Der Poltergeistliche

Am 27. Dezember 2018 starb Bischof Tadeusz Pieronek.

Die Tugend der Mäβigung bei der Strafpredigt war ihm nicht gegeben. Bischof Tadeusz Pieronek wurde nicht müde, Feuer, Schwefel und Schande gegen Polens regierende Nationalkonservative und alles was sie taten heraufzubeschwören. Aus Nachsicht nun Mäβigung walten zu lassen, wäre in seinem Fall jedoch verhängnisvoll. Schlieβlich ist nichts erfolgreicher als der Exzess, wenn jemand so sehr geltungs- und mediensüchtig ist, wie es der Verblichene war.

Held der Schreckensberichte

Zur Geltung verhalf dem Bischof die geballte Macht der Anti-Recht-und-Gerechtigkeit-Medien, sowohl der polnischen, wie die „Gazeta Wyborcza“, als auch der polnischsprachigen, die in groβer Zahl von ausländischen, überwiegend deutschen Medienunternehmen betrieben werden.

Fernsehteams aus Deutschland und Frankreich konnten jederzeit mit Pieronek rechnen, wenn sie ihre maβlos überzogenen Schreckensberichte im heutigen Polen drehten, dem angeblichen Hort des Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus, Klerikalismus, der allgemeinen Unterdrückung und des heldenhaften zivilen Widerstandes, der in Wirklichkeit ein normaler Protest war, weder helden- noch massenhaft, dafür sehr hysterisch. Die Gegenseite kam in diesen Berichten gar nicht erst zu Wort.

Bischof Pieronek am Grab des verunglückten Staatspräsidenten Lech Kaczyński und seiner Gattin in der Wawel-Krypta. „Die gehören nicht hierher“.

Das Gefühl von Peinlichkeit schien dem Seelenhirten Pieronek dabei immer mehr abhandenzukommen. Noch im Frühjahr 2018, vor laufender TV-Kamera von France 3, am Grab des verunglückten Staatspräsidenten Lech Kaczyński und seiner Gattin stehend, wetterte der Geistliche gegen den für die beiden „unpassenden“ Bestattungsort in der königlichen Krakauer Wawel-Krypta und gegen das in Polen angeblich herrschende autoritäre Regime.

Das vermeintliche „Regime“, dem Bischof Pieronek stets unerbittlich die Leviten las, hat ihn deswegen nie im Geringsten belangt, ebenso wenig wie einen der Künstler, Wissenschaftler, Journalisten, Politiker, die in den Schreckensreportagen ausländischer Medien über Polen, gemeinsam mit ihm, ihre Jeremiaden anstimmten, frei nach Friedrich Schiller: „Alles in Polen hat sich in Prosa und Versen verschlimmert. Ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit!“.

Mehr noch. Einer der führenden Vertreter des „Regimes“, Polens Staatspräsident Andrzej Duda, auch er in Kraków zu Hause, twitterte kurz nach Pieroneks Tod: „Wir haben uns gekannt und waren in vielen Angelegenheiten verschiedener Meinung, vor allem was die Politik angeht. Wir hatten oft unterschiedliche Ansichten, aber ich habe für den Herrn Bischof stets Achtung empfunden. (…) Sein Tod ist ein Verlust für die Kirche in Polen.“ Ob ausgerechnet diese Würdigung dem unversöhnlichen Gottesmann im Jenseits gefallen hat?

Ans Dritte Reich angeschlossen

Er gelangte dorthin nach einem langen Leben, dass 1934 seinen Anfang im Dorf Radziechowy, Landkreis Żywiec, nahm, etwa einhundert Kilometer südöstlich von Kraków, im heutigen Dreiländereck Polen-Slowakei-Tschechien.

Vater Władysław Pieronek (1896-1947). Haus in Radziechowy.

Der Vater war einst Gemeindevorstand, Eigentümer eines Gemischtwarenhandels, und ein vermögender Mann für ein Dorf, das damals in einem eher ärmlichen Teil Polens lag. Fleiβ und eisernes Sparen erlaubten dem Ehepaar Pieronek zehn Kinder groβzuziehen und ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen. Tadeusz war das achte Kind in der Geschwisterreihe.

Die Familie drängte sich in einer engen Wohnung in der ersten Etage des zweistöckigen Hauses, das der Vater über Jahre mühsam gebaut hatte. Unten war der Laden. Zwei Zimmer der ersten Etage wurden an junge Lehrer vermietet. Ganz oben befand sich das Warenlager.

September 1939. Deutsches Flugzeug, polnische Flüchtlingskolonnen.

Anfang September 1939 flüchteten die Pieroneks mit Tausenden anderer Zivilisten vor den schnell vorrückenden deutschen Truppen. Nach Tagen des Herumirrens im dichten Flüchtlingsstrom, der sich über die Landstraβen wälzte, immer wieder von deutschen Flugzeugen beschossen, kehrten sie erschöpft nach Hause zurück.

„Saybusch-Aktion“. Vertreibung der polnischen Bevölkerung.

Ihre Heimat wurde bereits im Oktober 1939 als Teil des sogenannten Regierungsbezirks Kattowitz (hierbei handelte es sich um den östlichen, polnischen Teil Oberschlesiens) an das Dritte Reich angeschlossen. Żywiec hieβ ab jetzt Saybusch. Im Landkreis sollten Deutsche aus dem Baltikum, der Bukowina, aus Wolhynien und dem Balkan, die Hitler „heim ins Reich“ befohlen hatte, eine neue Heimat finden.

Höfe, Wohnungen, Werkstätten, Läden wurden den deutschen Umsiedlern in Aussicht gestellt. Es galt diese Versprechen einzulösen, als im Morgengrauen des 20. September 1940 deutsche Räumkommandos mit der Aussiedlung der Polen begannen. Die „Aktion Saybusch“ lief an. Innerhalb von zwanzig Minuten durfte jeder Auszusiedelnde nur ein Gepäckstück zum Mitnehmen richten. Stunden später zogen Deutsche in ihre Unterkünfte ein.

„Saybusch-Aktion“. „Heim ins Reich“ geholte Deutsche ziehen ein.

Über Sammellager wurden bis 1944 etwa fünfzigtausend Polen aus dem Landkreis Żywiec in das sogenannte Generalgouvernement (so hieβen die Gebiete des besetzten Polens mit Warschau und Kraków, die nicht ans Reich angegliedert wurden) gebracht. Dort wurden sie zumeist auf freiem Feld abgesetzt und sich selbst überlassen.

Wohlwissend, dass auch sie dieses Schicksal ereilen wird, brachten die Pieroneks ihre Kinder bei Verwandten und Bekannten unter. Tadeusz und sein zwei Jahre älterer Bruder Mieczysław fanden Unterschlupf beim Bruder der Mutter, einem Priester in Kęty (deutsch Kenty). Es ist eine Kleinstadt zwischen Żywiec und Oświęcim, an dessen Rand sich das Vernichtungslager Auschwitz befand.

Bis Oświęcim sind es von Kęty aus nur zwanzig Kilometer. „Wir konnten Auschwitz riechen. Ein süβlicher Geruch lag in der Luft. Wir wussten was sich dort abspielt. Nicht in allen Einzelheiten, aber wir wussten es“, erinnerte sich der Bischof Jahrzehnte später in einem Interview. „In Oświęcim auf der Straβe habe ich einige Male Gefangenenkolonnen gesehen, SS-Männer, Hunde“.

Die Berufung

Im April 1945, der Krieg erreichte inzwischen die Vororte von Berlin, trafen nach und nach im ruinierten Haus in Radziechowy die verstreuten Kinder und die Eltern Pieronek ein. Es glich einem Wunder, alle hatten überlebt.

Je mehr sich nun der Kommunismus in Polen unter den sowjetrussischen Fittichen ausbreitete, umso schwieriger wurde das Leben der Pieroneks in Radziechowy. Das neue Regime gängelte die Privatwirtschaft immer heftiger: willkürlich auferlegte Sondersteuern, ständige Kontrollen und Durchsuchungen, Preisvorgaben die jeglichen Gewinn verschlangen. So sah die von den Kommunisten ausgerufene „Schlacht um den Handel“ aus, in der auch Tadeuszs Vater nicht bestehen konnte. Sein Laden wurde 1949 verstaatlicht. Die Kommunisten hatten die Schlacht gewonnen, nur gab es, so lange sie regierten, also bis 1989, kaum etwas zu kaufen.

Immerhin durfte Tadeusz, das Kind eines „Dorfbonzen“, die Grundschule beenden und 1951 das Abitur im Gymnasium von Żywiec machen. Dass er aufs Priesterseminar in Kraków gehen würde war für ihn seit Langem beschlossene Sache. Das tiefreligiöse Elternhaus, wo das Praktizieren des Glaubens so selbstverständlich war wie das Atmen, aber auch die Kriegserlebnisse, die Repressalien des Kommunismus formten seine Berufung.

Katholische Universität Lublin 1961.

Im Jahr 1957 zum Priester geweiht, studierte Pieronek bis 1961 Kirchenrecht an der Katholischen Universität Lublin (KUL). Bis Anfang der Neunzigerjahre war das die einzige verbliebene katholische Hochschule mit universitärem Charakter im ganzen kommunistischen Machtbereich von der Elbe bis Pjöngjang in Nordkorea.

Die Gängelungen und Repressalien der kommunistischen Verwaltung waren zeitweise so heftig, dass die Schlieβung der KUL nur eine Frage von Wochen, gar Tagen zu sein schien. Doch die Hochschule überdauerte. Dort verteidigte Pieronek seine Dissertation und erhielt Anfang der sechziger Jahre den Doktortitel.

Katz-und-Maus-Spiel mit der Stasi

Zu jener Zeit wurde die polnische Stasi auf ihn aufmerksam. Die geheimpolizeiliche Überwachung der katholischen Kirche im kommunistischen Polen war beinahe lückenlos. Jeder Geistliche, ob Pfarrer, Mönch oder Nonne, jeder Angestellte der Kirche, ob Organist oder Küster, hatte eine Geheimdienstakte, die ihm von Stasi-Dienststelle zu Stasi-Dienststelle folgte, jedes Mal wenn er versetzt wurde. Spitzel wurden mit Hilfe von Erpressung, Geld, oder durch gekonntes Ausnutzen von Minderwertigkeitskomplexen und Ambitionen angeworben und auf kirchliche Einrichtungen und Würdenträger angesetzt.

Eine gute Gelegenheit Kirchenleute in ihre Dienststellen zu locken und dort unter Druck zu setzen, boten der polnischen Stasi Reisepass-Angelegenheiten. Die Reisen ins kapitalistische Ausland waren damals, seit dem politischen Tauwetter vom Oktober 1956, immerhin möglich, aber sie wurden sehr streng reglementiert.

Die Kirche schickte ihre Geistlichen nach Rom zum Studium an die Päpstliche Lateranuniversität oder auf Missionen in die Dritte Welt. Folglich reichten sie Gesuche ein, man möge ihnen einen Reisepass ausstellen. Regelmäßig folgte erst einmal eine Ablehnung. Die Reisewilligen wurden zum „klärenden Gespräch“ in die örtliche Passbehörde, die in die Zuständigkeit der Stasi fiel, gebeten. Ausgestattet mit IM-Berichten über die Stärken und Schwächen der Antragssteller konnten Stasi-Offiziere diese gezielt ausfragen, einschüchtern, durch weitere Absagen und Vorladungen zermürben, um sie letztendlich als Spitzel anzuwerben. Nicht selten gelang das.

Im Jahr 1961 wollte Pfarrer Tadeusz Pieronek den Bruder seines Vaters, Paweł Pieronek, der in Detroit in den USA lebte und ein Fotoatelier betrieb, besuchen. Die Stasi zog wieder einmal alle Register und Pfarrer Pieronek willigte ein. Unter der Nummer 2718 und dem Tarnnamen „Felix“ wurde er in die geheime Spitzelkartei der Lubliner Woiwodschafts-Stasibehörde eingetragen. Man wurde sich einig, dass es dazu keiner Verpflichtungserklärung bedürfe. Im Oktober 1961 konnte er reisen.

So begann ein einige Jahre andauerndes Katz-und-Maus-Spiel Pieroneks mit der polnischen Stasi, was man anhand seiner Stasi-Unterlagen zurückverfolgen kann. „Als Gegenleistung für die Ausreiseerlaubnis hatte er sich bereiterklärt uns Auskünfte über antikommunistische Aktivisten und Strukturen unter den USA-Polen zu liefern“, heiβt es in einem Stasi-Bericht.

Sitz der Römischen Rota, der Palazzo della Cancelleria.

Doch, anstatt nach ein paar Wochen nach Polen zurückzukehren, flog Pieronek von den USA aus nach Rom, um beim Gericht der Römischen Rota, der zweithöchsten Spruchkammer der katholischen Kirche, ein zweijähriges Praktikum anzutreten. Erst jetzt merkten die Stasi-Leute, dass das sein eigentlicher Reisegrund gewesen war.

Als Diplomaten der polnischen Botschaft getarnte Agenten der polnischen Stasi machten ihn 1962 in Rom ausfindig und erinnerten an seine „Pflichten“. Pieronek erschien daraufhin 1962 und 1963 ein paar Mal zu konspirativen Treffen, plauderte einige Interna aus, über Verhaltensweisen, Vorhaben und Positionen einzelner polnischer Bischöfe, die am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnahmen.

Polnische Bischöfe (v. l. n. r.) Antoni Baraniak, Karol Wojtyła, Primas Stefan Wyszyński, Bolesław Kominek beim Zweiten Vatikanischen Konzil.

Die Kommunisten in Moskau und im übrigen Ostblock betrachteten die beabsichtigten Reformen in der katholischen Kirche als sehr gefährlich, könnten sie am Ende die Kirche doch attraktiver und dadurch einflussreicher werden lassen. Das Ausspionieren des Konzils hatte also oberste Priorität und Pieronek war bei Weitem nicht die einzige polnische Stasi-Informationsquelle in Rom.

Im Nachhinein erst merkten die Stasi-Leute, dass Pieronek sie ein zweites Mal hinters Licht geführt hatte. Nach eineinhalb Jahren der Abwesenheit von Polen wollte er im Sommer 1963 wenigstens für kurze Zeit nach Hause, die Familie sehen. Damit die Behörden ihn wieder nach Rom fahren lassen würden, täuschte er vor, weiterhin Spitzel sein zu wollen. Wieder aus Polen in Rom angekommen, verweigerte er jedoch jegliche weitere Zusammenarbeit.

Pfarrer Tadeusz Pieronek Anfang der Sechzigerjahre in Rom.

Mehr noch. Aus anderen Spitzelquellen erfuhr die Stasi, dass Pieronek, noch vor seiner USA-Reise im Herbst 1961, die Stasi-Anwerbung seinen Vorgesetzten gemeldet hatte. Auch hatte er wesentlich dazu beigetragen kirchenintern einige polnische Geistliche in Rom als Stasi-Zuträger zu entlarven.

Der geistigen Enge des kommunistischen Polens der Sechzigerjahre entkommen, genoss er es die damalige Welthauptstadt der Mode und Kultur, das Rom Fellinis, Marcello Mastroiannis und Sophia Lorens erleben zu können, ohne sich jedoch davon vereinnahmen zu lassen.  Ausgestattet mit einem Pass des Vatikanstaates, damit ihn die Stasi zu Hause  wegen der vielen Stempel in seinem polnischen Reisedokument nicht belangen konnte, bereiste er Europa, unternahm zwei ausgedehnte Rundreisen durch die USA.

Vor allem jedoch studierte er und begleitete seinen Krakauer Bischof Karol Wojtyła bei dessen Aufenthalten in Rom.  Dort war er sein persönlicher Sekretär. Pieronek war dabei als Wojtyła 1977 den Kardinalshut in Empfang nahm, war zugegen bei Wojtyłas Gesprächen mit Papst Paul VI, er begleitete ihn bei seinen Reisen durch Italien.  Er meinte aus der damals entstandenen Nähe zum späteren Papst den Rückhalt in den innerkirchlichen Machtkämpfen zu haben, die er künftig entfachen sollte.

In jenen Jahren fertigte die polnische Stasi mehre Charakteristiken Pieroneks an. Er sei sehr pflichtbewusst, zudem ein hervorragender Kirchenjurist, dem viele Karrieretüren offen stünden. Dazu gescheit, gelehrig, aufgeweckt, fröhlich, kein Dogmatiker. Neigt jedoch zu Hochmut, Überheblichkeit und Geltungssucht.

Letztgenannte Eigenschaften wogen gut vier Jahrzehnte später so schwer, dass er ins Abseits geriet. Groll und Verbitterung darüber, verleiteten ihn in den letzten Lebensjahren zu immer radikaleren politischen Stellungnahmen und Verhaltensweisen.

Jahre des Aufstiegs

Noch überwogen jedoch offensichtlich die positiven Charaktereigenschaften. Nach der Rückkehr aus Rom 1965 begannen für Pfarrer Dr. Tadeusz Pieronek lange Jahre des Aufstiegs als Kirchenjurist und Wissenschaftler. Er habilitierte 1975. Den Professorentitel bekam er 1987 verliehen.

Hohe Ämter in der Krakauer Bischofskurie und leitende Beraterfunktionen im polnischen Episkopat paarten sich mit wissenschaftlichen Würden an allen polnischen kirchlichen theologischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Pieronek wurde nach und nach zum Mitherausgeber aller wichtigen polnischen kirchenjuristischen und theologischen Zeitschriften. Man wählte ihn zum Vorsitzenden der Polnischen Theologischen Gesellschaft u. v. m.

Bis zum Ende des Kommunismus in Polen 1989 behielt ihn die Stasi im Visier, aber sie konnte nichts gegen ihn ausrichten. Pieroneks wissenschaftliche Kompetenz, sein wachsendes Ansehen und sein durch und durch anständiger Lebenswandel machten ihn gegen Erpressungsversuche immun.

Pieroneks Sternstunde schlug Anfang der Neunzigerjahre. Er war maβgeblich an der Vorbereitung des Konkordats beteiligt, das im Juli 1993 zwischen Polen und dem Vatikan geschlossen wurde. Der Unterzeichnung folgte eine fast fünf Jahre lang dauernde heftige innenpolitische Auseinandersetzung um die Ratifizierung des Abkommens. Polens Postkommunisten, im Herbst 1993 an die Macht gekommenen, blockierten sie.

Der eloquent und einnehmend auftretende Pieronek war damals eines der wichtigsten medialen Gesichter der Kirche in diesem Streit. Da sprach nicht mehr nur der Fachmann für Kirchenrecht, sondern (seit 1992) der Weihbischof der Diözese Sosnowiec/Sosnowitz und vor allem (seit 1992) der Generalsekretär der Polnischen Bischofskonferenz.

Eitler Medienstar

Die Bischöfe, die ihn in dieses Amt wählten, mögen gedacht haben: er ist noch nicht alt (59 Jahre), gebildet, aber als hoher Würdenträger unerfahren. Man kann ihn leicht steuern. Das jedoch war eine Fehleinschätzung. Der intelligente und schlagfertige Pieronek legte einen Ehrgeiz an den Tag, den niemand so erwartet hatte.

Er entfesselte sofort einen nicht enden wollenden Kleinkrieg um Zuständigkeiten und Personalentscheidungen gegen den Vorsitzenden der Bischofskonferenz und Primas von Polen, Kardinal Józef Glemp. Nach Auβen drang damals kaum etwas davon. Beide Kirchenmänner waren klug genug, den Konflikt nicht auβer Kontrolle geraten zu lassen, aber die Spannungen, das wissen wir heute, waren enorm.

Sie wurden zum ersten Mal sichtbar, als Pieronek 1999 alles daran setzte Kardinal Glemps Wiederwahl zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz zu verhindern. Er war damals nur noch Mitglied, nicht mehr Generalsekretär des Gremiums, und er ging mit seinem Anliegen an die Presse. Diese für Kirchenkreise, wo auf Diskretion sehr geachtet wird, geradezu rabiate Vorgehensweise wurde Pieronek zum Verhängnis. Er scheiterte kläglich.

Das wichtigste Pfund mit dem Pieronek in seiner Zeit als Generalsekretär der Polnischen Bischofskonferenz wucherte, war seine, für damalige Kirchenverhältnisse, enorme Medienpräsenz. Eloquent, kompetent, dynamisch kam er daher, machte vor den Kameras und Mikrofonen eine gute Figur. Man sah, er gefiel sich in dieser Rolle.

Pieronek machte vor den Kameras und Mikrofonen eine gute Figur, und er gefiel sich in dieser Rolle.

Zunehmend selbstverliebt, vergaβ der neue Medienstar jedoch Distanz zu wahren. Bischof Pieronek wurde Teil der Medienwelt und erlag, wie viele weltliche Politiker auch, der Illusion sie dauerhaft in seinem Sinn beeinflussen zu können. Die Zuneigung der linksliberalen Medien, die in den Neunzigerjahren in Polen den Ton angaben, beeindruckte ihn sehr.

Er trug seine Kumpanei mit Adam Michnik, Chefredakteur der eindeutig kirchenfeindlichen „Gazeta Wyborcza“, offen zur Schau. Er wurde Mitglied im Rat der von George Soros finanzierten, alles andere als kirchenfreundlichen, Batory-Stiftung. Beeinflusst hat er sie dadurch nicht im Geringsten, aber sie beeinflussten ihn. Vor allem übernahm er ihre Sichtweise der polnischen Politik und ihre krassen Freund-Feind-Bilder.

Viel gewollt, wenig bewirkt

Mit seiner Idee von der Schaffung moderner, starker Kirchenmedien in Polen erlitt Pieronek Schiffbruch. Auf sein Betreiben hin, wurden fast alle kleinen Diözesan-Rundfunksender zu einem groβen katholischen Radio zusammengelegt: locker, flockig, unkompliziert, mit viel Musik. Was er nicht bedacht hatte: auf dem Gebiet der Unkompliziertheit waren andere Radiosender schon damals viel weiter. Pieroneks Radio musste, mangels Geld, an einen ausländischen Investor verkauft werden, der die letzten katholischen Sendungen umgehend aus dem Programm nahm.

Die von Pieronek aus der Taufe gehobene Katholische Informations-Agentur (KAI) besteht noch, aber ihre Bedeutung auf dem Medienmarkt blieb gering. Eine katholische Zeitung, ein katholischer Fernsehsender, die er angedacht hatte, sind nie entstanden.

Der ehrgeizige Bischof Pieronek scheiterte dort, wo der Redemptoristen-Pater Tadeusz Rydzyk in Toruń/Thorn Erfolg hatte. Aus Spenden finanziert, schuf er Radio Maryja, den TV-Sender Trwam, die Tageszeitung „Nasz Dziennik“ und eine Medienhochschule, die katholische Journalisten ausbildet. Je mehr Erfolg diese sehr traditionell ausgerichteten Medien hatten, umso heftiger wetterten der gescheiterte „liberale Bischof“ und seine medialen linken Verbündeten gegen sie.

„Bischof Ohneland“

Er war sich sicher, 1998 die Wiederwahl zum Generalsekretär der polnischen Bischofskonferenz in der Tasche zu haben, ohne zu merken, dass er als Selbstdarsteller für die Kirche zunehmend zu einer Belastung wurde. Die Niederlage versetzte seinen Ambitionen einen mächtigen Dämpfer.

Aus Angst in der Provinz ausharren zu müssen, lieβ er sich daraufhin von seinen Pflichten in der Diözese Sosnowiec, für die er ohnehin nie Zeit hatte, entbinden und wurde zu einem „Bischof Ohneland“. Die Ernennung zum Rektor der Päpstlichen Theologischen Akademie in Kraków (1998 – 2004) entsprach bei Weitem nicht seinen Ambitionen.

Mit 71 Jahren wurde Bischof Pieronek 2005 zum Senior-Domherrn im Domkapitel der Königlichen Basilika und Erzkathedrale der Heiligen Stanislaus und Wenzeslaus auf dem Wawelhügel in Kraków gewählt, was einer Pensionierung gleichkam.

Krass, krasser, Pieronek

Der pensionierte Bischof empörte sich immer wieder über die angebliche „Politisierung der Kirche, die ihre Sympathien für die Nationalkonservativen kaum verbergen kann“, und verwandelte sich derweil endgültig in einen Politiker im permanenten Unruhestand. Es war ihm ein Bedürfnis zu beweisen, dass er noch Geltung hat, dass seine Meinung wichtig sei, dass es Medien gibt, die seine Meinung lautstark kolportieren und ein Publikum, das sie ernst nimmt.

Er geiβelte kollektiv seine Amtsbrüder, sie entsagten angeblich der Bescheidenheit und dabei bewohnte er selbst auf Kosten der Kirche ein Luxusapartment auf dem Wawel. Er forderte vehement, Polen solle Migranten aufnehmen. Dass Kirche und Regierung viel leisten in Syrien, dem Libanon und in Jordanien, um das Los der Kriegsflüchtlinge vor Ort zu lindern überging er stets mit Schweigen.

Nur einmal widerfuhr dem Bischof eine Entgleisung, die ihm seine Bewunderer sehr übel nahmen. Im Januar 2010 äuβerte er in einem Interview, der Holocaust werde als „Propagandawaffe benutzt, um Vorteile herauszuschlagen, die oft ungerechtfertigt seien.“ Zwar zog er diese Behauptung schnell zurück und verurteilte in der drauffolgenden Zeit den Antisemitismus immer wieder ausdrücklich. Doch mehr als ein Jahr lang stellten ihn, die ihm sonst so gewogenen Medien unter Quarantäne.

Pieronek hielt sich aus tiefster Überzeugung an die Kirchendoktrin. Seine ablehnenden Äuβerungen zum Feminismus, zur künstlichen Befruchtung, zur Tötung ungeborener Kinder, zur „Homoehe“ lieβ man ihm zähneknirschend durchgehen, schlieβlich war er katholischer Bischof. Er revanchierte sich mit der Gleichsetzung seines Landes mit Nordkorea, bemühte gern Hitler und Stalin, wenn es galt die Lage in Polen zu schildern.

„In Polen herrscht ein schwül-stickiges Klima. Man riecht überall den Gestank von Faschismus, Rassismus, Kommunismus und Nationalismus. Wir werden eines Tages daran ersticken.“

„Bald wird es in jedem Städtchen ein Denkmal Lech Kaczyńskis (des 2010 verunglückten Staatspräsidenten – Anm. RdP) geben müssen, so wie es in der Sowjetunion Stalin-Denkmäler gab, und in jeder Wohnung ein Portrait Lech Kaczyńskis, vor dem man sich wird verbeugen müssen so wie in Nordkorea.“

„Wir sind am Ende des Weges angekommen. Es herrscht zwar keine formal ausgerufene Diktatur, aber das was wir in Polen haben, weist alle Merkmale einer Diktatur auf.“

Die Sozialprogramme der Regierung „das neue Kindergeld in Höhe von 500 Zloty, der soziale Wohnungsbau, das Schulausstattungsgeld zu Beginn des Schuljahres über 300 Zloty, die Lohnerhöhungen für Lehrer, das alles dient einzig und allein der Wählerbestechung. (…) Als Hitler an die Macht kam hat die Mehrheit der Deutschen auch geglaubt, dass seine Politik ihren Bedürfnissen entspricht.“

„Das war eine Verzweiflungs- aber auch eine Heldentat“. So kommentierte Pieronek die Selbstverbrennung eines offenbar geistesgestörten Mannes am 19. Oktober 2017 im Stadtzentrum von Warschau, der verkündet hatte, er tue es aus Protest gegen die Regierungspolitik. In diesem Fall fand es die Bischofskonferenz für angebracht, sich von diesen Äußerungen offiziell zu distanzieren.

Die Regierung „ordnet die Behinderten einer Menschenkategorie zu, die vegetieren und letztendlich sterben soll. Das wäre das Beste für die Regierenden“, so Pieroneks Kommentar zu dem Protest einer Gruppe von Eltern mit behinderten Kindern im Parlament im Frühjahr 2018. Sie kampierten einige Wochen lang in der Parlamentslobby und forderten mehr Betreuungsgeld.

Bischof Tadeusz Pieronek wühlte Polen immer wieder auf. Er erregte Anstoβ und trug, leider, erheblich zur Verschärfung der politischen Debatte in Polen bei, weil er nicht fähig war seine Gefühlsausbrüche zu bändigen.

War er sich dessen bewusst? Eine Anekdote, die er immer wieder erzählte, klingt aufschlussreich: „Bischof Pieronek war gestorben und ging in Richtung Paradies. Plötzlich blieb er vor einer halboffenen Tür stehen und sah Petrus, der ziemlich beschäftig zu sein schien. Ein Engel flog herbei und verkündete streng: »Polnische Bischöfe werden hier nicht aufgenommen.« Das war Bischof Pieronek sehr unangenehm. Da sah ihn Petrus. Er eilte herbei und sagte: »Tadeusz? Komm rein, du bist doch kein richtiger Bischof.«“

Tadeusz Pieronek fand seine letzte Ruhestätte in der Bischofskrypta der Krakauer Peter-und-Paul-Kirche. Das „Regime“ wurde bei den Trauerfeierlichkeiten durch den stellvertretenden Ministerpräsidenten und Wissenschaftsminister Jarosław Gowin vertreten.

© RdP




Jazz, Drugs und ein Symbol

Am 29. Juli 2018 starb Tomasz Stańko.

Die rühmende, doch leider allzu oft überstrapazierte Behauptung, ein Jazzmusiker habe einen eigenen Klang entwickelt, an dem man ihn jeder Zeit sofort erkennen könne, traf in seinem Fall uneingeschränkt zu. Tomasz Stańko war zweifelsohne einer der größten Jazzer, Komponisten und Bandleader Polens. Als Jazztrompeter erlangte er weltweit Berühmtheit.

Fachleute ergingen sich seit Jahren in langen Elogen auf Stańkos Art Trompete zu spielen. „Das Instrument sei für ihn ein Mittel zur Übertragung und Erweiterung jener Möglichkeiten gewesen, wie sie die menschliche Stimme bietet – ausdrucksstark, inhaltsvoll und vor allem emotional“, hieß es.

„Er setzte nicht auf virtuose Technik.“ Sein Spiel war vielmehr „von einer unpolierten, naturbelassenen Rauheit, die seinen eigenen Stil, abseits der Mainstream-Konvention schuf und vor allem für eine unnachahmliche Atmosphäre und Bewegtheit der Musik sorgte.“

Sie verflocht „slawische Melancholie und den Blues“ miteinander. Stańkos eigene Klänge „waren von einzigartiger, dunkler, manchmal melancholischer Strahlkraft. Er spielte hervorragend und er spielte anders als die Amerikaner. Damit hat er Amerika erobert, das gelobte Land des Jazz, wo die Originalität so sehr zählt.“

Offenbarung im Rotunda Klub

Der Weg dorthin begann im März 1958. Tomasz Stańko, damals Schüler an der Musikmittelschule in Kraków, gelang es eine Eintrittskarte zum Konzert des schon damals weltberühmten US-Jazzpianisten Dave Brubeck und seines Quartetts im Studentenklub Rotunda zu ergattern. Für den Fünfzehnjährigen aus dem gut einhundertfünfzig Kilometer östlich gelegenen Rzeszów war Brubecks Klavierspiel mit seinen Blockakkorden und ungeraden Taktarten geradezu eine Offenbarung.

Dave Brubeck mit Ehefrau (links i. B.) auf dem Krakauer Hauptmarkt. März 1958.

Der 1942 geborene Sohn einer Lehrerin und eines Juristen, der mit sieben Jahren aus der Provinzstadt Rzeszów zu Verwandten nach Kraków geschickt wurde, um an einer Musikgrundschule das Geigenspiel zu erlernen, verwandelte sich in einen eingefleischten Jazzfan und aufstrebenden Jazzmusiker.

In der Zeit des Stalinismus, zwischen 1948 und 1956, war der Jazz im kommunistischen Polen faktisch verboten. Nach der Zeit der Unterdrückung und der Verfemung als ideologisches Zersetzungswerkzeug des US-Imperialismus, brach der Jazz sich nach 1956 auf der Welle der „Erneuerung“ Bahn, befreite sich aus dem Katakombendasein.

Beseelt von der Freude am Individuellen, Kreativen, nicht Vorgeschriebenen explodierte geradezu, mitten in der kommunistischen Tristesse, eine moderne und muntere Musikerbewegung. Vereint durch die Begeisterung für den Cool Jazz und den Hard Bop, beherrschten die Vorreiter des polnischen Jazz ihre Instrumente hervorragend und knüpften stark an die slawische Melodik an. Eine neue Stilrichtung entwickelte sich daraus nicht, aber auf jeden Fall eine musikalische Erscheinung, die den Jazz als solchen bis heute erheblich bereichert.

Die herrschenden Kommunisten betrachteten den Jazz nun als eines der Ventile der kleinen Freiheiten, durch die man den in Polen stets starken Druck der Unzufriedenheit kontrollierbar ableiten konnte.

Die künstlerischen Fackelträger dieser Bewegung waren seit den fünfziger und sechziger Jahren, teilweise bis ins zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, die Pianisten Krzysztof Komeda, Mieczysław Kosz, Adam Makowicz und Andrzej Trzaskowski, die Saxophonisten Zbigniew Namysłowski, Jan Wróblewski, Janusz Muniak, die Geiger Michał Urbaniak und Zbigniew Zeifert sowie der Trompeter Tomasz Stańko, auch er ein Symbol der goldenen Ära des polnischen Jazz.

Fünfundfünfzig Jahre auf den Brettern.

Als er 1969 sein Studium an der Krakauer Musikhochschule absolvierte, war Stańko bereits ein bekannter Jazzmusiker. Der Start in die groβe Jazzkarriere fand 1963 statt. Damals stand er auf der Bühne des Warschauer Jazz Jamboree-Festivals, einer der wichtigsten europäischen Veranstaltungen dieser Art, die inzwischen Kultstatus erlangt hatte. Stańko war so gut, dass er schon damals mit den Besten des Landes spielen durfte, im Quartett des Pianisten Krzysztof Komeda. Ab dann stand er fünfundfünfzig Jahre lang unaufhörlich auf den Brettern, und blies seine Trompete.

Seit Stańko 1964 zum ersten Mal in den Westen fuhr, zu Konzerten in Belgien und Skandinavien, später immer wieder in die USA, hatte er auf Konzerttouren und Jazzfestivals Umgang mit den Besten der Jazzszene. „Es gibt keine bessere Art noch besser zu werden als mit den Meistern zu spielen“, diese Binsenweisheit war ihm stets der Wegweiser.

Sein furioser Auftritt bei den Westberliner Jazztagen 1970 brachte den Durchbruch und 1975 stieg Stańko in die Aristokratie des Jazz auf. Die namhafte Plattenfirma ECM entschied sich das Album „Balladyna“ seines damaligen Quartetts aufzunehmen. Vier weitere ECM-Scheiben sollten folgen.

Stańko verschrieb sich zunehmend dem Free Jazz in seiner extremsten Form. Den Höhepunkt erreichte diese Entwicklung Mitte der Achtzigerjahre, als er das „Freelectronic“-Quartett gründete. Seine Auftritte beim Jazz de Monrteux 1987 und beim Le Mans Jazz Festival 1988 markieren, wie es heiβt, durch ausgefeilte elektroakustische Effekte, den Beginn einer neuen Free Jazz-Ära.

„Wahnsinn hat mich in Beschlag genommen“

Stańko war damals Ende vierzig und nicht zu bremsen. Bis zum Umfallen spielte er Konzerte diesseits und jenseits des Atlantiks, berauscht nicht nur vom Erfolg. „Der Wahnsinn hat mich in Beschlag genommen. Ich habe mir die Taschen vollgestopft mit Haschischbrocken, Pfeifen, Amphetaminen, Pillen, Flachmännern“, berichtete er Jahre später.

Künstlerisch ging Stańko keine Kompromisse ein, blieb sich selbst treu, zornig und stur. Seine wilden Jahre waren voller Musik, die Anerkennung fand, und voller böser Exzesse. Demolierte Hotelzimmer. Sexorgien. Wilde Autorallyes durch finnische Wildnis mit seinem Freund, dem Jazzschlagzeuger, Konzert- und Raus

Stańko in seinen „wilden“ Achtzigerjahren.

chpartner Edward Vesala. Eine illegale, nächtliche Jamsession im indischen Tadsch Mahal-Mausoleum… Vesalas Tod 1999 brachte die Ernüchterung.

Ehe gescheitert. Stańko mit Ehefrau Joanna und Tochter Anna Mitte der Siebzigerjahre.

Lange vorher jedoch ging die Ehe mit seiner Jugendliebe Joanna in die Brüche. Mit Tochter Anna nahm er erst Kontakt auf als sie sechzehn war. Anna war seine letzte Managerin und saβ an seinem Sterbebett.

Stańko mit Tochter Anna.

„Ich habe die Avantgarde verlassen, um als Klassiker zu enden“, sagte er in einem seiner letzten Interviews. Stańko brauchte viel Zeit, um zu der Überzeugung zu kommen, dass letztendlich nur die Musik zählt. „Wie soll man sich heute noch von den anderen unterscheiden? Wir alle tragen Ringe in den Ohren oder in der Nase. Wir sind alle tätowiert und wir spielen ähnliche Musik. Früher brauchtest du nur ein guter Musiker zu sein und konntest dich ansonsten austoben. Jetzt musst du selbst organisieren, musst auf deine Manager aufpassen, musst sorgsam deine Karriere planen. Es ist zudem sehr schwer geworden Musik zu verkaufen, weil es auf dem Markt Unmengen an hervorragender Musik gibt. Ich hatte es in meinen Anfängen viel leichter.“

Spät erwachsen geworden

Knapp vor der Jahrausendwende schaffte er es endlich seine Laster über Bord zu werfen, fand sein seelisches Gleichgewicht wieder beim unermüdlichen Joggen durch diverse Warschauer Parks. Von seiner Dachterrassenwohnung aus, unweit der Weichsel, genoss Stańko oft stundenlang den weiten Blick, stets begleitet von einer Kanne besten Tees, des einzigen Genussmittels, das er sich noch gönnte. „Ich bin erst mit gut fünfzig Jahren erwachsen geworden und habe mich aus der Umarmung des Teufels gelöst“, gab Stanko in einem Rundfunkinterview zu Protokoll.

Sein Ruf als auβergewöhnlicher Jazztrompeter, der Solokonzerte gab, war inzwischen unerschütterlich und belegt durch die hervorragende CD „Music from Tadj Mahal and Karla Caves“. Stańko wandte sich nun vom elektroakustischen Free Jazz ab, hin „zur Sanftheit, zur Vereinfachung, zur Kommunikationsfreudigkeit“, wie er es selbst formulierte.

New York von unschätzbarem Wert

Ein neuer Schub der Schaffenskraft ergriff von ihm Besitz, und die sehr wählerische ECM nahm ihn gern unter Vertrag. Die Platten, die er Ende des zwanzigsten, Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts für die ECM aufnahm, festigten seine Stellung in der Jazztrompeter-Weltliga. „Leosia“ wurde zur besten europäischen Jazz-CD des Jahrzehnts gekürt. Mit „Soul of Things“ eroberte er an der Spitze seines Quartetts mit sehr jungen polnischen Musikern noch einmal Amerika. „December Avenue“ war 2017 dann sein letztes CD-Album.

Tomasz Stańko in New York 2010.

Sein Talent hat ihn reich gemacht. Im Jahr 2008 kaufte Stańko ein Apartment unweit des Central Parks in New York und lebte eine Zeit lang mal dort, mal in Warschau. New York inspirierte ihn. „Diese Stadt vibriert, pulsiert unentwegt, verleiht Lebensenergie, bringt einen auf neue Ideen. Nach so vielen Jahren des Spielens ist das für mich von unschätzbaren Wert.“

 

Sein Land war ihm zuwider

So originell seine Musik war, so schablonenhaft und typisch für viele polnische Künstler, Wissenschaftler, Aktivisten, Erfolgsmenschen war seine tiefempfundene Scham für das eigene Land. Stańko kam jahrzehntelang zwar kaum mit der polnischen Wirklichkeit eines Billiglohnlandes, aus dem zwei Millionen Menschen innerhalb kurzer Zeit auf der Suche nach Arbeit geflohen sind, in Berührung. Für ihn, den Bewohner der New Yorker und Warschauer Lofts waren die Polen nur „rückständig“, wofür die Ergebnisse der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von 2015, in seinen Augen, den endgültigen Beweis erbracht hatten.

Tomasz Stańko (in der Mitte) 2011 mit seinem politischen Idol Staatspräsident Bronisław Komorowski (links i. B.) nach der Ordensverleihung.

Vergeblich war sein starkes Engagement auf der Seite des kläglich gescheiterten Staatspräsidenten Bronisław Komorowski, der 2015 für eine zweite Amtsperiode gewählt werden wollte und dem Newcomer Andrzej Duda unterlag. Dass die Polen Duda sowie andere „Mutanten“ und „grausame Kanaillen“ seines Schlags, wie Stańko es zu formulieren pflegte, an die Macht gebracht haben, erfüllte ihn mit tiefer Abscheu.

Staatspräsident Andrzej Duda lieβ sich dadurch nicht beirren. Kurz nachdem die Nachricht von Tode Stańkos eintraf, twitterte das Staatsoberhaupt: „Heute früh ist Herr Tomasz Stańko von uns gegangen. Er war eine groβe Gestalt des polnischen Jazz, ein hervorragender Musiker mit groβen Verdiensten für die polnische Kultur. Solche Menschen sterben nicht, sie leben weiter ich ihren Werken. Ruhe in Frieden.“

Tomasz Stańko wurde auf dem Warschauer Powązki-Friedhof bestattet.

© RdP




Schnell und stetig

Am 29. Juni 2018 starb Irena Szewińska.

Sie brach Weltrekorde, doch ihr Gesicht blieb unverzerrt wenn sie langen Schrittes leicht, einer Gazelle gleich, über der Laufbahn zu schweben schien. Polen verabschiedete Irena Szewińska auf ihrem letzten Lauf , wie es der Königin der polnischen Leichtathletik gebührte.

Staatspräsident Andrzej Duda und Gattin beteten kniend an ihrem Sarg in der Warschauer Feldkathedrale der polnischen Armee. „Ein Jahrhundert nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit verabschieden wir eine Sportlerin des Jahrhunderts“, sagte das Staatsoberhaupt während der Trauermesse in seiner Ansprache.

Staatspräsident Andrzej Duda und Gattin am Sarg Irena Szewińskas in der Warschauer Feldkathedrale der polnischen Armee.

„Sie war uns allen ein Vorbild. Wir sind ihr ewige Dankbarkeit schuldig“, so verabschiedete Ministerpräsident Mateusz Morawiecki Szewińska an ihrem Grab auf dem Warschauer Powązki-Friedhof.

Die gute Pani Irena

Kein Hochmut, keine Allüren. Einst überaus erfolgreich, ist sie bis an ihr Lebensende zurückhaltend und bescheiden geblieben. Sie suchte nicht das Rampenlicht, blieb stets bei ihren Leisten, nahm lautlos ihre Funktionen im Polnischen und im Internationalen Olympischen Komitee wahr, lieβ sich keine Stellungnahmen zur Klimaerwärmung, zum Robbensterben oder gar zur polnischen Innenpolitik entlocken.

Wie einst über der Laufbahn, schwebte sie über den Problemen und Konflikten. Die gute „Pani Irena“, „Frau Irena“. Sie wurde, wie in Polen im alltäglichen Umgang üblich, auch von den hochrangigsten polnischen Politikern mit dem Vornamen angesprochen gesiezt.

Mit Staatspräsident Lech Kaczyński.

Szewińska mied die Politik nicht, lieβ sich aber von ihr nur soweit vereinnahmen, wie es ihrem Renommee der grundanständigen, fairen und erfolgreichen Sportikone nicht abträglich war. Sie trat in den Achtzigerjahren General Jaruzelskis Patriotischer Front der Nationalen Wiedergeburt bei, einem Gebilde, das die Unterstützung der kulturellen, wissenschaftlichen und sportlichen Eliten für das Regime vortäuschen sollte. Sie sagte zu, als Lech Kaczyński sie vor den Präsidentschaftswahlen 2005, die er gewann, einlud in seinem Wahl-Ehrenkomitee Mitglied zu sein.

Doch so liebenswürdig sie auch war, sie verhielt sich wie eine Sphinx. Niemand konnte sagen, wo und wofür sie tatsächlich politisch stand, wenn das überhaupt der Fall war.

Geboren in Leningrad

Irena Szewińska kam 1946 im sowjetischen Leningrad zur Welt, das heute wieder Petersburg heiβt. Damals hieβ sie noch Irena Kirszenstein und war Tochter jüdischer Eltern. Vater Jakub Gustaw Kirszenstein (1922 – 2002) war Akustikingenieur und stammte aus Warschau. Beim Einmarsch der Deutschen in Polen am 1. September 1939 gelangte er in den Osten des Landes, den die Sowjets dann am 17. September 1939 besetzten. Da er sich demonstrativ und anscheinend sehr glaubwürdig zum Kommunismus bekannte, lieβ man ihn am Leningrader Institut für Kinoingenieure studieren.

Mutter Eugenia Rafalska (1922 – 1997) stammte aus Kiew und entkam mit ihrem polnischen Namen, wie durch ein Wunder, Stalins „Polen-Aktion“. Zwischen 1937 und 1938 haben die Sowjets fast alle, insgesamt gut 110.000 in der Sowjetunion lebende Polen umgebracht. Ihnen wurde kollektiv die Teilnahme an sowjetfeindlichen umstürzlerischen Aktivitäten vorgeworfen. Zur Festnahme und Ermordung reichte oft nur ein polnisch klingender Nachname, auch wenn sein Träger manchmal mit Polen nicht das Geringste zu tun hatte.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurden im Sommer 1941 das Leningrader Institut von Jakub Kirszenstein und die Kiewer Fabrik von Eugenia Rafalska nach Samarkand in Usbekistan evakuiert. Dort lernten sich die Eltern von Irena Szewińska kennen, heirateten und durften 1945 in ein Leningrader Studentenheim übersiedeln. Die Sowjets lieβen sie 1947 nach Polen ziehen.

Im Jahr 1953 lieβen sich Irenas Eltern scheiden. Der Vater war ein angesehener Fachmann auf dem Gebiet der Akustik, konzipierte und baute in den 60er Jahren u. a. das zu seiner Zeit ultramoderne Tonstudio in den Spielfilmateliers in Łódź. Irena lebte mit der Mutter im Warschauer Stadtzentrum, damals inmitten einer tristen Ruinenlandschaft, die sich nur sehr zögerlich wieder in eine normale Stadt verwandelte.

Backfisch mit Talent

Eigentlich war Literatur damals ihre Leidenschaft. Sie las viel, unternahm ihre ersten Versuche als Laiendarstellerin an einem Kindertheater. Das änderte sich schlagartig im Frühjahr 1961. Ihre Sportlehrerin lieβ die Klasse zum Hundertmeterlauf antreten. Irenas Zeit war so gut, dass sie glaubte ihre Stoppuhr sei defekt. Sie schickte Irena noch einmal los. Die Zeit war noch besser.

Der talentierte Backfisch am Anfang einer großen Karriere.

Die Lehrerin vermittelte Irena an die Leichtathletiksektion des Warschauer Sportklubs Polonia, dem Szewińska bis ans Ende ihrer Sportlerkarriere die Treue hielt. Trainer Jan Kopyto (geb. 1934), der es als Aktiver bei der Olympiade in Melbourne 1956 bis ins Finale des Speerwerfer-Wettbewerbs schaffte, erkannte sofort das phänomenale Talent eines Backfisches, der bisher den Lauf nie trainiert hatte. Ein Jahr später, sie war sechzehn, holte sie sich bei Leichtathletik-Jugendwettkämpfen im tschechischen Hradec Kralove ihre ersten Titel.

Im „Wunderteam“

Es vergingen noch zwei Jahre und am 21. Oktober 1964 stand sie bei den Olympischen Spielen in Tokio auf dem Siegerpodest. Zusammen mit Teresa Ciepły (1937 – 2006), Halina Górecka (geb. 1938) und Ewa Kłobukowska (geb. 1946) gewann sie für Polen die Goldmedaille in der 4×100-m-Staffel der Frauen. „Ich war achtzehn. Das war meine erste und schönste Olympiade“.

Mit der polnischen Frauen-100-m-Staffel auf dem Siegerpodest bei den Olympischen Spielen in Tokio 1964.

Jetzt war sie berühmt, und in der Zeit bis zu den Olympischen Spielen in Mexico 1968 regnete es Erfolge, wie aus einem goldenen Füllhorn. 1965 zwei Weltrekorde: 100-m in 11,2 Sekunden und 200-m in 22,7 Sekunden. 1966: drei Goldmedaillen bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Budapest (200-m, Weitsprung, 4×100-m) und eine silberne (100-m). 1967: polnischer Landesrekord im Weitsprung 6,67 m.

Medaillen, Rekorde, Titel. Erfolge, wie aus einem goldenen Füllhorn. Irena Szewińska am Beginn ihrer Weltkarriere Ende der 60er Jahre.

Es war die Zeit zwischen 1956 und 1966 als Polen mit seinem „Wunderteam“ zu einer Leichtathletik-Groβmacht aufgestiegen war. Den Begriff prägte die westdeutsche Sportpresse, nachdem das anfänglich kaum ernstgenommene Polen-Team aus dem Ostblock die Bundesrepublik im Neckarstadion 1957 im Leichtathletik-Länderzweikampf bezwang.

Die Trainer- und Sportmanagerlegende Jan Mulak (1914 – 2005) hatte ein fabelhaftes Gespür für Talente. Es hagelte polnische Olympia-Medaillen und Weltrekorde im 3000-m-Hindernislauf (Krzyszkowiak), Diskuswerfen (Piątkowski), Dreisprung (Szmidt), Speer- und Hammerwerfen (Sidło und Rut) und natürlich in der Frauenleichtathletik, mit der jungen Kirszenstein an der Spitze.

Mit dem Begründer des polnischen Leichtathletik-„Wunderteams“ Jan Mulak 2004.

Fleiβ, Ehrgeiz, Zuversicht

In Mexico 1968 hatte das Pech es auf Irena abgesehen. Im Weitsprung schaffte sie es nicht ins Finale. „Ich war nicht mehr dieselbe, unbeschwerte junge Sportlerin wie in Tokio. Ich war reifer, erfahrener, aber auf mir lastete jetzt der Ballast der Verantwortung. Ich war Favoritin, und das ist eine sehr undankbare Rolle“.

Immerhin gewann sie auf 200-m Gold und auf 100-m holte sie Bronze, aber dann kam die Katastrophe. In der 4×100-m-Staffel der Frauen lagen die Polinnen klar vorn, doch beim letzten Wechsel glitt Irena der Stab aus der Hand. Aus der Traum!

Böse Zungen unterstellten sogar, sie hätte es absichtlich getan. Der Groll der drei anderen Mädchen aus der Staffel gegen sie war groβ. Irena hatte ihre Olympia-Medaillen, sie gingen leer aus.

Jung verheiratet. Mit Ehemann Janusz Szewiński.

Es galt das erste Tief in der Karriere zu überwinden. Sie heiratete den 400-m-Läufer und ihren späteren Trainer Janusz Szewiński, der sich auch einen Namen als herausragender Sportfotograf machen sollte. Der erste Sohn, Andrzej kam 1970 auf die Welt. Der zweite, Jarosław sollte 1981 folgen.

Der nicht ganz gelungene Auftritt in Mexico, mit seinem aufgrund der Höhenlage (2000 Meter über dem Meeresspiegel) für viele Sportler nur schwer zu ertragenden Klima, motivierte sie zu noch mehr Arbeit. Sie war jetzt Mutter, Ehefrau, studierte Wirtschaft an der Warschauer Universität und versuchte den Anschluss an die Leichtathletik-Weltspitze nicht zu verlieren.

Mit Sohn Andrzej.

„Es hätte keinen Erfolg gegeben ohne Irenas Fleiβ, ihren unglaublichen Ehrgeiz und eisernen Willen, ihre Zuversicht und ihre Zielstrebigkeit“, so der Leichtathletik-„Wunderteam“-Begründer Jan Mulak.

Training, Training und nochmals Training. Ehemann Janusz gibt die Anweisungen.

„Mein Mann und Trainer witzelt, dass ich mich wie eine übereifrige Schülerin benehme. Egal ob Hitze, Regen oder Schneeverwehungen, ich arbeite immer das geplante Trainingspensum ab. Nur so habe ich eine Chance wieder auf das Siegerpodest zu gelangen“, berichtete Irena Szewińska damals in einem Zeitungsinterview.

Doch die Belastung war enorm, und das Erklimmen der Siegerpodeste gestaltete sich dieses Mal schwierig. Von der Olympiade in München 1972 kam sie „nur“ mit einer Bronzemedaille auf der 200-m-Distanz zurück.

Olympische Spiele in Montreal 1976. Goldmedaille und Weltrekord. Comeback gelungen.

Das Comeback gelang erst bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976: Gold auf der 400-m-Strecke und gleichzeitig neuer Weltrekord mit 49,28 Sekunden. Sie war die erste Frau, die diese Distanz in weniger als fünfzig Sekunden bewältigte. Olympiagold und Weltrekord, gröβer kann sich ein Sportler den Erfolg nicht erträumen.

Gedopte Rivalinnen

Ihre gröβte Rivalin war damals die DDR-Läuferin Renate Stecher. Szewińska bezwang sie einige Male, so in Potsdam im Juni 1974, als sie Stechers Weltrekord auf 200-m unterbieten konnte. Wie enorm diese Leistung eigentlich war, konnte man erst nach dem Zusammenbruch der DDR und der Einsicht in diverse geheime Unterlagen einschätzen. Stecher nämlich, so das Ergebnis der Recherchen, blieb „in das staatliche Dopingsystem der DDR eingebunden“. Sie war „Doping-Mitmacherin, zumindest Doping-Mitwisserin.“

Lesenswert dazu: „Stasi-Dokument zu Renate Stecher. Erst Doping-Injektionen erhalten, dann Testosteron-Spritzen abgelehnt”.

Dasselbe gilt in noch höherem Maße für eine weitere Szewińska-Erzrivalin, die DDR-Läuferin Marita Koch. Dass Irena sie 1977 auf der 400-m-Strecke in Düsseldorf beim Leichtathletik-Weltcup besiegen konnte galt schon damals als eine Sensation und ist es, nach dem heutigen Wissensstand, umso mehr.

Nach jahrelanger Suche in polnischen Stasi- und anderen einst nicht zugänglichen Archiven kann man heute eindeutig sagen, dass es im kommunistischen Polen zwar Einzelfälle von Doping, aber kein staatlich verordnetes und betriebenes Dopingsystem wie in der DDR gab. Szewińska ist während und nach ihrer aktiven Zeit niemals unter Dopingverdacht geraten, geschweige denn, des Dopings überführt worden.

Das Leben nach dem Ende

Sie war in Montreal dreiβig Jahre alt und es wäre ein glanzvolles Finale einer grandiosen Sportlerkarriere gewesen. Doch sie wollte es noch ein letztes Mal darauf ankommen lassen. Bei der Olympiade in Moskau 1980 musste sie dann jedoch beim 400-m-Lauf, nach einer Verletzung, hinkend die Laufbahn verlassen.

Bis zum Ende des Kommunismus in Polen 1989 trat sie eher selten in Erscheinung. Sie genoss es jetzt vor allem für die Familie da zu sein, die beiden Söhne groβzuziehen und begnügte sich mit einigermaβen gut dotierten Ehrenämtern in verschiedenen polnischen und internationalen Sportorganisationen.

Ihre Blauäugigkeit wurde ihr einmal, im Jahre 2008, zum Verhängnis. Damals stand Irenas vierjährige Amtszeit als Vorsitzende des Polnischen Leichtathletik-Verbandes (PZLA) kurz vor dem Ende und die Bilanz des Verbandes wies ein Defizit von umgerechnet knapp 220.000 Euro auf.

Szewińska konnte glaubwürdig nachweisen, dass sie ihr, für polnische Verhältnisse, sehr sattes Vorsitzenden-Gehalt von umgerechnet knapp 3.500 Euro bei Amtsantritt in dieser Höhe bereits vorgefunden hatte. Auβerdem hatten sie die Hauptbuchhalterin und die PZLA-Generalsekretärin über den Stand der Finanzen hinters Licht geführt. Durch das Halbieren ihres Gehaltes und weitere Sparmaβnahmen, die sie anordnete, konnte das Defizit am Ende ihrer Amtsperiode 2009 immerhin auf 120.000 Euro gesenkt werden. Dennoch, ein unguter Beigeschmack wirkte eine Zeit lang nach.

Für den polnischen Sport unermüdlich im Einsatz.

Irena Szewińska setzte sich unermüdlich für den polnischen Sport ein, vor allem für den Kinder- und Jugendsport. Mit viel Ausdauer eröffnete sie Wettbewerbe, übereichte Preise, ermunterte und tröstete die jungen Sportler, oft in der tiefsten Provinz. Ihr stets sympathisches, bescheidenes und zugleich würdiges Auftreten dort, genauso wie auf der Weltbühne, macht sie zunehmend zu einer Symbolfigur.

Sie plauderte unbeschwert mit der Queen, mit amerikanischen Präsidenten. Wladimir Putin rühmte sich, dass sie beide Leningrader seien. Der japanische Botschafter verlieh ihr den Orden der Aufgehenden Sonne, Senegals Präsident den Nationalen Löwenorden. Im Jahre 2016 ehrte sie Staatspräsident Andrzej Duda als erste polnische Sportlerin mit der höchsten polnischen Auszeichnung, dem Orden des Weiβen Adlers.

Sie kämpfte seit 2014 gegen den Krebs an. Eine Zeit lang schien es sogar als hätte sie die Krankheit bezwungen. Doch dem war nicht so.

Irena Szewińska gewann für Polen sieben Olympiamedaillen und stellte zehn Weltrekorde auf. Das Ausmaβ der Sympathie, die sie für sich und ihr Land erlangen konnte scheint schier unermesslich. Sie starb im Alter von 72 Jahren und wurde am 5. Juli 2018 feierlich auf dem Warschauer Powązki-Friedhof bestattet.

Sehenswert: Filmportrait Irena Szewińska (auf Englisch)

Sehenswert: Beeindruckend. Szewińskas Sieg auf 200 m bei der Olympiade in Mexico 1968

© RdP




Violinistin, Kommunistin, Dissidentin

Am 1. Mai 2018 starb Wanda Wiłkomirska.

Wenn sie mit dem Bogen über die Saiten der Geige strich, kam es unvermeidlich zum Gipfeltreffen einer herausragenden künstlerischen Persönlichkeit mit einem der wunderbarsten und anspruchsvollsten Musikinstrumente, die von Menschenhand gespielt werden.

Ihr langes Leben verlief stets zweigleisig. Ihre Musikkarriere führte gradlinig von Erfolg zu Erfolg, bis auf den Olymp der weltbesten Interpreten. Ihr Privatleben dagegen, reich an politischen Verstrickungen und darauffolgenden Befreiungsschlägen, war ein kurvenreicher Pfad, manchmal entlang des Abgrunds.

Geboren 1929, war sie zehn Jahre alt, als im September 1939 Hitlers Armeen in Polen einfielen und ihre erste Gratwanderung begann. Die Wiłkomirskis wohnten damals in Polens zweitgröβter Stadt Łódź (Lodsch) und waren in Fachkreisen und bei Musikliebhabern landesweit als musizierende Familie bekannt. Auch in ihrem Leben, wie konnte es anders sein, spiegelte sich das schwierige Schicksal Polens jener Zeit wieder.

Eine der Musik verschriebene Familie

Seit 1795 war Polen zwischen Russland, Preuβen und Österreich endgültig aufgeteilt, und blieb, bis 1918, von der Europakarte verschwunden. Wandas Groβvater, ein Pole und Untertan des Zaren, diente als Arzt in der russischen Armee. Im rebellischen Kaukasus, den es immer wieder zu befrieden galt, kam 1873 sein Sohn und Wandas Vater, Alfred auf die Welt, ein musikbesessener Junge, der sich ganz und gar der Violine verschrieb.

Alfred Wiłkomirski mit seiner ersten Ehefrau Aniela. Moskau 1912.

Seine erste Frau Aniela, eine Polin, lernte Alfred in Moskau kennen, wo er am Konservatorium studierte und später unterrichtete. Aniela gebar Alfred Wiłkomirski drei Kinder. Kazimierz (1900-1995) war ein sehr erfolgreicher Cellist, Dirigent und Musikpädagoge. Michał (1902-1988) machte sich in den USA als Violinist einen Namen. Maria (1904-1995) war Pianistin und Musikprofessorin.

Unter der Aufsicht des Vaters traten die Drei bis zum Ausbruch der bolschewistischen Revolution und des russischen Bürgerkrieges als das „Trio Wiłkomirski“ in Moskau auf. Beliebt und renommiert, sollte es jahrzehntelang überdauern. Immer wieder trafen sich später die in aller Welt verstreuten Geschwister, gaben Konzerte in Polen, Frankreich, den USA.

„Trio Wiłkomirski“. Moskau 1915. Von links: Michał, Maria, Kazimierz.

Nur knapp entkam die Familie der Mord- und Vernichtungswut der Bolschewisten und deren Gegnern, die Russland nach 1917 in ein Inferno des Elends verwandelten. Ende 1919, im gerade wieder unabhängig gewordenen Polen, in der Stadt Kalisz angekommen, arbeiteten sich die Wiłkomirskis, die von ihrem Vermögen nur das, was sie am Leibe trugen retten konnten, wieder empor. Auf der Suche nach einer Stelle, die es Alfred erlauben würde die Familie durchzubringen, zogen sie von Kalisz, mit Stationen in Lublin und Warschau, schließlich nach Łódź.

Der Ehefrau und Mutter Aniela hatten die beiden letzten, schrecklichen Jahre in Russland schwer zugesetzt. Sie starb 1923. Zwei Jahre später heiratete der Witwer Alfred Wiłkomirski seine Schülerin in der Musikschule von Kalisz, die achtundzwanzig Jahre jüngere jüdische Kaufmannstochter Dorota Temkin. Alfred wollte mit ihr drei Kinder zeugen, denn er dachte allen Ernstes daran ein zweites Familien-Trio zu gründen.

Doch nur zwei Kinder kamen zur Welt: 1926 in Kalisz der Sohn Józef, der es zu einem angesehenen Cellisten, Dirigenten und Musikpädagogen brachte, sowie 1929 in Warschau Wanda. Mit vier Jahren begann Vater Alfred ihr das Violinspiel beizubringen.

Kriegserlebnisse

Einige Monate nach dem Einmarsch der Deutschen in Łódź am 8. September 1939 wurde die Textil-Metropole zu Ehren von Karl Litzmann, eines kaiserlichen Generals und späteren nationalsozialistischen Politikers, in Litzmannstadt umbenannt und an das Reich angegliedert. Die Juden kamen ins Ghetto, die Polen wurden enteignet, aus besseren Wohnungen fortgejagt, drangsaliert, in Konzentrationslager deportiert.

Deutscher Einmarsch in Łódź am 8. September 1939, begleitet vom Jubel der örtlichen Deutschen (oben). Umbenennung in Litzmannstadt.

Das ungefähr einhundertdreißig Kilometer nordöstlich gelegene Warschau lag nun hinter einer streng bewachten Grenze im von Deutschland besetzten sogenannten Generalgouvernement, in dem Generalgouverneur Hans Frank, von Krakau aus, seine Schreckensherrschaft ausübte.

Vater Alfred brachte die beiden Kinder, Józef und Wanda, dauerhaft bei Verwandten in Warschau unter. Die Eltern blieben in Łódź. Der Vater gab deutschen Offizieren aus besseren Kreisen, die bei ihm in Zivil erschienen, private Musikstunden. Die Mutter blieb als Jüdin unerkannt.

Doch Warschau war keineswegs sicherer. Die beiden jungen Wiłkomirskis übten Musik zu Hause. Der Warschauer Hausherr und Verwandte war, wie konnte es anders sein, Musiklehrer, aber polnische Schulen waren auch hier geschlossen. Sie lernten in Bildungszirkeln, die ihren Unterricht streng konspirativ in Privatwohnungen abhielten. Groβangelegte Razzien, bei denen alle Gefassten, von der Straβe weg, zur Zwangsarbeit ins Reich oder in KZs geschickt, bzw. an Ort und Stelle in öffentlichen Hinrichtungen zur Abschreckung erschossen wurden, hielten die Stadt in Atem.

Am 1. August 1944 brach in ganz Warschau ein Aufstand aus. Die Russen waren vom Osten her im Anmarsch. Die der polnischen Exilregierung in London unterstellte Heimatarmee (Armia Krajowa- AK) wollte die Stadt von den, wie man fälschlicher Weise annahm, abrückenden Deutschen befreien und die Sowjets als Hausherrn in der Hauptstadt empfangen, um so das Einsetzen eines kommunistischen Regimes zu verhindern.

Die Rechnung ging nicht auf. Die Russen stoppten ihren Vormarsch, die Deutschen holten Verstärkung heran. Am 3. Oktober 1944, nach dreiundsechzig Tagen, kapitulierten die Aufständischen. Die Intensität der Straβenkämpfe stand denen von Stalingrad in nichts nach. Am Ende waren circa zweihunderttausend Warschauer tot. Die restliche Bevölkerung wurde innerhalb weniger Tage vertrieben.

Die Russen schauten vom anderen Weichselufer zu, wie die Deutschen dreieinhalb Monate lang die leere Stadt planmäβig niederbrannten und in die Luft sprengten. Erst Mitte Januar 1945, als das Vernichtungswerk vollbracht war, setzten sie über den Fluss, um das tote Ruinenmeer zu „befreien“.

Entfesselte Soldateska. Russische Wlassow-Verbände im Warschauer Aufstand 1944.

Den Stadtteil Ochota, in dem Wanda lebte, mussten die Aufständischen schon Mitte August 1944 räumen. Durch eine entfesselte Soldateska der russischen Wlassow-Verbände unter deutschem Kommando folgte eine tagelange Orgie von Massenmorden, Vergewaltigungen, Brandschatzungen und Plünderungen.

Der fünfzehnjährigen Wanda gelang es wie durch ein Wunder aus dieser Hölle zu entkommen. Sie schlug sich bis in die Warschauer Vororte durch. Ein Eisenbahner nahm sie ein Stück in Richtung Łódź mit. Ohne Geld überredete sie in dem Ort Koluszki einen professionellen Schmuggler, sie über die streng bewachte Grenze ins Reich zu bringen. Der Mann lieferte sie nachts bei den Eltern in Łódź ab. Überglücklich dankten sie es ihm mit der goldenen Uhr des Groβvaters und den letzten goldenen Ohrringen, die Wandas Mutter noch besaß.

Bald darauf, Ende Januar 1945, galt es den Einmarsch der Sowjets zu überleben. Mutter und Tochter versteckten sich tagelang in einem getarnten Keller, um den Vergewaltigungen und Morden der ständig betrunkenen „Befreier“ zu entgehen, bis sich die Lage beruhigte.

Der rote Backfisch

Der Kommunismus hielt in Polen in jener Zeit nach und nach Einzug. Aber es gab wieder polnische Schulen, einen polnischen Kulturbetrieb, polnische Musik durfte wieder gespielt werden. Für die eher unpolitische Musikerfamilie Wiłkomirski war das auschlaggebend.

Wanda Wiłkomirska 1947, mit achtzehn Jahren. Ein Backfisch der bald rot werden sollte.

„Meine Eltern und meine Stiefgeschwister, alles erwachsene Leute, gut zwanzig Jahre älter als ich, waren davon sehr angetan, dass die neuen Machthaber Musikschulen eröffneten, Konzertsäle bauten. Ich dagegen gehörte der jungen Generation an, für die es damals Polnischsein nur im Doppelpack mit dem Kommunismus gab. Wir kannten es nicht anders“, berichtete die Violinistin im September 1998, in einem Interview für die „Gazeta Wyborcza“ („Wahlzeitung“).

Vater Alfred durfte an der wiedereröffneten Musikhochschule in Łódź unterrichten, an der auch seine Tochter Wanda studierte. Fachleute waren von ihr hingerissen. Wie schnell sich ihre Spieltechnik verbesserte, wie einfühlsam sie die Stücke interpretierte, wie schnell sie ein neues Repertoire einübte. Backfisch Wanda war einsame Spitze auf weiter Flur.

Die polnischen Kommunisten waren, anders als in Deutschland, Frankreich, der Tschechoslowakei, vor dem Krieg nur eine isolierte, unbeliebte, bedeutungslose politische Sekte. Sie versuchten, so die allgemeine Empfindung in Polen damals, das gerade unabhängig gewordene Land wieder unter die Fuchtel, diesmal die des roten Russlands zu bringen, das das zaristische, weiβe Russland beerbt hatte.

Jetzt, nach 1945, waren die verachteten Kommunisten Polens Herrscher von Moskaus Gnaden. Der allgemeine Terror, mit dem sie ihre Macht festigten, konnte auf Dauer nicht das einzige politische „Angebot“ sein. Mit dem Wiederaufbau und der Rekonstruktion der zerstörten Altstädte von Warschau, Gdańsk, Wrocław, mit der massiven Förderung der klassischen und der volkstümlichen polnischen Kultur, gelang es ihnen, die vom furchtbaren Krieg zermürbte polnische Gesellschaft für sich etwas gnädiger zu stimmen, teilweise auch zu begeistern.

Die vom bürgerlichen Vorkriegspolen „geerbten“ Künstler in den neuen, sozialistischen Kulturbetrieb einzubinden, um sich selbst und die neue Diktatur ein Stück weit in den Augen der Gesellschaft zu legitimieren, „Normalität“ vorzutäuschen, das war das eine Ziel. Noch wichtiger aber war es, neue, junge, herausragende Sportler, Wissenschaftler, Künstler, „aus eigener Zucht“ vorzuweisen.

Die talentierte Wanda Wiłkomirska passte hervorragend in dieses Schema. Ihre faszinierende Begabung ging einher mit ihrem politischen Engagement.

„Ja, ich bin, wenn es darauf ankam, im grünen Hemd und roter Krawatte des kommunistischen Jugendverbandes aufgetreten, zum Beispiel 1951 bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Ostberlin. Aus dem Publikum donnerten uns auf der Bühne immer wieder Jubel-Sprechchöre entgegen: »Stalin, Bierut (Stalins Statthalter in Polen – Anm. RdP), Wilhem Pieck!«. Ich habe bei den Umzügen zum 1. Mai die rote Fahne geschwungen. Ich bin in die kommunistische Partei eingetreten. Ich habe damals an diese Idee geglaubt, und ich habe das nie verheimlicht“.

Henryk-Wieniawski-Violinwettbewerb in Poznań 1952. Wanda Wiłkomirska beim Auslosen der Auftrittsreihenfolge.

Nur Talent zu haben und eisern zu üben genügte damals nicht, um entsprechend gefördert zu werden. Sie durfte bereits 1947 eine Ausbildung in der renommierten Franz-Liszt-Akademie in Budapest absolvieren, um dann, zwei Jahre später, bei Henryk Szeryng in Paris einen Meisterkurs zu belegen. Ein Aufbaustudium an der Warschauer Musikakademie folgte, und mit ihm der erste groβe Durchbruch: der zweite Platz im Henryk-Wieniawski-Violinwettbewerb in Poznań 1952. Da war sie gerade dreiundzwanzig.

Zerstörte Warschauer Nationalphilharmonie vor und nach dem Wiederaufbau.

Zwei Jahre später war sie auf nationaler Ebene ganz oben angekommen. Am 21. Februar 1955 wurde das wiederaufgebaute Gebäude der Warschauer Nationalphilharmonie feierlich seiner Nutzung übergeben. Wanda Wiłkomirska spielte bei der Einweihung mit dem Orchester der Philharmonie das 1. Violinkonzert von Karol Szymanowski (1882-1937), dem nach Chopin wohl namhaftesten polnischen Komponisten.

„Wenn man heute diese Aufnahme hört, fällt es schwer einen Interpreten zu finden, der in den letzten gut sechzig Jahren diese Komposition mit nur annährend ähnlicher Leidenschaft, Zärtlichkeit und emotionalem Einfühlungsvermögen spielen würde“, schrieb in einem Nachruf auf Wiłkomirska der Musikredakteur der Zeitung „Rzeczpospolita“ („Die Republik“).

Im kommunistischen Establishment angekommen

Die nächsten gut fünfundzwanzig Jahre lang, bis zu ihrer Emigration Anfang 1982, war Wanda Wiłkomirska Solistin der Nationalphilharmonie, absolvierte mit ihr Dutzende von Auslandstourneen. Bei ihren ersten Gastspielen in den USA 1961 schaffte sie mit Leichtigkeit ihren dritten groβen Durchbruch, dieses Mal den internationalen. Der legendäre Impresario Samuel Hurok hörte sie in der New Yorker Carnegie Hall und nahm sich ihrer sofort an. Amerika lag Wanda Wiłkomirska zu Füβen. Immer neue Einladungen zu Soloauftritten in den Staaten und volle Konzertsäle waren ihr von nun an sicher.

Mit Arthur Rubinstein 1961 in New York.

Damals war sie schon längst im kommunistischen Establishment angelangt, auch durch ihre Heirat. Ihren Ehemann lernte sie unter wahrlich ungewöhnlichen Umständen in Ostberlin 1952, während der Tage der Polnischen Kultur kennen.

Die hübsche Violinistin ging die breite Wendeltreppe des Hotels hinunter. Ihr entgegen kamen zwei Herren, von denen einer laut sagte: „Schau mal, was für eine heiβe Stute!“, in der Annahme sie verstehe kein Polnisch. Der Satz kam aus dem Munde von Mieczysław Rakowski (1926-2008), damals noch ein junger Kultur-Parteiapparatschik, der zum Polittross der polnischen Delegation gehörte. Sein Entsetzen war groβ, als beim Galakonzert die Violinistin Wanda Wiłkomirska angekündigt wurde, und die „heiβe Stute“ die Bühne betrat.

Wiłkomirska, Rakowski in ihren guten Jahren.

Rakowski soll einen Blumenstrauβ mit einem Entschuldigungskärtchen vor ihrem Zimmer abgelegt und die halbe Nacht in der Hotelbar seine Scham in Wodka ertränkt haben. Beim Frühstück sah man sich wieder und, siehe da, sofort sprang der Funke der Zuneigung in beide Richtungen über. Er habe sie, so Wiłkomirska, als Frau begehrt und nicht zuerst als berühmte Violinistin, wie es die Männer vor ihm taten.

Sie blieben bis 1970 verheiratet, hatten zwei Söhne, eine Villa mit Hauspersonal in Warschau, ein schmuckes Sommerdomizil in Masuren, verkehrten in den obersten Zirkeln der kommunistischen Machthaber, ihrer Familien und deren Günstlinge aus der Welt der Kunst, der Wissenschaft, der gleichgeschalteten Medien.

Rakowski, den man der liberalen Fraktion in der KP zurechnete, erklomm langsam aber zielführend die Sprossen der kommunistischen Karriereleiter. Er wurde ZK-Mitglied, war seit 1957 Chefredakteur der damals viel gelesenen Wochenzeitung „Polityka“. Unter den Bedingungen der Diktatur erfüllte sie, wie die Wochenzeitung „Das Reich“ im Dritten Reich oder die „Literaturnaja Gazeta“ in der Sowjetunion, eine Ventilfunktion, sollte feinfühliger, weniger grob als die gängige Parteipropaganda, die gebildeten Schichten ansprechen.

Rakowski wollte hoch hinaus. Doch er musste seit 1956 zunächst Parteichef Gomulka überdauern, der infolge der blutigen Arbeiterunruhen an der polnischen Ostseeküste im Dezember 1970 gestürzt wurde, und weitere zehn Jahre dessen Nachfolger Edward Gierek, der im Sommer 1980 aus gleichem Grund wie Gomulka abdankte.

Rakowski mit General Jaruzelski. Als „Liberaler“ im Lager der Knüppelkommunisten angekommen.

Erst unter General Jaruzelski, der am 13. Dezember 1981 Solidarność verbot und das Kriegsrecht ausrief, schlug die Stunde des „Liberalen“ Rakowski. Er wurde stellvertretender Ministerpräsident, danach, im Sommer 1989, Parteichef einer schon dahinsiechenden polnischen KP, die er auf ihrem letzten Parteitag im Januar 1990 mit zu Grabe trug.

Fleiβig, flink, selbstbewusst

Ihr Mann war von der Politik, Wanda Wiłkomirska war von ihrer Berufung als Violinistin besessen. Es gab Jahre, in denen sie mehr als einhundert Konzerte in der ganzen Welt und oft auch in den entlegendsten Winkeln Polens gab. Wochenlang war sie nicht zu Hause. „Spiele so gut, dass sie dich wieder einladen wollen“, nach diesem Motto baute sie ihre Karriere auf.

Mit Wolfgang Sawallisch in Wien.

Sie war fleiβig, flink, nicht überheblich, hatte keine Starallüren, aber, wenn es darauf ankam, war ihr Selbstbewusstsein ungebrochen und berüchtigt. Wiłkomirska verstand sich hervorragend mit dem DDR-Stardirigenten Kurt Masur, mit Wolfgang Sawallisch, der sie immer wieder zu Auftritten mit den Wiener Symphonikern holte. Sie hat aber auch so manchen Dirigenten in die Schranken gewiesen, wie den schnell aufbrausenden und herrischen Sir John Barbirolli.

Sir John Barbirolli.

„Er wollte bei der Eröffnung des Londoner Barbican Center im März 1982 das Violinkonzert von Benjamin Britten (1913-1976) spielen. Ich habe es eingeübt. Die erste Probe. Wir beginnen zu spielen. Barbirolli bricht sofort ab und sagt, ich soll an dieser Stelle nicht verlangsamen. Ich sage »Yes, Sir«. Kurz danach wieder dasselbe. Ich soll so spielen, wie der Komponist es wollte. »Yes, Sir«. Beim vierten Mal, an einer Stelle die ich auf meine Weise interpretierte, sagte ich ihm: »Ich will das so spielen«. »Streite nicht mit mir«. »Ich weiβ, Sie haben Britten persönlich gekannt und Sie haben eine Vorstellung, wie man sein Konzert spielen soll. Ich habe meine Vorstellung. Wollen Sie eine Solistin haben, die nur yes, yes, yes von sich gibt?« Er schaute mich an und sagte »Du hast Recht, mein Kind«. Ab dann hat er mich immer wieder engagiert“, berichtete sie Jahre später.

Mitte der 60er Jahre in der Warschauer Nationalphilharmonie. Ihr Selbstbewusstsein war ungebrochen und berüchtigt.

Zubin Mehta musste sich ihren Vortrag über Karol Szymanowski anhören, den er zuerst, in ihren Augen, zu unterschätzen schien. Sie redete so gut, wie sie spielte und durfte danach noch mehrere Male mit den New Yorker Philharmonikern auftreten.

Nur mit Leonard Bernstein verband sie eine tiefe, gegenseitige Abneigung, und zwar auf den ersten Blick. Bei der Probe eines Tschaikowski-Konzertes brach sie plötzlich ab und sagte: „Zu schnell“. „Zu schnell für wen? Für Sie?“, gab der sichtlich ungehaltene Dirigent zurück. „Nicht für mich, für Tschaikowski“, antwortete Wiłkomirska. Sie sind nie wieder gemeinsam aufgetreten.

Ihre Bühnenpartner waren die bekanntesten Musiker der Welt: Arthur Rubinstein, Gidon Kremer, Martha Argerich, Kim Kashkashian, Mischa Maisky. Wiłkomirska spielte als Solistin bei der Eröffnung des neuen Opernhauses in Sydney 1973 vor der Queen und ebenfalls vor mehreren US-Präsidenten.

Polnische Violinistin mit deutschem Pass

Mit Krzysztof Penderecki 1966 in Warschau.

„Sie blieb immer eine durch und durch polnische Violinistin“, schrieb Staatspräsident Andrzej Duda in einem Kondolenzbrief, der bei ihrer Beerdigung vorgelesen wurde. Es ist eine wahre und wichtige Feststellung, doch so selbstverständlich, wie sie auf den ersten Blick erscheint, ist die Angelegenheit nicht.

Kaum ein polnischer Solist von Weltrang hat nach 1945 so sehr die polnische Musik in der Welt bekannt gemacht, wie Wanda Wiłkomirska. Dank ihr erfuhren Zuhörer in fremden Ländern, dass die polnische Musiktradition nicht ausschlieβlich aus Chopins Mazurkas und Pendereckis kakophonischen Concertos besteht.

Mit dem Komponisten und Dirigenten Witold Lutosławski Anfang der 70er Jahre.

Unerbittlich, und manchmal zum Leidwesen ihrer Impresarios, schob sie, wo sie nur konnte, in die Programme ihrer Soloauftritte, zwischen Bach, Paganini, Tschaikowski, Werke polnischer zeitgenössischer Komponisten ein: Henryk Wieniawski (1835-1880), Karol Szymanowski (1882-1937), Grażyna Bacewicz (1909-1969), Tadeusz Baird (1928-1981), Augustyn Bloch (1929-2006), Zbigniew Bargielski (geb. 1937), Zbigniew Bujarski (1933-2018), Roman Maciejewski (1910-1998), Włodzimierz Kotoński (1925-2014). In Polen hat sie deren Werke uraufgeführt. Die polnische Musik war ihr sehr wichtig und sie war im wahrsten Sinne des Wortes ihre beste Botschafterin.

Umso mehr erstaunte es, dass diese durch und durch polnische Künstlerin Mitte der achtziger Jahre ihre polnische Staatsangehörigkeit demonstrativ aufgegeben hat und Deutsche wurde. Es war der Endpunkt eines langen Prozesses.

Auch wenn Mieczysław Rakowski in seinen Tagebüchern die Sehnsucht nach seiner Frau immer wieder zur Sprache bringt, irgendwann fand sich eine deutlich jüngere, attraktive Künstlerin, eine Schauspielerin, die mehr Zeit für ihn hatte. Wanda Wiłkomirskas Scheidung von Rakowski 1970 ging einher mit einer wachsenden Ablehnung des Kommunismus, die sie an den Tag legte.

Rakowski war intelligent und sah sehr wohl, welche Katastrophen der Kommunismus allein in Polen anrichtete. Stets leicht distanziert, hielt er jedoch an ihm fest. Zu wichtig waren ihm Macht, Geltung, Ansehen. Seine geschiedene Frau schöpfte ihr Selbstbewusstsein aus ihren hart erarbeiteten musikalischen Erfolgen und sie zog Konsequenzen aus dem, was sie sah und erlebte, im Westen wie im kommunistischen Osten.

Zu berühmt, als dass ihr die Behörden ernsthaft etwas antun konnten.

Bald nach der Trennung gab sie ihren Parteiausweis zurück. Immer öfter unterschrieb sie Protestbriefe gegen Schikanen der Machthaber, setzte sich für Verfolgte ein. Ihr berühmter Name zierte die Mitgliederliste des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (KOR). Sie wurde eine Dissidentin.

Sie war zu berühmt, als dass ihr die Behörden ernsthaft etwas antun konnten. Nur ab und an lieβen sie sie nicht zu Konzerten ins Ausland reisen. Diese Schikanen schmerzten die leidenschaftliche Musikerin mehr als sie zugeben wollte. Konzerte im letzten Augenblick absagen ist teuer und ihre Agenten überlegten sich schon, ob sie ein zweites Mal ein solches Risiko eingehen wollten. Aber das war ihr das Engagement für die Menschenrechte wert.

Kriegsrecht in Polen.

Sie flog am 12. Dezember 1981 von mehreren Konzerten in Paris nach Warschau zurück. Am nächsten Tag wurde überfallartig das von langer Hand geplante Kriegsrecht über Polen verhängt. Panzer fuhren auf, Massenverhaftungen begannen, Solidarność wurde verboten. Abends kam Rakowski in ihre Wohnung. Er war damals stellvertretender Ministerpräsident und damit einer der Verursacher, ein „Liberaler“ der ins Lager der Knüppelkommunisten gewechselt war.

Er meinte es gut: „Sei vernünftig. Diese Walze wird Dich irgendwann plattmachen, und ich werde Dir nicht helfen können.“ „Nur zugucken, wie andere plattgemacht werden passt mir nicht“, soll sie geantwortet haben. Es sollte für viele Jahre das letzte Gespräch zwischen den beiden gewesen sein.

Die Grenzen Polens waren damals, Ende 1981, Anfang 1982, hermetisch geschlossen. Wiłkomirska sollte Konzerte im Rheinland geben. Unerwartet bekam sie ihren Reisepass von der staatlichen Künstleragentur PAGART ausgehändigt, die im kommunistischen Polen der einzige Auslandsimpresario war. Es war im Warschau jener schrecklichen Tage eine kleine Sensation. Stand Rakowskis Anweisung dahinter? Vieles spricht dafür.

In Würde Abschied nehmen

In der Bundesrepublik angekommen, schickte Wiłkomirska ihren polnischen Pass an die polnische Botschaft zurück, beantragte und bekam deutsche Ausweispapiere. Sie brach nicht mit Polen, sie brach mit dem kommunistischen Polen.

Ihr Heimatland, vom Kommunismus befreit, sah sie erst 1990 wieder. Bis dahin unterrichtete sie seit 1983 an der Hochschule für Musik Heidelberg-Mannheim und zog sich, wohlüberlegt, nach und nach aus dem Konzertbetrieb zurück.

Wissen und Können an die junge Generation weitergeben.

Ihre Fans sollten sie in bester Erinnerung behalten, so wie sie in ihren Glanzzeiten gespielt hat. Das war ihr überaus wichtig. Sie verkaufte ihre prachtvolle Guarneri-Geige und begann ihr Wissen und Können an die junge Generation weiterzugeben. Ab 1999 lehrte sie am Konservatorium in Sydney, gab Meisterkurse in Polen, Japan, der Schweiz, Italien, Finnland, Österreich, war Jurymitglied bei Violinwettbewerben in Moskau, Tokio, London, München, Graz, Wien und natürlich beim Henryk-Wieniawski-Violinwettbewerb in Poznań, wo 1952 ihre groβe Karriere begonnen hatte.

Polen empfing sie 1990 mit offenen Armen. In der Heimat blühte sie wieder auf. Von so viel Begeisterung und Zuspruch überwältigt, kehrte Wiłkomirska für einige Jahre ins intensive Konzertleben zurück. Die Kritiker schrieben immer wieder, die Grande Dame der Violine spiele überraschend perfekt.

Ihr letztes Lebensjahr verbrachte Wanda Wiłkomirska in Skolimów bei Warschau, in einem gediegenen Seniorenheim für Künstler. Bis zuletzt geistig fit, nahm sie es ihren beiden Söhnen übel, dass sie sie dort untergebracht hatten. Bekannte und Schüler kamen oft vorbei. Nach einem schweren Schlaganfall kam sie ins Krankenhaus. Die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun.

Überragende Begabung, unermüdlicher Fleiβ und Zivilcourage haben ihr Leben geprägt. Dafür wurde sie bewundert.

Wanda Wiłkomirska starb mit 89 Jahren und wurde am 15. Mai 2018 auf dem Warschauer Powązki-Friedhof feierlich bestattet.

© RdP




Der gute Mensch vom KGB

Am 18. April 2017 starb Oleg Sakirow.

Der Gefallen, den die polnische Korrespondentin Krystyna Kurczab-Redlich dem polnischen Generalkonsul in Moskau, Michał Żórawski erwies, sollte weitreichende Folgen haben. Anfang 1990 war eine Nachricht bis zur polnischen Botschaft in Moskau durchgedrungen: ein KGB-Offizier forsche in Smolensk auf eigene Faust nach Spuren und Tätern, die zwischen April und Mai 1940 im nahegelegenen Ort Katyn, einige Tausend gefangene polnische Offiziere umgebracht hätten.

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Polnischer Konsul Michał Żórawski (1939-2012)

Der Konsul bat daraufhin die KGB-Dienststelle in Smolensk um einen Gesprächstermin mit dem Offizier, doch das Ersuchen wurde abgelehnt. Was ein Diplomat nach einer solchen Ablehnung nicht tun sollte, es sei denn, er möchte wegen inoffizieller Kontaktaufnahme mit Sicherheitsbeamten des Gastlandes oder möglicherweise auch wegen Spionage ausgewiesen werden, ist für eine recherchierende Journalistin allemal von Interesse. Und so stand die polnische Korrespondentin gegen Mitternacht, irgendwann im Mai 1990 vor der Wohnungstür in der Stroitelnaja Straße 15. Die Tür öffnete Oleg Sakirow, damals noch KGB-Major.

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Korrespondentin Krystyna Kurczab-Redlich .

Gesucht, gefunden, gefeuert

Zurück in Moskau, konnte Kurczab-Redlich dem Konsul Erstaunliches berichten. Der aufsässige KGB-Major hatte im Smolensker KGB-Archiv, in das er eigentlich abgeschoben worden war, Dokumente aus dem Jahr 1940 gefunden mit den Namen von NKWD-Beamten (Vorläufer des KGB), die an den Erschießungen der Polen in Katyn beteiligt waren. Einige von ihnen lebten noch.

Da war z.B. der Fahrer Iwan Titkow. Er brachte die Leichen, der im Keller des Smolensker NKWD Nacht für Nacht gemordeten Polen wochenlang in den Wald von Katyn. Titkow wurde von Angehörigen ermuntert, sein Gewissen zu erleichtern und all sein Wissen preiszugeben. Er zeigte Sakirow die genaue Lage der Massengräber.

Oder der einstige Gefängniswärter Pjotr Klimow. Er schilderte den Ablauf der Hinrichtungen. Der frühere NKWD-Wachsoldat Kiril Bordenkow wiederum, der allein und verwahrlost in einer völlig heruntergekommenen Hütte lebte, hatte den Dokumenten zufolge zu dem Erschießungskommando gehört, was er indes bei der Befragung bestritt. Nichtsdestotrotz erzählte er ausführlich davon und fertigte auch noch einen schriftlichen Bericht dazu an.

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Erste polnische Katyn-Briefmarke von 1990.

Der Ostblock zerfiel. Polen hatte seit September 1989 den ersten nichtkommunistischen Regierungschef. Zugleich war es die Zeit, als nach fünf Jahren Glasnost und Perestroika, Gorbatschow ebenso wie dem Partei- und Staatssicherheitsapparat, in der wirtschaftlich schwer angeschlagenen Sowjetunion, die Kontrolle über das Land entglitt. Nur unter solchen Umständen war es überhaupt möglich gewesen, dass der KGB-Beamte Sakirow damals, aufgrund der von oben befohlenen Aufklärung der Verbrechen Stalins, „nebenbei“ seine Nachforschungen anstellen konnte.

Hinter dem Rücken der Vorgesetzten schickte Sakirow 1989 seine Erkenntnisse an die Redaktion des damals führenden Perestroika-Blattes „Moskowskije Nowosti“. Zwei Reporter reisten an. Sakirow führte sie zu den Ziegenbergen, wie der Ort im Wald von Katyn, wo sich die sorgsam getarnten und „gesicherten“ polnischen Massengräber befanden, von den Einheimischen genannt wurde.

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Katyń -Briefmarke der Polnischen Post von 1995.

Das Gelände, auf dem sich heute die Gedenkstätte befindet, war damals noch von einem hohen Bretterzaun umgeben. Ringsherum patrouillierten Streifen mit Schäferhunden. Hinter dem Zaun standen die Sommerresidenzen der Smolensker KGB-Spitzen. Sie durften in ihren Gärten nicht mehr als dreißig Zentimeter tief graben. „Ich bebte innerlich bei dem Gedanken, dass die Sommerhäuser der KGB-Chefs auf den Knochen ermordeter Menschen errichtet wurden. Diese Barbarei war nicht zu ertragen“, so Sakirow.

Auch ein Fernsehteam aus Moskau erschien vor Ort. Doch so viel Macht besaß der Politapparat noch: Der Zeitungsartikel durfte nicht erscheinen. Die TV-Reportage kam nicht zustande, weil Sakirows Kollegen vom Smolensker KGB die Videokassetten beschlagnahmten.

Mit letzter Kraft setzte Gorbatschow noch alles daran, um das sowjetische Massaker von 1940 an insgesamt gut 25.000 polnischen Offizieren und Beamten nicht eingestehen zu müssen. Die Menschenrechtsorganisation „Memorial“ jedoch und die Historikerin Prof. Natalja Lebedewa, die wichtiges Archivmaterial aufspürten, konnte er nicht mehr stoppen.

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Prof. Nataija Lebedewa

Am 25. März 1990 erschien in den „Moskowskije Nowosti“ ein Interview mit Natalja Lebedewa unter dem Titel „Die Tragödie von Katyn“. Es war die erste Veröffentlichung in der Sowjetunion, welche die knapp fünfzig Jahre lang von den Sowjets beharrlich verbreitete Lüge, Katyn sei ein deutsches Verbrechen gewesen, widerlegte.

Der Chefredakteur berichtete später, Gorbatschow habe ihn angerufen und angeschrien: „Die Polen konnten bislang die wahren Schuldigen nicht finden, und jetzt serviert eine kleine Artikelschreiberin sie ihnen auf dem Tablett.“ Am 13. April 1990 veröffentlichte die Presseagentur TASS das offizielle sowjetische Schuldeingeständnis.

Sakirow geriet derweil mächtig unter Druck. Er erhielt Drohanrufe, wurde wegen Eigenmächtigkeiten mehrere Male verwarnt. Die Kollegen schnitten ihn. Schließlich entließ man Sakirow Mitte 1991, ein Jahr vor dem Ruhestand, aus dem KGB mit einer Diagnose im Kündigungsschreiben, die die sowjetische Psychiatrie oft genug Dissidenten gestellt hat: „schleppende, symptomlose Schizophrenie“. Nach dem Motto: es gibt zwar keine Symptome der Krankheit, aber das besagt nichts, denn wer sich gegen das System auflehnt, der muss einfach schizophren sein.

Warum war ein solcher, offensichtlich durch und durch anständiger Mensch ausgerechnet zum KGB gegangen?

Oleg Sakirow wurde 1952 in der Stadt Andischan, ganz im Osten von Usbekistan, im fruchtbaren Ferghantal, unweit der Grenze zu Kirgistan geboren. Er war ein halber Usbeke. Sakirows Vater, Sakir Chalhodschajew (1926 – 1981) heiratete die Russin Lidia Wiergulewa (1924 – 2005). Sehr spät, erst mit dreißig, erfuhr Sakirow, dass die Sowjets seinen Großvater väterlicherseits, den im ganzen Ferghantal damals hoch geschätzten, weisen Kaufmann Chalhodscha Madaminhodschajew bereits 1931 als einen „Volksfeind“ erschossen hatten. 1991 wurde er rehabilitiert.

Der blauäugige Weltverbesserer

Oleg war ein typisches „Produkt“ des Sowjetsystems. Wie Millionen andere durchlief er von klein auf ein lückenloses Erziehungs-, Bildungs- und Propagandagefüge, in dem nicht die geringsten Zweifel an der Herrlichkeit und Unübertroffenheit des Sowjetkommunismus aufkommen konnten.

Besonders hervorgehoben in Kunst und Propaganda, wurde die heroische Legende von den tadel- und selbstlosen Beamten der Staatssicherheitsorgane, die seit der Oktoberrevolution an der Heimatfront unermüdlich den „bürgerlichen Unrat“ ausmerzten: imperialistische Spione und Saboteure, samt ihren sowjetischen Helfern, den vom Aussterben geweihten „Überbleibseln“ des Kapitalismus: Banditen, Dieben, Spekulanten, korrupten Beamten.

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Dserschinski-Kult auf dem Roten Platz in Moskau. Ende der 20er Jahre.

Die Ikone, um die sich diese Legende rankte, war der zum Säulenheiligen des Kommunismus stilisierte, polnischstämmige Begründer der sowjetischen politischen Polizei Felix Dserschinski (1877 – 1926). In Wirklichkeit ein gnadenloser, zehntausenfacher Massenmörder und Erfinder des sowjetischen Lagersystems, nach dem geschätzt gut sechstausend Städte, Dörfer, Straßen, Plätze, Industriebetriebe, LPGs, Schulen, Armeeeinheiten und Handelsschiffe in der Sowjetunion und später im ganzen Ostblock benannt wurden.

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Katyń-Briefmarke der Polnischen Post von 1999.

Von einem solchen Weltbild geleitet, meldete sich Sakirow 1975, gleich nach seinem Jurastudium in Taschkent, zum KGB, und wurde genommen. „Sowjet-Usbekistan war in meiner Jugend ein Königreich grenzenloser Korruption. Etwa die Hälfte der Baumwolle, für die Moskau Jahr für Jahr das Geld überwies, hat man nie gepflanzt und geerntet. Statistiken wurden in großem Stil gefälscht, riesige Prämien für die „Planübererfüllung“ kassiert. Der gesamte usbekische Partei- und Staatsapparat war daran beteiligt. Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte standen Schmiere. Wer sich dagegen sträubte, verschwand für Jahre in Kerkern und Lagern oder wurde gleich kaltgemacht. Nur das KGB war unbestechlich, konnte aber nicht viel ausrichten. Das wollte ich ändern helfen.“, schilderte Sakirow seine Blauäugigkeit Jahrzehnte später.

Da er sich von seinem Vorsatz nicht abbringen ließ, schaffte er es auch nie für längere Zeit in einer KGB-Dienststelle sesshaft zu werden. Aus Urgentsch im Süden Usbekistans, dem Herzen einer Baumwollregion, schob man ihn schnell nach Frunse (heute Bischkek), die Hauptstadt Sowjet-Kirgisiens, heute Kirgistans ab. „In Kirgisien war ich Mitglied der Ermittlungskommission, die den Mord am Regierungschef der Unionsrepublik aufklären sollte. Bei der Gelegenheit gelang es uns einen Wust an korrupten Machenschaften aufzudecken.“

Lob von Andropow, Heroin in Särgen

Lob kam aus Moskau, von Juri Andropow persönlich (1914 – 1984, Nachfolger Breschnews, Parteichef von November 1982 bis zu seinem Tod im Februar 1984, vorher fünfzehn Jahre lang KGB-Chef). „Andropow hat die Korruption wirklich bekämpft! Aber was das KGB anging, hatte ich damals schon jegliche Illusionen aufgegeben“, erinnerte sich Sakirow spàter.

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Katyń-Briefmarken der Polnischen Post von 2000.

Zakirow znaczek Katyń 2000

Von Frunse ging es weiter zum KGB in Alma-Ata, der Hauptstadt Sowjet-Kasachstans und 1983, im achten KGB-Dienstjahr, in die russische Provinz, nach Smolensk, in eine Stadt, wie man sie sich auch heute trostloser nicht vorstellen kann. Der Ruf eines Strebers, Weltverbesserers und Tugendwächters eilte ihm voraus. „Zu uns kam aus Taschkent der ewig unzufriedene Usbeke Sakirow“, schrieb 2005 der damalige Smolensker KGB-Chef, General Anatoli Schiwerskich in seinen Erinnerungen.

Folglich ging es bereits 1984 weiter, dieses Mal nach Afghanistan, in das die Sowjets im Dezember 1979 einmarschiert waren. Die riesige KGB-Dienststelle in Kabul hatte alle Hände voll zu tun, aber ihre Ermittlungsergebnisse gelangten meistens unter Verschluss. An den riesigen Heroinmengen, die überall versteckt, sogar in Särgen mit toten Soldaten, aus Afghanistan in die Sowjetunion flossen und an den auf dem afghanischen Schwarzmarkt unter der Hand verkauften Tausenden von Tonnen Treibstoff, Konserven, Medikamenten, ja sogar Waffen aus Armeebeständen, verdienten nicht selten die höchsten sowjetischen Kommandeure mit. Auch hier war der starrsinnige Sakirow ein zu großes Risiko.

Knapp eineinhalb Jahre später, im Frühjahr 1986, fand er sich also in Smolensk wieder. „In Smolensk traf ich eines Tages den pensionierten NKWD- und KGB-Beamten Tabatschkow. Leicht angetrunken plauderte er aus, dass in den Ziegenbergen polnische Offiziere vergraben sind, die „unsere“ im Frühjahr 1940 erschossen haben. Bei dem Gespräch war mein Abteilungsleiter, Oberstleutnant Klatschin zugegen. Er protestierte: »Die Deutschen haben die polnischen Offiziere erschossen!« Doch Tabatschkow blieb stur: »Was für Deutsche!? Das ist unser Verbrechen,« Das war der Auslöser“, berichtete Sakirow Jahre später.

Nur ein kleines Stück vom Horror

In die Archivkeller der Smolensker KGB-Dienststelle verbannt, wo 1940 Nacht für Nacht bis zu einhundert polnische Offiziere mit einem Genickschuss niedergestreckt wurden, suchte er sich mühsam die oft äußerst unvollständigen Akten zusammen. Ein Bild des Grauens eröffnete sich Sakirow, von dem er nicht wissen konnte, dass die ganze Wahrheit noch viel grausamer war.

Bei ihrem Überfall auf Polen am 17. September 1939 (kurz zuvor, am 1. September 1939 hatte der deutsche Angriff auf Polen und damit der Zweite Weltkrieg begonnen) nahmen die Sowjets etwa 25.000 polnische Offiziere und Unteroffiziere der Armee, der Polizei, des Grenzschutzes, des Zolls und des Strafvollzugs gefangen. Sie wurden in drei, einige hundert Kilometer voneinander entfernten, Kriegsgefangenenlagern untergebracht: Koselsk, Ostaschkow, Starobelsk.

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Der Ablauf des Mordens. Letzte Feststellung der Personalien.

Am 5. März 1940 unterzeichneten die sowjetischen Politbüromitglieder: Josef Stalin, Kliment Woroschilow, Wjatscheslaw Molotow, Lasar Kaganowitsch und Michail Kalinin, per Umlauf, den Beschluss des Politbüros über die Hinrichtung der „eingeschworenen Feinde der Sowjetmacht, erfüllt vom Hass auf das Sowjetsystem“, und zwar „ohne Vorladung der Inhaftierten und Darlegung der Beschuldigungen, ohne Beschluss über das Ergebnis der Voruntersuchungen und ohne Anklageerhebung“.

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Das ahnungslose Opfer wird in den NKWD-Keller gebracht. Der Mörder wartet schon.

Kurz darauf begann die „Leerung“ der drei Lager. Im April und Mai 1940 wurden jeden Tag, aus jedem Lager, Gruppen von bis zu einhundert Polen in Eisenbahnwaggons für Gefangene abtransportiert, ohne zu wissen wohin und weswegen man sie wegbrachte.

Die Transporte aus dem Lager Starobelsk gingen ins ca. 450 Kilometer entfernte Charkow. Dort brachte man die Gefangenen für kurze Zeit im NKWD-Gefängnis unter. In derselben Nacht wurden sie, gefesselt, einzeln in den Keller gebracht, wo hinter einer Tür der NKWD-Mörder dem Ahnungslosen in den Kopf schoss. Die Leiche hat man schnell in einen Nebenraum gezogen, das Blut mit einem Eimer Wasser weggespült, der Nächste… Die Toten wurden am nächsten Morgen in geschlossenen LKWs zu den Massengräbern im nahegelegenen Wald von Piatichatki gebracht. Insgesamt 3.896 Ermordete.

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Am nächsten Morgen wird das „Nachtpensum“ an Leichen zu den Massengräbern gebracht.

Transporte aus dem Lager Ostaschkow fuhren ca. 200 Kilometer weit nach Kalinin (jetzt Twer). Gemordet wurde im NKWD-Keller, die Prozedur war dieselbe. Die Leichen hat man in der Nähe des Dorfes Mednoje verscharrt. Insgesamt 6.311 Ermordete.

Die Transporte aus dem ca. 350 Kilometer entfernten Lager Koselsk gelangten nach Smolensk. Ein Teil der Opfer wurde im Smolensker NKWD-Keller ermordet, ein Teil von der Eisenbahnhaltestelle Gnjosdowo mit einem Gefangenenbus bis an die Todesgruben, einige Kilometer weit gefahren und dort erschossen. Insgesamt 4.421 Ermordete.

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In Katyn fand ein Teil der NKWD-Morde direkt an den Massengruben statt.

Im Waldgelände Kuropaty, unweit von Minsk, wurden etwa 4.500 weitere polnische Offiziere und Beamte verscharrt, herbeigeschafft aus diversen Gefängnissen und Lagern der Weißrussischen Sowjetrepublik und im Minsker NKWD-Keller ermordet.

Im Wald von Bykownja fanden etwa 3.400 Polen ihre letzte Ruhestätte, herbeitransportiert aus Lagern und Gefängnissen in der Ukrainischen Sowjetrepublik und im NKWD-Sitz von Kiew erschossen.

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Unter dem Sammelbegriff „Katyn“ verbirgt sich also eine landesweite Mordaktion der Sowjets, durchgeführt gleichzeitig, an fünf verschiedenen Orten.

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Deutsche an den geöffneten Massengräbern in Katyn 1943.

Am 27. Juli 1941 eroberte die deutsche Heeresgruppe Mitte Smolensk. Am 13. April 1943 meldete das Deutsche Nachrichtenbüro im Rundfunk: „Ein grauenvoller Fund“ im Wald von Katyn „gibt einen ebenso erschütternden wie einwandfreien Aufschluss über den Massenmord an mehr als 10.000 Offizieren aller Grade, darunter zahlreiche Generäle der ehemaligen polnischen Armee durch Untermenschen der GPU (Vorgänger des NKWD) in den Monaten März bis Mai 1940.“ Die Zahl 10.000 wurde später korrigiert.

Den Vertuschern das Handwerk gelegt

Seit dieser Zeit unternahmen die Sowjetbehörden fast ein halbes Jahrhundert lang alles was in ihrer Macht stand, um das Verbrechen totzuschweigen, und wenn das nicht ging, es den Deutschen zuzuschreiben, zum Teil mit Erfolg. Auch im kommunistischen Polen war das Thema ein absolutes Tabu.

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Katyń-Block der Polnischen Post von 2010.

Während die Namen der Ermordeten von Katyn bekannt waren, weil bei den deutschen Ausgrabungen die meisten Toten, anhand von Ausweispapieren, Notizbüchern, Erkennungsmarken usw. identifiziert werden konnten, lebten die Familien der restlichen ca. 21.000 Ermordeten weitere Jahrzehnte lang im Ungewissen. Die Massenmorde an den vier weiteren Orten wurden erst Anfang der 90er Jahre bekannt. Gerüchte machten bis dahin die Runde, wie z. B., die Sowjets hätten die gut sechstausend Insassen des Lagers Ostaschkow auf alte Kähne verladen und im Eismeer ertränkt.

Sakirow war einer von vielen, die den Vertuschern das Handwerk gelegt haben. Dass er die letzten noch lebenden Täter ausfindig gemacht hat, war damals eine riesige Sensation.

Der Preis den er für seinen Mut bezahlen musste war hoch. Nach dem Rauswurf aus dem KGB folgten sehr magere Jahre. Er hielt sich und die Familie mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, überlebte zwei mysteriöse Unfälle, die er als Attentatsversuche auslegte, bekam immer wieder Drohanrufe.

Der polnische Undank…

Polnische Diplomaten in Moskau verhalfen seiner Tochter Larissa zu einem Stipendium und einem Studienplatz im polnischen Łódź. Sakirow konnte sie einige Male besuchen. Schlieβlich verkauften die Sakirows  ihre Wohnung in Smolensk, verbreiteten, sie wollten nach Moskau ziehen. In Wahrheit flohen sie 1998 nach Polen, nach Łódź.

Ihre Ankunft jedoch schien niemanden zu interessieren. In Warschau musste Sakirow einen Antrag auf Anerkennung als Flüchtling stellen. Der Beamte ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. Briefe an Außenminister Władysław Bartoszewski (1922 – 2015), an Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski, an die Kanzlei des Ministerpräsidenten Jerzy Buzek und viele Behörden blieben zumeist unbeantwortet.

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Katyń-Briefmarke der Polnischen Post von 2015.

Das mitgebrachte Geld floss nach und nach vor allem in die Wohnungsmiete in Łódź. Sakirow arbeitete auf dem Bau, die Tochter als Lagerhilfe in einer Supermarktkette, Ehefrau Galina war schwer krank. Die Tochter verlor irgendwann ihren Job, weil sie die schweren Lasten nicht mehr heben konnte. Sakirow erkrankte Ende 2000 durch das Zementmischen an einer Staublunge und landete als Bettler auf der Straße.

In einem seiner zahlreichen Ersuchen schrieb er zusammenfassend: „Als ich meine eigene Katyn-Untersuchung begann, da waren mir die Folgen nicht ganz klar. Ich wollte den Polen helfen, nicht um des Ruhmes oder des Geldes Willen. Ich wollte ihre Abneigung gegenüber Russland und den Russen verkleinern. Ich dachte nicht, dass ich meine Arbeit und meine Freunde verlieren, dass ich zum Verräter für die eigenen Leute und ein lästiger Eindringling unter Fremden sein werde.“

Sein ehemaliger Smolensker Chef Anatoli Schiwerskich schrieb derweil in seinen Erinnerungen „Zerfall des großen Imperiums. Aufzeichnungen eines KGB-Generals“: „Der Usbeke Sakirow hat das Archiv der Opfer von Repressalien durchgesehen. Material zu Katyn hat er dort nicht gefunden, aber er half sensationssüchtigen Journalisten falsche Zeugen jener Ereignisse zu finden. Sie haben dazu beigetragen das falsche Bild dieses faschistischen Verbrechens zu verfestigen. Die Polen haben ihn dafür mit Belohnungen überhäuft. Sakirow lebt in Polen in Saus und Braus.“

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Sakirow mit seinen Erinnerungen „Fremdes Element“.

Fast zehn Jahre waren zu jener Zeit seit seinen guten Taten in Smolensk vergangen, zudem war Sakirow damals nur wenigen polnischen Insidern bekannt. Diejenigen, die seinerzeit den Stein mit ins Rollen gebracht hatten, waren nicht da um ihn zu unterstützen: Konsul Michał Żórawski (fonetisch: Schurawski) hatte inzwischen einen anderen diplomatischen Posten weit weg von Polen angetreten. Die Journalistin Krystyna Kurczab-Redlich durchquerte als Reisekorrespondentin die Weiten Russlands.

…wird gutgemacht

Doch der Skandal sprach sich herum, und ab 2002 ging es den Sakirows etwas besser. Die Tochter bekam eine Stelle in ihrem Fach als klinische Psychologin. Staatspräsident Kwaśniewski verlieh der Familie die polnische Staatsbürgerschaft. Sakirow bekam eine Sozialrente von 1.500 Zloty (damals etwa 450 Euro). Im April 2003 verlieh ihm, in Anerkennung seiner Verdienste, Staatspräsident Kwaśniewski das Ritterskreuz des Ordens der Wiedergeburt Polens (5. Klasse). Im Oktober 2010 zog Staatspräsident Bronisław Komorowski mit dem Offizierskreuz desselben Ordens (4. Klasse) nach.

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Sakirow-Beerdigung in Łódź…

Als wollte Polen die Scham der unfreundlichen Aufnahme von sich wischen, hagelte es nun Auszeichnungen und Ehrentitel für Oleg Sakirow. Im Jahr 2010 erschienen seine Erinnerungen „Obcy element“ („Fremdes Element“). Das Buch verkaufte sich gut, bekam auch das Prädikat „Bestes historisches Buch“ des Jahres 2010. In den Jahren 2007 und 2009 drehten und zeigten der private TV-Kanal Discovery und das Polnische Fernsehen Dokumentarfilme über ihn.

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…mit mlitärischen Ehren.

Doch das alles waren kurze Glanzlichter. Sakirow fühlte sich abgeschoben, auf ein Thema reduziert, nicht wirklich gebraucht. Trotz aller Anerkennung war er zunehmend verbittert und resigniert. Einladungen zu Vorträgen und Diskussionen schlug er meistens aus, wurde immer unzugänglicher, driftete ins Mystische ab, vereinsamte, weil zuerst die Tochter und dann die Ehefrau ins Ausland zogen. Er tat das Richtige aber den richtigen Platz in seinem Leben scheint er nie gefunden zu haben.

Oleg Sakirow starb an Ostern 2017 im Alter von 65 Jahren und wurde mit militärischen Ehren im orthodoxen Teil des evangelischen Friedhofs in Łódź bestattet.

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Big Zbig – Mal Frieden, Mal Krieg

Am 26. Mai 2017 starb Zbigniew Brzeziński.

Ein Pole ist Heiliger Vater, /ein zweiter Carters Berater, /der dritte leckt Breschnews Hintern, /der Rest darf in Warteschlangen überwintern.

Es war eine der vielen, das kommunistische Regime verspottenden Volksreimereien, die Ende der 70er Jahre in Polen die Runde machten. Im Vatikan war Karol Wojtyła Papst, Parteichef Edward Gierek fungierte als Moskaus Statthalter an der Weichsel und Zbigniew Brzeziński beriet US-Präsident Jimmy Carter in Fragen der Sicherheitspolitik.

Rambo und Dämon nur auf Karikaturen

Im Land brodelte der Unmut, aber niemand ahnte, dass schon bald, mit der Streikwelle im Sommer 1980, die Zeit der ersten Solidarność (August 1980 – Dezember 1981) anbrechen würde. Vorerst, hinter dem Eisernen Vorhang eingepfercht, vom trostlosen Grau des Kommunismus ummantelt, dem Elend der Mangelwirtschaft ausgesetzt, schöpften die Polen Zuversicht daraus, dass zwei ihrer Landsleute die Geschicke der Welt mit in ihren Händen hielten.

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Die Sowjets nur einige Kilometer entfernt. Brzeziński am Chaiber-Pass im Februar 1980.

Zudem erschien im Frühjahr 1980 in der gleichgeschalteten kommunistischen Presse Polens ein bemerkenswertes Foto. In einen Parka gekleidet, greift Zbig, wie er in den Staaten genannt wurde, zum Maschinengewehr, das ihm ein pakistanischer Offizier reicht. Die Waffe zielt mit dem Lauf in eine Schieβluke am Chaiber-Pass, Richtung Afghanistan, in das die Sowjets wenige Monate zuvor, im Dezember 1979, einmarschiert waren.

Die Bildunterschrift lautete: „Gefährliche Spiele“, und sollte wieder einmal das „aggressive Wesen des US-Imperialismus“ bloβstellen. Um einiges vergröβert, schmückte es bald darauf die Zimmerwände in vielen Studentenheimen und Privatwohnungen. Moskau die Stirn bieten, sich vom allmächtigen kommunistischen Imperium nicht einschüchtern lassen, Brzeziński galt damals geradezu als eine Symbolfigur dieser Haltung. Wer jedoch einen Rambo der internationalen Politik in ihm sah, hatte nicht genau hingeschaut.

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Brzeziński der dämonenhafte Strippenzieher antirussischer Intrigen. Russische Karikatur.

In den Augen der Sowjets verkörperte Brzeziński geradezu perfekt den dämonenhaften Strippenzieher im Dienste des raubeinigen amerikanischen Weltmachstrebens, und zwar bis an sein Lebensende. Wenn Washington irgendetwas tat, was Moskau Nachteile oder Niederlagen brachte, dann wurden auch in Jelzins und Putins Russland sofort Stimmen laut, dahinter stecke fraglos wieder einmal eine Machenschaft, die Arglist und Durchtriebenheit Brzezińskis.

Dementsprechend fiel auch der Nachruf auf Brzeziński in der linken „New York Times“ aus. Die Würdigung strotzte nur so von Beschreibungen und Feststellungen, wie: „Ein Falke“, „Ein Pro-Forma-Demokrat“ (gemeint ist die Partei). „Sein unerschütterlicher Hass auf die Sowjetunion platzierte ihn rechts von vielen Republikanern“. „In den vier Jahren, in denen er Carter beriet, war die Eindämmung des sowjetischen Expansionismus, im Guten, wie im Schlechten, der Leitfaden der amerikanischen Politik“. „Er reduzierte praktisch jedes Problem auf die sowjetische Bedrohung, auch dann, wenn viele Kenner der Auβenpolitik die Entspannungspolitik für den besseren Weg hielten“. Die Dämonisierung Brzezińskis war, wie man sieht, nicht nur ein Privileg der Russen.

Mit Carter in den Untergang

In Wirklichkeit war Brzeziński nur eine kurze Zeit lang in etwa so einflussreich, wie ihn seine Gegner ausmalten, und zwar bis Anfang 1981. Damals verlieβ er nach nur vier Jahren als Sicherheitsberater das Weiβe Haus, zusammen mit dem nicht wiedergewählten Präsidenten Jimmy Carter.

Brzeziński Carter 22.02.1977 fot.
Brzeziński und Carter im Weiβen Haus. Februar 1977.

Brzeziński hat wesentlich zu Carters auβenpolitischen Erfolgen beigetragen. Dazu gehörten das Camp-David-Abkommen von 1978 und im Jahr darauf der israelisch-ägyptische Friedensvertrag. Der Abschluss des SALT-II-Vertrags mit der UdSSR (der jedoch nie ratifiziert wurde). Übergabe der Kontrolle des Panama-Kanals an Panama. Abbruch der diplomatischen Beziehungen zur Republik China auf Taiwan, die bis dahin als alleiniger Vertreter des chinesischen Volkes behandelt worden war, parallel dazu, die Errichtung einer US-Botschaft in Peking.

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Camp David 1978. Schachpartie mit dem israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin. Beide in Polen geboren. Wenn es Vertrauliches zu besprechen gab, sprachen sie Polnisch.

Doch weder das, noch die von Brzeziński mitkonzipierten Versuche Härte zu zeigen (u. a. die Carter-Doktrin: Amerika wird militärisch gegen jeden vorgehen, der versuchen sollte die Kontrolle über den Persischen Golf zu erlangen), wurde von der amerikanischen Bevölkerung mehrheitlich honoriert sondern vielmehr als Eingeständnis des Scheiterns von Carters bisheriger Außenpolitik aufgefasst.

Zu schwer wogen der Sturz des US-freundlichen Schahs Reza Pahlavi im Januar 1979 und die Errichtung eines islamischen Gottesstaates im Iran. Das desaströse Scheitern des Stoßtruppunternehmens zur Befreiung der Geiseln in der US-Botschaft in Teheran im April 1980. Der Einmarsch der Russen in Afghanistan im Dezember 1979. Die USA verloren damals zu viel Macht und Einfluss im Nahen Osten, als dass Carter hätte wiedergewählt werden können.

Vor und nach seiner Zeit im Weiβen Haus (1977 – 1981) war Zbig zwar ein geschätzter Wissenschaftler und neben Henry Kissinger,    d e r amerikanische Fachmann für internationale Politik, aber das war‘s dann auch. Seine Bücher und Analysen fanden viel Beachtung in den Vereinigten Staaten und in der Welt, doch die darin entwickelten Ideen direkt umsetzten, das vermochte er kaum. Dass sich alle amerikanischen Präsidenten von Kennedy bis Obama immer wieder mal mit ihm getroffen hatten, änderte daran wenig.

Im Exil geblieben

Brzezińskis Herz hing sehr an Polen, dennoch kam niemals und nirgendwo auch nur der Hauch eines Zweifels an seiner Loyalität als US-Bürger auf. Den amerikanischen Pass beantragte und bekam er erst 1958, mit 30 Jahren.

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Tadeusz Brzeziński, polnischer Konsul in Leipzig 1932.

Tadeusz Brzeziński, Zbigniews Vater, war Diplomat im Zwischenkriegspolen gewesen. Er arbeitete als polnischer Konsul von 1931 bis 1935 in Leipzig, ermöglichte vielen deutschen Juden die Ausreise aus Hitlers Dritten Reich, wofür er 1978 mit dem Ehrentitel Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet wurde. Von 1936 bis 1938, in der Zeit der Großen Säuberung Josef Stalins, versah Brzeziński-Senior seinen Dienst im sowjetukrainischen Charkow, 1938 wurde er nach Kanada versetzt. Dort erlebte die Familie den deutschen und sowjetischen Überfall auf Polen im September 1939 und den Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Die Brzezińskis, und mit ihnen Sohn Zbigniew, 1926 in Warschau geboren, blieben im Exil, auch nach 1945, als die von den Sowjets eingesetzten Kommunisten Polen für knapp ein halbes Jahrhundert unter ihre Fittiche nahmen. Zbig studierte an der Harvard University bei Merle Fainsod, dem Mitbegründer der US-amerikanischen Sowjetunion-Studien und dem damals anerkanntesten Experten für die Sowjetunion. Brzezińskis Wissen über den Kommunismus, die Sowjetunion und ihre Satelliten war so groβ, dass er dem Sowjetblick ohne jegliche Illusionen begegnete.

Streicheln und prügeln

In seiner langen wissenschaftlichen und kurzen politischen Karriere befürwortete Brzeziński den Vietnamkrieg und war gegen George Bushs Krieg im Irak. Er arbeitete kräftig mit an der Aufrüstung des islamischen militärischen Widerstandes gegen die Sowjets in Afghanistan, rief aber dazu auf, Fidel Castros Kuba nach der Kubakrise von 1962 nicht allzu hart anzufassen, denn das treibe die Insel in die Arme der Sowjets.

Seine politischen Diagnosen und Rezepte widersprachen sich nicht selten, aber sie hatten alle denselben gemeinsamen Nenner: sein abgrundtiefes Miβtrauen gegenüber den Sowjets. Was ihn ebenfalls auszeichnete waren seine gepflegte Eleganz und eine Aura distinguierter Unnahbarkeit, die ihn umgab. Zbig hin oder her, aber niemand wäre auf die Idee gekommen Brzeziński auf die Schulter zu klopfen, und das in dem für seine direkten Umgangsformen geradezu berüchtigten Amerika.

Brzeziński hatte während des Kalten Krieges, bis 1989, einen Leitfaden, von dem er nicht abwich: man darf nicht, wie die Republikaner das tun, den gesamten Ostblock nach dem gleichen Maβstab messen und behandeln. Sich zudem nur auf Abrüstungsverhandlungen (er sprach vom „Fetisch des Raketenzählens“) zu beschränken sei falsch.

Er entwickelte bereits Ende der 50er Jahre und vervollständigte anschließend laufend sein Programm des „peaceful engagement“, worunter er einen friedlichen Wettbewerb um Einfluss in Osteuropa verstand. Damit zeichnete er eine Abgrenzung gegenüber dem sowjetischen Konzept der „friedlichen Koexistenz“ auf, die um den Preis des Friedens, Amerikas Nichteinmischung und schweigende Duldung der schweren Menschenrechtsverletzungen im Ostblock voraussetzte.

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Brzeziński mit Auβenminister Cyrus Vance. Camp David, September 1977. Rivalen um die Gunst und die Aufmerksamkeit Carters.

Es gelte (Punkt 1), predigte Brzeziński, so gut es geht, die einzelnen kommunistischen Regime in Osteuropa mit Gunstbeweisen (Meistbegünstigungsklausel, günstige Kredite, Aufwertung durch Staatsbesuche der Parteichefs in den USA usw.) und politischem Druck (notfalls sogar Sanktionen) gegeneinander auszuspielen.

Zu diesem Repertoire gehörte z.B. Brzezińskis Vorschlag, Präsident Carter solle seinen ersten Europa-Besuch in Warschau beginnen. Mit Auβenminister Cyrus Vance, seinem Kritiker und Rivalen um die Gunst und die Aufmerksamkeit Carters, war so etwas nicht zu machen.

Brzeziński Carter Gierek fot.
Parteichef Edward Gierek (rechts i. B.) war „not amused“ nach dem Trinkspruch Jimmy Carters: „Im Namen des amerikanischen Volkes erhebe ich mein Glas auf den unbesiegbaren Geist und die Freiheit des polnischen Volkes“. Autor: Zbigniew Brzeziński. Warschau, Dezember 1977.

Die Reihenfolge war letztendlich eine andere, aber immerhin bereitete Carters Warschauer Trinkspruch vom Dezember 1977 den Polen viel Freude und ihren kommunistischen Machthabern Kopfschmerzen, weil sie ihn in der Presse abdrucken mussten: „Im Namen des amerikanischen Volkes erhebe ich mein Glas auf den unbesiegbaren Geist und die Freiheit des polnischen Volkes“. Autor: Zbigniew Brzeziński.

Genauso wichtig sei es, so Brzeziński, (Punkt 2), stets die Menschenrechte in den Beziehungen zum Ostblock hochzuhalten und einzufordern, den Dissidenten groβe Aufmerksamkeit zu schenken, sie dadurch vor Repressalien zu schützen und so immer mehr Menschen zum friedlichen Widerstand zu ermuntern.

Auβerdem darf man (Punkt 3), die nationale Frage im Ostblock und vor allem in der Sowjetunion nicht auβer Acht lassen. Die Sowjets haben den unterdrückten Völkern ihre Tradition und Würde genommen, das muss früher oder später zu Erhebungen und Konflikten führen, an denen die UdSSR zugrunde gehen wird. Die hohe Kunst der amerikanischen Politik werde darin bestehen, dass der Zerfallsprozess nicht mit einem nuklearen Desaster endet. Die Geschichte hat Brzeziński recht gegeben.

Eine Schwäche für Polen

Polen profitierte viele Male von Brzezińskis Schwäche für die alte Heimat. Anfang 1980, als die Sowjets, die DDR und die Tschechoslowakei ihre Truppen um Polen zusammenzogen und eine militärische Intervention gegen die Solidarność unmittelbar bevorstand, koordinierte er eine breite und erfolgreiche diplomatische Gegenoffensive unter der Leitung Präsident Carters und Johannes Paul II. Breschnew lieβ damals von Polen ab.

Brzeziński Jan Paweł II fot.
Brzeziński mit Papst Johannes Paul II. Polen gemeinsam vor dem russischen Einmarsch im Dezember 1980 gerettet.

Ein Jahr später, nach der Verhängung des Kriegsrechts durch General Jaruzelski im Dezember 1981, war es Brzeziński, der die mächtige US- Gewerkschaftszentrale AFL-CIO überredete, der Untergrund-Solidarność mit Geld, geschmuggelten Kopiergeräten und internationalen Protestkampagnen zu helfen. Brzeziński war auch eine der wichtigsten amerikanischen Persönlichkeiten, die sich beharrlich für die Aufnahme Polens in die Nato einsetzten, was schlieβlich im März 1999 geschah.

Andererseits, so schrieb in der Tageszeitung „Rzeczpospolita“ („Die Republik“ vom 03./ 04.06.2017) Irena Lasota, eine polnische Emigrantin und Dissidentin, die Ende der 70er Jahre bei Brzeziński an der Columbia University studierte, führte seine Hingezogenheit zu Polen dazu, dass er „die polnischen Kommunisten milder behandelte als alle anderen“. So sagte er z. B. in einer Fernsehsendung unmittelbar nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen am 13. Dezember 1981, General Jaruzelski entstamme schlieβlich dem polnischen Adel und könne deswegen dem polnischen Volk kein groβes Leid zufügen.

Für Brzeziński gebühre Gott unser Dank

Nach dem Ende des Kommunismus lieβ sich der „späte Brzeziński“ zunehmend von der Mär vereinnahmen, in Polen sei das „goldene Zeitalter“ angebrochen. Die Sicherheit und der Wohlstand seinen durch den Nato- und EU-Beitritt gewährleistet, das Bündnis der „Reformkommunisten“ wie Aleksander Kwasniewski (Staatspräsident 1995 – 2005) oder Leszek Miller (Ministerpräsident 2001 – 2004) mit einem Teil der Solidarność-Eliten (Lech Wałęsa, Adam Michnik u.a.) habe die Frage der „nationalen Aussöhnung“ ein für alle Mal erledigt. Dass das zumeist auf Kosten der Opfer des Kommunismus geschah, dass die Transformation Millionen von Polen zur Auswanderung oder einem Leben am Existenzminimum zwang, war nicht sein Problem.

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Brzeziński zu Besuch in der Redaktion der „Gazeta Wyborcza“ mit einer der ersten Ausgaben der Zeitung. Warschau, Mai 1989. „Mit Tonnen von Zuckerguss überschüttet“.

Von der „Gazeta Wyborcza“, die diese Art der Darstellung Polens bevorzugt, mit Tonnen von Zuckerguss überschüttet, in einschlägigen Fernsehsendern, wie TVN (als Tusk Vision Network verspottet) auf Knien interviewt, merkte der einstige eiskalte Realist Brzeziński offenbar nicht, welch sozialer und politischer Unmut sich in seiner Heimat zusammenbraute. Dementsprechend fielen auch seine Äuβerungen nach der politischen Wende in Polen 2015 aus, für die er kein gutes Wort fand.

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Brzeziński zu Gast auf dem damaligen politischen Olymp Polens. Mit Ministerpräsident Donald Tusk und Staatspräsident Bronisław Komorowski beim TV-Sender TVN. Warschau, Juni 2013. Auf seine alten Tage von den wahren Problemen Polens nichts mehr mitbekommen.

In einer Würdigung Brzezińskis im konservativen Wochenmagazin „Do Rzeczy“ („Zur Sache“ vom 05.06.2017) schrieb der Publizist Piotr Semka dazu: “Jeden Politiker sollte man nach der besten Zeit in seiner Karriere beurteilen. Zbig gelangte ins Zentrum der Weltpolitik in einer für Polen dramatisch wichtigen Zeit, Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre. Gott gebühre dafür unser Dank.“

Zbigniew Brzeziński starb mit 89 Jahren und wurde am 9. Juni 2017 in Washington bestattet. Die polnische Delegation bei den Beisetzungsfeierlichkeiten wurde angeführt von Auβenminister Witold Waszczykowski.

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Herausragendes in Übergrösse

Am 20. April 2017 starb Magdalena Abakanowicz.

Der Mensch, der Gefahr läuft in der Masse unterzugehen. Mit diesem Thema beschäftigte sich Polens bedeutendste Bildhauerin stets aufs Neue. Ihre Figuren sind kopflose Körper, die oftmals als große Ansammlung, stehend, schreitend, tanzend den Raum oder die Landschaft besetzen. Zu finden sind sie, ob in Gruppen oder einzeln, in zahlreichen internationalen Museen und Sammlungen.

Diese oft überlebensgroβen Gestalten sind gemacht aus Materialien mit Ewigkeitswert: Bronze, Stahl, Aluminium. Mit weniger gab sich diese Frau in der letzten Phase ihres Schaffens nicht ab.

Ihre Eigenwilligkeit war berüchtigt. Weil in ihrer adeligen Familie nur die Jungen gefördert wurden, hatte die kleine Magdalena sich nichts sehnlicher vom Nikolaus gewünscht, als in einen Jungen verwandelt zu werden. Nun, sie hat es dann auch als Frau ohne Verwandlung geschafft. Wenn auch zunächst mit als „weiblich“ geltenden Materialien und Techniken. Die „männliche“ Vermessenheit kam erst später hinzu.

Tataren als Vorfahren

Magdalena Abakanowicz wurde 1930 in Falenty, einem Vorort von Warschau geboren, der inzwischen längst zum Stadtgebiet gehört. Inmitten von Wäldern und Äckern, wuchs sie in einem Gutshaus auf, das vollgestopft war mit Familienandenken. Darunter befanden sich Briefe zahlreicher polnischer Könige, in denen die Herrscher im Verlauf der Jahrhunderte Magdalenas Vorfahren mütterlicher- wie väterlicherseits für deren Verdienste um die polnische Adelsrepublik rühmten.

Vorfahre Abaqa (auf dem Schimmel), Darstellung aus dem 14. Jh.
Vorfahre Abaga (auf dem Schimmel), Darstellung aus dem 14. Jh.

Magdalenas Vater, Konstanty Abakanowicz verbrachte seine Jugend auf dem Familiengut weit im Osten Polens, den sich Russland nach den drei polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert angeeignet hatte. Der Name Abakanowicz leitet sich direkt ab vom mongolischen Klanchef und Krieger Abaka Khan, einem Urenkel Dschingis Khans, der im 13. Jahrhundert Raubzüge nach Mitteleuropa unternahm. Irgendwann traten die Abaka Khans in die Dienste polnischer Könige, polonisierten ihren Namen zu Abakanowicz, wurden sesshaft und in den Adelsstand erhoben. Sie brachten Generationen hervorragender Militärs hervor. Erst dienten sie den polnischen Königen, später den russischen Zaren.

Nach der Revolution von 1917 rotteten die Bolschewisten während ihrer Mord- und Raubzüge auch die Familie Abakanowicz beinahe aus, das Familiengut im heutigen Osten Weiβrusslands brannten sie nieder. Konstanty Abakanowicz war während des Ersten Weltkriegs Offizier der Zarenarmee. Er floh in das gerade nach 123 Jahren der Teilungen im Jahr 1918 wiederentstandene Polen und heiratete dort die vermögende Aristokratin Helena Domaszewska. Das Paar lieβ sich auf dem Gut Falenty nieder.

Zu Hause herrschten strenge Regeln und Umgangsformen. So musste Magdalena dem Vater bei jeder Begrüβung die Hand küssen. Auch machten die Eltern kein Hehl daraus, dass sie sich eigentlich einen Sohn gewünscht hätten. Magdalena blieb ein Einzelkind. Ihre schwachen Schulleistungen wurden zu Hause hingenommen. Sie durfte in der Natur herumtollen, schuf sich ihre eigene Welt, sammelte Steine, baute Hütten, fing Schmetterlinge. Der Vater brachte ihr immerhin das Jagen bei. All das prägte sie, vor allem ihre innere Unabhängigkeit, eng gepaart mit einem enormen Durchsetzungsvermögen.

Kindheit im Krieg

Magdalena war neun als am 1. September Deutschland und am 17. September 1939 die Sowjets Polen überfielen. Das Leben auf Gut Falenty wurde immer schwieriger: deutsche Besatzungsbehörden belegten es, wie alle anderen polnischen Güter, mit hohen Zwangsabgaben in Naturalien. Beschlagnahmungen und Durchsuchungen waren an der Tagesordnung. Die kriegsbedingte Kriminalität machte sich zunehmend durch Diebstähle und Überfälle bemerkbar. Eines Nachts wurde der Mutter bei einem weiteren Raubüberfall der rechte Arm abgeschossen. Der Anblick inspirierte Magdalena Jahrzehnte später zu ihrem ergreifenden Skulpturenzyklus „Anatomie“.

Ende Juli 1944 flüchtete die Familie vor der herannahenden Front nach Warschau. Die Hoffnung dort Sicherheit zu finden schwand völlig, als am 1. August 1944 der Aufstand gegen die Deutschen ausbrach. Die der Londoner Exilregierung unterstehende Heimatarmee (AK) hoffte die Hauptstadt innerhalb weniger Tage zu befreien, anschlieβend die Sowjets als Hausherrin im Namen der polnischen Regierung begrüβen zu können und so die Verwandlung Polens in eine Sowjet-Kolonie zu verhindern.

Die Rechnung ging nicht auf. Der Aufstand dauerte 63 Tage, die Intensität der Straβenkämpfe stand der von Stalingrad in nichts nach. Am Ende lag die Stadt zu achtzig Prozent in Trümmern, etwa 250.000 Einwohner verloren ihr Leben. Die 14-jährige Magdalena half so gut es ging in Kellerkrankenhäusern ohne Licht, Betäubungsmittel, Medikamente, und erlebte dort Grauenhaftes. Die schrecklichen Anblicke der leidenden, entstellten, oft von schwersten Verbrennungen gekennzeichneten Menschen haben sich in ihrem Schaffen immer wieder niedergeschlagen.

Am 3. Oktober 1944 kapitulierten die Aufständischen vor den Deutschen. In langen Kolonnen wurde die übrig gebliebenene Zivilbevölkerung aus der Stadt getrieben, unter ihnen waren auch Magdalena und ihre Eltern . Kurz danach begann die gut drei Monate dauernde planmäβige Zerstörung des menschenleeren Warschau. Die Sowjets standen am anderen Weichselufer und sahen zu, bis sie am 17. Januar 1945 endlich über den Fluss setzten und das Ruinenmeer „befreiten“.

Erleuchtung beim Schulausflug

Mit der Roten Armee kam der Kommunismus nach Polen. Die Abakanowiczs wurden im Zuge der Landreform enteignet. Ihr Gutshaus stand nicht mehr. Sie zogen nach Tczew/Dirschau, eine Kleinstadt unweit von Gdańsk/Danzig. Vater Konstanty konnte eine Zeit lang als Berater im Landamt für die in Nordpolen geschaffenen landwirtschaftlichen Staatsgüter arbeiten. Doch schnell wurde er als „Klassenfeind“ enttarnt und entlassen, konnte von Glück reden, weil er nicht im Gefängnis gelandet war. Er blieb bis ans Lebensende arbeitslos. Die schwer kriegsversehrte Mutter durfte einen Zeitungskiosk betreiben. Davon lebte die Familie.

1947 kam Magdalena auf das Lyzeum für kunstbegabte Schüler nach Gdynia, war im angeschlossenen Internat untergebracht. Dort entdeckte sie ausgerechnet ihre Vorliebe für die Leichtathletik. Für ihren Sportverein „HKS Tczew“ gewann sie mit der Frauen-Staffel mehrere Gold- und Silbermedaillen bei den polnischen Meisterschaften 1947 und 1948. Sportlich blieb sie bis ins hohe Alter und ihre schlanke Figur war stets der Beweis dafür.

Abakanowicz WZO awangarda fot. 2

Abakanowicz WZO awangarda wieża wiader fot.3

Avantgardistischen Installationen auf der "Ausstellung der Wiedergewonennen Gebiete", Wrocław/Breslau 1948.
Avantgardistische Installationen auf der „Ausstellung der Wiedergewonnenen Gebiete“, Wrocław/Breslau 1948.

Im Jahr 1948 führte sie ein Schulausflug nach Wrocław/Breslau, zur „Ausstellung der Wiedergewonnenen Gebiete“, wie die ehemaligen deutschen Ostgebiete nun genannt wurden. Es war eine Leistungsschau in und um die Jahrhunderthalle nach dem Motto: schaut, was Polen alles in den drei Jahren bereits geschafft hat. Der Eindruck, den die avantgardistischen Installationen der damals führenden modernen Künstler des Landes Henryk Stażewski (1894 – 1988) und Stanisław Zamecznik (1909 – 1971) auf die Achtzehnjährige machten, war tiefgreifend und prägend.

Noch durfte in Polen moderne Kunst gemacht und öffentlich gezeigt werden. Das eine Jahr (1949 – 1950), das Abakanowicz nach dem Kunstlyzeum in der Kunsthochschule von Gdańsk verbrachte, markierte jedoch die Grenze. Die renommierte Kunsthochschule, deren Einrichtungen sich überwiegend im benachbarten Sopot/Zoppot befanden und die deswegen bis heute Sopot-Schule genannt wird, war bekannt für ihr unkonventionelles Kunstverständnis.

Doch als Magdalena im Oktober 1950 ihr Studium an der Warschauer Kunstakademie fortsetzte, fegte bereits ein eisiger Wind durchs Land. Die einzige erlaubte Kunstform war nun der sozialistische Realismus mit seiner Heroisierung der Arbeit und der kommunistischen Ideologie. In einer solchen Zeit zu studieren war nicht gerade der Traum einer aufgeweckten jungen Frau Anfang zwanzig, die neues erleben wollte. Stattdessen gab es Klassisches und Realistisches, wie zu Anfang des 19. Jahrhunderts: Zeichnung, Skulptur, Malerei…

Nachtschichten im Atelier

Stalins Tod im März 1953 und das kurz darauf zaghaft ansetzende politische Tauwetter in der Sowjetunion brachte in Polen als erstes die lange unterdrückte künstlerische Kreativität zur Explosion. Tadeusz Kantors (1915 – 1990) Avantgardetheater erwachte zu Leben. Die Filmhochschule in Łódź verwandelte sich in ein Labor der modernen Filmkunst. Der Komponist Krzysztof Penderecki (1933) veröffentlichte seine ersten Werke. Die polnische Plakatschule machte von sich reden. Die „Gruppe 55“ durfte ihre abstrakten Bilder zur Schau stellen. Die herrschenden Kommunisten lieβen sie allesamt gewähren, selbst verunsichert durch die sowjetische Stalinismus-Schmelze und in immer heftigere Diadochenkämpfe in den eigenen Reihen verwickelt.

Abakanowicz, seit Herbst 1954 Absolventin der Warschauer Kunstakademie, war noch zu jung um auszustellen, aber sie stürzte sich mitten ins Geschehen im Künstlermilieu, hielt sich ansonsten mit Gelegenheitsaufträgen über Wasser.

Endlich ein eigenes Atelier.Magdalena Abakanowicz Anfang der 60er Jahre.
Endlich ein eigenes Atelier. Magdalena Abakanowicz Anfang der 60er Jahre.

Sie malte damals abstrakte Kompositionen mit Fantasieblumen, Fischen, Gewächsen, in leuchtenden Farben, arbeitete mit breiten Pinseln auf groβen Papierbögen oder zusammengenähten Leinenlaken, die sie nicht auf Rahmen spannte sondern frei hängen lieβ. Mit diesen Gouache-Bildern erfüllte sie sich den lange gehegten Traum moderne Kunst im groβen Maβstab zu gestalten.

Ein Atelier in jener Zeit der Ruinen und der strengen Wohnraumbewirtschaftung in Warschau aufzutreiben war für eine junge Absolventin ein Ding der Unmöglichkeit. Zum Glück lieβ sich der Hausmeister überreden und sie durfte das Atelier der Kunstakademie in der Nacht benutzen. Im Morgengrauen rollte sie ihre Laken zusammen und verstaute sie unterm Bett in einem Zimmer, das sie sich zur Untermiete mit sechs anderen jungen Frauen teilte.

Zwar war sie seit 1956 mit dem Ingenieur Jan Kosmowski (1929) verheiratet, aber die beiden hatten am Anfang ihrer Ehe nicht genug Geld, um sich ein eigenes Zimmer zu mieten. Jan begleitete sie im Übrigen bis ans Ende ihres irdischen Weges.

Polen war ihr wichtig

Durch Beziehungen konnte Magdalena 1957 ihre Teilnahme an einer Gruppenreise von Künstlern nach Italien verwirklichen. Veranstalter waren das Kulturministerium und ein staatlicher Künstlerverband.

Von Italien war sie überwältigt. Einige Teilnehmer der Reise blieben im Westen. Sie nicht. In Zeiten der ideologischen Spaltung der Welt wäre das eine endgültige Entscheidung gewesen. Entweder gehen oder in Polen leben. Ein Pendeln, heute eine Selbstverständlichkeit, gab es damals nicht. Ebenso wusste man nie, wann und ob man überhaupt noch einmal die Erlaubnis bekommen würde ins westliche Ausland zu fahren.

Doch von Polen dauerhaft abgeschnitten zu sein, das hätte sie zu viel Schaffenskraft gekostet. Wenn auch unfrei und arm, my country! – davon konnten sie auch später die verführerischsten Verlockungen des Westens nicht abbringen. „Polen war ihr wichtig“, so betitelte die Tageszeitung „Rzeczpospolita“ („Die Republik“ am 24.04.2017) den Nachruf auf die Künstlerin.

Auf ihrer Italienreise traf Magdalena das Idol ihres Schulausflugs von 1948 nach Wrocław – den Konstruktivisten Henryk Stażewski, seine Ehefrau Maria Lunkiewicz (1895-1967) und einige andere spannende Persönlichkeiten der damaligen polnischen Boheme. Ihre Gespräche über Kunst, Kultur, Politik, Gott und die Welt faszinierten sie. Sie wünschte sich, ebenso radikal in ihrer Kunst sein zu können, mit dem Alten zu brechen, etwas völlig Neues schaffen, die eigene künstlerische Sprache zu entdecken, die ihr Schaffen einmalig und unverwechselbar machen würde.

In die Berühmtheit eingewoben

Ende der 50er Jahre war es dann soweit. Sie begann ihre eigene Sprache zu weben. Die feine Kunst des Webens mutierte bei ihr in das ganz Grobe. Auf eigens entwickelten Webstühlen verarbeitete sie Schnüre, Taue, Sackleinen, Sisal und Rosshaar und nähte sie zusammen zu beeindruckenden Textilskulpturen. Anfänglich eher flach, entwickelten sich ihre Kunstwerke mit der Zeit immer weiter weg von der Wand, hinein in den Raum.

Schnüre, Taue, Stricke verwandeln sich zu Skulpturen. Magdalena Abakanowicz Anfang der 70er Jahre.
Schnüre, Taue, Stricke verwandeln sich zu Skulpturen. Magdalena Abakanowicz Anfang der 70er Jahre.

Wie sollte man diese neue Form in der bildenden Kunst nennen? „Weiche Skulptur‘? Das klang unseriös. „Strukturelles Tuch“ in Anlehnung an die „strukturelle Malerei“? Das wiederum klang sehr abgehoben. In der polnischen Presse der 60er Jahre wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Gewonnen hat die Wortschöpfung „Abakane“, die sich seither weltweit eingebürgert hat.

Abakanowicz abakany przy pracy fot.
Bei der Arbeit 1971

„Abakane“ waren 1962 die Sensation der Internationalen Biennale der Tapisserie in  Lausanne und 1965 der Biennale in Sao Paulo. Das war Magdalena Abakanowiczs Durchbruch in die Weltliga der bildenden Kunst. Ebenfalls 1965 wurde sie Professorin an der Kunsthochschule in Poznań und lehrte dort bis 1990.

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Abakan violett 1969.

Warschau und Poznań blieben die Hauptorte ihres Schaffens. Ihre herausragende Position in der internationalen Kunstszene behauptete sie allerdings, indem sie 1980 den polnischen Pavillon auf der Biennale in Venedig gestaltete und 1984 eine Gastprofessur an der University of California in Los Angeles antrat.

Abakanowicz abakan czerwony fot.
Abakan rot 1972.

Ob Paris, Madrid, Köln, New York, Chicago, Jerusalem, Seoul oder Hiroshima: Ihre Werke sind an vielen Orten der Welt zu finden. Eine ihrer größten textilen Arbeiten misst rund zweihundert Quadratmeter, der »Bois le Duc«, geschaffen für das Gebäude der Provinzialverwaltung von Nordbrabant in Hertogenbosch in den Niederlanden.

Abakanowicz abakan pomarańczowy fot.
Abakan orange 1971.

Immer wieder Neues wagen

Irgendwann wurde ihr das Image der „webenden Künstlerin“ lästig. „Die Abakane haben mir Weltruhm eingebracht, aber sie lasteten auf mir wie eine Sünde, die man nicht eingestehen darf. Die Weberei verschlieβt auf Dauer den Zutritt zur Welt der Kunst“. Sie hätte bis an ihr Lebensende ihre Erfindung verfeinern und vervielfältigen können. Das war ihr zu langweilig.

Abakanowicz Bois le Duc fot.
Abakanowiczs gröβte Textilarbeit »Bois le Duc«, in Hertogenbosch in den Niederlanden.

„Meine Formen sind im Grunde meine nächstfolgenden Häute, die ich ablege um eine weitere Etappe auf meinem künstlerischen Weg zu markieren. Am interessantesten ist es, sich Techniken und Formen zu bedienen, die man noch nicht kennt.“

Abakanowicz Tańczące figury fot.
Magdalena Abakanowicz „Tanzende“ 1978.

Auch wenn ihre menschen- oder tierähnlichen Figurengruppen, „Die Rücken“, „Sitzende Gestalten“ und viele andere, häufig kopflos sind und allein durch ihre Größe und Masse bedrohlich wirken, trägt jede Figur doch individuelle Merkmale. Selbst so gewaltige Installationen wie die für die Zitadelle in Poznań geschaffenen 112 Figuren, „Die Unerkannten” genannt, sind keine bloßen Kopien je einer Figur von der anderen. „Die Natur duldet keine Kopien. Ob Mücke oder Blatt, Mensch oder Vogel – es sind immer Individuen.“ Doch nicht das Detail, die Masse sollte auf den Betrachter wirken.

Abakanowicz postaci fot.
Inmitten ihrer Skulpturen. Magdalena Anakanowicz 1986.

„Im Jahr 1980“, berichtete sie in einem Interview, „habe ich in Venedig eine Gruppe von achtzig sitzenden Gestalten ausgestellt. Man hat mich gefragt: ist das Auschwitz? Ist das etwa eine religiöse Zeremonie in Peru? Der Tanz Ramayanas? Ich habe jedes Mal „ja“ gesagt, weil diese Arbeiten vom Menschen als solchem handeln. Davon, dass der Körper nicht und das Gesicht sehr wohl lügen kann. Davon, dass der alte Mensch an Baumrinde erinnert, und von einhundert anderen Angelegenheiten. Jeder kann in einer Skulptur eigene Erfahrungen wiederentdecken, die eigene Welt. Ich will nicht, dass alle meine Arbeiten von jedem Betrachter gleich empfunden werden. Das wäre ein Debakel.“

So radikal Abakanowicz auch im Laufe ihres Künstlerinnenlebens die Materialien wechselte, so treu blieb sie ihrer Suche nach der Individualität in der Masse. „Die Masse ist an und für sich unselbständig, aber sie ist bereit auf Kommando zu treten, zu zerstören oder zu verehren. Die Masse ist eine kopflose Kreatur, die mich immer aufs Neue inspiriert“, so begründete sie ihre Fixierung auf Figurengruppen.

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Magdalena Abakanowiczs 106 „Kopflose“ am Grant Park in Chicago 2001.

Glanz und Vergänglichkeit

Eine Größenordnung besonderer Art stellen auch Abakanowiczs zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, Ehrungen und Kunstpreise dar. Allein sieben Kunsthochschulen in aller Welt verliehen ihr die Ehrendoktorwürde. Sie war Mitglied mehrerer Akademien der Künste, Trägerin vieler Verdienstorden. Und mit über zweihundert Einzelausstellungen war sie ohne Zweifel die bekannteste zeitgenössische polnische Bildhauerin, obwohl die eigentliche Bildhauerei nur einen Teil ihres Schaffens ausmachte.

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Einer der letzten ganz groβen Auftritte. Magdalena Abakanowicz kurz vor der Eröffnung ihrer Ausstellung auf dem Gelände der Warschauer Zitadelle im Jahr 2002.

In den 90er Jahren und später wurde ihr Schaffen zunehmend als „klassisch“, ja sogar „traditionell“ angesehen. Andere Kunstrichtungen galten in dieser Zeit als „progressiver“. Ihre Metaphern vom Individuum und von der Menschenmasse passten angeblich nicht mehr in die nachkommunistische Zeit des ausschweifenden Individualismus, der Vereinsamung und Abkapselung vor dem Smartphone oder Computer.

Es gelang ihr nicht mehr, einen Skulpturenpark mit ihren Werken in Warschau, unweit ihrer Wohnung einzurichten. Die Stadtverwaltung zögerte die Umsetzung des Projektes immer wieder hinaus, auch der hohen Kosten wegen, bis die Erkrankung an Alzheimer den Zugang zu ihr versperrte.

Abakanowicz starość fot.

Magdalena Abakanowicz hat uns ihre inspirierende, eigenartige Kunst zurückgelassen, die nicht so leicht in Vergessenheit geraten wird. Auch weil sich darunter so viel Herausragendes in Übergröβe befindet.

© RdP




Bleierne Vergangenheit, flüchtige Moderne

Am 9. Januar 2017 starb Zygmunt Bauman.

In seinem langen Leben hat Zygmunt Bauman einen weiten und kurvigen Gesinnungsweg zurückgelegt. Vom Lobhudler der kommunistischen Ideologie in ihrer menschenfeindlichsten, stalinistischen Ausprägung, zum eifrigen Verfechter der Postmoderne. So wurde aus dem kommunistischen Einpeitscher nach und nach ein beherzter Vordenker der Linken, der die Menschheit an die Hand nahm, um sie durch das verworrene Labyrinth der Jetztzeit zu führen. Kritiker bescheinigten ihm darin eine geradezu chamäleonhafte Geschicktheit.

Er hatte ein bewegtes Leben, wie beinahe alle Europäer aus seiner Generation. Den Zweiten Weltkrieg erlebte Bauman am Anfang kurz als wehrloser Zivilist und gegen Ende als Soldat. Er hatte als Jude das Glück fern abseits des Holocaust überlebt zu haben. Den Stalinismus schlieβlich vollstreckte er acht Jahre lang eifrig und engagiert als dessen Scherge.

Im Jahr 1925 im westpolnischen Poznań/Posen geboren, entstammte Zygmunt einer armen weitgehend polonisierten, jüdischen Händlerfamilie. Er war vierzehn, als Deutschland am 1. September 1939 Polen überfiel. Als am 9. September die Wehrmacht kampflos in Poznań einzog, befanden die Baumans sich bereits auf der Flucht.

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September 1939. Deutsches Flugzeug, polnische Flüchtlingskolonnen.

Mal zu Fuβ auf den verstopften Straβen, die immer wieder von deutschen Tieffliegern bombardiert und beschossen wurden, mal ein Stück des Weges mit der Bahn zurücklegend, gelangten sie nach Ostpolen. Das war kurz nach dem 17. September 1939, dem Tag als die Rote Armee Polen vom Osten her überfallen hatte und schließlich die Hälfte des Landes besetzte.

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Sowjetischer Einmarsch in Polen am 17. September 1939.

 

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Deutsch-sowjetische Eintracht im eroberten Polen.

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Stalins Gefangener,…

Die Sowjets deportierten die jüdische Flüchtlingsfamilie in ein Arbeitslager im Norden Sibiriens. Das Holzfällen im hohen Schnee bei Minustemperaturen von zwanzig Grad und darunter, mit primitivsten Werkzeugen, das war Vernichtung durch Arbeit. Wer die hohe Arbeitsnorm nicht schaffte, bekam nur noch die halbe Essensration. Woche für Woche kamen Dutzende von Gefangenen um: Frauen die in Sommerkleidern verhaftet worden waren, Intellektuelle, die nie zuvor eine Axt in der Hand hatten, Kinder, Alte…

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Gleichberechtigt unter den Sklaven des Kommunismus. Frauen aus dem eroberten Polen und Baltikum als Holzfällerinnen.

Wie die Baumans, verschleppten die Sowjets etwa eine halbe Million polnischer Bürger in der Zeit zwischen September 1939 und Juni 1941, als sie selbst noch Hitlers engste Komplizen waren. Weitere rund einhunderttausend Menschen, darunter etwa fünfundzwanzigtausend gefangengenommene Offiziere der polnischen Armee, des Grenzschutzes, der Polizei, wurden von ihnen ermordet.

Im Sommer 1941, kurz nachdem Deutschland die Sowjetunion überfiel und das rote Riesenreich unterzugehen drohte, nahm Stalin, auf Vermittlung der Briten hin, Verhandlungen mit der polnischen Exilregierung in London auf. Das Ergebnis war eine „Amnestie“ für die verschleppten Polen, obwohl sie keine Verbrechen begangen hatten. Die wehrfähigen Männer unter ihnen sollten in der Sowjetunion eine der Exilregierung unterstellte polnische Armee bilden. Von den Sowjets und den Briten ausgerüstet, sollte diese an der Seite der Sowjets in den Kampf ziehen. Ihr Kommandeur war General Wladyslaw Anders.

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General Władysław Anders versuchte 1941-1942 im Auftrag der polnischen Exil-Regierung in London eine polnische Armee in der Sowjetunion aufzubauen.

Doch in den drei hierfür eingerichteten Auffanglagern kamen vom Hunger, der Sklavenarbeit und nach wochenlangen Transporten ausgezehrte Menschen an. Es fehlten Lebensmittel (die Sowjets lieferten Anfang 1940 nur 40 000 Essensrationen für 70 000 Soldaten) und Medikamente um sie wieder aufzupäppeln. In den primitiven Baracken und in Zelten, in denen sie den Winter 1941-1942 verbringen mussten, lichtete der Tod schnell ihre Reihen. Zu den Sammelpunkten strömten auch tausende zuvor verschleppter polnischer Zivilisten, meistens Frauen, viele Waisenkinder, die auf diese Weise der Sowjethölle entkommen wollten.

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In den Rekrutierungslagern der Anders-Armee kamen vom Hunger, der Sklavenarbeit und nach wochenlangen Transporten ausgezehrte Menschen an.

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Stalin hatte, in der Not der ersten Niederlagen, dem britischen Ministerpräsidenten Churchill mit seiner Polen-Vereinbarung einen Gefallen getan. Er brauchte Churchills Hilfe. Doch eine polnische Armee, die nicht direkt seiner Kontrolle unterstand, bestehend aus Menschen die auf Grund ihrer Erlebnisse die Sowjets und ihren Kommunismus zutiefst hassten, wollte Stalin nicht auf Dauer auf seinem Gebiet dulden.

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London 30. Juli 1941. Der polnische Ministerpräsident im Exil General Władysław Sikorski (links) und der sowjetische Botschafter in Groβbritannien Iwan Maiski (rechts) unterzeichnen das Abkommen u. a. über die Bildung eine polnischen Armee in der UdSSR. In der Mitte die Vermittler: der britische Auβenminister Anthony Eden und Premierminister Winston Churchill.

Er drängte darauf die ersten zwei mühsam aufgestellten, kaum kampffähigen Divisionen an verschiedene Frontabschnitte zu schicken, wo sie umgehend aufgerieben worden wären. Die polnische Exil-Regierung dagegen verlangte, dass die gesamte polnische Armee an einem Ostfrontabschnitt eingesetzt wird, erkundigte sich immer wieder nach dem Verbleib der von den Sowjets im Herbst 1939 gefangengenommenen polnischen Offiziere. Die Russen taten so, als hätten sie keine Ahnung. Das Katyn-Massaker sollte erst im April 1943 bekannt werden.

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August 1942. Knapp 120 000 „General-Anders-Polen“ , darunter 80 000 Soldaten, und 40 000 Zivilisten wurden aus der Sowjetunion in den britisch besetzten Iran evakuiert.

Am Ende lieβ Stalin die ungewollten Verbündeten gehen. Im August 1942 wurden die knapp einhundertzwanzigtausend „General-Anders-Polen“ in den britisch besetzten Iran evakuiert, darunter nicht ganz achtzigtausend Soldaten und achtzehntausend Kinder. Die Truppe, später das 2. Polnische Korps, zog weiter über den Irak nach Palästina und kam ab April 1944 bei den schweren Kämpfen in Italien (Monte Cassino, Ancona, Bologna) zum Einsatz.

…Stalins Verehrer

Zurückgeblieben in der Sowjetunion waren hunderttausende Menschen aus Polen, darunter die Baumans. Gemäβ der „Amnestie“ vom Sommer 1941 hatte man sie Ende 1941 aus dem Lager nach Gorki (heute Nischnij Nowgorod) entlassen. Baumans Vater Maurycy, der im Lager beinahe umgekommen war, wollte mit der Familie zu einem der Sammelpunkte der Anders-Armee gelangen, doch die Sowjets blockten ab. Juden, Weiβrussen, Ukrainer, die bis 1939 in Polen gelebt hatten und polnische Staatsbürger waren, durften nicht zur polnischen Armee. Sie wurden endgültig „Bürger der UdSSR“.

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Sowjetischer Milizionär (Polizist) regelt Anfang der 40er Jahre den Verkehr in Moskau. So soll Baumans Dienst 1943 ausgesehen haben.

Maurycys Sohn Zygmunt hatte sehr schnell den Bazillus des Kommunismus geschluckt. In der Schule trat er dem kommunistischen Jugendverband Komsomol bei, war Feuer und Flamme für Stalin und den Marxismus-Leninismus. Im November 1943, gleich nach seinem 18. Geburtstag, bekam er die Einberufung zur Moskauer Miliz (Polizei) und wurde, nach eigenen Angaben, bei Verkehrskontrollen eingesetzt.

Derweil werkelte Stalin ab Mitte 1943 an einer neuen polnischen Armee an seiner Seite. Diesmal unter streng kommunistischen Vorzeichen, befehligt und kontrolliert von ihm treu ergebenen Polen, die in seinem Namen das künftig kommunistische Land verwalten sollten. Tausende Verschleppte meldeten sich freiwillig zu dieser 1. Polnischen Armee, meistens ohne Stalins Vorhaben zu durchzuschauen.

Jedoch gab es kaum polnische Offiziere. Stalin hatte sie im April 1940 in Katyn ermorden lassen, behauptete nach der Entdeckung des Verbrechens, es seien die Deutschen gewesen und brach die diplomatischen Beziehungen zur Londoner polnischen Exilregierung ab. Wer von den Offizieren überlebt hatte, zog Mitte 1942 mit General Anders in den Nahen Osten. Deswegen mussten Offiziere der Roten Armee in polnische Uniformen schlüpfen, gleichzeitig wurde das Riesenreich nach geeignetem polnischen „Menschenmaterial“ durchforstet.

So kam man auch auf Zygmunt Bauman: jung, intelligent, vom Kommunismus verblendet, Polnisch sprechend. Auf diese Weise gelangten, neben anderen, damals auch viele polnische Juden, die in der UdSSR Zuflucht gefunden hatten, in den gerade in der Sowjetunion aufgebauten polnischen kommunistischen Machtapparat, ins Propagandawesen, in die Strukturen der politischen Geheimpolizei, zum Militär. Hier war die Gründungs-Machtelite der künftigen Volksrepublik Polen entstanden, die zusammen mit der Roten Armee ins Land einrückte.

Politoffizier, Zuträger, Fanatiker

Leuten wie Bauman stand eine Blitzkarriere offen. Er wurde mit 19 Jahren Politoffizier und als solcher nahm er teil an den schweren Kämpfen um Kolberg/Kołobrzeg (März 1945, 1 200 gefallene Polen) und am Endkampf um Berlin (April – Mai 1945), erlitt eine Verwundung.

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März 1945. Nach dem Abzug der Anders-Armee, unter kommunistischen Vorzeichen in der Sowjetunion gebildete 1. Polnische Armee während der verlustreichen Kämpfe um den Pommernwall und die Stadt Kolberg/Kołobrzeg. Bauman war dabei.

In Polen zurück (die Ablegung der sowjetischen Staatsbürgerschaft war jetzt kein Problem) wurde seine Einheit in das sogenannte Korps der Inneren Sicherheit (KBW) eingegliedert. Es war die „Haustruppe“ des Ministeriums für Staatssicherheit, die in enger Zusammenarbeit mit Einheiten der sowjetischen Staatssicherheit (NKWD) den bewaffneten polnischen antikommunistischen Widerstand bekämpfte.

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Major Zygmunt Bauman. Foto aus der Stasi-Militärakte.

„Zwanzig Tage lang“, so heiβt es z. B. in einem Beförderungsantrag von 1950, „befehligte er eine Abteilung, die sich durch die Festnahme einer groβen Zahl von Banditen hervortat. Bauman wurde mit dem Tapferkeitskreuz ausgezeichnet.”

Bereits 1944 warb die Hauptverwaltung Information (Główny Zarząd – phonetisch: Saschond – Informacji – GZI) Bauman als ihren Zuträger (Deckname „Semion“) an. Die GZI war die politische Polizei der Armee, fest in der Hand sowjetischer Berater. Es war ein schreckliches Terrorinstrument, ständig auf der Suche nach „inneren Feinden“, das sich unermüdlich zwischen 1944 und 1956 eine breite, blutige Schneise durch die Reihen der kommunistischen polnischen Armee bahnte. Ihre Verhörmethoden waren bestialisch. Bauman wusste das.

Ob, wen und weswegen „Semion“ Personen denunziert, der Verhaftung und der Folter preisgegeben hat, wissen wir nicht. Seine Zuträger-Akte hat nicht überdauert. 1946 trat Bauman in die KP ein.

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Erschossen und nummeriert 1946. Soldaten des antikommunistischen polnischen Widerstandes.

Acht Jahre lang diente er in den Truppen (KBW) der Staatssicherheit als hoher Politoffizier. Er war damals ein kommunistischer Fanatiker, dem sein Vater viel Kummer bereitete. Maurycy Bauman wollte z. B. nicht zustimmen, als Sohn Zygmunt beschloss die ziemlich armselige Haushälfte in Poznań, die sich im Familienbesitz befand, der kommunistischen Partei zu vermachen.

Im März 1953, Stalin war gerade gestorben, ging der Vater in die israelische Botschaft in Warschau, die, wie alle westlichen Vertretungen, lückenlos überwacht wurde, um sich nach einer Umsiedlung zu erkundigen. Wegen einer solchen „feindlichen Kontaktaufnahme“ landete man damals für gewöhnlich im Kerker. Maurycy Bauman blieb das erspart, dafür wurde der Sohn, Major Zygmunt Bauman schon am 15. März 1953, „wegen Verbindungen zu seiner klassen- und ideologisch entfremdeten Familie“ aus dem Stasi-Armeedienst entfernt. Nach einer schweren Auseinandersetzung brach der Sohn jeglichen Kontakt zum Vater ab.

Vorgetäuschte Ratlosigkeit

Der fanatische Stalinist hatte bereits während seiner Stasi-Militärzeit ein Fernstudium der marxistischen Philosophie begonnen. Geschasst, durfte er es als regulärer Student an der Warschauer Universität fortsetzten. Bereits im Mai 1953 verkündete Zygmunt Bauman während einer pompösen „wissenschaftlichen“ Uni-Konferenz zu ehren Stalins, dass „die objektive historische Gesetzmäβigkeit den Sieg der sozialistischen Revolution in der ganzen Welt vorankündigt.“

1954 war er mit dem Studium fertig, durfte zum Doktorandenstudium bleiben, als das politische Tauwetter begann. Der neue sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow hielt im Februar 1956 in Moskau, während des 20. Parteitages der KPdSU, eine fünfstündige Geheimrede „Über den Personenkult und seine Folgen“, in der er Stalins Verbrechen enthüllte. Schon bald gelangte diese Rede nach Polen, kursierte in Abschriften unter der Hand, sorgte für Aufregung, Entsetzten und, bei den Stalinisten, für Ratlosigkeit.

„Wieso sind wir erblindet? Wir haben uns doch für die Revolution entschieden, weil wir einen scharfen Blick und glühende Herzen hatten“, schrieb Bauman in „Po prostu“ („Schlicht und einfach“), der studentischen, damals rebellischsten, Wochenzeitschrift des Landes (bereits 1957 wurde sie im Zuge der „Normalisierung“, auf Geheiβ der Partei, eingestellt). Baumans Worte klangen bitter, glaubhaft waren sie nicht im geringsten. Gerade er wusste über die Verbrechen bestens Bescheid.

„Ich hatte nicht den Mut“

Die Soziologie, Ende der 40er Jahre als ein „bürgerliches Überbleibsel“ von den Hochschulen des Ostblocks verbannt, durfte in Polen wieder gelehrt werden. An der Warschauer Universität entstanden 1956 gleich zwei Lehrstühle.

Der erste, für „klassische Soziologie“, setzte die unterbrochene Tradition fort, geleitet von Prof. Stanisław Ossowski, einem der herausragendsten polnischen Humanisten jener Zeit, der in der stalinistischen Epoche (1948-1956) Lehrverbot hatte. Der zweite Lehrstuhl stellte das „Gegengewicht“ dar und betrieb „marxistische Soziologie“. Sein Chef, Prof. Julian Hochfeld, war ein brillanter Akademiker, der den Krieg als polnischer Jude in der Sowjetunion verbracht, und sich ganz und gar der Sache des Kommunismus verschrieben hatte. Der Doktorand Bauman machte unter seinen Fittichen wissenschaftliche Karriere.

Baumann z Kołakowskim, UW 1963
1963 an der Warschauer Universität. Zygmunt Bauman (rechts vorne), neben ihm Leszek Kołakowski.

Die Partei tat derweil alles, um das politische Tauwetter möglichst schnell zu beenden. Es sollte kein Zurück mehr zum brutalen Stalinismus geben, aber der neue Parteichef Władysław Gomułka wollte keine Anfechtungen der führenden Rolle der kommunistischen Partei dulden. Er öffnete die Tür einen Spalt breit für westliche kulturelle Einflüsse, überlieβ die Musik, die Malerei, teilweise den Film und die Literatur ihren Schöpfern. Die künstlerische Freiheit war ab Mitte der 50er Jahre in Polen unvergleichlich gröβer als in allen anderen „Bruderländern“. Diese Ventile sollten den Druck der permanenten Unzufriedenheit der Menschen mit der schlechten Versorgung, der politischen Gängelung, der wachsenden Zensur mildern.

An den humanistischen Lehrstühlen und Instituten der Warschauer Universität gab es jedoch nicht wenige Studenten und Dozenten, die das Ende des politischen Tauwetters nicht hinnehmen wollten. Bei den Philosophen, Soziologen und Ökonomen rumorte es am heftigsten. Einstige fanatische Stalinisten, wie Prof. Leszek Kołakowski, Prof. Włodzimierz Brus, Prof. Bronisław Baczko, Prof. Stefan Morawski, Dr. Krzysztof Pomian u. a. (die meisten jüdischer Abstammung) hatten sich inzwischen der Revision des bürokratisch-zentralistischen Sozialismus sowjetischer Prägung verschrieben, predigten die Einführung der Arbeiterselbstverwaltung, den Abzug der Partei aus vielen Lebensbereichen, die Einschränkung der Zensur usw.

Bauman war nicht dabei. „Leben ist überleben, wer überlebt – gewinnt.“, sagte er rückblickend gut dreiβig Jahre später in seiner Rede, die er anlässlich der Verleihung des Adorno-Preises 1998 in Frankfurt am Main hielt. Auch er hegte Mitte der sechziger Jahre in Warschau immer mehr Zweifel an der marxistischen Orthodoxie. Doch er wich der Konfrontation mit dem System aus, widmete sich der soziologischen Erforschung des Werdegangs der britischen Arbeiterbewegung. Jahre später gestand er ein: „Viele meiner Kollegen wurden aus der Partei geworfen. Ich hätte mich damals solidarisch zeigen können, aus der Partei austreten. Ich hatte nicht die Kraft, nicht den Mut dazu.“

Polen, Israel, England

Der Konflikt eskalierte im März 1968. Es kam zu mehrtägigen heftigen Studentenunruhen in Warschau, Protesten von Intellektuellen, Forderungen nach mehr Freiheit. Die Parteioberen griffen hart durch. Sie lieβen die Milizknüppel schwingen und gaben gleichzeitig das Startsignal zu einem Elitenwechsel. Junge, machthungrige Kader durften nun die Genossen fortjagen, die es sich in den höheren Etagen des kommunistischen Parteiapparates, der Wissenschaft, der Medien, der Diplomatie, der Wirtschaft, des Gesundheitswesens, der Armee bequem eingerichtet hatten. Viele der Davongejagten waren jüdischer Herkunft und Stalinisten der ersten Stunde.

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März 1968. Studentenunruhen in Warschau.

Das geschah kurz nach dem triumphalen Sieg Israels im Sechstagekrieg (Juni 1967) über die von der Sowjetunion bewaffneten und wirtschaftlich unterstützen arabischen Staaten. Auf Geheiβ Moskaus mussten in der Folge alle Ostblockstaaten die diplomatischen Beziehungen zu Israel kappen. Das von den „USA-Imperialisten“ massiv unterstützte Israel stieg für einige Jahre zum „Erzfeind“ des Ostblocks auf. Da passte es gut, die jüdischen Genossen als Zionisten zu diffamieren, eine „fünfte Kolonne“, die angeblich mit Israel gemeinsame Sache machte.

Das sonst vom Westen weitgehend abgeschottete kommunistische Polen öffnete nun Tür und Tor für seine ausreisewilligen jüdischen Bürger. Etwa fünfzehntausend gingen zwischen 1968 und 1972, darunter (im Juni 1968) Zygmunt Bauman, seine Ehefrau Janina und ihre drei Töchter.

Zwei Jahre lang hielt Bauman es an den Universitäten in Tel Aviv und Haifa aus. Das gelobte Land blieb ihm fremd: „Jude zu sein in Israel war gewissermaβen ein Vollzeitjob“. Den wollte er nicht ausüben. Die drastische Militarisierung, das nationale Pathos, das ihm entgegenschlug, die jüdische religiöse Orthodoxie, die er nicht nachvollziehen konnte. Das alles verunsicherte ihn, ging ihm auf die Nerven. Und da war noch die Art, wie mit den Arabern umgegangen wurde. „Wir wollten keine verfolgte Minderheit sein, aber genauso wenig einer Mehrheit von Verfolgern angehören.“ Erleichtert folgte Bauman 1971 dem Ruf der britischen Universität Leeds und blieb ihr bis zu seinem Tod treu.

Schlüsselbegriff „Flüchtigkeit“

Er lehrte und forschte erfolgreich. Zuhörer und Leser schätzten seine ironischen, pointierten Schilderungen, reich an Methapern, klar in der Aussage. Wie funktionieren gesellschaftliche Ordnungen, was zerrüttet sie und was hält sie zusammen?

Das einst so geordnete, solidarische Gemeinwesen, so Bauman, weicht dem unbarmherzigen Wettbewerb vieler „Einzelkämpfer“, die sich zu immer mehr Konsum und Selbstvervollkommnung verführen lassen. Der Mensch heute verirrt sich irgendwo zwischen Cyberspace, den deregulierten Märkten und künstlich geweckten Sehnsüchten. Baumans scharfsinnige Beobachtungen glichen kleinen Bausteinen zum Legebild der Postmoderne oder wie Bauman sagte: einer flüchtigen Moderne.

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Vor Studenten der Universität Toruń/Thorn im November 2010. Zuhörer und Leser schätzten seine ironischen, pointierten Schilderungen, reich an Methapern, klar in der Aussage.

Diese gesellschaftliche Unrast, so seine Auffassung, macht Institutionen und Gemeinschaften durchlässig, konturlos. Sie geben den Menschen immer weniger Halt. Wirkmächte der Weltwirtschaft hebeln die Ökonomie des Nationalstaates und das soziale Netz aus. Menschen, die dem Tempo mobiler Geldströme und den flexiblen Arbeitszeiten nicht mehr gewachsen sind, werden ausgesondert, marginalisiert, kaum mehr wahrgenommen. Das Bedürfnis der vereinsamenden Individuen nach sozialer Bindung und Anerkennung wird im Zeitalter der flüchtigen Moderne nur noch durch soziale Medien befriedigt.

Ob arabischer Frühling, die Finanzkrise, der Flüchtlingsansturm oder der internationale Terrorismus, Bauman gliederte sie ein in seine Überlegungen, spann den Faden der flüchtigen Moderne immer weiter.

Bauman Nagrida im. Adorno
Bildunterschrift, „Frankfurter Rundschau“, 14. September 1998: „Stadtoberhaupt mit Amtskette, Urkunde und Preisträger. Petra Roth überreicht Zygmunt Bauman in der Frankfurter Paulskirsche den Adorno-Preis.“

Nach seiner Emeritierung 1991 wurde er erst so richtig produktiv. Was von seinem Werk bleiben wird, ist sicher der Schlüsselbegriff der „Flüchtigkeit“, den er seit seinem Buch „Liquid Modernity“ (2000) wie ein Markenzeichen immer wieder aufgriff: „Flüchtige Liebe“, „Flüchtige Angst“, „Flüchtige Zeiten“, „Flüchtige Aufsicht“ und zuletzt „Flüchtiger Teufel“ heißen die Variationen des Themas. Er recycelte sein Motiv so konsequent, dass ihm Kollegen vorwarfen, sich selbst zu plagiieren. In seinen Beschreibungen stets auf dem aktuellen Stand der Geschehnisse, war er als ein Vortragender und Interviewpartner sehr gefragt.

Von der Vergangenheit eingeholt

Nur zu einem Thema schwieg Zygmunt Bauman eisern: zur eigenen Vergangenheit. Seine Ausführungen, das Wissen um seine jüdische Herkunft, um die aufgenötigte Ausreise aus dem kommunistischen Polen, seinen Bruch mit dem Marxismus, und nicht zuletzt, sein Äuβeres und sein Auftreten bewirkten, dass ihn eine Aura von Respekt und Bewunderung umgab, die sich, je älter er wurde, in Ehrfurcht verwandelte.

Die Nachricht über Aktenfunde, die belegten, dass Bauman jahrzehntelang seine stalinistische Vergangenheit verschwiegen und die Öffentlichkeit über seine Rolle im kommunistischen Terrorapparat getäuscht hatte, platze im März 2007 wie eine Bombe. Er bekannte sich zu den wichtigsten Tatsachen: sehr knapp und ohne Demut.

Ein einziges Mal stand er dem britischen „Guardian“ gegenüber hierzu Rede und Antwort. Doch er wich aus, indem er sagte, er könne sich an vieles nicht mehr erinnern. Er verharmloste die Zeit des Stalinismus, in der Schreckliches geschehen war, spielte seine eigene Rolle in dieser Zeit herunter, verglich die brutale Vernichtung des antikommunistischen Widerstandes mit der modernen Terrorbekämpfung.

Doch je mehr Zygmunt Bauman versuchte in Bezug auf seine Vergangenheit zur Tagesordnung überzugehen, umso heftiger wurde er von ihr eingeholt. Seine Glaubwürdigkeit hat groβen Schaden genommen, und wenn er in den letzten Jahren Polen als Gastvortragender besuchte, musste er mit Störungen und Boykott rechnen. Auf die Verleihung einer Ehrendoktorwürde in Wrocław/Breslau verzichtete er vorsorglich – unter dem Beifall seiner Gegner.

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Proteste gegen eine Bauman-Vorlesung an der Universität Wrocław/Breslau. Polizei räumte den Hörsaal. Juni 2013.

Mehrfach wurde er öffentlich als Schuft geschmäht, auch durch den prominenten nationalkonservativen Publizisten jüdischer Abstammung, Bronisław Wildstein:

„Wir kennen viele hervorragende Intellektuelle, die Schufte waren, die Schreckliches taten, dennoch lohnt die Auseinandersetzung mit ihrem Denken. Andererseits: Wenn jemand eine Rolle im gesellschaftlichen Leben spielt, dann müssen wir von ihm verlangen, dass er sich seiner Vergangenheit stellt.“

Flucht in die Flüchtigkeit

Die Auseinandersetzung mit seinem eigenen Gedankengut entpuppte sich damals für Bauman als sehr unangenehm. Bedenken kamen auf, die Thomas Assheuer in der „Zeit“ (29.03.2007) so formulierte:

„Es drängt sich die Frage auf, wie sich die Theoriebildung des berühmten Soziologen zu seiner kommunistischen Vergangenheit verhält. Gibt es eine untergründige, vielleicht auch entlastende Verbindung zwischen Baumans kommunistischen Jahren und der Wahl seiner wissenschaftlichen »Waffen«?“

Bauman plakat fot.
Anti-Bauman-Plakat. „Prof. Baumans goldene Gedanken. »Den Kampf der kommunistischen Behörden gegen den Untergrund im Nachkriegspolen kann man mit dem heutigen Krieg gegen den Terrorismus vergleichen« Aus dem Interview mit der britischen Zeitung »The Guardian«, 2007.“ Unten links: Bogdan Zdrojewski, Kulturminister in der Regerung Donald Tusk dekoriert Bauman mit der Medaille „Verdient für die Kultur – Gloria Artis“. November 2010.

„Wie weit“, so der Autor, „trägt die naheliegende Vermutung, Bauman habe mit einer Theorie Karriere gemacht, die ganz nebenbei auch ihren Autor entlastete? Eben mit einer postmodernen Soziologie, in der nicht der Einzelne für sein Handeln verantwortlich ist, sondern die Geschichte selbst, das große Ganze oder, noch plakativer, die »Dialektik der Aufklärung«.

Tatsächlich war Bauman international mit einem Buch bekannt geworden, das an seinen düstersten Stellen das 20. Jahrhundert als Diktatur monströser Zwänge beschreibt, als Lavastrom anonymer Gewalten und unentrinnbarer »Rationalitäten«. »Dialektik der Ordnung« hieß die Studie, die nach einer Entwicklungszeit von fast zwanzig Jahren 1989 erschienen ist und die These aufstellte, ausgerechnet die Aufklärung habe die Monster der Moderne hervorgebracht, jene tödliche Liaison aus kalter Vernunft und bürokratischem Apparat, die jede Verantwortung, jeden moralischen Spielraum neutralisiert.“, schieb Assheuer und fuhr fort:

„Die Moderne macht das Subjekt zum Ding – sie vernichtet alles, was ihr nicht gleicht, das Uneindeutige, das Andere, jede Abweichung von der bürokratischen Norm. Je rationaler die Welt, desto barbarischer verhalten sich ihre Bewohner. Entsprechend wollte Bauman (…) im Holocaust den »Code der Moderne« entziffern. Der Judenmord war kein Zivilisationsbruch, sondern die zwangsläufige Folge der Moderne mit ihrem Hass auf alles Fremde.

In dieser Lesart war auch der Stalinismus nur ein dämonischer Zwillingsbruder der totalen Ordnung, nur eine andere Fratze der Moderne. Auch in dieser Hölle gibt es keine moralische Freiheit, keine Schuld, nur schuldlos Schuldige. Die Handelnden sind Werkzeuge des totalitären Weltgeistes, und wer auf der Schädelstätte der Geschichte nicht schuldig wird, hat Glück gehabt. Aber wer hat schon Glück?”

Der Autor spricht Bauman frei von dem Verdacht, er flüchtete in die flüchtige Moderne auf der Flucht vor seiner Vergangenheit. Doch Assheures Freispruch klingt weit weniger überzeugend als die angeblich widerlegte Eingangsthese.

Bauman papież Franciszek fot.
Flüchtige Moderne trifft die Ewigkeit. Kurz vor seinem Tod, im September 2016, wurde der eingefleischte Atheist am Rande des Treffens der Weltreligionen in Assisi von Papst Franziskus empfangen. Bauman vertrat dort die Atheisten. Die Frage, ob der Atheismus auch eine Religion sei, bleibt offen.

Zygmunt Bauman wurde immer wieder als der „polnische Martin Heidegger“ bezeichnet. Er reagierte darauf erbost. In Bezug auf sein geistiges Werk, wertete Bauman die Nebeneinanderderstellung mit einem der herausragendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts gewaltig auf. Dagegen hatte der eitle Soziologe auch nichts einzuwenden. Doch in dem Vergleich ging es um fanatische Verblendung zweier Intellektueller, ihre bewusste Kollaboration mit zwei ebenbürtigen totalitären, verbrecherischen Regimen und um die Opferrolle, in die beide anschlieβend zu schlüpfen dachten.

Und dennoch: wer die Gegenwart hinterfragt, kommt an Baumans Betrachtungen nicht vorbei. Ob sie so flüchtig sind, wie die Moderne, der sie gewidmet sind, wird sich bald zeigen.

© RdP




Der zartrote Verführer

Am 9. Oktober 2016 starb Andrzej Wajda.

In ihren Nachrufen auf den Regisseur haben deutsche Medien mit Zuckerguss nicht gegeizt. Doch Übertreibung schadet der Wahrheit. Ein „Unbeugsamer“ soll Andrzej Wajda gewesen sein, „eine moralische Instanz und ein Romantiker“. Der Berliner „Tagesspiegel“ sah ihn gar in Polen so „verehrt wie zuletzt allenfalls (!!! – Anm. RdP) der unerschrocken parteikritische Kardinal Karol Wojtyła.“

Oder war der Papst-Vergleich vielleicht doch gar nicht so falsch? Zweifelsohne sah sich Andrzej Wajda in den letzten Jahren seines Lebens als Verkünder unumstöβlicher politischer Dogmen. Wie Perun, der Donnergott in der slawischen Mythologie, schleuderte er, von Groll und Zorn gepackt, Verwünschungen jenen entgegen, die er nicht ausstehen konnte: „Kaczyński ist ein Trottel. Dagegen gibt es Pillen. Er soll sich behandeln lassen!“

Gut sechzig Jahre lang dauerte die künstlerische Laufbahn des „Unbeugsamen“. Sie war gesäumt von Kehrtwenden, Brüchen, Zugeständnissen, die nicht selten Geständnissen glichen

Auf die polnische Art

Sein Werk ist gewaltig: sechzig Spielfilme, zumeist Sozialdramen. Egal wo und wann sie spielen, stets haben sie einen deutlichen Bezug zum Hier und Jetzt. Davor verschonte Wajda nicht einmal die Passionsgeschichte, die er 1971 in seinem theatralisch geschwollenen, experimentellen Film „Pilatus und andere“ ins damalige Westdeutschland verlegte, und Jesus über den Dutzendteich auf dem ehemaligen Nürnberger Reichsparteitagsgelände wandeln lieβ.

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Wajdas „Pilatus und andere“. Jesus wandelt über den Dutzendteich auf dem ehemaligen Nürnberger Reichsparteitagsgelände.

Mit seinem Schaffen reiht er sich zweifelsohne in die Galerie der groβen Filmemacher des 20. Jahrhunderts ein: Michelangelo Antonioni, Ingmar Bergman, Luis Buñuel, Federico Fellini, Akira Kurosawa, Luchino Visconti…

Gemeinsam war ihnen nicht nur die Überzeugung, dass das Kino die Welt verändern kann. Sie alle waren zudem stark verwurzelt in ihrer nationalen Identität und verstanden es dennoch, auf ihre polnische, japanische, italienische Art, Zuschauer in den entlegendsten Gegenden der Welt anzusprechen, zu fesseln, gar zu bezaubern.

Kurosawa wäre undenkbar ohne die japanische Samurai-Tradition, Fellini ohne sein geliebtes Rom, Bergmann ohne die distanzierte Kühle Schwedens. Wajda war ein ganz und gar polnischer Regisseur. Polnische Geschichte und polnische Literatur lieferten ihm die meisten Vorlagen für seine Filme. „In Hollywood müsste ich fremde Ideen umsetzen“, pflegte Wajda auf die Frage zu antworten, warum er nicht ausgewandert sei.

Ein Junge am Abgrund

„Offiziersfamilie, eine vom Patriotismus durchdrungene Schule und die Kirche“, das waren die tragenden Säulen der Welt seiner Kindheit. Geboren 1926 im nordostpolnischen Suwałki, erlebte er mit dreizehn Jahren, im September 1939, den Kriegsbeginn. Polen wähnte sich damals sicher. Die knapp eine Million Soldaten zählende Armee, wenn auch nicht sehr modern ausgerüstet, so doch gut ausgebildet und hochmotiviert, sollte zwei, drei Wochen lang Widerstand leisten, bis die Verbündeten, England und Frankreich, Deutschland im Westen angreifen würden. So war es vereinbart. Da konnte nichts schiefgehen. „Hitler wäre ein Idiot, sollte er uns angreifen. Der riskiert nie einen Zweifrontenkrieg“, das war die gängige Meinung.

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September 1939. Über der Leiche Polens  werden Feinde zu Freunden. Hitler: „Der Abschaum der Menschheit, nehme ich an?“ Stalin: „Und habe ich nicht die Ehre mit dem blutigen Mörder der Arbeiter?“ Britische zeitgenössische Karrikatur.

Stattdessen überfielen Deutschland (am 1. September 1939) und die Sowjets (am 17. September 1939) gemeinsam Polen und teilten es, wieder einmal, auf. Und die Verbündeten? Sie erklärten zwar am 3. September 1939 Hitler den Krieg, schrieben jedoch Polen gleichzeitig insgeheim ab. Während das kämpfende Warschau sich im deutschen Bombenhagel in eine Ruinenlandschaft verwandelte, beschränkten sich die französischen Kampfhandlungen im Westen damals auf das Flugblätterabwerfen über einigen deutschen Städten unmittelbar hinter der Grenze.

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Mit dreizehn Jahren erlebte Wajda im September 1939 den Zusammenbruch Polens. Es war ein Trauma, von dem er sich, und mit ihm groβe Teile der Nation, seelisch nie erholt haben.

Mit ansehen zu müssen wie sein Land, auf das er uneingeschränkt stolz war, nach gerade einmal zwanzig Jahren Unabhängigkeit, innerhalb von nur vier Wochen zusammenbrach, war für Wajda ein Trauma, von dem er sich, und mit ihm groβe Teile der Nation, seelisch nie erholt haben.

Für Krzysztof Kłopotowski, einen der führenden Filmkenner- und Kritiker Polens, steht fest: „Nach dieser Erfahrung war Wajda überzeugt, dass es ein eigenständiges Polen, wie vor dem Zweiten Weltkrieg, nicht geben kann“ („Gazeta Polska“ –„Polnische Zeitung“, 12. Oktober 2016).

Anfänge in rot

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Wajda ließ sich von der Woge des kommunistischen Propagandapathos der ersten Nachkriegsjahre mitreiβen.

So gesehen hatte der Kommunismus im Nachkriegspolen in Wajdas Augen schon seine Richtigkeit. Das Land war wieder einmal an Russland, diesmal ein kommunistisches, angekettet. Der junge Mann ließ sich von der Woge des kommunistischen Propagandapathos der ersten Nachkriegsjahre mitreiβen.

Er trat 1946 in die kommunistische Partei wajda-plakat-1ein, lieβ aber nach einigen Jahren die Mitgliedschaft wieder einschlafen, verschwieg sie nach einem Wohnortwechsel. Der Sohn eines „bürgerlichen Vorkriegsoffiziers“ wollte sich auf diese Weise den aufkommenden stalinistischen Säuberungs- und Wachsamkeitskampagnen entziehen, die die Parteireihen immer wieder lichteten. Jahrzehnte später, in seiner Autobiographie, überging Wajda, der „Unbeugsame“, diese Episode mit einem Satz: „Ich war nie Parteigenosse“. Er hoffte, das Geschehnis sei längst vergessen. War es aber nicht.

Im Jahr 1948 wechselte der angehende Maler Wajda von der Kunsthochschule in Kraków zur Filmhochschule in Łódź. „In den 50er Jahren handelte es sich hierbei um eine ideologische Einrichtung. Die Filmhochschule war neu, hatte keine Tradition und sie sollte die neue sozialistische Filmelite erziehen. Eine ideologische Vorausabteilung, die die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen entscheidend mitprägen sollte“, schrieb Wajda.

Ein Gaukler macht sich an die Arbeit

Sein Debütfilm „Eine Generation“ von 1955 war noch ein Werk aus der Agitprop-Kiste der damaligen, dumpfen kommunistischen Indoktrination. Junge, heldenmutige kommunistische Widerständler kämpfen und sterben im besetzten Warschau, während die bürgerliche, verkommene Untergrund-Heimatarmee (AK), obwohl sie mehr Waffen und viel Geld hat, sich feige dem Kampf entzieht und im Grunde gemeinsame Sache mit den Nazis macht.

Doch bereits hier kam Wajdas handwerkliches Können zur Geltung. Er verpackte das Ganze in ein neorealistisches Kostüm, wie es die italienischen Meister des Genres, Visconti oder Rossellini („Rom, offene Stadt“), nicht besser hätten machen können. Zwar ergeht sich eine kommunistische Agitatorin immer wieder in ihren endlosen Tiraden, doch wenn sie schweigt, dann wirken die jungen Schauspieler auf der Leinwand, für die damaligen Begriffe, erfrischend natürlich, sehr untheatralisch. Eine stellenweise überaus dynamische, präzise und, für damalige Zeiten, einfallsreiche Kameraführung schuf einige Szenen, die unter die Haut gehen und längst Kultstatus haben. Ein schwer verdaulicher Propagandakloβ geriet so zu einem künstlerischen „Ereignis“.

Fragment aus „Eine Generation“. Die jungen Kommunisten helfen einem Trupp jüdischer Kämpfer, der sich während des Aufstandes im Warschauer Ghetto im April-Mai 1943 durch die Kanalisation auf die „arische“ Seite rettet. Für Jasio endet die Aktion tragisch. 

Was sich in „Eine Generation“ abzeichnete, sollte schon bald sein Markenzeichen werden. „Wajda ist ein Gaukler der Leinwand, ein Meister der Ablenkung, der es mit seinem hervorragenden handwerklichen Können versteht, eine Aneinanderreihung filmischer Zaubertricks in Filmkunst zu verwandeln. Die Zuschauer staunen über die weiβen Tauben, die der Illusionist aus dem Ärmel hervorzaubert, lassen sich von Wajdas Erzählstil verführen, die Botschaft bleibt unaufdringlich im Hintergrund, verliert jedoch dadurch keineswegs ihre Wirkung“, schreibt der Historiker und Filmkenner Tomasz Łysiak („Gazeta Polska“, 8. August 2012).

Therapie gegen die Freiheit

„Finis les rêveries, messieurs – „Genug der Träumereien, meine Herren“, das waren die Worte des Zaren Alexander II., als er im Mai 1856 Warschau besuchte. Dabei galt der junge Monarch, im Gegensatz zu seinem tyrannenhaften Vater Nikolaus I., als Reformer. Eine Abordnung polnischer Honoratioren bat ihn, Polen innerhalb des Zarenreiches etwas mehr Autonomie zuzugestehen. Vergeblich.

„Genug der Träumereien”, das war auch jahrzehntelang Wajdas Botschaft an seine Landsleute.

„Ich habe versucht den Zuschauer davon zu überzeugen, dass man nicht kämpfen sollte, wenn man nicht im Recht ist. Man soll nicht zum Schlag ausholen, bevor man nicht überlegt hat, ob ein solches Ausholen Sinn macht. Wir haben den Menschen die Überzeugung von der Richtigkeit einer solchen Haltung eingebläut. (…) Wir nehmen unsere Arbeit ernst. Sie ist eine Art Therapie“, so Wajda 1962.

Zu therapieren galt es die polnische Gesellschaft, sie zu befreien von dem angeblichen „polskie szaleństwo“, dem „polnischen Wahnsinn“ des ständigen Strebens nach Freiheit und Unabhängigkeit, koste es was es wolle. Eine Gesellschaft, deren Zustand nach 1945 der Historiker und Literaturkritiker Jan Józef Lipski so beschrieb: „Der Schock nach dem Ende des Krieges war für Polen schrecklich. Polen, das erste Land, das sich Hitler entgegengestellt hatte. Die Polen, ein Volk das an vielen Fronten des Krieges gekämpft hat. Polen, ein Land, das einen mächtigen Staat und eine Armee im Untergrund aufbaute. Es wurde von den eigenen Verbündeten, Groβbritannien und den USA, an den sowjetischen Angreifer ausgeliefert. Es war ein schreckliches Erlebnis und eine Demütigung, mit einer Schlinge um den Hals, an den Sattel des Siegers geknüpft, in sein eurasisches Imperium gezerrt zu werden.“

Den polnischen Kommunisten gelang es, nur dank der militärischen Unterstützung des Sowjets, bis Ende der 40er Jahre den bewaffneten Widerstand gegen ihre Tyrannei im Land zu brechen. Jetzt galt es das geistige Rückgrat des Widerstands zu brechen.

Die Polen sollten sich in ihrem Käfig endlich einrichten, Ruhe geben, „Träumereien“ abschwören, sonst konnte es für sie noch viel schlimmer kommen. Da war es wichtig, Symbole und Ereignisse, die den polnischen Selbstbehauptungswillen verkörperten zu zerstören, sie als längst überholt und grotesk darzustellen, sie lächerlich und letztendlich vergessen zu machen. Die gesamte kommunistische Propaganda, die Literatur, die Erziehungs- und Schulprogramme waren darauf ausgerichtet.

Mit Säbeln auf deutsche Panzer

Wajda war mit Herzblut dabei. Im Film „Lotna“ (1959), dem ersten polnischen Farbfilm, der vom Verteidigungskrieg 1939 handelt, reiten polnische Kavalleristen (Fragment hier zu sehen) eine Attacke gegen deutsche Panzer und versuchen sie mit ihren Säbeln zu zerschlagen. Zwar hatte es nachweislich während des ganzen „Polenfeldzuges” nie einen solchen Vorfall gegeben. Wajda griff dennoch das von Goebbels oft genutzte Propagandabild auf, um die angeblich „typisch polnischen” Eigenschaften: Selbstüberschätzung und Fanatismus noch krasser darzustellen und zu geiβeln. Den kommunistischen Propagandisten war es nur recht.

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Laut Wajda „typisch polnisch“: mit dem Säbel gegen Panzer. Szene aus „Lotna“.

Im Film „Kanal“ (1957) irrt im September 1944 ein Trupp Warschauer Aufständischer durch die unterirdischen Abwasserkanäle und kommt elend um im flieβenden Unrat. Es wird ein Inferno dargestellt, in Bildern von unvergesslicher Prägung. Die Kamera guckt genau hin, als in dem flieβenden, ekelhaften Auswurf die rogatywka treibt, die traditionelle Eckenmütze des polnischen Militärs. Sie gehört einem schwerverwundeten, aufständischen Obristen, den der Trupp unterwegs findet. Mit dem Abzeichen des gekrönten Adlers versehen, von den Kommunisten ohnehin als „nationalsitsich“ abgeschafft, geht das hochgeschätzte Nationalsymbol nun endgültig in der Jauche unter.

„Man hat mir Nihilismus, übertriebene Schwarzseherei, Verachtung für den Heldenmut vorgeworfen. Diese Anschuldigungen trugen Reaktionäre in meinem Land vor, die aus dem Aufstand ein Heiligtum gemacht haben. (…) Der Warschauer Aufstand von 1944 war ein politischer Fehler und, militärisch gesehen, ein Wahnsinn. Was konnte anderes dabei herauskommen. Wahnsinn und Torheit töten die handelnden Personen meines Films in den Abwasserkanälen, am Abgrund der Verzweiflung, ohne Sinn und Notwendigkeit“, klagte Wajda 1958 ausgerechnet in einem Interview für die sowjetische Zeitschrift „Literaturnaja Gazeta“.

Man beachte: schuld sind nicht die Deutschen, die den Polen die Freiheit raubten und ihren Aufstand mit unvorstellbarer Brutalität niederwarfen. Schuld sind auch nicht die Sowjets, die auf dem anderen Weichselufer abwarteten, bis die Deutschen ihr Werk vollbracht hatten. Schuld sind in Wajdas Augen die Opfer selbst.

Schön im Joch bleiben

In „Asche und Diamant“ (1958) stirbt der schwer verwundete, antikommunistische Kämpfer Maciek Chełmicki elend auf der Müllhalde (der Geschichte?). „Die kommunistische Propaganda benutzte jahrzehntelang Wajdas groβes Talent, um die Polen daran zu erinnern, dass es aus dem Moskauer Joch kein Entkommen gibt“, schreibt Piotr Semka („Do Rzeczy“- „Zur Sache“, 17. Oktober 2016).

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„Asche und Diamant“ (1958). Antikommunisten krepieren elend auf der Müllhalde (der Geschichte?).

Der Filmkritiker der „Neuen Züricher Zeitung“ sah das schon vor einem halben Jahrhundert, im Oktober 1959, ähnlich. Er schrieb nach der Vorführung von „Asche und Diamant“: „Künstler wie Andrzej Wajda, und er ist zweifelsohne ein Begabter, sind, egal ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht, Boten des geschickt wirkenden Sowjetsystems. Sie werden als Verführer in den Westen geschickt. Die Partei führt sie an der Leine. Sie gewährt ihnen etwas Narrenfreiheit und pfeift sie zurück, wenn sie allzu übermütig werden. Diese jungen Leute (Wajda war damals 33 Jahre alt – Anm. RdP) sind, gerade wegen ihrer Biegsamkeit und vermeintlichen freien künstlerischen Aussage, viel gefährlicher als die langweiligen, behäbigen Barden des sozialistischen Realismus. Es genügt nur, sich Wajdas Filme anzuschauen, um sich davon zu überzeugen“.

Eindreschen macht müde

Je mehr Preise und Anerkennung der Regisseur bekam, umso hartnäckiger pochte er auf den Status des nationalen Wegweisers. „Wajda fühlte sich von Anfang an als die Stimme der aufgeklärten Elite der polnischen Gesellschaft und trat in ihrem Namen auf“, stellt Janusz Wróblewski in der Zeitschrift „Polityka“ (19. Oktober 2016) fest. „Wajda strebte die Position eines nationalen Propheten an, der am besten weiβ, was für die unvernünftigen, kindischen Polen gut ist“, ergänzt Krzysztof Kłopotowski in „Do Rzeczy“ (17. Oktober 2016).

Wajda konnte es nicht lassen. Nach der Premiere seiner Verfilmung (1973) eines der wichtigsten Dramen der polnischen Literatur, der „Hochzeit“ (1901) von Stanislaw Wyspiański, schrieb der Dichter und antikommunistische Dissident Antoni Słonimski resigniert: „Wyspiański träumte von einem freien Polen. Wyspiańskis Groll gegen die Polen der damaligen Zeit, den Schmerz, den er ihretwegen empfand, seinen beiβenden Spott, seine dichterische Abrechnung mit der eigenen Generation übertrug Wajda in die Sprache des Films. Oder besser gesagt, er übertrug es in Geschrei und Gestammel. Die Intellektuellen jener Zeit stellte er dar als eine Bande handlungsunfähiger Possenreiβer, denen in der dumpfen Verwirrung des Besäufnisses irgendwas in den Schädeln vorschwebte.“

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„Hochzeit“ (1973). Das weiβe Pferd, bei Wajda das Sinnbild für Polen, es verendet zu Tode geritten im Dreck…

Bei Wajda reitet Jasiek, der Bruder der Braut, im Auftrag des Hausherren, auf einem weiβen Pferd hinaus. Er soll die Bauern zum Aufstand gegen die Fremdherrschaft aufrufen, sich Gehör verschaffen mit einem goldenen Zauberhorn, das der legendäre Wanderprophet und Drehleierspieler Wernyhora gebracht hat. Jasiek jedoch verliert das Horn. Das weiβe Pferd, bei Wajda das Sinnbild für Polen, es verendet, von Jasiek zu Tode geritten im Dreck…

Wajda lebte seine nationalen Minderwertigkeitskomplexe bis zum Exzess aus. Das polnische Freiheitsstreben war bei ihm nur sinnlos, chaotisch, vergeblich, destruktiv, falsch geplant, absurd, anmaβend. Doch wie er es darzustellen verstand! Die besten Schauspieler mit Leib und Seele dabei. Die Schicksale beeindruckend, herzzerreiβend, tragisch. Die Bilder bewegend und einprägsam.

Doch das Eindreschen macht müde, und so gönnte sich Wajda immer wieder mal eine Auszeit, lieβ ab vom „polnischen Wahnsinn“. Dann drehte er schöne Streifen, wie „Die Schattenlinie“ (1976) nach dem gleichnamigen Roman von Joseph Conrad, „Die Mädchen von Wilko“ (1979) nach einer Erzählung von Jarosław Iwaszkiewicz oder „Der Dirigent“ (1980), in dem er die Hauptrolle John Gielgud, einem der herausragendsten englischen Theaterdarsteller des 20. Jahrhunderts anvertraute. Mit „Das gelobte Land“ (1975), einer Verfilmung des Romans von Władysław Reymont, schuf er sein mit Abstand bestes Filmwerk.

Solidarność mon amour

Im August 1980 erlebten Wajda, und mit ihm ein Teil der selbsternannten „aufgeklärten Elite“, die bisher für den „robol“ (eine verächtliche Ableitung von „robotnik“ – der Arbeiter) nur Geringschätzung übrig hatten, eine Art Erleuchtung, Verzauberung, gar Entzückung. Unter dem Eindruck der Massenstreiks an der polnischen Küste, und vor allem in der Danziger Werft, entbrannte Wajdas Liebe zu Solidarność. Der zum friedlichen Protest erwachten Arbeiterklasse empfahl sich der Regisseur mit seinem Film „Der Mann aus Marmor“ (1977), einer Abrechnung mit dem polnischen Stalinismus, die ihm das damalige Regime, in einem Augenblick der Unschlüssigkeit der Filmaufseher, zu drehen erlaubte.

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„Der Mann aus Hoffnung“ (2013). Wajda versucht die Figur Wałęsa wieder auf ihren einstigen Sockel zu hieven. Hier mit Wałęsa-Darsteller Robert Więckiewicz.

Im Jahr 1980 steckte sich Wajda kurzerhand das Solidarność-Abzeichen an sein Revers und verkündete, für Lech Wałęsa könne er ebenso Filme machen, wie auch dessen Chauffeur sein. Das meinte er ernst. Gut dreiβig Jahre später unternahm Wajda den filmischen Versuch, die durch beharrliche Selbsentblöβung zur Witzgestalt verkommene Figur Wałęsa wieder auf seinen einstigen Sockel zu hieven.

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Nicht einmal Wajda konnte auf Dauer das Renommee Lech Wałesas retten, einer inzwischen nur traurigen Figur, die keiner Peinlichkeit aus dem Weg geht.

Auf der Leinwand bekamen die Polen „Den Mann aus Hoffnung“ (2013) zu sehen, eine überzuckerte Geschichte vom einfachen Werftarbeiter, der im Alleingang den Kommunismus zu Fall brachte. In ihrer Erinnerung hatten sie zu diesem Zeitpunkt aber bereits Wałęsas katastrophale Präsidentschaft (1990 bis 1995) und seine, fast täglich in den Medien erscheinenden, grotesken, prahlerischen Darbietungen, die Berichte über seine Mitarbeit bei der Stasi und über eine Geldgier, die ihn vor den peinlichsten Auftritten nicht Halt machen ließ.

Nicht einmal ein Andrzej Wajda konnte auf Dauer das Renommee eines Lech Wałesa retten, der sich im Mai 2009 für fünfzigtausend Euro als Redner beim Römischen Kongress der EU-feindlichen Partei Libertas „einkaufen“ ließ und gleichzeitig den polnischen Nationalkonservativen ihre angebliche EU-Feindschaft zum Vorwurf machte.

In der bewegten Zeit der ersten Solidarność (August 1980 – Dezember 1981) drehte Wajda den „Mann aus Eisen“ eine Spielfilm-Hommage an die unabhängige Gewerkschaft. Premiere war im Juli 1981, gut vier Monate vor der Verhängung des Kriegsrechts und dem Verbot der Solidarność am 13. Dezember 1981 durch General Jaruzelski.

Comeback nach Zitterpartie

„Wenige Tage später erschien Andrzej Wajda im Arbeitszimmer des damaligen Kulturministers Józef Tejchma“, berichtete Jahre danach der Abteilungsleiter im Ministerium, Jerzy Bednarz, der bei dem Gespräch zugegen war. Etwa zehntausend Solidarność-Aktivisten waren interniert, das Ausnahmerecht mit Polizeistunde, Verhaftungswellen, Hausdurchsuchungen, Panzern und Militärposten auf den Straβen, der Schlieβung der Grenzen, das alles lag wie Blei auf dem Land.

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Wajdas Liebe zu Solidarność kühlte nach Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 deutlich ab. Die Gefängnisse waren voll, der Meister schwieg in Paris als Dank, dass ihn das Regime ausreisen lieβ.

Doch Solidarność-Fan Wajda kam nicht um zu protestieren. Der Unbeugsame „zitterte am ganzen Körper, verrenkte sich gleichzeitig zu immer neuen Verbeugungen, sah dem Minister tief in die Augen und bat inständig, der Ressortchef möge für ihn ein gutes Wort bei Innenminister Kiszczak einlegen.“ Nur Kiszczak konnte in den ersten Tagen des Kriegsrechts  verfügen, dass man Wajda einen Reisepass aushändigt. Der Meister wollte nach Paris, um an dem Film „Danton“ zu arbeiten.

Er bekam das kostbare Dokument. Als Gegenleistung schwieg Wajda einige Jahre lang eisern zur innenpolitischen Situation und der Menschenrechtslage in seinem Land, drehte wenig. Die Zeit zwischen 1982 und 1990 war zweifelsohne die unfruchtbarste in seiner Karriere.

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Mai 1989. Solidarność-Senatskandidat Wajda. Wahlplakat mit Chef.

Mitte 1989 wurde Solidarność wieder zugelassen und der begeisterte Andrzej Wajda engagierte sich für sie, als wäre nichts gewesen. Er kandidierte für die um Solidarność vereinigte Opposition für den Senat, die obere Kammer des Parlaments. Am wichtigsten jedoch war Wajdas Annäherung an Adam Michnik, seit 1989 der Guru und oberster Autoritätsverleiher in der selbsternannten polnischen „aufgeklärten Elite“.

Im Kampf gegen Dunkelpolen

Wajda widerfuhr das Schicksal der Antigone. Er hat seinen Vater nicht bestatten können. Hauptmann Jakub Wajda war 1939 in Ostpolen in sowjetische Gefangenschaft geraten. Im Frühjahr 1940 hatten ihn die Sowjets, nicht in Katyń bei Smolensk, sondern (im Rahmen derselben Massenmordaktion – insgesamt gut 24.000 getötete polnische Offiziere) in Charkow mit einem Genickschuss umgebracht.

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Andrzej Wajda (rechts, als Junge) mit Eltern. Hauptmann Jakub Wajda haben Sowjets im Frühjahr 1940 ermordet.

Wie Hamlet wusste Wajda wer die Mörder waren, doch rächen konnte er seinen Vater nicht. Mehr noch, nur durch den permanenten Kotau vor dem kommunistischen System, das seinen Vater in den Tod geschickt hatte, konnte er seine künstlerischen Fähigkeiten entfalten. Wajda tat es. Er wollte nicht so enden wie Maciek Chełmicki aus „Asche und Diamant“.

Das Russland-Fürchten und das Russland-Lieben-Wollen verknüpften sich bei ihm zu einer Obsession. In der Wajda-Verfilmung des Nationalepos „Pan Tadeusz“ von Adam Mickiewicz (1999) ziehen die Polen an der Seite Napoleons schneidig in den Krieg gegen Russland und der weise Jude Jankiel schüttelt nur traurig den Kopf.

In „Zwischen Feuer und Asche“ (1965), einem Monumentalfilm, der auf dem gleichnamigen Roman von Stefan Żeromski basiert, stellen sich die Polen massenhaft auf die Seite Napoleons, in der Hoffnung er werde ihrem dreigeteilten Vaterland die Unabhängigkeit schenken. Doch sie werden in Spanien und auf Santo Domingo in Mittelamerika verheizt oder kehren, wie Rafał Olbromski, erblindet und in Stroh eingewickelt aus der eisigen Kälte Russlands zurück. „Genug der Träumereien”.

Die zwanzig Jahre (1918-1939) polnischer Unabhängigkeit endeten in einem Desaster, das Wajda psychisch nie überwunden hat. Am Ende seines von Vorsicht, vom Lavieren, Abwägen und Abwarten geprägten Lebens musste der Regisseur 2005-2010 erleben wie zwei polnische Politiker, die Brüder Lech und Jarosław Kaczyński, begannen, Marschall Piłsudski gleich, mit den Partnern Polens auf gleicher Augenhöhe zu sprechen. Er war überzeugt, das endet wieder mit einer Katastrophe und er reagierte wie eine Furie.

Für Adam Michnik, dessen „Gazeta Wyborcza“ unermüdlich den Kampf gegen „Dunkelpolen“ organisiert und anheizt, war Wajda ein politisch äuβerst wertvoller Verbündeter. Seine Stimme hatte Gewicht, und das warf der Regisseur nun uneingeschränkt in Adam Michniks Waagschale.

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Im Jahr 2000 bekam Wajda den Oscar für sein Lebenswerk. Briefmarke der Polnischen Post aus diesem Anlass.

Keine Spur mehr von der einstigen Zurückhaltung. „Wajda“, so Janusz Wróblewski in der „Polityka“ (19. Oktober 2016) „unterschrieb nun pausenlos Proteste und Appelle gegen: die Rückkehr des Religionsunterrichts in die Schulen und gegen die „braune Gefahr“, die Polen in die Fänge der Inkompetenz, des Antisemitismus, der Fremdenfeindlichkeit, der Homophobie treibt“. An diese Apokalypse glaubte Wajda wirklich.

Ministerpräsident Jarosław Kaczyńskis Partei Recht und Gerechtigkeit verlor bereits 2007 die Wahlen. Sein Nachfolger Donald Tusk war Wajdas Liebling. 2010 kam Staatpräsident Lech Kaczyński ausgerechnet bei Smolensk, auf dem Weg zu den Katyń-Feierlichkeiten, durch einen Flugzeugabsturz ums Leben.

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Satt um Staatspräsident Lech Kaczyński und die anderen 95 Opfer der Smolensk-Flugzeugkatastrophe, lieber um die gefallenen Sowjets trauern. Gesagt getan: April 2010, Wajda auf einem Rotarmistenfriedhof.

Der verblendete Wajda fegte alle Hemmungen beiseite. Schon am dritten Tag nach der Tragödie, die die Nation in eine Schockstarre versetzt hatte, protestierten er und seine Ehefrau öffentlich gegen die Bestattung des Präsidentenpaares auf dem Wawel in Kraków. Anstatt um die 96 Opfer des Flugzeugabsturzes zu trauern, so ihr Aufruf, sollten sich die Polen lieber auf die sowjetrussischen Soldatenfriedhöfe begeben, ihrer „Befreier“ gedenken und so die polnisch-russische Freundschaft pflegen.

Der Tod eines gekränkten

Der alte Herr verwandelte sich in einen ruhelosen Polit-Aktivisten, teilte unbarmherzig aus, doch, wie so oft, war das Einstecken nicht seine Stärke. Zugleich verlor Wajda zunehmend den Bezug zur polnischen Realität. Seine Hysterie steigerte sich ins Unermessliche. Nach dem Tod Lech Kaczyńskis, während des vorgezogenen Präsidentschaftswahlkampfes (Bronisław Komorowski gegen Jarosław Kaczyński) im Juni 2010, verkündete er allen Ernstes im Fernsehen, Polen befinde sich bereits in einem Bürgerkrieg. Fünf Jahre später, im Mai 2015, bei der Bekanntgabe des Wahlsieges von Andrzej Duda erfasste ihn und seine Frau blankes Entsetzten, was auf einem Foto festgehalten wurde.

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Blankes Entsetzten. Wajda mit Ehefrau am 24. Mai 2015 bei der Verkündung des Wahlsieges des nationalkonservativen Präsidentschaftskandidaten Andrzej Duda.

Andrzej Wajda starb als ein Gekränkter. Er, die Verkörperung der an grenzenloser Überheblichkeit krankenden „aufgeklärten Elite“, hatte es nicht geschafft seinen albernen und törichten Polen Vernunft beizubringen, wo er doch am besten wusste, was für sie gut ist. Ein fähiger Regisseur hat sich übernommen. Seine Belehrungen und Unkenrufe sind verstummt, seine Filme sind geblieben. Die meisten möchte man nicht missen.

Andrzej Wajda fand seine letzte Ruhestätte im Familiengrab auf dem Salwator-Friedhof in Kraków.

© RdP




Als Polengetreuer nach Dachau

Am 2. Juni 2016 starb Pfarrer Hermann Scheipers.

Bis zuletzt besuchte er deutsche Schulen, um von seinem Leben und Leiden unter den Nazis und den Kommunisten zu berichten. Gutmütig lächelnd beantwortete er Fragen der Schüler und jedes Mal erwähnte er die Namen seiner Mithäftlinge, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Stets brachte er auch einen Fetzen seines längsgestreiften Häftlingsanzugs mit, an dem das Zwangskennzeichen, ein rotes Dreieck angenäht war.

Über dem roten Winkel, mit dem politische Häftlinge gekennzeichnet wurden, prangte seine Lagernummer 24255. Dabei mied Scheipers von jeher tunlichst die Politik. Er widmete sich ganz und gar der Seelsorge, doch unter den Bedingungen der braunen und roten Diktaturen, die das Christentum ausrotten wollten, war genau das eine hochpolitische Angelegenheit.

Priester im Dritten Reich

Wie verstand er seine Berufung? Scheipers weigerte sich z. B. ins Priesterseminar im tiefkatholischen Münster einzutreten. „Dort gab es genug Geistliche. Ich wollte dorthin, wo Priester fehlten“. So ging Scheipers, im Jahr 1913 im münsterländischen Ochtrup geboren, ins Priesterseminar im sächsischen Meiβen, in eine Gegend, in der es nur 4 Prozent Katholiken und viel zu wenige Priester gab.

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Bischof Petrus Legge (1882-1951).

Geweiht wurde Hermann Scheipers 1937 von Bischof Petrus Legge, der kurz zuvor in seine Diözese zurückkehren durfte. Die Nazis hatten den „Volksschädling“ Legge 1935 wegen „fahrlässiger Devisengeschäfte“ zu einer hohen Geldstrafe verurteilt und zwei Jahre lang an der Ausübung seines Bischofsamtes gehindert.

Schnell wurden die braunen Dienststellen auf den jungen Pfarrer aufmerksam. Seine erste Pfarrei war in Wermsdorf in Sachsen. Sie umfasste etwa 150 Dörfer, in denen verstreut einzelne Katholiken lebten. Scheipers fuhr zu ihnen mit einem Wagen, den man ihm im Herbst 1939 beschlagnahmte, weil Scheipers diesen “zur Verbreitung einer dem Nationalsozialismus feindlich gesinnten Weltanschauung“ benutze.

1938 organisierte Scheipers in Wermsdorf ein illegales Treffen des katholischen Quickborn-Jugendverbandes, das von der Gestapo aufgelöst wurde. Ab diesem Zeitpunkt wurde eine Akte über ihn angelegt, Spitzel überwachten ihn auf Schritt und Tritt.

Keine Untermenschen

Schon bald nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurden polnische Zwangsarbeiter in die Gegend von Wermsdorf gebracht. „Sie waren schlecht untergebracht, bekamen sehr schlechtes Essen, wurden schlecht behandelt, mussten von früh bis spät schufteten, durften ihr Barackenlager in Mahles nicht verlassen, auch nicht am Sonntag, zur heiligen Messe“, berichtete Scheipers in einem Interview.

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Polnische Zwangsarbeiter. Schlecht untergebracht, schlecht verpflegt, schlecht behandelt.

„Ich habe mir damals gesagt: das sind keine Untermenschen, sie sind genauso Gotteskinder, wie die Deutschen. Wenn sie nicht zu mir dürfen, dann gehe ich eben zu ihnen, um den Gottesdienst zu feiern. Ich sprach kein Polnisch, aber ich hatte dort einen guten Übersetzer.“

Sein Mut wurde ihm zum Verhängnis. Am 4. Oktober 1940 kam die Gestapo. In der Begründung des Haftbefehls hieβ es: „Scheipers gefährdet die Sicherheit von Staat und Volk durch seinen freundlichen Umgang mit Vertretern einer feindlichen Nation“.

Das Grauen von Dachau

“Beim ersten Lagerappell in Dachau“, erinnerte sich Scheipers später, „wollte der SS-Mann wissen, warum ich hier sei. Ich habe geantwortet: »Wegen freundschaftlichen Umgangs mit Polen.« Daraufhin fragte der Wachmann: »Und wie alt war das Mädchen?«“

Priester wurden überwiegend in das Konzentrationslager im bayerischen Dachau eingewiesen. Im sogenannten Priesterblock waren 2720 katholische, evangelische und orthodoxe Geistliche aus ganz Europa untergebracht. 1780 von ihnen waren Polen. 1034 Geistliche überlebten Dachau nicht, davon stammten 868 aus Polen. Mehr dazu lesen Sie bitte hier.

Scheipers blieb in Dachau bis Ende April 1945, als es ihm gelang im Durcheinander der letzten Kriegstage zu flüchten. Seitdem legte er unermüdlich Zeugnis ab vom Grauen, das er selbst erlebt hatte und das er mitansehen musste.

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Pfarrer Alois Anditzki (1914-1943).

Anfang 1943 lag er zusammen mit dem sorbischen Priester Alois Andritzki in der Baracke für Typhuskranke. Im Sterben liegend, bat Andritzki einen Häftlingspfleger, ihm einen Priester zum Spenden der Heiligen Kommunion zu rufen und wurde von diesem mit den Worten: „Christus will er? Eine Spritze kriegt er!“ durch eine Giftinjektion getötet. Das berichtete Scheipers bei dem im Juli 1998 eröffneten Seligsprechungsprozess Andritzkis.

Den Roten ein Dorn im Auge

Nach dem Krieg kehrte Scheipers umgehend nach Sachsen zurück und wurde Gemeindepfarrer in Wilsdruff. Dort gelang es ihm 1953 tatsächlich bei den Behörden die Baugenehmigung für eine neue Kirche zu erwirken, die den Namen des Hl. Papstes Pius X. trägt. Es war das erste neu errichtete katholische Gotteshaus in der DDR und für lange Jahre auch das letzte.

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Kirche in Wilsdruff.

Vor allem die Jugendarbeit des rührigen Pfarrers war den roten Behörden, wie Jahre zuvor bereits den braunen, ein Dorn im Auge. Als er Anfang der 90er Jahre in seine Stasiakte einsah, erfuhr er, dass man ihm in den 60er Jahren den Prozess wegen „staatsfeindlicher Betätigung“ machen wollte. Fünfzehn Stasi-IMs wurden angesetzt, um ihn auszuhorchen.

In Anerkennung seiner Verdienste für Polen zeichnete ihn 2013 Staatspräsident Bronisław Komorowski mit dem Kavalierskreuz des Verdienstordens der Republik Polen aus.

Hermann Scheipers starb im Alter von 102 Jahren als letzter lebender Priesterhäftling von Dachau. Er war dorthin gelangt, weil er als deutscher Pfarrer seinen polnischen Glaubensbrüdern als Seelsorger dienen wollte.

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Hansdampf umgarnt die Massen

Am 21. Dezember 2015 starb Pater Jan Góra.

Für die Meisten war er ein Seelsorger und Visionär mit großer Ausstrahlung, der hunderttausende Jugendlicher, trotz aller Widrigkeiten und Ablenkungen der Moderne, für das Wort Gottes begeistern konnte. Es hieβ aber auch, er sei der Bürgerschreck der katholischen Kirche in Polen: eingebildet, eigensinnig, eigenmächtig, engagiert. Zweifelsohne war er einer der bekanntesten polnischen Geistlichen, vor allem, weil er niemanden gleichgültig lieβ.

Das unermüdliche Tun solcher Priester wie Jan Góra (fonetisch Gura) ist es, dass Leute wie den führenden Neomarxisten Polens, Sławomir Sierakowski in der linken „Gazeta Wyborcza“ (16. Januar 2016) entmutigt feststellen lässt: „Ohne die Schwächung der katholischen Kirche wird es keine nennenswerte Wählerschaft der Linken in Polen geben.”

An dieser Schwächung arbeiteten in der jüngsten Geschichte bereits nachhaltig und kontinuierlich: die deutsche Besatzungsmacht zwischen 1939 und 1945, die etwa fünftausend polnische Priester, Mönche und Nonnen in den Tod schickte (jeden fünften katholischen Geistlichen des Landes). Die sowjetischen und polnischen Kommunisten mit ihrer brutalen Atheismuspolitik. Nach 1989, die plötzliche Hinwendung zu Markt und Konsum, und mit ihr die klare „moderne“ Botschaft solcher Leute wie Sierakowski und der bis vor kurzem noch sehr einflussreichen „Gazeta Wyborcza“: Lieber Moneten als beten, Glaube und Kirche sind out.

Gewiss, die polnische Gesellschaft und mit ihr der polnische Katholizismus verändern ihr Gesicht, auch die Gläubigkeit polnischer Jugendlicher ist heute eine andere (wie diese aussieht, das kann man hier nachlesen). Vieles ändert sich in Polen, doch die Alltagsbeobachtung einer kraftvollen religiösen Vitalität, die von jungen Menschen mitgetragen wird, ist nach wie vor ganz bestimmt nicht trügerisch.

Glaube wie Luft und Wasser

Jan Góra wurde 1948 in Prudnik, einst Neustadt in Oberschlesien geboren. Mutter Helena, eine Textilarbeiterin, hatte ein Jahr zuvor Stanisław Góra, den Buchhalter der Fabrik, geheiratet. Beide waren polnische Vertriebene aus dem Osten des Landes, der 1945 endgültig an die Sowjets gefallen war. Sechs Kriegsjahre hatten sie schwer geprüft. Auf den kleinen Jan folgten schnell drei jüngere Brüder. „Der Glaube war in unserer Familie so selbstverständlich und allgegenwärtig, wie Luft, Wasser und Brot“, erinnerte sich Jahre später Pater Góra.

Geld war wenig vorhanden. Die Ferien verbrachte Góras ältester Sohn Jan regelmäβig auf dem Lande, in der Nähe der Stadt Tarnów, knapp dreihundert Kilometer östlich von Prudnik. Der Bruder des Vaters, ebenfalls mit dem Vornamen Jan, war dort Dorfpfarrer.

Der kleine Jan hat hautnah miterlebt, wie kommunistische Repressalien dem Priester das Leben schwer gemacht haben. Nach der Gleichschaltung aller Parteien, Verbände, Genossenschaften um 1948, war er, wie so viele andere Pfarrer, der einzige Fürsprecher, der den Dorfbewohnern geblieben war, in ihrer ständigen Auseinandersetzung mit der Willkür des kommunistischen Staates.

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Propaganda und Wirklichkeit. Landleben im kommunistischen Polen der 50er und 60er Jahre.

Dieser drückte den Bauern bei Nahrungsmitteln (Getreide, Kartoffeln, Schweine, Milch) immer höhere Zwangsabgaben (sog. Kontingente) zu Niedrigstpreisen auf. Wer sie nicht erbringen konnte, landete im Gefängnis, aus dem er nur herauskam, wenn er sich bereiterklärte der LPG (Kolchose) beizutreten.

Im Jahr 1956, im Zuge des politischen Tauwetters, das den Ostblock ergriffen hatte, endete die schlimmste Unterdrückung. Das Regime änderte seine Taktik. Statt auf Pseudo-Genossenschaften (LPGs), setzte es auf Staatsgüter. Diese erhielten jede erdenkliche staatliche Förderung, während den Privatbauern Kredite, knappe Maschinen, Kunstdünger, Baumaterial verwehrt wurden. Auf diese Weise sollten sie gezwungen werden ihr Land dem Staat gegen eine Altersrente zu überlassen. Das Ziel der endgültigen „Entprivatisierung“ der Landwirtschaft, die linientreue sowjetische und DDR-Genossen bei Polens Kommunisten ständig anmahnten, sollte hierdurch, auf Umwegen, erreicht werden.

Armut, Verfall, Ungerechtigkeit, Willkür, Landflucht, das Leben auf dem Dorf im Polen der 50er und 60er Jahre war sehr hart. Der Wille Priester zu werden keimte bei Jan sehr früh auf, aber eines Tages solchen Widrigkeiten die Stirn bieten zu müssen wie der Onkel, das überstieg in seiner Vorstellung damals noch seine Kräfte. Vergeblich hoffte Onkel Jan, der Neffe würde auf ein reguläres Priesterseminar gehen und später Gemeindepfarrer werden. Stattdessen klopfte Jan Góra im August 1966 an die Pforte des Dominikaner-Klosters in Poznań. Sechs Jahre später legte der 24-jährige sein ewiges Mönchsgelübde ab, nach weiteren drei Jahren erhielt er die Priesterweihe.

Ein Kumpel der fordert

Er war tief gläubig, aber Demut war nie seine Stärke. Góras Glück waren seine Vorgesetzten, die sein Temperament und seinen Tatendrang zum Wohle der Kirche und des Kirchenvolkes zu nutzen wussten. Von allen Seiten durch den kommunistischen Staat bedrängt, von der Nation verehrt und in die ungewollte, aber wahrgenommene Rolle der Fürsprecherin der Freiheit gedrängt, musste die Kirche ständig improvisieren. Dabei war Pater Góra in seinem Element.

Góra hoffte, die Dominikaner würden ihn weiter studieren lassen. Das bereits absolvierte Theologiestudium allein genügte ihm nicht. Doch stattdessen landete er 1975 im mittelpolnischen Tarnobrzeg (fonetisch Tarnobscheg), einer heute knapp fünfzigtausend Einwohner zählenden Stadt, in deren Nähe die Kommunisten damals gerade Europas gröβten Schwefeltagebau in Betrieb genommen hatten. Nach 1989 unrentabel geworden, hat sich dieses Gebiet inzwischen in eine Seenlandschaft verwandelt.

Als Pater Góra dort eintraf wurde die Kleinstadt, mit damals nicht einmal zwanzigtausend Einwohnern, von einem Ring aus Plattenbau-Siedlungen für zugezogene Arbeitskräfte umgeben. In den neu entstandenen Siedlungen durften, wie damals auch anderswo in Polen, natürlich keine Kirchen gebaut werden. Je weiter und beschwerlicher der Weg zur Kirche, umso weniger Kirchgänger, so das Kalkül der Kommunisten.

Pater Jan sollte hier den Religionsunterricht unterstützen. Den  hatten die Behörden bereits 1961 aus den Schulen verbannt, er durfte nur noch nachmittags in den Gotteshäusern stattfinden. Damit wollte der Staat die Kirche treffen, erreichte jedoch das Gegenteil. Denn auf diese Weise verlor er die Kontrolle über die Katechese und der freiwillige Gang zum Religionsunterricht wurde unweigerlich zu einer bewussten und demonstrativen politischen Geste.

Weiβe Kutte, lange Haare, abgetragene Wrangler-Jeans (ein in der kommunistischen Mangelwirtschaft schwer erfüllbarer Traum eines jeden jungen Polen), Turnschuhe, häufig einen kessen Spruch auf den Lippen, Pater Jan wurde schnell zum Idol der Jugend in Tarnobrzeg. Alle wollten in seinen Religionsunterricht, seine Gottesdienste waren übervoll. Er predigte kurz und prägnant, statt der Orgel erklangen Gitarren. Lange bevor das Klingelzeichen des Messdieners den Beginn der Jugendmesse verkündete, verscheuchte Pater Jan ältere Frauen aus der Kirche: „Geht nur, geht. Ihr könntet sonst noch den Glauben verlieren.“

Sich einschmeicheln, sich anbiedern, das war ihm fremd. Er war witzig und kumpelhaft im Umgang, oft lässig im Auftreten, zugleich aber stets klar in seinen Aussagen, wenn es um die katholische Morallehre ging. Vor den jungen Leuten stand ein missionierender Enthusiast, dem man es auf Anhieb ansah, dass er sie versteht, dass sie ihm wichtig sind, dass er sie nicht im Stich lässt, auch wenn er ihnen immer wieder mal die Leviten las.

Den Behörden in Tarnobrzeg war er zu erfolgreich. Sie bedrängten den örtlichen Bischof so lange, bis Pater Jan, nach drei Jahren, zu seinen Dominikanern nach Poznań zurückbeordert wurde.

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Dominikaner-Kirche in Poznań.

Jetzt hatten die kommunistischen Behörden in Poznań ein Problem mehr. Die geräumige Dominikaner-Kirche im Stadtzentrum war zwischen Ende der 70er und Ende der 80er Jahre an jedem Sonntag um 17 Uhr brechend voll. Dicht an dicht lauschten Schüler und Studenten den Predigten von Pater Jan.

Unter ihnen die drei Gymnasiasten: Paweł Kozacki, Tomasz Dostatni und Wojciech Prus. Der Erste von ihnen ist heute Prior aller polnischen Dominikaner, der Zweite – Pfarrer und namhafter katholischer Publizist, der Dritte, ebenfalls ein Mitbruder, leitet den Dominikaner-Verlag in Poznań. „Ich wollte so sein wie Góra“, sagt Prus heute.

„Darf ich mich mit Ihnen anfreunden?“

Als Kind lernte Jan Góra während seiner Ferienaufenthalte in der Gegend von Tarnów auch das verfallene Dorf Jamna kennen. Im Zuge einer Antipartisanenaktion hatten deutsch-ukrainische Unterverbände der SS-Division „Galizien“ Jamna Ende September 1944 niedergebrannt, die Einwohner wurden ermordet. Geblieben war auf einer Anhöhe das ruinierte, alte Schulgebäude. Ein verlassener Ort.

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Jamna, eines von Pater Góras Werken: von Deutschen im Krieg niedergebranntes Dorf in Jugend-Seelsorge-Zentrum „Respublica Domincana“ verwandelt.

1992 schenkte die Gemeinde den Dominikanern aus Poznań diese Anhöhe. Nach und nach verwandelte Pater Jan Góra sie gemeinsam mit hunderten jugendlicher Helfer in das Jugend-Seelsorge-Zentrum „Respublica Domincana“. Die Schule und weitere verfallene Gebäude wurden renoviert oder neu gebaut. 2001 war die Holzkirche fertig, errichtet im schönen, ortsüblichen Baustil der Goralen, der Berghirten- und Bauern, die die hohe Tatra und die Vortatra-Region bewohnen. Studenten, Pfadfinder, aber auch Jugendliche, die Probleme haben und die Seelsorge der Dominikaner in ganz Polen in Anspruch nehmen, gehen in Jamna das ganze Jahr über ein und aus.

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Neue Kirche in Jamna.

„Es gibt vier Personen, die aus Nichts etwas machen können: die Dreifaltigkeit und Jan Góra.” Dieser Ausspruch passte sehr gut zum Aquarell, das in seinem Arbeitszimmer hing. Demutsvoll beichtete darauf ein Mann dem Dominikaner-Pater seine Sünde: „Ich habe Pfarrer Jan nicht geholfen.“

Jan Góra wurde nie müde zu verkünden, die Dominikaner seien ein Bettelorden und er habe das Betteln perfekt zu beherrschen gelernt. Traf er vermögende Leute, dann lieβ er seinen Standardspruch hören: „Darf ich mich mit Ihnen anfreunden?“ Er liebte es zu erzählen, wie er Lednica dank Damenhöschen gekauft hat.

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Ob Esel, Unternehmer oder Papst. Es gab niemanden, den Pater Góra in seine Werke nicht einspannen konnte.

Eines Tages kam eine Dame zu ihm, die ihr Herz erleichtern wollte. Nach einem längeren Gespräch zeigte Góra ihr ein Schreiben von Johannes Paul II., in dem der Papst dessen Vorhaben segnete. „Ich habe den Segen, aber ich habe kein Geld“, sagte Pater Góra zu ihr. „Und ich habe Geld, aber keinen Segen“, antwortete die Frau. Sie erzählte ihm, sie habe eine Firma die Damenunterwäsche herstelle. Pater Góra daraufhin: „Darf ich mich mit Ihnen anfreunden?“. Zwei Tage später fertigte der Notar zu Gunsten der von Pater Góra ins Leben gerufenen Stiftung eine Urkunde über den Erwerb von 40 Hektar Land in der Nähe des Lednica-Sees aus.

Lednica war sein gröβtes Werk

Das katholische Lednica-Jugendfestival war Pater Góras liebstes Kind und sein gröβtes Werk. Es findet seit 1997 am ersten Samstag im Juni statt. Neunzehnmal rief er die Jugendlichen auf, zu den Wiesen zwischen Poznań/Posen und Gniezno/Gnesen, zum gröβten katholischen Jugendtreffen der Welt ohne Anwesenheit des Papstes zu kommen.

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Der Fisch von Lednica als Tor und als Altar.

Es ist ein geschichtsträchtiger Ort, denn auf der Insel Ostrów im Lednica-See lieβen sich der polnische Fürst Mieszko I. und sein Hofstaat im Jahr 966 taufen. Die Geschichte des polnischen Staates nahm so ihren Anfang. „Hier hat Polen Christus gewählt. Auch ihr habt das gemacht, als ihr herkamt“, rief Pater Góra jedes Mal zur Begrüβung den jungen Menschen zu, die durch das groβe Tor strömten, das dem christlichen Symbol des Fisches nachempfunden ist. Es dient auch als Altar.

Die während der ganzen Nacht stattfindende Gebetswache ist voller Musik, Tanz, Symbole. Hunderte von Priestern, Mönchen, Nonnen sind dort als Ansprechpartner zugegen. Am Rande wirde gebeichtet, gebetet, geredet über Gott und die Welt.

Am 2. Juni 1997 kreiste der Hubschrauber mit Johannes Paul II. an Bord über den Wiesen von Lednica und Zehntausende winkten ihm zu. Der Papst war wieder einmal zu Besuch in seinem Heimatland. Eingebunden in ein dichtes Programm, wollte er auf Pater Góras Bitten hin, wenigstens mit dieser Geste zeigen, wie wichtig ihm die Jugend von Lednica ist.

Pater Góra bewegte Himmel und Erde, um die Jugend zum Kommen zu bewegen. Fallschirmspringer landeten auf den Lednica-Wiesen, Kunstflieger zeigten ihr Können. Das eine Mal bekam jeder Teilnehmer eine Lebkuchenpackung, dann wiederum ein kleines Messingkreuz, ein buntes Halstuch oder einen Brevier. Ganz Polen schrieb für Lednica per Hand die Bibel ab. Góra setzte den bereits gebrechlich gewordenen Primas von Polen Józef Glemp in ein wackeliges Boot, um eine brennende Fackel von der Insel Ostrów zu den Wiesen zu bringen. Einmal wollte er Mini-Weinfläschchen verteilen, benötigte dafür einhunderttausend kleine Korken. Er schrieb an den Bischof im portugiesischen Porto, wo Korkeichen wachsen, und bekam was er brauchte.

Auch den Papst verstand er für seine Ideen zu begeistern

Selbst Johannes Paul II. hatte Pater Góra sich um den Finger gewickelt. Der Papst bewunderte sein Engagement, seine verrückten Ideen, seinen Erfolg bei der Jugend. Schlieβlich ging es um die Zukunft der Kirche. So lange er lebte, nahm er jedes Jahr eine kurze Rede auf, die bei der Eröffnung von Lednica abgespielt wurde. Er segnete die Geschenke für die jungen Pilger, aber das alles war Pater Góra zu wenig.

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Pater Góra und Johannes Paul II: „Kann mir jemand sagen weshalb ich mich auf diesen Kerl eingelassen habe?“

Bei einem der privaten Mittagessen, zu dem er im Vatikan hinzu gebeten wurde, bat er den Papst einen Abguss von dessen Hand nach Polen mitnehmen zu dürfen. Am Abend tauchte Johannes Paul II. die rechte Hand in ein Gefäβ mit flüssigem Silicon. Mit dem Zeigefinger der linken Hand klopfte er gegen seine Stirn und fragte lachend seinen Sekretär Pater Dziwisz: „Kann mir jemand eigentlich sagen weshalb ich mich auf diesen Kerl eingelassen habe?“
Im Seelsorge-Zentrum von Lednica gibt es ein kleines Johannes-Paul II.-Museum. Der Abguss ist dort nicht zu übersehen.

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Bei Pater Góras Wirken und Werken hatte Johannes Paul II. seine Hand oft im Spiel. Der Abguss der Papst-Hand in Lednica soll daran erinnern.

In seinem Leben forderte er stets Höchstleistungen von sich, schonte sich nicht. Er starb so wie es einem Priester wie ihm zustand: vor dem Altar, während er die Messe zelebrierte.

Pater Jan Góra fand seine letzte Ruhestätte auf den Lednicer Wiesen. Staatspräsident Andrzej Duda verlieh ihm posthum das Groβkreuz des Ordens der Wiedergeburt Polens (Polonia Restituta). Das Lednica-Jugendfestival wird 2016 zum zwanzigsten Mal stattfinden. Das erste Mal ohne ihn.

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© RdP




Herr aller Agenten

Am 5. November 2015 starb Czesław Kiszczak.

Das Böse hat viele Gesichter. Manchmal erscheint es in Gestalt eines gut aussehenden, beredten und höflichen kommunistischen Polizeiministers, der sich so zuvorkommend und jovial gibt, dass sogar seine Opfer diesem Charme erliegen. Prominentestes Beispiel: Adam Michnik, einst namhafter Dissident und Bürgerrechtler.

Michnik und Kiszczak lernten sich erst im Frühjahr 1989 bei den Gesprächen am runden Tisch persönlich kennen. Bald darauf begann man sich, in kleiner Runde, am Rande der Verhandlungen, zu internen Konsultationen beim Wodkatrinken zu treffen. Vor kurzem noch Kiszczaks Häftling, prostete Michnik, im Beisein Lech Wałęsas und einiger anderer Solidarność-Gröβen, dem obersten Gefängniswärter zu: „Ich trinke, Herr General, auf eine Regierung, in der Lech Wałęsa Ministerpräsident und sie Innenminister sein werden“.

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Von links: Lech Wałesa, Adam Michnik und Kiszczak stoβen an. Frühjahr 1989.

Die Verbrüderung zwischen einem wesentlichen Teil der wichtigsten „Solidarność“-Aktivisten, ihren intellektuellen Beratern und dem „flexiblen“, „marktorientierten“, sprich: wetterwendischen Teil der kommunistischen Elite, nahm ihren Anfang. Dreizehn Jahre später, 2001, bescheinigte Adam Michnik seinem einstigen Peiniger „ein Mann der Ehre“ zu sein. Denselben Satz gab er dem General nach weiteren vierzehn Jahren mit auf den Weg ins Jenseits. Adam Michniks Verständnis von „nationaler Versöhnung“ war und bleibt in Polen sehr umstritten.

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Frühjahr 1989. Mittagspause am Runden Tisch. Die Anfänge der „nationalen Versöhnung“. Von links: Tadeusz Mazowiecki, Czesław Kiszczak, Adam Michnik (stehend) und Lech Wałęsa.

 Sowjet-Freibrief für eine Stasi-Karriere

Sein ganzes Berufsleben verbrachte Kiszczak (phonetisch: Kischtschak) in den finsteren Labyrinthen der kommunistischen politischen Polizei, vor allem bei ihrem militärischen Ableger, der Armee-Staatsicherheit. In den Anfangsjahren (1945-1956) der kommunistischen Volksrepublik Polen, als Kiszczak dort seine Karriere begann, wütete diese noch grausamer als die zivile Staatssicherheit.

Czesław Kiszczak wurde 1925 im Dorf Roczyny, knapp 60 km südwestlich von Kraków, geboren. Seinen Vater, einen Hüttenarbeiter, hatte man in den 30er Jahren wegen kommunistischer Umtriebe mehrere Male entlassen.

Kiszczak war sechzehn, als ihn die Deutschen, Anfang 1941, nach einer Razzia, zur Zwangsarbeit nach Breslau/Wrocław verschleppten. Bald darauf steckten sie ihn in ein Arbeitslager in der sogenannten Błędów-Wüste, am östlichen Rand Oberschlesiens. Auf dem gut 30 Quadratkilometer groβen, sandigen Gelände übten damals Teile des Deutschen Afrikakorps für ihren Einsatz. Ein paar Hundert Polen mussten dabei niedrige Arbeiten für die Truppe verrichten. Danach brachte man sie zum Kohleabbau in die „Preussengrube“ im oberschlesischen Mechtal/Miechowice. Von dort gelang es Kiszczak ins anliegende Generalgouvernement zu fliehen. Er tauchte in Kraków unter, geriet Mitte 1944 jedoch erneut in eine deutsche Razzia und wurde wieder zur Zwangsarbeit verpflichtet, dieses Mal auf dem Eisenbahngelände in Wien-Hütteldorf.

Kiszczak Wiedeń
Mit der Eroberung Wiens durch die Sowjets 1945 begann Kiszczaks Stasi-Karriere.

Ein Kroate vermittelte ihn dort an eine kommunistische Untergrundgruppe. Als die Sowjets am 7. April 1945 einrückten, halfen Kiszczak und seine österreichischen Genossen angeblich dabei eine kleine russische Panzerkolonne, auf Umwegen, hinter die nahe gelegenen deutschen Stellungen zu bringen. Das Vorhaben gelang. Wurde Kiszczak damals von der sowjetischen politischen Polizei NKWD angeworben? Auf dem Rückweg nahm er jedenfalls das Schreiben eines hohen russischen Offiziers mit. Es öffnete ihm nicht nur den Weg durch alle russischen Kontrollen, es war auch der Passierschein für eine lebenslange Stasi-Karriere im kommunistischen Polen. Der polnische Erich Mielke war geboren.

Als er im Mai 1945 wieder zu Hause ankam, wussten die entsprechenden Dienststellen bereits Bescheid. Kiszczak durfte sofort in die kommunistische Partei (PPR) eintreten, gelangte nach Łódź, zu einem dreimonatigen Lehrgang an der Zentralen Parteischule. Er beabsichtigte zu studieren, aber die Genossen wollten ihn in der Armee haben. Ein weiterer Lehrgang, diesmal für Polit-Offiziere, folgte. Das ihm durch die Sowjets entgegengebrachte Vertrauen, war somit, im November 1945, die beste Empfehlung für die Aufnahme in die Hauptverwaltung Information (Główny Zarząd – phonetisch: Saschond – Informacji – GZI).

Bei der GZI handelte es sich um die politische Polizei der Armee, fest in der Hand sowjetischer Berater. Es war ein Terrorinstrument, ständig auf der Suche nach „inneren Feinden“, das sich unermüdlich, einem monströsen Fleischwolf gleich, eine breite, blutige Schneise durch die Reihen der Armee bahnte.

„Die Hauptverwaltung Information, das war die Stasi hoch zwei (…). Leute, die zuerst durch die Gefängnisse der zivilen Staatssicherheit (Urząd – phonetisch: Uschond – Bezpieczeństwa – UB) gegangen waren, beteten wieder dorthin zurück zu gelangen, obwohl der berüchtigte Oberst Różański (phonetisch; Ruschanski) und seine Schergen dort wüteten, denn alles war besser als die GZI. Hier saβen die allerschlimmsten Sadisten und Mörder“, so der polnische Historiker Paweł Wieczorkiewicz.

Die GZI hatte ihre Dienststellen in allen Wehrkreiskommandos, Divisions- und Brigadestäben, Garnisonen und Militärschulen. 1952, mitten im Koreakrieg, zählte die Armee des kommunistischen Polens ca. 350.000 Mann. Für die GZI arbeiteten damals etwa 4.000 Beamte und ein Netz aus rund 24.000 Zuträgern unter den Offizieren, Soldaten und Zivilangestellten der Armee. Der Dienst verhaftete zwischen 1944 und 1956 etwa 17.000 Personen, von denen nicht ganz eintausend zu Tode gefoltert oder zum Tode verurteilt und in den Folterkellern hingerichtet wurden.

Ein Lamm unter Wölfen

Sowjetische Berater brachten ihm Ende 1945 das „A und O der Spionagebekämpfung bei“, so Kiszczak Jahrzehnte später. Er habe niemals jemanden gefoltert oder verhört, lediglich Zuträger angeworben und sie überwacht. Ja, er bekam Fragmente von Verhörprotokollen auf seinen Schreibtisch, aber wie diese zustande kamen, habe er nicht gewusst. Verhört wurde in den Kellern, um dorthin zu gelangen musste man einen Passierschein haben. Was da vor sich ging wusste er nicht. Auf diese Weise wusch Kiszczak nach dem Ende des Kommunismus in Interviews und Erinnerungen seine Hände in Unschuld. Ein Lamm unter Wölfen.

Bereits in ihren Anfängen bekam die GZI eine weitere wichtige Aufgabe zugewiesen: die Bekämpfung der Heimatarmee (Armia Krajowa – AK), der Untergrundarmee, die der Exilregierung in London unterstand und für ein demokratisches Polen nach dem Krieg kämpfte. Weiterhin ging es darum, die sich zwischen 1945 und 1947 in Auflösung befindenden polnischen Streitkräfte im Westen und die weitverzweigten Strukturen der Regierung im Exil zu unterwandern.

Dies war auch Kiszczaks erster groβer Auftrag. Im November 1946 wurde der gerade 21-Jährige nach London geschickt, in die dortige „Militärmission“ der Warschauer kommunistischen Regierung. Seine Aufgabe: die diskrete Begutachtung („Filtration“) polnischer Soldaten im Exil, die sich allen Warnungen zum Trotz, für die Rückkehr ins nun kommunistische Polen entschieden hatten.

Erst Anfang November 2016 wurden im Zentralen Militärarchiv in Warschau zufällig zwei Mappen mit etwa einhundert Seiten seiner Berichte aus Londin gefunden. Sie waren nirgenwo erfaβt und eigentlich hätten sie im Archiv des Instituts des Nationalen Gedenkens sein müssen, wo alle Akten der polnischen Stasi lagern.

Es sind genaue Schilderungen der Militäterlaufbahnen der Rückkehrer bei den polnischen Streitkräften im Exil, ihrer politischen Einstellungen, ihrer Lebenssituationen. Das alles landetet in der Warschauer GZI-Zentrale  noch bevor die Betroffenen aus England in Polen eintrafen. Kiszczak unterhielt im Londoner polnischen Exilantenmilieu ein Netz von bezahlten Zuträgern. Nicht selten veranlassten seine Berichte Durchsuchungen, Beschattungen, Verhaftungen und Folter.

Der Goldjunge

In London war Kiszczak dann auch an einem gaunerhaften Bravourstück der Warschauer Geheimdienste beteiligt. Drei hohe polnische Exil-Militärs: Gen. Stanislaw Tatar, Oberstleutnant Marian Utnik und Oberst Stanisław Nowicki wurden von der polnischen Exil-Regierung in London 1945 zu Treuhändern eines Schatzes bestimmt: 350 kg Gold und 2,5 Mio. US-Dollar. Beides sollte Kriegsveteranen zugutekommen.

Dieses zur damaligen Zeit enorme Vermögen war im Zuge einer Volksspenden-Aktion, die im Vorkriegspolen zwischen 1936 und 1939 durchgeführt worden war, sowie einer weiteren Sammlung unter den Amerika-Polen in der Kriegszeit, zum Zwecke der Aufrüstung der polnischen Streitkräfte, zusammengekommen. Das in der Vorkriegszeit gesammelte Bargeld (ca. 40 Mio. Zloty, damals ≈ 10 Mio. US-Dollar) war in Polen selbst bis zum Jahre 1939 bestimmungsgemäβ ausgegeben worden. Mutige Beamte der Polnischen Nationalbank schafften es dann im September 1939, in den Wirren des deutsch-sowjetischen Überfalls auf Polen, 350 kg Gold sowie 2.400 kg Silber aus der Volks-Sammlung , unter dramatischen Umständen, auβer Landes zu bringen.

Doch die drei Treuhänder von 1945 begingen Verrat. Geködert mit dem Versprechen im kommunistischen Polen in der Armee in hohe Ämter und Würden zu kommen, überlieβen sie den Schatz den Kommunisten. Der Militärattaché des kommunistischen Polens in London, Oberst Chojecki und seine Leute, zu denen auch Kiszczak gehörte, schmuggelten den Schatz in zwei Transporten, auf dem Luftweg, von London nach Warschau.

Die drei Verräter wurden dort zunächst mit allen Ehren begrüβt, jedoch kurz darauf verhaftet und anschließend, nach monatelangen, grausamen Untersuchungen, 1951 zu hohen Haftstrafen verurteilt. 1956 wurden sie rehabilitiert und entlassen. Der Schatz, den sie treuhänderisch verwalten sollten, hatte sich zwischenzeitlich in den dunklen Kanälen der mafiaähnlichen kommunistischen Machtstrukturen in Nichts aufgelöst.

Kiszczak Stanisław Tatar
Auf der Anklagebank 1951: Gneral Stanisław Tatar…

Kiszczak Marian Utnik
…Oberstleutnant Marian Utnik…

Kiszczak Stanisław Nowicki
…und Oberst Stanisław Nowicki.

Nach der gelungenen Operation „TUN“, so benannt nach den Anfangsbuchstaben der Namen der drei Überläufer, wurde Kiszczak im August 1947 aus London in die GZI-Zentrale abgezogen. Durch die Armee wälzte sich derweil eine Säuberungswelle nach der anderen. Offiziere der polnischen Vorkriegsarmee, Militärs die während des Krieges in der Heimatarmee oder bei den polnischen Streitkräften im Exil gekämpft hatten, Armeeangehörige mit falscher sozialer (d.h. „bürgerlicher“) Zugehörigkeit wurden ausfindig gemacht, oft denunziert, verhaftet, bestialisch gefoltert, in Schau- oder Geheimprozessen verurteilt.

Auch Kiszczak denunzierte um die eigene Haut zu retten. Denn, wer nicht anschwärzte, der legte keine „revolutionäre Wachsamkeit“ an den Tag. Einige seiner Londoner Kollegen kamen ihm im Nachhinein ziemlich verdächtig vor, alle landeten daraufhin im Kerker. Das geht aus fragmentarisch erhaltenen Akten hervor.

Im Juni 1951 übernahm der 26jährige Kiszczak die GZI-Dienststelle in der 18. Infanteriedivision in Białystok und wurde somit buchstäblich Herr über Leben und Tod von gut fünftausend Offizieren und Soldaten. Ob Mannschaften oder Kommandeure, allen schlotterten die Knie, wenn der GZI-Mann sie zum Gespräch zitierte.

Kiszczak rettet Jaruzelski. Der Beginn einer innigen Freundschaft

Im Oktober 1952 wurde Kiszczak nach Warschau zurückbeordert und zum Chef der Abteilung III gemacht, zuständig für die Überwachung der gesamten GZI-Tätigkeit im Wehrkreis I (Warschau) und die Begutachtung von Offiziersanwärtern sowie Offizieren, die aus der Armee verstoβen werden sollten.

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Erfahrungsaustausch. Innenminister und Stasi-Chef Czesław Kiszczak auf Besuch beim Amtskollegen Erich Mielke (2. v. r.) in Ostberlin 1988. Rechts Erich Honecker.

Zum Überwachungsauftrag gehörte auch die Militärakademie des Generalstabes. Mitte 2000 entdeckte der polnische Historiker Wojciech Sawicki in der Gauck-Behörde Kiszczaks (dort fälschlich „Kiszak“ geschrieben) Stasiakte (Nr. 1763) und in ihr ein Schriftstück, das aufgrund eines Gespräches in Warschau entstanden sein muss. Die Quelle wird nicht erwähnt.

MfS HA II/10 ZMA 1763, s. 92:
Quelle der HA I, Bereich Aufklarung der MfNV
14.3.1986
Anlage 2 Blatt 2
Waffengeneral Czesław K i s z a k , Minister des Innern
Die Entwicklung enger Beziehungen zwischen Waffengeneral Kiszak und Armeegeneral Jaruzelski begann Anfang der 50er Jahre, als Genosse Jaruzelski als Ausbildungsoffizier an der Militärakademie des Generalstabes tätig war.
Genosse Kiszak war zu dieser Zeit als Hauptmann für die Spionageabwehr an dieser Lehreinrichtung eingesetzt. Im Jahre 1952 wurde Genosse Jaruzelski von Hauptmann Kiszak als „Inoffizieller
Mitarbeiter” gewonnen, von ihm verpflichtet und zur Erfüllung von Abwehraufgaben genutzt. Die Zusammenarbeit wurde als sehr aktiv und wertvoll eingeschätzt.
Als Ende des Jahres 1952 der ehemalige Chef der Politischen Hauptverwaltung der Polnischen Armee, General Kasimierz Witaszewski, die Forderung stellte, den Genossen Jaruzelski aufgrund seiner bürgerlichen Herkunft aus der Armee zu entlassen, beschaffte Genosse Kiszak entsprechende Beweise für eine auβerordentlich positive Grundhaltung und Einstellung des Genossen Jaruzelski zu Staat und Armee.
Im Laufe der folgenden Jahre gab es stets enge Beziehungen zwischen den Genossen Kiszak und Jaruzelski. Besonders in der Zeit seiner Tätigkeit als Chefaufklärer der Polnischen Armee, versorgte Waffengeneral Kiszak General Jaruzelski und dessen Familie mit Waren aus dem Ausland, die er als Geschenke über die im Ausland tätigen Militärattachés beschaffen ließ.
Eine besonders enge Verbindung besteht zwischen den Ehefrauen von Armeegeneral Jaruzelski und Waffengeneral Kiszak, die bedeutend dazu beitragen, dass die Beziehungen zwischen beiden Familien nicht gestört werden.“ Soweit das Stasi-Dokument.

Jaruzelski, das wissen wir aus polnischen Stasiarchiven, war bereits seit Ende März 1946 Zuträger des GZI mit dem Decknamen „Wolski“ gewesen. Das geht aus einer 2005 aufgefundenen Agentenkartei hervor. Jaruzelskis „Arbeitsakte“ als Zuträger, mit seinen Denunziationen, wurde Ende der 80er Jahre allerdings vernichtet.

Kiszczak, 1952 aufgefordert Jaruzelskis Rausschmiss zu besiegeln, hatte ihn sicherlich nicht angeworben, denn dann hätte er nichts vorzulegen, sondern seine 1946 angelegte Zuträger-Akte angefordert. Sie muss so viele überzeugende „Verdienste“ des Agenten Jaruzelski aufgewiesen haben, dass auf seine Entfernung aus der Armee, trotz „bürgerlicher Herkunft“, verzichtet wurde.

Eine Hand wäscht die andere

Zwischen 1953 und 1957 verzeichnete Kiszczaks Karriere dann einen Knick. Er landete, offensichtlich aufgrund interner Intrigen, in der Ödnis der Finanzverwaltung des Verteidigungsministeriums. Jaruzelskis dienstliches Fortkommen dagegen verlor nicht an Tempo. Er wurde im Dezember 1953 zum Oberst, im Juli 1956 zum Brigadegeneral und Chef der Verwaltung aller Akademien und Schulungseinrichtungen der polnischen Armee befördert.

Es war eine bewegte Zeit. Im März 1953 starb Stalin, im Februar 1956 rechnete Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU in Moskau mit dessen Verbrechen ab. Ein politisches Tauwetter erfasste, in unterschiedlichem Maβe zwar, den gesamten Ostblock, am stärksten Ungarn, wo es zu einem Volksaufstand kam, und Polen, wo es dem neuen Parteichef Gomułka jedoch gelang die damalige explosive Lage unter Kontrolle zu bringen.

So kehrten die sowjetischen Berater heim. Die blutige GZI wurde in den Armee Innendienst (WSW) umgewandelt, in dem sich zugleich die Funktionen der Feldjäger, des militärischen Abschirmdienstes und der Armee-Staatssicherheit vereinten. Diesen neuen Dienst, zwar immer noch repressiv, aber nicht mehr folternd und mordend, sollte Kiszczak mit aufbauen.

Kiszczak Jaruzelski
General Wojciech Jaruzelski (links) und sein Inneminister Czesław Kiszczak (rechts) 1987 bei einem Besuch in Südostpolen.

Jaruzelski, zwischen 1957 und 1965, Chef der Szczeciner Garnison, ab 1965 Chef des Generalstabes und ab 1968 Verteidigungsminister, protegierte Kiszczak nach Kräften. Das Vertrauen der Sowjets tat sein Übriges dazu. Der Armee-Finanzverwaltung entkommen, wurde Kiszczak Chef des WSW-Dienstes in der Kriegsmarine, dann WSW-Chef im Wehrkreis Schlesien, der ganz Südwestpolen umfasste und schlieβlich stellv. WSW-Chef in Warschau.

Derweil wurde Parteichef Gomułka im Dezember 1970, in Folge der schweren Unruhen in Polens Küstenstädten, gestürzt. Die Nachfolge trat Edward Gierek an. Kiszczaks groβer Aufstieg erfolgte 1972. Verteidigungsminister Jaruzelski machte seinen Getreuen zum Chef der 2. Verwaltung des Generalstabes. Hinter dieser nichtssagenden Bezeichnung verbarg sich der militärische Auslandsgeheimdienst.

Der Chefspion ist überfordert

Das war zwar viel Ehre, aber die Last des Amtes überforderte den neuen Chef. Er war ein geübter Stasi-Mann, der bis dato durch seine Spitzel zu kontrollieren hatte, ob Offiziere inkognito in der Nachbargemeinde zur Sonntagsmesse gingen oder ihre Kinder taufen ließen, wer politische Witze in der Kantine riss, wer zu viel trank oder der Spielsucht verfiel. Das alles waren „Risikofaktoren“ der damaligen Zeit.

Jetzt hofften Jaruzelski und die Sowjets, der bis dahin eher erfolglose polnische militärische Auslandsgeheimdienst werde unter Kiszczak endlich wertvolles Material aus westlichen Rüstungsschmieden und Verteidigungsministerien liefern. Doch es blieb alles beim Alten.

Der polnische Historiker Prof. Sławomir Cenckiewicz, der wohl beste Kenner der Materie, beschreibt in seinen Publikationen die Misere. 1973 stammten z. B. gut 90% aller im Westen von polnischen Militärattachés und ihren Handlangern beschafften Unterlagen (Karten, Pläne, technische Beschreibungen usw.) aus legalen Quellen (Zeitungen, Zeitschriften, Buchhandlungen, Bibliotheken). Erfolgreicher waren Kiszczaks Agenten lediglich in der Bespitzelung der Auslandspolen („Unternehmen Skorpion“) und ihrer „feindlichen, antikommunistischen Tätigkeiten“. Ein Feld, das sie gemeinsam, jedoch oft auch in Konkurrenz und Streit, mit den als Diplomaten getarnten Agenten der zivilen Stasi (SB) beackerten. Überläufer versetzten Kiszczaks Dienst immer wieder schwerste Tiefschläge. Es war eine Katastrophe.

Man kann sich vorstellen, wie froh der leidenschaftliche Stasi-Mann gewesen sein muss, als er, wieder dank Jaruzelski, im April 1979 auf den Stuhl des obersten WSW-Chefs wechseln durfte. Im Land braute sich derweil über dem Regime Ungutes zusammen. Karol Wojtyła war schon seit einem halben Jahr Papst. Das machte den Polen Mut. Das im Westen hochverschuldete kommunistische Land war wirtschaftlich am Ende. Die groβen Streiks im Sommer 1980 fegten Parteichef Edward Gierek hinweg. „Solidarność“, die erste freie Gewerkschaft im Ostblock entstand und sollte sechzehn Monate lang, bis Dezember 1981, das Geschehen im Lande bestimmen.

Der Polizeiminister

Verteidigungsminister Jaruzelski, die letzte Hoffnung der Sowjets und einheimischer Kommunisten den fortschreitenden Zerfall des Systems aufzuhalten, wurde im Februar 1981 ebenfalls Ministerpräsident und im Oktober 1981 außerdem noch Parteichef. Seinen treuen Kiszczak machte er im Juli 1981 zum Innenminister und, bald darauf, zum Mitglied des Politbüros, des höchsten Gremiums der kommunistischen Partei.

Eigentlich hätte die Bezeichnung Polizei- statt Innenminister viel besser zu Kiszczaks neuer Funktion gepasst. Ihm unterstanden die Staatssicherheit (25.000 Beamte und 90.000 Zuträger), die Miliz (Polizei, 80.000 Beamte) mit ihren brutalen, kasernierten Bereitschaftskräften (13.000), die Grenzschutztruppen (15.000), die Truppen der inneren Sicherheit (20.000), der Bahnschutz (3.000) usw. Auch den militärischen Sicherheitsapparat WSW (8.000), den er eigentlich verlassen hatte, hatte Kiszczak mittels ihm ergebener Mitarbeiter, fest im Griff.

Kiszczak w gabinecie
General Kiszczak auf dem Höhepunkt seiner Macht 1984.

Kiszczaks wichtigste Aufgabe war es, die Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 insgeheim vorzubereiten und blitzschnell umzusetzen, und so „Solidarność“ ein Ende zu bereiten.

Das gelang. Kiszczak führte die Aufsicht, als etwa zehntausend Menschen in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1981 im gesamten Land schlagartig festgenommen wurden. Ganz Polen konnte durch massive Miliz- und Armeepräsenz, Sperren, Kontrollen, die Einführung der Polizeistunde, die Abschaltung der Telefone usw. lahmgelegt werden. Aber es gab Ausnahmen. So erschoss die Polizei am 16. Dezember in der Steinkohlegrube „Wujek“ in Katowice 9 Bergleute und verwundete 24, um einen Besetzungsstreik zu beenden.

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Von der Miliz am 16. Dezember 1981 erschossene Bergleute der Grube „Wujek“.

Weitere 39 Personen kamen bis zur formellen Aufhebung des Kriegsrechts im Juli 1983 um. Meistens wurden sie im Verlauf von Demonstrationen erschossen oder auf Polizeistationen zu Tode geprügelt. Allein bei den landesweiten Protesten und Unruhen am 31. August 1982 (2. Jahrestag der Unterzeichnung der Vereinbarungen in der Lenin-Werft in Gdańsk zwischen den streikenden Arbeitern und den kommunistischen Machthabern und somit der Entstehung der zwischenzeitlich verbotenen „Solidarność“) erschoss die Miliz im niederschlesischen Lubin/Lüben drei Menschen und verwundete knapp einhundert schwer.

Kiszczak Lubin 2
Erschossene Demonstranten in Lubin am 31. August 1982.

Kiszczak Lubin 1

Später wurden die oppositionellen Priester Jerzy Popiełuszko (Oktober 1984), Stefan Niedzielak und Stanisław Suchowolec (beide im Januar 1989), Sylwester Zych (Juli 1989) ermordet, ebenso wie der Bauernführer Piotr Bartoszcze (phonetisch: Bartoschtsche) im Februar 1984. Bis auf Popiełuszko, bei dessen Entführung und Ermordung es zu einer Panne kam und die Stasi-Täter enttarnt wurden, blieben die übrigen Mörder, die ihre Opfer massakriert und deren Leichen schlicht weggeworfen hatten, „unerkannt“.

Kiszczak Popiełuszko 1

Kiszczak Popiełuszko 2
Pfarrer Jerzy Popiełuszko: lebend und nach seiner grausamen Ermordung im Oktober 1984.

Kiszczaks Sicherheitsapparat hatte auch sonst alle Hände voll zu tun. Es galt die „Solidarność“ im Untergrund zu bekämpfen und zu unterwandern, das
riesige und sehr vielfältige illegale Verlagswesen einzudämmen, den Schmuggel von Kopierern und Druckmaschinen aus dem Ausland zu unterbinden, die weitverzweigten Strukturen der Kirche zu überwachen, die zunehmend rebellische Jugend… In einem Land, in dem zu jener Zeit kaum etwas mehr funktionierte, lief Kiszczaks Überwachungsmaschinerie auf Hochtouren, aber auch sie konnte nicht zaubern.

Der dramatische wirtschaftliche Verfall des kommunistischen Polens war nur ein Teil der ökonomischen Katastrophe des gesamten Ostblocks. Präsident Reagans erfolgreiche Bestrebungen die Sowjets „totzurüsten“ und das Chaos, in das Gorbatschows „Perestroika“ die Sowjetunion stürzte, beraubten die polnischen Genossen ihrer letzten Illusionen. Auf „brüderliche“ Hilfe, wie in Ungarn 1956 oder in der Tschechoslowakei 1968, konnte man nicht mehr hoffen. Die Flucht nach vorn war angesagt.

Ein Mann des Vertrauens. Die Opposition ist beeindruckt

Jaruzelski setzte wieder einmal seinen Kiszczak in Marsch. Er war es, der die ersten Sondierungen Anfang 1988 unternahm, um herauszufinden ob und wie man mit der Untergrund-„Solidarniość“ ins Gespräch kommen könnte. Die katholische Kirche leistete wertvolle Vermittlerdienste. Kiszczak war der „Hausherr“ der Gespräche am Runden Tisch mit der Opposition. Sie begannen am 6. Februar und endeten am 4. April 1989 mit der Unterzeichnung von Vereinbarungen, die das Ende des Kommunismus in Polen einläuten sollten: Wiederzulassung der „Solidarność“, halbfreie Wahlen im Juni 1989, legale oppositionelle Medien.

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Beratungen am runden Tisch 6. Februar bis 4. April 1989.

Kiszczak, der gewiefte, souveräne Verführer, beeindruckte seine einstigen Opfer. Manche mehr, wie Adam Michnik, manche weniger, aber fast alle betrachteten ihn schon bald als den wichtigsten Garanten der getroffenen Abmachungen auf der Gegenseite. Er zeigte sich ja auch im besten Licht, gab sich seriös und verbindlich, war entgegenkommend und höflich, wenn nötig auch gesellig und gastfreundlich.

Zugleich verfügte er über das geballte, jahrzehntelang angehäufte Wissen der Stasi. Er wusste bestens Bescheid, wer unter seinen Gesprächspartnern sich irgendwann von der Stasi als Zuträger hatte anwerben lassen. Es gab sehr viele Oppositionelle, die solche peinlichen Episoden in ihrem Leben gehabt hatten. Manche denunzierten bis zuletzt, nicht wenige verweigerten sich irgendwann und wurden dadurch selbst zu Objekten der Bespitzelung und von Repressalien. Allen voran, wie wir heute wissen, gehörte Lech Wałęsa zum Kreis dieser Leute. Kiszczak war damals der Bürge dafür, dass dieses Wissen nicht nach Auβen trat, und Kiszczak hatte sie alle in der Hand.

Dass das keine Hirngespinste waren stellte sich bereits vier Monate nach Kiszczaks Tod heraus. Mitte Februar 2016 erschien beim damaligen Präsidenten des Instituts des Nationalen Gednekens in Warschau, dass die gesamten polnischen Stasiakten verwaltet, Kiszczaks Witwe Maria. Sie brachte ein Aktenstück mit, als Kostprobe. Es betraf die IM-Tätigkeit Lech Wałesas aus der ersten Hälfte der 70er Jahre.

Frau Kiszczak behauptete einige Mappen mit solchen Akten zu Hause zu haben und bot an sie dem Institut zu verkaufen. Eine kurz darauf angeordnete Durchsuchung in Kiszczaks Haus in Warschau förderte das komplette Stasi-IM-Dossier Lech Wałęsas (Deckname „Bolek“) aus den Jahren 1970 bis etwa 1975 zutage, mit seinen Berichten über Kollegen aus der Werft, Geldquittungen usw. Kiszczak hat diese Akten „privatisiert“, sie waren seine „Lebeneversicherungspolice“.

Als Staatspräsident (1990-1995) hat Lech Wałęsa  seine Vetrauten (alles ehem. Stasi-Beamte, jetzt in den Geheimdiensten des demokratschen Polens) nach diesen Akten in allen ehem. Stasi-Archiven suchen lassen. Die fragmantarischen Funde, die sie gemacht haben, konnten sie so gut es ging vernichten. Die komplette Akte lagerte bei Kiszczak .

Kiszczak w Sejmie
Kiszczak als designierter Ministerpräsident auf der Regierungsbank im Sejm im Juli 1989. Ein Kbinett zu bilden gelang  ihm nicht.

Die halbfreien Wahlen fanden im Juni 1989 statt. Kurz darauf wurde Kommunisten-Führer und „Herr über das Kriegsrecht“ Wojciech Jaruzelski, mit Hilfe von „Solidarność“-Abgeordneten, zum Staatspräsidenten gewählt. Jaruzelski bestimmte Kiszczak zum designierten Ministerpräsidenten mit dem Auftrag ein Kabinett zusammenzustellen. Doch der Kommunismus zerbrach, die beiden jahrzehntelangen Vasallen (Blockparteien) der Kommunisten (Bauernpartei und die sog. Demokratische Partei) „fassten all ihren Mut zusammen“ und stellten sich auf die Seite der „Soilidarność“. Nach mehreren Wochen musste der bisherige Polizeiminister das Handtuch werfen. Es gab für ihn keine Mehrheit im Sejm.

Im August 1989 wurde der intellektuelle Berater der „Solidarność“-Führung Tadeusz Mazowiecki der erste nichtkommunistische Ministerpräsident Polens nach 1945. Ein Koalitionskabinett entstand, in dem die Kommunisten das Verteidigungsressort (Gen. Florian Siwicki) und das Innenministerium (Gen. Czesław Kiszczak) behielten.

Kiszczak Mazowiecki
Innenminiser Kiszczak und Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki im September 1989.

Eingebettet in die neu entstehende politische Wirklichkeit, nicht, wie in der DDR, gestört von den die Stasibüros stürmenden Massen, konnte Kiszczak ein Jahr lang seinen Dienst in aller Ruhe abwickeln. Lange taten Mazowiecki & Co. so, als wüssten sie von nichts, tief im Inneren froh darüber, dass der General die stinkende Last der Vergangenheit entsorgte. Monatelang wurden aus den Stasi-Behörden im ganzen Land Tonnen von Akten zur Vernichtung in Papiermühlen und Groβöfen gefahren. Auch wurde wichtiges Archivmaterial „privatisiert“. Stasi-Offiziere nahmen es auf Mikrofilme auf oder entwendeten Akten. Es waren ihre „Überlebenspolicen“. Verbindungsoffiziere des sowjetischen KGB nahmen Filmkopien vieler später vernichteter Aktenbestände mit nach Moskau.

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Der 1984 ermordete Abiturient Grzegorz Przemyk.

Anfang Juli 1990 trat Kiszczak zurück. Es war der Inhalt eines vergessenen Panzerschrankes in der Hauptkommandantur (Präsidium) der Warschauer Miliz, der den Stasi-Chef und politischen Partner sogar für Mazowiecki und seine Leute nicht mehr tragbar erscheinen ließ. Im Mai 1990 waren dort 28 Bände Untersuchungsakten im Fall der Ermordung des 19-jährigen Warschauer Abiturienten Grzegorz Przemyk (phonetisch: Pschemik) aufgespürt worden. Beim feuchtfröhlichen Feiern nach bestandenen Prüfungen, Mitte Mai 1983 in der Warschauer Altstadt festgenommen, war Przemyk in der nahegelegenen Polizeiwache mit Gummiknüppeln so schwer zusammengeschlagen worden, dass er zwei Tage später im Krankenhaus an den Folgen starb.

Die Sache kam an die Öffentlichkeit, eine Welle wütender Proteste erfasste  die Hauptstadt. Massive Fälschungen von Beweismaterial, Einschüchterungen von Zeugen, die Kiszczak beauftragt und penibel überwacht hatte, dazu eine von ihm angeordnete landesweite Propagandakampagne, hatten dazu geführt, dass die Täter seinerzeit von der „Justiz“ „freigesprochen“ wurden. Dafür waren zwei ahnungslose Sanitäter, die das Opfer im Krankenwagen ins Hospital gebracht hatten, nach einer brutalen Untersuchung, zu jeweils 2,5 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Sie hatte man beschuldigt den Abiturienten massakriert zu haben.

Der Luxusrentner, der die Justiz abzuwimmeln wusste

Fünfundzwanzig Jahre lang lebte Kiszczak im Ruhestand, zuletzt ausgestattet mit einer Traumrente von 9.000 Zloty (ca. 2.100 Euro). Die Durchschnittsrente in Polen beträgt nach 40 Jahren Arbeit 1.600 Zloty (knapp 400 Euro). Trotz vieler Proteste, lieβ sich aus der Sicht der acht Jahre lang amtierenden Tusk-Kopacz-Regierung, „juristisch nichts daran ändern.“

Die einzige unangenehme Folge seiner langjährigen Stasi-Tätigkeit war für Kiszczak sicherlich das lästige Abwimmeln der unbedarften Versuche der Justiz, ihn zur Verantwortung zu ziehen. Dabei behilflich war ihm ein bewährtes Ärzte-Team aus dem Dunstkreis des ehem. Innenministeriums, das Kiszczak und vielen anderen kommunistischen Spitzenfunktionären, nach Bedarf, eine volle oder teilweise Prozessunfähigkeit aus gesundheitlichen Gründen bescheinigte. So z. B. attestierten ihm die Mediziner im Mai 1998 eine akute Herzinfarktgefahr, die ihm die Teilnahme am Prozess unmöglich machte. Im Dezember 1998 bestieg der rüstige General allerdings ein Flugzeug und verbrachte Weihnachten und Neujahr am Roten Meer in Ägypten.

Kiszczak z pieskiem
„Schwer krank“ und doch sehr beweglich. „Kiszczak tobt mit dem Hündchen“ heiβt es in der Schlagzeile vom Juni 2014.

Von Dezember 1991 bis Juni 2013 (22 Jahre lang) dauerten die Versuche (fünf Verfahren) den stets „schwer kranken“ Kiszczak wegen des Massakers in der Grube „Wujek“ im Dezember 1981 zur Rechenschaft zu ziehen. Nebenbei bemerkt dauerte es 28 Jahre lang (1991-2009) bis Kiszczaks Untergebene, die Milizionäre die die neun Bergleute ermordet hatten, rechtskräftig verurteilt waren. Sieben Jahre lang (2008-2015) zog sich das Verfahren ohne Ergebnis hin, in dem Kiszczak, Jaruzelski und andere angeklagt waren, das Kriegsrecht im Dezember 1981 unberechtigter Weise verhängt zu haben. Vier Jahre lang dauerte das Verfahren gegen Kiszczak wegen seiner Manipulationen zwischen 1983 und 1984 in der Untersuchung der Todesursache des Schülers Grzegorz Przemyk. Es wurde wegen Verjährung eingestellt.

Der Historiker Piotr Osęka zog nach dem Bekanntwerden von Kiszczaks Tod die Bilanz:

„Längst Rentner, gab er stets zu verstehen, dass er vielen Leuten der Opposition, die 1989 und 1990 flehend zu ihm kamen, einen Gefallen tat und ihre Stasiakten, die von ihrer Spitzeltätigkeit zeugten, vor ihren Augen einem Reiβwolf anvertraute. Das stimmt nicht. So etwas hat nie stattgefunden. Kiszczaks Sensationen waren aus den Fingern gesogen. Es waren Symptome seiner Lügensucht. Er wollte ins Wespennest stechen. Es bereitete ihm Genugtuung, dass er seine Opfer, die er einst ins Gefängnis steckte, jetzt verunsichern und gegeneinander ausspielen konnte. Als ein erfahrener Stasi-Mann war er ein Meister im Manipulieren von Menschen.“

Czesław Kiszczak starb im Alter von 90 Jahren in Warschau und wurde auf dem hauptstädtischen orthodoxen Friedhof beigesetzt.

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