Wir werden nicht einmarschieren. Wenn sich jedoch die Lage verkompliziert, dann kommen wir, aber nicht ohne Deine Zustimmung.“

In den nächsten Monaten sollten weitere Gespräche dieser Art folgen. Breschnew rief immer wieder an und drohte unverhohlen. Im April 1981 zog erneut die Gefahr einer „Militärübung“ herauf, die als Vorwand zum Einmarsch dienen sollte. Wieder kam es zu dramatischen Gesprächen mit der Sowjetführung, dieses Mal in einem Sonderzug, mit dem das altersschwache sowjetische Politbüro aus Moskau nach Brest an der polnischen Grenze anreiste.

Derweil wurde die Lage im Lande immer desolater. Die Läden leergefegt, kilometerlange Autoschlangen vor den Tankstellen, das Geld von Tag zu Tag wertloser. Die Hardliner provozierten zudem Dutzende von Konflikten, um ja keine Ruhe im Lande aufkommen zu lassen. Solidarność antwortete mit Streiks und Protestaktionen.

Unter diesen Umständen trat in Warschau Mitte Juli 1981 der IX. Außerordentliche Parteitag der PVAP zusammen. Es war zum ersten Mal keine feierliche Zeremonie mit langatmigen Reden, Jubelrufen und rhythmischem Klatschen, wo alles im Vorfeld geregelt ist und per Handzeichen aller Delegierten abgesegnet wird.

Ein scharfer politischer Kampf zwischen Reformern und Hardlinern beherrschte vom ersten Tag an das Geschehen. Die Diskussionen waren heftig, eine Kampfabstimmung jagte die andere, nichts war vorhersehbar. Am Ende siegte das Zentrum und mit ihm Kania. Die Radikalen beider Seiten hatten das Nachsehen.

Nach der Wahl zum Ersten Sekretär des ZK der PVAP auf dem IX. Parteitag im Juli 1981. Jaruzelski applaudiert.

Stanisław Kania war der erste Parteichef, der in einer Geheimabstimmung auf einem kommunistischen Parteitag den Sieg davontrug. Er gewann als der Befürworter des Dialogs und des Ausgleichs, auf den damals noch viele in Polen hofften.

Doch die Entwicklung ging in die entgegengesetzte Richtung. Solidarność gab sich auf ihrem ersten Kongress im September 1981 sehr kämpferisch. Die dort verabschiedete Botschaft an die Arbeiter Osteuropas, in der ihr Recht auf freie Gewerkschaften angemahnt wurde, reizte die Sowjets bis zur Weißglut. Der polnische Bazillus musste endlich beseitigt werden. Sie waren Kanias Beteuerungen vom Dialog und einer politischen Lösung leid und ignorierten ihn zunehmend.

Derweil erschien General Wojciech Jaruzelski immer mehr auf dem Plan. Der Verteidigungsminister war seit Februar 1981 auch Ministerpräsident. Jaruzelski war die letzte Hoffnung der Russen, dass es ohne ihren Einmarsch gelingt, die Lage in Polen in den Griff zu bekommen. Der General wollte sie nicht enttäuschen und opferte dafür, ohne Bedenken, die langjährige, gedeihliche politische Zusammenarbeit mit Kania.

Unter Jaruzelskis Regie arbeiteten insgeheim bereits verschiedene Dienststellen an den Plänen zur Einführung des Kriegsrechts. Es sollte schlagartig ausgerufen werden. Massenverhaftungen von Solidarność-Aktivisten, Lahmlegung des Telefonnetzes, nächtliche Ausgangssperre, Schließung der Grenzen, eine massive Präsenz von Armee und Polizei auf den Straßen, Brechen jeglichen Ungehorsams mit Waffengewalt und etliche weitere Maßnahmen sollten den Widerstand im Keim ersticken und eine Rückkehr zur kommunistischen „Normalität“ einleiten. All das geschah am 13. Dezember 1981.

Stanisław Kania unterschrieb sein politisches Todesurteil am 13. September 1981. Die engste Führungsriege von Armee, Staatssicherheit, Partei und Regierung versammelte sich an diesem Tag in Warschau, um die endgültigen Pläne zur Einführung des Kriegsrechts zu begutachten und zu akzeptieren. Kania war der der einzige, der sich dagegen aussprach.

So schnell hatte der politische Wind gedreht. Nur knapp drei Monate, nachdem er als Mann des Dialogs an die Spitze der Partei gewählt worden war, stand Kania mit seinen Überzeugungen allein da. Konfrontation war angesagt. Am 17. Oktober 1981 wählte ihn das Zentralkomitee ab. General Jaruzelski, Verteidigungsminister und Ministerpräsident, konnte seine Ämterkollektion um den Posten des Parteichefs erweitern.

Sechs Jahre auf der Anklagebank

Kania war 54 Jahre alt, als er aufs Altenteil abgeschoben wurde und schnell in Vergessenheit geriet. Zwei Mal trat er wieder in Erscheinung. Im Jahr 1991, kurz nach dem Ende des Kommunismus, erschien sein Buch „Die Konfrontation aufhalten“, in dem er seinen politischen Werdegang und seine Sicht des politischen Geschehens in Polen 1980 und 1981 darlegt.

Im April 2007 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen neun ehemalige führende kommunistische Politiker wegen „widerrechtlicher Einführung des Kriegsrechts zwecks Beseitigung der Gewerkschaft Solidarność“. Darunter waren die Generäle Jaruzelski, Kiszczak, Milewski, Siwicki und Tuczapski, deren Teilnahme an der Vorbereitung und Einführung des Kriegsrechts keinem Zweifel unterlag. Dass sich jedoch ausgerechnet Kania unter den Angeklagten wiederfand, versetzte die Öffentlichkeit in Staunen.

Auf der Anklagebank in Warschau im September 2006. Von links: Jaruzelski, Kania, die Generäle Tuczapski und Siwicki.

Der Prozess ging durch zwei Instanzen und dauerte bis Mai 2013. Als das endgültige Urteil gesprochen wurde, waren acht Angeklagte entweder verstorben oder man hatte die Anklage gegen sie wegen Prozessunfähigkeit fallengelassen. Auf der Anklagebank saß nur noch Stanisław Kania. Er wurde im Januar 2012 freigesprochen. Erst ab dann konnte er das Rentnerleben ungestört genießen.

Kania allein auf der Anklagebank bei der Urteilsverkündung im Januar 2012.

Er war ein überzeugter Kommunist, Verfechter einer verbrecherischen Ideologie, die ohne rücksichtslose Anwendung von Gewalt nicht denkbar ist. Er glaubte, dass dem nicht so sein muss, und wurde gnadenlos eines Besseren belehrt.

Stanisław Kania ist auf dem Warschauer Powązki-Friedhof bestattet. Sein Grabnachbar ist General Jaruzelski.

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