Die Frauen des polnischen Papstes

Zwischen Fakten und Anspielungen blüht die Fantasie.

„Pikante Hinweise“, „enges Verhältnis zu einer verheirateten Frau“, „sehr enges Verhältnis“, „intensive Beziehung“, „Brisanz der geheimen Briefe“… Als die BBC Mitte Februar 2016 die Ausstrahlung ihrer Dokumentation „The Secret Letters of Pope John Paul II” ankündigte, überschlugen sich auch in den deutschsprachigen Medien die zweideutigen Unterstellungen. Umso mehr, als der deutsch-französische TV-Sender ARTE den Bericht bereits einen Tag nach den Briten zeigte. Doch der zur Explosion gebrachte vermeintliche Skandalstoff verpuffte schnell in der Wirkungslosigkeit.

„Werte“, „Verehrte“, „Liebe“

Und das, obwohl die Übersetzung der Papst-Briefe bei ARTE an manchen Stellen, entweder absichtlich oder wegen einer unkritischen Verdeutschung des englischen Originaltextes, einer Manipulation glich. Der Geistliche schrieb in der Anrede „Moja Droga“, „Szanowna Pani“ oder „Droga Pani Profesor“ („Meine Werte“, „Verehrte Frau“, bzw. „Werte Frau Professor“), aber auf Deutsch hieβ es bei ARTE stets „Liebe“. Schon in der dritten Minute des Films erschien ein Papstbrief auf dem Bildschirm, der mit dem Gruβ schlieβt: „Serdecznie pozdrawiam Męża i Dzieci, polecam Bogu“ („Ich grüβe herzlich den Ehemann und die Kinder, empfehle sie Gott“). Fehlte hier die Übersetzung, weil man die Worte schlecht einem liebestollen Greis, der dazu noch vor nicht langer Zeit heiliggesprochen wurde, zuschreiben konnte?

Kobiety papieża fot. 4 Tymieniecka mąż Hendrik Houthakker
„Ich grüβe herzlich den Ehemann und die Kinder, empfehle sie Gott“. Den Papst verband  eine aufrichtige Freundschaft auch mit Tymienieckas Ehemann, dem Ökonomen Hendrik S. Houthakker (1924-2008). Foto aus den 60er Jahren.

Laut Dokumentation pflegte der damalige Kardinal von Kraków, Karol Wojtyla (1920-2005), seit Beginn der 70er Jahre einen regen Kontakt zu der polnisch-amerikanischen Philosophin Anna Teresa Tymieniecka (1923-2014). Doch das war seit langer Zeit bestens bekannt. Neu an der Dokumentation ist, dass Briefe und Privatfotos die Seelenverwandtschaft dokumentieren.

Kobiety papieża BN fot
Polnische Nationalbibliothek in Warschau.

Wie das polnischsprachige Springer-Boulevardblatt „Fakt“ vor kurzem herausfand, gelang es Tymieniecka 2008, nach langwierigen Verhandlungen, den umfangreichen Bestand ihrer Briefe an den Papst der Warschauer Nationalbibliothek für sage und schreibe umgerechnet 2,5 Mio. Euro zu verkaufen. Für diese Riesensumme habe die Bibliothek „das Copyright für alles erworben, was Tymieniecka an Karol Wojtyla geschrieben hat, und es drohe ein Verfahren, sollte irgendetwas daraus zitiert werden“, lieβ die neue Eigentümerin das BBC-Team wissen. So durfte das Fernsehteam zwar die Briefe von Frau Tymieniecka einsehen, musste sich aber im Film notgedrungen darauf beschränken die Briefe des Papstes an sie zu zitieren, während die Briefe aus der Feder der Professorin an ihn nicht wiedergegeben werden durften.

Offensichtlich darüber in Sorge, der Reporter Ed Stourton wolle eine Skandalgeschichte konstruieren, schob die Bibliothek noch eine kurze öffentliche Stellungnahme nach: „Behauptungen, die in den Medien aufgestellt werden, finden keinerlei Bestätigung im Inhalt der Briefe von Johannes Paul II. an Anna Teresa Tymieniecka, die sich in den Beständen der Nationalbibliothek befinden. Die geschilderte Bekanntschaft ist allgemein bekannt und wurde in vielen Veröffentlichungen dargestellt. Johannes Paul II. umgab ein Kreis von geistlichen und weltlichen Freunden, mit denen er im engen Kontakt gestanden hat. Zu diesem Kreis gehörte auch Anna Teresa Tymieniecka. Die Beziehung zu ihr war weder vertraulich noch auβergewöhnlich.“

???????
Der heutige Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz begleitete Karol Wojtyla 39 Jahre lang als Privatsekretär.

Zu Wort meldete sich auch mit einer kurzen Erklärung der Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz (fonetisch: Dsiwisch), der Karol Wojtyla 39 Jahre lang als Privatsekretär begleitete, ihm nahestand wie kaum jemand anderer und Stourton ein Interview verweigerte: „Wer an der Seite Johannes Paul II. gelebt hat, der weiβ, dass es in seinem Leben keinen Bereich gibt, in dem man nach dem Bösen suchen könnte. Er war ein freier und transparenter Mensch ohne Komplexe, weil er rein war und jeden Menschen in jeder Lebenssituation achtete. Das ist der einzig richtige Schlüssel, mit dem man heute Zugang zu seinem vorbildlichen und heiligen Leben finden kann.“

Auch wenn sich ein Teil der deutschsprachigen Medien, nach der Ausstrahlung der ernüchternd unsensationellen Dokumentation bei ARTE und dem Dementi aus dem Vatikan („mehr Rauch als Feuer“), von weiteren anzüglichen Unterstellungen verabschiedet hatte, blieben die Hintergründe und Begleitumstände der Geschichte weitgehend unklar, weil sie, auch im Film, verkürzt, manchmal auch falsch dargestellt wurden.

Intelligent, forsch, eingebildet

Kobiety papieża. Prof. Ingarden fot.
Tymienieckas Vorbild: der herausragende polnische Philosoph Roman Ingarden (1893 – 1970).

Anna Teresa Tymieniecka war eine polnisch-amerikanische Philosophin. Sie entstammte einer vermögenden polnisch-französischen Adelsfamilie, studierte nach 1945 Philosophie an der Jagiellonen-Universität in Kraków. Im Zuge der stalinistischen Gleichschaltung im kommunistischen Polen durfte ab 1948 nur noch marxistische Philosophie unterrichtet werden. Ihr groβes Vorbild, der herausragende polnische Philosoph Roman Ingarden bekam, zusammen mit vielen anderen Kollegen, Lehrverbot. Tymieniecka durfte, aufgrund ihrer zweiten französischen Staatsangehörigkeit, das inzwischen streng hinter dem Eisernen Vorhang abgeschottete Polen verlassen, ging zuerst nach Belgien, dann in die Schweiz, schlieβlich in die USA.

Kobiety papieża. Edmund Husserl fot
Tymienieckas Idol: der groβe deutsche Denker und Begründer der Phänomenologie Edmund Husserl (1859-1938).

Ihr philosophisches Idol war der groβe deutsche Denker und Begründer der Phänomenologie Edmund Husserl (1859-1938). Sie gab in Boston u. a. die Buchreihe „Analecta Husserliana“ heraus. Im Jahr 1973 stieβ sie auf Kardinal Wojtylas philosophisches Buch „Osoba i czyn“ („Person und Tat“). Tief beeindruckt, beschloss sie kurzerhand es  ins Englische zu übersetzen und in den USA zu verlegen.

Karol Wojtyła war damals 53 Jahre alt, Kardinal und Erzbischof von Krakau. Anna-Teresa Tymieniecka war zu diesem Zeitpunkt 50, verheiratet, Mutter von drei Kindern. Ihre damals beginnende persönliche Bekanntschaft und Korrespondenz mit Karol Wojtyła dauerte 32 Jahre lang.

Die ebenso intelligente wie energische, eigenwillige, forsche, zielstrebige und von sich eingenommene Dame verstieg sich, so der Film, gegenüber dem amerikanischen Journalisten und Papst-Biographen Carl Bernstein tatsächlich zu der Äuβerung: „Ich sehe es so, dass das Pontifikat Wojtylas nach meinen Ideen geführt wird“. Der Papst, dem ihr philosophisches Wissen und ihre Redegewandtheit imponierten, wusste ihr jedoch sehr wohl die Grenzen aufzuzeigen.

Kobiety papieża. JP II w USA 1979 fot.
Papstbesuch in New York 1979. Die geschäftstüchtige Philosophin drängte darauf umgehend ihre englische Fassung seines Buches „Person und Tat“ herauszugeben. Das für philosophische Laien schwer zugängliche Werk würde, während der anfänglichen Begeisterung nach der sensationellen Wahl des polnischen Papstes, sicherlich zwar kaum Leser aber auf jeden Fall sehr viele Käufer finden.

Tymienieckas englische Übersetzung des Buches erwies sich als ungenau, teilweise frei erfunden, die Gedanken des Autors weitgehend verformend. Das begann bereits mit dem Titel, der in der englischen Version „The acting Person“, anstatt „Person and Act“ lautete, und Wojtylas Denkansatz völlig entstellte.Die stets geschäftstüchtige Philosophin drängte nach seiner Wahl zum Papst darauf umgehend ihre englische Fassung des Buches herauszugeben, in der richtigen Annahme, das für philosophische Laien eher schwer zugängliche Werk werde, während der anfänglichen Begeisterung nach der sensationellen Wahl des polnischen Papstes, zwar kaum Leser aber auf jeden Fall sehr viele Käufer finden.

Kobiety papieża. fot.8
Wojtyla war nicht nachtragend und nahm den Kontakt zu Tymieniecka gern wieder auf, als sie ihren Groll überwand und sich bei ihm nach einer Zeit der „Funkstille“ meldete.

Der neu gewählte Papst hatte keine Zeit dafür, mehrere hundert Seiten des polnischen Textes mit Tymienieckas englischer Version abzugleichen. Er benannte dafür eine dreiköpfige Kommission aus Pfarrer Tadeusz Styczeń, Pfarrer Marian Jaworski und Dr. Andrzej Półtawski (fonetisch: Pultawski. Ehemann von Wanda Półtawska, einer anderen, sehr engen Freundin Wojtylas) allesamt anerkannte Philosophieexperten. Ihr Streit mit der uneinsichtigen Tymieniecka dauerte einige Jahre lang und endete im Nichts. Ihre eigenwillige „Übersetzung“ landete im Papierkorb.

Wojtyla, der nicht nachtragend war und dem Freundschaften außerhalb der Kirchenwelt stets wichtig waren, nahm den Kontakt zu Tymieniecka gern wieder auf, als sie ihren Groll überwand und sich bei ihm nach einer Zeit der „Funkstille“ erneut meldete.

Spätestens nach dem Attentat auf Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 wird die Freundschaft wieder eng. Tymieniecka besucht den Verletzten im Krankenhaus und trifft ihn nun regelmäßig in Rom, sie schickt ihm gepresste Blumen und Fotos von daheim; er antwortet: „Ich denke an Dich, und in Gedanken komme ich jeden Tag nach Pomfret.“ Das letzte Mal sieht sie ihn am 1. April 2005, am Tag bevor Papst Johannes Paul II. stirbt.

Freundschaften und Provokationen

Um ihr mehr Gewicht zu verleihen, rissen BBC-Reporter Ed Stourton und seine Informanten ihre Geschichte über die angeblich „keusche Leidenschaft“ der beiden aus dem reichhaltigen Zusammenhang des Wojtyla-Lebens heraus. Sie hoben immer wieder die angebliche Abgeschiedenheit und Einsamkeit Johannes Paul II. im Vatikan hervor, die, so der Eindruck den der Film vermittelt, nur Tymieniecka durchbrechen konnte. In Wirklichkeit lud der Papst beinahe jeden Tag irgendeinen seiner polnischen Bekannten und Freunde ein, die gerade in Rom weilten, mit ihm zu Abend zu essen. Mit vielen von ihnen führte er einen regen Briefwechsel.

Lange bevor Sourton überhaupt der erste Gedanke an seinen Bericht in den Sinn kam, beschrieb bereits der herausragende Papst-Biograf George Weigel („Zeuge der Hoffnung“ 2002 und „The End and the Beginning“ 2011) Wojtyłas Freundschaften mit Frauen, u. a. mit Tymieniecka.

Die Zurückhaltung und das Misstrauen, auf die Sourton bei seinen Recherchen in Polen stieβ, hatten durchaus nachvollziehbare Gründe. Allein schon die sensationsheischenden Ankündigungen seines Berichtes durch die BBC und andere britische Medien zeigen, dass Zweifel durchaus angebracht waren.

Umso mehr, als sich bis heute im öffentlichen Gedächtnis immer noch die Spuren einer brachialen Provokation der polnischen Staatssicherheit aus dem Jahr 1983 gehalten haben.

Unternehmen „Triangolo“

Kobiety papieża Irena Kinaszewska fot
Irena Kinaszewska

Irena Kinaszewska war Witwe und alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Um etwas mehr Geld zu verdienen, tippte sie wissenschaftliche Beiträge und Predigten des Kirchenmannes ab. Aktennotizen belegen, dass Stasi-Major Józef Gibski, der die umfangreiche Bespitzelung der Krakauer Kirchenkreise beaufsichtigte, zwar keine Zweifel hatte, dass es keine Liebschaft gab, aber dennoch, auf Anordnung von oben, unter dem Decknamen „Triangolo“ an der Legende zu schmieden begann.

Die besten Kräfte der Abteilung IV aus dem ganzen Land wurden dazu abkommandiert, darunter Hauptmann Grzegorz Piotrowski, der ein Jahr später, 1984, das Mörder-Kommando anführen sollte, das Pfarrer Jerzy Popiełuszko umgebrachte.

Kobiety papieża Piotrowski fot
Stasi-Hauptmann Grzegorz Piotrowski (in der Mitte, auf der Anklagebank) leitete Anfang 1983 ein Kommando, das die Liebschaft Kardinal Karol Wojtyłas und Irena Kinaszewskas glaubhaft machen sollte. Im Oktober 1984 stand er an der Spitze eines Stasi-Mörderkommandos, das Pfarrer Jerzy Popiełuszko umgebracht hat. Der Mord flog auf und er wurde zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Beamten, die ihre Identität nicht preisgaben, lockten Kinaszewska unter einem Vorwand zu einem Treffen, bei dem ihr mit Alkohol vermischte Drogen kredenzt wurden, um sie redselig zu machen. Der Verlauf des Treffens wurde heimlich gefilmt, doch Kinaszewska, langsam wohl ahnend mit wem sie es zu tun hatte, sagte immer wieder, ihre Gesprächspartner sollen den Papst in Ruhe lassen, denn er sei „ein heiliger Mensch“.

Doch die Stasi gab nicht auf. Sie fertigte kurzerhand selbst Kinaszewskas „intimes Tagebuch” an, der Authentizität wegen, sogar unter Verwendung ihrer eigenen Schreibmaschine. Hierfür brach ein für solche Zwecke eigens ausgebildetes Kommando, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, während ihres Urlaubs in ihre Wohnung ein und nahm die Schreibmaschine für einige Tage mit.
Das gefälschte Tagebuch sollte in der Krakauer Wohnung von Pfarrer Andrzej Bardecki, eines guten Bekannten Kinaszewskas und Freundes von Wojtyla, deponiert werden.

Kobiety papieża. Ks. Andrzej Bardecki
Wojtyła-Freund, Pfarrer Andrzej Bardecki. In seiner Wohnung hatte die Stasi die „Liebeserinnerungen“ Irena Kinaszewskas deponiert, um den „Überraschungsfund“ bei einer Durchsuchung zu Tage fördern und den Skandal auszulösen.

Zwei Beamtinnen warteten bis Bardecki die Wohnung verlieβ, klopften an und erklärten der greisen Haushälterin sie würden eine Kleiderspende bringen. Während die eine Beamtin die Frau ablenkte, schob die andere das „Tagebuch“ hinter den Heizkörper in Bardeckis Arbeitszimmer. Eine Hausdurchsuchung sollte wenige Tage später den „Überraschungsfund“ zu Tage fördern und den Skandal auslösen.

Das fünfköpfige Stasi-Team beschloss den bevorstehenden Erfolg danach ausgiebig in einem Krakauer Lokal zu feiern. Obwohl stark betrunken, wollte Hauptmann Piotrowski mit einer der Beamtinnen im Auto ins Hotel fahren. Unterwegs verursachte er einen Unfall. Die Verkehrs-Miliz kam, doch Piotrowski zog seinen Stasi-Dienstausweis, wohlwissend, dass, wie es üblich war, der ganze Vorfall vertuscht würde.

Zu seinem Unglück jedoch berichtete der alkoholisierte Piotrowski, in einem Anflug von Übermut, den beiden Miliz-Beamten, weswegen das Stasi-Kommando nach Kraków gekommen sei. Einer der Verkehrspolizisten gab noch in derselben Nacht die Nachricht diskret an einen Mitarbeiter der Krakauer Kurie weiter. Als die Stasi zwei Tage später in der Wohnung von Pfarrer Bardecki anklopfte war das „intime Tagebuch“ längst entfernt worden.

Priester dürfen Freunde haben

Dennoch geistert bis heute das „intime Tagebuch“ Kinaszewskas durchs Internet. Der rabiat antiklerikale Politiker Janusz Palikot und ehem. stellv. Vorsitzende von Donald Tusks Bürgerplattform, hat es noch 2014 zum Gegenstand einer Medienkampagne gemacht. Kein Wunder, dass die Warschauer Nationalbibliothek auf Ed Stourtons nicht ganz unzweifelhaftes Vorhaben wie ein gebranntes Kind reagierte.

Seine Dokumentation enthüllt ohnehin kein welterschütterndes Geheimnis, das nun den polnischen Papst in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen würde. Nicht neu ist, dass sich der Papst und die Philosophin nahe standen. Dass sich ihre Freundschaft auβderhalb der gebotenen Grenzen von Sitte und Anstand bewegt haben soll, kann der Bericht nicht beweisen. Zudem verband den Papst auch eine aufrichtige Freundschaft mit Tymienieckas Ehemann, dem Ökonomen Hendrik S. Houthakker.

Kobiety papieża. Tymieniecka chory papież fot
Priester brauchen tiefe Freundschaften, sonst vereinsamen sie, sagen Therapeuten, die Priester in Krisenphasen ihres Lebens begleiten. Dabei können sie sich durchaus auch auf den heiligen Johannes Paul II. berufen.

Das alles lässt die These der Filmemacher wackeln, die besagt, hier sollte etwas verborgen werden, um die Heiligsprechung des verstorbenen Papstes nicht zu gefährden. Katholischen Priestern ist es beileibe nicht verboten, tiefe Freundschaften zu Frauen wie zu Männern zu unterhalten, was in der Folge auch immer ihre Umgebung in die Beziehung hineingeheimnissen mag. Wenn auch unabsichtlich, durch den Film entsteht vielmehr ein genaueres und differenzierteres Bild des polnischen Papstes, der intensive Verbundenheit und Vertrautheit suchte und zu pflegen wusste.

Priester brauchen solche tiefen, manchmal sogar zart-poetischen Freundschaften, sonst vereinsamen sie, sagen Therapeuten, die Priester in Krisenphasen ihres Lebens begleiten. Dabei können sie sich durchaus auch auf den heiligen Johannes Paul II. berufen.

Die BBC-Dokumentation ist hier zu sehen.

© RdP




Fenster mit Aussicht auf Leben

Die UNO wird sie nicht schlieβen.

Als Fenster des Lebens bezeichnet man in Polen das, was in Deutschland, etwas salopp, Babyklappe genannt wird, seitdem die erste im Jahr 2000 in Hamburg eröffnet wurde. Knapp sechzig solcher Fenster gibt es heute im Land. Sie sollen Kurzschlussreaktionen verhindern, wenn Schock, Panik und Verzweiflung Mütter dazu bringen ihre Neugeborenen irgendwo abzulegen und dem Tod auszusetzten.

Seitdem es in Polen die Fenster des Lebens gibt, und die Medien über jedes dort gefundene Baby berichten, ist die Zahl tot aufgefundener Kleinstkinder deutlich zurückgegangen. Dennoch werden immer noch bis zu zwei Dutzend tote Neugeborene pro Jahr auf Müllkippen, in Parks und Wäldern gefunden.

Okna życia Koszalin foto 1

Okna życia Koszalin foto 2
Das Fenster des Lebens in Koszalin von Innen und von Auβen gesehen.

Als Ende Januar 2016 Schwester Malwina Iwanicka (fonetisch Iwanitzka) als Erste mitten in der Nacht das Klingeln hörte und hinunterlief, war klar, was das bedeutete. Zum ersten Mal seit sie vor sechs Jahren das lebensrettende Fenster in ihrem Kloster der Gemeinschaft der Töchter der Gottesliebe in Koszalin/Köslin eingebaut hatten, hatte jemand dort ein Neugeborenes zurückgelassen.

Der Junge war nur in eine Trainingsjacke eingewickelt, blutverschmiert und unterkühlt. Er musste erst kurz zuvor zur Welt gebracht worden sein, nicht einmal die Nabelschnur war abgebunden. Die Schwestern legten das Baby in ein vorgewärmtes Bettchen und riefen, wie vorgesehen, den Rettungsdienst herbei. Das Kind wurde umgehend ins Krankenhaus gebracht. Es schwebte in Lebensgefahr, so die Ärzte.

Zum Glück konnte Gabriel, diesen Namen haben ihm die Schwestern gegeben, selbständig atmen und wachte in einem Brutkasten wieder auf. Er wurde ins Register Aufgefundener Kinder eingetragen und kann adoptiert werden. Es sei denn, seine Mutter meldet sich und möchte ihn zu sich nehmen. Laut polnischem Recht hat sie sechs Wochen Zeit dazu und muss keinerlei strafrechtliche Folgen fürchten.

Entsprechende Fälle gab es bereits. So geschehen z. B. 2013 in Zamość. Dort hatten die Franziskanerinnen ein in ein weiβes Handtuch eigewickeltes Neugeborenes in ihrem Fenster des Lebens gefunden. Das Kind kam ins Krankenhaus, zwei Wochen später bestätigte das Gericht seinen Vornamen Piotr, den ihm die Schwestern gegeben hatten, und fügte noch einen Nachnamen hinzu, denn nur so konnte eine Geburtsurkunde ausgestellt werden. Der Kleine kam in ein Heim und sollte sehr bald Adoptiveltern vermittelt bekommen. Adoptionswillige Paare gibt es auch in Polen weit mehr als Neugeborene, die angenommen werden können.

Plötzlich jedoch erschien die Mutter bei Gericht mit dem Antrag auf Feststellung ihrer Mutterschaft. Die Gentests bestätigten dann, sie war Piotrs Mutter. Das Gericht gab ihr Piotr zurück, schränkte aber ihre Elternrechte ein. Mittlerweile kommt der Betreuer nicht mehr jede Woche sondern schaut nur noch alle drei Monate bei Mutter und Kind vorbei. Das ist nun ausreichend.

Okno życia Wrocław
Fenster des Lebens in Wrocław.

Manchmal allerdings, gibt es leider kein Happy End. Mitte März 2016 fanden die Borromäerinnen-Schwestern in Wrocław/Breslau in ihrem Fenster ein totes Baby. „Hoffentlich wird es Martyna woanders besser haben“, stand auf einem beigelegten Zettel. Das Mädchen war ein Frühgeborenes. Es kam etwa im sechsten Monat zur Welt und war kurz danach im Fenster abgelegt worden.

Einen glücklichen Ausgang hatte hingegen die Geschichte der kleinen Agata, die eines Tages in 2010 im Fenster des Lebens am Kloster der Schwestern der Hl. Familie von Nazareth in Kielce lag. Ärzte stellten fest, das Kind sei gesund und gut gepflegt. Wenige Stunden später meldeten sich die Mutter und deren Großmutter im Krankenhaus.

Die junge Frau konnte zwar nicht beweisen, dass sie die Mutter sei, als sie aber Agata auf den Arm nahm und das Kind vor Freude zu strampeln und zu lachen begann, war das Misstrauen überwunden. Die Mutter legte das Baby an ihre Brust an, und beide durften im Krankenhaus übernachten.

Pfarrer Krzysztof Banasik, stellv. Leiter der Caritas in Kielce, deren Büros sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Fensters befinden, ging der Sache nach und fand eine sehr typische Situation vor. Das Leben der jungen Frau, die einer zerrütteten Familie entstammte, war ganz und gar aus den Fugen geraten. Der Vater des Kindes, ein noch nicht erwachsener Tunichtgut, hatte sich aus dem Staub gemacht, genauso wie schon lange zuvor ihre alkoholabhängigen Eltern. Die im Krankenhaus mit erschienene Großmutter lamentierte nur, dass die Enkeltochter es nie im Leben schaffen werde die Kleine groβzuuziehen.

Okno życia. Ks. Krzysztof Banasik Kielce foto
Pfarrer Krzysztof Banasik.

Pfarrer Banasik beschaffte zwei Kinderwagen und die übrige Säuglingsausstattung, und das Sozialhilfezentrum der Stadt versprach längerfristige Unterstützung. Das wiederum veranlasste das Familiengericht Agata der Mutter anzuvertrauen, allerdings unter der Kontrolle einer Betreuerin. Mittlerweile ist eine solche Betreuung nicht mehr erforderlich.

Die Fenster des Lebens sollen auf jeden Fall die Anonymität garantieren: ruhige Lage, keine Kameras, kein helles Laternenlicht, das Fenster muss von Auβen leicht zu öffnen sein, der Innenraum ist warm und klimatisiert. Die meisten befinden sich in Klöstern und Krankenhäusern.

Das erste Fenster dieser Art in Polen wurde 2006 in Kraków von den Nazarethanerinnen-Schwestern eingerichtet. Drei Monate später lag dort ein kleiner Junge. Die Schwestern wussten in der ersten Aufregung nicht was sie tun sollten. Das Neugeborene war unterkühlt und sehr schwach. Die Ärzte konnten es retten. Das Baby bekam bald darauf eine Geburtsurkunde ausgestellt, nach einigen Monaten hatte es eine Familie gefunden, in der es aufwachsen kann.

Heute dauert es nicht mehr so lange, bis dass ein Kind in seine neue Familie darf. Seit 2006 wurde auf diese Weise allein in Kraków 18 kleinen Menschen das Leben gerettet. Im Jahr 2014 entkamen in ganz Polen 77 Neugeborene durch die Fenster womöglich dem Tod.

Derweil versucht das UN-Komitee für Kinderrechte seit 2012 ein Verbot von Babyklappen durchzusetzen. Im November 2015 wurde auch Polen von der UNO namentlich aufgefordert die Fenster des Lebens abzuschaffen, weil sie das „Recht der Kinder“ verletzen, die eigenen Eltern kennenzulernen. Zitat: „Zudem unterbleibe eine Abwägung des Rechts auf Leben und Entwicklung (Artikel 6 der Kinderrechtskonvention) mit dem Recht des Kindes auf Kenntnis der eigenen Identität und auf Beziehungen zu seinen Eltern.“

Okna życia Marek Michalak foto
Marek Michalak, der Kinderrechtsbeauftragte des polnischen Parlaments.

Dieser Appell der UNO dürfte wirkungslos bleiben, denn bei der Abwägung, die in Polen keineswegs unterbleibt, kommen die polnischen Behörden zu einem anderen Schluss als die UNO.

Marek Michalak, der Kinderrechtsbeauftragte des polnischen Parlaments bringt die offizielle Haltung auf den Punkt, indem er sagt: „Das Recht auf Leben hat Vorrang vor dem Recht auf Identität. Die Fenster des Lebens sind der ein Teil der Alternative, deren anderer Part sind die Müllkippe, der Wald oder ein Kübel. Das UN-Komitee spricht von der Identität des Kindes. Das ist für uns kein Argument im Wettlauf um sein Leben.“

Die Behörden wissen sehr wohl, was sie tun wenn sie der UNO widersprechen. Eine andere Haltung wäre der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln und auch nicht durchsetzbar. Laut neusten Angaben kommen in Polen 99 Prozent der ungewollten Kinder in Krankenhäusern zur Welt und werden von dort zur Adoption vermittelt. Es geht also um das letzte eine Prozent. Dieses letzte Prozent soll auch eine Aussicht auf Leben haben.

© RdP




Hansdampf umgarnt die Massen

Am 21. Dezember 2015 starb Pater Jan Góra.

Für die Meisten war er ein Seelsorger und Visionär mit großer Ausstrahlung, der hunderttausende Jugendlicher, trotz aller Widrigkeiten und Ablenkungen der Moderne, für das Wort Gottes begeistern konnte. Es hieβ aber auch, er sei der Bürgerschreck der katholischen Kirche in Polen: eingebildet, eigensinnig, eigenmächtig, engagiert. Zweifelsohne war er einer der bekanntesten polnischen Geistlichen, vor allem, weil er niemanden gleichgültig lieβ.

Das unermüdliche Tun solcher Priester wie Jan Góra (fonetisch Gura) ist es, dass Leute wie den führenden Neomarxisten Polens, Sławomir Sierakowski in der linken „Gazeta Wyborcza“ (16. Januar 2016) entmutigt feststellen lässt: „Ohne die Schwächung der katholischen Kirche wird es keine nennenswerte Wählerschaft der Linken in Polen geben.”

An dieser Schwächung arbeiteten in der jüngsten Geschichte bereits nachhaltig und kontinuierlich: die deutsche Besatzungsmacht zwischen 1939 und 1945, die etwa fünftausend polnische Priester, Mönche und Nonnen in den Tod schickte (jeden fünften katholischen Geistlichen des Landes). Die sowjetischen und polnischen Kommunisten mit ihrer brutalen Atheismuspolitik. Nach 1989, die plötzliche Hinwendung zu Markt und Konsum, und mit ihr die klare „moderne“ Botschaft solcher Leute wie Sierakowski und der bis vor kurzem noch sehr einflussreichen „Gazeta Wyborcza“: Lieber Moneten als beten, Glaube und Kirche sind out.

Gewiss, die polnische Gesellschaft und mit ihr der polnische Katholizismus verändern ihr Gesicht, auch die Gläubigkeit polnischer Jugendlicher ist heute eine andere (wie diese aussieht, das kann man hier nachlesen). Vieles ändert sich in Polen, doch die Alltagsbeobachtung einer kraftvollen religiösen Vitalität, die von jungen Menschen mitgetragen wird, ist nach wie vor ganz bestimmt nicht trügerisch.

Glaube wie Luft und Wasser

Jan Góra wurde 1948 in Prudnik, einst Neustadt in Oberschlesien geboren. Mutter Helena, eine Textilarbeiterin, hatte ein Jahr zuvor Stanisław Góra, den Buchhalter der Fabrik, geheiratet. Beide waren polnische Vertriebene aus dem Osten des Landes, der 1945 endgültig an die Sowjets gefallen war. Sechs Kriegsjahre hatten sie schwer geprüft. Auf den kleinen Jan folgten schnell drei jüngere Brüder. „Der Glaube war in unserer Familie so selbstverständlich und allgegenwärtig, wie Luft, Wasser und Brot“, erinnerte sich Jahre später Pater Góra.

Geld war wenig vorhanden. Die Ferien verbrachte Góras ältester Sohn Jan regelmäβig auf dem Lande, in der Nähe der Stadt Tarnów, knapp dreihundert Kilometer östlich von Prudnik. Der Bruder des Vaters, ebenfalls mit dem Vornamen Jan, war dort Dorfpfarrer.

Der kleine Jan hat hautnah miterlebt, wie kommunistische Repressalien dem Priester das Leben schwer gemacht haben. Nach der Gleichschaltung aller Parteien, Verbände, Genossenschaften um 1948, war er, wie so viele andere Pfarrer, der einzige Fürsprecher, der den Dorfbewohnern geblieben war, in ihrer ständigen Auseinandersetzung mit der Willkür des kommunistischen Staates.

Ojciec Góra wieś2 foto

Ojciec Góra wieś foto
Propaganda und Wirklichkeit. Landleben im kommunistischen Polen der 50er und 60er Jahre.

Dieser drückte den Bauern bei Nahrungsmitteln (Getreide, Kartoffeln, Schweine, Milch) immer höhere Zwangsabgaben (sog. Kontingente) zu Niedrigstpreisen auf. Wer sie nicht erbringen konnte, landete im Gefängnis, aus dem er nur herauskam, wenn er sich bereiterklärte der LPG (Kolchose) beizutreten.

Im Jahr 1956, im Zuge des politischen Tauwetters, das den Ostblock ergriffen hatte, endete die schlimmste Unterdrückung. Das Regime änderte seine Taktik. Statt auf Pseudo-Genossenschaften (LPGs), setzte es auf Staatsgüter. Diese erhielten jede erdenkliche staatliche Förderung, während den Privatbauern Kredite, knappe Maschinen, Kunstdünger, Baumaterial verwehrt wurden. Auf diese Weise sollten sie gezwungen werden ihr Land dem Staat gegen eine Altersrente zu überlassen. Das Ziel der endgültigen „Entprivatisierung“ der Landwirtschaft, die linientreue sowjetische und DDR-Genossen bei Polens Kommunisten ständig anmahnten, sollte hierdurch, auf Umwegen, erreicht werden.

Armut, Verfall, Ungerechtigkeit, Willkür, Landflucht, das Leben auf dem Dorf im Polen der 50er und 60er Jahre war sehr hart. Der Wille Priester zu werden keimte bei Jan sehr früh auf, aber eines Tages solchen Widrigkeiten die Stirn bieten zu müssen wie der Onkel, das überstieg in seiner Vorstellung damals noch seine Kräfte. Vergeblich hoffte Onkel Jan, der Neffe würde auf ein reguläres Priesterseminar gehen und später Gemeindepfarrer werden. Stattdessen klopfte Jan Góra im August 1966 an die Pforte des Dominikaner-Klosters in Poznań. Sechs Jahre später legte der 24-jährige sein ewiges Mönchsgelübde ab, nach weiteren drei Jahren erhielt er die Priesterweihe.

Ein Kumpel der fordert

Er war tief gläubig, aber Demut war nie seine Stärke. Góras Glück waren seine Vorgesetzten, die sein Temperament und seinen Tatendrang zum Wohle der Kirche und des Kirchenvolkes zu nutzen wussten. Von allen Seiten durch den kommunistischen Staat bedrängt, von der Nation verehrt und in die ungewollte, aber wahrgenommene Rolle der Fürsprecherin der Freiheit gedrängt, musste die Kirche ständig improvisieren. Dabei war Pater Góra in seinem Element.

Góra hoffte, die Dominikaner würden ihn weiter studieren lassen. Das bereits absolvierte Theologiestudium allein genügte ihm nicht. Doch stattdessen landete er 1975 im mittelpolnischen Tarnobrzeg (fonetisch Tarnobscheg), einer heute knapp fünfzigtausend Einwohner zählenden Stadt, in deren Nähe die Kommunisten damals gerade Europas gröβten Schwefeltagebau in Betrieb genommen hatten. Nach 1989 unrentabel geworden, hat sich dieses Gebiet inzwischen in eine Seenlandschaft verwandelt.

Als Pater Góra dort eintraf wurde die Kleinstadt, mit damals nicht einmal zwanzigtausend Einwohnern, von einem Ring aus Plattenbau-Siedlungen für zugezogene Arbeitskräfte umgeben. In den neu entstandenen Siedlungen durften, wie damals auch anderswo in Polen, natürlich keine Kirchen gebaut werden. Je weiter und beschwerlicher der Weg zur Kirche, umso weniger Kirchgänger, so das Kalkül der Kommunisten.

Pater Jan sollte hier den Religionsunterricht unterstützen. Den  hatten die Behörden bereits 1961 aus den Schulen verbannt, er durfte nur noch nachmittags in den Gotteshäusern stattfinden. Damit wollte der Staat die Kirche treffen, erreichte jedoch das Gegenteil. Denn auf diese Weise verlor er die Kontrolle über die Katechese und der freiwillige Gang zum Religionsunterricht wurde unweigerlich zu einer bewussten und demonstrativen politischen Geste.

Weiβe Kutte, lange Haare, abgetragene Wrangler-Jeans (ein in der kommunistischen Mangelwirtschaft schwer erfüllbarer Traum eines jeden jungen Polen), Turnschuhe, häufig einen kessen Spruch auf den Lippen, Pater Jan wurde schnell zum Idol der Jugend in Tarnobrzeg. Alle wollten in seinen Religionsunterricht, seine Gottesdienste waren übervoll. Er predigte kurz und prägnant, statt der Orgel erklangen Gitarren. Lange bevor das Klingelzeichen des Messdieners den Beginn der Jugendmesse verkündete, verscheuchte Pater Jan ältere Frauen aus der Kirche: „Geht nur, geht. Ihr könntet sonst noch den Glauben verlieren.“

Sich einschmeicheln, sich anbiedern, das war ihm fremd. Er war witzig und kumpelhaft im Umgang, oft lässig im Auftreten, zugleich aber stets klar in seinen Aussagen, wenn es um die katholische Morallehre ging. Vor den jungen Leuten stand ein missionierender Enthusiast, dem man es auf Anhieb ansah, dass er sie versteht, dass sie ihm wichtig sind, dass er sie nicht im Stich lässt, auch wenn er ihnen immer wieder mal die Leviten las.

Den Behörden in Tarnobrzeg war er zu erfolgreich. Sie bedrängten den örtlichen Bischof so lange, bis Pater Jan, nach drei Jahren, zu seinen Dominikanern nach Poznań zurückbeordert wurde.

Ojciec Góra Kościół Dominikanów Poznań foto
Dominikaner-Kirche in Poznań.

Jetzt hatten die kommunistischen Behörden in Poznań ein Problem mehr. Die geräumige Dominikaner-Kirche im Stadtzentrum war zwischen Ende der 70er und Ende der 80er Jahre an jedem Sonntag um 17 Uhr brechend voll. Dicht an dicht lauschten Schüler und Studenten den Predigten von Pater Jan.

Unter ihnen die drei Gymnasiasten: Paweł Kozacki, Tomasz Dostatni und Wojciech Prus. Der Erste von ihnen ist heute Prior aller polnischen Dominikaner, der Zweite – Pfarrer und namhafter katholischer Publizist, der Dritte, ebenfalls ein Mitbruder, leitet den Dominikaner-Verlag in Poznań. „Ich wollte so sein wie Góra“, sagt Prus heute.

„Darf ich mich mit Ihnen anfreunden?“

Als Kind lernte Jan Góra während seiner Ferienaufenthalte in der Gegend von Tarnów auch das verfallene Dorf Jamna kennen. Im Zuge einer Antipartisanenaktion hatten deutsch-ukrainische Unterverbände der SS-Division „Galizien“ Jamna Ende September 1944 niedergebrannt, die Einwohner wurden ermordet. Geblieben war auf einer Anhöhe das ruinierte, alte Schulgebäude. Ein verlassener Ort.

Ojciec Góra Jamna foto (2)
Jamna, eines von Pater Góras Werken: von Deutschen im Krieg niedergebranntes Dorf in Jugend-Seelsorge-Zentrum „Respublica Domincana“ verwandelt.

1992 schenkte die Gemeinde den Dominikanern aus Poznań diese Anhöhe. Nach und nach verwandelte Pater Jan Góra sie gemeinsam mit hunderten jugendlicher Helfer in das Jugend-Seelsorge-Zentrum „Respublica Domincana“. Die Schule und weitere verfallene Gebäude wurden renoviert oder neu gebaut. 2001 war die Holzkirche fertig, errichtet im schönen, ortsüblichen Baustil der Goralen, der Berghirten- und Bauern, die die hohe Tatra und die Vortatra-Region bewohnen. Studenten, Pfadfinder, aber auch Jugendliche, die Probleme haben und die Seelsorge der Dominikaner in ganz Polen in Anspruch nehmen, gehen in Jamna das ganze Jahr über ein und aus.

Ojciec Góra Jamna kościół
Neue Kirche in Jamna.

„Es gibt vier Personen, die aus Nichts etwas machen können: die Dreifaltigkeit und Jan Góra.” Dieser Ausspruch passte sehr gut zum Aquarell, das in seinem Arbeitszimmer hing. Demutsvoll beichtete darauf ein Mann dem Dominikaner-Pater seine Sünde: „Ich habe Pfarrer Jan nicht geholfen.“

Jan Góra wurde nie müde zu verkünden, die Dominikaner seien ein Bettelorden und er habe das Betteln perfekt zu beherrschen gelernt. Traf er vermögende Leute, dann lieβ er seinen Standardspruch hören: „Darf ich mich mit Ihnen anfreunden?“ Er liebte es zu erzählen, wie er Lednica dank Damenhöschen gekauft hat.

Ojciec Góra Jamna foto
Ob Esel, Unternehmer oder Papst. Es gab niemanden, den Pater Góra in seine Werke nicht einspannen konnte.

Eines Tages kam eine Dame zu ihm, die ihr Herz erleichtern wollte. Nach einem längeren Gespräch zeigte Góra ihr ein Schreiben von Johannes Paul II., in dem der Papst dessen Vorhaben segnete. „Ich habe den Segen, aber ich habe kein Geld“, sagte Pater Góra zu ihr. „Und ich habe Geld, aber keinen Segen“, antwortete die Frau. Sie erzählte ihm, sie habe eine Firma die Damenunterwäsche herstelle. Pater Góra daraufhin: „Darf ich mich mit Ihnen anfreunden?“. Zwei Tage später fertigte der Notar zu Gunsten der von Pater Góra ins Leben gerufenen Stiftung eine Urkunde über den Erwerb von 40 Hektar Land in der Nähe des Lednica-Sees aus.

Lednica war sein gröβtes Werk

Das katholische Lednica-Jugendfestival war Pater Góras liebstes Kind und sein gröβtes Werk. Es findet seit 1997 am ersten Samstag im Juni statt. Neunzehnmal rief er die Jugendlichen auf, zu den Wiesen zwischen Poznań/Posen und Gniezno/Gnesen, zum gröβten katholischen Jugendtreffen der Welt ohne Anwesenheit des Papstes zu kommen.

Ojciec Góra Lednica brama foto

Ojciec Góra Lednica ołtarz
Der Fisch von Lednica als Tor und als Altar.

Es ist ein geschichtsträchtiger Ort, denn auf der Insel Ostrów im Lednica-See lieβen sich der polnische Fürst Mieszko I. und sein Hofstaat im Jahr 966 taufen. Die Geschichte des polnischen Staates nahm so ihren Anfang. „Hier hat Polen Christus gewählt. Auch ihr habt das gemacht, als ihr herkamt“, rief Pater Góra jedes Mal zur Begrüβung den jungen Menschen zu, die durch das groβe Tor strömten, das dem christlichen Symbol des Fisches nachempfunden ist. Es dient auch als Altar.

Die während der ganzen Nacht stattfindende Gebetswache ist voller Musik, Tanz, Symbole. Hunderte von Priestern, Mönchen, Nonnen sind dort als Ansprechpartner zugegen. Am Rande wirde gebeichtet, gebetet, geredet über Gott und die Welt.

Am 2. Juni 1997 kreiste der Hubschrauber mit Johannes Paul II. an Bord über den Wiesen von Lednica und Zehntausende winkten ihm zu. Der Papst war wieder einmal zu Besuch in seinem Heimatland. Eingebunden in ein dichtes Programm, wollte er auf Pater Góras Bitten hin, wenigstens mit dieser Geste zeigen, wie wichtig ihm die Jugend von Lednica ist.

Pater Góra bewegte Himmel und Erde, um die Jugend zum Kommen zu bewegen. Fallschirmspringer landeten auf den Lednica-Wiesen, Kunstflieger zeigten ihr Können. Das eine Mal bekam jeder Teilnehmer eine Lebkuchenpackung, dann wiederum ein kleines Messingkreuz, ein buntes Halstuch oder einen Brevier. Ganz Polen schrieb für Lednica per Hand die Bibel ab. Góra setzte den bereits gebrechlich gewordenen Primas von Polen Józef Glemp in ein wackeliges Boot, um eine brennende Fackel von der Insel Ostrów zu den Wiesen zu bringen. Einmal wollte er Mini-Weinfläschchen verteilen, benötigte dafür einhunderttausend kleine Korken. Er schrieb an den Bischof im portugiesischen Porto, wo Korkeichen wachsen, und bekam was er brauchte.

Auch den Papst verstand er für seine Ideen zu begeistern

Selbst Johannes Paul II. hatte Pater Góra sich um den Finger gewickelt. Der Papst bewunderte sein Engagement, seine verrückten Ideen, seinen Erfolg bei der Jugend. Schlieβlich ging es um die Zukunft der Kirche. So lange er lebte, nahm er jedes Jahr eine kurze Rede auf, die bei der Eröffnung von Lednica abgespielt wurde. Er segnete die Geschenke für die jungen Pilger, aber das alles war Pater Góra zu wenig.

Ojciec Góra JPII foto
Pater Góra und Johannes Paul II: „Kann mir jemand sagen weshalb ich mich auf diesen Kerl eingelassen habe?“

Bei einem der privaten Mittagessen, zu dem er im Vatikan hinzu gebeten wurde, bat er den Papst einen Abguss von dessen Hand nach Polen mitnehmen zu dürfen. Am Abend tauchte Johannes Paul II. die rechte Hand in ein Gefäβ mit flüssigem Silicon. Mit dem Zeigefinger der linken Hand klopfte er gegen seine Stirn und fragte lachend seinen Sekretär Pater Dziwisz: „Kann mir jemand eigentlich sagen weshalb ich mich auf diesen Kerl eingelassen habe?“
Im Seelsorge-Zentrum von Lednica gibt es ein kleines Johannes-Paul II.-Museum. Der Abguss ist dort nicht zu übersehen.

Ojciec Góra dłoń JPII foto
Bei Pater Góras Wirken und Werken hatte Johannes Paul II. seine Hand oft im Spiel. Der Abguss der Papst-Hand in Lednica soll daran erinnern.

In seinem Leben forderte er stets Höchstleistungen von sich, schonte sich nicht. Er starb so wie es einem Priester wie ihm zustand: vor dem Altar, während er die Messe zelebrierte.

Pater Jan Góra fand seine letzte Ruhestätte auf den Lednicer Wiesen. Staatspräsident Andrzej Duda verlieh ihm posthum das Groβkreuz des Ordens der Wiedergeburt Polens (Polonia Restituta). Das Lednica-Jugendfestival wird 2016 zum zwanzigsten Mal stattfinden. Das erste Mal ohne ihn.

Ojcieci Jan Góra foto 2

© RdP




Zwei Leben für den Glauben

Polnische Märtyrer selig gesprochen.

Es dauerte drei Tage bis die Nachricht von ihrer Ermordung aus der tiefsten peruanischen Provinz nach Europa durchdrang. Pater Jarosław Wysoczański erfuhr davon am 12. August 1991 in Kraków aus dem Fernsehen. Drei polnische Franziskaner waren auf Mission in Pariacoto. Nach drei Jahren sollten sie nacheinander den Heimaturlaub antreten. Pater Jarosław fuhr als erster. Die Hochzeit seiner jüngsten Schwester stand bevor. Sie hatte ihn gebeten, die Trauung vorzunehmen und rettete ihm damit das Leben.

Misjonarze Peru o. Wysoczański foto
Pater Jarosław Wysoczański koordiniert seit seinem schweren Autounfall in Uganda, in Rom weltweit die Missionsarbeit der Franziskaner, und legt Zeugnis ab von der Arbeit seiner beiden Mitbrüder in Pariacoto.

Am folgenden Tag landete Johannes Paul II. auf dem Flughafen von Kraków zu seinem vierten Polen-Besuch. Eine seiner ersten Stationen war die Franziskanerkirche und das angrenzende Franziskanerkloster. Er wollte dort am Grab von Aniela Salwa beten, die er kurz zuvor, während einer Messe auf dem Krakauer Hauptmarkt, selig gesprochen hatte. Pater Jarosław durfte am Grab der soeben Seliggesprochenen Fotos der beiden ermordeten Mitmissionare anbringen, deren Eltern ebenfalls anwesend waren. Als sich der Papst von den Knien erhob, stellte ihm sein Sekretär, Bischof Dziwsz Pater Jarosław vor.

Misjonarze foto 2
Kraków, 13. August 1991. Johannes Paul II. betet am Grab von Aniela Salwa, an dem Pater Jarosław Wysoczański Fotos der in Pariacoto ermordeten Missionare angebracht hat.

„Johannes Paul selbst war bis zu diesem Zeitpunkt zweimal in Peru gewesen. Im Februar 1985, in Ayacucho, der Wiege des marxistischen Terrorismus, rief er während seiner Predigt, sichtlich erschüttert vom Ausmaβ der dort geschehenen Morde, mit bebender Stimme die Peruaner auf endlich Frieden zu schlieβen. Er kannte die Lage. Am Ende unseres kurzen, im Flüsterton geführten Gesprächs, sagte er zu mir: »Bleib tapfer. Wir haben zwei neue Märtyrer für den Glauben.« Er umarmte mich, segnete die verzweifelten Eltern und ging, umgeben von einem Pulk von Offiziellen und Begleitern.“, erinnert sich Pater Jarosław.

Zwei Geschichten werden eins

Im Jahr 1970 gründete Abimael Guzmán, Philosophieprofessor an der Universität in Ayacucho, eine radikale marxistische Organisation. Es sei an der Zeit, so Guzmán, dass das arme peruanische Volk die Macht übernehme und eine Kulturrevolution nach chinesischem Vorbild das Land erfasse. Mitte der 70er Jahre ging Guzmán in den Untergrund und wurde Anführer der Guerilla-Bewegung „Leuchtender Pfad“ (Sendero Luminoso). In der zweiten Hälfte der 80er und Anfang der 90er kontrollierte sie große Teile des Landes und hinterlieβ eine blutige Spur. Exzesse, wie das Massaker von Lucanamarca, bei dem die Kommunisten im April 1983 insgesamt 69 Bauern mit Macheten ermordeten, darunter 20 Kinder, waren keine Ausnahme. Etwa 70.000 Menschen haben ihr Leben verloren bis Guzmán im September 1992 gefasst und zu lebenslänglicher Haft verurteilt werden konnte.

Misjonarze Peru Guzman foto 4
Terroristenführer Abimael Guzmán als Angeklagter vor Gericht in Lima im September 1992.

Die zweite Geschichte begann ebenfalls 1970, im Mai, in Pariacoto, einer Dreitausendseelen-Siedlung, gelegen in einem von den Anden umgebenen Talkessel. Ein gewaltiges Erdbeben verwüstete damals diese Gegend, knapp 70.000 Menschen kamen ums Leben. Monate vergingen bis Rettungsmannschaften in die letzten Winkel des Erdbebengebietes vorgedrungen waren.

Misjonarze foto 3
Opfer des kommmunistsichen Massakers von Lucanamarca vom April 1983 werden zu Grabe getragen.

Auch das ärmliche Pariacoto wurde schwer verwüstet. Peruanische Bischöfe schickten einige Nonnen, mit deren Hilfe die Siedlung nach und nach notdürftig wieder hergerichtet wurde. Die Seelsorgerinnen betreuten, und so ist es auch heute, weitere siebzig kleine, in den bis zu 5.000 m hohen Bergen verstreute Dörfer. Der Ritt in die entferntesten von ihnen dauerte zwei Tage. Es gab weder Wasser, noch Strom. Ein Wanderarzt kam alle drei bis vier Wochen auf dem Esel vorbei um nach seinen Patienten zu sehen.

Die zweite Heimat

Im Jahr 1988 kamen die drei polnischen Missionare: Jarosław Wysoczański (27 Jahre alt), Zbigniew Strzałkowski (phonetisch Stschalkowski) (30 Jahre), Michał Tomaszek (31 Jahre alt).

Als erstes kümmerten sie sich um die Wasserversorgung, holten Ingenieure in die Siedlung, die wussten wie man Wasser findet und es für die Versorgung speichert. In den Anden entspringt das Nass in den puquio, kleinen unterirdischen Quellen, die durch die ständig auftretenden kleineren Beben ihre Lage verändern. Deswegen war es so wichtig, dass sich alle Einwohner in das Vorhaben einbringen. „Es war erhebend zu sehen, wie eine Frau, die früher stundenlang das Wasser in Eimern kilometerweit herbeigeschleppt hatte, jetzt den Wasserhahn vor ihrem Haus aufdrehte um ihre Blumen zu gieβen. Die Wüste wurde zur Oase“, berichtet Pater Jarosław.

Misjonarze Peru komunia foto
Es galt auch die Seelsorge von Pariacoto aus in siebzig kleine Bergdörfer hoch in den Anden zu bringen.

Sie waren nur mit dem gekommen, womit sie vor den Andenbewohnern standen. Im Rucksack die Bibel, die Kutte, ein Paar Habseligkeiten. Ihre Bescheidenheit war der Passierschein in die Herzen der Indios. Sie arbeiteten Hand in Hand mit ihnen beim Bau der Wasserleitung, beim Ausbau der Kirche, beim Ausbessern der Straβe, beim Aufstellen der Masten, damit die Siedlung wenigstens zwei Stunden am Tag Strom aus Aggregaten nutzen konnte. Sie schufteten im Staub und kauten, wie die Einheimischen, Kokablätter, um in der dünnen Andenluft körperlich mithalten zu können. Sie organisierten Medikamente und brachten Kranke den viele Stunden dauernden Weg ins Hospital.

Misjonarze Peru na koniu foto
Der Ritt in die entlegendsten Andendörfer dauerte bis zu zwei Tage.

Pater Zbigniew hat mir so das Bein gerettet. Es war von Wundbrand befallen. Bewusstlos hat er mich auf dem Esel einen ganzen Tag lang bis ins Krankenhaus transportiert“, berichtete Monate nach dem Mord einer der Indios dem überlebenden Pater Jarosław.

Pater Michał klapperte alle Häuser in der Siedlung ab, um die Eltern dazu zu bewegen die Kinder zweimal in der Woche, am Nachmittag, zum Religionsunterricht in die Kirche zu schicken. Das gab es vorher nicht. Als sein Leben zu Ende ging, war die Kirche stets voller Kinder, denen er die Bibel vorlas und erklärte, denen er das Singen beigebracht hat.

MIsjonarze Peru praca foto

Misjonarze Peru dzieci foto
Bescheidenheit und schwere Arbeit waren ihr Passierschein in die Herzen der Indios.

Die erste Heimat

Alle Drei stammten aus Kleinstädten in Südostpolen, der einzigen Gegend des Landes, wo der Zweite Weltkrieg zwar gewütet hatte, die sozialen Strukturen davon aber weitgehend unberührt geblieben waren. Ostpolen, seit 1945 zum Gebiet der damaligen Sowjetunion gehörend, das völlig zerstörte und entvölkerte Warschau, Groβpolen mit Poznań, die ehemaligen deutschen Ostgebiete, überall hatten Deutsche und Sowjets Hunderttausende von Polen ermordet, um- und ausgesiedelt.

Die südöstliche Ecke des nach 1945 auf der Europakarte völlig neu geformten Landes blieb jedoch so, wie sie vom Ursprung her war: kleinbäuerlich, tiefgläubig, nationalbewusst. Sogar die Kommunisten bissen sich daran letztendlich die Zähne aus. Die Kollektivierung der Landwirtschaft scheiterte. Trotz Verfolgung und Behinderung des Glaubens war junger Nachwuchs an Nonnen, Mönchen und Priestern, gerade in dieser Gegend, immer besonders zahlreich.

Misjonarze Peru Tomaszk Strzałkowski nowicjat foto
Die späteren Missionare Michał Tomaszek (links) und Zbigniew Strzałkowski am Anfang ihre Noviziats bei den Franzisaknern in Kraków 1980.

Die drei jungen Männer lernten sich 1980 während des Noviziats bei den Franziskanern in Kraków kennen. Polen befand sich zu dieser Zeit in Aufruhr. In den letzten Augusttagen endeten die groβen Streiks an der Küste und in Oberschlesien. Solidarność, die erste freie Gewerkschaft im kommunistischen Machtbereich, entstand. Das Land streikte, debattierte, demonstrierte, kostete die Freiheit aus, die die in die Defensive gedrängten regierenden Kommunisten erst einmal nicht einzudämmen vermochten.

Misjonarze Peru ojcieci Badeni foto
Studentenpfarrer, Mystiker und Graf Joachim Badeni.

Wenn sie konnten, rannten die Drei in die Jagiellonen Universität, wo es nur so brodelte von Diskussionen, Flugblättern, Happenings. An Sonntagen galt es rechtzeitig in der Dominikanerkirche zu sein, bevor sie randvoll mit Menschen gefüllt war, die wie gebannt den Predigten des legendären Studentenpfarrers, Mystikers und Grafen Joachim Badeni oder des berühmten Priesters, Philosophen und Solidarność-Theologen Józef Tischner lauschten.

Misjonarze Peru Tischner foto
Philosoph und Solidarność-Theologe, Pfarrer Józef Tischner.

Das am 13. Dezember 1981 ausgerufene Kriegsrecht setzte fast all dem ein Ende, nur die Kirchen blieben als Freiräume erhalten. Schauspieler, Musiker, Schriftsteller, die aus Protest massenhaft das Staatsfernsehen- und den Rundfunk boykottierten, gaben Lesungen, Konzerte und Vorstellungen unter dem Dach der Kirche. Bei den Krakauer Franziskanern, unter den atemberaubenden Glasmalereien Wyspiańskis, gerieten diese Auftritte zu Mysterien der Freiheit. Das alles formte die drei jungen Männer aus der Provinz, festigte ihre Charaktere, machte sie unempfänglich für die lateinamerikanische Befreiungstheologie, die marxistische Gewaltideen mit dem Christentum vermischte.

Misjonarze Peru witraż foto
In der Zeit des Kriegsrechts gerieten die Auftritte oppositioneler Künstler bei den Krakauer Franziskanern, unter den atemberaubenden Glasmalereien Wyspiańskis (hier „Gott Vater – Werde“), zu Mysterien der Freiheit.

Der Tod schleicht um Pariacoto

Im Jahr 1991 schließlich trafen beide Handlungen aufeinander. Die Terroristen wollten, dass die Welt sie wahrnimmt.
„Bis dahin wurden Kirchenleute in Ruhe gelassen“, berichtet Pater Jarosław. „Als erste haben sie die australische Herzjesu-Schwester Irene McCormac ermordet.“ Eine Terroristin richtete sie am 21. Mai 1991 in der Stadt Huashuasi mit einem Kopfschuss hin.

„Der Leuchtende Pfad wollte siebzehn Kilometer weiter, im Nachbardorf Yaután ein Schulungszentrum einrichten, um seine Ideologie zu verbreiten. Zuerst brachte die Guerilla bei einem nächtlichen Überfall die beiden Polizisten, den Anwalt und einen Fuhrunternehmer um. Wir sind dort hingefahren, um die Menschen zu trösten. Die Guerilleros haben daraufhin unsere Telefonleitung vernichtet. Dann flohen der Bürgermeister von Pariacoto, die Gemeindevorsteher und alle Polizisten aus den umliegenden Dörfern. Der Leuchtende Pfad wollte keine Vertreter der Verwaltung und keine Respektspersonen in der Gegend haben. Wir waren die letzten“, erzählt Pater Jarosław.

Mord auf dem Friedhof

Er ist überzeugt, dass die Terroristen seine Mitbrüder wegen der Propagandawirkung umgebracht haben. Johannes Paul II. sollte in wenigen Tagen seine Heimat besuchen. Der Tod zweier polnischer Missionare würde umso mehr für Aufsehen sorgen.

Als sie spätabends am 9. August 1991 in das kleine Kloster eindrangen, wollten sie auch die drei jungen peruanischen Postulanten mitnehmen. Pater Michał hat sie ihnen entrissen und in die Kapelle gebracht. Eigentlich planten die Terroristen in Pariacoto, wie sie es meistens zu tun pflegten, ein „Volkstribunal“ zu veranstalten. Doch die Einwohner wollten nicht kommen.

Misjonarze Peru siostra Hernandez  foto
Die peruanische Nonne, Schwester Berta Hernandez. Eine mutige Frau, die bis zuletzt von der Seite der Missionare nicht weichen wollte.

„Anklage“ wurde auf ihrem Pickup erhoben. Sie hätten den Menschen die Bibel nahegebracht, die Religion aber sei das „Opium fürs Volk“. Sie hätten Armen zu essen gegeben, so etwas schläfert den revolutionären Geist ein. Zeugin war die peruanische Nonne, Schwester Berta Hernandez, eine mutige Frau, die bis zuletzt von der Seite der Missionare nicht weichen wollte. Pater Zbigniew schwieg. Pater Michał sagte nur: „Wenn wir uns geirrt haben, dann sagt uns worin.“

Misjonarze Peru kartka foto
Das Todesurtei an den Rücken gepinnt: „So enden Lakaien des Imperialismus“.

Das Auto fuhr los, Schwester Berta blieb zurück. Auf dem Friedhof streckten zwei Kopfschüsse die Opfer nieder. Am Rücken von Pater Zbigniew heftete ein blutverschmierter Zettel „So enden Lakaien des Imperialismus“. Zwei Wochen später starb in der Ortschaft Vinzos der italienische Missionar, Pfarrer Alessandro Dordi auf dieselbe Weise.

Misjonarze beatyfikacja foto
5. Dezember 2015. Während der Seligsprechungs-Feierlichkeiten im Fuβballstadion der westperuanischen Stadt Chimbote

Misjonarze Peru znaczek foto
Briefmarke der Polnischen Post vom Dezember 2015, anlässlich der Seligsprechung der beiden Missionare.

Alle drei wurden knapp ein Vierteljahrhundert später, am 5. Dezember 2015, während der Feierlichkeiten im Fuβballstadion der westperuanischen Stadt Chimbote selig gesprochen.

PaterJarosław Wysoczański ging als Missionar nach Uganda. Nach einem schweren Autounfall wurde er nach Rom versetzt, von wo aus er die Missionsarbeit der Franziskaner weltweit koordiniert.

Die polnischen Franziskaner sind in Pariacoto geblieben. Heute setzt dort Pater Jacek Lisowski die Arbeit der Märtyrer fort.

© RdP




Pfarrer in gottlosen Weiten

Ein polnischer Priester berichtet über sein Tun und Leben in der Ukraine.

Pfarrer Jan Dargiewicz aus Ełk/Lyck in Masuren, arbeitet seit zehn Jahren in der Ukraine. Seine Gemeinde Rasjesd, die zum katholischen Bistum Odessa-Simferopol gehört, befindet sich westlich von Odessa, an der Grenze zu Transnistrien. Das Bistum hat eine Fläche von 138.000 Quadratkilometern, soviel wie Bayern, Niedersachsen und Hessen zusammen. Es erstreckt sich entlang der gesamten ukrainischen Schwarzmeerküste und umfasst auch die inzwischen von Russland besetzte Krim. In diesem Gebiet leben gerade einmal 20 Tausend Katholiken. Über das Leben und Wirken eines katholischen Pfarrers in den gottlosen Weiten des Ostens stand Pfarrer Dargiewicz der Tageszeitung „Nasz Dziennik“ („Unser Tagblatt“) vom 3. April 2015 Rede und Antwort.

Ks. Dargiewicz foto 2
Pfarrer Jan Dargiewicz

Welche Sprache spricht man in Odessa?

Die meisten sprechen Russisch, weil in diesem Teil der Ukraine zur Sowjetzeit die Russifizierung mit viel Nachdruck betrieben wurde. Ukrainisch galt als die Sprache der Dörfler, also sprach man in der Öffentlichkeit Russisch. Jetzt ist das Ukrainische in Mode gekommen, immer mehr Leute sprechen Ukrainisch.

Das Bistum Odessa-Symferopol hat eine Fläche von 138.000 Quadratkilometern, soviel wie Bayern, Niedersachsen und Hessen zusammen.
Das Bistum Odessa-Symferopol hat eine Fläche von 138.000 Quadratkilometern, soviel wie Bayern, Niedersachsen und Hessen zusammen.

Zu welchen Glauben bekennen sich die Menschen?

Nur fünf Prozent der Bewohner unseres Bistums bekennen sich überhaupt zu irgendeiner Religion. Die Sowjets haben Weiβrussland und die Ukraine auf der Höhe der Stadt Winniza von Nord nach Süd der Länge nach geteilt.     Westlich dieser Linie befanden sich, nach dem Einmarsch der Sowjets am 17. September 1939, die von Polen abgetrennten Gebiete, welche 1944 aus zwischenzeitlicher deutscher Besatzung von den russischen Truppen erneut erobert wurden. Der katholische und orthodoxe Glaube waren dort sehr stark ausgeprägt. Die Sowjets verfolgten die Kirchen in diesen Landstrichen zwischen 1939 und 1941 und dann wieder ab 1944 unerbittlich. Pfarrer und Popen wurden ermordet oder deportiert, Kirchengebäude zweckentfremdet oder zerstört, den einfachen Volksglauben, soweit ihn alte Menschen praktizierten, ließ man jedoch gewähren. Ein paar eingeschüchterte und drangsalierte Pfarrer und Popen durften in irgendwelchen Kleinstkapellen die Seelsorge halbwegs fortsetzten.

In den weiβrussischen und ukrainischen Gebieten östlich von Winniza, die schon ab 1918 zur Sowjetunion gehörten, erstreckte sich seit den Massakern und Säuberungen der 30er Jahre ein gottloser Raum. Allein in Odessa wurden zwischen 1937 und 1938 in den Kellern des NKWD knapp eintausend Geistliche aller Religionen durch Kopfschuss ermordet: Pfarrer, Pastoren, Popen, Rabbiner, Mullahs der Krimtataren, Mönche, Nonnen. Ziel war der totale Atheismus: keine Geistlichen, keine Kirchen, ein absolutes Verbot „religiöser Propaganda“, wie die Seelsorge genannt wurde. Mir ist vor kurzem eine Frau in Odessa begegnet, die noch in den 80er Jahren zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt wurde, weil sie eine abgegriffene englische Broschüre über die Muttergottes von Fatima besaβ.

So gesehen sind wir hier Pioniere und Missionare im wahrsten Sinne des Wortes. Die ersten Priester kamen Anfang der 90er Jahre hierher und begaben sich auf die Suche nach den letzten Gläubigen. Die Anfänge sahen so aus, dass ein Pfarrer eine Kirchenruine vorfand und eine alte Frau, die letzte Katholikin weit und breit. Sie war es, die die Kirche vor der Einebnung gerettet hatte, als irgendwann in der Sowjetzeit die Bulldozer anrückten. Sie blieb so lange vor den Mauerresten stehen, bis das Abrisskommando sich sagte, das lohnt nicht und abzog. So geschehen in der Stadt Kertsch auf der Krim.

Wiederaufgebaute Kirche in Kertsch.
Wiederaufgebaute Kirche in Kertsch.

In Cherson schlief der Pfarrer anfangs im Zelt, wärmte sich an einer Kerze, wusch sich und aβ bei fremden Leuten. Die ersten Messen hielt er zunächst auf der Eingangstreppe, dann im Vorraum, am Ende im Kircheninneren. Jahrzehntelang hatte sich dort ein Kino mit dem Namen Pawel Morosow befunden, einer Ikone der Sowjetpropaganda, symbolisiert durch einen Bauernjungen, der seinen eigenen Vater als einen „Volksfeind“ angezeigt hatte, weil dieser angeblich Getreide versteckte und sich der Kollektivierung widersetzte. Jungen aus der Umgebung bewarfen den Pfarrer mit Steinen, weil er ihnen das Kino „weggenommen hat“. Jetzt ist die Stadt stolz auf die prächtig aufgebaute Kirche und einer dieser Jungen ging ins Priesterseminar.

Wie sieht heute Ihre Arbeit aus?

Es ist immer noch sehr schwer. Unsere Gegend ist bitterarm. Einige wenige  Oligarchen schwimmen in unvorstellbarem Reichtum. Besonders auf dem Lande herrscht fast schon das blanke Elend. Die Kluft zwischen Reich und Arm ist schier bodenlos. Das Christentum wurde ausgerottet. Den Menschen fehlt ein geistiges, ein moralisches Fundament. Der Kommunismus förderte vor allem die schlechten Eigenschaften im Menschen: Passivität, Mitläufer- und Denunziantentum, das Wegschauen, das Nach-Oben-Ducken und Nach-Unten-Treten. Mittlerweile kommen noch die Verlockungen des Konsums hinzu, und dann der Krieg. Viele halten das nicht aus. Alkoholismus und Drogensucht richten Furchtbares an. Wer kann, geht: nach Europa, nach Russland…

Dennoch steht die Kirche immer besser da.

Nach dem was war, kann es nur besser werden. Neue Pfarrgemeinden entstehen, weil sich immer mehr versprengte, katholische Familien bei uns melden, die den Glauben wieder leben wollen. Plötzlich stellt sich heraus, dass es in dem Ort noch mehr Katholiken gibt. Menschen lassen sich taufen, nehmen die Sakramente entgegen, ein normales geistiges und religiöses Leben kommt nach und nach in Gang. 2005 bat mich ein 75-jähriger Mann ihn zu taufen. Seine Eltern waren katholisch, sein ganzes Leben lang wartete er darauf endlich einem Pfarrer zu begegnen. Ich war der erste, den er in seinem Leben traf. Auf den Dörfern in der weiten Steppe erfahren die Menschen erst nach und nach, dass die katholische Kirche wieder vor Ort ist.

Die meisten Priester in Ihrem Bistum kommen aus Polen.

So ist es. Wir sind räumlich am nächsten dran, wir können uns aufgrund der Verwandtschaft der Sprachen am schnellsten mit den hiesigen Menschen verständigen. Die katholische Kirche in der Ukraine haben anfänglich fast ausnahmslos polnische Pfarrer, Mönche und Nonnen wieder aufgebaut. Oft unter unsäglichen Mühen und Entbehrungen. Finanziert wird unser Tun ausschlieβlich aus Spenden, die in den Kirchen in Polen gesammelt werden. Das ist unsere polnische Beteiligung an dem Evangelisierungswerk der Kirche, zu der wir alle aufgerufen sind. Die ersten ukrainischen Pfarrer wurden bereits geweiht. Sie sollen in der Zukunft die katholische Kirche in der Ukraine aufbauen und festigen.

Wie steht es um den Kirchenbau?

Wenn wir eine neue Pfarrei gründen, werden am Anfang die Heiligen Messen in privaten Häusern abgehalten. Dann mieten wir einen Saal. In einem der Orte handelt es sich dabei um den Saal im Haus der Veteranen der Roten Armee. An der Stirnseite hängen Hammer und Sichel, an den Wänden Portraits von Lenin, Marx, Engels, Stalin und anderer kommunistischer Größen, von denen sehr viele, wie Lenin, Stalin oder Dserschinski, furchtbare Verbrechen begangen haben. Plötzlich stehen da, inmitten dieses Panoptikums, das Kruzifix und das Bild Muttergottes, Menschen sprechen das Vaterunser. Deswegen bauen wir auch in der kleinsten Gemeinden ein Gotteshaus, und sei es eine winzige Kapelle. Gläubige, die sich in Privathäusern oder gemieteten Sälen zum Gottesdienst treffen werden als eine Sekte betrachtet. Wenn es eine Kirche oder Kapelle gibt, dann steigt gleich die Zahl der Gläubigen. Die Menschen sehen ein Gebäude mit dem Kreuz auf dem Dach, mit Heiligenfiguren, einem Altar, einem Taufbecken… Ein Kirchengebäude ist wie ein Leuchtturm.

Gibt es Chancen alte Kirchengebäude zurück zu bekommen?

Es ist sehr schwer. Das ukrainische Recht ist sehr kompliziert, die Beamten sind misstrauisch und wenig kooperativ, in den Archiven herrscht Chaos. Es kostet viel Mühe und man braucht viel Geduld um nachzuweisen, dass es sich bei der Ruine um eine Kirche handelt. Noch schwieriger ist es, wenn das Kirchengebäude bereits anderen Zwecken dient. Auch beim Neubau von Kirchen begibt man sich auf einen anstrengenden Weg.

Ehemalige katholische Kirche in Sweastopel (auf der heute russisch besetzten Krim) zum Kino "Druschba" - "Freundschaft" umfunktioniert. Seit 2008 geschlossen. Rückgabe wird dennoch verweigert.
Ehemalige katholische Kirche in Sewastopol (auf der heute russisch besetzten Krim) zum Kino „Druschba“ – „Freundschaft“ umfunktioniert. Seit 2008 geschlossen. Rückgabe wird dennoch verweigert.

Es gibt in unserem Bistum sehr viele ehemalige katholische Kirchen. Vom Ende des 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts, also vor der Oktoberrevolution 1917, hatten die zaristischen Behörden in der Gegend sehr viele Polen und Deutsche angesiedelt. Odessa wurde Ende 1794 von den russischen Behörden gegründet. Bereits im Juli 1795 kamen die ersten etwa einhundert polnischen Familien dort an. Um 1914 lebten in Odessa immerhin bis zu 30.000 Polen. Sie bauten in der Stadt katholische Kapellen und Kirchen. Die schöne Kathedrale in Odessa haben die Sowjets in eine Sporthalle umgewandelt. Erst 1991 wurde sie zurückgegeben und wieder hergerichtet. Die St. Klemens Kirche war das größte Gotteshaus östlich von Polen, es hatte zweitausend Sitzplätze. Den dortigen Probst, Pfarrer Józef Szejner haben die Sowjets bereits im Mai 1922 ermordet, das Gebäude 1933 in die Luft gesprengt. Viele Kirchengebäude haben als Ruinen überdauert. Sie zurückzubekommen und wiederaufzubauen ist eine Aufgabe für Generationen.

Stimmt es, dass der Katholizismus in der Ukraine eindeutig mit dem Polnischsein gleichgestellt wird?

Die Kirche ist katholisch, also heilig, allgemein und apostolisch. Wir sind für alle Katholiken da. In der Praxis findet die Seelsorge überwiegend in drei Sprachen statt; auf Ukrainisch, Russisch und Polnisch. Als ich aber eine Gruppe von Armeniern zu betreuen begann, habe ich angefangen den Gottesdienst auf Armenisch abzuhalten. Doch Sie haben Recht. Die katholische Kirche wird in der Ukraine sehr oft mit dem Polentum gleichgesetzt. Oft gehört nur ein polnisch klingender Nachname dazu, um als Pole und katholisch angesehen zu werden. Zu uns kamen nicht wenige junge Menschen, die irgendjemand in der Schule darauf hingewiesen hat, dass, wenn sie so einen Namen tragen, sie ganz bestimmt Polen seien.

Wie sieht Ihre tagtägliche Arbeit aus?

Ich bin Pfarrer in einer Pfarrei die etwa 200 auf 300 km groβ ist. Der Ort Rasjesd wurde von den Sowjets an einem Eisenbahnknotenpunkt aus dem Boden gestampft. Um an allen Orten eine Messe zu zelebrieren lege ich an jedem Sonntag etwa 300 km zurück. Es ist eine schwere, aber auch sehr schöne, bewegende Arbeit. Die Menschen sehnen sich geradezu nach Seelsorge.

Pfarrer Jan Dargiewicz mit seinen Gemeindemeitgliedern.
Pfarrer Jan Dargiewicz mit seinen Gemeindemitgliedern.

Gleichzeitig kommt man oft mit äuβerster Armut in Berührung. Ich habe gelernt Sanitäter zu sein. Zusammen mit unserer Gemeindeschwester waren wir einige Male bei einer fast einhundertjährigen Frau, die einst zwei Jahre lang in eine polnische Schule gegangen ist. Sie las und betete auf Polnisch, sprechen konnte sie nicht. Sie lebte in Armut, war von Würmern befallen. Wir mussten die Parasiten erst entfernen, bevor ich die Sakramente spenden konnte. Die Menschen hier leben einen einfachen, ehrlichen den Mitmenschen zugewandten Glauben. So ist mir bei einer meiner „Sonntagsrunden“ das Geld ausgegangen. Ich konnte nicht tanken, um nach Hause zu kommen. Mir kam der Gedanke: „Lieber Gott, Du hast mich hierher geschickt, tue etwas“. Nach der Messe verlasse ich die Kapelle. Ein Mann kommt auf mich zu, gibt mir etwas Geld und sagt: „Das habe ich gerade beim Einkaufen gespart und will es Ihnen geben“. Auf diese Weise gibt uns Gott zu verstehen, dass er über uns wacht: „Mach Dir keine Sorgen, arbeite nur“.

Wie ist die Identität der Menschen in Odessa?

In Odessa leben Vertreter von 121 Nationalitäten. In der Zarenzeit war das ein Schmelztiegel der Nationen. Es war eine sehr reiche Stadt, es kamen Menschen von überall her. Es gibt immer noch viele Zeugnisse des einstigen Reichtums. Die Menschen gehen miteinander freundschaftlich, friedfertig um, auch wenn sie in sehr unterschiedlichen, manchmal sehr exotischen Sprachen untereinander sprechen, verschiedene Glauben praktizieren. Das stört niemanden.

Dennoch kam es am 2. Mai 2014 in Odessa zu schweren Krawallen und Zusammenstöβen mit 48 Toten und gut zweihundert Verletzten als Folge.

Das kam von Auβen. Es begann mit einem Marsch von Fuβballfans. Es war ein friedlicher Marsch, der durch Provokationen gestört wurde. Alles war gut durchdacht, einschlieβlich der Anwesenheit russischer Medien an den wichtigsten Orten des Geschehens. Es waren Leute von auβerhalb. Sie riefen „Russland“, „Referendum“. Sie fuhren von Stadt zu Stadt. Ich bin hier schon lange, kenne die Einheimischen. So etwas würden sie nicht tun, und wie man sieht fiel die Provokation auf einen sehr unfruchtbaren Boden, weil es hier bis heute eher friedlich zugeht.

Welchen Einfluss hat der Krieg im Donbas auf das Leben in Odessa und Umgebung?

Dieser Krieg spaltet die Gesellschaft. Familien sind zerstritten. Ich kenne z. B. Geschwister, von denen der Bruder in der Ukraine und die Schwester in Russland lebt. Sie ruft an und sagt dem Bruder, dass Russland die Ukraine vom Faschismus befreien wird usw. Die Macht der Propaganda ist so groβ, dass man nichts erklären kann. Verwandte wenden sich voneinander in Hass ab. Man spürt die Bedrohung. Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Gegend zu „Neurussland“ gehören sollte. Nach dem 2. Mai 2014 herrschte lange Zeit Ruhe, jetzt steigt die Spannung wieder. Meine Pfarrei grenzt ja an Transnistrien, und das ist so als würden wir Russland zum Nachbarn haben. Wenn es einen Angriff auf uns geben sollte, dann von zwei Seiten.

Gibt es in Ihrer Pfarrei Flüchtlinge?

Ja, viele. Es gibt auch eine Menge Soldaten die von der Front zurückkommen, darunter viele Verwundetete und Invaliden. Die Krankenhäuser sind überfüllt. Unsere Gemeindemitglieder, unsere Nonnen gehen zu ihnen. Es gibt Bekehrungen, Taufen… Vorher hatten diese Menschen keine Zeit, keine Gelegenheit an Gott zu denken.

RdP




Polen begeht Fronleichnam

Prozessionen in Städten und Dörfern.

Fronleichnam (polnisch: Boże Ciało) erinnert an das letzte Abendmahl und das Sakrament der Eucharistie, welches auf den Gründonnerstag vor Ostern zurückgeht.

Das Fronleichnamsfest wird in katholischen Kirche in diesem Jahr am Donnerstag, dem 4. Juni,  60 Tage nach Ostern gefeiert und ist in Polen  ein gesetzlicher Feiertag. Durch alle polnischen Städte und Dörfer ziehen an diesem Tag mit Gebet und Gesang bunte Fronleichnamsprozessionen. Die Strecke der Prozession und die vier Stationen, an denen Texte aus dem Evangelium vorgelesen werden, sind mit Blumen und grünen Zweigen geschmückt. Kleine Mädchen, traditionell in Weiß gekleidet, streuen auf den Weg Blumenblüten. Kleine Jungen begleiten die Prozession mit kleinen Glocken.
© RdP




Das Unbehagen an Dachau

Es ist an der Zeit der polnischen Opfer angemessen zu gedenken.

Zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau unweit von München, hat die katholische Kirche Polens eine große Wallfahrt in die Gedenkstätte ausgerichtet. Mehr als 700 polnische Geistliche, darunter 40 Bischöfe, gedachten am 29. April 2015 unserer dort ermordeten Landsleute. Zugleich lieferte der Jahrestag den Medien in Polen den Anlass zu einigen kritischen Anmerkungen, gerichtet an die deutschen, aber auch an die eigenen Behörden.

„Unser deutscher Begleiter durch das Museum in Dachau informiert uns schon in seiner Einführung, dass in dem KZ überwiegend Juden, Kommunisten und Homosexuelle zu Tode gekommen sind. Kein Wort darüber, dass dies auch der gröβte Friedhof polnischer Priester in der Geschichte unserer Kirche sei.“, beginnt Grzegorz Górny seinen Bericht im Wochenmagazin „wSieci“ (‚imNetztwerk“) vom 27. April 2015.

Das KZ Dachau hat für Polen eine besonders qualvolle Bedeutung, vor allem für die katholische Kirche. Mit knapp 41.000 Inhaftierten waren die Polen die größte Gruppe der Gefangenen. 8.332 überlebten Dachau nicht.

Die Kirche hat das Schicksal der Nation uneingeschränkt geteilt. Daher rührt ihr Ansehen. Pfarren helfen beim Ausgeben von Laufgräben währen der Verteidigung Warschaus im September 1939.
Die Kirche hat das Schicksal der Nation uneingeschränkt geteilt. Auch daher rührt ihr Ansehen. Pfarren helfen beim Ausheben von Laufgräben während der Verteidigung Warschaus im September 1939.

Ab Ende 1940 machten die SS-Behörden Dachau zum Hauptlager für 2.720 katholische, evangelische und orthodoxe Pfarrer aus ganz Europa, 1.780 von ihnen waren polnische katholische Geistliche. Von den insgesamt 1.030 Geistlichen, die durch pseudomedizinische Versuche, Hunger, Krankheiten oder auf andere grausame Weise in Dachau umgebracht wurden, waren 868 Polen.

PFarrer warten in Bydgoszcz/Bromberg im September 1939 auf Ihre Erschiessung zusammen mit anderen polnischen Geiseln.
Pfarrer warten in Bydgoszcz/Bromberg im September 1939 auf Ihre Erschiessung zusammen mit anderen polnischen Geiseln (oben und unten).

Polscy księza ofiary foto 2 Im Ganzen hat jeder fünfte polnische Geistliche die deutsche Besatzungszeit nicht überlebt. Darunter waren 1.932 Diözesanpriester, 580 Mönche und 289 Nonnen. Die Sowjets haben weitere etwa 700 polnische Geistliche auf dem Gewissen. Ukrainische Nationalisten haben während der Wolhynien-Massaker von 1943-1944, mit deutscher Duldung, etwa 60.000 Polen grausamst ermordet, darunter waren gut 70 weitere Priester.

Ein herausragendes Beispiel für das Martyrium der polnischen Geistlichen ist das Schicksal von Pater Maksymilian Kolbe. Im Sommer 1941 ging er in Auschwitz freiwillig in den gausamen  Tod im Hungerbunker, um einem Mithäftling das Leben zu retten. (Hierzu empfehlen wir Ihnen eine ausführliche Sendung).

Ein Pfarrer segnet die von den Sowjets in Katyń b. Smolensk ermordeten polnischen Offiziere während der von den Deutschen angeordneten Exhumierungen im Frühjahr 1943.
Ein Pfarrer segnet die von den Sowjets in Katyń b. Smolensk ermordeten polnischen Offiziere während der von den Deutschen angeordneten Exhumierungen im Frühjahr 1943.

Der spätere Bischof Franciszek Korszyński erinnerte sich nach dem Krieg: „In Dachau gab es keine Zugtiere. Zugtiere waren die Priester. Sie wurden vor Wagen, Eggen, Pflüge, Straβenwalzen gespannt. Unter diesen Sklaven habe ich noch heute Pfarrer Józef Straszewski vor Augen, ausgezehrt, ein menschliches Skelett mit Haut bespannt.“

Pfarrer Stefan Stępień berichtete nach der Befreiung: „Nacheinander hat man uns in den Behandlungsraum gestoβen. Jeder bekam von einem deutschen Arzt eine Spritze, 3 Kubikzentimeter Eiter der bei der Phlegmone-Erkrankung entsteht. Die einen in den rechten, die anderen in den linken Unterschenkel. In der Nacht kam das Fieber, das Bein schwoll an, wurde schwarz. Man dachte es platzt. Es tat weh, als würde jemand mit einem brennenden Eisen darin herumstochern. Bei manchen schwollen die Beine zu monströsen Ausmaβen an. Wir bekamen furchtbare Halluzinationen. Die meisten verloren das Bewusstsein, ein Teil von uns fiel in Agonie, starb unter schrecklichen Qualen. Wer überlebte und zu sich kam, muβte erneut ins Behandlungszimmer. Manche von uns wurden auf diese Weise sechs, sogar sieben Mal »operiert«“.

Pfarrer Stefan Frelichowski starb, weil er sich mit Typhus ansteckte. Selbst ausgehungert und schwach, spendete er bis zuletzt den Kranken und Sterbenden letzte Ölung und Trost. Zusammen mit 41 weiteren polnischen Dachau-Priestern hat ihn Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.

Der spätere Erzbischof Kazimierz Majdański überlebte bestialische Experimente, denen man ihn in einer Druckkammer ausgesetzt hatte. Dutzende von Priestern wurden zu Tode geprügelt, weil sie nicht den Rosenkranz zertrampeln wollten, der im Lager verboten war und bei ihnen entdeckt wurde. Jegliche Form der Religionsausübung war den Polen untersagt und wurde bestialisch geahndet. Deutsche Geistliche waren in dieser Hinsicht besser gestellt.

Ein Pfarrer nimmt den Warschauer Aufsändischen im August 1944 den Eid ab.
Ein Pfarrer nimmt den Warschauer Aufsändischen im August 1944 den Eid ab.

„Fast siebzig Jahre lang“, schreibt in seinem ganzseitigen Artikel Piotr Semka in der Zeitung „Rzeczpospolita“ („Die Republik“) vom 28. April 2015, „versammelten sich die polnischen Priester, die Dachau überlebt haben, an jedem 29. April bei einer heiligen Messe in der Basilika zum Heiligen Josef in der Stadt Kalisz. Geraume Zeit konnten sie nicht ins ehemalige Lager fahren. Es lag hinter dem Eisernen Vorhang. Auβerden befand sich zwanzig Jahre lang auf dem Gelände ein Quartier für deutsche Ausgesiedelte aus den früheren Ostgebieten.

Im kommunistischen Polen wurden die Leiden der Priester nicht hervorgehoben. Manchem der Dachau-Priester drohten Beamte der politischen Polizei gar mit neuen Misshandlungen, um sie zu brechen und zum Denunziantentum zu zwingen. Im Westen war das Martyrium der Priester nicht bekannt“, schreibt Semka.

„Erst der ehemalige Häftling Johannes Neuhäusler, Weihbischof von München und Freising setzte 1960 durch die Einweihung der Todesangst-Christi-Kapelle und die Unterstützung der Gründung des Schweigeklosters Heilig Blut der Karmelitinnen am Rande des ehemaligen KZ-Geländes ein Zeichen. Die KZ-Gedenkstätte Dachau entstand erst 1965. Drei Jahre später wurde das „Nie wieder“-Denkmal enthüllt. Zu lesen ist die Mahnung auf Englisch, Französisch, Deutsch, Russisch, Hebräisch. Auf Polnisch nicht, obwohl die meisten Insassen Polen waren.

Ab 1970 hing eine Informationstafel über polnische Häftlinge an der Auβenwand des Museums. Nicht lange. Seit ewigen Zeiten steht sie in einem Nebenraum des Museums auf dem Boden, an die Wand gelehnt. Im Krematorium gibt es sogar eine Tafel, gewidmet vier Offizieren des britischen Geheimdienstes deren Leichen dort verbrannt wurden. Von den Polen kein Wort. Und wie viele wurden hier eingeäschert?“

Die einzige sichtbare Erinnerung an das Martyrium der polnischen Priester ist eine Tafel, die die Überlebenden 1972 selbst, drauβen, an der Hinterwand der Todesangst-Christi-Kapelle angebracht haben. Der Hauptstrom der Besucher allerdings bekommt sie nicht zu sehen.

Einladung der Polnischen Bischofskonferenz zur Teilnahme an der Wallfahrt nach Dachau am 29. April 2015.
Einladung der Polnischen Bischofskonferenz zur Teilnahme an der Wallfahrt nach Dachau am 29. April 2015.

„Bei den Kennzeichnungen, die die Standorte der einzelnen Baracken markieren sollen, gibt es keinen Hinweis auf die Massenunterkünfte polnischer Priester. Man weiβ nicht, wo man seine Kerze hinstellen soll. In der Austellung des angeschlossenenen Museums gehen die polnischen Priester in einer Vielzahl anderer Themen völlig unter“, berichtet Semka. „In der Buchhandlung gibt es nicht einmal eine Broschüre zu dem Thema.“

„Nach polnischen Spuren sucht man heute in Dachau mit der Lupe“, schreibt auch Adam Kruczek in seinem umfassenden Bericht im „Nasz Dziennik“ („Unser Tagblatt“) vom 29. April 2015. „Die etwa eine Million Besucher, die jedes Jahr hierher kommen, erfahren viel von Leiden der deutschen Antifaschisten, der Juden, der Homosexuellen und des »europäischen« Klerus“. Auf Anfrage gibt es polnisch sprachige Führungen und Audioguides, auch sie vermitteln diese eine Botschaft.

Es gehe nicht darum, so die Autoren, einen „Opferwettbewerb“ zu entfachen, sondern, ohne die anderen herunterzustufen, einen wichtigen Teil der historischen Wahrheit am Ort des Geschehens wiederherzustellen. Es ist ein delikates, aber machbares Vorhaben. Die Polnische Katholische Mission in München und das polnische Generalkonsulat dort, haben, so heiβt es in den Berichten, immer wieder Versuche unternommen diesen Zustand zu ändern. Wie man sieht, mit wenig Erfolg.

Es geht ihnen vor allem darum, in die ständige Ausstellung einen deutlichen Hinweis auf das Martyrium der polnischen Geistlichen in Dachau einzubringen, und wenigstens eine Broschüre in mehreren Sprachen zu diesem Thema zu drucken.

Polen jedenfalls, wie die zitierten Berichte und die groβe Wallfahrt nach Dachau belegen, hat das Opfer seiner Seelsorger nicht vergessen.

© RdP




2015 polnische Missionare

Auf allen Kontinenten.

Den im April 2015 veröffentlichten Angaben der Polnischen Bischofskonferenz zufolge, arbeiten Missionare und Missionarinnen aus Polen in 97 Ländern der Welt, darunter: 828 in Afrika, wovon die meisten in Kamerun – 125, Zambia – 77, auf Madagaskar – 58 und in Tansania – 65; 786 in Mittel- und Südamerika, wovon die meisten in Brasilien – 260, Bolivien – 119, Argentinien – 121 und Peru – 63; 314 in Asien und Vorderasien, wovon die meisten in Kasachstan – 108, Israel – 53, Japan – 29, auf den Philippinen – 29 und in Usbekistan – 17; 70 in Ozeanien, wovon die meisten in Papua-Neuguinea – 66 und 17 in Nordamerika. Unter den insgesamt 2015 polnischen Missionaren gibt es 1023 Mönche (von denen 18 Bischöfe sind), 640 Nonnen, 302 Diözesanpriester und 50 Laien. Männerorden, die die meisten Missionare entsandt haben: die Verbisten – 209, die Franziskaner-Konventualen – 90, die Franziskaner – 75, die Salesianer – 74 und die Pallottiner – 72. Die meisten Missionarinnen haben die Franziskanerinnen Missionarinnen Marias – 54, die Dienerinnen des Heiligen Geistes – 50 und die Schwestern von der Heiligen Elisabeth – 42 in die Welt geschickt. Unter den Diözesanpriestern kommen die meisten aus den Diözesen: Przemyśl- 18, Katowice – 14, Kraków – 14 und Lublin – 14. Das Durchschnittsalter aller polnischen Missionare und Missionarinnen beträgt 46 Jahre.

©RdP




Ein Priester kauft Windeln

Der Szczeciner Pfarrer Tomasz Kancelarczyk hat Hunderte von Leben gerettet.

(…) Mein erster Fall, das war eine Abiturientin aus gutem Hause, sehr in die Gemeindearbeit eingebunden. Über ihre Schwangerschaft hat sie niemandem etwas erzählt. Sie hatte auch schon einen Termin für den Eingriff. Ihre beste Freundin kam damit zu mir, und ich, naiv wie ich war, und meiner seelsorgerischen Überzeugungsfähigkeiten völlig gewiss, wurde eines Besseren belehrt.

Das Mädchen hörte sich an, was ich zu sagen hatte, und erklärte mir dann geradeheraus, dass sie das Kind niemals gebären werde. Sie war sich da hundertprozentig sicher. Meine Beteuerungen, sie werde Hilfe bekommen, das Kind sei doch kein Hindernis beim Studium und im weiteren Leben, trafen auf taube Ohren. Wir hatten einige Gespräche. Nichts half. Ich hab‘s dann aufgegeben. Was kann ein Priester da noch ausrichten? Das Kind wird er ganz bestimmt nicht austragen können.

Einige Tage später, ich stand vor dem Altar, überkam mich mit unglaublicher Wucht der Gedanke, wenn ich nicht alles tue. was in meiner Macht steht, um diese Abtreibung zu verhindern, dann bin ich ein Feigling und werde dem Mädchen das Leben ruinieren.

Dem Mädchen?

Sie müsste mit der Gewissheit leben, ihr Kind umgebracht zu haben. Das war eine kluge, empfindsame junge Frau. Es galt ihr Kind und sie selbst zu retten. Das Trauma nach einer Abtreibung ist keine Erfindung devoter Frömmlerinnen. Das ist ein schrecklicher Zustand der Depression, des Hasses, der Ängste, der Schuldgefühle, die viele Frauen überkommt und oft bis an ihr Lebensende nicht mehr loslässt.

Ich bin noch einmal zu ihr gefahren und habe alles auf eine Karte gesetzt. „Ich werde es nicht zulassen. Ich fahre jetzt zu Deinen Eltern. Du wirst es nicht tun“. Dann passierte etwas schreckliches. Ihr schönes Gesicht entstellte sich zu einer hasserfüllten Fratze. Ich bekam Angst. Wir sind mit Krach auseinandergegangen.

Ich verspürte einen tiefen Schmerz darüber, dass das Kind umgebracht wird. Ich war in einen Kampf auf Leben und Tod verwickelt. Verzweifelt habe ich mich ans Telefon gesetzt und alle Orden, die ich kannte angerufen, mit der Bitte um Gebete für die Rettung des Kindes. Auch ich habe innbrünstig gebetet. Eine Woche verging. Es klingelt an der Tür. Ich mache auf, vor mir steht „meine“ Abiturientin. Sie lacht, strahlt vor Glück. „Ich werde gebären“. Das Kind kam auf die Welt, sie hat sich das Leben eingerichtet. Das Kind bedeutet ihr alles, auch ihre Familie ist verrückt nach ihm.

Was muss man tun, um eine Frau und ihr Kind zu retten?

Nach so vielen Jahren weiβ ich, dass man auf drei Ebenen gleichzeitig handeln muss. Wichtig ist, ein konkretes Hilfsangebot zu machen und es umzusetzen. Genauso wichtig ist das Gebet. Zugleich muss man deutlich machen, was in Wirklichkeit eine Abtreibung ist, und welch unschätzbaren Wert das Leben hat.

Haben die „Märsche für das Leben“ einen Sinn?

Ja. Es wird öffentlich ein Zeugnis abgelegt, auf diese Weise werden die Öffentlichkeit, und vor allem die jungen Menschen, geprägt. Doch die Märsche dürfen kein Ziel an sich sein. Die Vereinigung Civitas Christiana hat mich in Szczecin 2006 zum ersten Mal zur Teilnahme eingeladen. Damals habe ich in einer Berufsschule Religion unterrichtet. Meine Schüler waren bei Leibe keine braven Kinder. Dennoch sind wir zusammen hingegangen und trafen auf ein Häuflein trauriger älterer Damen. Die Jungs fühlten sich dabei unwohl, ich übrigens auch (…)

Marsz dla życia foto 2

Marsz dla życia foto 1
Zwanzigtausend Menschen nahmen im Mai 2014 am Szczeciner Marsch für das Leben teil.

Ein Jahr später haben wir die Vorbereitung des Marsches praktisch an uns gerissen, mit viel Phantasie und Energie. Die jungen Leute hatten viele gute Ideen. Es ging fröhlich und bunt zu, es herrschte eine ganz andere Atmosphäre, und es kamen zweitausend Leute! Von Jahr zu Jahr wurden es immer mehr. Im Mai 2014 marschierten schon zwanzigtausend Menschen gemeinsam mit uns. Doch der Marsch, auch wenn die Vorbereitungen wochenlang dauern, ist ein leichtes Unterfangen. Ein Kind zu retten ist viel schwieriger.

Warum?

Man muss starke Nerven haben und oft ein enormes Tempo an den Tag legen. Man wird zu so einer Art Anti-Abtreibungs-Bereitschaftsdienst. Als immer mehr Anrufe kamen, dass wieder einmal eine Frau „ein Problem“ hat und es loswerden will, wurde mir klar, dass ein jeder solcher Alarm irgendwie anders ist, eine andere Vorgehensweise und Hilfestellung verlangt. (…) Manchmal muss man wie ein Priester handeln, manchmal wie ein Psychologe, ein anderes Mal wie die Sozialhilfe, nicht selten wie ein Fuchs.

Fuchs?

Sagen wir: unkonventionell handeln. Ein Problem ist immer: wie komme ich mit dem Mädchen ins Gespräch? Wenn das gelingt, dann haben wir den ersten Anhaltspunkt, und die Chance ein Leben zu retten wächst enorm.

Welche Frauen entscheiden sich für die Abtreibung?

Vor allem fehlt ein positiv eingestellter Mann an ihrer Seite. Entweder war gelegentlicher Sex im Spiel oder ein Mann, mit dem die Frau schon länger zusammenlebt, und der dann plötzlich fragt: bist Du sicher, dass es mein Kind ist? Viele Männer überlassen „groβzügig“ und „modern“ die Entscheidung der Frau: mach was Du willst. In jedem Fall ziehen, das fehlende Sicherheitsgefühl, die Angst, die Wut auf den Mann, die unheilvolle Entscheidung abzutreiben nach sich.

Die Mädchen stammen aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen. Manchmal sind sie ungebildet und arm. Manchmal sind es Frauen in gehobener Stellung mit einem guten Einkommen. Vor nicht langer Zeit bekam ich die Nachricht von einem Mannequin das abtreiben wollte. Klar: Angst vor einem Bruch der Karriere, einer entstellten Figur. Es gelang ihr zu helfen. Sie gebar, wurde wieder schlank. Das Kind ist ihr Ein und Alles. Sie ist wieder zurück auf dem Laufsteg.

Oft sind es Teenager. Blanke Verzweiflung! „Die Eltern werden mich umbringen!“ Gewiss, meistens sind die Eltern wütend, aber das geht schnell vorbei, und als Groβeltern schäumen sie nur so über vor Freude. Die Leute wollen oft die Schwangerschaft nicht, aber das Kind, das Ergebnis dieses Zustandes, macht sie glücklich.

Wie weit reicht Ihr Aktionsradius?

Er erstreckt sich auf ganz Polen. Wenn die Mädchen auβerhalb von Szczecin wohnen, dann setzten wir uns ins Auto und fahren los. Wenn es wirklich am anderen Ende des Landes ist, dann suchen wir nach Mitarbeitern der Bruderschaft der Kleinen Füβe (Bractwo Małych Stópek). Es gibt dreitausend von ihnen im ganzen Land. Das Internet ist ein groβer Segen für die Pro-Life-Bewegung. Es eint die Menschen zugunsten einer guten Sache. Ich kann auch immer auf die Leute von der Gemeinschaft Hauskirche (Wspólnota Kościół Domowy) zählen. Wenn zu einer Frau, die ihr ungeborenes Kind töten will, eine einfühlsame, wohlwollende Person kommt, mit einem konkreten Hilfsangebot, dann ist die Chance groβ, dass die Frau ihre Entscheidung ändert. Ausschlaggebend ist die psychologische Unterstützung, dabei muss es nicht unbedingt ein Diplom-Psychologe sein. Ich sage meinen Mitarbeitern: „Wir alle retten diese Kinder. Auf jede mögliche Weise“.

Was sind das für Organisationen, von denen Sie sprechen?

Ich bin kein Roboter. Es kamen immer mehr schwierige Fälle hinzu, aber ich konnte stets auf die Unterstützung der Vereinigung Civitas Cristiana in Szczecin zählen. Ohne ihre Arbeit, ihr Engagement würden sich meine Möglichkeiten schnell erschöpfen. Dabei gibt es immer mehr Bedarf. Deswegen haben wir die Bruderschaft ins Leben gerufen, die eine Stiftung betreibt. Zur Bruderschaft stoβen Menschen aus dem ganzen Land. Wir sammeln Geld, das den Frauen zu Gute kommt. Wir verteilen auch „Hänschen“ („Jaśki“) – Modelle eines zehnwöchigen Menschen, und silberfarbene kleine Füβe. Auβerdem „betreiben“ wir eine „Gebets-Babyklappe“.

Małe stópki foto

 

Ach so, Nonnen beten und Frauen treiben nicht ab?

Ja, so kann man das sagen. Es passiert, dass wir auf Frauen in der frühen Schwangerschaft treffen, ihnen Angebote unterbreiten, die ihre Probleme lösen und sie dennoch dabei bleiben abzutreiben. Mir ist dann immer schrecklich zumute. Ich weiβ, diese Frau wird gleich den gröβten Fehler ihres Lebens begehen. Sie wird Pillen schlucken und in häuslicher Abgeschiedenheit ein mehrwöchiges totes Kind gebären und seinen Leichnam „entsorgen“. In meiner ganzen Hilflosigkeit schreibe ich E-Mails an Ordensgemeinschaften. Es sind sage und schreibe 83 die uns unterstützen. Alle beten für diese Frau und für gewöhnlich mit Erfolg.

Kleben Sie Plakate mit toten Kindern, Opfern von Abtreibungen?

Nein, aber ich verurteile solche Plakate nicht, weil sie viele Menschen sehr nachdenklich stimmen. Abtreibung ist wahrlich keine „Auflösung eines Kindes im Nebel“.

Ich jedoch habe eine andere Methode gewählt. Wir haben mit der Bruderschaft eine Ausstellung für Gymnasiasten vorbereitet, die eine positive Botschaft vermittelt. Auf einem Plakat ist ein Junge mit einem Ball zu sehen, darunter die Information wann ein Kind im Mutterleib zu treten beginnt. Auf einem anderen ein Mädchen mit einem Kamm und die Mitteilung, wann im Mutterleib die Haare des Kindes zu wachsen beginnen. Die Plakate erläutern, dass ab dem 21. Tag nach der Empfängnis der Mensch bereits ein schlagendes Herz hat, dass er Schmerz empfindet usw.

Die heutige Jugend ist auf vielen Gebieten sehr bewandert, aber über die Entwicklung des Menschen weiβ sie erschreckend wenig. Man muss es ihr beibringen. Wenn man den jungen Leuten zeigt, wie ein Kind im Mutterleib aussieht, wie es wächst, dann wird ihnen niemand mehr einreden können, es handle sich um einen „nicht identifizierbaren Gewebeklumpen“.

Sie sprachen von den „Hänschen“. (…)

Die haben eine enorme Wirkung. Vor einiger Zeit wurde ich ins Fernsehen eingeladen, um über den Schutz des ungeborenen Lebens zu sprechen. Ich habe auch die „Hänschen“ mitgenommen, sie auf den Tisch im Studio gelegt, und sie dort nach dem Ende des Gespräches liegen gelassen. Nach mir sollten Befürworterinnen der Abtreibung diskutieren. Sie wurden geradezu hysterisch als sie die Modelle eines zehn Wochen alten Menschen sahen, forderten, die „Abtreibungsfigürchen“ sofort zu entfernen. Auch die kleinen Füβe verfehlen nicht ihre Wirkung. (…) Wenn wir sagen: „Töte nicht“, dann müssen wir auch vor Augen führen, wen konkret man nicht töten darf.

Pfarrer Kancelarczyk mit einem „Hänschen".
Pfarrer Kancelarczyk mit einem „Hänschen“.

Ist es nicht seltsam, dass man im 21. Jahrhundert nicht wissen kann, wie ein werdender Mensch aussieht?

Aber so ist es. Ich war einmal mit einem Vortrag in einer Schule. Ich habe die „Hänschen“ verteilt, erzählt. Beiläufig sah ich, wie eines der Mädchen das Modell mit zitternden Händen anfasste. Nach der Stunde kam sie heulend zu mir. Sie war in der zehnten Woche schwanger und hatte sich schon für die Abtreibung entschieden. Das Modell hat ihr die Augen geöffnet.

Abtreibungsbefürworter werden sagen, Sie üben Druck und psychische Gewalt aus.

Dann muss ich Ihnen folgende Geschichte erzählen. Vor einiger Zeit bekam ich eine Nachricht von einer Pro-Life-Aktivistin aus Norwegen, dass eine Frau in Szczecin Hilfe braucht. Wir haben sie gefunden. Diese Frau suchte zunächst einen Sponsor für ihre Abtreibung. Ein Herr erklärte sich bereit den Eingriff zu bezahlen, doch die Frau hat es sich anders überlegt. Sie entschied sich für das Kind. Der Sponsor hat sich von ihr abgewandt. Seine Hilfe beschränkte sich auf das Töten. So sieht das aus. Die Abtreibungsbefürworter beschäftigen sich mit den Ungeborenen auf die Weise, dass sie aus ihnen Tote machen. Wir helfen den Lebenden.

Haben Sie mit diesem Abtreibungssponsor gesprochen?

Er hat mich angerufen und sagte, er arbeite für die (rabiat antikatholische – Anm. RdP) Zeitschrift „Fakty i Mity“ („Fakten und Mythen“). Ich habe ihm geantwortet, dass ich für Jesus Christus tätig bin. So haben wir miteinander geplaudert. Es war ein wertvolles Gespräch, weil ich ihm von Fortgang des Geschehens berichten konnte: das Mädchen gebar ihr Kind, ist glücklich, der Kleine entwickelt sich prächtig.

Mir ist zu Ohren gekommen, dass finanzielle Hilfe für Frauen, die sich noch nicht entschieden haben, gleichzusetzen sei mit dem „Erkaufen“ ihrer Kinder und das sei unmoralisch.

Dann muss ich noch eine Geschichte erzählen. Wir hatten erfahren, dass eine schwangere Frau die Abtreibung vornehmen will. Wir gingen zu ihr. Eine winzige, kalte Einzimmerwohnung mit riesigen Mietrückständen. Ein Bild des Jammers. Die Frau schlief auf dem Fuβboden, ihr älteres Kind auf einem verfallenen Möbelstück. Es war zu spät für irgendwelche Diskussionen, die Suche nach dem Vater, Moralpredigten. Fast zeitgleich, so wollte es der Zufall, bekam ich einen Anruf von jemandem der Möbel loswerden wollte. Blitzschnell haben wir die Wohnung renoviert, die Möbel reingestellt. Wir haben die Frau mit der Gemeinschaft Hauskirche zusammengebracht, damit ihr, wenn nötig, immer geholfen werden konnte.

Sie stammte aus einem geradezu pathologischen Milieu. Es reichte aber aus, ihr nur die Hand hin zu strecken, um sie dort rauszuholen. Als sie Geburtswehen bekam, rief sie mich mitten in der Nacht an. Ich habe sie ins Krankenhaus gebracht. Und jetzt die Frage: haben wir ihr Kind wirklich „gekauft“?

Von Zeit zu Zeit veröffentlichen Sie auf Facebook einen Appell, zehn Zloty für Windeln zu spenden.

Das reicht für zwanzig Windeln. Windeln sind mein Symbol. Wenn ein Mädchen weint, da es nicht weiter weiβ, kein Geld hat, dann sagen wir ihr: „Gut, Dein Kind bekommt von uns Windeln für ein ganzes Jahr im Voraus“. Das wirkt. Die bedürftigen Frauen bekommen von uns auch den Kinderwagen, Kleidung, Pflegeprodukte für das Kleine. Wenn sie nicht selbst stillen kann, auch Babynahrung. Doch das mit den Windeln wirkt am meisten.

Es war schon komisch, als ich das erste Mal Windeln für ein ganzes Jahr im Voraus einkaufen gegangen bin. Eine Familie aus dem Bekanntenkreis hat mir aufgeschrieben wieviel Windeln das sein müssen. Beim Discounter habe ich den gröβten Wagen vollgebackt. Den Priesterkragen habe ich anbehalten. An der Kasse habe ich natürlich ein Ehepaar aus unserer Gemeinde getroffen. „Herr Pfarrer, gibt es in Ihrem Leben etwas wovon wir nichts wissen?“, haben sie höflich gefragt. Anschließend haben sie noch ein Paar Packungen Windeln auf den Wagen gelegt.

Sie haben den Fuchs erwähnt.

Sie meinen die unkonventionellen Hilfsmethoden. Es gibt sie. Manche Frauen sind buchstäblich von der Angst gelähmt, für rationale Argumente völlig unzugänglich. Einmal habe ich ein Komplott mit einem Mädchen geschmiedet, dessen Freundin unbedingt abtreiben wollte. Sie hatte schon die nötigen Pillen dazu.

Wir haben uns angeblich zufällig in einer Ladengalerie getroffen: ich, das Mädchen und ihre schwangere Freundin. Wir unterhielten uns über das Wetter und andere harmlose Dinge. Beim Abschiednehmen „habe ich mich erinnert“, etwas ganz besonderes auf meinem Handy zu haben. „Da sich gerade die Gelegenheit bietet, das ist meine Patentochter“, und ich zeige einen kleinen Film von der Ultraschalluntersuchung. „Anna strampelt, ihr Herz schlägt schon. Ist das nicht wunderbar?“ Drei Tage später ruft meine Mitverschwörerin an: „Die Freundin hat die Pillen weggeworfen“ (…) Ein anderes Mal, als ein weiteres Mädchen schrecklich weinte und klagte, dass das Kind keinen Vater haben wird, und deswegen will sie es weg machen lassen, habe ich, ganz spontan gesagt: „Dann werde ich das Kind als meins eintragen lassen.“

Ganz schön mutig.

Ja, obwohl die Vaterschaft eines Priesters nur eine geistige sein sollte, bin ich aufs Ganze gegangen. Es hat auch geholfen. Das Mädchen kam zur Besinnung, vielleicht bekam sie es auch mit der Angst zu tun, wegen dieser Vaterschaft. Sie hat das Kind auf die Welt gebracht. Es hat keinen Vater, aber es existiert.

Dürfen Sie sich so sehr engagieren?

Es gibt Grenzen, die man nicht überschreiten darf. Die Pro-Life-Arbeit kann kein Ersatz für die biologische Vaterschaft sein. Da muss ein Priester sehr aufpassen und Distanz wahren. Doch ist es so verwunderlich, wenn ein Mann mit Priesterkragen gerührt ist, wenn er vor der Abtreibung gerettete Zwillinge sieht? Winzig, jeder etwa zwei Kilo schwer, rosig, strampelnd. Übrigens musste man für sie zweimal so viel Windeln anschleppen.

Ist es so verwunderlich, wenn ein Mann mit Priesterkragen gerührt ist, wenn er vor der Abtreibung gerettet Zwillinge sieht?
Ist es so verwunderlich, wenn ein Mann mit Priesterkragen gerührt ist, wenn er vor der Abtreibung gerettete Zwillinge sieht?

Haben Sie mit den biologischen Vätern der Kinder zu tun?

Manchmal. Das bedarf meistens einer sehr groβen Beherrschung, um so einem Kerl nicht einfach eine herunterzuhauen, damit er zur Besinnung kommt und Verantwortung übernimmt. Einem von ihnen habe ich sein ungeborenes Kind gezeigt. Er fing an zu schluchzen. Er wollte diese Schwangerschaft nicht. Später konnte er vor lauter Stolz auf den Sohn kaum laufen. (…)

Das Gespräch, das wir, mit freundlicher Genehmigung, leicht gekürzt wiedergeben, erschien in der Tageszeitung „Rzeczpospolita“ („Die Republik“) vom 6. Dezember 2014.

RdP




Kirche stellt sich der Pädophilie

Die Medien nehmen es kaum zur Kenntnis

Am 20. Juni 2014 fand in Kraków die internationale Konferenz „Wie soll man den Missbrauch von Kindern verstehen und auf ihn in der Kirche reagieren“. Veranstalter war das Kinderschutz-Zentrum (KSZ) an der Akademie Ignatianum. Das Ignatianum in Kraków, eine kirchliche Hochschule in der Trägerschaft des Jesuitenordens, gibt es seit 1999. Das KSZ entstand im März 2014. Es soll durch Forschung und praktische Schulungen den Kindesmissbrauch durch Geistliche zu unterbinden helfen. Bereits im März 2012 verabschiedete die Polnische Bischofskonferenz sehr strenge Umgangsregeln mit Priestern, die sich der Pädophilie schuldig gemacht haben.

Akademie Ignatianum in Kraków
Akademie Ignatianum in Kraków

Geleitet wurde die Tagung in Kraków durch Pater Adam Żak, den Chef des KSZ und seit Juni 2013 zugleich der Beauftragte der Polnischen Bischofskonferenz für den Kinder- und Jugendschutz.

Pater Adam Żak
Pater Adam Żak

Teilnehmer waren, neben polnischen Fachleuten, ausländische Gäste, u.a. Pfarrer Robert Oliver von der Vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre, der in seinem Referat die vom Vatikan zusammengetragenen Informationen und Erfahrungen auf diesem Gebiet vorstellte. Ein weiterer Referent war Prof. Jörg M. Fegert aus Deutschland, u. a. ärztlicher Direktor der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie der Universität Ulm und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Es wurde mitgeteilt, dass zwischen 2003 und 2013 im ganzen Land 27 Priester wegen Kindesmissbrauchs rechtskräftig verurteilt wurden. Zwar mache das nicht einmal ein Hundertstel der knapp sechstausend wegen Pädophilie im selben Zeitraum Verurteilten in Polen aus, dennoch nehme die Kirche das Problem inzwischen sehr ernst.

Einladung zum Reue-Gottesdienst
Einladung zum Reue-Gottesdienst

Wie ernst, das wurde während des sich an die Konferenz anschlieβenden Reue-Gottesdienstes sichtbar, zu dem der Primas von Polen, Erzbischof Wojciech Polak und der Apostolische Nuntius in Warschau, Erzbischof Celestino Migilore angereist waren.

Nachstehend dokumentieren wir die Predigt mit dem Titel

„Beschämt und reuevoll bitten wir um Vergebung“

 

des Bischofs von Płock, Piotr Libera, während des Reue-Gottesdienstes für die Sünden des sexuellen Miβbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche, abgehalten am 20. Juni 2014 in der Basilika des Allerheiligsten Herzen Jesu in Kraków

Wortlaut:

Ein Reue-Gottesdienst… Die Kirche im Halbdunkel versunken… Bedeutende Gesten… Die Tiefgründigkeit der katholischen Liturgie… Das alles fiel mir ein, als ich im Programm des heutigen Gottesdienstes, noch zu Hause in Płock, geblättert habe, im Schatten des mittelalterlichen Turms aus der Zeit Bolesław des Schiefmunds*, der Reue zeigen musste für die Sünde, seinen Bruder Zbigniew blind gemacht zu haben. Im Schatten eines Turms, dessen Steine sich noch an Konrad von Masowien** erinnern, der büβen musste für seine schweren Sünden gegen Staat und Kirche.

Dort, in Płock, wo ich mich seit dem Beginn meines seelsorgerischen Dienstes mit Sünden herumschlagen musste, für die wir heute den Guten Herren und die Menschen um Vergebung bitten, dort, habe ich mich gefragt, was meine Rolle sein soll, hier, in der ehrwürdigen jesuitischen Herz-Jesu-Basilika, inmitten all dieser Gesten und Symbole.

Die Antwort lautete: Schönheit und Tiefgründigkeit dürfen das Konkrete, den konkreten Schmerz, das konkrete Leiden nicht verschleiern! Deine Aufgabe ist es, deutlich und verbindlich über das Konkrete zu sprechen! Genauso wie es Papst Franziskus tut, wenn er ohne Umschweife feststellt: „Wenn ein Geistlicher ein Kind miβbraucht, dann stöβt er Gott weg, dann begeht er Verrat an Gott. Die Aufgabe des Priesters ist es das Kind zur Heiligkeit zu führen, und das Kind vertraut ihm. Das ist eine sehr ernste Angelegenheit, wenn ein Priester, statt dessen, das Kind miβbraucht. Es ist als würde er an einer Teufelsmesse teilnehmen (…) Das dem Kinde angetane Leid, so Franziskus, bleibe in ihm sein ganzes Leben lang bestehen“.

Es ist offensichtlich, dass es für viele Menschen und in vielen Milieus bequem ist nur die Priester, und am besten gleich alle Priester, auf die Anklagebank zu setzten. Wir wissen auch, dass sich viele Sozial- und Berufsgruppen in unserem Lande kaum, und wenn überhaupt, dann auf einem armselig niedrigen Niveau, dem Nachdenken über dieses Problem gewidmet haben.

Uns ist ebenso bewusst, dass es eine enge Verbindung gibt zwischen der Pädophilie und der Gegenkultur der Vernichtung des Familienlebens, der sich die Kirche entschieden widersetzt. Zu dieser Gegenkultur gehört das ideologisch bedingte In-Abrede-Stellen der Unterteilung in ein männliches und ein weibliches Geschlecht als wichtigen Umstandzur Formung der Identität und Reife des Menschen. Zu ihr gehört die Abtreibung, durch die dem Kind das Recht auf Leben entzogen wird, in dem man es nach der Zeugung mit Gewalt beseitigt. Ihr Bestandteil ist auch die Pädophilie, der Gebrauch von Gewalt gegenüber einem Kind und das Ausnutzen seines Vertrauens, als Folge eines gestörten geschlechtlichen Lebens. Alle diese Erscheinungen eint die falsche Wahrnehmung der Sexualität, eint das In-Abrede-Stellen der Bedeutung der Vaterschaft, das Gespött dem die Mutterschaft preisgegeben wird, das Bemühen die Bindungen zwischen Kindern und Eltern zu schwächen.

Das alles ist bekannt und offensichtlich. Doch das ist keine Entschuldigung! Das befreit uns nicht von der Pflicht das Problem der Pädophilie in unseren Reihen zu erkennen, um seine Bedeutung zu wissen, die Stimme der Opfer zu hören und ihnen allseits Hilfe angedeihen zu lassen.

Hören wir eines der Zeugnisse: „Ich habe ihn aufgefordert damit aufzuhören. Er hörte nicht auf. Während er mich belästigte, entgegnete er auf meinen Einwand hin, er sei Priester, also kann er mir kein Lied antun. Er fotografierte meine intimsten Körperteile und sagte ich sei dumm, wenn ich denke, es sei etwas Schlechtes (…). Mir war schrecklich zumute. Ich fühlte, dass alles was er tat schlecht ist, aber ich konnte es nicht unterbinden. Ich habe nicht geschrien, ich habe mit niemandem darüber gesprochen. Ich wusste nicht was ich tun soll. Ich habe einfach gebetet, dass er endlich damit aufhört… Doch er hörte nicht auf.

Die Tatsache, dass mich ein Priester miβbrauchte, verstärkte das Durcheinander in meinem Kopf. Dieselben Finger, die die Unantastbarkeit meines Körpers verletzt haben, reichten mir am nächsten Tag die allerheiligste Hostie. Dieselben Hände, die den Apparat hielten, um meinen entblöβten Körper zu fotografieren, hielten am Tage das Gebetbuch, als er kam, um mir die Beichte abzunehmen. Die Behauptung, als Priester könne er mir nichts Schlechtes antun, hielt ich für die Wahrheit. Man hatte mir doch beigebracht, dass ein Priester mehr ist als ein einfacher Mensch. Das steigerte nur noch meine Schuldgefühle und festigte meine Überzeugung, dass ich, und nicht er, an allem schuld sei. Als es vorbei war, war ich ein ganz anderes Mädchen, als ich es gewesen bin, bevor ich dorthin kam. Ich verlor meine Selbstsicherheit, meine Sorglosigkeit und mein Glücksgefühl. Ich war überzeugt, dass ich schlecht sei und dass ich das vor der ganzen Welt verbergen muss. Ich habe mich nicht gegen die Religion, ich habe mich gegen mich selbst gewandt“.

Kann es ein schrecklicheres Bekenntnis geben? Und ist die Anhörung der Opfer und redliches Benennen der diesbezüglichen Verbrechen, die sich innerhalb der Kirche abgespielt haben, nicht eine grundlegende, elementare Pflicht? Leider ist ein Teil unserer Kirche immer noch nicht in der Lage, weder das anzuerkennen, noch es über sich zu bringen.
Als Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern in katholischen Einrichtungen im Westen publik wurden, meinte die Mehrheit der Bischöfe und anderer Verantwortlicher zu wissen, es handle sich um vereinzelte Zwischenfälle. „In der Tat, räumten die Bischöfe ein, es sei betrüblich, dass es so weit gekommen ist, aber es sind Ausnahmen“. Später sagte man: „Das ist ein Problem Amerikas“ Danach: „Das ist ein Problem der angelsächsischen Länder“. Die Grenze wurde immer weiter und weiter verlegt, nur um sagen zu können: „Das betrifft uns nicht“.

Nein, der Missbrauch und die Vernachlässigung von Kindern betreffen uns! Und wir räumen das ein, nicht nur um die mythische Glaubwürdigkeit der Kirche wiederzuerlangen. Auch nicht deswegen, um einem weiteren Schlag auszuweichen! Wir tun es, weil sich das so gehört! Wir tun es aus Solidarität mit einem verletzten Menschen, um ihm unser tiefes Beileid auszusprechen, um in ihm zu retten, was sich noch retten lässt, um sein Leid zu erfahren, mit dem er oft nicht umzugehen weiβ, weil sein Glaube und sein Vertrauen in die Kirche hintergangen worden sind.

Bischofs von Płock, Piotr Libera hält die Predigt während des Reue-Gottesdienstes für die Sünden des sexuellen Miβbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche
Bischof von Płock, Piotr Libera hält die Predigt während des Reue-Gottesdienstes für die Sünden des sexuellen Miβbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche

In diesem Geiste schrieb Papst Benedikt XVI. in seinem Hirtenbrief an die Katholiken in Irland: „Ihr habt schrecklich gelitten und ich bedaure das sehr. Ich weiβ, dass nichts das Böse auslöschen kann, das Ihr erfahren musstet. Euer Vertrauen wurde enttäuscht, eure Würde wurde mit Füβen getreten“. Wir schlieβen uns dieser Stimme an, wir machen sie uns zu eigen, in Kraków, hier, in Polen! Beschämt und reuevoll bitten wir um Vergebung. Wir bitten Gott darum, und wir bitten darum die Menschen, denen Priester Leid angetan haben!

Wir, die Bischöfe, bekennen zudem, dass wir allzu oft, anstatt das Wohl der Kinder an die erste Stelle zu setzen, uns von Betrug, von Heuchelei und von den „Verneinungsmechanismen“ der Pädophilie-Täter haben irreleiten lassen. Zu oft haben wir dem von ihnen angewendeten Abwehrmechanismen nachgegeben: dem Einreden, es sei „nur ein Einzelfall gewesen“; das Kind habe den Täter „bedrängt“ und „zu verführen“ versucht; es sei passiert, weil er „zu viel getrunken“ habe; dass sich das „nicht mehr wiederholen“ werde; dass er „gebeichtet und mit dem Vorgehen längst gebrochen“ habe. Heute wissen wir, dass ein Priester, der Kinder sexuell belästigt, auf diese Weise versucht seinen Vorgesetzten dazu zu bewegen, die Sache als abgeschlossen zu betrachten… Dabei ist sie meistens weder abgeschlossen, noch dermaβen begrenzt wie es dargestellt wird.

Wir bekennen zudem, dass, auch wenn die Zahl von Priester- und Mönchsanwärtern sinkt, die Vorgesetzten nicht nachsichtig sein dürfen angesichts der menschlichen Unzulänglichkeiten bei Kandidaten für den Priesterstand. Wir wissen ja, dass, wenn es, wie in einigen Ländern geschehen, zu wenige Bewerber zu den Priesterseminaren gab, unreife Männer mit Problemen sexueller Natur aufgenommen wurden. George Weigel*** hat zu recht darauf hingewiesen, dass das nebeneinander Bestehen von abartiger Sexualität und permissivem Umfeld zu katastrophalen Folgen geführt hat.

Einen solchen Fehler dürfen wir nicht begehen! Mehr noch, das Grundmerkmal der geistigen Einstellung von Priesteranwärtern darf nicht der Drang zu Selbstverwirklichung als ein Ziel an sich sein. Allzu oft nämlich, führt das zu einer Selbstbezogenheit, die eine Empfänglichkeit für Liebe und das Weitergeben von Liebe verhindert. Ein solcher sich ständig „selbstverwirklichender“ junger Mensch ist nicht fähig eine Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen, die nicht zum Ziel hat diesen anderen Menschen auszunutzen um sich selbst zu verwirklichen.

Wir erkennen auch an, dass es notwendig ist, in solch wichtigen Angelegenheiten wie Familie, Kinder, Erziehung, den Rat der Laien einzuholen, vor allem der Eltern, ferner der Psychologen, Therapeuten, Juristen… Es ist notwendig von ihnen zu lernen, mit ihnen zusammenzuarbeiten auf der Suche nach Lösungen des Problems des sexuellen Miβbrauchs, mit ihnen das Wissen zu teilen, was man für den Schutz der Schwächsten tun kann. Wir müssen genug Demut und Mut haben, um Arbeitsgruppen zu bilden, bestehend aus Ärzten, Psychosexuologen, Juristen, Fachleuten auf dem Gebiet des Straf- und Kirchenrechts, Psychiatern.

Und am Ende noch eins: wir sind dem Heiligen Stuhl und den Kirchenvertretern aus anderen Ländern dankbar dafür, dass sie mit uns ihre Erfahrungen auf dem Gebiet der Ausrottung des sexuellen Missbrauchs von Kindern geteilt haben, für die Ausarbeitung von Handlungsstrategien und Vorgehensweisen, die sich als wertvoll erwiesen haben, und die wir in der Kirche in Polen bereits anwenden und weiterhin anwenden werden. Vergelt‘s Gott!

Anmerkungen RdP

* Bolesław III. Schiefmund (poln. Bolesław III Krzywousty, 1085-1138) war ab 1102 Herzog von Polen, ab 1107 Alleinherrscher. Er entstammte der Piasten-Dynastie.
** Konrad von Masowien (poln. Konrad I Mazowiecki, 1187-1247) war ab 1199, als Konrad I., Herzog in Masowien, ab 1202 Herzog in Kujawien, Sieradz und Łęczyca, sowie 1229–1232 und 1241–1243 Seniorherzog von Polen. Er entstammte der Piasten-Dynastie.

*** George Weigel (1951), amerikanischer katholischer Schriftsteller und Theologe, Autor des Bestsellers „Zeuge der Hoffnung“ (dt. 2011), der bestverkauften Biographie Papst Johannes Paul II.

RdP

Wenn Kirche Busse tut, schweigen die Medien

Knapp drei Wochen nach der kirchlichen Pädophilie-Konferenz und dem Reue-Gottesdienst in Kraków am 20. Juni 2014, stellte der kirchenpolitische Kommentator der Tageszeitung „Rzeczpospolita“ („Die Republik“) Tomasz Krzyżak am 7. Juli 2014 die Frage nach den Reaktionen auf die Selbstkritik der Kirche. Seine Beobachtungen in Bezug auf die Medien in Polen sind alles andere als zuversichtlich gewesen. Nachfolgend die wichtigsten Thesen seines Artikels.

Zum ersten Mal während seines Pontifikates, schreibt Krzyżak, wird sich Papst Franziskus (die Begegnung fand am 7. Juli 2014 statt – Anm. RdP) mit Menschen treffen, die als Kinder Opfer des Missbrauchs durch Geistliche geworden sind. Darunter werden Iren, Engländer, Amerikaner und Polen sein. Sie sollen heute an einer Papstmesse im Haus der heiligen Martha (das dem Papst als Wohnquartier dient – Anm. RdP) teilnehmen.

In diesen Tagen berät auch im Vatikan der von Franziskus einberufene Jugendschutzausschuss. Vatikankenner erwarten, dass aus dem Munde des Papstes Worte der Verurteilung der Pädophilie und Ankündigungen einer scharfen Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs in der Kirche fallen werden. (…)
Auch aus dem Munde der polnischen Bischöfe fielen letztens starke und sehr notwendige Worte. Ende Juni, während des historischen Reue-Gottesdienstes, entschuldigten sich die Hierarchen für alle Fälle sexueller Belästigung von Minderjährigen durch Geistliche. Bischof Piotr Libera, der den Gottesdienst leitete, hatte offen zugegeben, dass ein Teil der Kirchenvertreter immer noch auβer Stande sei, das Verbrechen der sexuellen Belästigung offen zu benennen, die Opfer anzuhören und entsprechende Maβnahmen zu ergreifen,

(Der Wortlaut der Predigt Bischof Liberas siehe oben – Anm. RdP)
(…) Sollen die Bischöfe um Entschuldigung bitten? Sind sie nicht zu weit gegangen? Oder haben sie etwa zu wenig getan? Sollen sie vielleicht den Beschluss fassen, die Kirche werde den Opfern Entschädigungen zahlen? Es sind offene Fragen, die ein Beitrag zu einer ruhigen und ernsthaften Debatte sein könnten. Ist solch eine Debatte möglich? Betrachte ich die Reaktion der Medien auf die Konferenz von Kraków über sexuelle Belästigungen in der Kirche und auf den Reue-Gottesdienst, wage ich das leider zu bezweifeln. (…)

Nur wenige Medien haben über die Konferenz berichtet. (…) Ähnlich war es mit anderen, kleineren vorbeugenden Schulungen, die Pater Adam Żak, der Beauftragte der Polnischen Bischofskonferenz für den Kinder- und Jugendschutz seit einigen Monaten durchführt. Genauso war es im Falle der Antimissbrauchskonferenz, die unter der Schirmherrschaft von Erzbischof Leszek Głódź und mit Beteiligung (der ehemaligen Polnischen Ministerpräsidentin und langjährigen Botschafterin beim Vatikan – Anm. RdP) Hanna Suchocka vom päpstlichen Jugendschutzausschuss vor kurzem in Gdańsk stattgefunden hat. Zu dem Reue-Gottesdienst in Bielsko-Biała unter der Leitung des dortigen Bischofs Roman Pindel haben die Medien keinen Piep von sich gegeben. (…)

Ein Reue-Gottesdienst oder eine Konferenz zur Prävention liefern keine Kontroversen und Skandale. Solche Ereignisse sind aus der Sicht der Journalisten schlicht und einfach nicht aufregend genug. Viel unterhaltsamer ist da der Entschädigungsprozess eines Missbrauchsopfers gegen die Kurie in Kołobrzeg oder die Enttarnung eines weiteren pädophilen Priesters, der sich angeblich während eines Schülerausflugs nach Zakopane hat etwas zuschulden kommen lassen.

Man kann ratlos mit den Achseln zucken und feststellen, das sei eben die Eigenart moderner Medien. Sie haben keine kulturbildende, keine erzieherische Funktion mehr. Sie gleichen einer Fabrik, nur dass von den Flieβbändern News, anstatt Autos oder Fernseher rollen.

Im Falle des sexuellen Missbrauchs in der Kirche sind das Nachrichten, wie z. B. die Absetzung Erzbischof Wesołowskis oder neue Beweise für die Schuld des Pfarrers G., der auch in der Dominikanischen Republik tätig war, oder die neusten vatikanischen Angaben über Missbrauchsfälle, an denen der dortige Anwalt der Gerechtigkeit arbeitet. In Bezug auf Polen wird die sensationelle Nachricht sein, der Heilige Stuhl habe zum zweiten Mal den Bischöfen ihre Unterlagen zur Pädophilie zur Nachbesserung zurückgeschickt. (…)

In Sachen sexueller Miβbrauch in der Kirche fällt den Medien eine wichtige Rolle zu. Das unterstreichen beinahe auf Schritt und Tritt der Primas von Polen, Bischof Wojciech Polak und der Bevollmächtigte des Episkopats Pater Adam Żak. Oft haben die beiden den Journalisten für die Aufdeckung von Missbrauchsfällen gedankt, was u.a. dazu geführt hat, dass die Kirche einen mutigen Schritt gewagt und vorbeugende sowie selbstreinigende Maβnahmen durchgeführt hat.

Ein Jahr nach der Berufung eines Missbrauchs-Beauftragten, einige Monate nachdem die Bischöfe die Pädophilie-Richtlinien verabschiedet haben, gab es inzwischen in den meisten der 44 polnischen Diözesen Schulungen für Priester. Der von einem Teil der Medien bezichtigte Erzbischof Józef Michalik, pädophile Priester zu decken, hat inzwischen fünfzehn Priesterjahrgänge, insgesamt dreihundert Geistliche, zu Präventionskursen geschickt. Weitere Kurse sind für September und November 2014 vorgesehen. (…).Auch Orden führen Vorbeugeprogramme ein, die Pallottiner, die Franziskaner, die Kapuziner. (…).

Was, auβer Pädophilie-Skandale-Aufdecken, können wir Journalisten noch tun? (…) Unsere Aufgaben dürfen sich nicht nur darauf beschränken. Die Menschen wollen von uns vor allem die Wahrheit erfahren, die Wahrheit vom Anfang bis zum Ende. Derweil bekommen sie oft nur die halbe Wahrheit serviert. So ist es auch mit der Pädophilie in der Kirche. (…).

RdP




Was darf die Kirche kosten. Zwei Meinungen

In der heftigen Debatte um eine weitest gehende Einschränkung der Anwesenheit der katholischen Kirche im öffentlichen Raum, die  die polnische Linke ständig anmahnt, steht die Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ („Wahlzeitung“) an vorderster Front. Am 7. August 2014 hat sie wieder einmal das Thema aufgegriffen. Hier die wichtigsten Thesen des Artikels mit dem Titel:

                                         Teure Soutane

Wieviel kosten die Stellen und die Pensionen von Priestern und Nonnen.

Halina Bortnowska, bekannte katholische Publizistin: „In der Kirche gibt es seit Jahrhunderten den Begriff „Diakonie“ für selbstlosen Dienst, kostenlose Seelsorge. Ich befürchte, dass die Vergabe von bezahlten Stellen die Diakonie verdrängen wird.“

Professor Janusz Czapiński, Sozialpsychologe: „Die Laisierung schreitet in Polen voran. Es wird immer mehr Menschen geben, die dem Staat vorwerfen werden, dass er ihr Geld für den Religionsunterricht in den Schulen oder für den Seelsorger im Nachrichtendienst ausgibt.“

Das meiste,  ca. 1,5 Mrd. Zloty (ca. 365 Mio. Euro – RdP) im Jahr, zahlt der Staats für die Gehälter der Religionslehrer. Es gibt keine genauen Angaben aus den letzten Jahren, wie viele von ihnen Geistliche und wie viele Nichtgeistliche sind. 2009 jedenfalls waren von den 18.348 Religionslehrern 15.144 Priester oder Nonnen. Nicht alle hatten eine volle Stelle.

Die Geistlichen machen kein Geheimnis daraus, dass für viele von ihnen die Arbeit in der Schule eine wichtige Einkommensquelle ist. „Wäre nicht der Religionsunterricht, dann müssten wir wohl von der Sozialhilfe leben. Die Bischofskonferenz weiβ das sehr gut“, so ein Kaplan aus der Diözese Kraków.

Auch die Priester vom Militärordinariat der Polnischen Armee haben staatliche Stellen inne. Das sind lukrative Militärposten. Es gibt 200 davon, von denen 113 katholische Geistliche bekleiden. Ein einfacher Priester in Uniform verdient zwischen 3.000 und 5.000 Zloty (ca. 730 bis 1.200 Euro – RdP), ein Propst zwischen 5.000 und 7.000 Zloty (ca. 1.200 bis 1.700 Euro – RdP). Auβerdem zahlen die Steuerzahler  den Strom und die Beheizung von Militärkapellen, und sogar  die Organisten-Stelle.

Sie bezahlen auch die hohen Renten der uniformierten Geistlichen. So bezieht der Generalbischof Sławoj Leszek Głódź 10.000 Zloty (ca. 2.500 Euro – RdP) Rente im Monat, und als er aus dem  Dienst ausschied, bekam er 250.000 Zloty (ca. 61.000 Euro – RdP) Abfindung.  Das sind nun mal die Sätze für Generäle.

Staatliche Stellen bekleiden auch die 16  Seelsorger bei der Staatlichen Feuerwehr. Nach dem Charakter seiner Arbeit fragten wir den Brigadierpfarrer Henryk Betlej von der Woiwodschafts-Feuerwehrkommandantur in Łódź.  „Es kommen Beamte, die mit mir sprechen wollen. Vor nicht langer Zeit kam ein Feuerwehrmann, der sich bei der Räumung von medizinischen Abfällen mit einer Nadel gestochen hat. Er hatte Sorge, ob er sich nicht infiziert hat.“

Seelsorger gibt es auch bei der Polizei, doch im Gegensatz zur Feuerwehr, sind sie Zivilangestellte, haben also  nicht die Privilegien der Uniformträger. Von ihnen gibt es neunzehn. Pfarrer Bogusław Głodowski begleitet Polizisten immer wieder bei Einsätzen, oft in Wohnungen.

Einen Seelsorger für 5.671 Zloty hat auch die Personenschutzabteilung der Regierung. Im Finanzministerium stehen Schreibtisch und Schrank des Seelsorgers der Zöllner, der zugleich auch die Beamten des Finanzamts  betreut. Die Sprecherin des Ministeriums sagte, dass zu seinen Aufgaben auch die Segnung neuer Dienststellen von Zoll- und Finanzamt- gehören.

Mindestens eintausend Priester beschäftigt das staatliche Gesundheitswesen. Im Woiwodschafts-Krankenhaus von Bielsko-Biała gibt es zwei festangestellte Geistliche, und das, obwohl der Direktor die Zulagen der Krankenschwestern beschnitten hat . „Es ist besser mit ihnen einen günstigen Arbeitsvertrag abzuschlieβen, als  sie für jedes Kommen  zu bezahlen, auch nachts“, so Krankenhausdirektor Ryszard Batycki über die Beschäftigung von Geistlichen.

Keine der erwähnten Formen der Unterstützung der katholischen Kirche mit staatlichen Geldern ist in der Verfassung oder im seit 1998 geltenden Konkordat vorgesehen. Sie wurden  aufgrund separater Vorschriften eingeführt. Die staatliche Finanzierung erwähnt das Konkordat nur in drei Fällen.

Bei der Bezuschussung von kirchlichen, der Allgemeinheit dienenden Schulen und Erziehungseinrichtungen.

Weiterhin ist  die Rede davon, dass der Staat es „erwägen“ werde die Päpstliche Theologische Akademie in Kraków und die Katholische Universität Lublin finanziell zu unterstützen.

Auβerdem werde der Staat sich „nach Möglichkeit“ an der Renovierung von sakralen Kulturdenkmälern beteiligen.

Im Zusammenhang mit dem  Religionsunterricht und der Gefangenenseelsorge ist lediglich von der „Organisation“ und „Schaffung von Möglichkeiten“ die Rede. Im Falle der Armeeseelsorge wird die staatliche Beteiligung überhaupt nicht erwähnt. Auch die Verfassung  schweigt über die Finanzierung.

Da sie aber stattfindet, bedarf jede Veränderung in dieser Hinsicht, nach Meinung der Bischofskonferenz, der Zustimmung der Kirche, so z. B. wenn man die staatliche Finanzierung der Seelsorge im Zollwesen einstellen wollte.  Die Auslegung des Art. 27 des Konkordats durch die Bischofskonferenz lautet wie folgt: „Angelegenheiten die neuer oder zusätzlicher Regelungen bedürfen, werden auf dem Wege neuer Abkommen zwischen den vertragschlieβenden Parteien oder in Absprachen zwischen der Regierung der Republik Polen und der Polnischen Bischofskonferenz geregelt“.

Mit dem Artikel in der „Gazeta Wyborcza“ polemisierte Polens auflagenstärkstes Nachrichtenmagazin, das katholische „Gość Niedzielny“ („Der Sonntagsgast“) vom 24. August 2014 unter der Überschrift

                  Die Geizhälse von der „Gazeta Wyborcza“

Die  „Gazeta Wyborcza“ kämpft mit groβem Engagement um einen weltlichen Staat, zu verstehen  als die Verbannung jeglicher Erscheinungsformen des Katholizismus aus dem öffentlichen Leben. Diesmal widmeten sich die weltlichen Fundamentalisten den finanziellen Beziehungen zwischen Kirche und Staat. Auf der Titelseite der Zeitung vom 7. August 2014 erschien der Artikel „Teure Soutane“ und in der illustrierten Beilage die Reportage „Göttliche Stellen“. Beide Texte beschreiben ausführlich (…) wieviel Geld aus dem Staatshaushalt die bei staatlichen Stellen arbeitenden Geistlichen bekommen. Es ist ein Thema, das oft von anti-kirchlichen Kreisen angesprochen wird und als Beweis dienen soll für die angebliche Habgier der Kirche und die These, dass Polen ein Glaubensstaat sei. Es lohnt sich, diese beiden Artikel unter die Lupe zu nehmen, denn sie entblöβen das Denken der Linken.

Die Journalisten der „Gazeta Wyborcza“ zählen minuziös die Summen auf, mit denen aus dem Staatshaushalt Seelsorger, Religionslehrer usw. entlohnt werden. Diese Angaben erwecken den Anschein, als würde die Zeitung sorgfältig gehütete Geheimnisse aufdecken, derweil handelt es sich um seit Jahren bekannte Tatsachen. Es genügt  in den Bericht der Katholischen Nachrichtenagentur (KAI) aus dem Jahr 2012 mit dem Titel „Die Finanzen der katholischen Kirche in Polen“ reinzuschauen,  in dem noch viel mehr Details zu finden sind, auch über die Unterstützung des Staates durch die Kirche, die  ihn bei der Bewältigung verschiedener Aufgaben im Bereich der sozialen Fürsorge, der Bildung und der Kultur ersetzt. Dieser Gesichtspunkt wird in der „Gazeta Wyborcza“ selbstverständlich nicht erwähnt. (…)

In einem Kommentar zu den beiden Artikeln heiβt es, dass die Kirche „finanziell vom Staat abhängig“ sei, während in Wirklichkeit die Transfers aus dem Staatshaushalt nur wenige Prozent der Einnahmen der Kirche ausmachen.

(In Polen gibt es keine Kirchensteuer, die Kirche finanziert sich hauptsächlich von der Kollekte – Anm. RdP)

Gleichzeitig wird in dem Kommentar suggeriert, die staatliche Bezahlung, die eine Gruppe von Geistlichen bekommt, sei das Ergebnis einer seit Jahren andauernden Expansion der Kirche. Als weitere Belege für diese Ausweitung der Kirche gelten z. B. der Brauch Kruzifixe in öffentlichen Gebäuden anzubringen, oder, dass Ärzte sich auf die Gewissensklausel berufen können. Des Weiteren wird behauptet, dass die Kirche sich nicht an das  Gebot halte, sich nicht in Bereiche einzumischen, die ausschlieβlich dem Staat vorbehalten seien. Ein riesiger Skandal sei zudem, so die Zeitung, dass die Regierung der Bischofskonferenz Gesetzesentwürfe zur Konsultation schickt, die mit der Tätigkeit der Kirche nichts zu tun haben, was ein weiterer Beleg für das „Nachgeben gegenüber den Forderungen der Bischöfe“ sein soll.

Es wird behauptet, dass „der Staat“ Stellen von Geistlichen bezahlt. Das ist nicht wahr. Der Staatshaushalt besteht aus Steuern, die die Bürger zahlen, und wir haben das Recht zu bestimmen wofür sie verwendet werden sollen. In der Demokratie sind wir der Staat, anders als im Kommunismus als der Staat über den Menschen stand. Die Behauptung „der Staat bezahle die Kirche“ verdeutlicht das kommunistische Erbe unserer Linken.

In Polen sind die Katholiken eindeutig in der Mehrheit. In Meinungsumfragen sprechen sich rund 70% der Polen für die Anwesenheit der Religion in der Schule aus, und dafür, dass Religionslehrer an Schulen arbeiten. Die Linke schockiert damit, dass deren Gehälter angeblich pro Jahr 1,5 Mio. Zloty (ca. 365 Mio. Euro – RdP) verschlingen. In Wirklichkeit sind es 1,1 Mio. Zloty (ca. 270 Mio. Euro – RdP). Zudem sollte man wissen, dass unter den  35.500 Religionslehrern mehr als 18.000 keine Geistlichen sind.

Doch etwas anderes ist noch wichtiger. Es stimmt nicht, dass der Staat, in dem er die Gehälter der Religionslehrer zahlt, die katholische Kirche bezuschusst. Der Staat erfüllt den Willen der Bürger, die den Wunsch äuβern, dass der Religionsunterricht in der Schule anwesend sein soll , weil er der Bildung und Erziehung der Jugend dient. Wie alle anderen Lehrer verrichten die Religionslehrer, ob Geistliche oder nicht, eine Arbeit für die sie entlohnt werden.

Die wütenden Attacken gegen den Religionsunterricht an den Schulen werden nicht aus finanziellen sondern aus ideologischen Gründen geritten. Die Linke weiβ, dass im Religionsunterricht das christliche Wertesystem vermittelt wird.

Die „Gazeta Wyborcza“ widmet ihre Aufmerksamkeit auch der Arbeit der Seelsorger. Sie ist empört darüber, dass sie für den Dienst, den sie in der Armee oder in Krankenhäusern verrichten, Gehälter bekommen. In Wirklichkeit geht es um ihre Anwesenheit in verschiedenen öffentlichen Einrichtungen. Doch, ähnlich wie in den Schulen, ist diese Anwesenheit erwünscht.

In Krankenhäusern und Pflegeheimen arbeiten etwa 1.500 Seelsorger und es sind die Kranken, die einen Kaplan im Krankenhaus haben wollen. Er begleitet Leidende, Sterbende, spendet ihnen die Sakramente, hilft Angst und Schmerz zu ertragen, bereitet sie auf dem Tod vor. Es fällt schwer, sich einen Katholiken vorzustellen, der in einem Hospiz ohne die Begleitung eines Geistlichen aus dem Leben scheidet.

Die weltlichen Fundamentalisten können es nicht ertragen, dass die Armee 200 Seelsorger einstellt, wovon 113 katholische Seelsorger sind. Soldaten in Afghanistan, oder früher im Irak, unterstreichen dagegen immer wieder, wie wichtig ihnen die Anwesenheit eines Priesters sei. Er zelebriert die heilige Messe, nimmt Beichten von Soldaten ab, die jeden Augenblick fallen können. Gefängniskaplane wiederum verrichten mit der Seelsorge eine riesige Resozialisierungsarbeit, dank der die Gefangenen oft dem Verbrechen abschwören.

Es ist wichtig festzustellen, dass der Staat pro Jahr 20 Mio. Zloty (ca. 4,8 Mio. Euro – RdP) für die Bezahlung der Seelsorger in Armee, Gefängnissen und Krankenhäusern ausgibt. Gut 26 Mio. Zloty (ca. 6,3 Mio. Euro – RdP) kostete das Aussetzten der Maut an vier August-Wochenenden 2014 auf der Autobahn A1 von Warschau nach Gdańsk, weil die Mautstellen den Andrang nicht bewältigen konnten.

Wer den Katholiken die Seelsorge im Krankenhaus oder in der Armee verweigert, der verletzt das in der Verfassung verankerte Prinzip der freien Religionsausübung. (…).

Die Kirche gibt viel mehr als sie bekommt. Der finanzielle Einsatz der Kirche zugunsten des Staates und der Allgemeinheit beläuft sich, rund gerechnet, auf mehrere Milliarden Zloty.

Allein die Caritas Polska unterstützt Arme, Arbeitslose, Kranke und kinderreiche Familien mit Leistungen in Höhe von 480 Mio. Zloty (ca. 117 Mio. Euro – RdP) pro Jahr. Das ist so viel, wie die Kirche vom Staat für alle durch sie übernommenen (seelsorgerischen bzw. den Religionsunterricht an Schulen betreffenden – Anm. RdP) Aufgaben erhält . Doch dabei handelt es sich  nur um einen Teil  ihrer sozialen Aktivitäten. Neben der Caritas Polska gibt es ja noch weitere 44  Caritas-Verbände in den Diözesen, und darüber hinaus hat fast jede Pfarrei  eine Caritas-Station. Allein die Caritas der Diözese Tarnów leistete im Jahr 2010 Hilfe für Bedürftige im Wert vom 30 Mio. Zloty (ca. 7,5 Mio. Euro – RdP). Und Diözesen gibt es, wie gesagt, 44 in Polen. (…)

In den mehr als 500 von katholischen Einrichtungen getragenen Schulen lernen einige Zehntausend Kinder und Jugendliche. Frauen- und Männerorden betreiben in Polen knapp zweitausend verschiedene  soziale Einrichtungen, die Kranken, Alten, Sterbenden und unter Sucht leidenden Menschen helfen. Entsprechend der Gesetzgebung bekommen viele von ihnen staatliche oder kommunale Gelder, aber niemals decken diese Zuwendungen alle Kosten. Niemand fragt dort die Bedürftigen nach ihrem Taufschein. Kirchliche Hochschulen, die vom Staat, wie alle anderen Hochschulen, mitfinanziert werden, dienen der ganzen Gesellschaft. Ihre Absolventen, vor allem die der Katholischen Universitär Lublin, stellten in der Legislaturperiode 2007-2011 beinahe 10% der Sejm-Abgeordneten.

Die Kirche gibt auch riesige Summen  für den Erhalt von fast elftausend sakralen Architekturdenkmälern aus. Landesweit sind  das etwa 1 Mrd. Zloty (ca.245 Mio. Euro – RdP) pro Jahr. Derweil bezuschusste der Staat diese Arbeiten, z.B. im Jahr 2010, mit sage und schreibe 26,6 Mio. Zloty (ca. 6,5 Mio. Euro – RdP).  Auβerdem sollte mit aller Deutlichkeit unterstrichen werden, dass alle kirchlichen Einrichtungen jeden vom Staat erhaltenen Zloty abrechnen müssen.

Die Linke behauptet allen Ernstes, dass die Zuwendungen für die Kirche aus dem Staatshaushalt ein Beweis dafür seien, dass sich Polen in einen Glaubensstaat verwandle. Gemessen an dem, wie das Problem anderswo gehandhabt wird, liegen diese Vorwürfe völlig daneben. In Polen nämlich zählen die öffentlichen Zuwendungen für die Kirche zu den niedrigsten In Europa.

Hier einige ausgewählte Beispiele. In Belgien und in dem völlig verweltlichten Tschechien werden die Gehälter und die Renten der geistlichen vom Staat bezahlt. In Dänemark sind Geistliche Staatsbeamte und werden dementsprechend entlohnt. Die orthodoxe Kirche in Griechenland hat den Status einer „herrschenden Religion“ und ihre Tätigkeit wird weitgehend vom Staat finanziert. Das gilt für die Bischofsgehälter, für die Bezahlung der Priester in den Pfarreien -, für die Diakone und für alle weltlichen Personen, die die Kirche beschäftigt. Von alldem kann die Kirche in Polen nur träumen.

In allen EU-Ländern wird die Seelsorge in der Armee, im Strafvollzug und im Gesundheitswesen vom Staat finanziert. Weitverbreitet sind Steuerermäβigungen für kirchliche Einrichtungen, in sechs Staaten gilt das auch für die kirchliche Gewerbetätigkeit. In Österreich sind alle Schenkungen zugunsten der Kirchen steuerfrei. In allen EU-Staaten werden konfessionsgebundene Schulen gänzlich oder fast  ganz vom Staat finanziert. In England ist die Religion an staatlichen Schulen ein Pflichtfach. In der Slowakei finanziert der Staat teilweise die katholische Caritas und die evangelische Diakonie. Gelder aus kirchlichen Sammlungen und Gewinne aus kirchlicher Gewerbetätigkeit sind steuerfrei. Befreit von Steuern und Abgaben sind alle kirchlichen Gebäude und Friedhöfe. In Ungarn werden kirchliche Krankenhäuser genauso finanziert wie staatliche. Sogar im laizistischen Frankreich unterhält der Staat, und bezahlt die Renovierung, aller Kirchengebäude, die vor 1905 errichtet wurden.

Unterstellungen, dass der Staat die Kirche finanziere, sind Bestandteil einer von der Linken geführten Kampagne. Die Finanzen dienen hier nur als Vorwand. In der Tat geht es um die Vertreibung der Kirche aus dem öffentlichen Raum, weil sie einer weltanschaulich-sittlichen Revolution im Wege steht, die die Linke in Polen umzusetzen versucht.

RdP

 

 




Polnische Bischöfe. Zahlen und Fakten

Ende 2014 gab es in Polen 144 Bischöfe, davon 141 des lateinischen und 3 des unierten Ritus. Unter ihnen sind 4 Kardinäle (die alle zugleich Erzbischöfe sind), 27 Erzbischöfe und 113 Bischöfe. Fünfzehn von ihnen sind Metropoliten (Vorsteher einer Kirchenprovinz, eines Verbandes von Diözesen), 29 Diözesanbischöfe und 48 Weihbischöfe (in Polen Hilfsbischöfe genannt).

Die Polnische Bischofskonferenz zählt 92 aktive Bischöfe. Ihr gehören nicht an: 50 emeritierte Bischöfe (älter als 75 Jahre, darunter 2 Kardinäle und 13 Erzbischöfe), 2 Titularbischöfe (die keine eigene Diözese leiten, sondern andere Aufgaben oder Funktionen haben) sowie 14 polnische Erzbischöfe und Bischöfe (darunter 2 Kardinäle), die im Vatikan und in der vatikanischen Diplomatie arbeiten.

Die meisten polnischen Bischöfe hat Papst Johannes Paul II. ernannt – 119, von denen inzwischen 20 verstorben sind und einer (Kardinal Marian Jaworski) zur Ukrainischen Bischofskonferenz gewechselt hat.

Benedikt XVI. ernannte 24 polnische Bischöfe, Papst Franziskus – 10. Sie alle sind noch aktiv. Sämtlich emeritiert dagegen sind die noch lebenden Bischöfe die Papst Paul VI.(11) und Johannes Paul I. (1) ernannt haben.

Der Dienstälteste, heute emeritierte, Bischof ist Erzbischof Bolesław Pylak (Lublin), der seine Ernennung am 14. März 1966 empfing. Nach ihm kommen Erzbischof Szczepan Wesoły (ehem. oberster Seelsorger der polnischen Emigranten; ernannt am 11. Dezember 1968) und Bischof Julian Wojtkowski (Ermland; 17. August 1969).

Dienstjüngste sind die Bischöfe: Wiesław Szlachetka (Weihbischof in Gdańsk; Ernennung am 21. Dezember 2013), Jan Piotrowski und Stanisław Salaterski (Weihbischöfe in Tarnów; beide ernannt am 14. Dezember 2013).

Die ältesten Bischöfe sind: Bolesław Pylak (1921.), Kardinal Henryk Gulbinowicz (Wrocław, 1923.) und Stanisław Szymecki (Białystok,1924). Die jüngsten: Wiesław Śmigiel (Weihbischof in Pelplin, 1969), Damian Bryl (Weihbischof in Poznań, 1969) und Damian Muskus (Weihbischof in Kraków, 1967).

Elf Bischöfe gehören 9 Orden an. Die Hierarchen tragen insgesamt 53 Vornamen. Am öftesten treten auf Jan und Stanisław (jeweils 12) sowie Jozef (10).

(RdP)